Vom Hinterhaus zum Staatskonzern  

Zur politischen Ökonomie des Kapitalismus vor dem I. Weltkrieg 

Von Klaus Wagener  

In: unsere zeit vom 31.01.2014 

 

Als im August 1914 die mächtigsten Kapital- und Staatengruppen der Erde ihren ersten Großen Krieg um die globale Vorherrschaft begannen, waren seit dem Sturm auf die Bastille ziemlich genau 125 Jahre vergangen. 

Seit dem klassischen Auftritt des revolutionären Bürgertums auf die Weltbühne, der Deklaration seines universalen Emanzipationsprogramms, der Menschenrechte, hatte die industrielle Revolution die Verhältnisse auf dem Globus radikal und stürmisch verändert. 

Ging man Ende des 18. Jahrhunderts zu Fuß – nur wer es sich leisten konnte, nahm das Pferd oder die Kutsche – so durchzog nun ein dichtes Eisenbahnnetz das Land. Es gab Straßen mit Laternen, Autos vom Fließband, Flugzeuge und U-Boote. Man konnte das Geschehen in Filmen konservieren, Töne und Reden speichern, Informationen durch ein Netz von Seekabeln rund um den Globus schicken. Man konnte Elektrizität großindustriell erzeugen. 

Der von der Chemie gelieferte mineralische Dünger führte zu hohen landwirtschaftlichen Erträgen. Farben konnten künstlich erzeugt werden, Massenmedikamente produziert. Galt es im 18. Jahrhundert, die Ozeane mit hölzernen Segelschiffen zu überqueren, so symbolisierte die legendär gewordene Titanic mit einer Länge von 269 m die zivile Variante eines Stahl gewordenen Herrschaftsanspruch. 

Periodisierung – die langen Wellen Der sowjetische Ökonom Nicolai N. Kondratjew1, hatte den Konjunkturverlauf der kapitalistischen Entwicklung über lange Distanzen analysiert und mit dem Einfluss von „Basisinnovationen" abgeglichen. Danach verläuft die Entwicklung des Kapitalismus nicht linear, sondern folgt 40 bis 60 Jahre dauernden „langen Wellen", welche die kurzen Konjunkurzyklen überlagern. Diese „langen Wellen" seien von technologischen Neuerungen getrieben, welche einen breiten Strom von Folgeinnovationen auslösen. 

Der erste dieser „Kondratjew-Zyklen" (Schumpeter), die Periode 1780–1840, wurde von der Bereitstellung einer technisch erzeugten Antriebskraft (Dampfmaschine) erzeugt. Sie beschleunigte enorm die schon einsetzende Mechanisierung der Produktion (z. B. Spinning Jenny), des Transports und des Bergbaus. 

Stand erst einmal eine technische Antriebskraft zur Verfügung ließen sich auch die dazu passenden Maschinen und Anlagen konstruieren. Es war gewissermaßen der Urknall der Industrialisierung. 

Die Erfindung leistungsfähiger Stahlerzeugungsverfahren, Bessemer-, Thomas- und Siemens-Martinverfahren ermöglichte es die Erfindung der Dampflokomotive sowie des Dampfschiffes zu einer völlig neuen Verkehrsinfrastruktur auszubauen und beflügelte den Boom des II. Kondratjew-Zyklus (Gründerzeit) 1840–1890. Der massenhafte Bedarf an Stahl und Maschinen für den Bau der Lokomotiven und Schiffe, der Trassen, Kanäle, Bahnhöfe, Häfen, der notwendigen Infrastruktur ließ die Hütten- und Bergwerksbetriebe förmlich explodieren. 

Die Durchbrüche bei der Agrarchemie, der anorganischen Chemie und der Pharmazie, das Haber-Bosch-Verfahren, die Erfindung des Generators, des Telephons, der Glühlampe lösten den III. Kondratjew-Zyklus (1890–1940) aus. 

Ihn charakterisieren die Basisinnovation in der Elektrotechnik, der Chemie und der Übergang zu Schwermaschinenbau. 

