Ein roter Don Quichotte  

Rezension. Am 10. Juli 1934 wurde Erich Mühsam von den Nazis im KZ Oranienburg ermordet. Von 1910 bis 1924 hatte er das Auf und Ab seines Lebens in Tagebüchern festgehalten  

Alexander Bahar 

In: junge Welt online vom 09.07.2014 

 

Erich Mühsam (1878-1934) war Dichter und Rebell, Anarchist, Bohemien und Individualist - antiautoritär, nonkonformistisch, freiheitsliebend, provokativ, polemisch. Er war einer von denen, die das autoritätsgläubige, obrigkeitsstaatliche Deutschland nicht ertragen konnten, einer von denen, die in ihrer Person vereinten, was die Nazis haßten. Drei Wochen nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, am 20. Februar 1933, hielt Mühsam im Rahmen einer Veranstaltung des Schutzverbands deutscher Schriftsteller seine letzte öffentliche Rede. Sieben Tage später, in der Nacht vom 27. zum 28. Februar, geriet er im Zuge der auf den Reichstagsbrand folgenden Massenverhaftungen in die Hände der neuen Machthaber und landete schließlich im Konzentrationslager Oranienburg, das die brandenburgische SA im März 1933 eingerichtet hatte. Die Nazis wollten an Mühsam ein Exempel statuieren. Noch nach der Machtübertragung hatte er den Mut besessen, offen gegen sie zu agitieren.Mühsam, einer der Aktivisten der ersten Münchner Räterepublik im April 1919 und von den Nazis bezichtigt, am »Münchner Geiselmord« im selben Monat beteiligt gewesen zu sein, wurde 17 Monate lang systematisch gedemütigt, gequält, gefoltert und verkrüppelt. Doch gelang es seinen Peinigern nicht, ihn zu brechen. Da er einen Suizid verweigerte, wurde eine Selbsttötung fingiert. Nach einem Bericht des Berliner Publizisten Kurt Hiller habe der Lagerkommandant Mühsam den Befehl erteilt, sich binnen 48 Stunden zu erhängen. Am Abend des 9. Juli 1934 um 22 Uhr wurde er ins Zimmer des Kommandanten bestellt. Hier wurde er ermordet und anschließend im Klosetthaus aufgehängt. 

»Es soll mein Tagebuch sein« 

Nahezu 24 Jahre zuvor, am 22. August 1910, hatte Mühsam einen folgenschweren Entschluß gefaßt: »Bei strömendem Regen war ich eben unten im Dorf, um mir dies Heft zu kaufen. Es soll mein Tagebuch sein.« Die tägliche Rechenschaft über das eigene Denken und Handeln lenkte Mühsams Leben nicht nur in neue Bahnen, es sollte auch zu seinem - im doppelten Wortsinn - gewichtigsten Werk werden. Im Verlauf von fast 15 Jahren wuchs es auf 42 dicke Hefte mit insgesamt zirka 7000 Seiten an. Das letzte Wort schrieb Mühsam Ende 1924, bei der Entlassung aus der bayerischen Haft, hinein: »Frei!«Zusammen mit Briefen und Werkmanuskripten bilden Erich Mühsams Tagebücher den Teil seines schriftlichen Nachlasses, den seine Frau Zenzl vor dem Zugriff der Nazis in die Tschechoslowakei retten konnte. 1936 reiste sie nach Moskau, hielt Vorträge über Mühsams Schicksal in verschiedenen Städten der Sowjetunion und ließ schließlich den Nachlaß aus Prag holen, um ihn dem Moskauer Maxim-Gorki-Institut für Internationale Literatur zu übergeben, wo man ihr eine Veröffentlichung der Werke Mühsams in mehreren Sprachen in Aussicht gestellt hatte. Dort wurden die Manuskripte eiligst ausgewertet, doch mehrere Tagebuchhefte und etliche Briefe verschwanden und sind bis heute nicht wieder aufgetaucht.Zenzl Mühsam wurde im Zuge der stalinschen »Säuberungen« verhaftet und verbrachte viele Jahre im Gulag. Erst 1955 kehrte sie schwerkrank nach Berlin zurück. 

Kopien des Nachlasses, die sie in Moskau anforderte, landeten beim ZK der SED. Schließlich übernahm die Akademie der Künste der DDR die Mikrofilme mit rund 12000 Aufnahmen und lagerte sie ein.Erst 1980, 18 Jahre nach Zenzl Mühsams Tod, entschied man im Ostberliner Verlag Volk und Welt, der Mühsams Werke verlegte, auch dessen Tagebücher zu veröffentlichen. Doch zu einer Edition kam es nicht mehr. 1994 erschien bei dtv eine rund 400seitige Auswahl. Chris Hirte, Mühsam-Biograph, Übersetzer und Mitherausgeber der Werkausgabe, und Conrad Piens, Informatiker und Antiquar, ist es zu verdanken, daß seit 2011 eine gedruckte 15bändige Gesamtausgabe der Tagebücher im Berliner Verbrecher Verlag erscheint - und zugleich als Onlineedition im Internet. In einem »Projekt ohne Lohn und ohne finanzielle Unterstützung«, schreibt Hirte, konnten die beiden Herausgeber immerhin auf in den 1980er Jahren in der DDR angefertigte Fotokopien der Originalhandschrift und maschinenschriftliche Transkriptionen zurückgreifen. »Fleißige ABM-Kräfte besorgten die digitale Erfassung der Abschriften (...). Was blieb, war der editorische und technische Aufwand.« Zur Gesamtausgabe gehört ein kommentiertes Sach- und Personenregister, das online bereitgestellt wird. Der Volltext im Internet ist nicht nur mit dem Register, sondern auch mit der digitalisierten Originalhandschrift des Tagebuchs verlinkt. 

