„Kunst ist Waffe!"  

Zum 125. Geburtstag des deutsch-jüdischen Schriftstellers und Arztes Friedrich Wolf (1888–1953)  

In: unsere zeit online vom 20.12.2013 

 

Nichts hätte besser zum Berliner Themenjahr „Zerstörte Vielfalt" gepasst als eine Wiederaufführung des 1933 bereits im Exil entstandenen Dramas „Professor Mamlock" von Friedrich Wolf. Es ist wohl das beste, eindringlichste Stück über den Beginn des faschistischen Terrors in Deutschland, das zugleich auf frappierende Weise die damalige Atmosphäre im Lande zwischen Fanatismus, Anpassung und Widerstand skizziert. 

Ein Stück voller „Action" und Leidenschaft, mit ernsten, klugen und sogar erheiternden Dialogen, wie es sich kein Theater besser wünschen könnte. 

Etwa wenn die 14-jährige Ruth Mamlock naiv-schwärmerisch zu einem Genossen ihres Bruders, der nach dem Reichstagsbrand mit illegalen Flugblättern unterwegs ist, sagt: „Und da meine ich, Sie müssen doch einen wunderbaren Idealismus haben, wenn Sie so für Ihre Ideen eintreten!" Darauf antwortet der kurz angebunden: „Mädel, red keine Brühe! Idealismus, das ist doch bloß, wenn’s einem nicht weh tun soll." Dieses Zeitstück will einfach nicht veralten. 

Wenn Mamlock nach dem Verrat seiner Kollegen in der Klinik wettert: „Wie? Ihr zittert, ihr wollt nicht kämpfen, ihr meint, man kann mit weichen Knien durch die Reihen der Gegner schleichen, man kann den Kampf vermeiden? Ihr täuscht euch!" – dann ist das erstaunlich aktuell und wird es immer bleiben. 

Dem jüdischen Krankenpfleger Simon ist es vorbehalten, über der Bahre des sterbenden Professors die letzten Worte zu sprechen: „…. was in diesen Tagen und Wochen geschehen ist, das werden wir nicht vergessen, bestimmt nicht vergessen, niemals vergessen!" Wie gesagt, ein passenderes Stück zum Gedenken an das böse Jahr 1933 lässt sich schwer finden. Doch die deutschen Bühnen – ernsthaft verwundern wird das kaum jemanden – haben den „Mamlock" nicht inszeniert. Vermutlich reicht dafür allein die Tatsache, dass der kommunistische Widerstand in Gestalt von Mamlocks Sohn Rolf, eines „roten Studenten", als Alternative zum Selbstmord des resignierten Vaters dargestellt wird. Dabei war diese Konstellation – konservatives Elternhaus versus radikale Jugend – in der Weimarer Republik typisch. Umso unsinniger, wenn heutige Kritiker die Figur des Rolf als „aufgesetzt", gar als eine Konzession an KPD-Vorgaben empfinden. 

Gelegentlich gezeigt wurde in diesem Jahr immerhin die hervorragende DEFA-Verfilmung von „Professor Mamlock" (1961, Regie: Konrad Wolf), seit kurzem nun auch als Video bei Icestorm erhältlich. 

Von Nietzsche zu Marx Der 1888 in Neuwied am Rhein als Sohn des jüdischen Kaufmanns Max Wolf und dessen Frau Ida geborene Friedrich hatte sich durch eine Menge Metaphysik und durch handfeste Nöte und Erfahrungen hindurchzukämpfen, bevor er 1928, nicht mehr als jugendlicher „Triebtäter", sondern als 40-jähriger praktizierender Arzt und Familienvater, zur KPD stieß. Nach dem Abitur hatte er in Heidelberg, München, Bonn und Berlin Medizin, aber auch Bildhauerei und Malerei studiert, schließlich 1912 promoviert. Nebenbei war er fleißig gewandert, hatte sich als Turner und Aktmodell hervorgetan, seinen Militärdienst absolviert und seine spätere erste Frau kennen gelernt, die er 1914 heiratete. Den Ersten Weltkrieg erlebte er als Arzt an der Front, wurde dort politisch radikalisiert, was zunächst, man staune, eine Mitgliedschaft in der SPD bedeutete. Seine lange, von Nietzsche zu Marx führende und von vielen Zweifeln geprägte Suche war ihm später selbst so peinlich, dass er sie gern verkürzt darstellte. 

Sein erstes expressionistisches Drama „Das bist du" wurde 1919 in Dresden von Berthold Viertel uraufgeführt. 

Es ist an dieser Stelle unmöglich, sein abenteuerliches Leben zu schildern, das ihn „durch die Welt warf", oder seine Werke aufzuzählen, zu denen neben berühmten Dramen wie „Cyankali" und „Die Matrosen von Cattaro" auch Romane, Hörspiele, Essays, Gedichte und bezaubernde Kindergeschichten („Die Weihnachtsgans Auguste") gehören. 

Die in der DDR erschienene Werkausgabe umfasst immerhin sechzehn Bände. Nicht unerwähnt bleiben soll sein medizinisches Hauptwerk „Die Natur als Arzt und Helfer" von 1927, ein dicker Wälzer, der damals in tausenden deutschen Haushalten zu finden war, illustriert mit Fotos des fast nackten Autors und seiner Familie. 

