Geschichtchen übers »Rote Wunder« 

Rohnstock-Verlag stellte Buch von und über DDR-Wirtschaftslenker vor 

Von Jörg Staude 

 

Ehemalige Kombinatsdirektoren der DDR diskutierten in Berlin über ihren Wirkungsbereich. Demokratisierung der Betriebe lehnen sie ab. 

Vor gut einem Jahr begannen ehemalige Kombinatsdirektoren der DDR zu erzählen - am Sonntag stellte nun der Herausgeber Rohnstock-Biografien den ersten Band der Öffentlichkeit vor. Den passenden Rahmen dafür gab eine Tagung im nd-Gebäude in Berlin ab mit dem beziehungsreichen Titel »Das Rote Wirtschaftswunder«. 

In: Neues Deutschland online vom 09.12.2013 

Weiter unter:  

www.rohnstock-biografien.de[1] 

Links: 

    1. http://www.rohnstock-biografien.de

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/917486.geschichtchen-uebers-rote-wunder.html 

 

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Der „Fall Claudia Pechstein"  

Der Doping-Feldzug gegen die DDR wird fortgesetzt  

In: unsere zeit vom 29.11.2013 

 

Claudia Pechstein hat wieder mal von sich hören lassen. Mit spektakulären Leistungen und einer Doping-Selbstanzeige. Und damit wären wir wieder bei einem Standardthema, das sich vor allem dadurch auszeichnet, dass die meisten, die darüber reden und schreiben und lärmen keine Ahnung von der Materie haben. Diesen Umstand hemmungslos nutzend, kam es zu jenem fast schon 30jährigen Feldzug gegen die DDR, mit dem die Alt-Bundesrepublik, deren Aktive in den Stadien 40 Jahre lang den DDRAthleten hinterhergehechelt waren, die Bürger in Ost und West glauben lassen wollten, alle güldenen und silbernen und sonstigen Medaillen, die die „Ossis" errungen hatten, waren nur geheimnisvollen Pillen zuzuschreiben gewesen. 

Eines Tages hatte sich diese Legende verschlissen und echte Besserwessis entdeckten, dass in der Bundesrepublik schon gedopt worden war, als der Begriff „Weltrekord" in der DDR noch ein Fremdwort war. So erfuhren sie, dass der erste nachgewiesene Alt- BRD-Dopingfall aus dem Jahr 1952 stammte und dem Umstand zuzuschreiben war, dass ein Herr von Opel um jeden Preis in Helsinki eine olympische Medaille errudern wollte und deshalb Kommando gab, Pillen zu beschaffen. 

Der Arzt, dem er die Order gab, hatte nicht nur schon 1936 in Berlin für die medizinische „Olympiabetreuung" gesorgt, sondern war „nebenbei" auch Leibarzt bei Himmler und Heydrich gewesen, was ihm aber nach 1945 in der Alt-BRD keinen sonderlichen Ärger eintrug. Jener Dr. Brustmann hatte übrigens nie seine Dopingaktivität 1952 verschwiegen nur hielt man es für ratsam, die Tatsachen Jahrzehnte zu verschweigen. 

Über sechzig Jahre später aber wird der verschlissene Doping-Feldzug gegen die DDR fortgesetzt und einmal mehr dient der Name der in der DDR aufgewachsenen medaillenreichen Claudia Pechstein als „Argument". Sie ist ein besonderer Fall, den ich aber nur knapp beschreiben kann, weil ich sonst die Zeilenvorgabe des Chefredakteurs sprengen würde. Zum Sachverhalt: Eines der vielen möglichen Dopingvergehen ist die künstliche Erhöhung der roten Blutkörperchen. Claudia Pechsteins Ziffern dieses Wertes lagen immer sehr hoch, was aber – von Medizinwissenschaftlern nachgewiesen – einem Erbleiden zuzuschreiben ist. Nun hatte sie sich dieser Tage vorsichtshalber wieder einmal selbst angezeigt und ihre Blutkörperchen- Überzahl höheren Orts gemeldet. 