»Bilder gehn so schnell vorüber« 

1900 war Mühsam als frisch ausgebildeter Apothekergehilfe von Lübeck nach Berlin gekommen, um Schriftsteller zu werden. In den Bohemekneipen rund um die Gedächtniskirche kannte ihn bald jeder. Wild wucherndes rötliches Haar, abgetragene Altherrengarderobe und der Zwicker auf der Nase wurden zu seinen unverwechselbaren Erkennungszeichen ebenso wie die konsequente Weigerung, sich jeder wie auch immer gearteten sozialen Rangordnung und Konvention zu unterwerfen. Berlin, München, Zürich, Wien, Ascona, Paris waren Stationen seiner Befreiung aus den Fängen der verhaßten bürgerlich-wilhelminischen Ordnung. Mühsam hungerte, schnorrte, lernte, mit weniger als dem Allernotwendigsten zu überleben, und nutzte jede sich bietende Gelegenheit, die ihm ein Stück Selbstbestimmung ermöglichte. 

Angewidert von den herrschenden Gewaltverhältnissen und sozialen Ungerechtigkeiten fiel es ihm leicht, andere mit seiner Empörung und seinem Elan anzustecken. Dem sozialdemokratischen Spießertum setzte Mühsam seine »Tatpropaganda« entgegen, suchte mit dieser, als »Hetzprophet« durch die Lande ziehend, die anarchistischen Grüppchen in der Provinz zu begeistern - gegen Kost und Logis.1907/08 entdeckte er das städtische Subproletariat als potentielles revolutionäres Subjekt. Während sein strenger - und nicht nur in Fragen der Sexualmoral biederer - Mentor Gustav Landauer von der herrschaftsfreien Gesellschaft in ländlichen Siedlungen träumte, setzte Mühsam auf die städtischen Außenseiter am unteren Rand der Gesellschaft: Arbeitslose, Verarmte, Obdachlose, Prostituierte, Verbrecher und - nicht zuletzt - Künstler. Doch Mühsams »Ansteckungsstrategie« ging nicht auf. Mit frechen Versen und brillanten, messerscharfen Polemiken ließ sich zwar - mühevoll genug - die eine oder andere Mark verdienen, nicht aber eine Revolution zum Sturz der bürgerlichen Ordnung entzünden.Doch Mühsam gab nicht auf, vertraute weiter auf die gelebte Propaganda der Tat. Von der Außenseiterromantik vorerst geheilt, verlegte er sich nun darauf, seine freiheitliche Gesellschaftsutopie aus der Mitte der Gesellschaft heraus vorzuleben. In München war er dabei, sich als Schriftsteller und Kritiker, als Anarchist und als kulturelle Instanz zu etablieren. Das Tagebuch sollte ihm helfen, seine geistigen Kräfte zu bündeln, sich in der Selbstbespiegelung zu disziplinieren und dem eigenen Lebensstrom literarisch Gestalt zu geben. »Mein Leben ist so mannigfach, meine Beziehungen sind so zahlreich, meine Bilder gehn so schnell vorüber, daß das, was andern ein dauerndes Erlebnis bliebe, an mir abgleitet und verloren ginge, schriebe ichs nicht gleich auf« (17.3.1912). 

»Mißglücktheit beleuchtet« 

Das relativ tolerante Klima der bayerischen Metropole und die sozial bunt gemischte Szene der Schwabinger Boheme boten Mühsam den nötigen Spielraum, um die Keimzelle einer freien, mitmenschlichen Gesellschaft im Hier und Jetzt zu entwerfen. Das hieß konkret, sich von den geistigen und moralischen Zwängen, Konventionen, Heucheleien und Lebenslügen freizumachen, die das Individuum verkümmern ließen und einer selbstbestimmten Individualität im Weg standen. Mehr und mehr befreite er sich von den Fesseln geltender Moralvorstellungen und ließ seinem Hedonismus freien Lauf. Seine erotischen und sexuellen Wünsche und Abenteuer nehmen in den Tagebüchern mit den größten Raum ein. Daneben steht die Mühsal des Gelderwerbs. Mangel und Geldnot sind seine ständigen Begleiter, die Lebensumstände - »ein möbliertes Zimmer, in dem ich schlafen, essen und arbeiten muß« - entwürdigend. Ein Nährboden für Selbstzweifel und Einsamkeit. Vom Vater und den Geschwistern wird er an der kurzen Leine gehalten, Geldzuwendungen gibt es nur gegen demütigende Auflagen. Seine Bitten um einen größeren Betrag - auch gegen gute Verzinsung - schlägt der Vater aus. Bittere Vorwürfe an den Erzeuger sind ein wiederkehrendes Motiv: »Er zwingt mich, seinen Tod meine Hoffnung sein zu lassen. Ob er das gar nicht weiß? Ich würde ihn so gern lieben. Aber sein Verhalten zwingt mich, ihn zu hassen« (29.11.1911). Der chronische Geldmangel wird ihn zeitlebens nicht zur Ruhe kommen lassen.Unterhaltsam und schillernd sind Mühsams Schilderungen des geselligen Lebens der Cafés und Kneipen und des Schwabinger Nachtlebens. Er kennt Gott und die Welt: Heinrich Mann, Frank Wedekind, Max Halbe, Lion Feuchtwanger, Oskar Kokoschka, Max Oppenheimer, Else Lasker-Schüler, Paul Wegener, Tilla Durieux, Hanns Heinz Ewers. Ausgiebig, nicht ohne Humor und (Selbst-)Ironie widmet sich Mühsam Lieb- und Freundschaften, Affären, Intrigen, Rivalitäten und Animositäten, plant und grübelt über literarisch-publizistische Projekte und beschäftigt sich ausgiebig mit Theater, Kultur und Zeitgeschichte.Wie Mühsam seinen Alltag beschreibt, seine Debatten und Zechereien mit den Größen der Literatur, des Theaters, der Kunst, seine Liebesabenteuer und -kümmernisse, das ist so unverstellt und farbig, daß man sich wie bei einer Zeitreise unmittelbar in das München der damaligen Zeit hineinversetzt fühlt. Es ist ein pralles, buntes, atemberaubendes Leben. Immer wieder scheint er dabei die selbstgesteckten hohen Ziele aus den Augen zu verlieren, läßt sich, liebeshungrig und leichtgläubig, gern verführen und teilt sein bißchen Geld bereitwillig mit Menschen, die seine Schwächen auszunutzen wissen. Angetrieben von seinen Gefühlen und Leidenschaften, mißtraut er der kalkulierenden Vernunft, die er verdächtigt, die natürlichen menschlichen Regungen zu verfälschen. »Der Karneval ist mitten im Gange. Er stimmt mich nicht froh, aber er macht mich unglaublich unsolide und führt fortgesetzt Stimmungen herauf, die meine Traurigkeit und meine Mißglücktheit bengalisch beleuchten.«Mühsam ist so davon in Anspruch genommen, das wogende Auf und Ab seines wild wuchernden Lebens in all seinen Widersprüchen und Brechungen schreibend in den Griff zu bekommen, daß für Politik und Anarchie in den Tagebüchern der Jahre 1911 bis 1914 nur wenig Platz bleibt. 