Wolfs Engagement für Frauenrechte steht ziemlich einzigartig in der männlichen deutschen Literaturgeschichte da- davon zeugt nicht nur sein Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen 218, der ihn sogar ins Gefängnis brachte, sondern das zeigen auch seine starken Frauengestalten, denen seine unverhohlene Bewunderung galt. Zuletzt schuf er noch für die DEFA eine durchaus ernsthafte Komödie um eine junge Frau, die nach dem Krieg in einem märkischen Dorf Bürgermeisterin wird („Bürgermeister Anna"). 

Dass seine Liebe zum anderen Geschlecht keine rein literarische war und keine puritanischen Maßstäbe kannte, entsprach seiner leidenschaftlichen Natur. 

Er hatte, soweit bekannt, sieben Kinder von vier Frauen. Seine Söhne Markus und Konrad, die der Ehe mit seiner zweiten Frau Else entstammten, haben sich ihrerseits – in ganz unterschiedlichen Metiers – einen Namen gemacht. Sein letzter noch lebender Sohn Thomas ist profilierter Naturwissenschaftler und aktives Mitglied des Vorstands der Friedrich-Wolf-Gesellschaft. 

Kunst als Waffe Wer Friedrich Wolfs Stil zu wenig raffiniert, „sophisticated" und „tricky" findet, dem sei gesagt, dass es dem Mann in der Tat darauf ankam, von möglichst breiten Leserkreisen verstanden zu werden. Er wollte Wirkung erzielen, nicht morgen oder übermorgen, sondern sofort. 

Er selbst hatte sich seinen Weg der Erkenntnis – wie gesagt, von Nietzsche ausgehend – zu mühsam durch nebelhafte idealistische Weltinterpretationen hindurchbahnen müssen. Formal entsprachen der Bauhausstil und die Neue Sachlichkeit seinem Ideal. 

In einem Aufsatz formulierte er 1921 Sätze, die bis heute Gültigkeit besitzen: „Der Kampf gegen das Zuviel, das ist der Kampf um den neuen Menschen! Doch so lange der Kulturmensch noch Manschetten und Kragenknöpfchen ‚braucht‘, solange ist an eine Vereinfachung nicht zu denken. (…) Ballast! Zentnerlast! Bedrückung durch die Objekte! (…) Nicht Produktion, sinnlos ins Uferlose, wird die Losung sein. 

Reduktion zum Notwendigsten!" Das galt ihm auch für die Literatur: …/Das/Wort ist nackt, pur, Wurzel, Signal (…) Auch der Existenzkampf der Sprache ist der bewusste Kampf zum Existenzminimum hin." In einem Gedicht von 1928 formulierte er sein berühmtes Motto: „Kunst ist nicht Dunst noch snobistisch Gegaffe,/ Kunst ist Waffe!" Dieses oft verspottete Dogma des „sozialistischen Realismus" hat er in seinem Schaffen bis zuletzt umzusetzen versucht. Tagesaktualität war ihm wichtiger als Nachruhm. So war es wohl unvermeidlich, dass einige seiner Werke nicht die Höhe des „Mamlock" erreichten und verblassten. 

Lion Feuchtwanger hat in einem Beitrag zum 60. Geburtstag Wolfs „die Einheit des Mannes und seines Werkes" gerühmt: „… es ging von ihm aus ein jugendlich revolutionäres Feuer, ein geradezu knabenhaft ungestümer Wille, die Welt aus dem, was sie ist, zu dem zu machen, was sie sein soll." Wie kann man Friedrich Wolf heute ehren? Was er seinem letzten Dramenhelden Thomas Müntzer in den Mund legte, trifft ebenso auf ihn selbst, den engagierten Schriftsteller und Aufklärer zu: „… rettet sein Wort, seine Gedanken, seine Pläne, sein Wesen… rettet die große Sach, die auch eure Sach ist, so wird auch der Münzer nit vergessen sein …" So bedauerlich es ist, dass weder eine angemessene aktualisierte Biographie noch eine umfassende Briefausgabe dieses Schriftstellers vorliegen – es genügt, ihn zu lesen, um von seinem Temperament, seiner Überzeugungskraft, seiner Lebensfreude und seinem Witz angesteckt zu werden. 

Cristina Fischer Professor Mamlock. DDR 1961, 93 Min., Regie: Konrad Wolf (Icestorm) 9,99 Euro Der Rat der Götter. DDR 1950,105 Min., Regie: Kurt Maetzig (Icestorm) 3,99 Euro 125. Geburtstag im Hause Friedrich Wolfs Montag, 23.12.13, 15.00 Uhr Friedrich-Wolf-Gedenkstätte Alter Kiefernweg 5 16 515 Oranienburg OT Lehnitz Mitglieder der F.-Wolf-Gesellschaft und der Familie Wolf laden ein und erzählen ihre Geschichten und Erlebnisse. Friedrich Wolf selbst kommt im Originalton zu Wort. 

www.friedrichwolf.de 

 

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»Red keine Brühe!«  

Zum 125. Geburtstag des deutsch-jüdischen Schriftstellers und Arztes Friedrich Wolf (1888–1953)  

Cristina Fischer 

In: junge Welt online vom 23.12.2013 

 

Nichts hätte besser zum Berliner Themenjahr »Zerstörte Vielfalt« gepaßt als eine Wiederaufführung des 1933 bereits im Exil entstandenen Dramas »Professor Mamlock« von Friedrich Wolf. Es ist wohl das beste, eindringlichste Stück über den Beginn des faschistischen Terrors in Deutschland, das zugleich auf frappierende Weise die damalige Atmosphäre im Lande zwischen Fanatismus, Anpassung und Widerstand skizziert. Ein Stück voller »Action« und Leidenschaft, mit ernsten, klugen und sogar erheiternden Dialogen, wie es sich kein Theater besser wünschen könnte. 

