Der Klüngel des Kardinals  

Porträt. Er hetzte gegen Homosexualität und Abtreibung, segnete NATO-Generäle und Adenauers Korruption. Er war Komplize der Reichen und zerstörte die Volkskirche. Der Kölner Erzbischof Joachim Meisner tritt ab  

Werner Rügemer 

In: junge Welt online vom 28.02.2014 

 

Der 80jährige Kölner Erzbischof und Kardinal Joachim Meisner wird in diesen Tagen nach 25 Jahren von seinem Amt zurücktreten. Der enge Freund der Päpste Karol Woytila (Johannes Paul II.) und Josef Ratzinger (Benedikt XVI.) wurde in den Medien bekannt als Schwulenhasser und Abtreibungsgegner. 

»Er war umstritten, aber nie langweilig«, schreibt die Zeit. Meisners zugespitzte Formulierungen auf diesem Gebiet sorgten für sichere Unterhaltung. Der bekennende Schwule Volker Beck, Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, titulierte ihn mal als »Haßprediger« wegen seiner Ausfälle gegen Homosexuelle. Die alternativen Kölner Karnevalisten von der »Stunksitzung« riskierten deswegen mal die Bezeichnung »Sakralstalinist«. 

Muslimenverbände kritisierten ihn wegen antiislamischer Sprüche. Die kritische »Kölner Kirchen-Initiative« verzichtet ausdrücklich auf eine Meisner-Bilanz. 

Betet und schießet! 

Sie verstanden sich prächtig: Der gegelte CSU-Hoffnungsträger Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg und der Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner. 

Dieser hatte 1500 Soldaten, Offiziere, Generäle aus Bundeswehr und anderen NATO-Armeen und den deutschen Verteidigungsminister 2011 in den Kölner Dom eingeladen, zur jährlichen Soldatenmesse. Der Kardinal predigte, daß die Religionsfreiheit »das fundamentalste aller Menschenrechte« ist. 

Nach der Messe würdigte der Freiherr, daß die kirchliche Militärseelsorge bei den Auslandseinsätzen »Großartiges leiste«. Unter Guttenberg, der als erster Verteidigungsminister von Krieg sprach, den die Bundeswehr in Afghanistan führe, war die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft worden. 

Meisner fragte scherzhaft, ob sein Dom auch bei zukünftigen Soldatenmessen noch voll sein werde. Der junge Kriegsminister: Er werde die Soldaten dafür notfalls »persönlich rekrutieren«. 

Das braucht der Plagiator nach unfreiwillig beendeter Dienstzeit nun nicht zu tun. Trotzdem war jeweils im Januar 2012, 2013 und auch 2014 der Dom zur Soldatenmesse natürlich wieder voll. Kirchgang ist Dienstpflicht. Der selbsternannte geistliche NATO-Oberkommandierende aktualisierte seine letzte Soldatenpredigt zeitgemäß. Im Gleichklang mit Bundespräsident Joachim Gauck und der Bundesregierung sprach er vor den 1500 Militärs und den vier niederknieenden Staatssekretären: »Liebe Schwestern und Brüder! (...) Wir leben im westlichen Europa in großer Freiheit und Freizügigkeit. 

Die Schlagbäume und Grenzen sind verschwunden. Selbst der für eine Ewigkeit gebaute Eiserne Vorhang ist längst Geschichte - eine Tatsache, von der ich als ehemaliger DDR-Bürger und Bischof der gespalteten Stadt Berlin lange Zeit nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Danken wir Gott für den Frieden und die Freiheit, die uns damit geschenkt sind! Und nehmen wir die Verantwortung wahr, die damit verbunden ist. Diese Verantwortung zeigt sich heute immer deutlicher als eine globale Verpflichtung.« Sein unmißverständliches Fazit: »Aktive Zuwendung«! 

Schon Vorgänger Joseph Höffner führte 1977 den Internationalen Soldatengottesdienst im Kölner Dom ein. Dafür wurde eigens das Katholische Militärdekanat Köln gegründet. Die Weihe findet, so berichten es auch die journalistischen Hofschranzen des Kölner Stadt-Anzeigers, am »Weltfriedenstag« statt. Weltfriedenstag? Es gibt mindestens drei: Den 1. 

September (Bundesrepublik Deutschland), den 21. September (UNO) - und den 1. Januar; das ist der selbstgewählte katholische »Weltfriedenstag«, der in deutschen Gemeinden flexibel innerhalb der ersten Woche des Jahres begangen wird. 

