»Wir alle lieben ihn«  

Ein Zwischenruf zum denkmalpflegenden Umgang mit Willy Brandt  

Arno Klönne 

In: junge Welt online vom 18.12.2013 

 

Herbert Frahm, in der Herrschaftszeit des deutschen Faschismus zu Willy Brandt geworden, würde heute 100 Jahre alt. Das ruft viele Würdigungen hervor. Ein Denkmal, so scheint es, wird besichtigt. Dem Bundespräsidenten kam dabei Musikalisches in den Sinn - das historische Verdienst Willy Brandts, so Gauck, liege darin, daß »wir ohne Nationalismusverdacht unsere Nationalhymne singen können«. Gern wird in diesem Zusammenhang auf Wirkungen des Kniefalls in Warschau hingewiesen, so als habe es sich da um Nationalmarketing gehandelt. 

Der Titel dieses Beitrags ist ein Zitat - mit diesen Worten empfing Herbert Wehner seinen Parteifreund, als der 1974 zur SPD-Fraktion im Bundestag kam, um seinen freiwilligen Verzicht auf das Amt des Kanzlers anzukündigen. Die heftige Sympathiebekundung enthielt verstecktes Gift; Brandt gab auf, weil er das Gefühl hatte, Wehner dränge ihn zum Rücktritt. Egon Bahr hat in seinem jüngsten Buch diese Kausalität noch einmal zornig herausgestellt; in der sozialdemokratischen Hausgeschichtsschreibung wird sie zumeist nicht erwähnt oder nur genierlich angedeutet. Das Verhältnis zwischen dem populärsten Politiker der SPD in der Geschichte nach 1945 und dem damaligen »Zuchtmeister« der Partei gilt als ein irritierendes Thema. Für Brandt, und auch für Wehner ist historiographisch Denkmalschutz vorgesehen. 

Alle lieben ihn - aber welchen Willy Brandt? Den jungen Emigranten, der im Auftrag der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) für eine Volksfront gegen den deutschen Faschismus aktiv war, der linkssozialistische Entwürfe für Europa und ein demokratisches Deutschland nach Hitler versuchte? Der sich dafür engagierte, daß Carl von Ossietzky den Friedensnobelpreis erhielt? Oder den »Frontstadt«-Bürgermeister im geteilten Berlin in Zeiten des Kalten Krieges? Den innerparteilichen Verfechter der Bindung an die NATO-Politik, Befürworter auch der atomaren Rüstung? Den Außenminister und dann Bundeskanzler, der gen Osten den »Wandel durch Annäherung« anbahnte, Verträge mit der UdSSR und der DDR arrangierte, darob als »Landesverräter« beschimpft wurde? Der »Mehr Demokratie« einforderte, jedoch »Linksradikale« mit Berufsverbot belegen ließ und die Notstandsgesetze akzeptierte? Oder den Parteivorsitzenden, nun nicht mehr Kanzler, der bei einer Massendemonstration der Friedensbewegung vor der »Nachrüstung« warnte, im Widerspruch zum Bundeskanzler und Parteifreund Helmut Schmidt? 

Geliebt wurde Brandt Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre vor allem in Teilen der nachwachsenden Generation. Das »Willy wählen!« war hier symbolischer Ausdruck für die Hoffnung auf eine neue politische Kultur in Westdeutschland, auf den endgültigen Abschied vom »Adenauer-Staat« und all den Hinterlassenschaften des deutschen faschistischen Regimes, die in ihm präsent waren. Willy Brandt - der Name stand für eine antifaschistische Herkunft, für eine Alternative zu Globke und Co. 

Freilich steckten in ihr auch leise Zweifel - der Weg zur ersten Kanzlerschaft eines Sozialdemokraten war über eine große Koalition verlaufen, bei der Kurt Georg Kiesinger kanzlerte, ein ehemaliger Mitarbeiter des Hitler-Apparates. 

Drang nach »Regierungsfähigkeit« 

Es war nicht Willy Brandt, der die großkoalitionäre Strategie entwickelt hatte; sie war ein Projekt Wehners. Der hielt sie für die beste Vorgehensweise, um unter westdeutschen Bedingungen der SPD das Prädikat »regierungsfähig« zu verschaffen. Das Image einer systemfremden Partei sollte abgestreift werden. Der Versuch, mit dem Kanzlerkandidaten Brandt zu einer eigenen Regierungsmehrheit zu kommen, war zuvor erfolglos geblieben, da hatte auch das 1959 verabschiedete Godesberger Programm nicht hinreichend gewirkt, die »Volkspartei« wurde immer noch als »linkslastig« wahrgenommen. Und auch der Alleingang Wehners 1960, als dieser die Bekehrung der SPD zur Außenpolitik der CDU/CSU verkündete, hatte noch nicht den erwünschten Effekt gebracht. Propagandistische Botschaften wie »Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau« hatten nachhaltige Stimmungen erzeugt. 