Etwa wenn die 14jährige Ruth Mamlock naiv-schwärmerisch zu einem Genossen ihres Bruders, der nach dem Reichstagsbrand mit illegalen Flugblättern unterwegs ist, sagt: »Und da meine ich, Sie müssen doch einen wunderbaren Idealismus haben, wenn Sie so für Ihre Ideen eintreten!« Darauf antwortet der kurz angebunden: »Mädel, red keine Brühe! Idealismus, das ist doch bloß, wenn's einem nicht weh tun soll.« 

Dieses Zeitstück will einfach nicht veralten. Wenn Mamlock nach dem Verrat seiner Kollegen in der Klinik wettert: »Wie? Ihr zittert, ihr wollt nicht kämpfen, ihr meint, man kann mit weichen Knien durch die Reihen der Gegner schleichen, man kann den Kampf vermeiden? Ihr täuscht euch!«, dann ist das aktuell und wird es bleiben. 

Doch die deutschen Bühnen - ernsthaft verwundern wird das kaum jemanden - haben den »Mamlock« nicht inszeniert. Vermutlich reicht dafür allein die Tatsache, daß der kommunistische Widerstand in Gestalt von Mamlocks Sohn Rolf, eines »roten Studenten«, als Alternative zum Selbstmord des resignierten Vaters dargestellt wird. Dabei war diese Konstellation - konservatives Elternhaus versus radikale Jugend - in der Weimarer Republik typisch. Um so unsinniger, wenn heutige Kritiker die Figur des Rolf als »aufgesetzt«, gar als eine Konzession an KPD-Vorgaben empfinden. 

Gelegentlich gezeigt wurde in diesem Jahr immerhin die hervorragende DEFA-Verfilmung von 1961, (Regie: Konrad Wolf), seit kurzem auf DVD bei Icestorm erhältlich. 

Von Nietzsche zu Marx 

Der 1888 in Neuwied am Rhein als Sohn des jüdischen Kaufmanns Max Wolf und dessen Frau Ida geborene Friedrich hatte sich durch eine Menge Metaphysik sowie durch handfeste Nöte und Erfahrungen hindurchzukämpfen, bevor er 1928, nicht mehr als jugendlicher »Triebtäter«, sondern als 40jähriger praktizierender Arzt und Familienvater, zur KPD stieß. Nach dem Abitur hatte er Medizin, aber auch Bildhauerei und Malerei studiert, schließlich 1912 promoviert. Den Ersten Weltkrieg erlebte er als Arzt an der Front, wurde dort politisch radikalisiert. Seine lange, von Nietzsche zu Marx führende und von vielen Zweifeln geprägte Suche war ihm später selbst so peinlich, daß er sie gern verkürzt darstellte. 

Es ist an dieser Stelle unmöglich, sein abenteuerliches Leben zu schildern, das ihn »durch die Welt warf«, oder seine Werke aufzuzählen. Sein erstes expressionistisches Drama »Das bist du« wurde 1919 in Dresden uraufgeführt. 

Neben seinen berühmten Stücken wie »Cyankali« und »Die Matrosen von Cattaro« gibt es Romane, Hörspiele, Essays, Gedichte und bezaubernde Kindergeschichten (»Die Weihnachtsgans Auguste«). Die in der DDR erschienene Werkausgabe umfaßt immerhin 16 Bände. Nicht unerwähnt bleiben soll sein medizinisches Hauptwerk »Die Natur als Arzt und Helfer« von 1927, ein Wälzer, der damals in Tausenden deutschen Haushalten zu finden war. 

Wolfs Engagement für Frauenrechte steht in der männlichen deutschen Literaturgeschichte ziemlich einzigartig da. Von diesem Engagement zeugt nicht nur sein Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen 218, der ihn sogar ins Gefängnis brachte, sondern das zeigen auch seine starken Frauengestalten. Frauen galt seine unverhohlene Bewunderung. Zuletzt schuf er noch für die DEFA eine durchaus ernsthafte Komödie um eine junge Frau, die nach dem Krieg in einem märkischen Dorf Bürgermeisterin wird (»Bürgermeister Anna«). 

Kunst als Waffe 

Wer Friedrich Wolfs Stil zu wenig raffiniert, »sophisticated« und »tricky« findet, dem sei gesagt, daß es dem Mann in der Tat darauf ankam, von möglichst breiten Leserkreisen verstanden zu werden. Er wollte Wirkung erzielen, nicht morgen oder übermorgen, sondern sofort. 

