Die deutschen Kolonien – Wirklichkeit und Legenden  

1884 trat Deutschland in die Reihe europäischer Kolonialmächte ein 

Von Frank Hildner  

In: unsere zeit online vom 13.06.2014 

 

In Kürze, im November 2014, kann das offizielle Gründungsjahr des Erwerbs fremder Territorien durch das Deutsche Kaiserreich begangen, gefeiert oder kritisch betrachtet werden. 

Die Entscheidung, dass Deutschland nach Jahren der Kolonialabstinenz dennoch 1884 in die Reihe der europäischen Kolonialmächte eintrat, geht einerseits innenpolitisch auf langfristige Forderungen der hanseatischen Überseehändler um deutschen Schutz und dem „Kolonialfieber" gegründeter Kolonialvereine nach der Reichsgründung 1871 zurück, andererseits galt vor allem das außenpolitische Umdenken des Reichskanzlers Fürst Otto von Bismarck (1815–1898) als wesentliche Zäsur für diesen Schritt Deutschlands zur lang ersehnten kolonialen „Weltmacht". 

Nachdem sich endlich das Deutsche Reich als macht- und wirtschaftspolitisch effizienter „Nationalstaat" etabliert hatte, erwachte auch der Nachahmungseffekt zu den erfolgreichen imperialistischen und kolonisierenden Nachbarnationen. Deutschland müsse sich ein „deutsches Indien" in Afrika oder ein „deutsches Hongkong" in China schaffen, war nun die verbreitete Auffassung. 

H Als Keimzelle der ausgangs der 1870er Jahre entstehenden Kolonialvereine kann man die Geographischen Gesellschaften ansehen, die durch das Zeitalter der Entdeckungs- und Forschungsreisen, vor allem in das Innere Afrikas, entstanden waren. Der Beitrag, den deutsche Wissenschaftler zur geographischen Erforschung Afrikas, Asiens und Ozeaniens geliefert hatten, war beachtlich. Hierfür stehen die Namen Heinrich Barth (1821–1865), Gustav Nachtigall (1834–1885), Gerhard Rohlfs (1831–1896), Hermann von Wissmann (1853–1905), Hans Meyer (1858–1929), Karl Klaus Freiherr von der Decken (1833–1865), Georg Schweinfurth (1836–1925), Ludwig Leichhardt (1813– 1848 verschollen) oder der Missionar Johann Ludwig Krapf (1810–1881), um nur einige zu nennen. Sie leisteten die „Vorarbeit" für den deutschen Kaufmann, den Eroberer und den Siedler. 

Als „Vater der deutschen Kolonialbewegung" gilt nach heutigem Urteil der Missionsleiter, Expansionspublizist, Sozial- und Kolonialpolitiker Friedrich Fabri (1824–1891). In der deutschen Kolonialbewegung nahm er eine Schlüsselstellung ein. Er war der geschickteste Rhetoriker der Expansion und zugleich bester Moderator zwischen Politik (Bismarck), Wirtschaft (vor allem in Gestalt des Großreeders Adolph Woermann) und Kirche. Seine Broschüre, „Bedarf Deutschland der Colonien?", erzielte damals die stärkste kolonialpropagandistische Wirkung. 

„Die Deutschen hätten der Welt lange genug als Anthropologen und Geographen gedient", meinte Fabri, jetzt gelte es, den individuellen Forschergeist in ein Nationalprojekt zu überführen, die vorhandenen Auslandskenntnisse zu nutzen, den Schritt vom Entdecken, Vermessen und Untersuchen zum Beherrschen zu wagen. „Sollen wir fortwährend von der Studierstube aus in allen Weltteilen wohl zu Hause sein, ohne irgendwo in überseeischen Gebieten ein nationales Heim zu finden?"1 In der Folgezeit bildeten sich Kolonialvereine, wie 1882 der „Deutsche Kolonialverein" bzw. die von Carl Peters 1884 gegründete „Gesellschaft für deutsche Kolonisation" (GDK). Beide vereinigten sich 1887 zur „Deutschen Kolonialgesellschaft" (DKG) mit der Wochenzeitschrift „Deutsche Kolonialzeitung". 

Die Mitgliederzahl wuchs bis zum Ersten Weltkrieg auf 42 000 Mitglieder an. 