»Verworrenheit in allen Geistern« 

Erst der Erste Weltkrieg holt ihn zurück. Die politischen Themen, die Auseinandersetzung mit den Kriegsereignissen und der Kriegsberichterstattung rücken nun in den Mittelpunkt, und Mühsam versucht, die Wahrheit aus der Flut der Propagandalügen herauszufiltern. Der deutschen Sozialdemokratie hatte er stets mißtraut. Die degenerierte, biedere SPD, dies sah Mühsam ganz klar, wirkte nicht nur als revolutionäre Bremse, indem sie den Widerstand der Massen kanalisierte und neutralisierte, sie würde im Ernstfall auch den imperialistischen Krieg unterstützen. Bereits am 5. September 1910 hatte er anläßlich des »Sozialisten-Kongresses in Kopenhagen« in sein Tagebuch notiert: »Es ist doch schmachvoll, wie diese deutschen Sozialdemokraten ihren Beruf als Volksverführer auffassen, mit was für Mätzchen und Kniffen sie sich um die selbstverständlichsten Pflichten herumdrücken.« Der Grund für Mühsams scharfe Kritik: Die sozialdemokratischen Delegierten aus Deutschland, Österreich und Italien hatten den Antrag der britischen Genossen zu Fall gebracht, »jeder drohenden Kriegserklärung sei von den Arbeitern der betreffenden Länder mit dem Generalstreik zu begegnen«. Mühsam weiß: »Das Votum der deutschen Sozialdemokratie kann bei der Regierung gar nicht anders verstanden werden als: rWenn ihr Krieg führen wollt - auf uns, auf die deutsche Arbeiterschaft könnt ihr euch verlassen!l«.Vier Jahre später ist dies bittere Realität geworden. Die SPD hatte im Reichstag nicht nur die Kriegskredite bewilligt, sie stellte bereitwillig auch ihre Presse für die Propaganda zur »Vaterlandsverteidigung« zur Verfügung. 

»Antimonarchisten, Republikaner. Jahrzehntelang haben sie geschrien, daß wir in Deutschland noch jede Freiheit erkämpfen müßten. Jetzt aber bewilligen sie alle Kriegshilfe für die Erhaltung der deutschen Freiheit, die also plötzlich von ihnen entdeckt sein muß und brüllen Hurrah für die Fürsten, denen sie bisher stets stramm die Zivilliste (d.i. der Anteil, der einem Monarchen aus der Staatskasse gewährt wird; Anm. d. Red.) verweigert haben. Charaktere!« (5.2.1915) Gespannt verfolgt Mühsam die Umbrüche, die sich in der kaisertreuen SPD anbahnen - der linke Flügel verweigert neue Kriegskredite, es droht die Spaltung der Partei. Karl Liebknechts Haltung im Reichstag erlebt Mühsam als Lichtblick. Doch damit steht er an den Stammtischen Schwabings auf verlorenem Posten: »Es war trübe zu erleben, wie Halbe, Schmid, Maaßen, selbst Köhler - doch lauter kluge, anständige, mit jedem guten Willen ausgestattete Männer, in der mutigen Art Liebknechts nur schäbige, feige und törichte Motive erkennen konnten. Der persönliche Mut zu einer Überzeugung gilt gar nichts, wenn die Überzeugung selbst nicht geteilt wird. (...) Es ist eine entsetzliche Verworrenheit in allen Geistern. (...) So tief ist das ethische Gewissen Deutschlands gesunken, daß, wer die Empfindungen der Millionen öffentlich ausspricht, im ganzen Lande als Lügner verlästert wird. Der Sieg der deutschen Waffen wird die Vernichtung der deutschen Seele sein!« (23.9.1915)Auch in der Münchner Boheme lichten sich die Reihen. Mühsam muß befürchten, ebenfalls an die Front geschickt zu werden. Doch eher ist er bereit zu sterben als zu töten. 

Die Geldnot ist drückender denn je, da tritt mit dem langersehnten Telegramm vom Tod des Vaters endlich die Wende ein: Im September 1915 heiratet Mühsam Zenzl, gründet mit dem Geld aus der Erbschaft einen Hausstand. Derweil ist es in München einsam um ihn geworden. Der ganze Wahnsinn des Krieges quält ihn täglich aufs neue. Besonders beschäftigt ihn der Völkermord an den Armeniern, der die volle Billigung der deutschen Politik findet. Am 22. Dezember 1915 klagt er: »Leider hat bei den jüngsten Reichstagsverhandlungen wieder kein einziger Abgeordneter den Mund aufgetan, um gegen die Ausrottung des armen Armeniervolks zu protestieren.« Wieder ist es Karl Liebknecht, an dessen Widerstand sich Mühsam aufrichtet. 