Er selbst hatte sich seinen Weg der Erkenntnis - wie gesagt, von Nietzsche ausgehend - zu mühsam durch nebelhafte idealistische Weltinterpretationen hindurch bahnen müssen. Formal entsprachen der Bauhausstil und die Neue Sachlichkeit seinem Ideal. 

In einem Aufsatz formulierte er 1921 Sätze, die bis heute Gültigkeit haben: »Der Kampf gegen das Zuviel, das ist der Kampf um den neuen Menschen! Doch solange der Kulturmensch noch Manschetten und Kragenknöpfchen rbrauchtl, solange ist an eine Vereinfachung nicht zu denken. (...) Ballast! Zentnerlast! Bedrückung durch die Objekte! (...) Nicht Produktion, sinnlos ins Uferlose, wird die Losung sein. Reduktion zum Notwendigsten!« Das galt ihm auch für die Literatur: Das Wort solle »nackt, pur, Wurzel, Signal« sein, der »Existenzkampf der Sprache (...) der bewußte Kampf zum Existenzminimum hin«. In einem Gedicht von 1928 reimte er sein berühmtes Motto: »Kunst ist nicht Dunst noch snobistisch Gegaffe, / Kunst ist Waffe!« 

Dieses oft verspottete Dogma des »sozialistischen Realismus« hat er in seinem Schaffen bis zuletzt umzusetzen versucht. Tagesaktualität war ihm wichtiger als Nachruhm. So war es wohl unvermeidlich, daß einige seiner Werke nicht die Höhe des »Mamlock« erreichten und verblaßten. 

Lion Feuchtwanger hat in einem Beitrag zu Wolfs 60. Geburtstag »die Einheit des Mannes und seines Werkes« gerühmt: »Es ging von ihm aus ein jugendlich revolutionäres Feuer, ein geradezu knabenhaft ungestümer Wille, die Welt aus dem, was sie ist, zu dem zu machen, was sie sein soll.« 

So bedauerlich es ist, daß weder eine aktualisierte Biographie noch eine umfassende Briefausgabe dieses Schriftstellers vorliegen - es genügt, seine Bücher zu lesen, um unverzüglich von seinem Temperament, seiner Überzeugungskraft, seiner Lebensfreude und seinem Witz angesteckt zu werden. 

In dem Haus bei Berlin, in dem Friedrich Wolf seine letzten Lebensjahre verbrachte, erinnern Mitglieder der Familie und der Friedrich-Wolf-Gesellschaft heute an den Jubilar, der in Originalaufnahmen auch selbst zu Wort kommt, Beginn ist 15 Uhr am Alten Kiefernweg 5 in Oranienburg,  

www.friedrichwolf.de 

 

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Eine Lebensbeschreibung  

Linde Salbers  

In: unsere zeit online vom 20.12.2013 

 

Hermann-Kant-Biografie 

Es ist von einem empfehlenswerten Buch zu berichten, das aber in unserer Zeit außergewöhnlich ist: Eine Biografie, verfasst von einer West-Autorin über einen Ost-Schriftsteller. 

Von Linde Salber über Hermann Kant – einem Autor, der in der DDR ein ziemlich hoher Funktionär war – seit 1986 Mitglied des Zentralkomitees der SED, von Mai 1978 bis Dezember 1989 Präsident des Schriftstellerverbandes. 

In der DDR gab es nur eine Vereinigung von Schriftstellern, Kant stand also ein gutes Jahrzehnt an seiner Spitze. Dazu kamen weitere politische/kulturpolitische Verbindlichkeiten wie Vizepräsident der Akademie der Künste. 

Meine Informationen über die Biografin, Linde Salber, stammen aus Gedrucktem: Jahrgang 1944, also eine Generation jünger als Kant (geboren 1926), geboren im polnischen Hinterpommern, von dort nach Kriegsende Flucht nach Mecklenburg. 1951 kam sie in die Bundesrepublik, nach Hamburg; da war Linde sieben Jahre alt. Sie hat Psychologie studiert, Schwerpunkt offenbar Psychoanalyse, wurde später Universitätsdozentin in ihrem Fach – bis 2007 (da war sie 63) an der Universität Köln. Sie hat fachlich publiziert, aber auch in der Reihe Bildmonografien im Rowohlt Verlag: Biografisches über Künstler und Künstlerinnen und über Frauen, die an der intellektuellen Positionsbestimmung um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. beteiligt waren, in der Größen wie Nietzsche, Freud, Rilke eine Rolle spielten. Die Monografien sind Büchlein von etwa 150 Seiten, dort hat Linde Salber unter anderen auch über Marilyn Monroe geschrieben. Ihre Biographie über Hermann Kant, „Nicht ohne Utopie", beansprucht 650 Seiten, dabei 850 Anmerkungen, die zumeist Quellenangaben sind – es ist eine Art Lebenswerk. 

2008 begonnen, 2013 erschienen. 

Das Biografische über Hermann Kant erfahren wir in der umfangreichen Biografie selber. Ich habe nur vorauszuschicken, dass ich im Unterschied zur Biografin den Biografierten, falls man so sagt, also Hermann Kant, kenne, seit seinem und meinem Studium der Germanistik an der Humboldt- Universität Berlin, seins begann 1949, meins, der Jüngeren, ein Jahr früher. 