Vor allem das Bildungsbürgertum, die Beamtenschaft sowie Militärs zeigten koloniales Interesse. Für das Deutsche Reich schien die Kolonialfrage zur „Lebensfrage" geworden zu sein, wie es 1884 der Abgeordnete im Reichstag, Heinrich von Treitschke, formulierte: „Für ein Volk, das (wie Deutschland) an einer beständigen Überproduktion leidet und Jahr für Jahr an 200 000 seiner Kinder in die Fremde sendet, wird die Kolonisation zur Daseinsfrage."2 Gestützt auf die Vielzahl positiver Rezensionen seiner Schrift konnte Fabri nun dem Reichskanzler als wichtigsten Vertreter des kolonialskeptischen Lagers eine öffentliche Diskussion aufzwingen. Dass dies gelang und Bismarck 1884 letztendlich „Deutschen Schutzgebieten" zustimmte, hatte damit zutun, dass Fabris Publikation mit den vollendeten Tatsachen zusammenfiel, die deutsche Kaufleute schufen und somit die Außenpolitik unter Entscheidungsdruck setzte.3 Das deutsche Kolonialreich sollte seinen geografischen Schwerpunkt in Afrika finden. Die Gründung einer Kolonie ging besonders auf die Initiative eines Mannes zurück: Adolf Lüderitz (1834–1886). Der Bremer Großkaufmann, Abenteurer und Glücksritter, eröffnete eine Niederlassung an der westafrikanischen Küste, wo er mit Tabak, Spirituosen und Gewehren handelte. 

Wie viele Kaufleute trieb Lüderitz die Hoffnung auf Diamant- und Goldfunde. 

Sein Mitstreiter, Heinrich Vogelsang (1862–1914), verhandelte inzwischen mit dem dort siedelnden Volksstamm der Nama um weiteres Land. 

Die Bucht von Angra Pequena sowie das Land im Umkreis von fünf Meilen hatte er für 100 Pfund in Gold und 200 Gewehre dem Häuptling Joseph Fredericks abgeluchst – ein Spottpreis für das Gebiet, das bald als „Lüderitzland" bekannt wurde. Von Fairness oder gar Augenhöhe beim Abschluss des Vertrages konnte keine Rede sein. Vogelsang hatte offen gelassen, ob die Messgröße die deutsche geografische Meile (7,4 km) oder die kürzere englische Meile zugrunde gelegt war. Als Lüderitz später selbstverständlich von der deutschen Maßeinheit ausging, fühlten sich die Nama getäuscht. Lüderitz ahnte wohl, dass er als Privatmann seine „Besitzungen" angesichts britischer Ansprüche auf diesen Teil Afrikas nicht lange halten könnte. Er wurde im Auswärtigen Amt in Berlin vorstellig, bat um den Schutz des Reiches, als Rückendeckung gegen eventuelle Konflikte mit den Eingeborenen und den in Südwestafrika stark vertretenen englischen Händlern. 

Bismarck – ein widersprüchlicher Kolonisationspolitiker Reichskanzler Bismarck reagierte zurückhaltend, denn er hatte am Erwerb überseeischer Besitzungen wenig Interesse. 

Im Grunde war er ein Antikolonialist. 

Kolonien schienen ihm unwägbare außenpolitische und finanzielle Risiken zu bergen. Vielmehr war das Bestreben des Kanzlers, das europäische Gleichgewicht zu erhalten, besonders gegenüber England und Frankreich. „Solange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik" 4, war lange Zeit sein Credo. Doch schon bald konnte er sich den, in kurzer Zeit sich ändernden politischen Verhältnissen nicht mehr entziehen. 

Im Gegenteil, die günstigen Konstellationen, die politische „Schönwetterlage" für Deutschland, spielten ihm in die Hand. In Afghanistan spitzten sich die englisch-russischen Rivalitäten gefährlich zu. England und Frankreich befanden sich im offenen Streit um Ägypten und im Sudan wurde die englische Expedition unter Gordon Pascha von den Mahdisten niedergemetzelt. Vor allem Englands prekäre Situation konnte als bequemes deutsches Druckmittel benutzt werden. So nannte sein Sohn, Herbert von Bismarck, Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, den „Zankapfel Ägypten … für unsere Politik geradezu ein Geschenk des Himmels".5 Und Bismarck nutzte Englands bedrängte außenpolitische Lage mit Konsequenz und Härte aus. 

Auch innenpolitische Gründe führten zur Aufgabe der Bismarckschen Kolonialabstinenz. Die Reichstagswahlen im Herbst 1884 standen vor der Tür. 

