Konsolidierung beendet  

Mit der Ermordung führender SA-Mitglieder am 30. Juni 1934 wird der Kampf zweier Strömungen im Kabinett Hitler abgeschlossen. Damit hatte sich vorläufig in der Wirtschaft die Schwerindustrie gegen I.G. Farben durchgesetzt  

Kurt Gossweiler 

In: junge Welt online vom 30.06.2014 

 

Die Grundlage der marxistischen Faschismusforschung bildet eine Analyse jener ökonomischen Verhältnisse, die zu dieser Herrschaftsform geführt haben. Mit solchen Erkenntnissen sind die politischen Ereignisse im Faschismus richtig zu verstehen. Darum wird in dieser Zeitung z.B. die Wahl Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 nicht als Machtergreifung, sondern als Machtübertragung bezeichnet. Ein weiterer Markstein in der Geschichte der Nazis ist der Röhm-Putsch vom 30. Juni 1934. Was in der bürgerlichen Wissenschaft als Streit zweier Flügel in der NSDAP verstanden wird, ist tatsächlich ein Machtkampf zwischen den seit Jahrzehnten schon miteinander konkurrierenden Wirtschaftsfraktionen Schwerindustrie und Chemieindustrie. 

jW hat sich darum dafür entschieden, am heutigen Tag der 80. Wiederkehr der Ermordung Ernst Röhms und anderer SA-Funktionäre einen Themaseitenbeitrag des Faschismusforschers Kurt Gossweiler vom 29. und 30. Juni 2004 in gekürzter Form erneut zu veröffentlichen. (jW) 

Am 30. Juni 1934 befahl Adolf Hitler die von ihm lange geplante und sorgfältig vorbereitete blutige Abrechnung mit dem unbequem und lästig gewordenen Chef der »Sturm-Abteilungen« (SA) der Nazipartei, Ernst Röhm, und dessen Unterführer und stellte sich entschlossen an ihre Spitze. Dies ist der Kerngehalt der Legendenversion. Er wird in der bürgerlichen Wissenschaft zur Grundlage der Darstellung der Geschichte des »Dritten Reiches« gemacht. Demzufolge gab es in Deutschland zwischen 1933 und 1945 nur ein einziges Willens- und Befehlszentrum: Adolf Hitler - womit die monopolkapitalistischen und militärischen Machthaber aus Hauptverantwortlichen für die faschistischen Verbrechen in Opfer Hitlers verwandelt werden. Es ist aber auch zu wenig gesagt, wenn die Mordaktion vom 30. Juni nur als Ausdruck eines Machtkampfes zwischen Reichswehrführung und SA-Führung dargestellt wird. Sie stellt vielmehr den Versuch bestimmter Kreise der herrschenden Klasse und ihrer politischen und militärischen Exponenten dar, die Krise, in welche die Konsolidierungsphase der faschistischen Diktatur geraten war, mit einem Gewaltstreich zu beenden. 

Die Konsolidierung wurde am stärksten durch eine zunehmende Massenunzufriedenheit gefährdet, die sogar die Massenbasis der Naziregierung unsicher werden ließ, ganz besonders deshalb, weil von ihr auch die bisher als stärkstes und zuverlässiges Terrorinstrument gegen die Arbeiterbewegung eingesetzte SA befallen wurde. 

Besonders stark war die Unzufriedenheit in der Arbeiterschaft, war sie doch ihrer Gewerkschaften beraubt und statt dessen in die faschistische Arbeitsfront (DAF) gepreßt worden, und wurde sie durch die faschistische Gesetzgebung, wie das »Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit« (»Arbeitsordnungsgesetz« vom 20. Januar 1934) der Willkür der Unternehmer ausgeliefert. Die großmäuligen Versprechungen über die rasche Beseitigung der Arbeitslosigkeit erwiesen sich infolge der durch wachsenden Rohstoff- und Devisenmangel verursachten großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten als uneinlösbar. Anfang 1934 gab es noch vier Millionen offiziell ausgewiesene Arbeitslose, und die Unternehmer nutzten die Zerschlagung der Gewerkschaften zur weiteren Senkung der in der Weltwirtschaftskrise schon auf das Existenzminimum gedrückten Löhne aus. 