Vertraute waren und sind wir nicht, aber wir trafen uns in der Öffentlichkeit politischer Anliegen, in denen es ihm und mir und vielen anderen oft um das Gleiche ging. Außerdem waren mir als Kritikerin natürlich seine Schriftsteller-Arbeiten vertraut. 

Davon wurden auch welche in der Bundesrepublik verlegt, außerdem in anderen Ländern, am häufigsten sein erster Roman, „Die Aula", von dem sind 22 Übersetzungen gezählt. 

Linde Salber kannte nichts von Kant. 

Ein Zufall: In einer Rehabilitationseinrichtung führte sie Langeweile an ein Bücherregal – sie nahm eins mit, so erzählt sie, das „Der Aufenthalt" hieß. Sein bestes Buch – so nennt es auch Kant. Der „Held" heißt Mark Niebuhr – er hat autobiografische Ähnlichkeit mit dem Autor. Es geht um das Leben eines jungen Mannes, der als Achtzehnjähriger ein Gewehr bekam, zum Töten – was sonst? Die nötige Ausbildung dafür Ende 1944, im Januar 1945 begann der „Einsatz", der nicht lange dauerte. Sowjetische Gefangenschaft zunächst, dann polnische: von Oktober 1945 bis September 1948 in Warschau. Die zerstörte Stadt, darin das Getto als Sammelstelle, von der Juden – von 350 000 bis 500 000 – bequem in Konzentrationslager, nach Maidanek und Treblinka in die Tötungsmaschinerien geliefert werden sollten. 

Von dem verzweifelten und von vornherein als aussichtslos verstandenen Aufstand, nach dem kein Stein auf dem andern blieb, haben nur ein paar überlebt. 

Das alles sieht der törichte junge Soldat, der nicht nur Steine zu bergen hat – mit der Hand –, auch Leichen zu begraben. Und er lernt zu begreifen, an welcher Schuld er beteiligt war. 

Zum Lernen gab es auch Mitgefangene, die Nazis geblieben sind und die Ideologie des Volks ohne Raum und der Deutschen als Herrenrasse weiterhin propagierten; sie bedrohen den Jungen, der nicht mehr mitmacht, und den sie totschlagen würden. Einmal sieht ihn eine alte polnische Frau und schreit entsetzt, er sei der Mörder ihrer Tochter. Nun beginnt eine Untersuchung, jahrelang, bis es klar ist, dass er der Mörder nicht habe sein können. 

Das in einem Land, das von Deutschen zur Vernichtung vorgesehen war – ein Viertel der Bewohner, etwa sechs Millionen, hatten seine Landsleute bereits umgebracht. Dennoch: Ob der angeklagte Eine beteiligt war, das sollte festgestellt werden. – Vier Jahre Gefangenschaft in Polen sind die Lebenslehre für Mark Niebuhr. Und für Hermann Kant. 

Linde Salber ist die Lektüre nahegegangen. 

Sie wollte nun mehr wissen. 

Hermann Kant, geboren 1926, ist der Sohn eines Hamburger Straßenkehrers – so könnte eine ordentliche Biografie anfangen. Aber der Vater war Orchideengärtner im Hirschpark. 

1933 wurde dort sein Freund entlassen, weil er Kommunist war. Die Belegschaft sollte ihr Einverständnis erklären. 

Kant, der Vater, weigerte sich. 

Der Sohn: „Das muss man sich mal vorstellen: Du warst in einem herrlichen Park der gesuchte Fachmann für Orchideen und dann stehst du eines Tages mit dem Besen auf der Elbchaussee." Die große Familie war arm, sie hielt selbstbewusst zusammen, einen Drang nach „oben" gab es nicht. 

Hermann war gut in der Schule, aber der Vater riet dem Sohn ab vom Wechsel auf „dieses stinkfeine Gymnasium". 

Das passte nicht – er wollte seinem Sohn die Demütigungen ersparen durch die besser Gekleideten aus den besseren Verhältnissen. Er lernte Elektriker. Die Erzählung von Kindheit und Jugend Hermann Kants gehört zum Schönsten von Linde Salbers Buch. 

Aber bevor ihr Schreiben losging (und auch noch während dessen), musste eine unerhörte Arbeit gemacht werden, wie sie wohl selten für die Biographie eines Lebenden geleistet worden ist. Das schloss eine Positionsbestimmung ihrer selbst ein. Einem frühen Kapitel gibt sie den Titel „Die Biografin ist nicht ‚politisch‘." Sie meint mit „politisch" wohl so etwas wie das Primäre eines Lebens. Das jedoch sollte erwähnt werden: An einer Stelle, an der die Reden Himmlers, Reichsführer SS, zitiert werden über die Arten der Vernichtung östlicher „Untermenschen", teilt sie in einer Anmerkung mit, dass ihr Vater zu den Schergen gehörte, der noch Jahre nach dem Krieg seiner Frau mit glänzenden Augen davon erzählte. Nach der „Wende" zog es sie nicht nach Mecklenburg, weil das Paradiesische der Kinderzeit hätte beeinträchtigt werden können. 