Um seine Machtposition zu sichern, kam, wie oben schon erwähnt, Bismarck auch den Kolonialbefürwortern entgegen. Sie befanden sich in großer Zahl in den „regierungsfreundlichen" Parteien, während die Kolonialgegner im Lager der bürgerlichen Linken und der Sozialdemokratie zu finden waren. 

Deshalb hat Bismarck – mit Blick auf England – dem deutschen Botschafter in London, Graf Münster, zu verstehen gegeben, dass die Kolonialfrage „schon aus Gründen der inneren Politik" als eine „Lebensfrage" für die Reichsregierung dargestellt werden müsse. Und weiter: „Die öffentliche Meinung legt gegenwärtig in Deutschland so starkes Gewicht auf die Kolonialpolitik, dass die Stellung der Regierung im Innern von dem Gelingen derselben abhängt."Das war die Legitimation seines kolonialpolitischen Wandels. Nur „der Druck der Mehrheit", so Bismarck, „hat mich bestimmt, zu kapitulieren und mich unterzuordnen." 6 Kolonien konnten nunmehr ohne größere Rückwirkung für die deutschen außenpolitischen Beziehungen in Besitz genommen werden. 

Die Deutschen waren spät dran in Afrika. Die Briten waren mit ihren Besitzungen, der so genannten Achse Kairo – Kapstadt, fast fertig. Die Franzosen hatten sich den größten Teil West-Zentral- und Äquatorialafrikas gesichert und der Kongo war schon lange in „Privatbesitz" des belgischen Königs Leopold II. Bismarck konnte nun, wenn auch widerwillig, wie weiter oben schon genannt, den deutschen Konquistadoren, Abenteurern und Großkaufleuten die erforderlichen „Schutzbriefe" erteilen. 

Allerdings wurden dieselben geheim gehalten und erst Ende 1884, nach der „Kongokonferenz", mit Rücksicht auf England, ausgegeben. Somit waren die „Gründerpioniere"Alfred Lüderitz für Deutsch-Südwestafrika und Carl Peters (1856–1918) für Deutsch-Ostafrika, am Ziel ihrer Wünsche. Gleichzeitig ernannte Bismarck den bekannten Afrikaforscher Dr. Gustav Nachtigal (1834–1885), zum „Reichskommissar für die Westküste und Afrika". Die Geburtsstunde der deutschen Kolonialpolitik war damit eingeläutet. Von nun an ging es Schlag auf Schlag. In nur einem Jahr erwarb das Deutsche Reich vier „Schutzgebiete" in Afrika. 

In Folge der Berliner „Kongo"-Konferenz wurden Deutsch-Südwest, Togo, Kamerun und Tanganjika, späteres Deutsch-Ostafrika, sowie Ruanda und Urundi an den großen Seen endgültig den Deutschen zugeschlagen. Bis zur Jahreswende kamen nur noch in der Südsee Deutsch-Neuguinea, einige Südseeinseln wie Deutsch-Samoa und das Pachtgebiet Kiautschou in China dazu. Damit besaß Deutschland ein Kolonialgebiet, das fast sechsmal so groß war wie das Mutterland selbst. 

Ab sofort, so Bismarck, haben alle deutschen Kaufleute und Unternehmer Anspruch auf Schutz ihrer Tätigkeit, Erwerbungen und ihre Niederlassungen, die auf bisher herrenlosem, von keiner anderen Macht beanspruchtem Lande liegen.7 Bismarck erfand das Wort „Schutzgebiete", um die überseeischen Territorien nicht „Kolonien" nennen zu müssen. 

Der Kanzler war der Meinung, dass privatwirtschaftliche Interessen Vorrang hätten, Reich und Kaiser lediglich „Schutz" gewähren sollten. Sein Ziel war der regierende Kaufmann und nicht der regierende preußische Militär oder Beamte. Die Kolonien sollten sich möglichst selbst verwalten und auch tragen. Bismarcks Vorbild war zu dieser Zeit die British East India Company. Doch Bismarcks Vorstellungen einer privatwirtschaftlichen Kolonialplanung scheiterten in Kürze ebenso, wie das britische Company- Verwaltungssystem.8 Die Folgen seines kolonialpolitischen Engagements konnten nun nicht mehr rückgängig gemacht werden. Sowohl aus nationalen und internationalen Prestigegründen als auch auf Grund der sich in den Kolonien entfaltenden eigengesetzlichen Schubkraft gab es für den Reichskanzler keinen Weg mehr zurück. Schon nach vier Jahren mussten alle Protektorate in Reichskolonien umgewandelt werden, um die sich nunmehr eine Kolonialabteilung in Deutschland unter dem Dach des Auswärtigen Amtes in Berlin zu kümmern hatte. Damit war Bismarck kolonialpolitisch fast aus dem Rennen. 

