Lehrerin in zwei Systemen 

 

Ein Interview mit Brigitte Müller, ausgebildete Diplomlehrerin für die Fächer Deutsch und Geschichte, Trägerin der Pestalozzi-Medaille und der Theodor-Neubauer-Medaille in Silber. 

 

Berufliche Laufbahn: Horterzieherin, Pionierleiterin, Unterstufenlehrerin, Oberstufenlehrerin, Klassenleiterin, Fachberaterin für das Fach Deutsch im Stadtbezirk Berlin-Marzahn, Stellvertretende Direktorin, Leiterin für lehrplanbegleitende Seminare, Mitarbeiterin des schulpsychologischen Dienstes, über 43 ununterbrochene Dienstjahre, davon 30 Jahre DDR-Praxis (verheiratet, Mutter und Großmutter). 

 

UZ: Du hast in der DDR und der BRD, also in zwei unterschiedlichen Systemen als Lehrerin gearbeitet. Wie sieht für dich rückblickend der Vergleich der beiden Systeme aus? 

Brigitte Müller: Das Bildungs- und Erziehungssystem hatte in der DDR einen sehr hohen Stellenwert und ich schätze es im wahrsten Sinne des Wortes als VOLKSBILDUNG ein. Im Vordergrund der Persönlichkeitsentwicklung stand die humanistische Bildung und Erziehung als Allgemeingut. Es gab in der DDR ein staatlich geführtes einheitliches polytechnisches Bildungssystem. Eine Familie mit Kindern konnte innerhalb eines Schuljahres von der Ostsee nach Thüringen, von der Elbe zur Oder ziehen. Ihre Kinder von Kinderkrippe über Kindergarten bis zur Schule fanden stets in ihren neuen Einrichtungen die gleichen Lehrbücher vor. Sie konnten fast nahtlos in allen Fächern an den erworbenen Lehrstoff anknüpfen. 

Dieser Tatsache lag das einheitliche verbindliche Lehrplanwerk zu Grunde und das war das Ergebnis eines langfristig wissenschaftlich angelegten Bildungssystems. Zur Volksbildung gehörten die Vorschule bis zur Berufs-, Fach- und Hochschule. Nicht umsonst hatten wir einen VOLKSBILDUNGsminister. So war das Fundament für die einheitliche Bildung und Erziehung gegeben. Ich betone bewusst: Bildung und 

Erziehung, weil das von Anfang an eine Einheit war. 

UZ: Und in der Bundesrepublik? 

Brigitte Müller: In der BRD ist das Bildungssystem zweitrangig. Es gerät immer dann in die Kritik, wenn die Pisa-Studien ihre Ergebnisse präsentieren. Dann wird zwar breit in allen möglichen Medien diskutiert und meist "klug" geurteilt, doch es wird nicht ehrlich nach den Ursachen der Defizite geforscht. Auch die allgemeine Feststellung der Wirtschaft, die Lehrlinge würden nur über mangelndes Wissen verfügen und es fehle ihnen an ehrgeiziger Einstellung, Kreativität und Umsicht, sie seien selten teamfähig, hilft weder Eltern, Lehrern noch Schülern, noch ändert das etwas an der Tatsache an sich. 

Was ich in den Jahren nach 1990 in der Schule erlebte, war hauptsächlich die Forderung, den Schülern lediglich Wissen zu vermitteln. Nicht Wissen und Können gepaart mit Fähigkeiten und Fertigkeiten, noch Erkennen von Ursache, Folge, Wirkung, noch das Erkennen von Zusammenhängen stehen im Mittelpunkt, sondern die Schüler werden nur am Faktenwissen gemessen. Dabei bleibt die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit auf der Strecke. Der Schüler ist nur Objekt, das zu pauken hat. Den Schüler als eigenständige Persönlichkeit, als Subjekt zu betrachten, tritt in den Hintergrund. Dadurch hat sich das Verhältnis von Erziehung und Bildung stark verändert. Die Konzentration liegt in der Entwicklung von Individualisten. Dabei kommt die Verantwortung des Schülers gegenüber seiner eigenen Lernhaltung und dem Zusammenspiel mit seinen Mitschülern (wir nannten es Kollektiverziehung) zu kurz. 

