Plünderung der Museen  

Vom Schicksal der »entarteten Kunst«. Teil I: Die Raubzüge der Nazis und der evangelische Kunstdienst  

Horsta Krum 

In: junge Welt online vom 24.12.2013 

 

Was schenken wir dem kleinen Michel 

zu diesem kalten Weihnachtsfest? (...) 

Ach, liebe Basen, Onkels, Tanten - 

schenkt ihr ihm was. Ich find es kaum. 

Ihr seid die Fixen und Gewandten, 

hängt ihr's ihm untern Tannenbaum. 

(Kurt Tucholsky) 

Wenn der deutsche Michel zu den ganz Reichen gehört, dann mag er wohl heutzutage unterm Tannenbaum ein Kunstwerk finden, vielleicht von Nolde oder Marc; und wenn er ganz, ganz reich ist, darf's auch Picasso oder van Gogh sein. Auch Uncle Sam in den USA geht das Herz auf bei einem solchen Geschenk, desgleichen dem jovialen Tom in London oder dem sonst zurückhaltenden Rudi in Luzern. 

Was einige wenige reiche Kunstliebhaber nicht offen sagen, aber ungebrochen seit der Nazizeit diskret praktizieren, weiß »man« inzwischen: Auf dem Kunstmarkt lassen sich fast risikofreie Geschäfte machen, jedenfalls risikoärmere Geschäfte als mit Gold und Schmuck - von Rohstoffen, Immobilien oder Aktien gar nicht zu reden. 

Vom Spiegel befragt, warum die Superreichen sich jetzt weniger an Yachten, Flugzeugen oder Privatinseln erfreuen, sondern an Kunst, antwortet der Kunsthändler Hans Neuendorf: »Was sollen die armen Kerle denn machen mit ihrem Geld? Kunst ist das einzige, was ihnen bleibt.« 142,4 Millionen Dollar war der Höchstpreis, der bis November für ein Gemälde erzielt wurde, und zwar für ein Triptychon von Francis Bacon. Aber dabei wird es nicht bleiben, meint Neuendorf, »jetzt geht es munter auf die 200 Millionen zu. 

Das ist der Tanz ums Goldene Kalb und spiegelt die Verteilung der Güter auf der Welt.«1 Gehandelt wird mit Kunstwerken aller Epochen, auch mit solchen, die die Nazis raubten. 

Unerbittlicher Säuberungskrieg 

Die Bezeichnung »entartet« ist keine Erfindung der Nazis; schon vor 1933 wurden nichtgenehme Kunstwerke mit diesem Schimpfwort bedacht - besonders in der evangelischen Kirche. Als 1922 das expressionistische Kruzifix von Ludwig Gies im Lübecker Dom zunächst probehalber aufgestellt wurde, gab es sofort heftigen Widerspruch. Unbekannte, vermutlich aus kirchlicher Umgebung, die nie gefaßt wurden, schlugen der Figur den Kopf ab. 1928 erregte der Prozeß gegen den Maler George Grosz die Öffentlichkeit: Wegen seiner Grafik »Christus mit der Gasmaske« wurde er der Gotteslästerung angeklagt. Verantwortliche der evangelischen Kirche erstellten ein Gutachten gegen ihn, und der »Verband der evangelischen Arbeiter- und Volksvereine in Groß-Berlin erhebt den schärfsten Einspruch gegen die Verhöhnung der christlichen Religion durch eine entartete Kunstrichtung. 

(...) [Der Verband, H.K.] fordert die evangelisch-christliche Bevölkerung von Groß-Berlin auf zu einer machtvollen Protestbewegung gegen die Verletzung der religiösen Gefühle durch den entarteten Zeitgeist.«2 

Sobald die Nazis 1933 an die Macht kamen, begannen sie, Kunstgegenstände, Kulturgut im weiteren Sinne und Wertsachen aller Art zu rauben. Aber was sie später als »Verfallskunst« oder »entartete Kunst« bekämpften, blieb während der ersten Jahre noch einigermaßen verschont. Im Juni 1933 präsentierte sich das »neue« Deutschland zum ersten Mal im Ausland, und zwar im Rahmen einer einjährigen Ausstellung über religiöse Kunst in Chicago. Emil Nolde, Ernst Barlach und andere, die später als »entartet« gelten werden, waren hier noch gut vertreten. Diese Ausstellung brachte der neuen Regierung viel Anerkennung ein. 

Der evangelische Kunstdienst 

Ihr Erfolg war vor allem dem »Kunstdienst der evangelischen Kirche« zu verdanken. Propagandaminister Joseph Goebbels, der Verantwortliche dieser Ausstellung auf staatlicher Seite, hatte ihn mit der Ausrichtung der Exposition beauftragt. 

Den Kunstdienst gab es seit 1928 innerhalb der evangelischen Kirche. Dieser wollte sich dennoch stets eine gewisse Unabhängigkeit von der kirchlichen Administration bewahren. Zu seinen Aufgaben gehörte es, Ausstellungen durchzuführen, Kirchengemeinden beim Neubau oder bei der Neugestaltung von Kirchgebäude zu beraten. 

Die gelungene Ausstellung in Chicago verstärkte die gute Verbindung zwischen dem Vorsitzenden Gotthold Schneider - ein wendiger Taktiker, der den Kunstdienst aus vielen Konflikten der Nazizeit heraushielt - und Goebbels. Der stellte 1935 dem Kunstdienst das Barockschlößchen Berlin-Niederschönhausen für Ausstellungen, Vorträge, Konzerte usw. zur Verfügung. 

Unbeschadet der verschiedenen rechtlichen Formen, die der Kunstdienst durchlief - auch seinen Namen modifizierte er öfter -, blieb das Verhältnis vor allem zwischen dem Vorsitzenden und Goebbels gut. Der Kunstdienst hatte innerhalb des staatlichen Kulturgefüges eine starke Stellung, gegen die nicht einmal Alfred Rosenberg etwas unternehmen konnte, der sich als Chefideologe der Nazis verstand und dessen Absicht es war, das Christentum durch ein neues Heidentum zu ersetzen. 

