Untergrundwehrmacht  

BND-Gründer Gehlen stellte Hitlers Regimenter in Adenauers Dienste und entfachte zu seinem Lebensunterhalt den Kalten Krieg zwischen USA und Sowjetunion  

Otto Köhler 

In: junge Welt online vom 04.06.2014 

 

Im letzten Absatz seiner nahezu peniblen Untersuchung präsentiert das UHK-Mitglied ein exzellentes Erfolgserlebnis: »Retrospektiv kann das rUnternehmen Versicherungenl für die Jahre 1950 bis 1953 durchaus als erfolgreiche Operation der OG bewertet werden. Die geheime Verteidigungsorganisation wurde weiter ausgebaut, ihre Geheimhaltung funktionierte, und es kam zu keinen Skandalen oder Enthüllungen, die das ganze Unternehmen sofort ruiniert hätten.« 

Der Reihe nach. UHK ist die hoffentlich »Unabhängige Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes«. Ihr Mitarbeiter, der Historikerstabsoffizier (Reserve) am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Agilolf Keßelring, hat im Mai eine Untersuchung vorgelegt: »Die Organisation Gehlen und die Verteidigung Westdeutschlands. Alte Elitedivisionen und neue Militärstrukturen 1949-1953.« 

Keßelring hat herausgefunden, daß die OG, die Organisation Gehlen, der Vorgänger des Bundesnachrichtendienstes (BND), im Auftrag der USA und mit Wissen von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Kanzleramtschef Hans Globke, Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze, vor der Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 eine Untergrundarmee unter der Führung des späteren Bundeswehr-Heeresinspekteurs Albert Schnez aufbaute. 

Diese »Operation« wurde getarnt mit dem Decknamen »Unternehmen Versicherungen« (ein guter Einfall: schon der Versicherungskonzern Allianz hatte 1932 die geheime Aufrüstung der SA mit hohen Beträgen gesichert). 

Dieses Unternehmen bediente sich des Führungspersonals ausgesuchter ehemaliger »Elite«-Divisionen der Wehrmacht und der SS. Keßelring: »Damit existierte bereits mehrere Jahre vor der Aufstellung des Bundeswehr, zwischen 1949 und 1953, ein milizartig gekadertes Armeekorps.« 

Das war nach dem Kontrollratsgesetz von 1946 bei Todesstrafe untersagt. Und auch das Gesetz Nr. 16 der Alliierten Hohen Kommission von 1949 verbot weiterhin alle militärischen und militärähnlichen Organisationen. 

UHK-Rechercheur Keßelring weiß heute: »Die Risiken bei der Etablierung einer solch heiklen Organisation waren offensichtlich allen Beteiligten bekannt, allerdings schien es angesichts der einhellig wahrgenommenen militärischen Bedrohung einerseits und der militärischen Wehrlosigkeit der Bundesrepublik Deutschland andererseits kaum Alternativen zu geben.« 

Woher kam diese »einhellig wahrgenommene militärische Bedrohung«? Sie kam von dem Mann, dessen großes Werk, der BND als Untersuchungsgegenstand der UHK, der, man sollte das betonen, Unabhängigen Historikerkommission ist. 

Gewiß, jetzt, nachdem Reinhard Gehlen und die ihm dienenden SS-Massenmörder mutmaßlich alle tot sind, kann man diese Akten freigeben und kritisch untersuchen lassen. Aber die Geschäftsgrundlage, auf der sich Gehlen vom Spionagechef Hitlers zum Retter der Freien Welt entwickelte, bleibt unangetastet. Sie wird auch von dem Historikeroffizier Keßelring nicht in Frage gestellt: die einhellig wahrgenommene militärische Bedrohung aus dem Osten. 