So war es bis dahin den Hitler, Goebbels und Ley (Führer der DAF) nicht gelungen, die Mehrheit der deutschen Arbeiter auf ihre Seite zu ziehen. Und es zeichnete sich nun für die Naziführer sogar die Gefahr ab, das Vertrauen großer Teile ihrer kleinbürgerlichen Millionengefolgschaft zu verlieren. Am schärfsten traten die Symptome der wachsenden Unzufriedenheit unter den Nazianhängern in der SA in Erscheinung. Die SA wurde zu einem Brennspiegel der Unzufriedenheit und Verbitterung großer Teile der kleinbürgerlichen und proletarischen Nazianhänger. Die SA-Männer hatten nicht nur auf die Erfüllung der sozialen Versprechungen, auf die Enteignung der Banken und Konzerne und des Großgrundbesitzes gewartet. Sie harrten auch der Einlösung der feierlichen Versicherungen aus der »Kampfzeit«, sie würden dereinst zur Armee des »Dritten Reiches« werden. Statt dessen war nach dem »Sieg« am 30. 

Januar 1933 immer wieder die Reichswehr zum alleinigen Waffenträger erklärt worden, und im August 1933 waren die SA-Männer sogar ihrer Hilfspolizeifunktionen wieder entkleidet worden. 

In den Reihen der SA ging deshalb als Antwort auf Hitlers am 6. Juli 1933 erstmals ausgesprochene, danach aber mehrfach wiederholte Erklärung, die »nationale Revolution« sei beendet, immer lauter der Ruf nach der »zweiten Revolution« um. In der Berliner SA kursierte der Spruch: »Hitler, gib uns Arbeit und Brot, gibst Du es nicht, dann werden wir rot!« Manche SA-Stürme erhielten den Spitznamen »Beefsteak-Sturm«: außen braun und innen rot. 

Diese wachsende Unzufriedenheit unten trug dazu bei, daß sich die ständigen Interessenkollisionen und die Kämpfe um den herrschenden Einfluß oben, in den verschiedenen Fraktionen der herrschenden Klasse und, als deren Reflex, auch in der Naziführung, im ersten Halbjahr 1934 gefährlich zuspitzten und immer mehr auf eine gewaltsame Lösung zudrängten. 

Wachsende Gegensätze 

Das Jahr 1933 war gekennzeichnet von der terroristischen Zerschlagung aller legalen Arbeiter- und demokratischen Organisationen und der Errichtung und Konsolidierung der faschistischen Diktatur in Deutschland. In der ersten Hälfte des Jahres 1934 machten sich indessen immer deutlichere Zeichen für wachsende Gegensätze im Regierungslager bemerkbar. 

In den Vordergrund trat immer stärker der Konflikt zwischen Reichswehrführung und Ernst Röhm um die Ausgestaltung und Führung der Armee des »Dritten Reiches«. Röhm, formell zwar Minister, jedoch ohne Geschäftsbereich, forderte das Reichswehrministerium für sich und den Einbau der SA in die Armee als deren Kernbestand. Röhm hatte durchaus auch industrielle Förderer, nämlich in der Chemieindustrie. Über einen ihrer Direktoren, Heinrich Gattineau, der persönlich mit Röhm befreundet war, ließ ihm der IG-Farben-Konzern seit 1931 erhebliche finanzielle Mittel zukommen.1 Er investierte beträchtliche Summen in die SA und trug am meisten zur Finanzierung des Ausbaus der SA zu einer Vier-Millionen-Armee bei. 

Hitler geriet in dieser Frage zwischen zwei Feuer, denn auch die Reichswehrführung verlangte von ihm eine klare Entscheidung gegen Röhms Forderungen und für die Reichswehr als »alleinigem Waffenträger der Nation«. Der »Führer« versuchte, einer Entscheidung auszuweichen, indem er Zusagen nach beiden Seiten machte, aber beide zur Geduld mahnte, bis der richtige Zeitpunkt zum Handeln gekommen sei. Der Reichswehr-SA-Konflikt war der offenkundigste, aber keineswegs der einzige. 