UZ: Selbst die schärfsten Kritiker der DDR müssen anerkennen, dass die Bildungschancen – und auch die schulischen Leistungen und Erfolge – der "Arbeiter- und Bauernkinder" in der DDR unvergleichlich viel besser waren. Wie müsste die Schule von heute sich verändern, wenn sie an diesen Erfolgen anknüpfen wollte? 

Brigitte Müller: Zur vornehmsten Aufgabe des Bildungs- und Erziehungswesens der DDR, besonders in den ersten drei Jahrzehnten, gehörte die Förderung der Arbeiter- und Bauernkinder. Die Förderung der Schüler dieser Eltern, die Jahrhunderte lang unter einem Bildungsprivileg litten, wo nur Kinder von "gut betuchten" Eltern große Entwicklungschancen eingeräumt waren, gehörte zur Gesamtzielstellung unserer Bildung und Erziehung. Deshalb galt es für uns Lehrer und Erzieher besonders in den ersten Jahrzehnten gerade denen unsere größte Aufmerksamkeit zu schenken. Es veränderte sich der Leistungsspiegel der Arbeiter- und Bauernkinder mit der Zeit zusehends zum Positiven. 

Nun geriet auch die gleichzeitige Förderung von Talenten und Begabungen in den Vordergrund. Wobei auch schon Anfang der fünfziger Jahre durch systematische Unterrichtsdifferenzierung methodisch darauf hin gearbeitet wurde. Die Zahl von Spezialschulen (u. a. für Mathematik und Naturwissenschaften, Fremdsprachen, Musik, Sport) wuchs und konnte kostenlos besucht werden. Andererseits wurden Schüler mit nachweisbaren physischen und psychischen Defiziten an speziellen Sonderschulen unterrichtet, teilweise nach gesonderten Lehrplänen, aber auch nach regulärem Lehrplan. Sie wurden ihren Schwierigkeiten entsprechend gleichzeitig medizinisch betreut und erzielten nicht selten die Hochschulreife. Es konnte im Laufe der 40 Jahre das bürgerliche Bildungsprivileg durchbrochen werden. 

UZ: Der Bildungs- und Erziehungsauftrag war doch auch auf den außerschulischen Bereich bezogen … 

Brigitte Müller: Ja, jede Schule hatte für ihre Schüler und für alle Klassenstufen Arbeitsgemeinschaften (AG) bzw. Interessengemeinschaften (IG) für den Nachmittag kostenlos anzubieten. Das betraf gleichermaßen naturwissenschaftliche, sportliche, musisch-künstlerische und allgemein-bildende Angebote. Für die Schüler der Klassen 4 bis 6 hatte das besondere Priorität, weil gerade in diesem Alter die gelenkte Freizeitbeschäftigung für den jungen Menschen nachhaltig bei der Berufsfindung wirken kann. Ziel war es, dass jeder Schüler in seiner Freizeit inhaltlich seinen Neigungen entsprechend selbstständig die Chance hatte, sich zu orientieren, ohne Leistungsdruck spielend zu lernen. 

Nicht selten fand der eine oder andere dort bereits seine Wurzeln für die spätere Berufswahl. Hinzu kommt, dass mit einem garantierten Ausbildungs- und späteren Arbeitsplatz den Eltern und Schülern/Studenten eine verlässliche Sicherheit geboten wurde. Das war wiederum das Fundament, um sich von der Geburt bis zum Erwachsensein mit gleichen Chancen gesund und zufrieden entwickeln zu können. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass dadurch junge Paare zum Kinderwunsch ermutigt wurden. 

Die Schulleitungen ließen uns Lehrer mit diesen Fragen natürlich nicht allein … Zugegeben, so manch ein Lehrer empfand das als Kontrolle seiner Arbeit. Doch im Mittelpunkt stand immer die Schülerentwicklung … So konnte man beispielsweise auch keinen Schulschwänzer – aus den Augen verlieren, das Nichtanfertigen von Hausaufgaben oder die nicht mitgebrachten Arbeitsmaterialien (Mappe packen!!), das Zuspätkommen, all diese Dinge, mit denen sich ein Lehrer, seitdem es Schulen gibt, überall mal mehr, mal weniger "rumzuärgern" hat, wurden besprochen, auch sofortige Elternbesuche konnten vieles klären. 

Das erleichterte uns Lehrern die Arbeit und letztendlich fand auch der betreffende Schüler wieder Lust, sich auf den Unterricht zu freuen, weil er Erfolge, oft schon durch kleines und größeres Lob, erlebte, was sich dann wiederum auf die schulischen Leistungen niederschlug. 