Die Ausstellung »Entartete Kunst« 

Auch zur Olympiade 1936 zeigte sich Nazideutschland noch weltoffen und verhältnismäßig tolerant gegenüber der neueren Kunst - aber es wurden schon Listen mit unliebsamen Werken der bildenden Kunst aus den Beständen deutscher Museen erstellt. Am 30. Juni 1937 bekam der Präsident der Reichskammer der bildenden Künste, Adolf Ziegler, von Goebbels den Auftrag, »die im deutschen Reichs-, Länder- und Kommunalbesitz befindlichen Werke deutscher Verfallskunst seit 1910 auf dem Gebiet der Malerei und der Bildhauerei zum Zwecke einer Ausstellung auszuwählen und sicherzustellen«. 

Für diese Aufgabe richtete der Präsident eine fünfköpfige Kommission ein. 

Die Ausstellung wurde am 19. Juli 1937 in München eröffnet und zeigte etwa 700 Werke von 112 Künstlern, unter anderem von Max Beckmann, Karl Schmidt-Rottluff, Christian Rohlfs, Wassily Kandinski. Zieglers Kommission setzte sich aber über Goebbels' Anweisung hinweg, »daß bestimmte Künstler wie Schmidt-Rottluff, Nolde, Pechstein und Gies nicht gezeigt werden dürften«.3 Auch die Anweisung, daß nur Kunstwerke in Frage kämen, die nach 1910 entstanden waren, wurde oft mißachtet. 

Von Emil Nolde waren in München mit 48 die meisten Werke zu sehen. Es gibt zwar Schwarzweißfotos dieser Ausstellung, aber einen deutlicheren Eindruck vermittelt, was Nolde in seiner Biographie schreibt: »Die Kunstwerke waren in schlechtem Licht so schamlos schlecht gestellt und gehängt, als es möglich war. Grelle, rote Zettel mit boshaften Sprüchen allerlei und maßlos willkürlich gesteigerte Ankaufspreise mit Inflationszahlen hingen überall, möglichst störend. Das ganze war niedrige Handlungsweise, und es ist kaum faßbar, daß manche Künstler sich zur Mithilfe bewegen ließen.«4 

Anders wurde mit Barlach umgegangen. Nur fünf unauffällige Werke wurden verhältnismäßig diskret ausgestellt: vier Drucke von Zeichnungen und die kaum 50 Zentimeter hohe Bronze »Christus und Thomas«, die auch unter dem Namen »Das Wiedersehen« bekannt ist. Diese Plastik wurde hintenherum gegen das Werk eines weniger bekannten Künstlers ausgetauscht. Vermutlich hatte Barlachs Freund, der einflußreiche Kunsthändler Bernhard Böhmer, dafür gesorgt, daß der Bildhauer in dieser Ausstellung kaum vorhanden war. Als die Ausstellung Ende November schloß, zählte sie über zwei Millionen Besucher. Nach München wurde sie auch in anderen Städten gezeigt.5 

Zielsetzungen des »Führers« 

Nach Hitlers Willen war diese Ausstellung als abschreckender Gegenpol zur Eröffnung des »Hauses der deutschen Kunst« gedacht, das Hitler mit viel Pomp einen Tag vorher, ebenfalls in München, eröffnet hatte: »Bis zum Machtantritt des Nationalsozialismus hat es in Deutschland eine sogenannte moderne Kunst gegeben, d. h. also, wie es schon im Wesen des Wortes liegt, fast jedes Jahr eine andere. Das nationalsozialistische Deutschland will wieder eine echte deutsche Kunst, und diese soll und wird wie alle schöpferischen Werte eines Volkes eine ewige sein. (...) Ein leuchtend schöner Menschentyp wächst heran (...), den wir erst im vergangenen Jahr in den Olympischen Spielen in seiner strahlenden, stolzen, körperlichen Kraft und Gesundheit vor der ganzen Welt in Erscheinung treten sahen, dieser Menschentyp, meine Herren Kunststotterer, ist der Typ der neuen Zeit. (...) Wir werden von jetzt ab einen unerbittlichen Säuberungskrieg führen gegen die letzten Elemente unserer Kulturzersetzung.«6 

Am 31. Oktober 1937, als die evangelische Kirche den 420. Tag der Reformation festlich beging, präsentierte sich der Kunstdienst in Berlin zum »Fest der deutschen Kirchenmusik«. Der Akzent seiner Präsentation lag auf deutschen Symbolen, Materialien der »deutschen Erde« und der alten gotischen Schrift. Die Werke Hans Wissels stellten die Verbindung zu Hitlers »Haus der deutschen Kunst« her. Der Bildhauer galt als wichtiger Vertreter der modernen Kirchenkunst - sowohl beim Kunstdienst als auch im »Haus der deutschen Kunst«, wo seine monumentale Luther-Plastik zu sehen war. Die Eröffnungsrede hielt Oberkonsistorialrat Oskar Söhngen: »Was hier geschaffen wird, das will (...) mit vollem Bewußtsein auch deutsche Kunst sein und im Rahmen der Zielsetzungen stehen, die der Führer der deutschen Kunst gewiesen hat (...)«7 

Plünderung der Museen 

Die Ausstellung »Entartete Kunst« war nur der Anfang des von Hitler angekündigten »unerbittlichen Säuberungskrieges«. Jetzt wurden aus allen Museen, Galerien usw. von Aachen bis Zwickau systematisch sämtliche Kunstwerke abtransportiert, die unter das Verdikt »entartete Kunst« fielen. 

Offiziell wird die Zahl der geraubten Stücke mit 16552 beziffert, tatsächlich waren es mehr, da zum Beispiel Sammelmappen nur eine durchlaufende Nummer erhielten. Einige Verantwortliche der Museen protestierten,8 aber letztlich mußten sie ohnmächtig mit ansehen, wie die Schätze abtransportiert wurden: die Ölgemälde »Drei Rehe«, »Rote Pferde« und »Turm der blauen Pferde« von Franz Marc aus der Berliner Nationalgalerie,9 Noldes Ölgemälde »Maskenstilleben« oder »Blumengarten« aus dem Essener Folkwangmuseum, Barlachs Plastiken »Schwebender« aus Flensburg und »Tot im Leben« aus der Dresdener Skulpturensammlung - um nur sieben Beispiele zu nennen. 

