Dr. John wechselt die Seite  

Vor 60 Jahren demissionierte der erste Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz in die DDR  

Katharina Schubert 

In: junge Welt online vom 19.07.2014 

 

Am 20. Juli 1954 demissionierte der erste Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Dr. Otto John, auf spektakuläre Weise. Er setzte sich in die DDR ab. Eine kalte Dusche für die Bonner Regierung, die gerade die Wiederbewaffnung ebenso wie das Verbot der KPD auf die Tagesordnung gesetzt hatte. John, der einzige ranghohe Beamte in der BRD-Administration, der eine Vergangenheit als aktiver Hitler-Gegner vorweisen konnte, hatte das Handtuch geworfen. 

Bis heute wird der Fall John - eine der größten Schlappen der Adenauer-Regierung - konträr diskutiert. Die einen sahen im Verfassungsschutzpräsidenten einen Mann, der sich in den Dienst der Sowjets gestellt hat, die anderen halten bis heute an der Legende fest, er sei vom KGB entführt worden. Eine unsinnige, bis zum heutigen Tage andauernde politische Paraphonie. 

Mitglied des »20. Juli« 

Der Jurist John, Jahrgang 1909, war seit 1937 Syndikus der Lufthansa. Dabei unterstand er Klaus Bonhoeffer, der mit seinem Bruder Dietrich zu den zentralen Akteuren der Verschwörung vom 20. Juli 1944 avancieren sollte. 

Durch Bonhoeffer kam er mit der bürgerlichen Widerstandsgruppe in Berührung. Als Lufthansa-Mitarbeiter konnte er relativ problemlos reisen. 

Deshalb fiel ihm die Aufgabe zu, Kontakte ins Ausland zu unterhalten. Für den späteren Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg übernahm er Kurierdienste. Seit 1942 hatte John Kontakt zum britischen Geheimdienst MI6. 

Nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 gelang es John aufgrund seiner Stellung bei der Lufthansa, sich aus dem hermetisch abgeriegelten Reich abzusetzen. Sein jüngerer Bruder Hans wurde als Verschwörer wenige Tage vor Kriegsende hingerichtet. Ihm selbst gelang es, via Madrid zunächst nach Lissabon zu flüchten. Dort nutzte er seine Kontakte zu den Londoner Dienststellen, um nach Großbritannien zu kommen. 

Der Flüchtling wurde vom Chef des von den Nazis gefürchteten und vom britischen Auswärtigen Amt geführten deutschsprachigen »Soldatensenders Calais«, Sefton Delmer, verpflichtet. Auch nach der Zerschlagung des Nazireichs blieb John zunächst im Dienste der Krone und spielte u.a. als Zeuge eine Rolle bei den Nürnberger Prozessen. Er trug wesentlich dazu bei, daß die Behauptung Generalfeldmarschall Erich von Mansteins, seine Wehrmachtsteile hätten von den Morden an Juden nichts gewußt, ad absurdum geführt werden konnte. Die Schuld der Wehrmacht wurde gerichtsnotorisch bewiesen und Manstein verurteilt. Die deutschen Militaristen haben dies John nie verziehen. 

Bereits ein Jahr nach der Gründung des westdeutschen Separatstaates setzte die Bonner Regierung wieder auf eine Machtabsicherung durch einen Inlandsgeheimdienst. Das Bundesamt für Verfassungsschutz wurde in Stellung gebracht. Konrad Adenauer, der Anwärter aus dem ehemaligen Apparat der Nazis für das Amt des VS-Präsidenten vorschlug, konnte sich bei den alliierten Siegermächten nicht durchsetzen. Schließlich mußte er dem von der britischen Besatzungsmacht präferierten John den Vorzug geben. Der Nazigegner John indes war vom ersten Tag an in seinem Amt ein isolierter Mann. 

Im Mai und Juni 1954 hielt er sich für längere Zeit zu Gesprächen in den USA auf. Durch die Unterhaltungen, die er dort im Pentagon mit CIA-Chef Allen Dulles und anderen Persönlichkeiten führte, sei er »zur Erkenntnis gelangt, daß in Amerika aus (einer) (...) hysterischen Angstpsychose heraus der Krieg vorbereitet wird und daß dieser Krieg uns hier in Deutschland am schwersten treffen wird«. John erkannte auch, daß dieser Krieg auf deutschem Boden ausgetragen werde, an dessen Ende »von Deutschland nur ein radioaktiv verseuchter Totenacker übrigbleiben würde«. 

Tagesspiegel berichtete 

Am 20. Juli 1954 fand eine Veranstaltung anläßlich des 10. Jahrestags des Stauffenberg-Attentats im Berliner Bendlerblock statt. Dazu war auch John angereist. Es wird berichtet, der Verfassungsschutzpräsident habe während der Veranstaltung auf viele Anwesenden einen sichtlich betroffenen und niedergeschlagenen Eindruck gemacht. 

Am Abend dieses 20. Juli 1954 traf sich John mit seinem Freund, dem Arzt Wolfgang Wohlgemuth, in dessen Praxis in der Charlottenburger Uhlandstraße. 