Aber mit den Produktionspotentialen explodierte auch das Destruktionspotential: die Chemie erfand auch das Dynamit und das Giftgas. Der Maschinenbau das Maschinengewehr. Die Werften legten Schlachtschiffe und U-Boote auf Kiel, Krupp produzierte nicht nur Radreifen, sondern auch Kanonen. Und nicht nur für das deutsche Reich. Selbst die Flugzeuge, kaum erfunden, erlebten ihre erste große Zeit als Kriegsgerät, als Aufklärer, Jäger und Bomber. 

Als der Imperialismus zum ersten großen Schlachten antrat, war er gut gerüstet. 

Die ganze Nationalökonomie war auf den Krieg ausgerichtet. Gigantische Fabriken produzierten Millionen Tonnen Vernichtungsgerät, Millionen Männer wurden in die Uniformen gesteckt. 

Frauen nahem ihren Platz in der Produktion ein. Die Versorgung der Bevölkerung wurde auf das Minimum abgesenkt und darunter. Millionen starben in den Gräben und am Hunger und die Profite schossen durch die Decke. 

Ungleiche Entwicklung Bis es soweit war verlief die Entwicklung sehr ungleich. Vor allem in England hatten sich kapitalistische Produktionsverhältnisse schon früh, seit Ende des 16. Jahrhunderts, zu etablieren begonnen. 

Die aufstrebende Seemacht hatte die alten Kolonialmächte Portugal und Spanien beerbt. Im Siebenjährigen Krieg hatte sie sich als globale Großmacht gegen den Rivalen Frankreich durchgesetzt. Britannien beherrschte den hochprofitablen atlantischen Dreieckshandel (Sklaven, Baumwolle, Rum bzw. Stoffe oder Glasperlen). Die frühzeitige „ursprüngliche Akkumulation" hatte mit der Pauperisierung der Kleinbauern und der Einführung von Arbeitsmaschinen einen schnellen Akkumulationsprozess ermöglicht. Mit dem Beginn der „Großen Maschinerie" war England zur Werkstatt der Welt und mit Beginn des 19. Jahrhunderts zur unbestrittenen maritimen Supermacht geworden. 

In Asien begann der Kampf um die Vorherrschaft in Indien, China und Südostasien und die Durchdringung Australiens und Ozeaniens. In Zentralasien das „Great Game" mit dem Rivalen Russland um die Vorherrschaft in dieser Schlüsselregion. Nachdem sie ihre Kolonien in Nordamerika verloren hatten, begannen England und Frankreich schließlich den „Scramble for Africa" (Wettlauf um Afrika). Galten 1789 noch große Teile der Landkarte als „terra incognita", so war um 1900 die Aufteilung der Welt weitgehend abgeschlossen. Der größte Teil der Weltbevölkerung lebte in kolonialer Abhängigkeit von wenigen imperialistischen Mächten. 

Aber auch innerhalb der europäischen Mächte hatte es rasche Verschiebungen gegeben. Der Absolutismus hatte in Frankreich und England, schon bevor das Bürgertum die politische Macht übernahm, einheitliche zentralistische Strukturen geschaffen, Zollgrenzen abgeschafft und eine fähige Verwaltung aufgebaut. Im Heiligen Römischen Reich dagegen hatte sich die Ohnmacht der Zentralgewalt, der partikularistische Flickenteppich in den verlorenen Bauernkriegen, den Reformationskriegen und der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges nicht nur erhalten, sondern zementiert. Der verfaulte Feudaladel hatte in dem völlig zerstörten Land seine reaktionäre Macht restaurieren können und für seine parasitäre Hofhaltung den durch den Krieg brutal dezimierten, hoffnungslos zermürbten Bauern und Bürgern in unerträglicher Weise immer neue Zölle und Abgaben abgepresst. Auch das handwerkliche Zunftwesen war längst zu einer Monopolisierungsinstitution der etablierten Meister verknöchert. Während in Frankreich und England die Leibeigenschaft und der Zunftzwang weitgehend abgeschafft waren, gab es im Reich um 1800 bei 23 Mio. Menschen lediglich 100 000 freie Arbeiter. Allein in Preußen gab es 67 Zolltarife und 70 legale Geldsorten. 