Das »Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst« vom 31. Mai 1938 gab diesem Raub aus deutschen Museen die nachträgliche juristische Rechtfertigung: »Die Erzeugnisse entarteter Kunst, die vor dem Inkrafttreten dieses Gesetzes in Museen oder der Öffentlichkeit zugänglichen Sammlungen sichergestellt und von einer dem Führer und Reichskanzler bestimmten Stelle als Erzeugnisse entarteter Kunst festgestellt sind, können ohne Entschädigung zu Gunsten des Reichs eingezogen werden. (...) Der Führer trifft die Verfügung über die in das Eigentum des Reichs übergehenden Gegenstände (...).« 

Aber Hitler und seine nächsten Berater waren sich noch nicht im klaren, wie über die Kunstwerke zu verfügen sei. Zunächst einmal wurden sie in einen städtischen Speicher in der Köpenicker Straße 24 in Berlin-Kreuzberg gebracht. In einem Gespräch mit Hitler und Goebbels schlägt Göring vor, eine Anzahl der konfiszierten Werke gegen Devisen ins Ausland zu verkaufen, denn die Kriegsvorbereitungen bewirkten Geldmangel. Goebbels wurde mit der Durchführung dieses Planes beauftragt, und die »Verwertungskommission« wählte zunächst einmal etwa 780 Gemälde und Skulpturen für den Verkauf aus, dazu etwa 3500 graphische Werke. 

Auf Schneiders Vorschlag hin wurde ein freier Mitarbeiter des Kunstdienstes, Günter Ranft, als beratendes Mitglied in die »Verwertungskommission« berufen. So bestand eine offizielle Personalverbindung zwischen den konfiszierten Werken und dem Kunstdienst. 

So wundert es nicht, daß der Verkauf der »entarteten Kunst« im Schloß Niederschönhausen stattfand, in schöner, kulturvoller Atmosphäre. Den eigentlichen Verkauf tätigte die »Verwertungskommission«, die auch die Preise festsetzte. Aber die Verkaufsräume, Präsentation der Werke und Empfang der Käufer war Sache des Kunstdienstes. Für diese Aufgabe hatte der Vorsitzende eine junge, charmante Frau eingestellt, Gertrud Werneburg. 

Der Verkauf der Raubkunst 

Der Verkauf begann am 1. September 1938. Werneburg schilderte den Anfang folgendermaßen: »Ich habe angefangen mit diesen 175 Ölbildern, aus denen allmählich 6000 wurden. 7000! Unentwegt kam der (Möbelwagen der Firma) Knauer angefahren und brachte neue Bilder. Und dann kamen Aquarelle und die ganzen Brückeleute.10 (Werke) von Franz Marc bis Christian Rohlfs, von Ernst Ludwig Kirchner bis Otto Dix. (...) Von nun an kam unentwegt irgendein Kunsthändler. (...) Die ganzen Leute waren nun laufend da und suchten sich Bilder aus. (...) Ich hatte zwei große Räume. Da hatte ich die Bilder alle angeschichtet. An die sechzig Rohlfs alleine. Es war eine schöne Tätigkeit.«11 

Die meisten Bilder waren ohne Rahmen in mehreren Reihen auf dem Boden oder in Regalen gestapelt. Ein kleiner Teil hing gerahmt an schon früher benutzten Hängevorrichtungen oder stand auf Stellagen. Der erste Blick der Besucher fiel auf das Selbstporträt von Vincent van Gogh und »Zwei Harlekine« von Pablo Picasso, präsentiert auf einer Staffelei. Anders als in der Ausstellung »Entartete Kunst« standen viele Zeichnungen, Graphiken und Skulpturen von Barlach zum Verkauf. Von der kleinen Skulptur »Christus und Thomas« gab es das Original von 1926 aus Nußbaumholz und auch den Bronzeabguß, der sich für kurze Zeit in der Münchener Ausstellung befunden hatte. 

Zutritt zu der Verkaufsstelle hatten nur eingeladene Kunsthändler, die mit Devisen zahlen konnten. So kam der Schweizer Theodor Fischer öfter ins Schloß. Als Auktionator besaß er einen internationalen Namen. Geführt von Werneburg besichtigte er, suchte er aus, sprach mit den Verantwortlichen Preise ab und wählte schließlich 125 Kunstwerke aus, u.a. die beiden Werke von van Gogh und Picasso, dazu auch Feininger, Chagall, Beckmann, Macke, Marc, Gauguin, sieben Gemälde von Nolde, sieben Plastiken von Barlach, unter diesen »Christus und Thomas«. Im März 1939 erhielt Fischer den endgültigen Vertrag, in dem Ankündigung, Provision, Vorbesichtigung usw. 

festlegt war. Die Werke wurden zunächst nach Zürich und Luzern zur Vorbesichtigung transportiert und dann am 30. Juni in Luzern versteigert. 

Das Picasso-Bild verkaufte Fischer für 80000 Schweizer Franken nach Brüssel, das Selbstbildnis van Goghs kaufte der Amerikaner Alfred Frankfurter für seinen Kunden Maurice Wertheim zum Preis von 175000 Franken plus einem Aufpreis, obwohl der Schätzpreis 250000 Franken betragen hatte. 

Beim Verladen der 108 Bilder und 17 Skulpturen, die Fischer ausgesucht und zugebilligt bekommen hatte, war er dabei. Werneburg gab einen seiner letzten Sätze wieder, die er ihr vor der Abfahrt leise sagte: »In einigen Jahren wären Sie glücklich, wenn Sie solche Bilder hätten.« 

Kunden und Klauer 

Auf Anweisung von Goebbels lagerte die Kunstdienst-Mitarbeiterin die Bilder Edvard Munchs in einem Nebenraum, zu dem die Käufer keinen Zutritt hatten. 

1933 hatte Goebbels den 70. Geburtstag des norwegischen Malers zum Anlaß genommen, seine Wertschätzung gegenüber Munch und der deutschen Öffentlichkeit auszudrücken: »Edvard Munchs Werke, nordisch-germanischer Erde entsprossen, reden zu mir vom tiefen Ernst des Lebens (...) Munch ringt danach, die Natur in ihrer Wahrhaftigkeit zu erfassen und sie unter rücksichtsloser Verachtung alles Akademisch-formalen im Bild festzuhalten. 