Diejenigen, die dafür zuständig sind, ob man sie deswegen belangen kann oder nicht, grübeln schon seit Jahren, wie sie dieses Problem lösen können, denn es existiert keine Regel für erbkranke Eisschnellläufer. 

Hinzu kam als bei ihr „belastend", dass sie 2009 bei den Weltmeisterschaften in Hamar von einem Funktionär der Internationalen Eisschnelllaufföderation (ISU) in eine Falle gelockt worden war. Er ließ die Ahnungslose um Mitternacht aus dem Bett holen, zeigte ihr den Zettel mit ihrer wieder einmal überhohen Blutkörperzahl und riet ihr, sich am nächsten Morgen krank zu melden, um nicht in Verdacht zu geraten, gedopt zu haben. Sie tat das und der Funktionär behauptet seitdem, sie sei gedopt gewesen. Ihr Fehler: Sie hatte bei dem Disput im Schlafanzug nicht auf einen Zeugen bestanden! Die ISU sperrte sie wegen Dopings und sie geriet trotz aller Beteuerungen ins Zwielicht. 

Obwohl immer wieder imponierende Leistungen präsentierend, blieb es dabei und auch ihre jüngste Selbstanzeige könnte möglicherweise daran nichts ändern. 

Der Autor dieser Zeilen muss an dieser Stelle erwähnen, dass er beim Doping nicht zu den Ahnungslosen gehört. Und betont deshalb: Doping ist im Grunde keine Pillenfrage, sondern eine Frage des Profits. Denn: Warum sollte eine Firma zehn Rennfahrer engagieren und sie zur Tour de France schicken? Die Antwort: Weil das Logo der Firma stundenlang im Fernsehen flimmert, also eine Werbung garantiert, die nahezu unbezahlbar wäre, müsste man sie beim Fernsehsender minutenweise kaufen. Der Werbeeffekt schwindet allerdings, wenn die Träger eines Trikots an jedem Berg hängen bleiben oder vor allem in den hinteren Gruppen zu sehen sind oder – weil das Fernsehen den Hinterherfahrern keinerlei Aufmerksamkeit widmet – gar nicht auftauchen. 

Ich war fast vier Jahrzehnte „directeur" des größten Amateurradrennens der Welt und da die Teilnehmer zwar Nationaltrikots trugen und der Spitzenreiter ein Gelbes mit Picassos Taube, war die Gefahr des Missbrauchs geringer, aber sie war nicht restlos auszuschließen. 

Deshalb erfanden Freunde und ich ein rollendes Dopinglabor. Die ins Ziel Gekommenen wurden von einem Dopingkontrolleur in Empfang genommen, in den vor dem Hotel parkenden Laborbus geführt, lieferten dort ihre Proben ab und die abendliche Siegerehrung begann erst, wenn uns die Ärzte mitteilten: „Alle Proben negativ!" Stellt der Laie die Frage: Und warum dauert es bei der Tour de France oft Tage, zuweilen Wochen, bevor die Befunde vorliegen und der Sieger erfährt, dass er gar nicht gewonnen hat? Zum Beispiel: Weil die Proben in Alpe d‘Huez genommen und bei Paris untersucht werden! Und weil die Friedensfahrt – dort amtierte ich als „directeur" – bis heute das einzige Rennen der Welt blieb, das ein rollendes Labor einsetzte. 