Napoleon Zwar hatte die französische Intervention den Code Civil und die Bauernbefreiung gebracht, aber die Besitzverhältnisse unangetastet gelassen. In den Befreiungskriegen befreite sich daher vor allem die alte Herrschaft. Sie waren weniger geworden. Statt mehr als 300 zählte der Deutsche Bund noch 35 Fürstentümer (und 4 Freie Städte). 

Aber es waren dieselben geblieben, und in der Metternich-Restauration höchstens habgieriger geworden. Die Bauern waren (erst nach 1830 endgültig und größtenteils nach ruinösen Zahlungen) frei. Aber ohne Land eben keine freien Bauern, sondern freie Lohnarbeiter. 

Im Gegenzug wurden die Junker mehr und mehr zu kapitalistischen Produzenten. 

Erst nach dem Pariser Juli von 1830 wurde, Anfang 1834, auch der Deutsche Zollverein Wirklichkeit. Da hinkten die deutschen Fürstentümer der Entwicklung in England und Frankreich meilenweit hinter her. 

Nun ging es aber auch im Deutschen Bund mit Bergwerken und Fabriken allmählich voran. Zwischen 1820 und 1840 steigerte sich die Kohle- und Roheisenproduktion um 150 bzw. 140 Prozent. 

Von sehr niedrigem Niveau. Allerdings beruhte dieser Produktionsfortschritt vorwiegend auf Extensivierung der Produktion. Mehr Arbeiter, mehr Kinder und Frauen, längere Arbeitszeit. 

Ein Produktivitätsfortschritt fand trotz des Maschineneinsatzes in dieser Phase kaum statt. Die Löhne sanken, die Arbeitszeiten stiegen bis auf 18 Stunden, die Entlohnung erfolgte nicht selten in (Ramsch-)Naturalien. Der Kapitalismus war dabei seine wichtigste Ressource die Arbeitskraft zu ruinieren. 

Allerdings hatte diese hemmungslose Ausbeutung die entstehende Großbourgeoisie stark gemacht. In den letzten 10 Jahren vor der Krise von 1848 waren die Eisenbahnnetze immens gewachsen. 

Die Industrieproduktion hatte um ein mehrfaches zugelegt. Doch der politische Einfluss des Bürgertums blieb nahe Null. Die abgeschlossene Kaste des Feudaladels beherrschte trotz der expansiven kapitalistischen Wirtschaft absolutistisch den Staat. Die Machtprobe von 1789 bzw. 1842 stand nun auch in Deutschland an. 

Die zyklische Krise Seit dem 17. Jahrhundert hatte die Jagd nach dem schnellen Reichtum immer wieder Finanzkrisen produziert. Die Möglichkeit mit Hilfe von bedrucktem Papier Reichtum aus dem Nichts zu produzieren, zog und zieht Glücksversprecher und Glücksuchende gleichermaßen bis heute magisch an. Dabei ist der Phantasie der finanztechnischen Hütchenspieler kaum eine Grenze gesetzt. 

Von exotischen Blüten über Südsee- Sklaven und Mississippi-Kolonien bis zu Eisenbahnen, Kanälen und Immobilien ist alles dabei. So war es auch 1825. 

Südamerikanische Gold- und Silberminen waren der „Geheimtipp". „Personen aller Art … Prinzen, Adlige, Politiker, Beamte, Patrioten, Advokaten, Ärzte, Kirchenleute, Philosophen, Dichter … abenteuerten hastig in Unternehmen, von denen man kaum etwas anderes als den Namen wusste" (Annual Register). 

Als die Spekulation zusammenbrach standen 145 englische Banken vor dem Aus. Der erste Akkumulationsboom nach Einführung der Dampfmaschine hatte seinen Zenit überschritten. Der Kapitalismus erlebte seine erste zyklische Überproduktionskrise. 