Als kraftvoller eigenwilliger Geist - Erbe nordischer Natur - macht er sich von jedem Naturalismus frei und greift zurück auf die ewigen Grundlagen völkischen Kunstschaffens (...).« Die »Verwertungskommission« beschäftigte sich im November 1938 ausführlich mit Munch, bezog sich auf diesen Glückwunsch und stellt daraufhin fest, daß diese Werke nicht als »entartet« bezeichnet werden dürfen. Zu Munchs 75. Geburtstag konnte der norwegische Kunsthändler Harald Halvorsen 14 Bilder nach Oslo zurückholen, darunter »Das Leben«, das mit 1,69 mal 3,69 Metern das größte Gemälde im Schloß war und das die staatliche Kommission aus der Dresdener Gemäldegalerie konfisziert hatte. Halvorsen mußte dafür 1000 englische Pfund bezahlen, was angesichts der Bedeutung dieses Werkes vielleicht als Freundschaftspreis gedacht war. Das Gemälde »Schneeschipper« bekam er umsonst, denn Munch hatte es der Berliner Nationalgalerie geschenkt.12 Die norwegische Öffentlichkeit feierte die Rückkehr der Bilder als frohes Ereignis. 

Es kamen aber nicht nur Händler, sondern auch Freunde des Kunstdienst-Vorsitzenden und hohe deutsche Beamte, von denen Werneburg einige kannte - andere aber nicht: So schilderte sie, wie einer von Hitlers Ärzten, Professor Karl Brandt13, mit drei SS-Leuten in ihr Büro kam, wo Otto Dix' Bild »Die Kriegskrüppel« hing. Er sagte zu ihr: »rFinden Sie das Bild nicht großartig?l - Ich denke, jetzt kommt 'ne Kontrolle von der SS, und was sollte ich anders denken. Ich sagte in so einem Fall immer klugerweise: rJa, ist gut gemalt.l Kann man ja sagen. - Er: rDieses herrliche Bild! Ich werde meinem Führer sagen, daß er das Bild sofort aus der Ausstellung rausnimmt. Das müssen Sie selber doch auch einsehen!l - Ich wurde schamrot. Wer wußte ich, wer Brandt ist.« Und da sie es nicht wußte, beschwerte sie sich bei Schneider: »Der klaute bei uns! Nahm sich ein Bild von der Wand und nahm sich das mit!« Der Kunstdienst-Vorsitzende wieß seine Mitarbeiterin zurecht, daß es durchaus Besucher gebe, die nicht zu bezahlen bräuchten. Göring beispielsweise nahm sich, wie schon erwähnt, die Gemälde »Turm der blauen Pferde« und »Drei Rehe« von Marc. 

Schneider nahm sich ebenfalls Bilder. Was er behielt, ist nicht sicher, jedenfalls machte er Geschenke, zum Beispiel an Otto Abetz. Der Spezialist für Frankreich im Auswärtigen Amt war Kunstkenner wie -sammler und bereicherte sich später als Botschafter im besetzten Frankreich. Den Mitarbeitern des Kunstdienstes zeigte er sich erkenntlich, indem er sie nach Paris einlud und ihnen Geschenke machte. Werneburg berichtete, daß er »ein furchtbar netter Mann« war. »Wer mit Abetz befreundet war, dem konnte nichts passieren. (...) Dadurch war Gotthold Schneider dann sehr viel in Paris drüben (...)« - und daß »Autos voll Kognak von Paris kamen«. Auch sie erhielt kleine Geschenke und wurde einmal in die französische Hauptstadt eingeladen. 

Anmerkungen 

1 Der Spiegel, Heft 47/2013 vom 18.11.2013 

2 Der Reichsbote vom 21.4.1929, zitiert nach Hans Prolingheuer: Hitlers fromme Bilderstürmer. Berlin 2001, S. 37 

3 Zitiert nach ebenda, S. 87 

4 Emil Nolde: Reisen, Ächtung, Befreiung. Köln 2002, S. 121 

5 Einzelheiten zu dieser Ausstellung im Sammelband »Entartete Kunst. Das Schicksal der Avantgarde im Nazi-Deutschland«. München 1992, hg. von Stephanie Barron 

6 Stefan Koldehoff: Die Bilder sind unter uns. Frankfurt am Main 2009, S. 

57 f. 

7 Kunst und Kirche, Heft 3/1938 

8 Als Werke für die Münchener Ausstellung abtransportiert wurden, beharrte der Direktor der Berliner Nationalgalerie darauf, daß er an diesem »Scharfrichteramt« nicht teilnehme, siehe Stephanie Barron, Anmerkung 5, S.113 

9 Beide Gemälde eignete sich einige Zeit danach Hermann Göring an - ohne Bezahlung. Der Schweizer Kunsthändler Theodor Fischer bezahlte später für das Ölgemälde »Rote Pferde« von Marc immerhin 15000 Schweizer Franken. 

10 Gemeint ist die Dresdner Künstlergruppe »Brücke«. 

11 Alle Zitate von Gertrud Werneburg stammen aus dem Buch von Hans Prolingheuer (Anmerkung 2). Werneburg starb 1993 im Alter von 90 Jahren. Es ist ein schöner Zufall, daß Prolingheuer mehrmals mit ihr hatte sprechen können. Diese aufgezeichneten Gespräche wurden in seinem Buch verarbeitet, und so erfahren wir einiges über den Verkauf im Schloß Niederschönhausen. 

12 Siehe Bundesarchiv R55/2120 

13 Brandt war mitverantwortlich für das »Euthanasie«-Projekt, aufgrund dessen Menschen mit Behinderung als »lebensunwertes Leben« eingestuft und getötet wurden. 

Horsta Krum ist Theologin, war bis 1995 Pastorin in Berlin und bis 2005 in Frankreich. Für die Historische Kommission von Lyon arbeitete sie 2008 erstmals zur »entarteten Kunst«. 