Meisner führte also eine Tradition fort. Dafür war er von seinem Protektor Karol Woytila 1989 der Erzdiözese Köln gegen (lauen) Widerstand aufoktroyiert worden. 2012 schickte er vom Soldatengottesdienst eine »Weltfriedenstagskerze« zur Bundeswehr nach Afghanistan. Er verschärfte wie sein Mitbruder im allerrechtesten Glauben, Militärbischof Johannes Dyba, den Ton: »Einem gottlobenden Soldaten kann man guten Gewissens die Verantwortung über Leben und Tod anderer übertragen, weil sie bei ihm gleichsam von der Heiligkeit Gottes abgesegnet wurde.« Oder präziser: »In betenden Händen ist die Waffe vor Mißbrauch sicher.« Betet und schießet! 

Adenauer: ein Geschenk Gottes 

Zu Meisners Lieblingen gehörte Konrad Adenauer, der heimlich und gegen alle Friedensschwüre die bundesrepublikanische Wiederbewaffnung durchdrückte. 

Der Erzbischoff predigte im Dom beim Pontifikalamt zum 125. Geburtstag Adenauers 2001: »Wir danken heute Gott, daß er uns Konrad Adenauer geschenkt hat.« 

Er fügte für die fromm lauschenden Fans aus CDU, Industrie- und Handelskammer sowie der Stadtverwaltung und Vertretern der Landes- und Bundesregierung hinzu: »Ein Volk kann sich glücklich preisen, das von einem Kanzler regiert wird, über dessen Bett wie in Adenauers Schlafzimmer das Jesuskreuz hängt.« 

Ich hatte damals dem intimen Kenner von des Bundeskanzlers Schlafzimmer einen Brief geschickt mit Belegen, wie sich Adenauer als Oberbürgermeister von Köln hemmungslos aus der Stadtkasse bedient hatte. Und ich hatte ihn daran erinnert, daß Adenauer auch als Bundeskanzler und Vorsitzender einer christlichen Partei bekanntlich schwarze Kassen geführt habe, gefüllt mit Unternehmensspenden, mit denen die CDU gekauft wurde. So daß also die Bezeichnung Adenauers als Geschenk Gottes doch wohl eine Gotteslästerung bedeute? 

Meisner antwortete, daß die Kirche nicht die eventuellen Sünden der Menschen beurteilen könne, sondern dies Gott überlasse. Und Gott werde schließlich alle Sünden vergeben. Der Nachfrage nach der dann ja auch logisch notwendigen Vergebung der Sünden eines gewissen Adolf Hitler wich er aus. 

Den kirchlichen Widerstand gegen das Naziregime verdrängte er. 2001 sollte das im Krieg beschädigte und nur provisorisch reparierte Südfenster des Doms erneuert werden. Die ursprüngliche Idee war, hier sechs Kölner katholische Märtyrer darzustellen, die Widerstand gegen die Nazis praktiziert hatten, übrigens ohne Unterstützung der Kirche. Doch unter Meisners Episkopat verschwanden die bereits fertiggestellten Entwürfe in der Versenkung. Er war wohl inspiriert von der gleichzeitigen Seligsprechung von Klerikalfaschisten aus Franco-Spanien und Kroatien durch Bruder Benedikt XVI. Statt dessen durfte der teuerste Maler der Gegenwart, der den Katholizismus lobende Gerhard Richter, ein hübsches, nichtssagendes Fenster gestalten: Es besteht, vom Zufallsgenerator zusammengewürfelt, aus 11263 quadratischen Glasplättchen unterschiedlicher Farbe. Finanziert wurde es von Kölner Banken und Geschäftsleuten. 

Schwule, Drogen, Antibabypille 

Die christliche Milde, es wurde schon angedeutet, gilt nur eingeschränkt. 

Denn Homosexualität ist laut Meisner »im Kern verderblich«, die Menschheit richte sich damit »selbst zugrunde.« Ebenso gnadenlos und fundamentalistisch hetzte der Kardinal gegen abtreibende Frauen und gegen Drogen. »Im Mittelalter hatten wir viel Religion und keine Drogen - heute haben wir keine Religion und viele Drogen«, das ist eine seiner beliebten Diagnosen. Und: Die europäische Werteordnung sei in gleicher Weise durch Terroristen und Wissenschaftsgläubige bedroht. Überall fehle der Gottesbezug. 

