Steckengeblieben  

Plan, Markt, Lenkung: Eine Konferenz in Leipzig zum »Neuen Ökonomischen System« der DDR  

Herbert Münchow 

In: junge Welt online vom 05.12.2013 

 

Das »Neue Ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft« (NÖSPL oder NÖS) war die Bezeichnung für ein staatliches Programm, mit dem Ende 1963 Veränderungen in der DDR-Wirtschaft eingeleitet wurden. Es sah u. 

a. Leistungsanteile im Lohn für Arbeiter und mehr Eigenständigkeit von Betrieben vor, und war zunächst erfolgreich. Ab 1967 wurde es modifiziert, erhielt die Bezeichnung »Ökonomisches System des Sozialismus« (ÖSS) und wurde nach dem Übergang an der SED-Spitze von Walter Ulbricht zu Erich Honecker 1971 zu den Akten gelegt. Am vergangenen Sonnabend war es in Leipzig Gegenstand einer Konferenz der örtlichen Linkspartei und des Marxistischen Forums Sachsens. In der Debatte unter den etwa 45 Teilnehmern ging es vor allem um Sozialismustheorie und Sozialismuspraxis, wobei Erfolge und Tragfähigkeit der NÖS-Konzeption unterschiedlich beurteilt wurden. 

Roland Wötzel hatte die Einführung des Programms in verschiedenen staatlichen Funktionen miterlebt und war zuletzt Sekretär der Arbeitsgruppe ÖSS des Ministerrates. Er würdigte Ulbricht als Initiator einer Wirtschaftspolitik, die eine bewußte Ausnutzung von Wertkategorien auf der Basis einer Planwirtschaft anstrebte. Kern sei gewesen, das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit zu verwirklichen. 

Der Wirtschaftshistoriker Jörg Roesler nahm eine Einordnung des NÖS in die Reformanstrengungen anderer sozialistischer Länder vor. Er unterschied verschiedene Typen von Lenkungsmethoden, mit denen der Auf- und Ausbau vorangetrieben wurde. Anfang der 60er Jahre habe sich bei einem Teil der Politiker und Wirtschaftsfunktionäre die Auffassung durchgesetzt, daß Plan und Markt nicht konträr, sondern komplementär seien. Zur Maxime der Wirtschaftsreformen sei die Forderung des sowjetischen Ökonomen Jewsej Liberman geworden: »Was gut für die Volkswirtschaft ist, muß sich auch für die Betriebe auszahlen und umgekehrt«. Aus heutiger Sicht sei deutlich: Die Lenkung über den Plan kombiniert mit Regulierung über den Markt müsse nicht über kurz oder lang zum Verzicht auf Sozialismus führen. Wie der Zerfall der Sowjetunion zeige, sei die Sicherung der politischen Macht unabdingbar. 

Auf das Problem »Planmäßigkeit und Ware-Geld-Beziehung« ging der Ökonom Horst Richter ein. Aus seiner Sicht gehörte das NÖS zum spannendsten Zeitabschnitt der DDR-Geschichte: An Dogmen wurde gerüttelt, es sei theoretisch durchdacht gewesen, aber in den Anfängen steckengeblieben - ähnlich wie in den 1920er Jahren die Leninsche Neue Ökonomische Politik. 

Die Anführer der Reformgegner, so Richter, saßen in der Parteispitze selbst. 

Zum Demokratieproblem äußerte sich der Staatsrechtler Ekkehard Lieberam. Er hob hervor: Dem NÖS gingen wichtige politische Impulse für eine Demokratisierung voraus. Nie vorher und nie nachher habe es so viel Öffentlichkeit und Offenheit gegeben. Lieberam sieht die Geschichte der DDR in den 60er Jahren als eine Auseinandersetzung zwischen der Gruppe um Ulbricht und jener um Honecker, die mit der neuen sowjetischen Führung ab 1964 eng verbunden war. 

Im zweiten Teil beschäftigte sich die Konferenz mit NÖS-Ergebnissen. Aus der Sicht von Klaus Blessing, einst DDR-Staatssekretär, war das Programm inkonsequent und mußte es sein: Zentrale Bilanzierung stand gleichberechtigt neben Eigenständigkeit der Betriebe. Die beachtlichen wirtschaftlichen Resultate des NÖS stellten Lothar Poppe am Beispiel des Volkseigenen Betriebes (VEB) GISAG (Gießereianlagen und Gußerzeugnisse) und Robert Kunze für den VEB Chemieanlagenbau Leipzig/Grimma dar. Sie demonstrierten an Hand von Kennziffern, wie sich das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit positiv sowohl auf wirtschaftliche Ergebnisse als auch das Arbeitsklima in den Betrieben auswirkte. Der Statistiker Wolfgang Kühn, der unmittelbar an der Ausarbeitung der NÖSPL-Richtlinie beteiligt war, bezeichnete die NÖS-Periode als eine erfolgreiche, aber nicht die erfolgreichste Periode der DDR-Wirtschaft. Die politische Differenz zwischen dem abzuschaffenden und dem neu einzuführenden Wirtschaftslenkungssystem könne mit der Äußerung des damaligen Finanzministers Willy Rumpf auf den Punkt gebracht werden: »Wie soll ich den Staat finanzieren, wenn alle ihre Gewinne behalten wollen?« 

Die Konferenzbeiträge werden im April 2014 in einem Doppelheft der Schriftenreihe des Marxistischen Forums publiziert. 

 

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