UZ: Und wie war das nach 1990? 

Brigitte Müller: Seit 1990 gab es diese intensive Begleitung unserer Arbeit nicht mehr. Wobei ich das nur für die drei Schulen, an denen ich seit 1990 tätig war, durch meine dortige praktische Arbeit korrekt einschätzen kann. Jedoch in Gesprächen mit Kollegen auch in ländlichen Gegenden Brandenburgs wurde mir ähnliches bestätigt. Die Rektoren erfahren auch entschieden weniger praktische Hilfen von den Schulämtern als zu DDR-Zeiten. 

UZ: Der renommierte Bildungsforscher Fend hat das deutsche Schulwesen als von "Entsorgungsmentalität" geprägt bezeichnet. Viele Lehrer können sich einen erfolgreichen Unterricht in einer Einheitsschule mit ihren heterogenen Lerngruppen nicht vorstellen, verbinden teilweise sogar einen ausgesprochenen Horror mit dieser Vorstellung. Lehrer aller Schulformen scheinen durchdrungen von dem Gedanken, sie hätten eigentlich die falschen, weil zu wenig leistungsfähigen SchülerInnen vor sich. 

Brigitte Müller: Bei dieser Frage sprechen die Erfolge der Absolventen der DDR-Bildungseinrichtungen für sich. Es steht noch immer die Frage im Raum, warum vor 1989/90 und vor dem 13. August 1961 ständig und gezielt Facharbeiter und Hoch- bzw. Fachschulabsolventen durch die BRD-Wirtschaft "finanziell" angelockt und abgeworben wurden. Die fehlende Antwort können wir uns selber geben. Die abgeworbenen jungen Leute besaßen nicht nur eine fundierte Allgemeinbildung, sondern auch solide Fachkenntnisse. Für uns war ein hohes Leistungsniveau eben immer auch ein selbstverständliches Ziel der Schule – nach dem Motto: Ich fordere dich, weil ich dich achte. Und wenn heute Finnland als das große Beispiel dargestellt wird, so weiß doch inzwischen jeder, dass die Finnen sich in den 70er Jahren das DDR-Schulwesen sehr genau angeschaut haben, bevor sie an ihre große Schulreform gingen. Also, warum an differenziert angelegter, wissenschaftlich durchdachter, einheitlicher polytechnischer Bildung und Erziehung zweifeln? Der Beweis ist erbracht! Und zwar in Deutschland. Natürlich heißt das nicht, dass es nicht auch Defizite gab … 

UZ: Was hast du nach der Wende bei deinem neuen Lehrerdasein als besonders positiv empfunden – und was als besonders negativ? 

Brigitte Müller: Besonders positiv empfand ich nach 1989/90, wenn sich ehemalige Schüler und Eltern beim Zusammentreffen mit uns Lehrern besorgt danach erkundigten, ob wir noch im Dienst seien. Viele Eltern legten – übrigens bis heute – Wert darauf, ihre Kinder von DDR-Lehrern unterrichten zu lassen. Das war und ist für mich der Beweis der Anerkennung nicht nur meiner Lehrerpersönlichkeit, sondern die Wertschätzung unseres Bildungssystems überhaupt. Als besonders schmerzlich traf mich: das angeordnete Lehrbüchervernichtungsprogramm (auf jedem Schulhof standen im Sommer 1990 Container, in die die Lehrbücher der DDR, Landkarten, Anschauungsmittel, die den Anflug von sozialistischer Bildung an sich trugen, geworfen werden mussten). 

Zwischenfrage: Das riecht nach Bücherverbrennung und nach einer gezielten Demütigung. Gab es damals Gegenwehr gegen diese Maßnahme? 