„In der Tat, seit 1825, wo die erste allgemeine Krise ausbrach, geht die ganze industrielle und kommerzielle Welt, die Produktion und der Austausch sämtlicher zivilisierter Völker und ihrer mehr oder weniger barbarischen Anhängsel so ziemlich alle zehn Jahre einmal aus den Fugen. Der Verkehr stockt, die Märkte sind überfüllt, die Produkte liegen da, ebenso massenhaft wie unabsetzbar, das bare Geld wird unsichtbar, der Kredit verschwindet, die Fabriken stehen still, die arbeitenden Massen ermangeln der Lebensmittel, weil sie zu viel Lebensmittel produziert haben. 

Bankrott folgt auf Bankrott, Zwangsverkauf auf Zwangsverkauf. Jahrelang dauert die Stockung, Produktivkräfte wie Produkte werden massenhaft vergeudet und zerstört, bis die aufgehäuften Warenmassen unter größerer oder geringerer Entwertung endlich abfließen, bis Produktion und Austausch allmählich wieder in Gang kommen. 

(MEW, Bd. 20, S. 257) 1848 1848 kamen zur zyklischen Krise drei Momente hinzu. Eine soziale- und Versorgungskrise. Die schlechte Ernte hatte die ohnehin miserable Lage der arbeitenden Menschen katastrophal verschärft. Eine Krise des Verwertungsmodus. 

Die Extensivierung war ausgereizt. 

Und eine politische Krise. Die Großbourgeoisie war weiterhin ohne Einfluss. 

Die Radikalität der Februarrevolution in Paris machte die deutsche Bourgeoisie allerdings nachdenklich. „In Deutschland dagegen, wo das praktische Leben ebenso geistlos als das geistige Leben unpraktisch ist, hat keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft das Bedürfnis und die Fähigkeit der allgemeinen Emanzipation, bis sie nicht durch ihre unmittelbare Lage, durch die materielle Notwendigkeit, durch ihre Ketten selbst dazu gezwungen wird." (MEW, Bd. 1, S. 390) Ohnehin fehlte eine zentrale Führung ebenso wie eine klare Strategie. Trotz der Barrikadenerfolge, nach denen Friedrich Wilhelm IV. 

seine Mütze vor den „Märzgefallenen" ziehen muss, endet die Revolution nahezu beim status quo ante. Als sei nichts vorgefallen. Die Probleme wurden vertagt, dank der wirtschaftlichen Entwicklung, die wieder Fahrt aufnahm. Zahlreiche Aktienbanken und Aktiengesellschaften wurden gegründet. Erste Großbetriebe entstanden. Die Krupp Gussstahlfabrik wurde 1870 zum größten Industrieunternehmen Europas. 

Der ökonomische Aufschwung ging mit der politischen Einigung einher. Da sie nicht demokratisch von Unten gelang, kam sie, unter dem preußischen Junker Bismarck, militärisch von Oben. 1862 führte Preußen mit Österreich Krieg gegen Dänemark. Vier Jahre später errang Preußen die Vormacht im Reich mit einem Sieg über den Deutschen Bund mit seiner Vormacht Österreich. Und 1871 vollendete es die „Kleindeutsche Lösung" mit einem Sieg über Frankreich und der Ausrufung Wilhelms I. in Versailles zum Deutschen Kaiser. Die dem unterlegenen Zweiten Kaiserreich neben den Gebietsannexionen auferlegte Kriegskontribution von 5 Mrd. Goldfranc war die Initialzündung für den nun ausbrechenden Gründerboom. 

Mit der Gründung der Deutschen Bank, der Dresdner und der Commerzbank begann die zweite Phase der Gründung von Aktienbanken. Noch ging die Hochphase des Konkurrenzkapitalismus fort. Die Intensivierung der Produktion ermöglichte hohe Produktivitätsfortschritte. 

Die Arbeitszeit wurde kürzer, die -intensität höher. Aber gleichzeitig wurden die finanztechnischen Grundlagen des Monopolkapitalismus und des Kapitalexports gelegt. 

Der Großbetrieb begann die Wirtschaft sowohl in der Chemie (BASF, Bayer) als auch in der Elektrotechnik (Siemens, AEG) als auch in der Schwerindustrie zu beherrschen. 1912 arbeiteten 67 000 Menschen allein für Krupp auf einem Werksgelände von 5 Quadratkilometern. 