Das Mittelalter dagegen liebt er. Da herrschten mit Gottes Gnaden eine reiche Kirche und kriegführende Feudalherren über Bauern und Städter. Die Herzöge von Jülich und die Grafen von Berg lieferten sich blutige Kriege, um den Bischof im reichen Kölner Erzbistum zu stellen. Es war eng mit dem Adelsclan der Staufer verbunden. Da konnte der Kölner Erzbischof Rainald von Dassel, zugleich Kanzler des antiislamischen Kreuzzüglers Kaiser Barbarossa, dem Mailänder Bistum die Gebeine der Heiligen Drei Könige rauben und damit Köln zur reichsten Pilgerstätte Europas machen. 

Zurück in die Gegenwart. Meisner verglich bei seiner Dreikönigspredikt am 6. Januar 2005 die Abtreibung indirekt mit dem Judenmord unter Hitler: »Wo der Mensch sich nicht relativieren und eingrenzen läßt, dort verfehlt er sich immer am Leben: zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen läßt, dann unter anderem Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht. Abtreibung und Euthanasie heißen die Folgen dieses anmaßenden Aufbegehrens gegen Gott«. Seine Kritik am Naziregime war nicht besonders glaubwürdig, denn er rutschte schon mal selbst in dessen Sprachgebrauch: Ohne Gottesbezug sei heute die Kultur »entartet«. 

Natürlich wetterte er auch gegen die Antibabypille. Die Ehe zwischen Mann und Frau mit möglichst vielen Kindern sei die »Keimzelle des Staates«. In Ostdeutschland sei die Geburtenrate sogar noch niedriger als in Westdeutschland, klagte er und phantasierte: Das komme, weil es im gottlosen Osten zu viele Kinderkrippen gebe, als sozialistisches Erbe sozusagen. 

Und wenn sie schon keine Kinder zeugten, so müßten Mann und Frau zumindest kirchlich verheiratet sein. So konnte er in die CDU hineinregieren: Er forderte Angela Merkel auf, ihre »wilde Ehe« zugunsten des heiligen Sakraments der Ehe zu beenden, bevor sie nach ihrem Förderer Helmut Kohl CDU-Vorsitzende werden durfte. (Merkel war auch hier folgsam.) 

Durch diese Zwänge wollen Meisner und seinesgleichen den kirchlichen Schäfchen das schlechte Gewissen zur Gewohnheit machen - so bleiben sie folgsam und beherrschbar, nicht nur in der Kirche selbst. Dem entspricht Meisners extrem autoritärer Führungsstil. Den gottgewollten »Gehorsam« begründet er mit einem seiner Lieblingssprüche: Die Menschen haben zwei Ohren, aber sie haben nur einen Mund! Will sagen: Die Menschen sollen ihren Oberen gut zuhören und die Klappe halten! 

Immobilien und Rüstungsaktien 

Meisner, gelernter Bankkaufmann, predigte seinen Schäfchen und auch immer wieder den Militärs das Leben in Einfachheit. Der mit einem Generalsgehalt alimentierte Prediger der Einfachheit, der sich im 7er BMW bis knapp vor das Domportal chauffieren läßt, hat dagegen ein inniges, weitgehend geheimes Verhältnis zum Reichtum. 

Es war selbstverständlich, daß er seinen Bruder im Geiste, den meineidigen Protzbautenbischof von Limburg, Tebartz van Elst, unterstützte: »Er ist der ärmste Hund unter den Bischöfen«. Zur Umstrukturierung der Verwaltung - das Kölner hat als größtes deutsches Bistum 50000 hauptamtlich Beschäftigte - engagierte Meisner die Unternehmensberater von McKinsey. Arbeitsplätze in Schulen, Caritas und Kindergärten waren »abzubauen«. Zum Ausgleich sprang das bischöfliche Kolumba-Museum heraus - mit 43 Millionen Euro teurer als Tebartz' Palast. 

Unter Meisner explodierten die Geldanlagen des Erzbistums, getarnt durch Briefkastenfirmen. Hochpreisige Seniorenresidenzen wie die neben dem Dom, Luxusimmobilien auf der Düsseldorfer Königsallee, am Hamburger Neuen Wall und im Kölner Einkaufszentrum bringen hohe Renditen. Die Mieter Gucci, Armani, Mediamarkt, C&A, H&M und Tamaris zahlen hohe Mieten. Die »BRD Domkloster Cologne B.V.« wird vom Briefkasten-Treuhänder TMF in Amsterdam verwaltet, wo auch die US-Investmentbanken J.P. Morgan und Morgan Stanley Reichtümer horten, um darauf eben keine Steuern zu zahlen. Das nutzt auch das Kölner Erzbistum, einer der großen Abgreifer von Steuermitteln in Deutschland. 