Brigitte Müller: Leider viel zu wenig. Die meisten Kollegen waren mit sich beschäftigt, waren um ihren Arbeitsplatz mit Recht besorgt und saßen kopfschüttelnd dabei … Nein, eine aktive Gegenwehr gab es nicht. Mag sein, dass es auch daran lag, dass viele Kollegen die wahre Situation mit ihren Folgen nicht sofort begriffen. Ja, es riecht nicht nur nach Bücherverbrennung, ganze Bibliotheken flogen durch die Fenster auf die Straße. Beherzte Bürger sammelten, was sie konnten und soweit die häuslichen Lagerkapazitäten es zuließen. Als Ersatz bekamen wir dann veraltete Lehrbücher aus Westberlin aus den Siebzigerjahren, mitten im Schuljahr des letzten Halbjahres nach DDR-Recht. Von heut auf morgen wurde auf Anordnung des Berliner Senats die Kürzung von Fachunterricht und teilweise ersatzlose Streichung der Stunden vollzogen. Es schmerzt mich, dass heute Eltern für ihre Kinder im außerschulischen Bereich (Hort, Arbeitsgemeinschaften) zahlungskräftig sein müssen, dass sofort die tägliche Mittagsmahlzeit und die Frühstücksmilch im Preis derart in die Höhe schnellten, so dass heute nur noch ein minimaler Teil an Schülern sich diese Selbstverständlichkeiten leisten kann, dass das Fehlen an Wandertagen kein gewöhnliches Schwänzen ist, sondern das Fahrgeld für Bus oder Straßenbahn und Eintritt zu Ausstellungen oder Sportstätten einfach fehlt, dass sich Eltern und Schüler schämen, den wahren Grund ihres Fernbleibens anzugeben, dass aus Kostengründen längst nicht alle Schüler an Klassenfahrten teilnehmen können, die "Klagelatte" könnte ich leider noch verlängern. 

UZ: Was würdest du den Schulpolitikern und den Lehrer von heute ins Stammbuch schreiben? 

Brigitte Müller: Die Lehrer sollten die Kraft und den Mut aufbringen, die Schulpolitiker zu zwingen, dass diese ihre Forderungen durchsetzen, die ich u. a. in folgenden Punkten sehe: 

1. Ein einheitliches Bildungs- und Erziehungsprogramm muss her! Und das bundesweit! 

2. Nicht am Symptom "rumdoktern", sondern die Ursachen benennen und verändern, sonst verfallen die Bildungsministerien nach jeder Pisastudie weiter in Aktionismus und für alle Misserfolge, Entwicklungs-, Leistungs- und Erziehungslücken der Schüler werden die Lehrer verantwortlich gemacht. 

3. Die Klassenstärke auf 23 Schüler in Regelschulen senken. 

4. Die Wochenpflichtstunden der Lehrer ebenfalls auf 23 (DDR-Maßstab) bei vollem Lohnausgleich senken. 

5. Der Lehrer muss wieder als Autorität betrachtet werden, zum geachteten Partner für die Gesellschaft und dadurch auch für die Eltern. 

6. Der Berufsstatus muss von der Gesellschaft anerkannt und gewürdigt werden. 

7. Elternhaus, staatliche Institutionen, Betriebe vor Ort müssen nicht nur in das Bildungssystem integriert werden, sondern sie haben feste Aufgaben zu lösen. 

8. Nicht mehr nach dem Prinzip lehren: Mit möglichst wenig Aufwand und geringen Kosten möglichst schnell die Schüler zum Abschluss führen. 

9. In engem Zusammenwirken mit den Eltern sollte man sich wieder auf die Tradition des Erzogenseins besinnen und sich nicht scheuen, diesen Fakt zu benennen. Und die Erziehung in sozialen Brennpunktfamilien darf nicht dem Zufall überlassen bleiben. 

10. Lernerfolge müssen für die Schüler sichtbar werden, Lernen muss sich wieder lohnen, weil es Spaß machen kann. 

11. Grundschulklassen mit kleineren Klassen und mehr Lehren und Erziehern ausstatten. 

12. Die Vorschulbildung obligatorisch für jedes Kind einfordern und das kostenlos! 

13. Die Bereitschaft der Schüler zum Lernen durch das Vermitteln von Techniken des geistigen Arbeitens anbieten, also das Lernen lehren. Die Lehrer sollten, wenn sie sich für den Beruf entschieden haben und diesen nicht aus Versorgungsgründen wählten, sich ausschließlich für die Schüler verantwortlich fühlen und nicht vordergründig sich als Staatsdiener fühlen. 

Das Gespräch führte Rolf Jüngermann,  Studienrat im Ruhestand 

Quelle: UZ, Roter Brandenburger 

via DDR-Kabinett-Bochum 

 

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Lehrstücke  

Erinnerungen von DDR-Kombinatsdirektoren in einem Sammelband  

Wolfram Adolphi 

In: junge Welt online vom 03.02.2014 

 

Die Enquete-Kommission des Brandenburger Landtags zur Untersuchung des Umgangs mit der DDR-Vergangenheit beendete ihre Arbeit kürzlich mit dem Aufruf, in den Schulen mehr über die DDR zu reden. Die folgende Rezension versteht sich als Bewerbungsschreiben zur Mitwirkung. 

