Die vier Leben des Emil Carlebach  

Kämpfer gegen den Faschismus und gegen die Weltkriegsgefahr 

Von Georg Fülberth  

In: unsere zeit online vom 11.07.2014 

 

Als Emil Carlebach 1914 geboren wurde, hatte gerade die sogenannte Juli-Krise begonnen: die Auslösung des Krieges nach dem Mord von Sarajewo. Das Zeitalter der Katastrophen begann. Die Eltern, es war eine jüdische Kaufmannsfamilie, hingen offensichtlich auch später noch an der so genannten guten alten Zeit, ihr Sohn Emil hatte diese Illusionen nicht mehr. 

Schon 1931 trat er dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) bei. Nach dem Abitur 1932 begann er eine kaufmännische Lehre in einer Ledergroßhandlung und wurde Mitglied in der für ihn zuständigen Gewerkschaft, dem Zentralverband der Angestellten. Am 11. Januar 1934 wurde er wegen der Herstellung und Verbreitung von antifaschistischen Zeitungen zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, die er teilweise in Hameln verbrachte. 

1937 kam er ins Konzentrationslager Dachau, 1938 nach Buchenwald. Es begann der Weg durch eine Hölle, deren Bewohner in mehrere Gruppen zerfielen. 

Da waren die nicht aus Gründen ihrer politischen oder religiösen Überzeugung, ihrer sexuellen Orientierung oder rassistisch verfolgten Kriminellen, die einen grünen Winkel an der Häftlingskleidung trugen. Dann die politischen Gefangenen, roter Winkel. Die Zeugen Jehovas, die Ernsten Bibelforscher: violetter Winkel, die Homosexuellen: rosa. Quer durch diese Gruppen: die so genannten Muselmänner – Gefangene, die sich selbst schon aufgegeben hatten, sich oft nicht einmal mehr wuschen, apathisch waren und rasch starben. Absolute Herrscherin über das Konzentrationslager war die SS. Sie bewachte und drangsalierte die Gefangenen, aber sie konnte das Lager nicht ausschließlich mit ihrem eigenen Personal verwalten. Sie brauchte Funktionshäftlinge: Kapos, Stuben- und Blockälteste, es gab auch einen Lagerältesten. 

Ihrer formalen Stellung nach sollten sie Erfüllungsgehilfen der SS sein. Was sie daraus machten, war eine andere Frage. 

Stellten die Kriminellen durchgehend die Funktionshäftlinge, konnte das zusätzlich furchtbar sein. Das ist aber vielleicht noch nicht völlig erforscht. Politische Gefangene als Funktionshäftlinge konnten in den engen Grenzen, die ihnen gezogen waren, rettend eingreifen, da und dort ihren Kameraden helfen. 

Die Zusammensetzung der Kapos war von Lager zu Lager unterschiedlich, die Häftlinge hatten manchmal Möglichkeiten, auf komplizierten Wegen mitzusteuern. 

In Dachau sollen die Kriminellen von diesen Aufgaben ferngehalten worden sein. In Sachsenhausen, so wird erzählt, nahmen sowohl Grüne als auch Rote diese Funktionen nebeneinander wahr. In Buchenwald aber tobte ein Kampf auf Leben und Tod – das ist wörtlich zu nehmen – zwischen den Kriminellen und den Politischen. 

Schließlich setzten sich die Politischen durch. Im Krankenbau, in der Lagerstatistik, bei den Stuben- und Blockältesten, schließlich auch von der Position des Lagerältesten aus, bauten sie Strukturen auf, mit denen da und dort dafür gesorgt werden konnte, dass ein Stoß der SS ins Leere ging. Bruno Apitz hat ihrem Wirken in seinem Roman „Nackt unter Wölfen" ein literarisches Denkmal gesetzt. Ein internationales Lagerkomitee entstand: Widerstandskampf im Konzentrationslager. 

Emil Carlebach war Blockältester im jüdischen Häftlingsblock. Er war Teil der Widerstandsstruktur von Buchenwald. 