Hinzu kommt und damit wären wir wieder bei Claudia Pechstein: Im Grunde vollzieht sich beim Kampf gegen das Doping ein täglicher Wettlauf zwischen der Pharma-Industrie und der Doping-Kontroll-Geräte-Industrie. Ich muss auch dem Laien nicht erklären, welche der beiden Unternehmungen mehr Profit machen und deshalb zügiger an Neuentwicklungen arbeiten. Das las man in der Nachricht über Claudia Pechstein: „Claudia Pechstein hat nach ihrem bislang höchsten Retikulozytenwert auf dem Sysmex-Gerät zum dritten Mal Selbstanzeige erstattet. Wie das Management der fünfmaligen Eisschnelllauf- Olympiasiegerin am Mittwoch mitteilte, wurde die Selbstanzeige an den Eisschnelllauf-Weltverband ISU, an die Welt-Anti-Dopingagentur WADA, die Deutsche Eisschnelllauf Gemeinschaft DESG und die Nationale Anti-Dopingagentur NADA versandt. 

Pechsteins Wert lag einmal mehr über dem ISU-Grenzwert von 2,40 Prozent. 

Den hatte der Weltverband allerdings auf dem inzwischen „überholten" Gerät Advia ermittelt. Ohne auf den Wechsel des Geräts hinzuweisen, hatte die ISU im Oktober erklärt, es sei „überraschend", dass sich die Retikulozytenwerte Pechsteins nach Ablauf ihrer Sperre „seit April 2011 im normalen Rahmen stabilisiert haben". 

Nun sind sie wieder gestiegen und niemand weiß, was man jetzt tun soll. Logisch wäre: Fünf in der Welt anerkannte Experten zusammentrommeln, eine Expertise formulieren lassen und das modernste Gerät für verbindlich erklären. 

Das aber würde von den anderen betroffenen Verbänden nicht akzeptiert werden, weil es – siehe oben – die Werbegewinne schmälern könnte. 

Bliebe die Erkenntnis: Nicht die Zahl der roten Blutkörperchen ist ausschlaggebend … Klaus Huhn 

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Aus per Treuhand-Bescheid  

Erinnerungen an die Abwicklung eines Geschichtsinstitutes  

In: unsere zeit vom 29.11.2013 

 

Im nächsten Jahr werden sich die bürgerlichen Medien „überschlagen". Es sind dann 25 Jahre seit dem 9. November 1989 vergangen, dem Tag, an dem die Grenzen der DDR geöffnet wurden. 

Seither wurde von Linken in Ostdeutschland viel und auch sehr kritisch über den Herbst 1989 in der DDR und über Illusionen geschrieben, die damals nicht wenige hatten. Berichtet wurde unter anderem über die folgende Schließung von Betrieben, die „Abwicklung" von Institutionen in Kultur, Wissenschaft, Bildung, über die Folgen für die Betroffenen. Geschildert wurde der zunehmende politische und – vor allem – ökonomische Druck, die Rolle der westdeutschen „Gründungsprofessoren" im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich an den Universitäten und Hochschulen. Auch Philosophinnen und Philosophen, Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wirtschaftswissenschaftler, Historikerinnen und Historiker haben sich zu Wort gemeldet. 2011 erschien – mit dem Abstand, der offenbar für eine solch umfassende Analyse nötig ist oder für die Gelassenheit, sie niederzuschreiben – Werner Röhrs Untersuchung „Das Ende der Geschichtswissenschaft. Band 1: „Analyse einer Zerstörung" (Band 2, „Analyse ausgewählter Forschungen. Übersichten – Register", wurde 2012 veröffentlicht). 

Nach Angaben der Bundesregierung hatten im Dezember 1992 in den „neuen Bundesländern" von den in der DDR insgesamt 195 073 Beschäftigten (1988) in Forschung und Lehre – einschließlich des wissenschaftlich-technischen und technischen Personals – übrigens nur noch ca. 23 600 eine Vollzeitstelle … Günter Benser hat mit seinem im Frühjahr 2013 erschienenen Buch „Aus per Treuhand-Bescheid. 

Der Überlebenskampf des Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung" seine Erinnerungen an die damalige Zeit veröffentlicht. Er beschreibt ein Kapitel der Abwicklung und damit Zerstörung der historischen Wissenschaften der DDR. 