Zum Beispiel mit dem Hinweis, daß, wer in der DDR Wirtschaftsboß war, die Aufgabe hatte, sein Unternehmen zu rationalisieren und auf dem Weltmarkt mitzumischen, ohne eine einzige Beschäftigte, einen einzigen Beschäftigten zu entlassen. Oder dem, daß diese Bosse - die Generaldirektoren, abgekürzt GD - damit nicht reich geworden sind. »Wenn ich nach der Wende gefragt wurde, was ich als Generaldirektor in der DDR verdient habe, dann konnte ich wahrheitsgemäß berichten, daß die Klofrau am Frankfurter Hauptbahnhof am Ende des Tages mehr Geld in der Tasche hatte als ich«, gibt Heiner Rubarth in dem Band »Die Kombinatsdirektoren: Jetzt reden wir« zu Protokoll. Er war einst stellvertretender Generaldirektor des VEB Bandstahlkombinat, dann des VEB Werkzeugmaschinenkombinat und schließlich Generaldirektor des VEB Kombinat Elektromaschinenbau. 

Eigene Erfahrungen 

Was für Lebensläufe. Rubarth zum Beispiel: Jahrgang 1940, in Breslau geboren, 1945 zehn Monate Fluchtwirrnis, Grundschule in Mühlberg an der Elbe, Lehre zum Maschinenschlosser, 1961 Ingenieur für Walzwerk- und Hüttentechnik und bald darauf schon Chef. Oder Lothar Poppe: Jahrgang 1924, 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück, 1950 Former in Gröditz, Ingenieurschule, 1954 Haupttechnologe, dann Direktor im VEB Gießerei und Maschinenbau Schmiedeberg, 1969 Direktor im Kombinat für Gießereiausrüstungen und Gußerzeugnisse Leipzig. Oder Eckard Netzmann: 1938 geboren, mit 14 in die Werkzeugschlosserlehre, mit 20 Umformtechnik-Ingenieur, mit 28 Diplom im Fernstudium, mit 41 GD im Zementanlagenbau, dann stellvertretender Minister, 1983 rausgeschmissen, hartnäckig geblieben, Leitungsaufgaben im VEB Kombinat Kraftwerksanlagenbau - und 1987 bestellt, das KKW Greifswald ans Netz zu bringen. 

Das konnte auch einem Netzmann nicht mehr gelingen. Aber: Er fand - wie nicht wenige seiner Kollegen - trotzdem in der Nachwendewirtschaft seinen Platz. Wie das ging im einzelnen in der DDR und in der Wendezeit und später, welches Können da einzubringen war und welcher Erfahrungsreichtum geschätzt wurde im Westen oder einfach nur abgetan mit Spott oder ungläubigem Kopfschütteln, ist hier nachzulesen. Neben den schon Genannten kommen zu Wort die GD Herbert Roloff, Manfred Dahms, Karl Döring, Herbert Richter und Hans-Joachim Lauck. 

Initiatorin und Seele des Projektes, aus dem das Buch erwuchs, ist die Germanistin und Autobiographikerin Katrin Rohnstock. Sie, die sich mit ihrem Unternehmen »Rohnstock Biografien« in Berlin längst einen Namen gemacht hat, stieß auf die erstaunliche Tatsache, daß in der Erinnerungsliteratur über die DDR die Wirtschaft bisher kaum eine Rolle spielt. Sie wurde neugierig und machte sich mit ihrem Team auf die Suche, fragte herum, schrieb Einladungen, und seit Herbst 2012 treffen sich GD, Wirtschaftsfunktionäre und Wirtschaftswissenschaftler aus der DDR zu regelmäßigen Debatten. Bisheriger Höhepunkt: eine Ganztagsveranstaltung mit Vorträgen und Gesprächsrunden am 8. Dezember 2013. Und nun eben dieses Buch. 