Anfang April 1945 war sein Leben in äußerster Gefahr. Die Juden in Buchenwald sollten ermordet werden. Er wurde versteckt und kämpfte weiter. Er gehörte zu denen, die das Signal zur Selbstbefreiung des Lagers gaben. Mit dem Herannahen der US-amerikanischen Truppen machte die SS sich mehrheitlich aus dem Staub. Die politischen Häftlinge nutzten das Intervall, das so entstand, um sich zu erheben. Die US-Amerikaner fanden ein bereits befreites Lager vor. Die Gefangen aber leisteten den Schwur, nicht zu ruhen, bis die faschistischen Täter zur Rechenschaft gezogen seien. Das war nicht Rache, sondern der Kampf darum, dass in Zukunft die Gefahr des Faschismus gebannt war. Die hessischen Buchenwalder wählten Emil Carlebach zu ihrem Sprecher. Damit begann sein zweites Leben. 

Dieses zweite Leben des Emil Carlebach umfasste nur zwei Jahre, 1945 bis 1947. Es war die Zeit der Hoffnung, in der eine von Grund auf antifaschistischdemokratische Ordnung und des dauerhaft gesicherten Friedens möglich schien. 

Ihre Merkmale waren fest umrissen und klar, man kann sie heute noch nachlesen, nämlich in der Hessischen Verfassung von 1946. Emil Carlebach war nicht Mitglied der Verfassunggebenden Landesversammlung, erst im Dezember 1946 wurde er in den Landtag gewählt. Aber die Überzeugung, die aus der Hessischen Verfassung spricht, war auch seine Überzeugung. 

Möglich und notwendig war eine Gesellschaft, in der das Monopolkapital entmachtet, ein relevanter Teil der Wirtschaft vergesellschaftet und die Stellung der Arbeiterklasse durch verfassungsmäßig garantierte Rechte der Betriebsräte abgesichert war. Das war noch kein Sozialismus, aber eine sozial fortgeschrittene Demokratie. Zu ihren Voraussetzungen gehörte das Gleichgewicht zwischen der Vormacht des Kapitalismus, den Vereinigten Staaten von Amerika, und der Vormacht des Sozialismus, der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, auf deutschem Boden. 

Die Hessische Landesverfassung wurde von CDU, SPD und KPD verabschiedet, nicht allerdings von der Liberaldemokratischen Partei LDPD, der Vorgängerin der FDP. In einem Volksentscheid am 1. Dezember 1946 stimmten 76,4 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die Verfassung, 72 Prozent für den Sozialisierungsartikel 41. Selbst die hessische CDU war damals für den Sozialismus, einen christlichen Sozialismus, wie ihn in den „Frankfurter Heften" Walter Dirks und der ehemalige Buchenwalder Eugen Kogon vertraten. Werner Hilpert, Finanzminister und Vorsitzender der hessischen CDU, war ebenfalls in Buchenwald inhaftiert und dort im Volksfrontkomitee gewesen. 

Emil Carlebach stand in Hessen in der vorderen Linie im Kampf für eine antimonopolistisch-demokratische neue Ordnung. Durch die US-amerikanische Besatzungsmacht wurde er als einer der Lizenznehmer der „Frankfurter Rundschau" eingesetzt. In deren siebenköpfigem Herausgebergremium wirkten Sozialdemokraten, Christdemokraten und Kommunisten gleichberechtigt zusammen. 

Carlebach war Gründungsmitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), später auch Vizepräsident des Internationalen Buchenwaldkomitees. 

Die Einheit dauerte nicht lange. Ein erstes Signal waren die Kommunalwahlen im Mai 1946. Emil Carlebach wurde Stadtverordneter in Frankfurt am Main, aber hier und hessenweit schnitt die KPD schlechter ab, als man angesichts ihres Anteils an Widerstand und Wiederaufbau hätte annehmen können, schwächer als vor 1933. Die Saat des Antikommunismus, vom deutschen Bürgertum früh ausgelegt, vom deutschen Faschismus zur Staatsideologie gemacht, hatte auch nach dessen Sturz ihre tiefen Wurzeln. Zwar war der Zulauf zur KPD sofort enorm angeschwollen. Diese hatte 1947 allein in den Westzonen ebenso viele Mitglieder wie 1932/1933 im ganzen deutschen Reich. Aber die Wählerstimmen nahmen nicht im gleichen Maß zu. 

Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? Die Nazis hatten sich als Bollwerk gegen den Bolschewismus präsentiert. 

Nach ihrer Niederlage erschien er als Sieger. Da bot es sich manchen Leuten an, sich in das Unvermeidliche zu fügen, auf einen vermeintlich fahrenden Zug aufzuspringen und sich mit den Kommunisten gut zu stellen. Zugleich aber war der Zuspruch für SPD und CDU stärker. 

Sie waren ja auch für den Sozialismus – sei es für den demokratischen, sei es für den christlichen –, man konnte also zugleich Sozialist und Antikommunist sein. 

Emil Carlebach hat im Lauf seines Lebens ein feines Gespür für Absetzbewegungen und Opportunismus unterschiedlicher Art, auch Verrat, entwickelt und gelernt, sich keine Illusionen zu machen. 

1947 brach der Kalte Krieg aus. Unter Berufung auf die Wahlergebnisse von 1946 wurde die „Frankfurter Rundschau" gesäubert. Die antifaschistischen US-Offiziere, die bis dahin die Aufsicht über dieses Blatt hatten, wurden durch scharfe Antikommunisten ersetzt. Die SPD drang darauf, dass die Mehrheitsverhältnisse im Herausgebergremium den Wahlergebnissen angenähert werden sollten. Emil Carlebach wurde abgesetzt. 

Ein anderer Kommunist, der aber die Partei verließ, durfte Herausgeber bleiben. Der Enteignungsartikel der Landesverfassung wurde vom Militärgouverneur Clay suspendiert, und er ist später nur zeitweise und minimal berücksichtigt worden. 

Der Kalte Krieg hatte begonnen und damit Emil Carlebachs drittes politisches Leben. Man macht sich heute kaum noch eine Vorstellung von der apokalyptischen Stimmung, in welcher diese Auseinandersetzung damals auf beiden Seiten geführt worden ist. Ich erinnere mich an eine Rede von Peter Gingold auf dem Bezirksparteitag der DKP 1981 hier in Frankfurt, in der er berichtete, dass die Kommunisten bis 1956 fest von der Unvermeidlichkeit eines Atomkriegs überzeugt waren. Emil Carlebach erlebte, dass der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher, mit dem er zusammen in Dachau inhaftiert gewesen war, nach 1945 eine Zusammenarbeit mit ihm abgelehnt und dies so begründet hatte: Bald werde es Krieg geben, und dann stehe er, Schumacher, auf der britischen und Carlebach auf der sowjetischen – er sagte: russischen – Seite. 

Hier gab es nur ein Hüben oder Drüben, Du oder ich. Aus dieser aufs Äußerste zugespitzten Situation erklärt sich die Härte der Ausdrucksweise, auch bei Emil Carlebach. Margarete Buber-Neumann, die 1940 von der Sowjetunion an Hitler- Deutschland ausgeliefert worden war und ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück kam, hatte darüber in ihrem Buch „Als Gefangene bei Stalin und Hitler" berichtet. Emil Carlebach nannte sie eine Lügnerin, Trotzkistin und USamerikanische Agentin. Er stritt ab, dass deutsche Kommunisten in der UdSSR zu Unrecht verhaftet, hingerichtet, in Lager gesperrt und an Nazi-Deutschland ausgeliefert worden sind. Damit setzte er sich ins Unrecht. Wir fragen heute: Warum? Wusste er es nicht anders? Wollte er es nicht wissen? Handelte er nach dem Prinzip: „Right oder wrong – my party?" Recht oder Unrecht – es ist meine Partei? Einen Grund für diese Haltung mag er darin gesehen haben, dass in der Konfrontation des Kalten Krieges jede Information, jede Äußerung danach beurteilt wurde, welcher Seite sie nutzte oder schadete – und die Nachrichten über die Stalinschen Verbrechen waren katastrophal für die KPD und sie waren auch von den Nazis propagandistisch benutzt worden. So erklärt sich Emil Carlebachs Position von 1950. 