Bensers Erinnerungen unterscheiden sich in einem Punkt von jenen aus anderen Bereichen. Er beschreibt nämlich die Debatten und Veränderungen in einem Parteiinstitut, dem Institut für Marxismus- Leninismus (IML) beim ZK der SED. 

„Die Ursprünge des IML", so Benser, „liegen in einem seit 1947 geplanten Forschungsinstitut für wissenschaftlichen Sozialismus. Als dieses im Jahre 1949 ins Leben trat, war es eindeutig an den Strukturen und der Aufgabenstellung des Moskauer Marx-Engels-Lenin-Instituts und somit betont auf Edition orientiert. Mit dem Status einer Abteilung des Zentralkomitees der SED versehen, war es in seiner Eigenständigkeit Zeit seines Bestehens stark eingeschränkt. Unter den Mitarbeitern dominierten im ersten Jahrzehnt und in der Institutsleitung bis Anfang der sechziger Jahre Leute ohne universitäre Ausbildung, die es sich als Vorzug anrechneten, nicht Intellektuelle, sondern Parteiarbeiter an der ideologischen Front zu sein, womit kein Urteil über ihre sehr unterschiedlich ausgeprägte Persönlichkeit und ihre Lebensleistungen gefällt werden soll. Das erklärt aber, wieso erst in einem längeren Zeitraum und vor allem durch den an Universitäten ausgebildeten wissenschaftlichen Nachwuchs am IML Standards der wissenschaftlichen Historiografie Einzug halten konnten. 

Die überwiegend in der kommunistischen Bewegung gesammelten Erfahrungen der ersten IMLGeneration gemahnten diese in besonderem Maße, Wachsamkeit, Vorsicht und Disziplin zu wahren und dies auch den nachrückenden jüngeren Mitarbeitern abzuverlangen …" (S. 16) Dass in der historischen Forschung des IML nicht immer die historische Wissenschaft, die Suche nach Wahrheit, die Möglichkeit und Verpflichtung der marxistischen Historikerinnen und Historiker, auch die Widersprüche in der eigenen Bewegung offen zu benennen, auch die geschichtlichen Erfahrungen (positive wie negative) der Geschichte dieser Bewegung zu vermitteln und zu historischen Lehren zu verdichten, sondern die Politik das letzte Wort hatte, wird kritisiert. 

Benser bemängelt zu Recht den Umgang von führenden SED-Politikern mit der Geschichte. Was nicht passte, wurde entsprechend politischer Vorgaben passend gemacht. Das darf heute nicht dadurch entschuldigt werden, dass dieser politische Druck das Institut nie auf das Niveau des „Kurzen Lehrgangs der Geschichte der KPdSU" führte. Diese Fehler dürfen nicht wiederholt werden. 

Trotz und auch wegen der engen Parteibindung, trotz Verengungen und Einschränkungen stellt Benser fest: Im IML wurden im Auftrag der SED zahlreiche – auch international anerkannte – Veröffentlichungen vorbereitet oder entstanden dort: Beispielsweise durch Arbeiten zur MEGA, der Marx-Engels-Gesamtausgabe, durch Lenin-Übersetzungen, Arbeiten zur Geschichte der Arbeiterbewegung, der SPD, der KPD, der SED. 

1989 war das IML mit rund 500 Mitarbeitern (vom Professor bis zum Kraftfahrer) eine der größten gesellschaftswissenschaftlichen Institutionen der DDR. Hier waren das Zentrale Parteiarchiv der SED, mit etwa 5 000 laufenden Metern Archivgut und eine der größten sozialwissenschaftlichen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum mit ca. 700 000 inventarisierten und ca. 100 000 unbearbeiteten bibliografischen Einheiten samt technischer Werkstätten angesiedelt." (S. 17) Was aber geschah 1989 nach dem Rücktritt des bisherigen Politbüros? Benser beschreibt die mühsame Neuorientierung des Instituts. Am 4. Januar 1990 beschloss das Parteipräsidium der SED/PDS die Gründung des Insituts für Geschichte der Arbeiterbewegung (IfGA). Nach den Wahlen vom 18. März 1990 mit der Bildung der Regierung de Maiziere war das IfGA nicht mehr einer regierenden Partei zugeordnet. Die Existenzbedingungen des Instituts verschlechterten sich entscheidend. 

