Deutscher Orient-Express  

Hintergrund. Vor 80 Jahren gründete sich der Deutsche Orient-Verein, um deutsche Expansionsinteressen in dieser Region zu bündeln. Seine Nachfolgeorganisation, der Nah- und Mittelost-Verein, steht dem heute in nichts nach  

Jörg Kronauer 

In: junge Welt online vom 31.05.2014 

 

Wir müssen aufpassen, daß der Zug da nicht ohne uns abfährt«, sagt Rainer Seele. Eine ganze Seite hatte das Handelsblatt für das Interview zu Jahresbeginn mit dem Vorstandsvorsitzenden der BASF-Öl- und Gastochter Wintershall reserviert, der im Juni 2013 zum neuen Vorsitzenden des Nah- und Mittelost-Vereins (NUMOV) gewählt wurde. Wie sich aktuell die deutschen Wirtschaftsbeziehungen in die arabische Welt gestalten, will das Blatt von ihm wissen. »Deutschland hat traditionell gute Beziehungen in den Mittleren Osten«, erklärt Seele, »doch wir müssen zusehen, daß wir die Chancen, die sich aus den Veränderungen in der Region ergeben, auch entschlossen nutzen.« Man stehe schließlich »im Wettbewerb« mit anderen Staaten und deren Industrie. Der Wintershall-Manager weiß sehr genau, wovon er spricht: Sein Unternehmen ist in der arabischen Welt, genauer in Libyen, schon seit mehr als einem halben Jahrhundert aktiv, und es hat vor ein paar Jahren auch den Einstieg am Persischen Golf gewagt - in der Erdgasbranche Katars und der Vereinigten Arabischen Emirate. Die Geschäfte dort sind hart umkämpft, man tut also gut daran, sich zur Markteroberung zusammenzuschließen - zum Beispiel im NUMOV, dem bedeutendsten deutschen Außenwirtschaftsverband für Nordafrika, Nah- und Mittelost. 

Verankert im Establishment 

Der NUMOV, dessen offizieller Gründungstag sich am gestrigen 30. Mai zum 80. Male jährte, bezeichnet sich selbst als »Dienstleister«, der »die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens« systematisch fördern will. Zu seinem Portfolio gehören alle Länder der arabischen Welt, ferner Israel, Iran, Afghanistan, Pakistan, die Türkei und die Länder des südlichen Kaukasus und Zentralasiens. Das Angebot, das der Verein für seine Mitglieder bereithält, gleicht demjenigen aller großen Außenwirtschaftsverbände: Er informiert interessierte Unternehmer über ihre Zielregionen, stellt Kontakte her, organisiert Vorträge und Seminare, Delegationsreisen und Konferenzen. Ob man eine Messebeteiligung im Nahen Osten anstrebt oder nur an einem Arabisch-Schnellkurs mit interkultureller Ausrichtung teilnehmen will, um die Geschäftspartner aus einem Golfemirat nicht schon beim ersten Handschlag ungewollt zu brüskieren: Beim NUMOV sind Vertreter expandierender deutscher Firmen stets am richtigen Platz. Der Verein gehört, was Nah- und Mittelostgeschäfte betrifft, in Deutschland seit 80 Jahren zu den ersten Adressen. 

Wie fest der NUMOV im deutschen Wirtschaftsestablishment verankert ist, das kann man an den Unternehmen erkennen, die Führungspersonal in den Vorstand des Verbandes entsenden. Da wären neben Wintershall etwa der Wiener Öl- und Gaskonzern OMV sowie die Herrenknecht AG zu nennen, die unter anderem Tiefbohranlagen zur Erschließung von Erdöl- und Erdgasquellen produziert. 

Vertreten sind die Deutsche Bank (mit dem Vorstandsvorsitzenden Jürgen Fitschen persönlich) und die UniCredit, Porsche und die DB International. 

Die Bilfinger SE schickt ein Vorstandsmitglied in den NUMOV-Vorstand, ebenso die Ferrostaal Industrieanlagen GmbH und die Rüstungsschmiede Rheinmetall, deren Leopard-Panzer sich bekanntlich auf der arabischen Halbinsel großer Beliebtheit erfreut. Dermalog, ein - laut eigenen Angaben - »international führendes Unternehmen im Bereich der biometrischen Identifikationssysteme«, ist ebenfalls im NUMOV-Vorstand präsent. Das gilt auch für die Kreditanstalt für Wiederaufbau und die Entwicklungsagentur GIZ sowie für politindustrielle Urgesteine der letzten 15 Jahre: Ex-Bahn-, Ex-Air-Berlin- und Noch-Hauptstadtflughafenchef Hartmut Mehdorn, Ex-Bundeswirtschaftsminister Michael Glos und - seit 2006 gar als NUMOV-Ehrenvorsitzender - Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Man hat schon schwächer besetzte Vorstände gesehen. 