1956 wurde die Kommunistische Partei Deutschlands verboten. Emil Carlebach emigrierte in die DDR und wurde Chefsprecher beim Deutschen Freiheitssender 904, der in die Bundesrepublik hineinzuwirken versuchte. Die KPD im Westen konnte trotz Illegalität sich dort Wirkung sichern, wo sie aktiv innerhalb von Bündnisstrukturen tätig war: gegen Aufrüstung, Atomkriegsgefahr, Notstandsgesetzgebung, Vietnamkrieg und im Ostermarsch. Sehr wertvoll war in diesem Zusammenhang auch das Wirken von Kommunistinnen und Kommunisten in der VVN. (…) 1969 kam Emil Carlebach in die Bundesrepublik zurück, er war Mitglied der DKP, aber sein Hauptwirkungsfeld war jetzt die VVN. Er war Chefredakteur der antifaschistischen Wochenzeitung „die tat". Jetzt wirkte er weit über die Partei hinaus: als hinreißender Redner und glänzender Journalist, auch als Gewerkschafter: er war Mitglied im Vorstand der Deutschen Journalisten-Union. Nun war er nicht mehr in erster Linie Parteifunktionär, sondern kommunistischer Bündnispolitiker. 

Er wurde auch über die DKP und die VVN hinaus zu Vorträgen und Diskussionen eingeladen und war insofern auch ein Mann der politischen Bildung. 

In zunehmendem Maße sah er seine Aufgabe darin, Klarheit über den Zusammenhang zwischen Monopolkapitalismus und Faschismus zu verbreiten. (…) Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus in der Sowjetunion und in der DDR 1989/1991 begann das vierte Leben des Emil Carlebach. Sofort wurde klar, dass nicht nur der Sozialismus abgeräumt wurde, sondern auch der zivilisierende Einfluss, den dieser seit 1945 auf den Kapitalismus ausgeübt hatte. 

Der Angriff galt auch dem Antifaschismus. 

Und sofort stand Emil Carlebach im Mittelpunkt dieser Auseinandersetzung. 

Er setzte sich, zusammen den überlebenden Widerstandskämpfern in ihrem internationalen Zusammenhang, gegen die Diffamierung der Roten Kapos von Buchenwald zur Wehr. Dass in Deutschland, trotz allem und trotz Gauck und Hubertus Knabe, die Gleichung Rot gleich Braun doch etwas weniger Anklang findet als z. B. in Frankreich und Osteuropa, ist diesem Kampf zu danken. Zu dieser Gegenwehr gehört auch der zweite Band von Emil Carlebachs Erinnerungen. Sie erschienen 1995 und tragen den Titel „Tote auf Urlaub. Kommunist in Deutschland. 

Dachau und Buchenwald 1937–1945". (…) Was bleibt von Emil Carlebach? Es bleibt der Antifaschismus als Aufgabe von Gegenwart und Zukunft. 

Das Sozialismusverständnis des Kommunisten Emil Carlebach war geprägt vom Kampf gegen den Faschismus und gegen die Weltkriegsgefahr, nach 1945: die Gefahr eines atomaren Weltkriegs. 

Beide waren für ihn Resultate des Kapitalismus. Der Sozialismus, nicht irgendein Liberalismus, war für ihn die Gegenordnung. Insofern war es ein Sozialismus der Defensive, der mit Entschiedenheit zu verteidigen war, denn wenn er fiel, brachen auch andere Dämme. 

Vor vierzig Jahren mag es so ausgesehen haben, als seien Faschismus und Antifaschismus nur noch eine Sache der Vergangenheit, Erinnerung der damals Siebzigjährigen. Aber das war auch damals schon falsch: Es gab Chile 1973, dort waren Faschismus und Neoliberalismus Zwillinge. Und heute? Emil Carlebach hat kommen sehen, aber nicht mehr erleben müssen, was wir heute wissen: dass der Faschismus wieder eine aktuelle Option ist. 