Das natürlich voller Widersprüche ist. Und sein Untertitel »Was heute aus der DDR-Wirtschaft zu lernen ist« vielleicht zu trotzig. Aber das ist kein Grund, es nicht zur Hand zu nehmen. Denn es enthält nicht nur Erinnerungen an konkret gelebtes, verantwortungsvolles, herausforderungsreiches Leben - es reden hier die Chefs von Unternehmen mit dreißig- bis hunderttausend Beschäftigten! -, sondern es ist auch ein Lehrstück über das komplizierte Nebeneinander von Erinnerung und wissenschaftlicher Durchdringung der Geschichte. 

Rahmensetzungen 

Neben den Erinnerungen der GD stehen im Buch Beiträge von Wirtschaftsfunktionären aus der Zentrale (Franz Rudolph, Peter Grabley, Norbert Langhoff, Klaus Blessing), vom Ökonomen Harry Nick, vom Wirtschaftshistoriker Jörg Roesler und von der Kulturwissenschaftlerin Isolde Dietrich. Da hat das Analytische, Zusammenfassende und Bewertende selbstverständlich Vorrang. Aber das eigentliche Gewicht des Buches machen die GD-Erzählungen aus. Sie müssen, ja dürfen gar nicht immer gleich auf die Frage zugespitzt werden, wieso am Ende doch alles gescheitert sei. 

Nein, es geht um das Erzählen selbst. Das Erzählen ist in sein eigenes Recht gesetzt. Die Leserinnen und Leser haben ihren eigenen Kopf, ihre eigenen Erfahrungen und eigenen Erwartungen, es zu verarbeiten. 

Und außerdem gibt es im Buch ja auch noch Rahmensetzungen. Die Einführung stammt von Christa Luft, Wirtschaftsministerin in der Modrow-Regierung November 1989 bis März 1990 und nachfolgend langjährige Wirtschafts- und Haushaltsexpertin der PDS im Bundestag. Luft unterstreicht, daß die DDR »ein hochindustrialisiertes Land mit moderner Landwirtschaft und weltweiten Außenhandelsbeziehungen« gewesen ist und an ihrem Ende keineswegs »pleite« war. Vielmehr wurde ihre Wirtschaft nach der Wende einer Treuhandpolitik geopfert, der es »nicht im Schumpeterschen Sinne um rschöpferische Zerstörungl« zur Schaffung von »etwas Neuem« ging, sondern um Destruktion mit dem »Zweck, mögliche Konkurrenten auszuschalten und sich deren Märkte anzueignen«. Zugleich hält sie nicht mit selbstkritischem Rückblick auf die Erstarrung der DDR-Wirtschaftsmechanismen hinterm Berg. Solches im Buch zu haben, ist ebenso wichtig wie des Kulturwissenschaftlers Dietrich Mühlberg Ahnung, daß angesichts sich zuspitzender Krisenerscheinungen »Praktiken sich als nötig erweisen (könnten), die so gar nicht zu dem heutigen Finanzmarkt-Kapitalismus passen« - »und da sollten wir in der ostdeutschen Geschichte auf Fingerzeige stoßen«. 

»Jetzt reden wir« ist mit seinen 220 Seiten erst ein Anfang. Rohnstock plant weiter: neue Tagungen und ausführliche Autobiographien. Es lohnt sich, dranzubleiben. 

Die Kombinatsdirektoren: Jetzt reden wir - Was heute aus der DDR-Wirtschaft zu lernen ist. Edition Berolina, Berlin 2013, 220 Seiten, 9,90 Euro * ISBN-13: 9783867898164 

 

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Therapien gegen Berührungsangst 

Architektur-Tagung in Weimar thematisierte den Umgang mit dem DDR-Erbe 

Von Danuta Schmidt, Weimar 

 

Die verbliebenen Zeugnisse der DDR-Architektur kommen in die Jahre. Doch wie wird sich die Denkmalpflege in Zukunft zu diesem Erbe stellen? 

»Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass wir nur mit zeitlichem Abstand das DDR-Erbe objektiv bewerten können.« Das erklärte der Thüringer Landeskonservator Holger Reinhardt auf dem Architektur-Symposium »Denkmal Ostmoderne II« an der Bauhaus-Universität Weimar. In 23 Fachvorträgen hatten bis zum Wochenende Spezialisten aus Ost und West die DDR-Architektur als Zeugnis der Kulturgeschichte untersucht. 

In: Neues Deutschland online vom 05.02.2014  

Weiter unter:  

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/923050.therapien-gegen-beruehrungsangst.html 

 

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