Am 1. Januar 1916 notiert er: »Liebknecht hat sich im Reichstag durch neue rKurze Anfragenl unbeliebt gemacht. So hat er die Regierung befragt, ob ihr bekannt sei, daß die Türken die armenische Bevölkerung zu Hunderttausenden aus ihren Wohnsitzen vertrieben und niedergemacht habe, und was sie getan habe, um Wiederholungen solcher Greuel zu verhindern. (...) Bei einer Ergänzungsfrage Liebknechts geriet das rhohe Hausl in Zorn, und der Präsident mitsamt dem loyalen Troß von rechts bis links verhinderte jede Möglichkeit einer Kritik an der Stelle, die allein zensurimmun ist.« 

»Auswurf der Menschheit« 

Was kann er selbst tun, um die Wahrheit zu verbreiten und den Widerstand gegen den Krieg zu schüren? Mühsams Vorstellungen sind unklar. Ihm schwebt vor, »die oppositionellen Elemente der deutschen Intellektualität zu sammeln« (6.2.1916), einen Kongreß auszurichten. Seine Suche nach Verbündeten bei Schriftstellern wie Frank Wedekind und Heinrich Mann, dem Philosophiehistoriker Ernst von Aster oder bei linken Sozialdemokraten wie Karl Liebknecht führen zu keinem konkreten Ergebnis. Am 12. Mai 1916 notiert er: »Ich zweifle leider daran, ob in München irgendwelche Aktion überhaupt möglich sein wird, auch wenn sonst im ganzen deutschen Reich keine einzige Großstadt zurückstehn sollte.« Im Herbst 1916 endlich erreicht der Protest gegen den Krieg auch München. Zwei Jahre später wird auch in Bayern die alte Ordnung hinfortgerissen. In der Münchner Rätebewegung findet Mühsam eine neue Aufgabe. Als Mitglied des Münchner Rats der Volksbeauftragten ist er neben Gustav Landauer und Ernst Toller einer der Protagonisten der Ersten Münchner Räterepublik vom 6./7. bis 13. 

April 1919.»Ich fühle mich zumeist erst auf dem rechten Wege, wenn man mich als Don Quichotte verhöhnt«, hatte er am 12. Mai 1916 seinem Tagebuch anvertraut. »Ist Mühsam in München wieder in die Rolle eines Don Quichotte hineingeraten?« fragt sein Biograph Chris Hirte. Statt die Kampfkraft des Proletariats zu organisieren, dreht sich die Räteregierung im Leerlauf um sich selbst, in einem Machtvakuum, das von Tag zu Tag eine gefährlichere Situation schafft. Mühsam will das Beste, aber alleingelassen, kann er kaum etwas bewirken. Die SPD-geführte bayerische Regierung von Johannes Hoffmann, die sich nach Bamberg abgesetzt hat, ruft die Freikorps zu Hilfe und fordert beim Parteigenossen und Reichswehrminister Gustav Noske Truppen an. In der Nacht zum 13. April 1919 wird Mühsam von der »Republikanischen Schutztruppe der SPD« aus dem Bett heraus verhaftet. Die hatte sich, nahezu unbehelligt von der Rätemacht, im Hauptbahnhof verschanzt. Ihr Putschversuch beendet die sechs Tage währende Schirmherrschaft der USPD, und er rettet Mühsam das Leben, denn jetzt beginnt die heroische und die tragische Phase der bayerischen Revolution: die Zweite Räterepublik unter Führung der KPD und Eugen Levinés.Im Juli 1919 wird Erich Mühsam wegen Beteiligung an der Revolution zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt. 

Zwischen 1919 und 1924 ist er in den Gefängnissen Ebrach, Ansbach und Niederschönenfeld inhaftiert. In den Tagen des Mordens sitzt er bereits im Zuchthaus Ebrach. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung gelangen seine Tagebücher in Polizeibesitz und werden so vor der Vernichtung bewahrt. Erst Ende April 1919 dringen die Nachrichten von der blutigen Niederschlagung der Münchner Räterepublik durch SPD und Reichswehr zu ihm durch. Im Tagebuch, das er auch in der Festungshaft mit größter Sorgfalt weiterführt, läßt er seinen Gefühlen freien Lauf: Schock, Entsetzen, Trauer, Wut. Er hält Rückschau, forscht nach den Ursachen des Scheiterns.Am 7. Mai 1919 notiert er: »Die Namen Scheidemann, Ebert, Landsberg, Noske, Hoffmann, Schneppenhorst etc. werden als Abscheu, als Auswurf der Menschheit dereinst von den Zukünftigen genannt werden. Sie sind schlimmer als die Ludendorffs und Hohenzollern, die doch grade und offen ihre Standesinteressen vertreten haben, während jene proletarische Ideale im Munde führen und der eigenen Herrschsucht zuliebe sich mit diesen Gestürzten der Novemberrevolution verbünden, um alle proletarischen Ideale niederzukämpfen. Der furchtbare Blutmensch Noske ist in Wahrheit ihr würdiger Repräsentant.«In der Festungshaftanstalt Ansbach verfaßt Erich Mühsam im September 1920 seinen persönlichen Rechenschaftsbericht über die Münchner Revolutionsereignisse (»Von Eisner bis Leviné. Die Entstehung der bayerischen Raeterepublik«). Er wird ihn allerdings erst 1929 anläßlich des zehnjährigen Jubiläums der Räterepublik veröffentlichen. 