Ich hoffe, dass ich im Sinn von Emil Carlebach gehandelt habe, als ich kürzlich in der UZ über die Gefahr einer Wiederkehr des Faschismus schrieb, und ich möchte jetzt, aus Anlass seines einhundertsten Geburtstags wiederholen, was ich damals zu sagen für nötig hielt, nämlich: Der Faschismus an der Macht ist nur eine von mehreren Varianten, in der diese politische Richtung sich zur Geltung bringt. Häufiger tritt sie gegenwärtig nicht als Staatsmacht, sondern als eine Bewegung hervor, die die offizielle Politik in einer formal-demokratischen parlamentarischen Republik entweder vor sich hertreibt oder die von den offiziellen Inhabern der Staatsgewalt gern für gemeinsame Ziele genutzt wird. Dies gilt zurzeit für die Partei „Jobbik" in Ungarn. 

In Italien verband sich Berlusconi mit den Mussolini-Nachfolgern. Faschistische Schlägertrupps üben in der Ukraine Terror aus und haben Teil an der Staatsgewalt. In Frankreich bereitet sich der Front National auf einen Erfolg in der Europa-Wahl vor. In den Niederlanden, Belgien, Österreich und Nordeuropa gewinnen rechtspopulistische Parteien an Boden, die zwar nicht mehrheitlich faschistisch sein mögen, aber nach dieser Richtung hin offen sind. 

Die politische Theoretikerin Hannah Arendt charakterisierte den Faschismus als ein Bündnis von Mob und Eliten. Der Mob interessierte Carlebach nicht. Den kannte er aus Dachau und Buchenwald, und er ist damit fertig geworden. Ihn interessierten die Verursacher, die Eliten, und ihre Kontinuität bis in die Gegenwart. 

Das waren für ihn: das Großkapital, in einigen Ländern auch Großgrundbesitz, Maulwürfe im Staatsapparat, intellektuelle Kopflanger. Sarrazin gibt Stichworte, die NPD applaudiert ihm. Der Inlandsgeheimdienst „Verfassungsschutz" bezahlt V-Leute in der NPD und finanziert damit im einen oder anderen Fall auch diese Partei. Der so genannte „Nationalsozialistische Untergrund" mordet, und ein Mitarbeiter des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz wird kurz vorher am Tatort gesehen. Die Bildzeitung hantiert mit rechten Parolen und bezeichnet sich in der Großen Koalition als APO. Ihre Macher werden das vielleicht als einen Versuch darstellen wollen, die äußerste Rechte dadurch unwirksam zu machen, dass sie ihre Motive aufgreifen und damit ihre selbstständige Organisierung verhindern. In Wirklichkeit wird dadurch ein Potential genährt und verbreitert, das im Bedarfsfall von den Eliten mobilisiert werden kann und zugleich diese radikalisiert. Hierüber brauchen wir nicht zu spekulieren, es liegt zeitgeschichtliches Material vor: der faktischen Abschaffung des Asylrechts in der Bundesrepublik 1993 gingen faschistische Brandstiftungen und die ausländerfeindliche Hetze der Springer-Presse voraus. 

Der Faschismus ist nicht Vergangenheit, sondern bleibt ein Beweger der bürgerlichen Politik, solange es die bürgerliche Gesellschaft gibt. 

Hiergegen anzugehen, so wie Emil Carlebach das tat: das ist die Aufgabe, die er uns hinterließ. Wir ehren ihn, indem wir diese Aufgabe annehmen. 

Das vollständige Referat kann unter www.dkp-frankfurt. 

de/pdf/die_vier_leben_des_emil_carlebach.pdf nachgelesen werden 

 

_________________________________________________________ 

 

Historisches Vorbild  

Der »Emil Carlebach Club« gedachte am Samstag in Frankfurt am Main des Widerstandskämpfers. Er wäre am 10. Juli 100 Jahre alt geworden  

Gitta Düperthal 

In: junge Welt online vom 16.07.2014 

 

Es wäre wohl ganz in seinem Sinn gewesen; mit der Frage: »Was können wir heute daraus lernen?« begingen Freunde und Weggefährtinnen den 100. 