Nachdem Kant, der zunächst distanziert war, Interesse an dem Projekt gewonnen hatte, gings in Archive: vom Literaturarchiv in Marbach, in dem Kants Vorlass lagert (= vor dem Nachlass), offenbar noch nicht archivalisch aufbereitet, bis zu der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Weiter: die Protokolle von aller Art Konferenzen, Bücher – literarische oder politische –, die den gleichen Ort, die gleiche Zeit betrafen, Briefwechsel, alles Kant betreffende Geschriebene und Gedruckte. Hinzu kamen Telefonate, Interviews, Gespräche und Befragungen Verwandter, Bekannter, Politiker (sofern noch vorhanden), die mit Kants Arbeit in diesem Genre zu tun hatten. Sogar das gehörte zu dem großen Komplex der Recherche: 2009 „begann sie ein Häuschen in Mecklenburg zu suchen. Binnen Kurzem fand sie ein kleines Backsteinhaus in Goldberg, nicht weit von Neu-Ruthenberg und Parchim (Ort von Kants Jugendzeit). Das renovierungsbedürftige Haus brauchte Unterstützung und sie selbst Belebung ihrer Anfänge." Ihre Biografie betrifft Privates von Kant – mit dem gebührenden Takt, aber auch mit erstaunlichen und doch charakteristischen Einzelheiten wie etwa die Sorge, als das Kleinkind – der jüngste Sohn – lungenkrank wird. 

Es betrifft Kants Werk und solche seiner politischen Aktivitäten, die in der DDR-Geschichte an wichtige Vorgänge gebunden sind. Die Leser können wahrnehmen, wie es im Laufe der Arbeit Linde Salbers von neutralem Interesse einer Autorin zu Verständnis kommt, ja zu Respekt und sogar Sympathie für den Menschen, dessen Leben sie untersucht. Als Salber wusste, dass mit „professioneller Arbeit an einer Biografie" das Besondere dieses Lebens nicht darstellbar sein würde, wurde klar, dass „die Rolle der vermeintlich distanziert-objektiven Berichterstatterin" nicht passte. Und das bei einem Stoff der eignen Gegenwart und einem Territorium gleich nebenan. Die DDR war der Autorin anfangs ziemlich fern; sie hat zwar nicht den Schwachsinn geteilt, mit dem nach der „Wende" dieses Land und diese Menschen „delegitimiert" werden sollten. Nicht, dass sie die BRD großartig fand. Neben anderem verachtete sie eine Öffentlichkeit, die aus Konsumwerbung bestand und eine Mentalität vermittelte vom Wunsch eines Lebens nach den Werbebildern. Die Maxime ihrer Arbeit enthält diese Charakteristik: „Nenne es ruhig die Geschichte einer Annäherung, die Geschichte von dem Versuch, dich einer Welt zu nähern, die dir fremd ist. Die Geschichte vom anderen der anderen." Es lässt sich wohl nicht leicht entscheiden, ob eine solche Haltung als selbstverständlich gewertet werden soll. Wir kennen selbst in Privatem die Neigung, andere nach uns selber wahrzunehmen, entsprechend modifiziert gilt sie für das Wahrnehmen des Politischen von BRD und DDR. Es ist eine Leis- tung, die großartig genannt werden kann, sich die Sicht auf das Andere der anderen zu erarbeiten. Deswegen ist diese Biografie auch ein besonderes Buch geworden. 

Anfangs teilt die vergnügte Leserin das Allgemeine des von Kant Erzählten mit. Sie nimmt wahr, dass es um „eine Rückbindung des vermeintlich Erhabenen und Hochphilosophischen an banal gelebtes Denken" geht. Alltägliches, kunstvoll erfunden – wie etwa die Kulter-und Bildungsfahrt der Brigade „Buchung", vier Personen, nach Polen, von Kollegin Soundso arrangiert, weil sie dort einen Kronleuchter kaufen will –, solche Mitteilungen haben mindestens einen doppelten Boden. 

Nicht vergleichbar ist die Sprache Kants, auf den ersten Blick ebenfalls aus banalem Material: „… in Kants Erzählungen… geht es um eine Lösung der Sprache aus ihrer Dienstleistungsfunktion als Vermittlerin von Informationen." In Kants Erzählungen „wird Sprache zuweilen mitbehandelt, als sei sie Gegenstand der Geschichte." Sprache, „die sich nicht über die alltäglichen Wörter stellt… die mit Umgangsprachlichem so umspringt, dass sich die Wirkung des Geschehens intensiviert." Kant ist gewöhnlich schon am ersten Satz erkennbar, und die Heiterkeit, die dem Leser geboten wird, hält bis zum letzten Satz. Dass Kant auch anders kann, die Ausnahme davon ist der Roman „Der Aufenthalt" (1977). 

„In Kants Texten (sind) keine Extrakammern für die großen Phänomene erhabenen Tief- oder Hintersinns … Wer nach ‚Hinterwelten‘ im Sinne metaphysischer Konstruktionen sucht, wird sie in Kants Geschichtennicht finden. Ereignisse, Zwerge, Bäume, Trennung, Ziegen, Gedanken, Genuss, Wünsche, Verzweiflung, Brötchen, Kronleuchter, Heufäden, Äpfel, Träume – sind gewichtige Aspirationen gleichberechtigt im Spiel des Lebens am Werk." Es sollte hier angemerkt werden, dass der Autorin eine Terminologie zur Verfügung steht und Bewertungen auch, die ihre Westherkunft kennzeichnen. 