»Mein Glaube ist stark« 

Erich Mühsams fünfeinhalb Jahre währende Haft (1919-1924) ist von Konflikten unter den Häftlingen und dem zermürbenden Kampf gegen die bayerischen Vollzugsbehörden beherrscht. Er führt einen zähen Kleinkrieg gegen die Rachejustiz, versucht, mit solidarischen Aktionen, Hungerstreik, Eingaben, Prozessen für sich und seine Mitgefangenen menschenwürdige Haftbedingungen zu erzwingen. Doch es ist schwer, die »Genossen« zum gemeinsamen Handeln zu erziehen: »Die Sache wird begriffen und für gut befunden, die Idee nimmt Gestalt an und soll Praxis werden - und da steht den Menschen der Mensch im Wege. Das Menschliche scheitert an den Menschlichkeiten. Aber mein Glaube ist stark zum Bergeversetzen« (29.7.1919). Dennoch bleibt auch Zeit und Energie für die Erörterung der politischen Entwicklung in Deutschland: der Kapp-Putsch im März 1920 und der Hitlers mit dem General Erich Ludendorff im November 1923, und die Aktivitäten der revolutionären Arbeiterbewegung im Märzaufstand 1920 und beim Hamburger Aufstand im Oktober 1923. Er beobachtete das Erstarken der Nazis.Mehrfach wurden Mühsams Gefängnistagebücher beschlagnahmt und vom Zensor der Haftanstalt »durchgearbeitet«, manche Eintragungen im bayerischen Landtag vorgetragen - als »Beweis« für »bolschewistische Umtriebe« in der Festungshaftanstalt. Bei seiner Entlassung aus der Festungshaft anläßlich der »Hitler-Amnestie« Weihnachten 1924 kann Mühsam alle Tagebücher unversehrt nach Berlin mitnehmen. Zu seiner früheren sozialen Verwurzelung findet er dort allerdings nicht mehr zurück. Die Niederlagen der vergangenen Jahre haben ihn gelehrt, daß Idealismus und Pazifismus nicht ausreichen, um die soziale Revolution gegen Verrat, Verleumdung und Waffengewalt zu verteidigen. Er erkennt, daß hierzu notfalls auch militärische Mittel notwendig sind, lehnt aber nach wie vor jede Form von »Obrigkeit« ab, sei es in Gestalt einer Armee oder einer Partei.»Als politisch-emanzipatorisches Konzept ist Mühsams Versuch einer anarchistischen Lebenspraxis gescheitert«, so Biograph Chris Hirte. »Sein Geltungsanspruch war ins Phantastische überhöht, sein revolutionärer Impetus auf leichtfertige Illusionen gebaut. Was er vorlebte, fand neben Spott auch Bewunderung, aber kaum ernsthafte Nachfolger.« Das ist wohl richtig, dennoch hat Mühsams oft naive, widersprüchliche, gelegentlich tragisch-grotesk anmutende, stets aber redliche und von wahrhafter Menschenliebe durchdrungene Suche nach einem Weg aus den Klauen von Staat, Kirche, Anpassung und bürgerlicher Zwangsmoral auch für heutige Leser, sofern sie dazu bereit sind, etwas ungemein Inspirierendes. Gerade sein Tagebuch, in dem ihm, um nochmals Hirte zu zitieren, »das Kunststück« gelang, »all seine auseinanderstrebenden Affekte und Motive unter einen Hut zu bringen, den Widerspruch auszuhalten, eine Haltung daraus zu formen«, vermag diesen Funken zu übertragen und in uns Heutigen zu entzünden. 

Erich Mühsam: Tagebücher in 15 Bänden. Verbrecher Verlag Berlin. Bisher sind die ersten sechs Bänder erschienen. Im Internet: www.muehsam-tagebuecher.de 

Alexander Bahar schrieb auf diesen Seiten zuletzt am 4.6.2014 über die deutsch-englische Rivalität um 1900 

 

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Der scharfe Blick  

Erich Mühsam in den Erinnerungen seiner Nachbarn: Eine Spurensuche in Berlin-Britz zum 80. Todestag  

Sabine Lueken 

In: junge Welt online vom 10.07.2014 

 

Der Apfelbaum im Garten ist ein Jahr jünger als Karol Kubicki. Der Baum wurde 1927 von dem Maler Heinrich Vogeler gepflanzt. Kubicki wohnt in der Onkel-Bräsig-Straße in der Hufeisensiedlung, Berlin-Britz. Sie gehört seit 2008 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Vogeler wohnte dort und auch Erich Mühsam mit seiner Frau Zenzl. Kubickis Eltern gingen öfters zu den Mühsams rüber in die Dörchläuchtingstraße 48. Mühsam spielte mit Kubickis Vater Stanislaw, einem deutsch-polnischen Künstler, Schach. Wenn Kubicki heute von ihm spricht, nennt er ihn Erich. Das Schachbrett von damals hat er dem Museum Neukölln übergeben. 

Die Kubickis waren mit den Mühsams eng befreundet, laut Kubicki waren sie »so ziemlich« auf der gleichen anarchosyndikalistischen Linie. »Natürlich in einer ungeheuer edlen Form, nichts mit umlegen und so.« Beide Familien gehörten zu den ersten Mietern in der 1927 fertiggestellten Siedlung. Das Haus der Mühsams beschrieb der Historiker Kurt Gossweiler, der als Zwölfjähriger direkt nebenan wohnte, einmal als »Anziehungspunkt für radikale Gegner der herrschenden bürgerlichen Ordnung«. Zum Freundeskreis gehörten u.a. Lucia und Viktor Kuhr, denn Lucia, eine der Sekretärinnen Willi Münzenbergs, war quasi die Schwiegertochter von Erich, weil sie mal kurze Zeit mit Siegfried, dem Sohn von Zenzl Mühsam, verheiratet war. 