Monopolkapitalismus 1873 brach die Börse in Wien zusammen, danach die Börsen weltweit. Der Gründerboom ging jäh zu Ende, der Markt brach zusammen. Auch wenn es global noch Expansion gab, waren die Zuwachsraten bis weit in die 1990er Jahre doch deutlich geschrumpft. Auf den Zusammenbruch des ungehemmten Wachstums antwortete der Kapitalismus nach Innen mit Kapitalkonzentration, nach Außen mit Kapitalexport und Schutzzöllen. 

Klar schien, Deutschland ist für die Expansion seiner Industrie zu klein, es brauchte den „Platz an der Sonne". Politisch reagierte Bismarck zunächst repressiv mit dem Sozialistengesetz und dann integrativ mit der Sozialgesetzgebung. In der Krise wuchsen vor allem die Großbanken und die Großindustrie deutlich auf Kosten der übrigen Wirtschaft. „Ein Kapitalist schlägt viele tot." (MEW, Bd. 23, S. 790) Zahlreiche Kartelle, Syndikate, Trusts und Monopole entstehen. Sie sprechen Preise, Produktionszahlen, Absatz- und Einkaufsräume, Ausschaltung von Konkurrenz, strategische Planungen, Beeinflussung staatlicher Stellen, von Parteien, Personen und Organisationen ab. 

Um die Jahrhundertwende gibt es etwa 400 Kartelle, viele klein, Einzelprodukte betreffend, manche für ganze Sektoren. 

In der chemischen Industrie allein sind es 250. Diese Monopole beherrschten nun die deutsche Wirtschaft. Ihre Großbetriebe zu finanzieren sind aber die Banken nur bereit, wenn sie Sitz und Stimme in den Aufsichtsräten bekommen, gleiches gilt umgekehrt auch für die Industrieunternehmen. In der personellen Verschränkung des Führungspersonals spiegelt sich die nun einsetzende Verschmelzung von Bankenkapital und Industriekapital zum Finanzkapital. 

Krieg und Stamokap Das Deutsche Reich hatte Frankreich wirtschaftlich überholt und Britannien eingeholt. So gut die deutschen Monopole sich auf den Krieg vorbereitet hatten, so maßlos sie in ihren Kriegszielen wurden, so sehr profitierten sie von diesem Krieg. 1918 hatte Krupp seine Belegschaft in vier Jahren auf 200 000 verdreifacht. 

Kann die Vorkriegsrüstung ohnehin als ein Aufbauprogramm für die deutsche Chemie-, Elektro- und Schwerindustrie zu Lasten der Junker und des Mittelstandes gesehen werden, das dabei auch die systemische Überproduktion überdeckt, so radikalisiert das Hindenburgprogramm die Fokussierung aller Ressourcen auf die „kriegswichtigen" Betriebe bis zur physischen Grenze. Ziel war die Steigerung der Pulver-, Munitions- und Minenwerferproduktion auf das Doppelte, der Maschinengewehr und Geschützproduktion auf das Dreifache. 

Dafür wurden auch „kriegsunwichtige" Betriebe staatlicherseits geschlossen, der Hunger in Kauf genommen und mit dem „Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst" eine allgemeine Arbeitspflicht für alle Männer von 17 bis 60 geschaffen. Diese Blaupause zum „Totalen Krieg" 26 Jahre später, zementierte die endgültige ökonomische und politische Dominanz des Finanzkapitals in Deutschland. Die deutsche Großbourgeoisie hatte alles in die Waagschale geworfen und Millionen geopfert, aber sie hatte gegen die etablierten Mächte klar verloren. Dennoch hatte sie es, in einer militaristisch pervertierten Form dazu gebracht, wovor sie 68 Jahre zuvor noch aus Angst vor den Arbeitern zurück gewichen war. „Weder Kaiser noch Könige haben in den Betrieben etwas zu sagen. Da bestimmen wir allein", hatte Emil Kirdorf 1889 dem Kaiser entgegengeschleudert. Im September 1918 verlangte Kirdorf die Abdankung von Wilhelm II. Nun bestimmten sie, 129 Jahre nach dem großen 14. Juli, auf den Trümmern jede Verantwortung von sich schiebend, dank der Ebert und Noske, auch im Deutschland allein. 