Gehlen hatte als Chef der Fremden Heere Ost sorgfältig beobachtet, daß die US-Amerikaner, bevor sie sich zur Invasion in der Normandie entschlossen, die Rote Armee im Kampf gegen die Wehrmacht hatten ausbluten lassen. Erst als diese durch Polen nach Berlin vorrückte, griffen sie ein. Es ging auf das Ende zu. Aber der Ostspionagechef dachte nicht daran aufzuhören, nur weil Hitler sich als Versager herausgestellt hatte. Da mußte er sich eben einen neuen Arbeitgeber suchen. Er hatte etwas zu bieten: ein ganzes Netz von Spionen hinter den sowjetischen Grenzen und Zehntausende von Vernehmungsprotokollen - das Ergebnis systematischer Folterungen sowjetischer Kriegsgefangener. Die Papiere lagerte er auf der idyllischen Elendsalm ein, verbrachte dort mit seinen Leuten bei Kriegsende einen schönen Urlaub, marschierte dann mit seinen engsten Mitarbeitern zur US-Army und offerierte seine Dienste. Nach einem Aufenthalt in den USA - zum Warmwerden - kehrte er am 1. Juli 1946 mit seinen Leuten als »Organisation Gehlen« zurück und zog schon bald in Pullach in die »Reichssiedlung Rudolf Heß« ein, einer »gated community« des Dritten Reiches. 

»Gehlen mußte sein Geld verdienen, indem er eine Bedrohung schuf, vor der wir Angst hatten, so daß wir ihm weiteres Geld gaben, damit er uns mehr darüber erzählte.« Das erklärte der ehemalige CIA-Chefauswerter Victor Marchetti 1984, und er fuhr fort: »Meiner Ansicht nach lieferte die Organisation Gehlen nichts, das zum Verständnis oder zur richtigen Einschätzung des politischen und militärischen Potentials in Osteuropa oder sonstwo beitrug. Statt dessen wurde jetzt behauptet, daß die Sowjets in der Lage wären, in Europa, im Nahen und im Fernen Osten gleichzeitig große Offensiven zu starten.« 

Am 5. März 1948 telegrafierte der Militärgouverneur Lucius D. Clay nach Washington: »In den letzten Wochen habe ich eine unmerkliche Veränderung der sowjetischen Haltung gespürt, die mir jetzt das Gefühl gibt, daß der Krieg mit dramatischer Plötzlichkeit ausbrechen könnte.« Das Gefühl stammte von Gehlen. Der behauptete, daß 175 voll ausgerüstete Divisionen der Roten Armee in der Sowjetzone ungeduldig darauf warteten, bis zum Atlantik vorstoßen zu können. 

Das war der Hintergrund von Adenauers Geheimarmee, die uns jetzt als große Überraschung aus dem BND-Archiv präsentiert wird. Gehlen war gern ihr Patron, hatte er doch erst das Bedrohungsszenario geschaffen, das sie ermöglichte. 

Daß aber Bundeskanzler Adenauer »den Papieren zufolge erst 1951 von der Existenz der Truppe altgedienter Wehrmachtsoffiziere« erfuhr, ist eine Schönrednerei des Spiegel-Historikers Klaus Wiegrefe, der nicht zur Kenntnis nehmen mag, was sein verstorbener Herausgeber 1948 dem Präsidenten des Parlamentarischen Rates im Dunkel der Nacht steckte (siehe unten). 

 

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Hintergrund: Kampfgemeinschaft Kesselring/Schnez 

In: junge Welt online vom 04.06.2014 

 

UHK-Mitglied und Historikerstabsoffizier Agilolf Keßelring ist - dazu kann er nichts - Enkel des Kriegsverbrechers und Generalfeldmarschalls Albert Kesselring und schreibt sich - zur besseren Unterscheidung - nicht mit SS, sondern mit scharfem ß. Großvater Kesselring, 1947 in Italien zum Tode verurteilt, begnadigt und 1952 freigelassen, wurde sofort Bundesführer des Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten. 

Albert Schnez diente 1944 unter Kesselring als General des Transportwesens, wurde von den US-Amerikanern mit dem Wiederaufbau des italienischen Schienennetzes beauftragt und war dann mit dem Aufbau der US-italienischen Stay-behind-Bewegung (Gladio) betraut. Zurückgekehrt, baute er Adenauers Untergrundarmee auf und wurde 1957 als Brigadegeneral zur Bundeswehr reaktiviert. 