Diese Zusammenkünfte fanden 1933 ein jähes Ende. Erich Mühsam war einer der ersten, die nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar verhaftet wurden. 

Bereits Ende 1931 hatte er in der Weltbühne prophezeit, mit den Nazis an der Macht kämen »standrechtliche Erschießungen, Pogrome, Plünderungen, Massenverhaftungen«. Und genau so kam es. 

Die meisten von Karol Kubickis Erinnerungen stammen aus zweiter Hand, aus Erzählungen seiner Mutter, aber an einige Details erinnert er sich doch. An Zenzls Gesicht, es ähnelte dem der Mutter, an Mühsams »alles sezierenden« scharfen Blick, vor dem er sich trotzdem nie gefürchtet habe. Zenzl sprach bayrisch und war eine exzellente Köchin. Er bekam von ihr Knödel. Andere Kinder auch, wie zum Beispiel der spätere Journalist und Senatssprecher Peter Herz, der übrigens auch im Haus der Familie Adolf Eichmanns, der auch in der Siedlung wohnte, verköstigt wurde. Obwohl sein Vater Jude war. 

Erich und Stanislaw kannten sich aus München. Zu ihren Freunden gehörte auch Franz Wilhelm Seiwert von der Kölner Gruppe der »Progressiven«, alle hatten bei der kulturpolitischen Zeitschrift Der Weg mitgearbeitet und auch bei der Aktion von Franz Pfemfert. Der berühmte Fotograf August Sander bekam von Seiwert eine Liste, wen er alles fotografieren sollte für seine Studie »Menschen des 20 Jahrhunderts«. Kubickis Vater wies ihn darauf hin, daß Mühsam in dieser Liste fehlte, und so kam es 1928 zu den bekannten Fotos auf der Schwelle des Hauses Dörchläuchtingstraße 48. 

Erich Mühsam habe viel geschrieben, erzählt Kubicki und vermutet, daß er von den Honoraren gelebt habe, »vielleicht gab's mal hier und da 'ne Spende«. Die Miete war hoch, betrug erst 80 Reichsmark und in der Weltwirtschaftskrise dann 100 Reichsmark. Nach Erichs Verhaftung 1933 habe Zenzl aus dem gemeinsamen Haus ausziehen müssen, rausgemobbt von ihren Nachbarn, die schon früher Mühsams Katzen getötet und die Kadaver einfach vors Haus gelegt hatten. 

Von Mühsams Verhaftung habe die Mutter ihm erst peu à peu erzählt, denn sie »hatte immer Schiß, daß ich Nazi werde«. Sie erzählte, daß sie nächtelang am Bett vom Zenzl saß, mit ihr sprach und sie beruhigte. Von ihren Besuchen bei Erich, der im KZ Oranienburg gefangen war, brachte Zenzl dessen blutige Hemden mit. Sie sollte sie waschen, bewahrte sie jedoch auf, um sie dann als Beweismaterial in die Emigration nach Prag mitzunehmen. 

In der Familie Kubicki war Mühsam nicht vergessen. Klassenkameraden liehen sich Bücher bei seiner Mutter aus. »Wir haben das gelesen, die Gedichte, schon während des Krieges. Wir wußten auch, daß er umgebracht wurde, aber die näheren Umstände wußten wir nicht, die sind auch Mutter erst nach dem Krieg bekannt geworden.« 

 

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Für das künftige Menschsein 

Vor 80 Jahren wurde Erich Mühsam im KZ Oranienburg ermordet - Literat, Anarchist und Antifaschist 

Von Dieter Schiller 

 

Er wollte am Morgen des 28. Februar 1933 nach Prag fahren. Mühselig war das Geld für die Fahrkarte aufgetrieben. Der Koffer stand gepackt bereit. Was er im Staat Hitlers zu erwarten hatte, glaubte der Schriftsteller und Anarchist abschätzen zu können. Zur Passivität wollte sich Erich Mühsam nicht verurteilt sehen - und das hieß, den antifaschistischen Kampf im Ausland weiterzuführen. 

Eine Woche zuvor hatte er noch in einer Mitgliederversammlung der Berliner Ortsgruppe des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller gesprochen. Am 20. Februar 1933 waren am Halleschen Tor in Berlin noch einmal linksbürgerliche und sozialistische Autoren zusammengekommen, um gegen den zur Macht gelangten Faschismus zu protestieren und zu beratschlagen, was nun zu tun sei. Am Vorstandstisch saßen Ludwig Renn, Carl von Ossietzky und Karl Wittfogel. Auch F. C. Weiskopf war anwesend.  

In: Neues Deutschland online vom 10.07.2014 

Weiter unter:  

Von Prof. Schiller erschien in der Schriftenreihe der »Hellen Panke« ein ausführliches Mühsam-Porträt. 

Termintipp: 

Erich Mühsam Fest[1] 

Parallel auf vier Bühnen: Konzerte, Lesungen, Podiumsgespräche, Vorträge & Filme 

Links: 

    1. http://www.neues-deutschland.de/termine/48719.html

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/938621.fuer-das-kuenftige-menschsein.html 

 

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Sich fügen heißt lügen  

Vor 80. Jahren, am 10. Juli 1934, wurde Erich Mühsam ermordet 

Von Susanne Misere und Peter Bäß  

In: unsere zeit online vom 11.07.2014 

 

Es muss am Namen liegen", meinte Mühsam zu seiner Frau, wenn bei seiner Art, „leben" auf „geben" zu reimen, wieder einmal kein Geld im Hause war. Sein bekannter und gefürchteter Witz ist ihm offenbar schon in die Wiege gelegt worden. Er machte früh davon Gebrauch, um sich gegen die stupide Unrat-Atmosphäre im Lübecker Gymnasium und im Elternhaus zu wehren, wohin schriftliche Tadel geschickt und dort mit dem Vermerk „gelesen und bestraft" quittiert wurden. 