Was dann geschah, wird bis heute - je nach politischem Gusto - als Verrat oder Verschleppung serviert. Unbestritten die Tatsache: Wohlgemuth und John fuhren nach Ostberlin. John sei von dem KGB-Mann Wohlgemuth betäubt und verschleppt worden, heißt es in einer perpetuierter Fama des Grenzübertritts, die später auch von John verbreitet wurde. 

Sonderbarerweise wird dabei eine Meldung aus jenen Tagen völlig unterschlagen, die im Westberliner Tagesspiegel folgenden Wortlaut hatte: »Nach dem letzten Ermittlungen der Berliner Polizei sind Dr. John und Dr. 

Wohlgemuth am 20. Juli kurz nach 21 Uhr in dem Wagen des Arztes über die Sandkrugbrücke (dem späteren Grenzübergang Invalidenstraße, jW) in den Sowjetsektor gefahren. Ein Zollbeamter hat der Polizei mitgeteilt, daß er den Wagen abgefertigt habe. Er habe die beiden Insassen darauf aufmerksam gemacht, daß die Straße in den Sowjetsektor führen. rDort wollen wir auch hinl, hätten beide lachend geantwortet. Außer einer Aktentasche hätten sie kein Gepäck gehabt. Der Zollbeamte konnte sich an die Endziffern 996 des Nummernschilds des Wagens erinnern; diese Endziffern hat der Wagen von Dr. 

Wohlgemuth. Unter 40 Fotografien, die ihm vorgelegt wurden, erkannte der Zollbeamte die Aufnahmen von John und Wohlgemuth heraus.« 

Drei Wochen nach seinem Übertritt in die DDR trat John vor die internationale Presse und legte seine Beweggründe für den Seitenwechsel dar. Er griff das Erstarken alter Nazis in der Administration der Bundesrepublik an, warnte eindringlich vor den Gefahren eines neuen antikommunistischen Feldzugs und kritisierte Adenauers separatistische Politik scharf. Der Geflüchtete plädierte für die staatliche Einheit Deutschlands. Der CIA-Medienmann George Bailey notiert zu Johns Auftritt: »Eine Dreiviertelstunde lang parierte John die Fragen der Journalisten. Es war eine Meisterleistung, denn er überzeugte alle Anwesenden davon, daß er freiwillig übergelaufen war und voll und ganz hinter seinen Worten stand.« 

Die These vom Überläufer und Verräter John hat seine politische Funktion vor allem im ultrarechten Lager. Für sie wird es auf die einfache Formel reduziert: Nazigegner gleich Verräter. Das sollte vor allem Johns ärgstem Feind, dem späteren BND-Chef Reinhard Gehlen, in die Hände spielen. 

Am 12. Dezember 1955 verließ John die DDR wieder in Richtung Westberlin. Im Auditorium der Pressekonferenz war auch Johns einstiger Chef Sefton Delmer, der als Urheber für die Rückkehr gilt. Johns Behauptung, er sei entführt und gefangengehalten worden, war letztlich nicht substantiiert genug, um als Märtyrer in Amt und Würden zurückkehren zu können. Statt dessen wartete der Bundesgerichtshof auf ihn. Er erhielt vier Jahre Gefängnis wegen Landesverrats. Sein Nachfolger wurde der ehemalige SA-Mann und Nazirichter Hubert Schrübbers. 

 

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Quellentext 

Heinz Felfe, Aufklärer für die Sowjetunion im Bundesnachrichtendienst 

In: junge Welt online vom 19.07.2014 

 

Der sowjetische Kontaktmann für Otto John war der Westberliner Arzt Dr. Wolfgang Wohlgemuth, der mit ihm befreundet war. Wohlgemuth hatte den Auftrag, insbesondere die Deutschlandkonzeption der Bundesrepublik zu erforschen. Der sowjetischen Seite war nicht entgangen, welche progressive Rolle - trotz vieler Schwankungen - Otto John seit 1944 gespielt hatte. 

(...) Am 20. Juli 1954 kam Otto John stark angetrunken auf dem Parkplatz der Berliner Charité an und bat um Kontakt mit der sowjetischen Seite. Bei dem sich anschließenden Gespräch kamen die sowjetischen Behörden aus menschlichen Gesichtspunkten zu dem Schluß, daß man John nicht mehr ohne schwere Folgen für ihn zurückschicken konnte. In dieser Situation wurde mein Führungsoffizier »Alfred« zum Dolmetschen kurzfristig in die Villa, in der Otto John saß, abkommandiert. Es war ein Scherbengericht, es gab keine Chance, über den ehemaligen BfV-Präsidenten die Gespräche für Verhandlungen über einen Friedensvertrag mit Deutschland voranzubringen, Johns Zustand war dafür zu schlecht. Sowjetischerseits entschloß man sich daher, dann wenigstens öffentlich das Spiel von Adenauer, Globke und General Gehlen, das sich gegen die Interessen der deutschen Nation richtete, aufzudecken. 

Otto John - ein kranker und gescheiterter Mann - erklärte sich damit einverstanden und bat um politisches Asyl. 

 

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