Aus Sicht der herrschenden Kreise der Bundesrepublik ist das der Sache, die auf dem Spiel steht, allerdings durchaus angemessen. Zum einen geht es - darauf hat NUMOV- und Wintershall-Chef Seele im Handelsblatt-Interview hingewiesen - um die Region, in der »70 Prozent der Weltölreserven und 45 Prozent der globalen Gasvorkommen« liegen. Für Deutschland, diese »rohstoffarme Wirtschaftsnation«, sei das, bekräftigt Seele, von hoher Bedeutung. Zum anderen geht es - Beispiel Tunesien - um wichtige Niedriglohnstandorte und vor allem, das ist in der Krise besonders hervorzuheben, um einige große Absatzmärkte. Saudi-Arabien etwa hat die Importe aus Deutschland von einem Volumen von knapp 5,8 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf ein Volumen von gut 9,2 Milliarden Euro im Jahr 2013 gesteigert, ist damit von Platz 35 auf Platz 24 der deutschen Ausfuhrrangliste geklettert und hat Länder wie Griechenland, Kanada, Mexiko oder Indien hinter sich gelassen. Die Vereinigten Arabischen Emirate kaufen noch größere Mengen deutscher Produkte und haben ihre Einfuhr aus der Bundesrepublik von einem Wert von 7,6 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf einen Wert von fast zehn Milliarden Euro im Jahr 2013 ausgedehnt. Sie erreichen damit beinahe Brasilien, einen traditionellen Großkunden der deutschen Industrie. Das alles ist zwar weit von den deutschen Liefermengen an Rußland oder gar an China entfernt, aber immerhin. Zudem sind die Golfdiktaturen schwerreich und damit auf Dauer potente Käufer. Und: Sie gelten dank ihrer brutalen Repression als »stabil«. Mit einem unruhebedingten Lieferausfall ist also nicht zu rechnen. 

Daß das so bleibt, darauf arbeiten auch der NUMOV und seine Mitgliedsfirmen hin. Der deutsche Außenwirtschaftsverband führt nicht nur Veranstaltungen zu Themen wie »Marktentwicklung und Geschäftschancen in der Bahnindustrie« ausgewählter arabischer Diktaturen, »Solar- und Windenergie in Pakistan« oder »Arbeitsbedingungen in den Golfstaaten« durch (über letztere weiß man seit dem Skandal um die Todesopfer unter den Arbeitern auf den Baustellen der Stadien für die Fußball-WM 2022 in Katar ja hinlänglich Bescheid). Der NUMOV befaßt sich durchaus auch mit heikleren Themen, etwa mit der Repressionsbranche. Ende September 2012 führte er beispielsweise eine »Informationsreise« für rund 20 »Entscheidungsträger und Multiplikatoren« aus den Diktaturen der arabischen Halbinsel durch, denen in Nordrhein-Westfalen deutsche »Security«-Firmen vorgestellt wurden. 

Höhepunkt: die erste German-GCC Security Conference am 24. September 2012 in Düsseldorf. (GCC, Gulf Cooperation Council oder Golfkooperationsrat, heißt der Zusammenschluß von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, Bahrain und Oman). Finanziert wurde die German-GCC Security Conference vom Bundeswirtschaftsministerium. 