Vertreter der um den entscheidenden Einfluß in der Regierung kämpfenden Interessengruppen trugen Hitler ihre Forderung nach Umbildung der Regierung vor. Gleich mehrere forderten die Ablösung des Wirtschaftsministers Kurt Schmitt. Schmitt war als Kandidat der Gegner des ersten Wirtschaftsministers der Hitlerregierung, Alfred Hugenberg - der wie kein anderer die Allianz von Schwerindustrie und Junkertum verkörperte -, nach dessen Sturz am 29. Juni 1933 zum Reichswirtschaftsminister aufgestiegen. 

Am gefährlichsten für Schmitt war nun Hjalmar Schacht, der bereits Reichsbankpräsident war, aber auch noch den Posten des Wirtschaftsministers für sich forderte. Schmitt war kein Mann der Schwerindustrie, sondern stand der Chemieindustrie und deren wirtschaftspolitischen Absichten nahe. Von ihm war zu befürchten, daß er die Pläne zur Verstaatlichung von Stahlverein und Dresdner Bank nicht verhindern, sondern verwirklichen würde. Er wollte außerdem die von den Großunternehmen selbst geleitete Organisation der »Wirtschaft«, den »Reichsverband der Deutschen Industrie« (RDI), an dessen Spitze der Leiter des Krupp-Konzerns, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, stand, durch eine staatlich gelenkte Organisation der gesamten Wirtschaft ersetzen. Klar, daß auch Krupp und die Spitzenleute der Schwerindustrie von Hitler forderten, Schmitt zu entlassen. 

Aber auch die Gegenseite blieb nicht müßig. Die IG Farben hatten dank ihrer ökonomischen Stärke, ihrer Unentbehrlichkeit für die Aufrüstung und ihrer internationalen Beziehungen keine geringen Möglichkeiten, Druck auf die Regierung und auf Hitler auszuüben, und sie hatten nicht wenige einflußreiche Vertreter ihrer Interessen in der Nazipartei.2 

Die SA im Visier 

Das blieb offenbar nicht ohne Wirkung auf Hitler. Im April 1934 nahm der sogar wieder persönlichen Kontakt zu dem seit Dezember 1932 aller seiner Parteiämter verlustig gegangenen Gregor Strasser auf. Zwischen beiden kam es am 20. Juni zu einer persönlichen Aussprache, in deren Gefolge Strasser drei Tage später sein ihm 1932 abgenommenes Goldenes Parteiabzeichen wieder zurückbekam. Gregor Strassers Bruder Otto Strasser berichtete später, Gregor habe ihm über das Gespräch mit Hitler berichtet. Hitler habe zugestimmt, daß Gregor im September 1934 in das Kabinett eintreten sollte. 

Es gab auch noch andere Ereignisse, die darauf hinwiesen, daß Vorbereitungen für eine Regierungsumbildung im Gange waren, bei der auch General Kurt von Schleicher ins Kabinett zurückkehren würde. Bei Schleicher liefen die Fäden sowohl von Röhm wie von Strasser zusammen, und er entfaltete eine große Aktivität zur Umbildung der Regierung. Für sich hatte von Schleicher dabei den Posten des Vizekanzlers, für Strasser das Wirtschafts-, für Röhm das Reichswehr- und für Heinrich Brüning das Außenministerium vorgesehen. Er nahm auch Kontakte zum französischen Botschafter André François-Poncet auf, um mit ihm über die deutsch-französischen Beziehungen nach einer solchen Regierungsumbildung zu beraten. Natürlich blieb das der Gegenseite nicht verborgen. Alarmiert von dem darin zum Ausdruck kommenden zweideutigen Verhalten Hitlers, beschlossen der Reichswehrminister Werner von Blomberg und der Chef des Ministeramtes Walter von Reichenau, Hitler zum Vorgehen gegen Röhm und die SA zu zwingen. 

