Heerschau von Kriegern   

Vor 75 Jahren in Berlin: Siegesparade der faschistischen deutschen »Legion Condor« nach ihrem Einsatz in Spanien 1936–1939   

Peter Rau  

In: junge Welt online vom 07.06.2014  

  

Mit der Siegesparade der aus Spanien heimgekehrten »Legion Condor« der Nazi-Wehrmacht war am 6. Juni 1939 in der Reichshauptstadt ein großes militaristisches Spektakel angesagt. Knapp drei Jahre nach den Olympischen Spielen sorgte Berlin damit erneut für weltweite Aufmerksamkeit. Doch während im August 1936 noch das sich weltoffen und friedfertig gebende Naziregime im Mittelpunkt des Interesses stand, war es nun eine martialische Heerschau der Wehrmacht, die nach ihrem ersten Einsatz im Ausland bereits kommendes kriegerisches Unheil erahnen ließ.  

Was drei Jahre lang einerseits strikt geheimzuhalten versucht und andererseits schlicht geleugnet bzw. als böswillige kommunistische Propaganda verleumdet worden war, wurde nun offen demonstriert; es unterlag keinem staatlich verfügten Tabu in Form irgendwelcher streng »Geheimen Reichssachen« mehr. Hatte es noch im Dezember 1936 geheißen, Deutschland habe »keinerlei Truppenverbände oder Einheiten nach Spanien geschickt«, galt seit Ende Mai 1939 die Presseanweisung aus Goebbels' Propagandaministerium: »Am 30. Mai ist für die Abendausgaben der Name rLegion Condorl endgültig frei. Die Berichte (über den Einsatz der Wehrmacht auf der Iberischen Halbinsel - P. R.) müssen ganz groß herauskommen.« An jenem Tag hatte der Rücktransport der Legionäre aus Spanien begonnen. Daraufhin überschwemmten Zeitungs- und Zeitschriftenberichte sowie Bücher über den Einsatz der bis dahin als geheim geltenden Elitetruppe förmlich das Land. Daß all das auf der vorgegebenen Linie von wegen »Abwehr bolschewistischer Gefahr« und so lag, versteht sich von selbst.  

Dabei begann die militärische Intervention Hitlerdeutschlands zugunsten der spanischen Faschisten um General Francisco Franco lange vor dem nun »freigegebenen« Gründungsdatum der Legion am 6. November 1936. Bereits wenige Tage nach dem Militärputsch vom 17./18. Juli gegen die im Februar des Jahres rechtmäßig gewählte Volksfrontregierung waren die Aufrührer mit der Bitte um dringend benötigte Hilfe in Berlin wie übrigens auch in Rom vorstellig geworden und hatten entsprechendes Gehör gefunden: Ihnen fehlten die Kapazitäten zum Übersetzen ihrer in Spanisch-Marokko festsitzenden Truppen. Bereits Ende Juli wurde daraufhin mit deutschen Ju-52-Transportflugzeugen eine Luftbrücke zur Iberischen Halbinsel installiert. Mit der konnten in den nächsten Wochen rund 15000 Franco-Söldner und 300 bis 500 Tonnen Kriegsmaterial über das Mittelmeer befördert werden. Zeitgleich machten sich Jagdflieger und Bomberpiloten mit ihren Maschinen auf den Seeweg nach Spanien. Koordiniert wurden diese Transporte von einem am 27. Juli eingerichteten »Sonderstab W« bei Luftwaffenchef Hermann Göring.  

Unvollständigen Angaben zufolge wurden allein bis Ende Oktober 1936 von den Nazis 87 Flugzeuge nebst dazugehörigen Bomben, über 30 Fliegerabwehrgeschütze, mehr als 40 Panzer, 50 Granatwerfer, 30000 Gewehre und 212 MG inklusive passender Munition geliefert. Als knapp zwei Wochen vor der diplomatischen Anerkennung des inzwischen in Burgos etablierten Franco-Regimes durch Hitlerdeutschland am 18. November dieses komplette Luftwaffenkorps von seinem Chef, Generalmajor Hugo Sperrle, einsatzbereit gemeldet wurde, verfügte es über 48 Bomben- und ebenso viele Jagdflugzeuge.  

Hinzu kamen Aufklärer- und Seefliegerkräfte, eine Flak- und eine Nachrichtenabteilung der Luftwaffe sowie verschiedene Heereseinheiten mit wenigstens vier Panzerkompanien. Die Personalstärke lag bei 5500 bis 6000 Mann. Das waren doppelt so viele, wie auf der anderen Seite deutsche Antifaschisten im gesamten Kriegsverlauf in den Internationalen Brigaden oder der spanischen Volksarmee die Volksfront zu verteidigen halfen.  