Die Veranstaltung hat damals eine gewisse Aufmerksamkeit erregt. Den Willkommensgruß sprach laut Einladungsschreiben Klaus Eberhardt, zu diesem Zeitpunkt nicht nur NUMOV-Vorstandsmitglied, sondern auch Chef der Panzerschmiede Rheinmetall. Die »steigende Nachfrage nach Sicherheitstechnologien und -diensten in den GCC-Staaten« sollte ein Mitarbeiter des emiratischen Innenministeriums schildern; das ist eines der Ministerien, deren segensreiches Wirken Gegenstand umfangreicher Berichte von Human Rights Watch und anderen Menschenrechtsorganisationen ist. Den Ausführungen des Mannes sollte eine Einschätzung der »Chancen für bilaterale Kooperation zwischen Deutschland und den GCC-Staaten auf dem Sicherheitssektor« durch einen kundigen Beamten aus dem Bundeswirtschaftsministerium folgen. Best-Practice-Beispiele kamen dem Einladungsschreiben zufolge von einem Mitarbeiter der Biometriefirma Dermalog (NUMOV-Mitglied) und von einem Rheinmetall-Mann. Die Linksfraktion hakte im Bundestag nach - und erfuhr von der Bundesregierung, sie habe sich die Konferenz 30000 bis 40000 Euro kosten lassen: schließlich ging es darum, das konnte man der Regierungsantwort entnehmen, »Deutschland als Hightechstandort für rzivile Sicherheitstechnologien und -dienstleistungenl« zu promoten. 

Daß der NUMOV mit seinen Veranstaltungen prinzipiell auf Regierungslinie liegt, das kann man ohnehin mit gutem Gewissen annehmen - allzu eng ist seine Anbindung vor allem an das Berliner Außenministerium. Ein Protokollchef a.D. des Auswärtigen Amts und zehn deutsche Botschafter a.D. 

gehören seinem Beirat an, darunter Bernd Mützelburg, der zeitweise sogar die Abteilung für Außen- und Sicherheitspolitik im Bundeskanzleramt leitete: von 2002 bis 2005, also unter dem damaligen Kanzler und heutigen NUMOV-Ehrenvorsitzenden Gerhard Schröder. Mit Gabriela Guellil gehört auch eine aktive Diplomatin dem NUMOV-Beirat an. Guellil ist zur Zeit deutsche Botschafterin auf Zypern. Vorteilhaft dürfte darüber hinaus sein, daß das Gremium auch Gerhard Sabathil zu seinen Mitgliedern zählt. Sabathil war in den vergangenen Jahren in verschiedenen höheren Funktionen im Europäischen Auswärtigen Dienst aktiv. 

Im Dienste deutscher Expansion 

Die Ursprünge des NUMOV liegen in den 1930er Jahren - und wie die Ursprünge der anderen großen deutschen Außenwirtschaftsverbände sind sie eng mit einer konkreten Phase der deutschen Expansion verknüpft. Als erster Außenwirtschaftsverband war der Ostasiatische Verein im Jahr 1900 gegründet worden, um die kolonialen Bestrebungen des Kaiserreiches in Ostasien mit Lobbyaktivitäten zugunsten deutscher Kolonialfirmen zu begleiten. Der Ibero-amerikanische Verein kam 1916 erstmals zusammen, um den weltkriegsverursachten Rückschlägen, die die deutsche Wirtschaft in Lateinamerika erlitt, etwas entgegenzusetzen. Der Afrika-Verein wurde zum 1. Januar 1934 in Hamburg ins Vereinsregister eingetragen. Damals, das rief Bundespräsident Horst Köhler 2009 in einer Rede zum 75jährigen Jubiläum des Verbandes in Erinnerung, »hatte die Welt mit den Folgen der Wirtschaftskrise zu kämpfen« - und eine Option bestand darin, sich neue Absatzgebiete durch die Wiedergewinnung von Kolonien zu verschaffen. Einer zweiten, alternativen Option widmete sich der Deutsche Orient-Verein, der sich am 30. Mai 1934 in der Berliner Jägerstraße 2-3 gründete, dem Vereinsheim des Club von Berlin. Das war ein elitärer Herrenzirkel, dem Männer wie Carl Bosch und Carl Duisberg von der I.G. Farben oder Carl Friedrich von Siemens angehörten. Die Expansionsstrategie, die dort beraten, ausformuliert und umgesetzt wurde, war die »Option Nah- und Mittelost«. 

In großem Maßstab war diese Option erstmals Ende des 19. Jahrhunderts vorangetrieben worden. Der im Jahr 1899 »an die deutsche Industrie vergebene Auftrag zum Bau der Bagdadbahn blieb lange Zeit ein Höhepunkt des wirtschaftlichen Engagements Deutschlands im Nahen Osten«, schreibt der NUMOV in einem Rückblick auf seine Geschichte. Nach dem Ersten Weltkrieg sei dann allerdings »Deutschlands Einfluß in der Region« erheblich geschrumpft. »Viele Unternehmen« seien bekanntlich »im Zuge der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre in Schwierigkeiten« geraten. 