Der 16-Jährige verdiente etwas Geld damit, dass er die Couplets der Komiker im Varieté mit lokalen und politischen Tagesereignissen aktualisierte. Auch in der Schule erregte er Anstoß, zum Beispiel indem er in einem Gymnasiastendrama den Numiderkönig Jugurtha auf offener Bühne verhungern ließ. Gefeuert wurde er wegen „sozialistischer Umtriebe" – denen er sich sein Leben lang verschrieben hat. Nach bestandenem Abitur in Parchim veröffentlichte er anonym Artikel zu lokalen Ereignissen in Lübecker Tageszeitungen, lernte 1897 in Lübeck Apotheker, schrieb auch für Zeitungen außerhalb Lübecks. 

1900 legte er die Prüfung ab und zog nach Berlin, nahm zum Dichterkreis „Die Neue Gemeinschaft" Kontakt auf, schloss Freundschaft mit Gustav Landauer. 

Im Wahren Jakob veröffentlichte er erste politisch-satirische Gedichte. 

Er trat in verschiedenen Berliner Kabaretts auf, redigierte die Zeitung „Der arme Teufel". Mühsam hatte ähnlich wie Heinrich Zille, mit dem er zusammenarbeitete, große Sympathie für die sogenannten kleinen Leute. 

1904–1908 dauerten seine Wanderjahre zusammen mit Johannes Nohl, dem er in großer Freundschaft und Liebe verbunden war. Er reiste durch Europa. In Paris traf er Pablo Picasso, in Österreich wurde er mit Karl Kraus bekannt. Zahlreiche Veröffentlichungen datieren aus jenen Jahren. 

Der 1907 in Essen abgehaltene Parteitag der SPD veranlasst ihn, sein berühmtes Gedicht „Der Revoluzzer" zu schreiben. Ab 1908 wohnte er ständig in München. Man kannte ihn als aktiven Versammlungsredner und Agitator. 

Er schreibt für verschiedene Zeitungen, tritt in Kabaretts auf. Sein Vorbild und seinen Mentor findet Mühsam in Frank Wedekind. Im Bewusstsein einer sozialen Sendung fing er – problematisch genug – bei den sogenannten Asozialen für Freiheit und Sozialismus zu werben an. Das trug ihm Verhaftung und einen Prozess wegen Geheimbündelei ein. 

Mühsam wurde zwar freigesprochen, aber die meisten Medien boykottierten ihn jetzt. Seinen Protest dagegen unterstützten namhafte Schriftstellerkollegen wie Hermann Bahr, Heinrich und Thomas Mann, Frank Wedekind – vergebens. Mühsam ging in die Offensive und gründete die Zeitung „KAIN – Zeitung für Menschlichkeit (Mitarbeit verbeten)". 

Eindeutig positionierte sich Mühsam gegen Nationalismus, Militarismus, Imperialismus und Krieg. 1914 stellte er die Zeitung Kain ein, damit sie nicht von der Polizei verboten werden konnte; der Weltkrieg war keine Zeit für Menschlichkeit. Zur Beratung über Kampfmaßnahmen gegen den Krieg reiste er 1916 zu Karl Liebknecht nach Berlin sowie zur Bremer Linken, er beteiligte sich an der Münchner Hungerdemonstration, nahm zum Spartakusbund und zur USPD Kontakt auf, versuchte unermüdlich, ein Aktionsbündnis gegen den imperialistischen Krieg zu schmieden. Die Polizei verbot ihm, in öffentlichen oder geschlossenen Versammlungen aufzutreten, in denen politische oder wirtschaftliche Angelegenheiten erörtert wurden. 

Trotz des Verbotes setzt Mühsam seine agitatorische Tätigkeit fort. 1918 beteiligt er sich am Münchner Januarstreik. 

Wegen seiner Weigerung, im „Vaterländischen Hilfsbund" zu arbeiten, wird Mühsam in die Festung Traunstein gesteckt. Kaum freigelassen, hilft er die bayrische Regierung zu stürzen, er wird in den Revolutionären Arbeiterrat gewählt. In der Nacht vom 7. auf den 8. November 1918 hatte der König abgedankt, und Bayern wurde zur Republik erklärt. Am 7. April 1919 wurde die Münchner Räterepublik gegründet. 

Die SPD-geführte bayerische Regierung ruft Freikorps und Reichswehrverbände zur Niederschlagung der Räterepublik herbei. Erich Mühsam wird verhaftet. Sein Freund Gustav Landauer wird von Soldaten ermordet. 

Der Hochverräter Mühsam wird zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt. Wie seine Gefährten – z. B. Ernst Toller – wird er in übler Weise schikaniert. Mühsam ertaubt auf einem Ohr. Auch während dieser schlimmen Jahre und bis zu seiner Ermordung hört er nicht auf zu schreiben. Lyrik, Prosa, Dramen, Essays, Flugschriften, Memoiren, Bilderbücher für seine Ehefrau Zenzl, Satiren, Artikel hat er verfasst. 

1923 war Adolf Hitlers Novemberputsch in München misslungen. Der Prozess gegen ihn und die anderen Rädelsführer war eine Farce. Ankläger und Richter wetteiferten darin, bei den Putschisten „edle Motive" zu vermuten, ihnen nach Verkündung des Urteils – fünf Jahre Festungshaft – „ehrenhafte Behandlung" sowie vorzeitige Entlassung zu versprechen. Hitler saß in Landsberg am Lech ein, empfing nach Belieben Besuche, machte Autofahrten, nahm an Jagden teil. Erich Mühsam, Ernst Toller und viele andere 1919 als „Räte-Verbrecher" Abgeurteilte wurden im Gegensatz dazu in der Festungshaftanstalt Niederschönenfeld drangsaliert. 