 

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Nur moralische Appelle  

Kunst. Vom Schicksal der »entarteten Kunst«. Teil II (und Schluß): Bis heute keine klaren juristischen Leitlinien für die Rückgabe der von Nazis geraubten Kunst  

Horsta Krum 

In: junge Welt online vom 27.12.2013 

 

Ab 1937, nach Jahren vorgetäuschter Weltoffenheit, konfiszierten die Nazis moderne Kunst aus den deutschen Museen. Die geraubten Werke wurden mit Hilfe des evangelischen Kunstdienstes im Schloß Niederschönhausen in Berlin gegen Devisen ins Ausland verkauft. Klammheimlich bediente sich aber auch die eine oder andere Nazigröße aus den Beständen. (jW) 

Jene Werke der »entarteten Kunst«, die nicht für den Verkauf ausgesucht worden waren, wollte der Vorsitzende der »Verwertungskommission«, Franz Hofmann, der dem Chefideologen der Nazis Alfred Rosenberg nahestand, so schnell wie möglich verbrennen. Aber die Mitglieder, die für Preise und Verwaltung der konfiszierten Kunstwerke zuständig waren, zögerten noch. 

Schaut man hinter die Kulissen, so zeigt sich ein Machtkampf zwischen Joseph Goebbels und Rosenberg. Der hatte 1938/39 vorübergehend die Oberhand über den Reichspropagandaminister gewonnen, so daß Hofmann, der 1934 vom Kunstkritiker des Völkischen Beobachters zum Direktor der Städtischen Galerie Münchens aufgestiegen war, nun Chancen sah, wenigstens die verbliebenen Bilder doch noch zu vernichten. Hofmann schrieb an Goebbels, daß ein »öffentliches Interesse an einem Gesamtabschluß der ganzen Aktion« bestehe. »Ich schlage deshalb vor, diesen Rest in einer symbolischen propagandistischen Handlung auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen und erbiete mich, eine entsprechend gepfefferte Leichenrede dazu zu halten.«1 

Als Hofmann die Kommission im Februar 1939 erneut drängte, stellte der Kunsthändler Karl Haberstock den Antrag, ihn »vor dem Vernichtungsakt von der Verantwortung dieser Maßnahmen zu entbinden«.2 Haberstock, Mitglied der NSDAP seit 1933, war Vertrauensperson von Hitler, Goebbels und Hermann Göring. Als Fachmann gehörte er der Kommission an. Keine wichtige Entscheidung der Einrichtung über Verkäufe, Verträge, Preise usw. wurde ohne ihn gefällt. 

Goebbels' Rolle in dieser Angelegenheit war ambivalent. Er mußte einerseits die offizielle Linie vertreten und Hitlers Befehle umsetzen. Andererseits liebte er diese Kunst, besonders die von Edvard Munch, Emil Nolde und Ernst Barlach. Zudem ging es dem Propagandaminister schlecht. Um die Jahreswende 1938/39 wurde er krank und depressiv. Seine Frau und Hitler setzten ihn unter Druck, seine Liebesaffäre mit der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova zu beenden. Er arbeitete wenig und nur mühsam. Wer ihm nicht wohlgesonnen war, nutzte dies aus, insbesondere taten dies Rosenberg und Hofmann, so daß Goebbels schließlich seine Einwilligung zur Bilderverbrennung gab, geben mußte. 

Die Mitglieder der »Verwertungskommission« beschlossen dennoch, den Bestand erneut durchzusehen und doch noch verkäufliche Bilder auszuwählen. 

Das dürfte im Sinne Goebbels' gewesen sein und auf Absprachen mit ihm beruhen. Am Ende steht jedoch die Vernichtung. So wird die Mitarbeiterin in der Verkaufsstätte Schloß Niederschönhausen, Gertrud Werneburg, von Hofmann angewiesen, die jetzt noch im Depot lagernden Bilder aufzulisten, damit diese endlich verbrannt werden konnten. 

Zwar akzeptieren manche Historiker bis heute die amtliche Version, daß die Bilder am 20. März 1939 verbrannt worden seien, aber seit den 1980er Jahren bestehen Zweifel. Es gibt in der Tat keine Zeugen, keine Fotos, und auch Werneburg erklärte, sie sei nicht dabeigewesen. Sehr wahrscheinlich wurden Papier, Pappe, Holzwolle und Holz verbrannt, um Hofmann und Rosenberg Vollzug vortäuschen zu können. Wäre Hofmann dabei gewesen, hätte er sich sicherlich dieser Tat gerühmt. 

Das Ende der Verkaufsaktion 

Nach diesem Einschnitt setzte im Schloß eine neue Verkaufsphase ein, eine Art Ausverkauf für die jetzt noch verbliebenen Werke. Sie wurden verramscht. Auch der Bildertausch, d.h. viele »entartete Werke« gegen ein oder wenige »deutsche« Werke nahm abenteuerliche Formen an. Diese vorletzte Phase war hektisch und chaotisch, so daß die ordentliche Werneburg nicht mehr wußte, wie sie Buch führen sollte: »Geradezu verschenkt, weil die eben Dollars haben wollten. Die haben sich dann gesagt: Na, Dollar? Wenn wir vier Dollar geben, dann kriegen wir eben auch ein Bild! - Da haben sich die Leute also bereichert, kann ich ihnen sagen.«3 

Ende Mai 1939 stellte die Mitarbeiterin die letzte Verkaufssendung - für den Baseler Museumsdirektor Georg Schmidt - zusammen. Dann war ihre Tätigkeit beendet, nicht aber die des evangelischen Kunstdienstes, für den sie arbeitete. Ohne Vorbesichtigung wurde weiter verkauft, verschleudert, entwendet. Die Wanderausstellung »Entartete Kunst« schloß am 20. April 1941. Ihre Ausstellungsstücke wurden der Verkaufsschau im Schloß Niederschönhausen zugeteilt. Eine große Anzahl der noch vorhandenen Kunstwerke kaufte der Händler Bernhard Böhmer Ende Juni 1941 für 24000 Schweizer Franken. 

Danach liefen die Devisengeschäfte aus. Am 6. Dezember 1941 bilanzierte die »Verwertungskommission« die Deviseneinnahmen auf umgerechnet 516397 Reichsmark, dazu aus Görings Verkäufen 165000 Reichsmark, die direkt an die Nationalgalerie gingen. Etwa 3000 Werke waren noch vorhanden. Was bis März 1943 übrigblieb, wurde in den Keller des Propagandaministeriums gebracht. 

Böhmer ließ diese Restbestände Ende desselben Jahres auf sein Grundstück nach Güstrow bringen. 