Keßelring klagt: »Die Krönung seiner auch für die Aufbaujahre der Bundeswehr ungewöhnlich steilen Karriere machte schließlich Kritik aus den Niederlanden zunichte, in der Schnez als ralter Nazil dargestellt wurde.« Der Untergrundmann konnte so nun doch nicht auf den für einen deutschen General höchstmöglichen Posten eines Oberbefehlshabers der Alliierten Landstreitkräfte Europa Mitte aufsteigen. »Die Hintergründe der rniederländischen Verhinderungl«, moniert das UHK-Mitglied, seien »bis heute nicht erforscht«. Aber die nicht nur von Niederländern dargestellte, sondern real existierende Nazivergangenheit (Denunzierung von Widerstandsoffizieren u.a.) verhinderte nicht, daß Schnez als Inspekteur, als oberster Chef des Heeres 1968 beweisen durfte: sein Nazismus war nicht vergangen. Die als »Schnez-Studie« bekannt gewordene geheime Denkschrift »Gedanken für die Verbesserung der inneren Ordnung des Heeres« beklagte den »fehlenden Verteidigungswillen im Volk«. Pluralismus sei Gift. Die Bundeswehr müsse sich auf die Werte einer »Kampf-, Schicksals- und Notgemeinschaft« besinnen. Schnez beschwerte sich über eine »übertriebene parlamentarische Kontrolle« des Militärs und forderte eine Änderung des Grundgesetzes, um die Autorität des Militärs zu stärken. Schnez, der mit diesen Forderungen an der Spitze einer Generalsfronde gegen die sozialliberale Bundesregierung stand, blieb Heeresinspekteur bis zu seiner ordentlichen Pensionierung 1971. Er wurde mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland prämiert. 

(ok) 

 

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Augstein nachts in Adenauers Haus  

Der Spiegel-Herausgeber trägt das Begehren der Hitler-Generale vor  

Otto Köhler 

In: junge Welt online vom 04.06.2014 

 

Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein wußte es am besten: »Die neue deutsche Armee wurde nicht gegründet, um den Bonner Staat zu schützen, sondern der neue Staat wurde gegründet, um eine Armee gegen die Sowjets ins Feld zu stellen ...« Das schrieb er - Titel: »Waffen statt Politik« - 1961 nach bestem Wissen und aus mutmaßlich schlechtem Gewissen in dem Sammelband »Bilanz der Bundesrepublik«. 

In seinem Spiegel dagegen schrieb er im Oktober 1948: »Eine Armee ist das Überflüssigste, was es gibt. Sie ist das Wichtigste, was es gibt, wenn die Sklavenhalter, schwer bewaffnet, die Zähne fletschen.« Daß dies wahr ist, wußte Augstein noch von seinem alten Volksaufklärungsminister: »Der kleine Lügendoktor hat mit seiner bösesten Prophezeiung recht behalten.« 

Gegenüber den Lesern seines Nachrichtenmagazins verhielt sich Augstein so, als könne er sich zwischen »Pazifismus« oder Remilitarisierung nicht entscheiden. Er antwortete mit dem Kierkegaard-Zitat: »Hänge Dich oder hänge Dich nicht - bereuen wirst Du beides.« 

In Wahrheit war Augstein längst, noch bevor es eine Bundesregierung gab, unterwegs bei den auf freiem Fuß befindlichen Nazigeneralen, um zu erkunden, was man tun könne. An einem Novemberabend im Jahr 1948 fiel er nach einer Rundreise bei diesen Sachverständigen unangemeldet in Adenauers Haus ein und meldete: alle von ihm konsultierten deutschen Militärs seien übereinstimmend der Meinung, daß 30 deutsche Divisionen nötig seien. »Das ist auch meine Schätzung«, antwortete Konrad Adenauer, der damals noch nicht Bundeskanzler, sondern als Präsident des Parlamentarischen Rates oberster Volksvertreter war. 

Auch das verschwieg Augstein den Spiegel-Lesern, die wie die meisten Deutschen entschieden gegen eine Remilitarisierung waren. Erst 1976, als es längst zu spät war, plauderte er diese nächtliche Begegnung vor achtundzwanzig Jahren aus - in einem von Helmut Kohl herausgegebenen Sammelband »Begegnungen mit Konrad Adenauer«. Niemand hat das damals beachtet. 

»Schreiben, was ist«, war Rudolf Augsteins Leitspruch. Hätte er sich 1948 an dieses Wort gehalten, hätte er in seinem »Nachrichtenmagazin« der Öffentlichkeit mitgeteilt, daß Adenauer mit einer Riesenarmee die Deutschen wieder zu den Waffen rufen will. Einen Bundeskanzler Adenauer hätte es nie gegeben. 

 

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