Nach dem 3. Oktober 1990 sah sich das Institut der massiv einsetzenden Kampagne zur Delegitimierung der DDR ausgesetzt. 

Benser dokumentiert die Arbeitsergebnisse des neuformierten Instituts. Leider untersucht er nicht kritisch, was den Ende 1989 entstandenen Forschungen der Arbeitsgruppe „Opfer des Stalinismus" folgte. Angesichts der aktuellen Debatten um eine Erinnerungstafel am Karl-Liebknecht-Haus hätte dem Buch – übrigens nicht nur hier – eine kritische Auseinandersetzung gut getan. 

Das IfGA konnte bald auf wichtige Veröffentlichungen und Forschungsergebnisse verweisen, verfügte über eine beachtliche Bibliothek und zudem über ein international anerkanntes Archiv. Es gelangte durch die Übernahme des zentralen Parteiarchivs der SED nach dem Herbst 1989 in eine Ausnahmestellung (all dies konnte erhalten und in den 90er Jahren in das SAMPO, das Bundes-Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR in Berlin-Lichterfelde, überführt werden). Die Bundesregierung musste recht schnell anerkennen, dass das Archiv des Institutes zum Kulturerbe gehört. 

Die Treuhand hat sich übrigens um dieses Kulturerbe einen S … gekümmert. Und dabei ging es nicht nur um eine lukrative Immobilie. Vertreter der Treuhand sorgten – auch im Zusammenhang mit den damaligen Versuchen, die PDS ökonomisch plattzumachen – dafür, dass dem IfGA der „Geldhahn zugedreht" wurde. 

Endgültig „dichtgemacht" wurde das Institut an der Ecke Prenzlauer Allee/Wilhelm-Pieck-Straße (heute Tor-Straße) am 31. März 1992. Die Polizei hatte das Haus besetzt – angeblich um Beweise für die Prozesse gegen führende Politiker der DDR sicherzustellen. Dabei hatte die zuständige Staatsanwaltschaft bereits seit Monaten Zugang zu allen Akten … Noch heute sind aus IfGA kommenden Historiker, Archivare und Biblothekare aktiv: im Förderkreis Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung, im Verein zur Förderung von Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, im Berliner Verein zur Förderung der MEGAEdition und in anderen Gremien. Mit jenen, die im Marxistischen Arbeitskreis zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung aktiv sind, arbeiten die Geschichtskommission der DKP und die Marx- Engels-Stiftung seit vielen Jahren zusammen. 

Ein Dokumentenanhang ergänzt Günter Bensers Erinnerungen. 

nh Günter Benser: „Aus" per Treuhand-Bescheid. Der Überlebenskampf des Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung mit einem Dokumentenanhang. 

edition bodoni, Berlin 2013, 230 Seiten, ISBN 978–3-940 781–34-5, 18,- Euro 

 

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Im Rückblick  

Die „schreibenden Arbeiter"  

In: unsere zeit vom 29.11.2013 

 

Wenn man den Titel des Blockbuchs „Wer blieb, der schrieb" wendet und ins Präsens setzt, ergibt sich eine neue allgemeingültige Wahrheit: „Wer schreibt, der bleibt". Beide Fügungen haben im vorliegenden Fall ihre volle Berechtigung. 

Steht der Titel für eine über Jahrzehnte währende Kontinuität einer schöpferischen Tätigkeit, so charakterisiert seine Umkehrung die Qualität des Geschaffenen. 