Auch der Kunstdienst zog um die Jahreswende 1943/44 mit all seinen Beständen nach Güstrow, in die Nähe des Böhmerschen Grundstücks in ein Haus, das ursprünglich Goebbels für sich hatte bauen lassen; seine Absicht war gewesen, aus Güstrow eine Art Gegenkolonie zum Künstlerdorf Worpswede zu machen. 

Kunsthändler Hildebrand Gurlitt 

Von den deutschen Kunsthändlern waren vier privilegiert. Sie kauften die im Schloß gelagerten Bilder mit US-Dollar oder Schweizer Franken bzw. 

tauschten sie gegen Bilder alter Meister. Es handelte sich um Bernhard Böhmer, Karl Buchholz, Ferdinand Moeller und Hildebrand Gurlitt. 

Böhmer spielte eine besondere Rolle: Er und Barlach wohnten nebeneinander in Güstrow am Heidberg und waren mehr als gute Nachbarn. Barlach verdankte Böhmer seine materielle Lebensgrundlage, den Schutz vor Nazibehörden und auch physische Hilfe mit Hammer und Meißel beim Herausarbeiten vieler Skulpturen. Wir verdanken ihm, daß es viele Barlach-Werke noch gibt, etwa den »Schwebenden« mit dem Gesicht von Käthe Kollwitz. Böhmer war sehr reich, und sein wichtigstes Anliegen war es, von Barlachs Kunst so viel wie möglich zu retten. Im Mai 1945, kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee, nahm er sich das Leben. 

Buchholz, Moeller und Gurlitt überlebten den Krieg, und mit ihnen eine Reihe von Kunstwerken. Wie die Kunsthändler ihr Geschäft nach 1945 fortsetzten, läßt sich nur bruchstückhaft nachvollziehen. Jedenfalls gab es einen schwarzen oder grauen Kunstmarkt für die zahlreichen Interessenten, vor allem in den USA, der Schweiz und England. 

Hildebrand Gurlitt steht seit dem 3. November 2013 in den Schlagzeilen. Das Magazin Focus berichtete an diesem Tag vorab aus dem am nächsten Tag erscheinenden Heft, daß die Münchener Polizei im Februar 2012 in der Wohnung seines Sohnes Cornelius Gurlitt 1406 Kunstwerke aus verschiedenen Epochen gefunden hatte. Etwa 315 gehören nach vorläufigen Schätzungen zu den als »entartete Kunst« verfemten. 

Am 16. Dezember 1938, also während der Verkäufe im Schloß Niederschönhausen, schrieb Gurlitt an Hans Wilhelm Hupp, Direktor des Kunstmuseums der Stadt Düsseldorf, »daß auf die Dauer die Form, in der ich Kunsthandel betreibe, moralisch und wirtschaftlich sich ausgezeichnet rentiert«.4 Eine Reihe von den Werken, die er im Schloß gekauft hatte, veräußerte er bis 1941 im Keller seiner Kunsthandlung weiter - etwa an das Industriellenehepaar Margrit und Bernhard Sprengel, die in dieser Zeit den Grundstock für das Sprengel-Museum in Hannover legten. 

Der Kauf der »entarteten Kunst« war nicht Gurlitts einzige und nicht seine wichtigste Aktivität, zumal diese sich nur über einen kurzen Zeitraum der zwölfjährigen Naziherrschaft erstreckte. Ab 1933 erhielt er Kunstwerke und auch Wohnungseinrichtungen von jüdischen oder anderen Familien, die gezwungen waren, Deutschland zu verlassen. Entweder gaben die Behörden den konfiszierten Besitz an die Kunsthändler weiter, oder es handelte sich um Notverkäufe, mit denen sich die Besitzer direkt an Kunsthändler wandten, um den staatlichen Behörden zuvorzukommen. 

Der Focus vom 11. November 2013 dokumentierte eine Seite aus Gurlitts Unterlagen aus dem Geschäftsjahr 1939/40. Einige Posten des abfotografierten Blattes sind gut zu erkennen: Beispielsweise kaufte Gurlitt am 6. Januar 1940 von Geheimrat Hinrichsen das Ölgemälde »Sämann« von Camille Pissarro für 4250 Reichsmark und verkaufte es am 12. Februar für 8324 Reichsmark. Von Hinrichsen erwarb Gurlitt das jetzt wieder aufgetauchte »Musizierende Paar« von Carl Spitzweg, über dessen Weiterverkauf keine Angabe gemacht wurde und das offensichtlich in seinem Besitz geblieben ist. 

Wie manch andere deutsche Kunsthändler flüchtete Gurlitt gegen Ende des Krieges mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in das Schloß des Luftwaffenoffiziers Karl Baron von Pöllnitz bei Bamberg. Dort stellten ihn die Amerikaner unter Hausarrest, verhörten ihn und brachten seinen Besitz, soweit er sich nicht irgendwo anders befand, in den »Central Collecting Point« nach Wiesbaden. Wie die Welt am 26. November 2013 berichtete, hatte der Kunsthändler Werke »in den dicken Mauern einer fränkischen Wasserburg« versteckt. 

Gurlitt wäscht sich rein 

Seine elfseitige englischsprachige Erklärung beeidete Gurlitt am 10. Juni 1945. Zu seiner Person gab er an, daß er und seine Frau niemals Nazis gewesen seien. Seinen Posten als Direktor des Zwickauer Museums habe er 1930 verloren, weil die Einrichtung unter seiner Verantwortung zu einer Avantgarde der damaligen Moderne geworden sei, also der Kunst, die später als »entartet« verfemt war. Als Leiter des Hamburger Kunstvereins sei er 1933 aus ähnlichen Gründen zurückgetreten und dann als freiberuflicher Kunsthändler tätig gewesen. Seine Geschäftsräume seien Treffpunkt für das liberal denkende Hamburg gewesen. Er sei gegen seinen Willen dann als freiberuflicher Kunsthändler tätig gewesen: »I became an art dealer, very much against my poorly scientific intentions.«5 

Zwischen 1941 und 1944 war er etwa zehnmal in Paris. Zunächst kaufte er Kunstgegenstände für das Deutsche Museum München und ab 1942 dann vor allem für das geplante Museum in Linz. Aber Gurlitt gab zu, daß er Kunstwerke nicht nur von Händlern, sondern auch von Privatpersonen gekauft habe. Seine Einkünfte seien in dieser Zeit gestiegen: »My purchase in France increased the income«. Er sagte nicht, daß diese »Einkäufe« in den besetzten Ländern des Westens von ganz besonderer Art waren: Die Händler, zu denen auch er gehörte, erhielten Geld in Landeswährung, das die deutschen Besetzer nachgedruckt oder als »Requisitionskosten« geraubt hatte.6 Die Händler in Frankreich, Belgien oder Holland wurden also von den deutschen Einkäufern bezahlt, so daß diese nach 1945 ihre Geschäfte in den ehemals besetzten Ländern fortsetzen konnten. Ob Gurlitt wußte oder ahnte, daß es sich um geraubtes oder widerrechtlich nachgedrucktes Geld handelte, sei dahingestellt. Aber: Waren die ihn verhörenden Alliierten auf dem laufenden? 