Daraufhin hätten sich deutsche Firmen im Bemühen um neue Expansionschancen zu Beginn der 1930er Jahre unter dem Label Irak-Industriekonsortium organisiert, »um ihre Interessen in der Region zu bündeln«. Am 30. Mai 1934 mündeten die Bestrebungen schließlich in die Gründung des breiter angelegten Deutschen Orient-Vereins. Als dessen erster Vorsitzender amtierte Hermann Reyss, »Übersee«-Spezialist und Direktor bei Siemens. Im Vorstand waren führende deutsche Unternehmen vertreten: so etwa die I.G. 

Farben (Heinrich Gattineau, Hermann Waibel), die Allianz (Ernst-Justus Ruperti), die Dresdner und die Deutsche Bank, letztere mit ihrem unvermeidlichen »Außenminister« Kurt Weigelt, der seine Kolonialideen auch im Geschäftsführenden Ausschuß des Afrika-Vereins und als Leiter der Abteilung Wirtschaft im Kolonialpolitischen Amt der NSDAP vorantrieb. 

Krupp, MAN, Julius Berger und Hochtief sowie die Deutsche Levante-Linie (Ernst Godeffroy) waren im Vorstand des Deutschen Orient-Vereins ebenfalls vertreten. 

Zu den ersten großen Schwerpunktzielen des Deutschen Orient-Vereins gehörte die Expansion nach Persien beziehungsweise, wie das Land seit dem 27. 

Dezember 1934 heißt, Iran. Der Schah hatte Interesse, mit den Deutschen - durchaus auch mit den Nazis - gegen die Briten und die Sowjets zu paktieren. Da paßte es nur zu gut, daß sich das Land in jener Zeit offiziell den Namen Iran - »Land der Arier« - gab, der gleichwohl inoffiziell schon lange bestand. Die Öffnung Teherans für die deutsche Wirtschaft, die bereits zuvor spürbar gewesen war, wurde vom Orient-Verein mit aller Macht vorangetrieben. Die Deutsch-iranische Handelskammer, deren Gründung im Jahr 1936 der Verein initiierte, konnte etwa, so heißt es beim NUMOV, »maßgeblich dazu beitragen, daß lukrative Abkommen zwischen der deutschen Industrie und dem Iran zustande kamen«. Es ging voran: Das Nazireich steigerte seine Exporte in das Land von 1936 bis 1938 massiv von 30,4 Millionen auf 46,3 Millionen Reichsmark. 1940 erreichte der Anteil der deutschen Lieferungen mehr als 40 Prozent der gesamten iranischen Importe. 

Es war ein einzigartiger Erfolg auch des Deutschen Orient-Vereins. 

Offene Kontinuitäten 

Nach erzwungener Unterbrechung knüpften einige alte Orient-Verein-Veteranen schon Ende der 1940er Jahre an ihre früheren Aktivitäten an. Ernst-Justus Ruperti, ein Gründungsmitglied des Deutschen Orient-Vereins von 1934, habe 1949 die Initiative zur Wiederaufnahme der früheren Tätigkeit ergriffen, berichtet der NUMOV. Auf der Gründungsversammlung am 10. Mai 1950 im noblen Hamburger Hotel Atlantic wurde Ernst Godeffroy (Deutsche Levante-Linie), auch er Gründungsmitglied des Orient-Vereins, zum ersten Vorsitzenden bestimmt. Die Kontinuitäten wurden vollkommen offen gepflegt. Man habe »die im wesentlichen noch geltende frühere Satzung des Orient-Vereins« erneut angenommen und den Vereinszweck ebenfalls »an die ursprüngliche Satzung« angelehnt; nur der Name wurde in Nah- und Mittelost-Verein geändert. 1954 löste ein Mann Ernst Godeffroy an der Spitze des Verbandes ab, der Kontakte zu höchsten SS-Kreisen unterhalten und die nazifaschistische Kulturpolitik mitfinanziert hatte: Alfred Toepfer, Namensgeber der heute noch aktiven Hamburger Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. Apropos Kontinuitäten: Auch die einst so erfolgreiche Deutsch-iranische Handelskammer wurde, wie der NUMOV mitteilt, im Jahr 1952 »neu belebt«. Ihre Geschäftsstelle »befand sich bis 1998 in Personal- und Bürogemeinschaft mit dem Nah- und Mittelost-Verein«. 