Da auch die von der Kolonialpolitik „Schutztruppler" auf Nama-Gebiet beherrschten Wahlen nicht den er- 

hofften Erfolg hatten, war Bismarck kaum noch bereit, das koloniale Experiment fortzusetzen. Offenherzig äußerte er sich einem seiner engsten Mitarbeiter im Auswärtigen Amt, Boetticher, gegenüber: „Die ganze Kolonialgeschichte ist ja Schwindel, aber wir brauchten sie für die Wahlen."9 Mit „Kolonialschwindel", meinte Bismarck auch das unrechtmäßige Aushandeln von Verträgen durch Glücksritter und Abenteurer wie Carl Peters mit afrikanischen Häuptlingen. Wir kommen auf Peters noch zurück. 

Interessanterweise benutzte auch Friedrich Engels (1820–1895) die „Wortschöpfung" Bismarcks in einem Brief an Eduard Bernstein (1850– 1932), als er schrieb: „Übrigens hat Bismarck mit dem Kolonialschwindel einen famosen Wahlcoup gemacht. 

Darauf fällt der Philister hinein, ohne Gnade und massenhaft."10 Die Bismarckforschung hat eine bemerkenswerte und interessante Meinung zum Reichskanzler entwickelt: „Als Gesamterscheinung betrachtet, war Bismarck weit eher ein Hemmschuh, ja ein Opfer, als ein Förderer imperialistischer Politik."11 Auch in dieser Beziehung bewahrheitete sich Bismarcks eigene grundlegende Erkenntnis, dass der Staatsmann das Staatsschiff allenfalls „im Strom der Zeit", aber nicht gegen den Strom steuern könne. 12 Zurück zur so genannten „Kongokonferenz". 

Am 15. November 1884 hatte Bismarck in den großen Festsaal des Reichskanzlerpalais eingeladen. 

Alles was Rang und Namen unter den Weltmächten hatte war anwesend. 

Diplomaten Großbritanniens, Frankreichs, Russlands und vieler weiterer europäischer Staaten sowie die Abgesandten der USA und des Osmanischen Reiches. Ein einmaliger geschichtlicher Vorgang. Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit haben sich Staaten eines Kontinents zur Aufteilung eines anderen zusammengefunden, eines Erdteils, dessen rechtmäßige afrikanische Herrscher weder eingeladen waren, geschweige denn von dieser Aufteilung Kenntnis hatten. 

Im eurozentrischen Weltbild war kein Platz für ein Selbstbestimmungsrecht. 

Den Europäern ging es nur um ihre eigenen kommerziellen Interessen, nicht die der Einheimischen, die vollständig entrechtet wurden. Die Kolonialmächte gingen damals ganz selbstverständlich davon aus, dass Eingeborene sich ohnehin nicht selbst regieren könnten. 

Deshalb verfasste man sozusagen als europäischen „Entwicklungsauftrag" gegenüber Afrika einen „Aufruf", in dem sich die anwesenden Großmächte verpflichteten, „die Eingeborenen zu unterrichten und ihnen die Vorteile und Werte der Zivilisation verständlich zu machen". 13 Offiziell ging es auf der Berliner Konferenz nur um die Errichtung einer Freihandelszone im Kongo, aber der europäische Hochimperialismus steckte bei dieser Gelegenheit die neuen Grenzen seiner Kolonien mit Bleistift und Lineal ab. Die schnurgeraden Grenzlinien vieler afrikanischer Staaten erinnern noch heute an diesen historisch einmaligen Vorgang. 

Und Deutschland, die „verspätete Nation", schnitt bei diesem „Afrika- Monopoly", wie es der Historiker Guido Knopp bezeichnete, gar nicht so schlecht ab. Die schwarz-weiß-rote Flagge des Kaiserreichs wehte nun über ein gewaltiges Gebiet. Gemessen an seinem überseeischen Landbesitz war das Deutsche Reich nun die viertgrößte Kolonialmacht der Welt geworden und herrschte über 14 Millionen Eingeborene. 