Das traditionelle Geldhaus des Bistums, die PAX-Bank, genügt seit Meisners Regiment den Anforderungen nicht mehr. Sie arbeitet zusammen mit einem Global Player, der Privatbank M.M. Warburg - natürlich nach den »ethischen und moralischen Normen der katholischen Kirche«. Danach sind Pornoshops als Mieter der Immobilien ausgeschlossen. Die Moral sieht dann so aus: Die diversen Fonds sind gefüllt u.a. mit Aktien des US-Rüstungskonzerns Lockheed Martin, der Bank of America und der Allianz (Rohstoff- und Agrarspekulationen), von McDonald's, VW und Daimler. Auch Aktien der Pharmakonzerne Novartis und Sanofi gehören schon mal zum Portfolio: Die Arzneimittelriesen stellen zum Beispiel die so verteufelten Antibabypillen und die »Pille danach« her. 

Wohin fließen die Erträge? In die vielen Stiftungen des Erzbistums? Dessen veröffentlichter Haushalt ist vom nicht veröffentlichten Etat des »Bischöflichen Stuhls« getrennt. Aber letzterer ist zuständig z.B. für Stiftungen und Erbschaften. Da dürfte es wohl ähnlich zugehen wie in der Vatikanbank: Seit 1991 ist Meisner Mitglied der Präfektur für die ökonomischen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls. 

Bei Multimillionären verzichtet die von Mc-Kinsey aufs Kürzen getrimmte Kirche gern auf Einnahmen. Klaus Esser, Exvorstandschef des Mannesmann-Konzerns, hatte durch seine Verhandlungsführung dem Käufer von Mannesmann, dem Vodafon-Großaktionär Li Kascheng aus Hongkong, einen Gewinn von acht Milliarden Euro verschafft. Der gute Li zeigte sich mit einem 30-Millionen-Bonus an Esser erkenntlich. Da Esser auch ein treues Mitglied der Kirche ist, wurde ihm - zunächst - davon auch die Kirchensteuer abgezogen, 500000 Euro. Er empfand das aber als Ungleichbehandlung, denn entlassene Verkäuferinnen bei Karstadt bekämen auf ihre Abfindungen einen Kirchensteuerrabatt. Sofort ließ der Kirchensteuer-Rat des Erzbistums Esser die Hälfte zurückerstatten, 250000 Euro. Diese Summe hätte mehreren Erzieherinnen zu einem Arbeitsplatz verhelfen können. Aber wesentlich war: Es verhalf dem mit der Karstadt-Verkäuferin nun Gleichgestellten zum öffentlich vor Gericht geäußerten Bekenntnis (er stand zusammen mit Deutschbanker Josef Ackermann wegen Untreue unter Anklage): »Ich bin mit mir und dem lieben Gott im reinen.« 

Als Papst Benedikt 2005 den Weltjugendtag in Köln feierte, gab das Bistum den Empfang im Schloß des Gestüts Schlenderhahn bei Köln. Dort züchtet die Familie der damals noch nicht vor Gericht stehenden Bank Sal. Oppenheim seit 150 Jahren erfolgreich Rennpferde. Einen Teil des erzbistümlichen Vermögens ließ Meisner bei der Bank verwalten. 

Und als der langjährige Chef der Bank, Alfred Freiherr von Oppenheim, 2005 starb, stellte Meisner der Familie den Dom für eine üppige Trauerfeier zur Verfügung. Ansonsten verbietet er ökumenische Feiern grundsätzlich. Dabei war der Bankier nicht einmal evangelisch, vielmehr war er schon vor Jahren aus der evangelischen Kirche ausgetreten, und zwar wegen deren Engagements in der Friedensbewegung. So was gefällt dem Meisner. 

Populistische Elitenkirche 

Meisner tat gern volksnah. Kein Kind in erreichbarer Nähe war vor dem Tätscheln des Kopfs sicher. Und die Kölner Karnevalistenvereine ließ er im Dom - trotz Verbots jeglicher Kopfbedeckung und auffälliger Kleidung - in vollem Jeckenwichs antreten, mit Narrenkappe und kurzem Rock der Tanzmariechen. 

Doch Meisner weiß, daß die Kirche, wie sie ist, auf einem absterbenden Ast sitzt. Das private Markt- und Sozialforschungsinstitut Sinus Sociovision stellte fest: Das ärmere Drittel der Bevölkerung hat sich von der Kirche ganz verabschiedet. Getragen wird sie von Menschen, die irgendwie konservativ, meist akademisch gebildet und einigermaßen vermögend sind, dazu über 50 und vor allem über 60 Jahre alt. Mit anderen Worten: von CDU- und FDP-Stammwählern. 