So ist Kommunismus bei ihr nichts Verächtlich-Kriminelles, aber es erscheint des öfteren in Zusammenhängen, die „östlich" nicht gebraucht würden. Ein Beispiel: „Demokratischfreiheitlich lautete die Devise der Westmächte, demokratisch-kommunistisch die der Sowjets, die weniger fragten als bestimmten." Abgesehen davon, dass die Westmächte nach dem Neubeginn am Kriegsende auch nicht viel fragten, war „kommunistisch" für den Osten einfach unzutreffend. Zunächst hieß die Devise der Ostmächte und der Hitlergegner, die aus dem Exil zurückkehren konnten: Antifaschismus (im Westen aber nicht), und was wann Kommunismus heißt und gewollt wurde, darüber gibt es wohl ganze Bibliotheken. Das Einfache war der historische Grundsatz, dass es im Sozialismus nach den Leistungen des Individuums gehe, im Kommunismus jedoch nach dessen Bedürfnissen. Soviel daran utopisch ist, so wurde diese „Devise" doch immer wieder zum Kriterium bei Definitionen oder von Zustandsbeschreibungen. Linde Salber bemüht außerordentlich häufig das „sowjetische Vorbild". Nicht nur bei der Einteilung der universitären Organisation nach Studienjahren statt nach Semestern. Der aus Krieg und Gefangenschaft zurückgekehrte Elektriker konnte bald studieren, an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät, genannt ABF, in Greifswald. (Von dieser Zeit und diesem Milieu handelt Kants erster Roman, „Die Aula".) Linde Salber kommentierte: „Der 1945 neugegründete sozialistische Staat brauchte neue Eliten." Die DDR wurde zwar erst 1949 gegründet, aber die Möglichkeit für Arbeiter- und Bauernkinder, das Abitur zu erlangen, um zu studieren, gab es bereits schon vorher, um ein Unrecht zu beseitigen, nach dem nur Kinder von Eltern studieren konnten, die gebildet waren und Geld hatten. 

Das war nun historische Gerechtigkeit der neuen Gesellschaft. Bei Salber steht: „Dass ideologisch die Marschroute schon vorlag, in Stalins Auftrag von der Roten Armee und auch von der Gruppe Ulbricht importiert, spielte sich jenseits ihrer (der „jungen ABF-Studenten") Erfahrung ab." Wie verfehlt diese Darstellung ist, lassen wir hier auf sich beruhen. Ich gehörte übrigens auch zu jenen Studenten, 1946, als die ABF noch Vorstudienanstalt hieß und der Name ihren Zweck bezeichnete. Ich wusste natürlich nicht, dass ich dort lernen konnte, um zur zukünftigen Elite zu gehören. 

Ich wollte Lehrerin werden – und zwar für Literatur, die könnte die Menschen bilden und bessern. Mit dieser Forderung fuhr ich nach Berlin zum Amt für Volksbildung. Und wurde angenommen, obwohl ich auf die Frage, was ich denn gelesen habe, keinen einzigen Titel der neuen Literatur nennen konnte, sondern nur Goethe. Von Ulbricht hatte ich noch nie gehört. Und festgelegte Marschroute? Ich erinnere mich noch an Fräulein Behrend, unsere Deutsch- Lehrerin. Inzwischen hatte ich leidenschaftlich gelesen und nichts ausgelassen. 

Ich attackierte sie, weil sie „wie früher" immer bloß „Faust" behandele und verlangte statt dessen „Frühlings Erwachen" von Wedekind, das Stück über Sexualprobleme Heranwachsender. 

Die Entfernung zwischen der Autorin und ihrem Stoff hat sich bei aller Arbeit in manchen Fällen nicht verringern lassen. 

Unter den Prominenten der DDR, die nach deren Ende diskriminiert wurden, belegt Hermann Kant einen der vorderen Plätze – nach jeweils einem Zeitschub ging oder geht es immer wieder von Neuem los. 1992 wusste „Der Spiegel", der „Staatsschriftsteller" Kant habe unter dem Decknamen „IM Martin" „im Stasi-Dienst eine Spitzelkarriere" gemacht und sei so zu diversen Ämtern und Reputation gekommen" (zitiert von Linde Salber). 

Ein schlimmer Fall ist der des Alfred Kantorowicz, der während unseres Studiums Professor für Neueste Deutsche Literatur war. Kein besonders guter Lehrer, aber von uns schon deswegen geschätzt, weil er Gegenwartslitertur zum Universitätsgegenstand machte – zu dieser Zeit endete an der Universität die Literaturgeschichte noch bei Goethe. Und zudem genoss er Respekt und Verehrung, weil er Spanienkämpfer war – so nannten wir die in den Internationalen Brigaden am Kampf der Republik gegen die Franco-Faschisten Beteiligten. (Salber zählt ihn zu den „großen Widerstandskämpfern" – einer der Großen war er nicht.) Kant, von ihm wissenschaftlich hochgeschätzt und mit besten Zensuren versehen, wollte ihn zum Assistenten, weil er sonst seine Arbeit nicht leisten könne, und er bekam ihn. 