1 Wirtschaftswissenschaftler und gilt als einer der ersten Vertreter der zyklischen Konjunkturtheorie (Kondratjew-Zyklen). 1939 wurde auch er ein Opfer der „Säuberungen" 

 

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Als in Konstanz die grüne Grenze plötzlich Sperrzone wurde 

Der Erste Weltkrieg war für die Bodenseeregion eine große Zäsur - das Rosgartenmuseum will die Folgen dokumentieren 

 

Von 1414 bis 1418 fand das Konstanzer Konzil statt, dessen Jubiläum nun bis 2018 in der Stadt und der Region gefeiert wird - mit etlichen aufklärerischen, aber zum Teil auch umstrittenen Veranstaltungen. Im Juli wird im Konstanzer Rosgartenmuseum jedoch eine wichtige Ausstellung zu einem deutlich aktuelleren Thema eröffnet: Konstanz im Ersten Weltkrieg. Mit Museumsdirektor Tobias Engelsing sprach darüber Holger Reile. 

In: Neues Deutschland online vom 14.02.2014 

Weiter unter:  

Informationen unter: www.konstanz.de/rosgartenmuseum/[1] 

Links: 

    1. http://www.konstanz.de/rosgartenmuseum/

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/924013.als-in-konstanz-die-gruene-grenze-ploetzlich-sperrzone-wurde.html 

 

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Schöneres Selbstbild  

Von Sinn und Zweck einer Revision: Warum mit Christopher Clarks Band zum Ersten Weltkrieg, »Die Schlafwandler«, an deutscher Geschichte geputzt wird  

Kurt Pätzold 

In: junge Welt online vom 18.02.2014 

 

Es kommt immer wieder vor, daß sich ein Wissenschaftler bei seinen Forschungen in eine Idee verliebt, weniger Wohlwollende mögen sagen: verrennt. Meist, früher oder später, sterben solche Einfälle im Gespräch mit Kollegen. Und nicht so selten gehen selbst vom im Ganzen Verworfenen noch Anregungen aus. Anders setzt sich die Sache fort, wenn sich an einen abwegigen Gedanken, der etwa durch eine Buchveröffentlichung über den Kreis der Fachleute hinaus publik geworden ist, Interessen knüpfen lassen, die außerhalb des Bereichs der Wissenschaft existieren. Das ist der aktuelle »Fall Christopher Clark«, der eines Historikers, und dies wiederum ist kein Zufall. Die Nähe der Geschichtswissenschaft zur Politik wird ernsthaft nicht mehr bestritten, und also haben die Jünger der Clio zu entscheiden, wie sie sich in dem daraus entstehenden Spannungsfeld bewegen. 

Verzicht auf Warum-Frage 

Der in Großbritannien lehrende australische Forscher hat in jahrelangen Recherchen die diplomatische Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges erforscht. Mit dieser Arbeit stellte er sich in eine lange Reihe, aus der sein Buch jedoch deutlich herausragt, hervorstechend durch neue und weitläufige Archivstudien in vieler Herren Länder, die einen Polyglott zur Voraussetzung hatten. Dabei hat Clark, wie er nicht nur eingestand, sondern betonte, das »Wie« der Entstehung des Krieges mehr interessiert als das »Warum«. Das ist außergewöhnlich, denn erst der Grundsatz »Rerum cognoscere causas« (den Dingen auf den Grund gehen) führt auch zu den Ursachen und den Verursachern geschichtlicher Entwicklungen, und deren Aufdeckung gilt als so etwas wie die Krönung einer Forscherarbeit. 