Daß Brandt dann 1969 den Schritt weg von der CDU/CSU hin zu einer sozial-liberalen Regierung riskierte, entsprang eigenem Entschluß, nicht etwa einem Rat Herbert Wehners. Genau so aber wurde es erst möglich, die Bundesrepublik von den abgestandenen Konzepten einer kaltkriegerischen Ostpolitik zu lösen. An NATO-Treue allerdings fehlte es auch Willy Brandt nicht. Die »Annäherung« sollte im Ostblock einen »Wandel« zugunsten des Westens erbringen. 

»Staatsmännische« Politikmethode 

Ob Brandt oder Wehner (oder Schmidt und andere) - in einem Handlungsprinzip gab es in der Spitze der SPD Übereinstimmung: Gesellschaftliche Neuerungen und Veränderungen der Kräfteverhältnisse in der Bundesrepublik wurden nicht von sozialen und politischen Bewegungen, nicht »von unten« erwartet, sondern von den Operationen der Parteiführer, von »Staatsmännern«, durch Wahlen und »Regierungskunst«. Spontaner Protest und politische Initiativen außerhalb des Parteienbetriebs wurden als Regungen angesehen, die man fallweise nutzen könne, aber zugleich unter Kontrolle bringen und, wenn es taktisch geboten schien, wieder ruhigstellen müsse. Die Verhaltensweisen der SPD-Führung gegenüber der »Ohne mich«-Bewegung und der Aktion »Kampf dem Atomtod« sind frühe Beispiele dafür. Brandt zeigte erst später ein gewisses Verständnis für außerparlamentarische Bewegungen, und auch damit stand er in der SPD-Parteielite ziemlich allein. Man kann es als Ironie der Geschichte ansehen, daß sich aus dem Milieu von »1968« Impulse ergaben, die der SPD Stimmenzuwachs bei jungen Leuten brachten; die APO kam zu gewichtigen Teilen dem sozialdemokratischen Parlamentarismus zugute. Auch das war ein Faktor des »Willy-Brandt-Ereignisses«. 

Berlin als Lernort 

Den Einstieg in die politischen Institutionen hatte Brandt im Nachkriegs-Berlin gefunden, unter völlig anderen Bedingungen, als er sie aus seinen Tätigkeiten im Exil kannte oder in Jugendjahren noch in der Endphase der Weimarer Republik erlebt hatte. Die gesamte deutsche Arbeiterbewegung - ob sozialdemokratisch, linkssozialistisch oder kommunistisch - hatte 1933 eine Niederlage hinnehmen müssen, die langfristige Folgen zeitigte; sie hat sich innerlich nie davon erholt. 

Das Ende des »Dritten Reiches« war machtpolitisch allein dem militärischen Zugriff von außen her zu verdanken. In der geschichtlichen Logik lag es, daß nun die Besatzungsmächte den Gang der Dinge in Deutschland bestimmten, und schon bald war der Konflikt zwischen den Westalliierten und der UdSSR dabei prägend. Der Emigrant Brandt hatte noch auf eine eigenständige Kraft und Entwicklung der deutschen Linken nach der Befreiung gehofft, das erwies sich bald als wirklichkeitsfremd, nichts war möglich gegen den Willen der Militärregierungen. 

Brandt setzte auf die SPD und die Option für die Vormacht USA. Berlin war ein Brennpunkt des Kalten Krieges, in den Westsektoren der Vorort militanter antikommunistischer Aktivitäten. Und nicht nur der rasch aufsteigende Willy Brandt war zu dieser Zeit in seiner Partei weit entfernt von dem Gedanken an eine »Entspannungspolitik«. Die spezifische Berliner Situation brachte es mit sich, daß parteipolitische Vorgänge vor allem durch Taktieren in politischen Apparaten bestimmt waren, durch oft verborgene Absprachen mit den Dienststellen der Besatzungsmächte und durch deren Einfluß auch auf das deutsche innerparteiliche Personal. Bei all dem spielten die Geheimdienste mit. Dies prägte den Politikstil. Von einer Arbeiter-»Bewegung« in freiem Gang konnte unter solchen Umständen gerade in Berlin realiter keine Rede sein, was freilich Engagement von Aktivisten an der Basis der Parteien und Artikulation von Massenwünschen nicht ausschloß; aber solche Regungen gerieten unter Kontrolle. Unverkennbar fand dadurch in den Parteien eine spezifische politische Sozialisation statt; auch Brandt blieb davon keineswegs unberührt. Umso erfrischender wird es für ihn gewesen sein, daß er aufgrund seiner Funktionen Ausgleich für diese Enge fand: durch Kontakte ins Ausland, durch Auftritte in anderen Ländern; der Regierende Bürgermeister von Berlin erlangte schon bald internationalen Status. 