Schon im April hatte Blomberg einen Handel vorgeschlagen: Er sicherte Hitler zu, im Falle des Ablebens des schwererkrankten Reichspräsidenten Paul von Hindenburg werde Hitler dessen Nachfolger werden, wenn er vorher Röhm abgesetzt und die von der SA ausgehende Gefahr beseitigt hätte. Hitler hatte sich einverstanden erklärt, war aber untätig geblieben, mehr noch, er hatte statt dessen Gespräche mit Röhm und Strasser geführt, die auf eine Annäherung hindeuteten. Bei der Unterredung mit Röhm hatte der sich mit Hitler darauf geeinigt, zur Entspannung der Situation den Beginn des Jahresurlaubs der SA auf den 1. Juli zu legen. In dem drei Tage später veröffentlichten Urlaubsbefehl Röhms befindet sich auch eine Passage, die darauf hinweist, daß die Besprechung mit Hitler Röhm Grund gegeben hat, sehr zuversichtlich in die Zukunft zu sehen. Es hieß darin nämlich: »Wenn die Feinde der SA sich in der Hoffnung wiegen, die SA werde aus ihrem Urlaub nicht mehr oder nur zum Teil wieder einrücken, so wollen wir ihnen diese Hoffnungsfreude lassen. Sie werden zu der Zeit und in der Form, in der es notwendig erscheint, darauf die gebührende Antwort erhalten. Die SA ist und bleibt das Schicksal Deutschlands!« Die so angesprochenen Feinde der SA warteten nicht ab, bis die SA-Leute aus ihrem Urlaub zurückkamen, ja, sie warteten nicht einmal den Beginn dieses Urlaubes ab. 

Zunächst meldete sich ganz überraschend am 17. Juni Vizekanzler Franz von Papen mit einer Rede in der Marburger Universität zu Wort, die ihm kaum einer zugetraut hätte, übte er darin doch, wenn auch diplomatisch formuliert, deutliche Kritik am Machtmonopol der NSDAP.3 

Ultimatum an Hitler 

Der eigentliche Auftakt für die blutigen Ereignisse des 30. Juni 1934 war aber eine Aussprache zwischen Blomberg und Hitler aus Anlaß eines Besuches beim erkrankten Hindenburg in Neudeck. Blomberg stellte Hitler faktisch ein Ultimatum, indem er ihm erklärte, der Reichspräsident werde den Belagerungszustand verhängen und die Kontrolle der Staatsgeschäfte der Armee übertragen, wenn die Reichsregierung sich nicht in der Lage zeige, die gespannte Situation zu beendigen. 

Die organisatorischen und militärischen Vorbereitungen der blutigen Abrechnung mit Röhm und seiner SA und anderen mißliebigen Politikern lagen von seiten der Reichswehr bei Reichenau, von seiten der Nazipartei bei Heinrich Himmler, dem Führer der SS, und bei Hermann Göring, dem preußischen Ministerpräsidenten. Reichenau, Himmler und Göring arbeiteten eng zusammen, wobei die Arbeitsteilung vorsah, daß die Reichswehr lediglich im Hintergrund für alle Fälle bereitstehen sollte, die »Schmutzarbeit« aber von der SS durchgeführt würde. Zu den Vorbereitungsarbeiten gehörte bereits im Mai von SS-Seite die Zusammenstellung einer »Reichsliste unerwünschter Persönlichkeiten«. 

Und um die Reichswehr auf das Kommende einzustimmen und den noch immer zögernden und unschlüssigen Hitler davon zu überzeugen, daß nicht länger gezögert werden dürfe, verbreiteten die Organisatoren aus Reichswehr und SS in den Tagen vor dem 30. Juni sich täglich und schließlich sogar stündlich steigernde Alarmmeldungen über angebliche Putsch-Vorbereitungen der SA. 

Am 28. Juni rief Hitler Röhm, der sich zu einer Kur in Bad Wiessee befand, an, um ihm zu sagen, er werde am 30. Juni selbst in Wiessee eintreffen, um sich mit seinen SA-Führern gründlich auszusprechen und um alle bestehenden Mißverständnisse zu beseiten. Röhm solle alle höheren SA-Führer für elf Uhr morgens einladen. Röhm, über diese Botschaft Hitlers höchst erfreut, holte zum 30. Juni alle erreichbaren höheren SA-Führer nach Bad Wiessee.Von seiner Absicht, die SA-Führer nach Bad Wiessee zu einer Konferenz einzuladen, hatte Hitler einige Tage vorher schon Blomberg informiert, ihm jedoch als Begründung angegeben, er wolle sie dort verhaften lassen und mit ihnen abrechnen. Blomberg, Reichenau, Göring und Himmler war es sehr recht, Hitler am Tage X weit weg von Berlin zu wissen, gab ihnen das doch freie Hand, ihre Liste der »unerwünschten Persönlichkeiten« abzuarbeiten, ohne Hitlers Einsprüche respektieren zu müssen. Denn die enthielt keineswegs nur die Namen von SA-Führern. 