Der Kölner Dom lebt vor allem als Marketingsymbol der Stadt und ihrer Unternehmen. Die umworbenen täglich etwa 10000 Touristen aus christlichen und unchristlichen Weltregionen bringen Geld. Mit Hund, Currywurst, Eistüte und klingelnden Handys latschen sie im Dom herum. Zwar erfreut sich der Kardinal an den Einnahmen, aber er weiß: Die Zukunft der von ihm, Wojtyla und Ratzinger erstrebten »Christlichkeit« liegt woanders. Seit seinem Antritt organisierte er die Gegenbewegung. Wer nicht aktiv der neuen Linie dient, mußte raus. Er nahm das Katholisch-Soziale Institut (KSI) an die Kandare, nachdem dort vorsichtige Kritik an der Kluft zwischen Arm und Reich geäußert wurde. Er sperrte der lammfrommen Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung das Geld ebenso wie der betulichen Karl-Rahner-Akademie. 

Der schon von seinen Vorgängern aufgenommenen Elitentruppe Opus Dei wies der populistische Elitenchrist eine große Kölner Kirchengemeinde mit einer der schönsten romanischen Kirchen zu: St. Pantaleon. Inzwischen werden 30 kleinere fundamentalistische »Gemeinschaften« aus Bistumsgeldern üppig gefördert: die Monastische Gemeinschaft von Jerusalem, Omnia Christo/Legio Mariens, Legionäre Christi, Regnum Christi, Neokatechumenaler Weg, Laienspiritaner, Kapuziner-Terzianerinnen, Fokolar-Bewegung, Nightfever, Gemeinschaft Emmanuel und andere. Sie bestehen vielfach aus Laien, sind aber direkt der rechten Hand Meisners, Weihbischof Dominikus Schwaderlapp, unterstellt. Sie leben entweder in mönchischer Gemeinschaft oder konkurrieren als Ehepaare um die höchste Zahl der Kinder. Gemeinsam ist ihnen: Sie feiern die mystische Verwandlung des Leichnams Christi und das Bußsakrament und pflegen den Marienkult: Die Gottesmutter, die von keinem Manne »berührt« und somit ohne Sünde ist (»unbefleckte Empfängnis«), wird ohne den Gottessohn dargestellt. Bei einer Feier des Neokatechumenalen Wegs plauderte Meisner unverhohlen aus, worauf es ihm ankommt: »Eine Familie von euch ersetzt mir drei muslimische Familien.« 

Beten auf dem Maidan 

Das Erzbistum will das Erbe des Kardinals fortsetzen. Der organisiert seit zwei Jahrzehnten den katholischen Ritt nach Osten. Dafür bekam er die Ehrenplakette des Bundes der Vertriebenen und wurde Ehrenritter des Deutschen Ordens. 2013 gründete das Erzbistum die Kardinal-Meisner-Stiftung. Sie soll die Priesterausbildung in Osteuropa finanzieren. 

Meisner leitet seit 1993 die Katholische Stiftung Renovabis (Psalm 104 des Alten Testaments: Renovabis faciem terrae - du wirst das Gesicht der Erde erneuern). Sie wurde vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken gegründet. 

Ziel ist der »christliche Neuanfang« in den exsozialistischen Staaten. 

Bisher wurden 19000 Projekte mit gut 500 Millionen Euro finanziert. 

Am 9.12.2013 schickte Renovabis eine Solidaritätsadresse an die katholischen Bischöfe in der Ukraine: Der »Weg nach Europa« müsse offenbleiben. Am 19.12.2013 verbreitete die Stiftung den bedauernden Bericht ihres ukrainischen Korrespondenten: »Maidan verliert an Schwung«. 

Am 20.2.2014 die Wende: »Kirchen sind auf dem Maidan sehr präsent - Interview mit Erzbischof Vijtyshyn zur aktuellen Situation in der Ukraine«. 

Der Bischof teilte begeistert mit, seine Kirche unterstützte die Demonstranten, die Priester beteten mitten unter ihnen. Von neofaschistischen und antisemitischen Kräften dort sagte der westlich subventionierte Erneuerungschrist nichts. Selbst wenn der Rabbi von Kiew die Juden aufruft, so schnell wie möglich zu flüchten, soll das den Ostritt von Renovabis nicht aufhalten. Einst hielt Meisner Juden für ungeeignet, der CDU beizutreten. 

Von Werner Rügemer erschien 2012 in 7. Auflage »Colonia Corrupta« (Verlag Westfälisches Dampfboot). Darin ist der im Artikel erwähnte Briefwechsel des Autors mit Kardinal Meisner und weiteres zum Kölner Erzbistum veröffentlicht. 

 

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