Was Clark als das Hauptergebnis seiner Fahndungen gilt, hat er zudem im Haupttitel seines gelehrten Buches ausgewiesen. Er fand heraus, daß die Staatsoberhäupter, Politiker und Diplomaten, also das ganze Personal, das für den Weg in das Massenmorden verantwortlich zu machen ist, in diesen Krieg hineintappte wie Schlafwandler. Dieses Begriffs hatte sich vor ihm noch niemand bedient. Es war die Rede vom »Hineinschlittern« und »Hineintaumeln«, vom »Sprung ins Dunkle« und ähnlichem gewesen. Mit diesen älteren Bildern weist dasjenige des Australiers jedoch eine unverkennbare Verwandtschaft auf. Sie alle ignorieren die Tatsache, daß Kriege erstrebt werden, um Interessen durchzusetzen und Ziele zu erreichen, wie exakt oder wie ungefähr sie auch bestimmt sein mögen. Das geschieht wachen Sinnes, wobei man sich Chancen für die eigenen Pläne ausrechnet. Noch niemand hat sich in einen Krieg gestürzt, um ihn zu verlieren. Was in der Phase von Kriegsvorbereitungen an Unwissen, Uninformiertheit, Selbstüber- und Geringschätzung der Gegner, also an Fehlkalkulationen, im Spiele sein mag, was davon Beteiligte später mitunter eingestehen oder sich aus überlieferten Akten ermitteln läßt, dies alles ändert nichts an der Existenz von Interessen, nicht nur von Einzelpersonen, sondern von sozialen Gruppen, und daraus erwachsenden Zielvorstellungen. Kriege werden auch nicht um ihrer selbst willen begonnen. 

Über die Antriebe, die das Handeln derer bestimmten, die den Krieg als Möglichkeit der Politik, als Weg zur Erreichung ihrer Interessen ansahen und beschritten, wird von den Beteiligten hingegen meist geschwiegen. Sie sind nicht vorzeigefähig, sondern eher entlarvend. So blieben die Nebelwerfer, die seit Kriegsbeginn Granaten mit der Aufschrift »Vaterlandsverteidigung« verschossen, in Stellung und Aktion, als der 1914 von den beiden Kaiserreichen, dem habsburgischen und dem hohenzollernschen, begonnene Krieg verloren war und die deutsche Geschichte in der Weimarer Republik angekommen war. 

Doch die Wahrheit kam herfür. Wenn auch nur mehr oder weniger deutlich ausgesprochen, gelangte sie bis in die Schulbücher der Bundesrepublik: Es sei die im Deutschen Reich herrschende gesellschaftliche Elite, bestehend aus Zivil- und Militärpersonen, gewesen, die zur Verteilung der Filetstücke des Erdballs zu spät gekommen war. Sie habe sich bewaffnet, um den öffentlich verlangten »Platz an der Sonne« zu erstreiten. Und dies allen Warnungen zum Trotz, an denen es selbst in ihren eigenen Kreisen und Cliquen nicht fehlte. So geriet das Kaiserreich in einen Krieg gegen drei europäische Großmächte, in dem diese ihre imperialistischen Pfründe und Interessen gegen ein Deutschland behaupten wollten, das sich binnen drei Jahrzehnten zu einer Großmacht entwickelt hatte und nun auf Kosten anderer Weltmacht werden wollte. Nichts von Rechnungen und Gegenrechnungen bei Clark. Schlafwandler tappten auf der Bühne der Weltpolitik herum, und irgendwo war da das tödliche Moor, der Krieg. 

Im Dienst der Politik 

Wenn Historiker das Vokabular ihrer Disziplin verlassen und sich der Begriffswelt der Naturwissenschaften bedienen, und das geschieht ständig auch im Blick auf den historischen Platz des Ersten Weltkriegs (»Urkatastrophe«, »Urknall«), ist Vorsicht angeraten. Und die gilt doppelt, wenn ein geschichtlicher Vorgang mit einem Begriff aus der Neurologie beschrieben wird, wenn die Akteure zu einer Sorte von harmlosen und bedauernswerten Kranken erklärt werden, die meist nicht aggressiv ist, sondern sich auf ihren nächtlichen Gängen vor allem selbst der Gefahr von Verletzungen aussetzt. Der Vergleich mit dem Somnambulismus trägt an Erkenntnis nichts bei, aber er hat den Vorzug, die Akteure von jeglicher Verantwortung für das freizusprechen, was sie in der Weltgeschichte angerichtet haben. Ganz hat das Clark offensichtlich nicht gewollt und durch seine Forschungen auch nicht als gerechtfertigt angesehen. Doch glaubte er sich zur dem Urteil berechtigt, daß die Schlafwandelnden in Berlin und Wien nicht weniger und nicht mehr für die Millionen Toten und Verkrüppelten, die Verwüstungen von Städten und Landschaften, die Last, die sie den Nachfolgenden aufbürdeten, verantwortlich seien als die Schlafwandler in Petersburg, London und Paris. 