Emigration als Belastung? 

Die Jahre im Exil sind den Qualifikationen des Nachkriegspolitikers Brandt zugute gekommen - aber zugleich ist er wie kein anderer ihretwegen mit übelster Hetze überzogen worden. »Wo war denn der, als wir uns im Krieg bewähren mußten«, war ein solcher Vorwurf. Absurderweise wurde der politische Emigrant diffamiert, damals die norwegische der deutschen Staatsangehörigkeit »vorgezogen« zu haben. Das verband sich mit hämischen Hinweisen auf die uneheliche Herkunft des »Herbert Frahm mit dem falschen Namen«. (Nebenbei: In die »Aufklärung« über den Emigranten Willy Brandt war auf seltsame und unerfreuliche Weise auch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR verwickelt.) 

Ein »vaterloser« und »vaterlandsloser« Geselle will Bundeskanzler werden? Zweifellos hat Brandt diese Haßkampagne als verletzend empfunden; er war kein Dickhäuter. Zu fragen ist, weshalb die SPD zu jener Zeit das Thema »Antifaschisten im Exil« nicht offensiv aufgegriffen hat. Auch dafür sind machttaktische Motive zu vermuten; deutschnationale Ressentiments sollten schonend behandelt werden. Für Brandt selbst ist kennzeichnend, daß es ihm nicht gleichgültig war, wenn ihm Patriotismus abgesprochen wurde. Neben ihm in der Parteispitze befand sich mit Helmut Schmidt ein Offizier der Hitlerwehrmacht, der auch sein Nachfolger im Kanzleramt wurde. Welche Gefühle hat das bei Brandt ausgelöst? 

Das wissen wir nicht. Offensichtlich ist, daß die SPD in jener Zeit aus vielerlei Gründen wenig Interesse daran hatte, einen Diskurs über die »nationalsozialistische« Vergangenheit zu forcieren; er hätte auch manche Peinlichkeit sozialdemokratischer Geschichte ans Licht holen können. Kurt Schumacher hatte dieses Problem verlagert, indem er in die Aktualität auswich und die Kommunisten als »rotlackierte Nazis« darstellte. 

Das Verhältnis zu Kommunisten 

Für die KPD und für den Bolschewismus hatte Brandt schon in seiner SAP-Phase keine Sympathie. Dessen ungeachtet trat er zeitweise für ein antifaschistisches Bündnis auch mit den Kommunisten ein. Nach dem hitlerdeutschen Angriff auf den Osten wertete er die Sowjetunion als notwendigen Alliierten, um dem »Dritten Reich« militärisch ein Ende zu machen. Als Partner beim Aufbau eines demokratischen Deutschlands hatte er den sowjetischen Staat noch 1944 ins Auge gefaßt, nachdem er bereits von der SAP zur Sozialdemokratie im Exil übergewechselt war. Wenige Jahre später nahm der Rückkehrer in Berlin sehr demonstrativ eine Frontstellung gegen die sowjetische Politik und gegen die SED ein - mit aktueller Begründung, zeitübergreifende theoretische Positionen waren nicht seine Sache. 

Als Brandt sich wenige Jahre danach auf eine Politik der Koexistenz mit den Staaten des Ostblocks umorientierte, hatte dies keine ideologischen Hintergründe, sondern resultierte aus politischem Realismus. Es war damit die Erwartung verbunden, in den sowjetischen Systemen werde sich längerfristig ein Wandel zum Sozialdemokratischen hin ergeben, so etwas wie eine politische Skandinavisierung. Dadurch, so hoffte er offenbar, werde auf längere Sicht auch eine gesamtdeutsche staatliche Lösung denkbar. Das alles unter Beibehaltung des Bündnisses der Bundesrepublik mit den USA. 