Verglichen mit dem Truppenkontingent von bis zu 150000 Mann, das Italiens Diktator Benito Mussolini nach Spanien befohlen hatte, nahm sich das deutsche Expeditionskorps relativ bescheiden aus, auch wenn dort durch regelmäßigen Personalaustausch insgesamt über 25000 Wehrmachtsangehörige zum Einsatz abkommandiert wurden. Umso stärker fiel die Bereitstellung deutschen Kriegsgeräts ins Gewicht. Deren Lieferung summierte sich, wie spätere Berechnungen ergaben, während der fast drei Jahre währenden Kämpfe auf die gigantische Summe von mehr als 540 Millionen Reichsmark. Im Gegenzug kassierten die Nazis diverse wirtschaftliche Zugeständnisse des an strategischen Rohstoffen reichen Landes. Dafür waren Hitlers Legionäre an allen bedeutenden Schlachten beteiligt, von der Bombardierung Madrids im August 1936 bis zu den Attacken gegen die katalanische Metropole Barcelona Ende 1938, Anfang 1939. Für ewig verbunden bleibt der Name der solcherart blutbefleckten »Legion Condor« mit der Zerstörung des baskischen Städtchens Gernika (spanisch: Guernica). Das war am 26. April 1937 »buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht« worden, wie Oberst Wolfram von Richthofen, seinerzeit Stabschef und im Jahr darauf selbst, inzwischen zum Generalmajor befördert, Kommandeur der Legion notierte.  

Nun also marschierten diese Männer am 6. Juni 1939 durch das mit zahllosen Hakenkreuzfahnen herausgeputzte Berlin. Die Kinder hatten für diesen sonnigen Dienstag extra schulfrei bekommen. Bereits am Tag zuvor war im Bezirk Zehlendorf die Wannseestraße feierlich in Spanische Allee umbenannt worden - als Zeichen der engen Verbundenheit mit der in Madrid errichteten Diktatur des zum »Caudillo« (Führer) selbsternannten Generals Franco.  

Zu ihrer Siegesparade, die sie über die Prachtstraße Unter den Linden an der versammelten Naziprominenz und einem dichten Spalier von Hunderttausenden vorbei zum Lustgarten führen sollte, hatten pünktlich um 10 Uhr zwischen 15000 und 20000 Legionäre hinter dem Brandenburger Tor Aufstellung genommen. Alle waren mit dem eigens gestifteten Spanienkreuz in Bronze, Silber oder Gold dekoriert, das insgesamt 26116mal verliehen worden war. Während des die Heerschau beschließenden »Siegesappells« vor dem Alten Museum im Lustgarten hatte Hitler in markigen Worten den Einsatz in Spanien als »Kampf für Deutschland« und »Denkzettel für unsere Gegner« bezeichnet.  

Doch die wenigsten Zuhörer dürften da bereits gewußt haben, was nur ein Vierteljahr später auf sie zukommen würde.  

Hinweis: Der Verein »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939« (KFSR) lädt zu einem Vortrag von Prof. Wolfgang Wippermann »Über ganz Spanien wolkenloser Himmel« und zu den Verbrechen der »Legion Condor« ein.  

Samstag, 14. Juni, 18 Uhr, Cafe Sibylle, Berlin-Friedrichshain, Karl-Marx-Allee 72  

Quellentext: Luftwaffenchef Hermann Göring und Jagdflieger Johannes Trautloft  

Vor dem Nürnberger Militärtribunal sagte Reichsmarschall Hermann Göring am 14. März 1946 zum Einsatz der »Legion Condor« u.a. aus:  

»Als in Spanien der Bürgerkrieg ausgebrochen war, sandte Franco einen Hilferuf an Deutschland um Unterstützung, besonders in der Luft. (...) Ich sandte mit Genehmigung des Führers einen großen Teil meiner Transportflotte und sandte eine Reihe von Erprobungskommandos meiner Jäger, Bomber und Flakgeschütze hinunter und hatte auf diese Weise Gelegenheit, im scharfen Schuß zu erproben, ob das Material zweckentsprechend entwickelt wurde.  