Das ergab ein Revisionsangebot wider ein Geschichtsbild, das zuerst in der deutschen Linken, dann von Demokraten und Pazifisten verfochten, in der DDR forschend weiter fundiert, in der BRD in den 60er Jahren von Fritz Fischer und dessen Schülern gegen Widerstände erhärtet und verbreitet wurde. Als Clarks Buch 2012 in London erschien, war es Sache deutscher Fachleute, dieses Angebot anzunehmen, ihm zu widerraten oder es auch unkommentiert gleichsam durchgehen zu lassen. Es war nicht die Leistung des Forschers, die das Buch zum Ereignis machte, vielmehr war es die Reaktion darauf. So waren es zunächst Einzelne wie der Militärhistoriker Gerd Krumeich und dann, als die deutsche Übersetzung erschienen war, im Chor die bürgerliche Presse und weitere Medien, die den Band zum Bestseller hochjubelten. 

Daß Fritz Fischer auf Gegenwehr seiner Fachkollegen gestoßen war, die selbst akademische Höflichkeitsformen außer acht ließ, war nicht verwunderlich. Seine Kontrahenten verteidigten ihre eigenen Biographien, den Teil, in dem sie mordspatriotische Kriegsteilnehmer gewesen waren, und jenen, in dem sie sich studierend und lehrend an der Verklärung - richtiger: Verfälschung - der Weltkriegsgeschichte beteiligt hatten. Das bestimmte den Ton ihrer Abweisung. Es kam hinzu, daß sie in Fischer einen Renegaten erblickten, der wie üblich doppelt abzustrafen war. Daß aber ein halbes Jahrhundert später Historiker, die kein autobiographisches Interesse mehr antreibt, bereit sind, den geschichtlichen Fortschritt aufzugeben und mit dem Australier hinter ihn zurückzugehen, gibt schon Rätsel auf. 

Dennoch liegen die Gründe auf der Hand, schließlich verdüstert Fischers Ansatz aus der Sicht seiner Gegner die deutsche Geschichte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, während die Clark-Gefolgsleute diesen Zeitraum aufgehellt sehen können, wodurch Deutschlands Rolle insgesamt lichtvoller hervortritt. Abgesehen freilich von den wenig später folgenden »zwölf dunklen Jahren«, an denen jeder Versuch der Aufhellung scheitert. Woher aber kommt und nährt sich das Bedürfnis, sich bei der beständig mit Eigenlob bedachten »Bewältigung« deutscher Vergangenheit mit derlei Putzarbeiten zu befassen? Aus der Geschichtswissenschaft wird das nicht gespeist. Wohl aber aus dem politisch-ideologisch geprägten Verlangen, das aktuelle Selbstbild des heutigen Deutschland, des ökonomischen Riesen, der Führungsmacht in Europa, die bereit ist, mehr Verantwortung in der Welt zu übernehmen, von verunschönerndem historischem Beiwerk zu befreien. Das dient innen- wie außenpolitischen Zwecken. Daß Geschichtswissenschaftler hierzulande da mitmachen oder dazu schweigen und die wenigen Widersprechenden es schwer haben, sich hörbar zu machen, daß sie in einem Lande, in dem der Nürnberger Prozeß stattfinden mußte, zu Clarks Zweifel, ob man als Historiker überhaupt Fragen der Kriegsschuld nachgehen müsse und ob man dabei nicht auf Holzwege gerate, herumdrucksen und stumm bleiben, das ist ein Vorgang, der ganz in die Geschichte der bürgerlichen deutschen Intelligenz, genauer: von deren Mehrheit, paßt. Er ragt aus ihr nicht heraus, anders würde er als Skandal wahrgenommen. 

 

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