Wir sprechen hier von der Geschichte des Zirkels schreibender Arbeiter „Maxim Gorki" im Zentralen Haus der DSF in Berlin. Das vor uns liegende Werk dokumentiert beides: den sich über ein halbes Jahrhundert erstreckenden Weg des heute noch tätigen Zirkels sowie die wesentlichsten publizierten Texte seiner Mitglieder in Periodika und Verlagen, schätzungsweise 2 000. 

Eingeleitet wird das Blockbuch durch ein grundlegendes, historisch orientiertes Vorwort von Prof. Rüdiger Bernhardt, einem profunden Kenner der Materie. 

Die mehrere Jahre vor der 1. Bitterfelder Konferenz von 1959 einsetzende Bewegung der Zirkel schreibender Arbeiter wird von ihm als „ein bemerkenswertes gesellschaftliches, kulturpolitisches und sozial wirksames Unternehmen" in der sozialistischen Gesellschaft der DDR gewertet, dessen ästhetisches Anliegen nachwirkt und parteilich Front bezieht gegen alle Unterstellungen, Verfälschungen und Verleumdungen. 

In dem folgenden Abriss der Geschichte des Berliner Zirkels gibt uns Jürgen Kögel, Zirkelmitglied und Autor einiger Bücher, detaillierte Einblicke in die Leitungstätigkeit von Walter Radetz sowie in den taktvollen kritischen Umgang der Zirkelteilnehmer mit den entstandenen Texten und ihren Schreibern. Sein Fazit: Die im Zirkel hervorgebrachte Literatur ist keine „zweite, minderwertige Literatur", ihr produktives Anliegen, „neue Stoffe, Themen und Konflikte zu entdecken", die das Lebensgefühl der Bürger zu stärken in der Lage sind. Hintergrund bildete demzufolge das gesellschaftliche Leben in der DDR. 

Progressive Fortsetzung fand die Zirkelarbeit nach der „Wende" im Berliner Arbeitskreis „Kolon", im „Archiv Schreibender Arbeiterinnen" sowie im Verein „SchreibART e. V.", der auch dieses Buch editorisch betreut hat. 

Über die Tätigkeit des Zirkels nach dem Tod von Walter Radetz 1986 berichtet sein neuer Leiter Jan Eik. Er betont in seinen Darstellungen, sehr offen, ehrlich und kritisch, insbesondere das Vertrauen der Zirkelmitglieder untereinander und den „freien Ton" in den Arbeitstagungen, der eine unbedingte „Toleranz" gegenüber unterschiedlichen weltanschaulichen und ästhetischen Anschauungen einschloss. Hervorgehoben wird durch ihn, dass die „kulturpolitische Linie der Partei" bei der Bewertung der literarischen, also der künstlerischen Qualität der entstandenen Texte „erstaunlicherweise keine Rolle" spielte, sowie auch gelegentlichen Forderungen nach Agitpropliteratur entschieden begegnet wurde. 

Von einem bemerkenswerten psychologischen und moralischen Reiz sind die persönlichen Bekenntnisse von sechs Zirkelmitgliedern zu der oft mühevollen Integration in den Schaffensprozess, zu den im Zirkel gestellten hohen ästhetischen, ethischen und theoretischen Anforderungen, zur aufgeschlossenen undoktrinären politischen Atmosphäre und den Ausstrahlungen des Geschaffenen über die Medien und Verlage in die Öffentlichkeit – auch nach der „Wende". 

Immer galt für alle der Grundsatz: Es gibt keine Laien- und Profiliteratur, sondern nur gute und schlechte. 

Als beweiskräftige Dokumente sind dem Buch u. a. Arbeitspläne, Protokolle der Zirkelabende, Belege von Veranstaltungen sowie eine bebilderte Auswahlbibliographie erfolgreicher Veröffentlichungen bis 1995 beigegeben. Von informativem Wert ist ein bisher unveröffentlichtes Vorwort von Jan Eik zu einer Anthologie von Zirkelarbeiten aus dem Jahr 1989. 