(...)«  

Zu den Paradeteilnehmern am 6. Juni 1939 gehörte auch der damals 27jährige Oberleutnant Johannes Trautloft. Über den späteren Generalleutnant der Luftwaffe der BRD hieß es 1965 im DDR-Braunbuch über die Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik:  

»Johannes Trautloft gehörte zu den ersten sechs Jagdfliegern, die Hitler im Juli 1936 zur Unterstützung der Franco-Faschisten und zur Erprobung seiner neuen Mordwaffen nach Spanien schickte. Als rFreiwilligerl der rLegion Condorl ließ er seine Maschinengewehrsalven auf wehrlose spanische Kinder, Frauen und Greise niederhageln oder flog Geleitschutz für faschistische Bombengeschwader. (...) Nach 1945 widmete sich dieser Mörder dem Aufbau neuer militaristischer Organisationen . (...) 1956 erklärte er auf der Burg Klopp in Bingen: rDas Wirken der Legion Condor in Spanien muß der bundesdeutschen Jugend als Vorbild dienen.l«  

  

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Der weiße Fleck  

Wider das Verschweigen: 70 Jahre danach erinnert ein Buch an das Menschheitsverbrechen der SS in Oradour  

Gerd Schumann 

In: junge Welt online vom 30.06.2014 

 

Der Umgang mit Gedenktagen spiegelt den Zustand einer Gesellschaft. Seit jeher neigt die Herrschaft dazu, Geschichte als ihre Geschichte zu sehen und zu vermitteln. Dunkle Kapitel werden ausgesondert oder relativiert. Daß vor 70 Jahren, am 10. Juni 1944, SS-Verbände in der französischen Ortschaft Oradour-sur-Glane ein Menschheitsverbrechen verübten, kommt in der deutschen Erinnerungskultur, wenn überhaupt, lediglich am Rande vor. Bis heute rangiert es ungefähr auf Höhe des 8. Mai als dem Tag der Befreiung vom Faschismus, wird also nahezu ignoriert. Insofern ist das nun veröffentlichte Oradour-Buch von Florence Hervé (Herausgeberin) und Martin Graf (Fotos) zunächst ein dissidentes Werk. Indem es gegen den verordneten Zeitgeist steht, widersteht es ihm und wird zu einem papiernen Meilenstein des Erinnerns, der Mahnung und des Nie-wieder-Postulats. 

Die jahrzehntelange Tabuisierung vermochte selbst der erste Oradour-Besuch eines deutschen Staatsoberhaupts vom September 2013 nicht kaschieren. Er schloß zudem unverschämt - wie dann später auch im griechischen Lyngiades - jegliche Verbindlichkeit aus. Zwar betrat Bundespräsident Joachim Gauck, der Evangelist, Expastor, Exbürgerrechtsbewegte, Exgroßinquisitor für das Gebiet der ehemaligen DDR und derzeitige Apologet deutschen Kriegertums den Ort des Massakers und bedauerte, als Büßer verkleidet, »daß die Mörder nicht zur Verantwortung gezogen wurden«. Das wirkte allerdings, nachdem die Täterschaft fast ausnahmslos das Zeitliche gesegnet hat, eher als Worthülse. 

Tatsächlich war nur ein einziger unter den hundert oder mehr Oradour-Massenmördern von der deutschen Justiz verurteilt worden - 1983 in Berlin/DDR zu »lebenslänglich«. Der kam dann 1997 im neuen großen Deutschland »vorzeitig« frei wegen seines Gesundheitszustands, so die Begründung. Er erlebte noch zehn nette Jahre als Pensionär. Sein Vorgesetzter, SS-General Lammerding, Befehlshaber der Panzerdivision »Das Reich«, schaffte es gar, sich in den Augen weiter Teile der westdeutschen Bevölkerung - der amtlichen Stellen sowieso - rein zu waschen. Er sei nicht verantwortlich, seine Untergebenen hätten eigenmächtig gehandelt, schob er die Verantwortung nach unten ab - konterkarierend sozusagen die sonst gängige, bei Befehlsempfängern beliebte Schuldverweigerung. Als braver, angesehener Bürger entschlief Lammerding 1971 zuhaus in Düsseldorf, wo ihn 200 Kameraden der SS-Nachfolgeorganisation Hiag die letzte Ehre erwiesen. 

Verbrecherehre. »Ungeheuer eines noch unbekannten Schlags« nennt Antoine Soulier, ein Augenzeuge der Erhängung von 99 Männern durch SS-Henker im zentralfranzösischen Tulle, die Mitglieder der Killertruppe. Diese war - kurz nach dem D-Day - in die bis dato stille, lieblich-idyllische Landschaft des Limousin eingefallen und dort zunächst nicht als besonders bedrohlich wahrgenommen worden: Ihre Grausamkeiten hatte sie bisher nicht auf dem französischen Land, sondern weit weg in der Sowjetunion vollbracht, alltäglich, sadistisch, ohne Skrupel, in ungekannten Dimensionen - »verbrannte Erde« im Osten als Vorbote für die Brandschatzungen in anderen besetzten Gebieten zwischen Griechenland über Jugoslawien, Bulgarien und die Tschechoslowakei bis hinüber nach Italien und nun nach Frankreich. 