Während Hitler in Bad Wiessee zusammen mit Sepp Dietrich, dem Chef der »Leibstandarte Adolf Hitler«, am frühen Morgen des 30. Juni Röhm und die noch in den Betten liegenden SA-Führer verhaften und ins Zuchthaus Stadelheim transportieren ließ, und die SS, gedeckt von bereitgestellten Reichswehreinheiten, im ganzen Reich schlagartig die SA-Kasernen und -Lokale besetzte, die auf den Listen stehenden SA-Führer verhaftete und die SA entwaffnete, ließen Reichenau, Göring und Himmler in der Hauptstadt und ihre Umgebung Mordtrupps von der Leine. Die dafür vorgesehenen SA-Führer wurden nach ihrer Verhaftung in die Kadettenanstalt in Berlin-Lichterfelde gebracht und dort von bereitstehenden SS-Exekutionskommandos erschossen. 

Zur gleichen Zeit schwärmten SS-Mordkommandos nach von Reichenau, Göring und Himmler bestimmten Todeskandidaten aus. Sie schossen ihre Opfer nieder, wo sie ihrer gerade habhaft wurden, den General von Schleicher und seine Frau in ihrer Wohnung in Neubabelsberg; ebenfalls in seiner Wohnung den Mitarbeiter Schleichers, Generalmajor Ferdinand von Bredow, den Ministerialdirektor und Führer der katholischen Aktion, Erich Klausener, und den engen Mitarbeiter des Vizekanzlers Papen, Herbert von Bose, in ihren Amtsräumen. 

Gregor Strasser wurde in seiner Wohnung verhaftet und im Gestapogefängnis zu Tode geprügelt. Am Abend des 30. Juni erklärte Göring auf einer Pressekonferenz kaltschnäuzig, er habe seine Aufgabe »aus eigener Machtvollkommenheit« erweitert. Das bezog sich besonders auf die Morde an Schleicher und Strasser, über die Hitler, als er nach seiner Rückkehr aus Bad Wiessee in Berlin von ihnen erfuhr, ebenso aufgebracht wie erschrocken war. 

Als Hitler dann aber bekanntgab, daß er in München Röhm wegen seiner früheren Verdienste begnadigt habe, war es an Göring und Himmler, dagegen heftig Einspruch zu erheben: Röhm sei der Hauptschuldige und dürfe auf keinen Fall am Leben bleiben. Hitler gab nach und entschied: Röhm solle Gelegenheit gegeben werden, sein Leben selbst zu beenden. Daraufhin erhielt der Führer des SS-Exekutionskommandos in Stadelheim und Leiter des Konzentrationslagers Dachau, SS-Oberführer Theodor Eicke, die entsprechende Anweisung aus Berlin. Als Röhm dieses Angebot aber mit den Worten ablehnte: »Bestell dem Adolf, den Gefallen tu' ich ihm nicht!«, wurde er in seiner Zelle von Eicke und dem SS-Hauptsturmführer Lippert erschossen.4 

Bilanz der Mordaktion 

Eine genaue Zahl der Opfer des Blutbades um den 30. Juni 1934 konnte nicht festgestellt werden. Sicher ist nur, daß ihre wirkliche Zahl die in der amtlichen Totenliste genannte von 83 weit überschreitet. So sind in dieser Liste nur zwei antifaschistische Opfer, Mitglieder der KPD, enthalten, obwohl bekannt ist, daß die SS die Situation auch vielfach dazu benutzte, mit besonders verhaßten Nazigegnern abzurechnen. Dazu gehörte schon seit den Tagen der Münchener Räterepublik besonders auch Erich Mühsam. Die Nazis hatten ihn gleich nach ihrer Reichstagsbrandstiftung verhaftet und in das Konzentrationslager in Oranienburg gebracht. Dort hatten sie ihn bestialisch mißhandelt und von ihm verlangt, er solle Selbstmord begehen. 