Ein umfangreicher Bildteil bereichert das Buch. Bernhard Igel Wer blieb, der schrieb. Eine Dokumentation. 

Hg. von SchreibArt e. V., 174 S. 

 

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„Kinder ohne Eltern"  

Elfriede Brüning las Sozialisationsreports aus der DDR  

In: unsere zeit vom 06.12.2013 

 

Auf Elfriede Brünings Lesereise zum 103. Geburtstag war das erst im Oktober eröffnete Berliner Marx-Engels Zentrum nur eine – schon mit Bedacht gewählte – Station. Die Moderatorin Sabine Kebir, Ko-Autorin des Porträtfilms „Und außerdem werde ich hundert" (2010), begleitete sie. 

Um in der Spielhagenstraße von Charlottenburg- Wilmersdorf marxistische Schulungsarbeit zu beleben, gehört die letzte lebende Zeitzeugin aus dem „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller" zur ersten Wahl, so fit wie sie ist. Sozialisiert in einfachen Verhältnissen im Prenzlauer Berg, begann sie schon 1926 mit ersten Berlin-Reportagen und als junges KPD-Mitglied für Arbeiterinnen einen autobiografisch geprägten Roman zu schreiben. 1935 verhaftet, kam sie aus den Fängen der Gestapo wieder frei. 

Mit berufstätigen Frauen in der jungen DDR diskutierte sie in Foren vor allem Fragen der Gleichberechtigung, der schwierigen Vereinbarkeit von Arbeit, Partnerschaft und Familie, und gewann sie so allmählich auch als Leserinnen. 

1967 veröffentlichte Elfriede Brüning beim Mitteldeutschen Verlag Halle den einzigen in der DDR erschienenen Reportagenband über sozial auffällige Eltern und Jugendliche, über Probleme der Jugendstrafjustiz, der Jugendwerkhöfe und der Heimerziehung für Kinder, die zeitweise in Obhut kamen. Im 1992 „nachgeschobenen" Zeitthemen-Band „Kinder im Kreidekreis" untersuchte sie dann behutsam, was dran ist am West-Vorwurf über politisch motivierte Zwangsadoptionen in der DDR bei gerichtlich verfolgter Republikflucht der Eltern. 

Die Reportagen bieten eine aussagekräftige Auswahl an Einzelfällen auf der ganzen Breite der Felder von Jugendhilfe, inbegriffen fachliche Dialoge zur Erläuterung und Wertung. Ob Sorgeberechtigte 1961 auf dem endgültigen Trip gen Westen ihre Kinder allein zurückließen, mitunter ohne Aufsicht; ob illegal ausreisende Mütter „Fluchthelfer"- Anweisungen befolgten und ihre versteckten Kinder mit Beruhigungsmitteln schädigten oder ob die Jugendhilfe bei Beziehungsabbrüchen in Familien einschreiten musste, um den gesetzlichen Erziehungsanspruch von unterversorgten, manchmal auch psychisch kranken Minderjährigen durchzusetzen – die engagierte Autorin appelliert permanent, ob ausgesprochen oder unausgesprochen: Die Verantwortung für dein Kind, junge Mutter, junger Vater, nimmt dir letztlich niemand ab. 

Doch im Interesse des Kindeswohls ist jede Gesellschaft dazu verpflichtet, manches zu korrigieren, nötigenfalls durch zeitweiliges Herausnehmen aus dem häuslichen Milieu und Vermittlung in Gemeinschaftsunterbringung oder in Pflegschaften. Auch nach dem 1991 in der Bundesrepublik eingeführten Kinder- und Jugendhilfegesetz sind die Mindest- Existenzbedingungen festgeschrieben, unter denen die Heranwachsenden befähigt werden sollen, ihr Leben zu bewältigen. Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung, ebenso auf Erziehung zu einer gemeinschaftsfähigen und allseitigen Persönlichkeit. 