Die Liste der betroffenen Orte ist lang. Die wahllose Liquidierung von Zivilisten als finaler Teil im Konzept der Hitlerschen Kriegführung gegen Partisanen: Distomo, Anogia, Kommeno, Kefalonia, Klissoura, Lidice, Lezaky, Sant' Anna di Stazzema ... Und: Wie schon 1937 im baskischen Gernika, dem Test der deutschen Faschisten für eine zukünftig luftgestützte Form der Vernichtung, übertraf der Horror die Vorstellungskraft der Opfer von Oradour. 

10. Juni 1944, ein Markttag, Tabakrationen wurden ausgeteilt, die Erstkommunion wurde gefeiert - Robert Hébras, einer von sechs Überlebenden, beschrieb später anschaulich die verfluchte Ahnungslosigkeit, die die Frauen, Männer, Kinder auf die Straßen treten ließ, die Ausweise sollten kontrolliert werden, hieß es, antreten in lockerer Reihe, Routine. Nur Roberts Freund Martial spürt die Gefahr und rennt weg. Robert schüttelt den Kopf über Martials Aufregung, er kennt die Uniformen aus dem nahen Limoges, sie gehören zum Alltagsbild, und der Bäcker, der den SS-Leuten sagt, daß er das Brot aus dem Ofen holen müsse, es verkohle sonst, läßt sich abwimmeln. 

Hébras: »Er versuchte zu lächeln und kehrte zum Gespräch mit den anderen in der Nähe zurück.« Die unterschwellig vorhandene Angst wird solange verdrängt, bis sie wahr wird. 

Die Waffen sprechen, die Zündschnüre am Dynamitpaket in der Kirche brennen herunter, Maschinengewehre feuern auf die Wehrlosen, auf die Schüler, sechs Scheunen in Flammen - es sollen keine Spuren von den 642 Opfern der SS-Division und deren Regiment »Der Führer« bleiben. Sprengungen, Feuer, die Leichen verstümmelt, zertrümmert und verbrannt, unkenntlich gemacht - ein letzter Versuch der Barbaren, ihre Barbarei zu verbergen, was nicht gelingen kann. 

Sie haben »die Kraft der schweigenden Zeugen unterschätzt«, schreibt Martin Graf über die Wirkung der grauen Überreste Oradours. Florence Hervé fordert, daß Gaucks Gedenken genutzt werde, »an deutschen Schulen künftige Generationen über das Verbrechen von Oradour aufzuklären«. Ein unverzichtbares Anliegen in Zeiten, in denen der 10. Juni ohne einen Hauch von offiziellem Gedenken vergangen ist, sieben Tage später dagegen der ungerade Jahrestag des 17. Juni von Staats wegen zelebriert wird; unverzichtbar in Zeiten, in denen das Weltkrieg-eins-Jubiläum zur Umdeutung der Geschichte genutzt wird. Imperialismus? Kolonialismus? Nie gehört! 

Das Oradour-Buch dokumentiert, was geschehen ist, liefert den O-Ton der Überlebenden und bildet zudem den literarischen und dichterischen Umgang mit dem Schrecken ab - mit Texten von Louis Aragon, André Besson, Madeleine Riffaud, Vercours. Es faßt Geschichte in Bilder - visuell und in den Köpfen der Leser. 

Wenn schließlich die in Oradour ermordete und verbrannte junge Lehrerin Denise Bardet aus ihrem Tagebuch zitiert wird, das Deutschland der Nazibarbarei sei nicht »das Deutschland des Exils«, drängt sich die Frage auf: Wie war es möglich, daß dieses Deutschland der Massenmörder und der schweigenden Mehrheit entstehen konnte? Die Antwort ist systemerschütternd, weil sie auf die Spur der indirekten Täter aus den Kommandozentralen der Industrie führt. 

Florence Herve (Hrsg.), Martin Graf (Fotos): Oradour. Geschichte eines Massakers/Histoire d'un massacre (dt./franz.), PapyRossa Verlag, Köln 2014, 144 S., 18 Euro 

Die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf e.V zeigt bis 14. September im Maxhaus, Schulstraße 11, eine Ausstellung über die Vernichtung Oradour-sur-Glane mit Fotografien von Martin Graf ( 

www.gedenk-dus.de) 

 

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