Da er das nicht tat, erhängten sie ihn in der Nacht zum 10. Juli (geleitet wurde diese Aktion ebenfalls von Theodor Eicke). Die genaue Zahl der Ermordeten läßt sich auch deshalb nicht feststellen, weil in diesen Tagen die Standesämter die Anweisung erhalten hatten, auf den Totenscheinen als Todesursache die Angaben der Gestapo zugrunde zu legen. 

Mit den Juni-Morden wurde die Krise der Konsolidierungsphase der faschistischen Diktatur beendet. »Die Wirtschaft« war ihre Sorge wegen der gärenden Unzufriedenheit im Volke los. Ihre Erleichterung brachte die Deutsche Bergwerkszeitung am 8. Juli 1934 mit den Worten zum Ausdruck: »Die Wirtschaft hat die nationalsozialistische Machtergreifung« (richtig müßte es heißen: ... die Wirtschaft hat die Macht an die Nazis übertragen; von einer Machtergreifung kann nicht die Rede sein!; K.G.) ... vor allem deshalb begrüßt, weil sie für ihre aufbauende Arbeit Ruhe, Ordnung und Sicherheit so nötig braucht wie das liebe Brot. Das wäre in Frage gestellt, wenn es ehrgeizigen Gruppen und Cliquen gestattet sein dürfte, den Kampf um die Macht zu entfesseln. Vor dieser Gefahr ist die Wirtschaft durch das schnelle Zupacken gerettet worden. Sie wird ihren Dank dafür abstatten.« 

Der Terror der unzuverlässig gewordenen SA wurde abgelöst durch den noch um vieles blutigeren und allgegenwärtigen Terror des Himmlerschen SS- und Gestapo-Systems. Die SS - bisher noch eine Formation innerhalb der SA - wurde nun unter Himmler zu einer selbständigen Organisation erhoben. Im internen Machtkampf der Monopolbourgeoisie hatten sich - allerdings nur für die nächsten zwei Jahre - die »amerikanische Fraktion«, mit Schacht-Thyssen an der Spitze, und die Schwerindustrie gegen die IG Farben durchgesetzt. 

Der Reichswirtschaftsminister Schmitt mußte gehen, und Schacht übernahm am 30. Juli kommissarisch dessen Amt. 

Und als am 2. August 1934 Hindenburg starb, wurde Hitler sein Nachfolger, indem die beiden Ämter des Staatsoberhauptes und des Reichskanzlers vereinigt wurden. Die Reichswehr wurde von da ab nicht mehr auf Staat und Volk, sondern auf die Person Hitlers vereidigt. 

So war also durch das »kleine« Blutbad des 30. Juni 1934 der Weg freigemacht worden für die Forcierung der Vorbereitungen auf das große Blutbad des Zweiten Weltkrieges des deutschen Imperialismus um die Weltherrschaft. 

Anmerkungen 

1 Kurt Gossweiler: Die Röhm-Affäre. Hintergründe - Zusammenhänge - Auswirkungen, Köln 1983, S. 260 (ist 2009 erneut beim PapyRossa Verlag Köln erschienen) 

2 Ebd., S. 250; 254 ff.; 325 ff. 

3 Zu dieser Rede erschien in der jW vom 17.6.2004 der ausgezeichnet informierende Artikel von Hermann Ploppa: »Als Hitlers Herrenreiter baden ging«. Deshalb belasse ich es bei der Erwähnung dieser Rede. 

4 Für den Ablauf der Mordaktion des 30. Juni 1934 siehe Gossweiler: Die Röhm-Affäre, S. 450-460 sowie Gossweiler: Ernst Röhm. Die Nacht der langen Messer, in: Sturz ins Dritte Reich. Historische Miniaturen und Porträts. 

Leipzig/Jena/Berlin 1983, S. 266-275 

Kurt Gossweiler ist Faschismusforscher und untersucht Ursachen des Untergangs der sozialistischen Staaten in Europa. Mehr von ihm auf der Internetseite  

www.kurt-gossweiler.de 

. Einige seiner Bücher sind im jW-Shop erhältlich. 

 

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