Gurlitt erklärte, daß er nie Raubkunst gekauft habe. Zwar wisse er vom Hörensagen, daß die deutsche Besatzungsmacht aufgrund eines Gesetzes Kunstwerke, vor allem aus jüdischem Besitz, konfisziert habe. Aber die habe er nie gesehen, sonst hätte er seinem Auftraggeber Hermann Voss unter vier Augen davon berichtet. Auch das Depot, in dem diese Kunstwerke gelagert waren, habe er nie betreten und habe auch sonst jeden Kontakt mit offiziellen Vertretern der deutschen Besatzungsmacht vermieden. Einmal allerdings war ihm ein Stück aus der Sammlung der jüdischen Familie Rothschild aufgefallen, nämlich der Schreibtisch, den der deutsche Botschafter Otto Abetz bei sich zu stehen hatte. 

Die Amerikaner prüften seine Aussagen. Nach fünf Jahren, also 1950, gab ihm das »Office of the U.S. High Commissioner for Germany« seinen Besitz fast vollständig zurück. Das jetzt bei Cornelius Gurlitt aufgetauchte Bild des französischen Malers Henri Matisse, das aus dem Besitz des jüdischen Kunsthändlers Paul Rosenberg stammt, widerlegt Gurlitts Aussage von damals, daß er keine Kunstwerke aus jüdischem Besitz habe. Rosenbergs Sammlung kam, zusammen mit anderem Raubgut, in das Pariser Museum »Jeu de Paume«. Von da aus wurde sie nach Deutschland gebracht.7 

Bereits 1947 konnte Gurlitt seine Tätigkeit als Kunsthändler wieder aufnehmen und dabei an die alten Kontakte anknüpfen. Die Spruchkammer Bamberg-Land rehabilitierte ihn im Juni 1948, wobei eine Rolle spielte, daß er nach den Rassegesetzen der Nazis als »jüdischer Mischling zweiten Grades« gegolten hatte.8 1948 wurde er Leiter des »Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen« in Düsseldorf. Diese Tätigkeit machte ihn weit über die Region hinaus bekannt. Fotos aus dieser Zeit zeigen ihn mit Theodor Heuss und Thomas Mann und dessen Frau Katja. Gurlitt starb 1956 an den Folgen eines Autounfalls. Nach dem Tod der Witwe 1967 wurde sein Sohn Cornelius Eigentümer dessen, was vom Erbe des Vaters noch vorhanden war. Er versteht nicht, warum ihm der Staat nach so vielen Jahren die Bilder wegnimmt. 

Der Umgang mit den Verbrechen 

Die sowjetische Militäradministration hob 1946 das Gesetz vom 31. Mai 1938 auf, mit dem versucht worden war, die Konfiszierung der »entarteten Kunst« aus deutschen Museen zu legalisieren. Die Westalliierten schafften Sammelstellen: die Amerikaner die beiden »collecting points« in München und Wiesbaden und die Engländer das »Zonal Fine Art Repository« in Celle. Die aufgefundenen oder beschlagnahmten Kunstwerke wurden, wie im Fall Gurlitt, aufgelistet und ihre rechtmäßigen Eigentümer gesucht, damit diese die Werke, wenn möglich, zurückerhielten. Dies geschah auch, aber in vielen, sogar den meisten Fällen unterblieb es. 

1951 übergaben die Westalliierten ihre Sammelpunkte in Treuhandschaft an die Bundesrepublik. Diese Übergabe mündete in die »Pariser Verträge« von 1954, die von Belgien, der Bundesrepublik, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Luxemburg, den Niederlanden und den USA unterzeichnet wurden. Nun sollte die Bundesrepublik nach Wertgegenständen und Kulturgütern forschen, diese erfassen und restituieren, falls sie »während der Besetzung eines Gebietes von den Truppen oder Behörden Deutschlands oder seinen Verbündeten oder von deren einzelnen Mitgliedern (auf Befehl oder ohne Befehl/durch Zwang, mit oder ohne Anwendung von Gewalt), durch Diebstahl, Requisition oder andere Formen erzwungener Besitzentziehung erlangt und aus diesem Gebiet entfernt worden waren«.9 

Einen Überblick, wie viele Kunstwerke an ausländische Besitzer zurückgegeben wurden, gibt es nicht. Vor allem besteht kein Überblick, auch nicht annähernd, wie viele privat oder auf dem großen grauen Markt verschwanden, wo geraubte Gemälde Privatwohnungen schmücken, welche Museen, Verwaltungsgebäude oder Banken solche Kunstwerke besitzen. Ebenso ist nicht bekannt, wie viele Kunstwerke aus Deutschland sich auf dem Territorium der Siegermächte, einschließlich der Sowjetunion, befinden. 

Der US-amerikanische Professor für Kriminalrecht Sol Chaneles stellte im Dezember 1987 in der US-amerikanischen Kunstzeitschrift Art&Antiques fest: »Niemand hat je versucht, das gesamte Ausmaß des Kunstraubs der Nazis einzuschätzen. Zehn Jahre, nachdem ich mit meiner Untersuchung begonnen habe, scheint mir dies als ein hoffnungsloses und undankbares Unterfangen. 