Etwas Neues geschaffen hat der NUMOV im Jahr 1960, als er die Deutsche Orient-Stiftung gründete - mit Ruperti und Toepfer im Vorstand. Unter dem Dach der Stiftung wiederum entstand das Deutsche Orient-Institut (DOI) in Hamburg, über das Toepfer sagte, es solle der »Förderung und Pflege der Beziehungen zwischen den Ländern des Orients und Deutschland« dienen - »auf allen Gebieten der Kultur, insbesondere der Kunst, Wissenschaft und Gegenwartsgeschichte«. Hintergrundarbeit und Begleitmusik zur Wirtschaftsexpansion, wenn man so will. Das DOI ist recht bekannt geworden, vor allem dank des Islamwissenschaftlers Udo Steinbach, der es von 1976 bis 2007 leitete. »Wenn die Medien früher einen Nahostexperten brauchten, klopften sie bei Peter Scholl-Latour an - oder bei Udo Steinbach«, schreibt das German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in einer aktuellen Broschüre. »Als Leiter des Deutschen Orient-Instituts« sei der DOI-Chef in der Lage gewesen, »komplexe Zusammenhänge differenziert und dabei griffig« zu schildern. »Unter Steinbachs Direktorat seit 1976« habe sich das Institut »zu einer vielgesuchten Adresse« entwickelt, schildert das GIGA im Rückblick. Doch diese Zeiten sind vorbei. 

Der Grund? Das ist eine verwickelte Geschichte. Im Jahr 2004 beschloß das 1964 gegründete Deutsche Übersee-Institut in Hamburg, sich zu modernisieren. Das betraf auch das DOI, denn das Übersee-Institut hatte sich als eine Art organisatorisches Dach von insgesamt vier Einrichtungen konstituiert: des DOI, des 1956 gegründeten Instituts für Asienkunde, des 1962 etablierten Instituts für Iberoamerika-Kunde und des 1963 ins Leben gerufenen Deutschen Instituts für Afrika-Forschung. 2006 wurde die Überleitung des altbackenen Übersee-Instituts in das moderne GIGA tatsächlich vollzogen. Nur: Die NUMOV-Spitze, die über die Deutsche Orient-Stiftung letztlich auch das DOI kontrollierte, spielte nicht mit. 

Offizieller Grund: Das DOI solle praxisnah Politik und Wirtschaft beraten und nicht in wissenschaftliche Fernen entschweben, hieß es beim NUMOV. Es kam zum Eklat. Die Folge: Die Wissenschaftler verließen das DOI und gingen zum GIGA, unter dessen Dach für sie umgehend ein Institut für Nahost-Studien (IMES, Institute of Middle East Studies) neu gegründet wurde. Das DOI, zur blanken Hülle verkommen, verzog nach Berlin. 

Mittlerweile hat es sich rekonstituiert und gibt erneut die Zeitschrift Orient, Kurzanalysen und umfänglichere Studien heraus. Es wird nach wie vor stark von der Wirtschaft kontrolliert: Im Vorstand der Deutschen Orient-Stiftung, die das DOI bis heute trägt, sind neben Wintershall-Chef Seele und einem Banker unter anderem ein Manager der Airline Emirates und ein Vorstandsmitglied der türkischen Eren Holding aktiv. 

Iran im Blick 

Der NUMOV beackert ein weites Feld. Gegen Ende der 1960er und in den 1970er Jahren habe er »mit seinen Wirtschaftsdelegationen in den Golfstaaten« Pionierarbeit geleistet, heißt es in einer Erklärung zum 70. 

Verbandsjubiläum 2004: »Die Zahl der Firmen«, die dort tätig geworden seien, sei damals »mit tatkräftiger Unterstützung des Vereins rapide an (gestiegen)«. Mit den arabischen Golfdiktaturen befaßt sich die Organisation weiterhin intensiv, wie nicht nur die erste German-GCC Security Conference aus dem Jahr 2012 zeigte. Schließlich gibt es bei den reichen Scheichtümern eine Menge Geld zu verdienen. Zum Problemfall hingegen ist aus Sicht des NUMOV sein alter Erfolgsschwerpunkt Iran geworden. Und zwar wegen des sich im vergangenen Jahrzehnt immer mehr zuspitzenden Machtkampfs zwischen Teheran und dem Westen. Dieser Machtkampf hat sogar - ein bislang wohl einzigartiger Fall - zu einem öffentlich ausgetragenen Streit zwischen dem Verband und der Bundesregierung geführt. 