H Den Leserinnen und Lesern dürfte spätestens hier interessant erscheinen, was Karl Marx und Friedrich Engels schon 1848 im „Kommunistischen Manifest" schrieben: „Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen."14 Der Historiker W. Mommsen sah in Marxens Artikel „Über die britische Herrschaft in Indien", den jener für die „New York Times" verfasst hatte, sogar positive Momente für den globalen Kolonialisierungsprozess. Die Ausbreitung des Kapitalismus, auch über die bisher unerschlossenen Gebiete der Welt betrachtete Marx, so Mommsen, ganz unsentimental als letzten Endes im Interesse der Menschheit liegend, so viel Leid auch damit verbunden sei. In historischer Perspektive erschien Marx beispielsweise die sukzessive Eroberung Indiens durch das British Empire als objektiv fortschrittlich, wurden doch dadurch nach seiner Ansicht die Herrschafts- und Produktionsmethoden des orientalischen Despotismus ausgerottet und die Grundlage für die moderne Industrie gelegt. 15 Am 26. Februar 1885 endete die Berliner Konferenz mit einem Abschluss- Dokument, der so genannten „Kongoakte". 

Auf Druck Deutschlands und Frankreichs wurden darin Ambitionen Englands und Portugals im Kongo zugunsten Belgiens zurückgestellt, der Kongo aber als Freihandelszone festgehalten. Als oberstes Ziel hatten sich alle teilnehmenden Nationen die Bekämpfung des Sklavenhandels und die Hebung der sittlichen wie materiellen Wohlfahrt Unzivilisierter auf die Fahnen geschrieben. Sozialdarwinistisches Denken (Recht des Stärkeren), wie es damals als Völkerrecht verstanden wurde, fand sich auch im Text der „Kongo"-Akte wieder: „a) Nur Zivilisierte im Sinne der Vertragsgemeinschaft können Herren sein, b) Zivilisierte sollen sich untereinander nicht bekämpfen, da, wenn es darauf ankommt, der Unzivilisierte der eigentliche Gegner ist."16 Daneben verpflichtete man sich, bei europäischen Kriegen die Kolonien als neutrales Gebiet zu betrachten und auch keine Kolonialtruppen in Europa einzusetzen. Für den deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck, war diese internationale Berliner „Kongo"-Konferenz ein gewaltiger außenpolitischer Erfolg, denn sie besiegelte letztlich die Aufnahme des Reiches in den Kreis der illustren Kolonialmächte. 

Anmerkungen: 1 Friedrich Fabri, Bedarf Deutschland der Colonien? Eine politisch-ökonomische Betrachtung, Gotha 1879, S. 11 f. 

2 Zit. nach: Werner Richter, Bismarck, Frankfurt am Main, 1962, S 432. 

3 Horst Gründer (Hg.): „… da und dort ein junges Deutschland gründen" . Rassismus, Kolonien und kolonialer Gedanke vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. München 1999, S. 66 f. 

4 H. v. Poschinger (Hg.): Bismarck und die Parlamentarier, Bd. III, Breslau 1896, S. 54. 

5 W. Bußmann (Hg.): Staatssekretär Graf Herbert v. Bismarck. Aus seiner politischen Privatkorrespondenz, Göttingen 1964, S. 259 9 Die geheimen Papiere Friedrich v. Holstein, Bd. II, Tagebuchblätter, Göttingen 1957, S. 174. 

10 Friedrich Engels an Eduard Bernstein, in: Marx/Engels Werke (MEW), Bd. 36, Berlin 1967, S. 207. 

11 Georg Hallgarten, War Bismarck ein Imperialist? Die Außenpolitik des Reichsgründers im Lichte der Gegenwart, Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 22, 1971, S. 264. 

12 Vgl. Horst Gründer, a. a. O., S. 60. 

13 Zit. nach: Guido Knopp, a. a. O., S. 11/12. 

14 Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, in: MEW, Berlin 1967, Bd. 4, S. 465. 

15 Wolfgang Mommsen, Imperialismustheorien, Imperialismusinterpretationen, Göttingen 1987, S. 10. 

16 Bernd G. Längin, Die deutschen Kolonien, Schauplätze und Schicksale 1884–1919, Hamburg/Berlin/Bonn 2004, S. 41. 

 

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