Zehn Jahre früher als die in den 70er Jahren im Westen einsetzende Reformbewegung hatte die DDR 1965 ihre geltenden Regelungen – seit 1947 in der SBZ bzw. seit 1952 in der Republik – zu einem Verordnungswerk zusammengefasst und dabei sozialpädagogisch modernisiert. 

Flankierend dazu trat 1966 das neue Familiengesetzbuch der DDR in Kraft. In ihm hat das Wohl des Kindes als gesamtgesellschaftliche Aufgabe Vorrang vor den Elternrechten. Mit der Gleichberechtigung der Frau inner- und außerhalb der Familie, einer allgemeinen Berufstätigkeit von Männern und Frauen wurde die Grundnorm und ökonomische Basis des elterlichen Erziehungsrechts festgelegt. Im Zusammenwirken mit Kinderkrippe, Kindergarten, mit Schule und Hort, aber auch mit Normal-, Spezial- und Sonderheimen der Jugendhilfe sollten u. a. die sozialistische Einstellung zum Leben und zur Arbeit, zur Achtung vor den arbeitenden Menschen, zur Einhaltung der Regeln des sozialistischen Zusammenlebens gefördert werden. Zugleich wurden die letzten noch geltenden familienrechtlichen Bestimmungen aus dem alten Reichsjugendwohlfahrtsgesetz außer Kraft gesetzt. 

Die Jugendhilfe-Praxis zur an sich begrüßenswerten Beziehung – „ein Bein in der sozialen Daseinsvorsorge, das andere Bein aber in der Erziehung und Bildung", wie es fortschrittliche Praktiker fordernd in und für Westdeutschland formulierten – verlief auch in der sozialistischen Gesellschaft nicht konfliktlos. 

Wie die zu jenem Zeitpunkt erscheinenden Reportagen von Elfriede Brüning thematisierten das sehr viel später DEFA-Spielfilme wie „Sabine Wulff" (Regie Erwin Stranka, 1978) um eine Wiedereingliederung aus dem Jugendwerkhof oder „Bürgschaft für ein Jahr" (Regie Hermann Zschoche, 1981, Silberner Bär 1982) um die einstweilige Verfügung eines gesellschaftlichen Jugendhilfeausschusses. Einer alkoholkranken Mutter wird das Sorgerecht für ihre beiden Kinder entzogen mit der Folge einer Heimeinweisung und einer Adoptionsfreigabe. In der DDR wurde nie ein Hehl daraus gemacht, dass das Aufwachsen in der eigenen, unter Umständen in einer pflege- und evtl. später auch adoptionswilligen fremden Familie allemal günstiger ist als Heimerziehung, auch wenn diese mit allseitiger Schul- bzw. Berufsausbildung einherging. 

Das Mainstream-Thema eines politisch motivierten Kindesentzugs beschäftigte Elfriede Brüning 1991. In Fällen von „Transitwegemissbrauch" oder von Grenzverletzungen, bei denen Kinder unwägbaren Gefährdungen ausgesetzt waren, trug das abgesprochene Erziehungsrecht für inhaftierte und später „abgeschobene" Väter bzw. Mütter zusätzlichen Sanktionscharakter. Laut Einigungsvertrag waren 1 395 Kinder seit 1965 zu ihren Eltern in die Bundesrepublik ausgereist. Wer in der DDR anonym in neues familiäres Klima vermittelt und später von den wahlverwandten Eltern an Kindes Statt angenommen worden war, dem konnte es jetzt aufgrund eines aufgehobenen Adoptionsbeschlusses passieren, als fremdes „Kind" bei der fremden leiblichen Mutter in Westdeutschland einzuziehen – ohne sich deren Zuwendung sicher zu sein. Elfriede Brüning in dieser Zeit ablaufender Fristen: „Dass viele von ihnen, die inzwischen erwachsen sind, gar keine Änderung mehr wünschen, steht auf einem anderen Blatt." Hilmar Franz 

 

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