Was solche Entwicklungen für die globale Herrschaft kapitalistischer Ökonomie bedeuten könnten, darüber hat sich Brandt, soweit wir wissen, nicht den Kopf zerbrochen. Die erste Gruppe in der Sozialistischen Jugend, in der er aktiv war, trug den Namen »Karl Marx«. Aber Brandt war, was analytische Konzepte angeht, kein »Marxist«, er dachte nicht in systemgeschichtlichen Perspektiven. Was gesellschaftsstrukturell den »Sozialismus« ausmachen sollte, war bei ihm ungeklärt geblieben auch in den Zeiten, als er diesen Begriff noch alternativ zur sozialdemokratischen Politik verstand. Insofern bedeutete »Godesberg« mit dem Bekenntnis zur Marktwirtschaft dann für ihn keinen Gang nach Canossa. 

Entscheidung für die »Volkspartei« 

Beim Wiederaufbau der Sozialdemokratie in den Westzonen Deutschlands und in Westberlin stand die Frage an, welche Formen politischen Lebens entwickelt werden sollten: ein »linkes Milieu« in vielfältigen organisatorischen Facetten, neben der Partei eigene kulturelle Verbände, Sportvereine, Genossenschaften, eine eigenständige Öffentlichkeit - oder tendenziell der Verzicht darauf? Statt dessen die Hinwendung zum bürgerlichen Milieu, zur Konzentration auf die unmittelbaren parteipolitisch-parlamentarischen Funktionen, zur Verwandlung der SPD in eine »Volkspartei«? Für Brandt bedurfte die Entscheidung zwischen diesen beiden Möglichkeiten nicht des Abwägens, so wichtig ihm die persönliche Erinnerung an Jugenderlebnisse in der Kultur der Arbeiterbewegung war. Selbst die »Falken«, denen er entstammte, waren ihm in seiner Praxis als Parteiführer nicht mehr von Bedeutung. Die zeitweise noch existierende sozialdemokratische Presse hat ihn nicht sonderlich interessiert. Die Welt der betrieblichen Konflikte war ihm fremd. Es lag ihm an der Verbindung zur Literaturszene mit bürgerlichem Hintergrund, aber Gramsci hätte an ihm keine Freude gehabt. 

Und gewiß blieb nicht ohne Einfluß, daß er seinen politischen Aufstieg in Berlin auch der wohlwollenden Begleitung aus dem Hause Springer und des US-amerikanisch Senders RIAS zu verdanken hatte. Die Kultur der Arbeiterbewegung in Deutschland vor 1933 war für ihn respektable, aber abgeschlossene Geschichte. Dies unterschied ihn übrigens von manchen ehemaligen Genossen aus dem linkssozialistischen Spektrum, auch solchen, die gleich ihm aus dem Exil zurückgekommen waren und nun ihren Platz in der SPD sahen. Deren Versuche, an Traditionen anzuknüpfen und neben der Partei einer »Neuen Linken« auf die Beine zu helfen, hat Brandt kaum wahrgenommen, das war nicht mehr sein sozialer Raum. Konflikthaft kam er damit lediglich in Berührung durch die Aktivitäten seines Sohnes Peter. (Zu erwähnen ist hier: Dieser hat ihn jüngst in einem Buch politisch und persönlich porträtiert, mit Empathie, aber keineswegs unkritisch; unter den biographischen Beiträgen über seinen Vater ist dies einer der lesenswerten: Peter Brandt, »Mit anderen Augen. Versuch über den Politiker und Privatmann Willy Brandt«, Bonn 2013.) 

Die Kampagnen 1972 

Eine interessante Abweichung vom sonst üblichen Politikstil der SPD zu Zeiten der Altbundesrepublik verband sich mit dem Wahlkampf zum Bundestag im Jahre 1972. CDU/CSU, ihr nahestehende Organisationen und etliche Wirtschaftsherren waren fest entschlossen, eine erneute Kanzlerschaft Brandts zu vereiteln. Dessen Politik galt ihnen als zu arbeitnehmerfreundlich, auch als zu verständigungsbereit gegenüber der UdSSR und der DDR. Deshalb organisierten sie eine auf die Person Brandt zielende Kampagne in extrem demagogischer Manier. 