(...) Weniger als ein Prozent des Naziraubs wurde den rechtmäßigen Eigentümern zurückgegeben.« Ein Kollege bestätigte ein Jahr später, daß von den Westalliierten, die in den Sammelstellen tätig waren, sich etliche persönlich bereicherten oder die Gelegenheit nutzten, »um Museumssammlungen in den USA zu beliefern«.10 

Die Situation war so unbefriedigend und unübersichtlich, daß der US-Staatssekretär Stuart Eizenstat für Dezember 1998 zu einer großen »Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust« nach Washington einlud. Sie endete mit der »Washingtoner Erklärung«, die auch die Bundesrepublik Deutschland unterschrieb. Angestrebt ist, »eine Einigung über nicht bindende Grundsätze herbeizuführen, die zur Lösung offener Fragen und Probleme mit den durch die Nationalsozialisten beschlagnahmten Kunstwerken beitragen sollen«.11 Es »sollten rasch die nötigen Schritte unternommen werden, um eine gerechte und faire Lösung zu finden«. So ist diese Erklärung nicht viel mehr als ein Appell und zielt auf öffentliche Einrichtungen wie Museen ab. Sie hilft also nicht im Falle des Privatmannes Cornelius Gurlitt. Auch die »Berliner Erklärung« vom Dezember 1999, mit der die Bundesrepublik Deutschland die »Washingtoner Erklärung« bestätigt und präzisiert, hilft in diesem Falle juristisch nicht weiter, denn auch sie ist ein Appell und kein Gesetz. 

Falls die Justiz bei Cornelius Gurlitt eine Straftat feststellen sollte, ist diese verjährt. Am 22. November 2013 äußerte die zu dem Zeitpunkt amtierende Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger gegenüber dem Handelsblatt die Befürchtung, daß die jetzt gefundenen Bilder nur die Spitze eines Eisbergs sein und »in deutschen Wohnzimmern noch viele Bilder hängen könnten, deren Herkunft zweifelhaft ist«. Sie richtete einen Appell an Cornelius Gurlitt: »Herr Gurlitt trägt neben der rechtlichen auch moralische Verpflichtungen. Ich denke, daß er sich dieser Tatsache nicht ewig wird verschließen können.« Dagegen formulierte der Strafverteidiger Tido Park im Spiegel vom 2. Dezember: »Im Strafverfahren eines Rechtsstaats darf das Recht nicht hinter die Moral zurücktreten.« 

Der »Fall Gurlitt« ist also, wenn man genau hinsieht, ein »Fall Bundesrepublik Deutschland« und ihrer Justiz, besonders der bayrischen, die bis jetzt keine besondere Eile gezeigt hat. Wenn der Focus nicht am 3. 

November von Gurlitt berichtet hätte, wüßte die Öffentlichkeit wohl immer noch nichts davon. 

Viel wissen wir sowieso nicht. Immerhin soll nun eine Task Force die Forschungen beschleunigen. Aber wie der Fall ausgehen wird, scheint nicht einmal die Justiz zu wissen. Zahlreiche Vermutungen gibt es: Einige der eingezogenen Kunstwerke soll Gurlitt bereits zurückbekommen haben, andere werden wohl noch folgen. Ein weiterer Teil wird vielleicht an Anspruchsberechtigte, wie die Enkelin des Pariser Kunsthändlers Paul Rosenberg, rückerstattet werden. Für einige Kunstwerke, die an Anspruchsberechtigte gehen, wird er vielleicht einen Geldwert erhalten, von wem auch immer. Und bis der Ursprung anderer Kunstwerke geklärt sein wird, ist er vielleicht verstorben. Aber er hat Erben. 

Immerhin hat der Fall einiges in Gang gesetzt: Am 13. Dezember veröffentlichte die Stadt Nürnberg im Internet eine Liste von Kulturgütern aus ihrem Besitz, die offensichtlich aus der Raubkunst stammen. Schon 2004 habe die Stadt mit der Provenienzforschung begonnen »und nimmt damit eine Vorreiterrolle ein«. Aber auch der »Vorreiter« Nürnberg hat sich mehrere Jahrzehnte nicht für die Herkunft seiner vielen, ab 1933 erworbenen Kulturgüter interessiert. Selbst die »Washingtoner Erklärung« von 1998 hat den »Vorreiter« nicht gleich »in Trab gesetzt«. 

Ebenfalls im Dezember gab Kulturstaatsminister Bernd Neumann eine Erklärung ab: Er kündigte 1,1 Millionen Euro aus seinem Etat an, um die Provenienzforschung zu stärken und zu beschleunigen.12 Vorausgegangen waren empörte Anfragen aus dem Ausland. 

Eine Wiedergutmachung im eigentlichen Sinne wird es nicht geben können, denn die Beraubten haben weit größeres Unrecht erfahren als den Verlust ihres materiellen Besitzes. Aber Beschleunigung und Offenlegung der Forschung sowie Rückgabe an die Nachkommen der Opfer wären wenigstens ein Zeichen guten Willens. 

Anmerkungen 

1 Bundesarchiv R55/21020 

2 Ebenda 

3 Zitate von Gertrud Werneburg stammen aus dem Buch von Hans Prolingheuer: Hitlers fromme Bilderstürmer. Berlin 2001 

4 Siehe Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9.12.2013 

5 Das Dokument ist unter  

www.lootedart.com 

 einzusehen 

6 Zu Einzelheiten dieser betrügerischen Käufe siehe Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Frankfurt am Main 2005 

7 Rose Valland: Résistante pour l'Art. Grenoble 2008, S. 35 

8 Das Ergebnis der Prüfungen durch die Alliierten und der Freispruch vor der Spruchkammer hat das Coburger Tageblatt am 9./10.11.2013 dargelegt 

9 Günter Wermusch: Tatumstände (un)bekannt. Kunstraub unter den Augen der Alliierten. Braunschweig 1991, S.286ff. 

10 Ebenda 

11 Stefan Koldehoff dokumentiert die Erklärungen in seinem Buch »Die Bilder sind unter uns«, Frankfurt am Main 2008, S. 265 ff. 

12 dpa vom 13.12.2013 

Teil I »Plünderung der Museen« erschien an dieser Stelle am 24..12.2013. 

Horsta Krum ist Theologin, war bis 1995 Pastorin in Berlin und bis 2005 in Frankreich. Für die Historische Kommission von Lyon arbeitete sie 2008 erstmals zur »entarteten Kunst«. 

 

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