Geburtstag des 2001 verstorbenen kommunistischen Widerstandskämpfers und Journalisten Emil Carlebach am Sonntag in Frankfurt am Main. Ulrich Schneider, Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), widmete sich Carlebachs Biographie, um dessen Vorbildfunktion einzuordnen. Anders als viele andere Aktive aus dem Widerstand gegen das Hitlerregime habe er nicht aus dem Arbeitermilieu gestammt, sondern aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Carlebach wechselte bewußt die Seite: Zunächst war er in den Sozialistischen Schülerbund eingetreten, später in den Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD), mit 18 Jahren wurde er Mitglied in der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Er sei das »schwarze Schaf« und »der Rote« in der Familie gewesen. Ähnlich hätten viele später in den 1970er und 80er Jahren den Bruch mit »ihrer Klasse« vollzogen; aber eben nicht unter Gefahr für Leib und Leben, konstatiert Schneider. 

Prinzipienfest sei er gewesen, »möglicherweise manchmal auch zu hart«. 

Eine elfjährige Tortur in mehreren Gefängnissen habe er erleben müssen, auch im KZ Dachau, zuletzt in Buchenwald. Am Ende habe er mit 46 anderen politischen Gefangenen auf der Liste der SS zur Liquidation gestanden. Er überlebte, weil ihn andere Verfolgte versteckt hatten. Carlebach und seinen Mitstreitern sei es gelungen, ein Kollektiv mit einem bewaffneten Arm aufzubauen. Daraus zu lernen sei: »Selbst unter Extrembedingungen ist solidarisches Handeln noch möglich.« Seine scharfen Positionierungen seien heute als Orientierungshilfe anzusehen. Unter Applaus hatten der Schauspieler Erich Schaffner und ein Theaterkollektiv die Jugendgeschichte des klugen, widerständigen Carlebach nachvollziehbar szenisch aufbereitet. 

Es gelte, nicht zu heroisieren, sondern kritische Sichtweisen einzubeziehen, betonte Schneider. Gewehrt habe sich der Antifaschist gegen die Umschreibung der Geschichte. Etwa wenn er für den Tod anderer verantwortlich und als »roter Kapo« - im Sprachgebrauch der SS »Kameradschaftspolizei« - diskreditiert wurde. All dies sei mit Blick auf die damaligen Umstände zu sehen, verdeutlichte Schneider. Politische KZ-Häftlinge hätten sich damals gegen einen möglichen Verrat krimineller Gefangener mit grünem Winkel zur Wehr setzen müssen. Eine Person ohne Fehl und Tadel sei Carlebach nicht gewesen. 

Nach dem Krieg habe Carlebach erleben müssen, daß »ein antifaschistischer Neuanfang mit den Vorstellungen der US-amerikanischen Militärbehörden nicht konform« gewesen sei. Auf Druck der Amerikaner habe sich trotz klarer Mehrheiten für die Arbeiterparteien im hessischen Landtag eine »große Koalition« formiert. Emil Carlebach sei 1947 auf Betreiben der US-Militärbehörde als Lizenzträger und Mitbegründer der Frankfurter Rundschau abgelöst worden. 

Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) würdigte Carlebach: Er sei in einer Reihe mit den Männern und Frauen zu nennen, die »mutig im Widerstand gegen Diktaturen standen«. Er habe jedoch die DDR zu stark unterstützt. 

Hans Christoph Stoodt von der Anti-Nazi-Koordination verdeutlichte, daß die antifaschistische Szene sich heute im Sinne Carlebachs und dessen Mahnung »Nie wieder Faschismus«, in aktuelle Auseinandersetzung einbringen müsse. 

Drei inhaltliche Schwerpunkte müßten gesetzt werden. Erstens: Einzig ein kurzer Aufschrei als Reaktion auf die Aufdeckung des Zusammenwirkens des Nationalsozialistischen Untergrunds mit staatlichen Stellen sei zu wenig. 

Zweitens müßten Proteste gegen die sich ausweitende Überwachung mit Kenntnis höchster deutscher Regierungsmitglieder erfolgen. Drittens sei es nicht hinzunehmen, daß eine deutsche Regierung in der Ukraine eine Regierung mitinstalliere, die sich auf Faschisten beruft. 

 

_____________________________________________