Weil die bayerische Staatsregierung Hitler & Co. amnestieren wollte, begnadigte sie notgedrungen auch die seit 6 Jahren gefangenen Protagonisten der Münchner Räterepublik. Am 20.12.1924 war Mühsam aus der Haft entlassen worden und traf am folgenden Tag in Berlin am Anhalter Bahnhof ein. Tausende Berliner bereiteten ihm einen begeisterten Empfang, auch der Vorsitzende der Roten Hilfe Deutschlands (RHD), Wilhelm Pieck, hatte sich eingefunden. 

Mühsam organisierte sofort die Solidarität mit den damals zu Tausenden einsitzenden politischen Gefangenen. 

Bereits am 8. Januar1 925 trat er in Hamburg in einer großen Versammlung als Redner auf, war dann ein halbes Jahr lang im ganzen Reich zu Vorträgen in den Industriezentren unterwegs, um für die Gefangenen, ihre Frauen und Kinder Hilfe zu organisieren. Die RHD war damals eine Massenorganisation, ganze Betriebsbelegschaften traten ihr bei. 

Bei einem Vortrag für die RHD in Dresden lernte Mühsam Herbert Wehner kennen, der später in Berlin eine Weile für ihn gearbeitet hat. In Berlin arbeitet Mühsam im dramaturgischen Beirat der Piscator-Bühne mit, die Vossische Zeitung druckt in 25 Folgen seine „Unpolitischen Erinnerungen". Schriftlich und mündlich agitiert Mühsam gegen den heraufziehenden Faschismus. Ihm war bewusst, dass die Nazis ihn ganz oben auf der Liste ihrer Gegner hatten. Er wollte nach Prag flüchten, aber als er endlich das Geld für die Fahrkarte zusammen hatte, war es zu spät. Er wurde in der Verhaftungswelle nach dem Reichstagsbrand (27.2.1933) mit vielen anderen in Schutzhaft genommen. In der ersten Zeit war er noch mit Karl von Ossietzky zusammen. Während der folgenden anderthalb Jahre wird Mühsam in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern erniedrigt, gedemütigt, gequält und gefoltert. 

Internationale Bemühungen um seine Freilassung scheitern. Anfang Februar 1934 wird er ins KZ Oranienburg verlegt. Dort kommt es zu verstärkten Misshandlungen. Die Wachleute lassen sich immer neue Schikanen einfallen. 

Mühsam versucht auch hier weiterzuarbeiten. 

Um den „Schreiberling" daran zu hindern, brechen sie ihm die Daumen. 

Als sie ihn zwingen, sein Grab zu schaufeln und das Horst-Wessel-Lied zu singen, singt er vor den auf ihn zielenden SS-Leuten die Internationale. Er kommt ihrer Aufforderung, sich das Leben zu nehmen, nicht nach, die Kameraden finden ihn am 10. Juli 1934 morgens erhängt in der Latrine. Mühsams Ermordung wird weltweit mit Wut und Trauer aufgenommen, in der Exilpresse erscheinen zahlreiche Nachrufe und Texte, in Paris, Amsterdam, New York finden Trauerfeiern statt. Viele im Exil lebende Künstler protestieren abermals gegen das deutsche Terror-Regime. Am 16. Juli 1934 wurde Erich Mühsam auf dem Waldfriedhof Dahlem bestattet. 

Wie ein roter Faden zieht sich durch Mühsams Werk, dass er für die Sache der Arbeiterklasse eintrat. Es ist zwar gelungen, ihn zu töten, aber nicht, seine Stimme zum Schweigen zu bringen. Das ist nicht zuletzt Zenzl Mühsam zu verdanken, die sich zeitlebens dafür eingesetzt hat, dass sein Werk veröffentlicht wurde. 1992 wurde ihre Urne zum Waldfriedhof Dahlem überführt. 

Einiges im vorliegenden Artikel ist entnommen dem Nachwort von Wolfgang Teichmann in: Erich Mühsam. Der Loreleyerkasten. Eine satirische Revue. Eulenspiegel Verlag Berlin 1982 (1978) 

 

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Gedenken an Erich Mühsam  

Lothar Bassermann 

In: junge Welt online vom 14.07.2014 

 

Oranienburg. Rund 100 Menschen haben am Samstag mittag in der brandenburgischen Kleinstadt Oranienburg trotz strömenden Regens an Erich Mühsam erinnert. Der Revolutionär und Poet war von den Nazis am 10. Juli 1934 nach anderthalbjähriger Folter im KZ Oranienburg umgebracht worden. 

Aufgerufen hatte ein Bündnis aus verschiedenen Antifagruppen und der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA). Die Gedenkdemonstration fand aus Anlaß von Mühsams 80. Todestag statt. Sie stand unter dem Motto »Sich fügen heißt lügen«. Die Teilnehmenden legten Blumen und Kränze an einem Denkmal für Mühsam ab. Im Verlaufe des Aufzugs wurden vertonte Gedichte des Künstlers abgespielt. Die Polizei hielt sich während der Demonstration weitgehend zurück. 

Auch in Berlin wurde an den Schriftsteller und Kriegsgegner erinnert: Mehrere hundert Menschen kamen im Stadtteil Friedrichshain im »Zukunft Ostkreuz« zum Erich-Mühsam-Fest zusammen. Geboten wurde ein umfangreiches Bühnenprogramm mit Lesungen, Filmen und Diskussionen. Zudem fanden Konzerte unter anderem mit Manfred Maurenbrecher und dem »Singenden Tresen« statt. 

Verlage und Initiativen waren mit zahlreichen Ständen präsent. Reißenden Absatz fanden die Tagebücher des Anarchisten, die in einer Buchreihe des Berliner Verbrecher-Verlags erscheinen. 

 

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