Dessen Berater gestalteten daraufhin, für die SPD ungewöhnlich, den Wahlkampf der Partei konfrontativ, und zugleich entwickelte sich, unabhängig von der sozialdemokratischen Funktionärsschicht, eine außerparlamentarische Kampagne für die Wahl der SPD als Entscheidung für Brandt. Das war erfolgreich. Aber es blieb eine Episode. (Einige Informationen dazu bei Albrecht Müller, »Brandt aktuell. Treibjagd auf einen Hoffnungsträger«, Frankfurt am Main 2013.) 

Kanzler, Exkanzler - und dann? 

Ohne Zweifel waren für Willy Brandt mit seiner Zeit als Bundeskanzler persönliche Gipfelgefühle verbunden; er hat dann gelitten unter dem nicht durch politischen Vertrauensverlust, sondern durch bizarre Intrigen verursachten Rückzug aus diesem Amt. Das ist jedoch nur die eine Seite dieser Geschichte. Die andere: Vielleicht war dies auch Entlastung von einer Position, die Quälendes auf der SPD-Führungsebene mit sich brachte. 

Die publizistisch häufig verwendeten »depressiven Einschübe« bei Brandt kamen nicht aus einem heiteren Himmel seiner politischen Umgebung; Wehner und Schmidt etwa zeichneten sich keineswegs durch harmlose Kollegialität aus. 

Der Exkanzler gewann nun freien Raum für sein Engagement als Vorsitzender der SPD und der Sozialistischen, d.h. sozialdemokratischen, Internationale, auch in der »Nord-Süd-Kommission«, die in der internationalen Debatte über Entwicklungspolitik eine progressive Linie einschlug. In diesen Zusammenhängen agierte er nicht wie ein Funktionär der NATO, er suchte Kooperation mit Staaten und Politikern, die sich nicht in die Blockfronten einordneten. Einen Eklat in der Geschichte der SPD nach 1945, den die sozialdemokratische Denkmalpflege gern verdeckt, bedeutete Brandts Stellungnahme im Konflikt über die »Raketenfrage«, den sogenannten NATO-Doppelbeschluß. Der SPD-Vorsitzende warnte vor einem weiteren Schritt des Wettrüstens, sprach auf der großen Protestkundgebung in Bonn im Oktober 1983 und erreichte, daß ein SPD-Sonderparteitag die »Nachrüstung« mehrheitlich ablehnte - gegen den Willen von Helmut Schmidt. 

Dieselbe Konfrontation ergab sich wenige Tage später im Bundestag, beim Abstimmungsverhalten der SPD-Abgeordneten zur Stationierung der US-amerikanischen Raketensysteme. Der Historiker Gregor Schöllgen deutet diesen Vorgang als Resultat persönlicher Konkurrenz zwischen Brandt und Schmidt; auch sei bei dem Brandtschen »Schwimmen gegen den Strom« eine »Spur von Sentimentalität des beinahe Siebzigjährigen im Spiel gewesen«, gemeint ist: ein Rückfall in Jugendradikalität (»Willy Brandt. Die Biographie«, Berlin 2001). Das trifft nicht den Sachverhalt. Auch hier handelte Brandt im Organisationsinteresse seiner Partei - er hatte zur Kenntnis genommen, wie stark die Friedensbewegung in der nachwachsenden Generation war. Aber hinzu kam seine Einschätzung, daß die geplante »Nachrüstung« der Entspannungspolitik schaden werde. Er hing nicht der Idee an, der Westen solle »Wandel« im Ostblock dadurch herbeiführen, daß er diesen dazu bringe, sich - ökonomisch betrachtet - zu Tode zu rüsten. 

Er hatte in dieser Hinsicht andere, aufweichende Methoden im Sinn und in seiner Politik auch mit Effekt umgesetzt, Egon Bahr als Ideenspender an seiner Seite. (Nur den hat Brandt kurz vor seinem Tod als seinen Freund genannt. Das gibt zu denken - über soziale Beziehungen in den Höhenlagen der Politik und einer Partei, die auch damals so gern von Solidarität sprach.) Plausibel ist, was die Außen- und Militärpolitik angeht, folgende Annahme: In den Jahren nach seinem Wechsel von Berlin nach Bonn und bei seinen Besuchen im Ausland hat Brandt zunehmend begriffen, welche Risiken und schädlichen Nebenwirkungen in einer rüstungspolitischen Konkurrenz der hochindustrialisierten Staaten lagen. 

Von Bebel zu Brandt 

In der sozialdemokratischen Präsentation von Geschichte wird Willy Brandt häufig als eine Art Wiedergeburt von August Bebel gewürdigt. 