Als Kantorowicz 1957 in die BRD ging und sich dort um seine Anerkennung als politischer Flüchtling bemühen musste, machte er Kant dabei zum Bauernopfer, vermutet die Autorin, die aus seinem „Deutschen Tagebuch" zitiert: „Einer meiner Assistenten, der fachlich nicht sonderlich begabt war, dem ich jedoch anfänglich zu Unrecht vertraute, ein gewisser Hermann Kant, war, wie ich später erfuhr, vom Hochschulsekretariat des SEDApparates als Spitzel auf mich angesetzt". 

Das hat zur politischen Abfertigung Kants beigetragen. Er hat gegen Unterstellungen, gegen unwahre Behauptungen eine Anzahl Prozesse geführt, die er gewonnen hat, und nach denen den Verklagten untersagt wurde, ihn „Stasi-Spitzel" zu nennen oder mit anderen entsprechenden diskriminierenden Ausdrücken zu bezeichnen. 

Linde Salber hat in der damals noch so genannten Gauck-Behörde die Kant- Akte gelesen, mehr als 2 000 Seiten. 

Corino, prominenter Scharfmacher gegen Kant, seine Haupt-Publikation heißt „Die Akte Kant", übrigens auch. 

Als sich längst Medien und Leute wie er dort bedienen konnten, wurde Kant Akteneinsicht verweigert, bis er nach einigen Jahren seine Anträge aufgab. 

Linde Salber hat etwa 30 Seiten gebraucht für die Beschreibung der „Spitzellegende". Neuigkeiten erwartet sie nicht mehr. 

Sie berichtet differenziert und so, dass Leser urteilen können, über politische Aktivitäten Kants oder seine Position in bedeutenden Ereignissen – so über die Biermann-Affäre, das berühmte XI. Plenum der SED 1965 mit weitreichenden Angriffen auf Literatur und Film, auf Ausschlüsse von dissidenten Autoren aus dem Schriftstellerverband, auf gewisse Einschränkungen der Friedensbewegung und Kants Brief an Honecker dazu und Weiteres. 

Wobei die Bemerkung fällt, dass unter Verhältnissen des Dogmatismus auch Kant zu Zeiten dogmatisch war. Oft formuliert sie, als handele es sich um totale Verhältnisse, etwa wenn vom „diktatorisch zensierenden Umgang des Regimes mit seinen Schriftstellern" die Rede ist. 

Was sie so nennt, hat es gegeben – aber um einen Totalitarismus hat es sich nicht gehandelt, der hatte einige Lücken. Allein eine große Zahl unterschiedlicher Preise – einer war der Heinrich-Mann-Preis, der höchste der Nationalpreis – spricht gegen den totalen „diktatorisch zensierenden Umgang des Regimes mit seinen Schriftstellern". Natürlich lässt Salber den zensorischen Umgang mit ihnen nicht aus, wenn sie von Kants Büchern berichtet. So brauchte der bereits im Druck befindliche zweite Roman, „Das Impressum" Jahre bis zu seinem Erscheinen 1972. Der Film nach „Der Aufenthalt" bekam Schwierigkeiten, wofür polnische Einsprüche vermutet wurden. Das ist kein Umgang mit einem „Staatsdichter". Kant hat mit einem gewissen Vergnügen – manchmal nennt er das selber Arroganz – nach Wegen und Tricks gesucht, zu erwartende Widerstände zu umgehen. Jedoch einmal traf ihn doch ein Herzinfarkt. 

Was Linde Salber über Kants Arbeiten referiert, soll nicht wiedergegeben werden. Die könnten ja zum Selberlesen empfohlen werden. 

Das dicke Biografie-Buch enthält Gegenwartsgeschichte. 

Und ist insofern nicht nur für Literatur-Interessierte wichtig, sondern für Zeitgenossen mit politischer Neugier und Aktivität. 

Vielleicht hat Linde Salber provoziert, was sie so beschreibt: „Über Hermann Kant gerät mancher … heute noch in Rage – schon weil er sich nicht zum DDR-Dissidenten eignet." „Würde er zu den durch Einsicht Geläuterten, zu den spektakulär Unterdrückten, die öffentlich aufbegehrten, zu den Renegaten gehören, die zu westlich-kapitalistischer Lebensform umschwenkten, oder wäre er wenigstens unter den Paradigmenwechslern, die 1990 ihr Fähnchen eilig in den politischen Westwind hielten, dann wäre es anders. Denn er wäre unser – vom Westen aus gesehen." Da es aber nicht so ist, da Kant trotz DDR-Debakel, das auch er nicht hat verhindern können, seine Utopie einer sozialistischen Gesellschaftsund Lebensform nicht preisgibt, bleibt er ein deutsch-deutsches Ärgernis." Alle Achtung für die Arbeit Linde Salbers, Verstand und Vernunft im westlich-östlichen Umgang zu praktizieren. 

Linde Salber: „Hermann Kant. Nicht ohne Utopie" . Biografie, Verlag Bouvier. 

632 S., 29,99 Euro 

 

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