Als das deutsche Iran-Geschäft einbrach und die Profite litten, weil Washington auf Sanktionen drang und Berlin sich diesen nicht mehr rundheraus verweigern konnte, da suchte sich der NUMOV querzustellen und die Industrieförderung fortzuführen. Die Bundesregierung habe sich schließlich sogar gezwungen gesehen, ihn »schriftlich« aufzufordern, »auf (Iran-)Informationsveranstaltungen für deutsche Firmen zu verzichten«, berichtete im Mai 2009 das Handelsblatt. »Die Veranstaltungen stehen in klarem Widerspruch zu der Politik der Bundesregierung und könnten größeren außenpolitischen Schaden für Deutschland nach sich ziehen«, hieß es in einem Brief des Bundeswirtschaftsministeriums: »Aus diesen Gründen möchte ich Sie im Namen des Wirtschaftsministeriums und des Bundeskanzleramtes auffordern, von den Veranstaltungen abzusehen.« Das saß. 

Als es Ende November 2013 zu einem Durchbruch bei den Atomverhandlungen mit Teheran kam, da war der NUMOV aber natürlich sofort zur Stelle. »Das Auswärtige Amt hat uns heute in Zusammenarbeit mit dem BMWi (Bundeswirtschaftsministerium) in kompetenter Weise über die neuesten Entwicklungen im Iran informiert«, teilte der Verband am 3. Dezember 2013 in einem »nur für Mitglieder« bestimmten Schreiben mit: »Wir möchten dies zum Anlaß nehmen, unsere Mitglieder hierüber umgehend zu informieren.« Dies solle in einer »kurzfristig anberaumte (n) Veranstaltung« geschehen, einem »Sonder-Länderforum Iran für unsere Mitglieder im Iran-Geschäft«. »Wir werden auch versuchen, daß Repräsentanten aus den relevanten Ministerien teilnehmen«, hieß es weiter in dem Schreiben. Der expansionsinteressierte Unternehmer ist auf verläßliche Auskünfte angewiesen, es geht schließlich um viel Geld. 

Als im Januar die Iran-Sanktionen dann tatsächlich gelockert wurden, da hat sich auch für den NUMOV sein altes Schwerpunktland endlich wieder geöffnet. 

Eile ist aus seiner Sicht vonnöten: Schon im Februar traf eine 140köpfige Wirtschaftsdelegation aus Frankreich in Teheran ein, ein österreichischer Besuch wurde in Aussicht gestellt, Außenminister Sebastian Kurz reiste schließlich im April nach Teheran, und Anfang April nahm der US-Konzern Boeing offiziell wieder Lieferungen an Iran auf. »Wenn alle anderen etwas tun, müssen wir das auch«, ließ sich NUMOV-Geschäftsführerin Helene Rang zitieren und setzte für den 8. April in Berlin eine Iranian German Business Conference an, zu der ein enger Wirtschaftsberater des iranischen Präsidenten Hassan Rohani und Industrieminister Mohammed Reza Nematzadeh geladen waren. Nematzadeh, den aktuellen Machtkampf des Westens gegen Rußland fest im Blick, kündigte im Handelsblatt an, Iran wolle »auf dem internationalen Gasmarkt künftig eine große Rolle spielen«: »Iran kann ein zuverlässiger, sicherer und dauerhafter Partner Europas werden.« Seine Regierung wolle eine Pipeline bauen, die Erdgas aus dem Süden des Landes bis an die türkische Grenze transportiere. Soll man da nicht zusehen, das Erdgas weiter in Richtung Europa zu leiten? Nun, E.on hat schon vor Jahren mit der iranischen Regierung über gemeinsame Erdgasprojekte verhandelt, NUMOV-Chef Rainer Seele arbeitet im Hauptberuf für Wintershall. Und Seele hat schon zu Jahresbeginn dem Handelsblatt mitgeteilt, er werde »aufpassen«, daß die Züge im Mittleren Osten »nicht ohne uns abfahren«. Das gilt selbstverständlich auch für Iran. 

Von Jörg Kronauer erschien zuletzt am 9. April an dieser Stelle ein Beitrag über die geopolitische Bedeutung der Schiefergasgewinnung in den USA 

 

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