Übereinstimmungen gibt es tatsächlich: Beide hatten bei ihren öffentlichen Auftritten herausragende Anziehungsfähigkeit, unter der Regie des einen wie des anderen wurde die Sozialdemokratie zur wählerstärksten Partei und konnte Einfluß auf den Lauf der deutschen politischen Dinge nehmen; beide hatten hohes Ansehen in der internationalen politischen Szene. Bei näherem Blick auf den jeweiligen historischen Kontext allerdings stellen sich gravierende Unterschiede heraus: Bebel führte die Partei zu dem Rang einer parlamentarischen und gesamtgesellschaftlichen Opposition im Obrigkeitsstaat, die ihre Gegner das Fürchten lehrte. Erklärtes Ziel der Partei war, auf welchem Wege auch immer, den Bruch mit der herrschenden politischen Ökonomie des Kapitalismus zu erreichen. Die parteipolitische Tätigkeit war eingebunden in vielgestaltige andere Formen der Arbeiterbewegung, in ein politisch prägendes soziales Milieu. 

Unter der Führung von Willy Brandt wurde die SPD zur regierenden Partei, was das Ende der Adenauer-Ära bedeutete. Mit dem Kapitalismus jedoch, nun Marktwirtschaft genannt, hatte die SPD sich im Grundsatz abgefunden; sie zielte allerdings (noch) darauf ab, ihn sozialstaatlich zu bändigen. Den Charakter einer »Bewegung«, auch außerhalb des Parlamentarismus agierend, hatte sie nicht mehr, strebte ihn auch nicht an. Eine linke politische Kultur war mit ihr nicht verbunden. 

Zum Umgang mit Denkmälern 

Bedeutsamen historischen Persönlichkeiten, so der Brauch und zugleich das Problem, werden Denkmäler errichtet. Auch dort, wo diese nicht aus Stein oder Metall gefertigt sind, können sie die Sicht auf die gewürdigten Akteure und deren geschichtlichen Kontext verstellen oder verengen. Das trifft auch im Falle Willy Brandts zu. Man sollte ihn nicht, ganz gleich aus welchem politischen Motiv, gedenkpolitisch versteinern oder metallisieren. Seine politische Biographie ist aufschlußreich gerade in ihren inneren Widersprüchen, ihren Brüchen und neuen Orientierungen. Das Deutschlandlied muß man bei der Erinnerung an ihn nicht anstimmen. 

Arno Klönne ist Sozialwissenschaftler und Mitherausgeber der Zweiwochenschrift Ossietzky. Von ihm sind zahlreiche Veröffentlichungen u.a. zur Geschichte der Arbeiterbewegung und über »Jugend im Dritten Reich« erschienen. 

 

_____________________________________________ 

 

»Erdrückt klingt zu dramatisch« 

Peter Brandt über seinen Vater, politische Differenzen und eine späte gesellschaftliche Anerkennung 

 

Unter den zahlreichen neu erschienenen Bücher über Willy Brandt ragt eines heraus: »Mit anderen Augen« (J.H.W. Dietz, 280 S., geb., 24,90€). Es ist das überraschendste und persönlichste Buch. Verfasst hat es der älteste Sohn des großen Sozialdemokraten: Peter Brandt, Professor an der Fernuniversität Hagen. Der 1948 in Berlin geborene Historiker war in der 68er-Studentenbewegung aktiv und zeitweise Trotzkist. 1994 trat er der SPD wieder bei, von der er sich in der Jugend abgekehrt hatte. Mit Peter Brandt sprach Karlen Vesper. 

In: Neues Deutschland online vom 16.12.2013 

Weiter unter: 

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/918172.erdrueckt-klingt-zu-dramatisch.html 

 

_________________________________________________________ 

 

Gegen die Politik des kleineren Übels 

Willy Brandt und die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands 

Von Heinz Niemann 

 

Am 21. Oktober 1969 wurde Willy Brandt vom Bundestag zum neuen Bundeskanzler gewählt, mit einer Mehrheit von vier Stimmen. Auf einen der vier ungültigen Stimmzettel, die ein Patt verhinderten, war notiert: »Frahm nein«. Der sich u. a. hier artikulierende, langjährige Hass von etlichen Vertretern der bürgerlichen politischen Klasse speiste sich aus der linkssozialistischen Jugendzeit von Willy Brandt. 

In: Neues Deutschland online vom 14.12.2013 

Weiter unter: 

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/918049.gegen-die-politik-des-kleineren-uebels.html 

 

_________________________________________________________