Mythos Novemberputsch  

Geschichte. Die Nazis stellten die Erinnerung an den versuchten Staatsstreich vom 9. November 1923 in den Dienst von Machtgewinn und Kriegsvorbereitung  

Manfred Weißbecker 

In: junge Welt online vom 08.11.2013 

 

Vieles gehörte zum ideologischen Waffenarsenal der Nazis, darunter von Beginn an ständig der Mißbrauch von Geschichte. Sie betrieben, modisch formuliert: Geschichtspolitik. Ihr Welt- und Geschichtsbild war durch und durch völkisch, rassistisch und imperialistisch, wie 1967 der Historiker Karl Ferdinand Werner formulierte. »Deutsche Größe« - so lautete der Titel einer Ausstellung, die am 8. November 1940 in München eröffnet wurde. Also am Vorabend des 17. Jahrestages des gescheiterten Putschversuches. In der Exposition wurde der Kern hitlerfaschistischer Geschichtspropaganda deutlich. Als Ziel galt, »allen Volksgenossen das Wesen der Deutschheit zu erschließen«. Mit den alten Germanen habe der Aufstieg einer neuen Welt begonnen. Dem Kult um sie folgte die Bewunderung deutscher Macht in den Reichen Karls des Großen und der Staufer. Hervorgehoben wurde vor allem die Ostexpansion der Hanse und des Deutschen Ordens. In besonderer Gunst standen auch die Helden des Nibelungenliedes, allen voran die Lichtgestalt des unbezwingbaren, nur durch schändlichen Verrat zu stürzenden Siegfried. 

Nach Friedrich dem Großen und Otto Bismarck sei allerdings das deutsche Volk im Ersten Weltkrieg an den Rand des Abgrundes geführt worden, gerettet dann aber durch den zu endgültigem Siege strebenden »Führer«. 

Im Mittelpunkt standen Machtentfaltung und Expansion sowie die Idee, alle Geschichte sei eine des Kampfes zwischen »höher- und minderwertigen Völkern« und »Rassen«, eines Ringens um den »Lebensraum«. Kriegerische Gewalt wurde als naturgegeben gerechtfertigt, ebenso die Militarisierung aller Lebensbereiche der Gesellschaft. Dafür bereitwillig, gehorsam, heldenhaft zu kämpfen und selbst den Tod in Kauf zu nehmen, sich also zu opfern, wollten die Naziideologen zum höchsten Lebensideal derer machen, die für sie in den Krieg ziehen sollten. In seinem »Kampf«-Buch hatte Hitler von »verzichtfreudiger Opferbereitschaft« getönt, von einer notwendigen Weckung »fanatischer, ja hysterischer Leidenschaften«, von »blindem Glauben« an das »siegreiche Schwert«. Alles gipfelte im weitverbreiteten Spruch: »Du bist nichts, dein Volk ist alles« - Unterordnung, Verzicht, Dienen, Hingabe und restloses Aufgehen des Individuums in einem »höheren Ganzen« verlangend. 

Erhebung zu Märtyrern 

Insbesondere nutzten die Nazis für ihre Geschichtspolitik das Erinnern an den »großen Krieg« von 1914 bis 1918. In seinem 1929 verfaßten Gedicht »Des Daseins Sinn« mit der abschließenden Zeile vom Bewahrtsein für den Krieg zielte Baldur von Schirach, »Reichsjugendführer« und späterer Gauleiter von Wien, auf eine gewaltsame Revision der entstandenen Verhältnisse. Er suggerierte, der verlorene Krieg könne und müsse in denen der Zukunft gleichsam rückwirkend gewonnen werden. Werte wie Tapferkeit, Kameradschaft, Opferbereitschaft und Solidarität der Kriegs-»Helden« wurden vehement umgedeutet und dienten als Grundlage neuerlicher Kriegsvorbereitung. Vor allem unter den männlichen, aber auch unter den weiblichen Jugendlichen sollte die Bereitschaft zu künftigem Selbstopfer erzeugt werden. 

Dabei kam den Nazis zugute, daß vor allem in den letzten Jahren der Weimarer Republik der Kult um die im Weltkrieg »heldenhaft Gefallenen« regelrecht ausgeufert war. Allgegenwärtig sah sich ein mehr oder weniger striktes Bekenntnis zu Soldatentum und nationalistisch interpretierter Opferbereitschaft geehrt und gefeiert. Bekannte Literaten produzierten zuhauf ein Kondensat aus nationalistischem Idealismus, sozialdarwinistischer Kriegsbejahung, Sehnsucht nach Volkseinheit, bedingungsloser Hingabe des einzelnen für das Vaterland und opfermythischem Heldenkult. Das Töten und Getötetwerden wurden verklärt, ja sogar regelrecht sakralisiert. Dafür ließ sich die christliche Märtyrerideologie nutzen, ebenso wie traditionelle militärische Zeremonien. Dem kam entgegen, daß das Gefühl, man sei nach dem Vermächtnis der Opferhelden selbst zu Heldentum verpflichtet, in nahezu allen Klassen und Schichten weit verbreitet war. 

Die NSDAP - neue Kriege anstrebend - inszenierte das Gedenken an die Opfer der Jahre 1914 bis '18 in besonderem Maße. Sie heroisierte die Gefallenen und glorifizierte soldatische Opferbereitschaft. Zum erklärten Ziel erhob sie die »Wiederherstellung« der - angeblich durch den Ausgang des Krieges und durch den sogenannten Dolchstoß der Heimat in den Rücken des eigentlich siegreichen Heeres beschmutzten - Ehre deutscher Frontsoldaten. Ihr Weltkriegsgedenken glich einer permanenten Politisierung der Erinnerungen an den Krieg, einer mentalen Dauermobilmachung für neue Kriege. 

In den Mittelpunkt nazistischer Heldeninszenierungen rückte jedoch das Gleichsetzen der Gefallenen des Weltkrieges mit jenen Toten, die am 9. 

November 1923 beim vergeblichen »Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle« umgekommen waren. Für die Nazis spielte es keine Rolle mehr, daß es ein abenteuerlicher Putsch gewesen war, den die 1920 entstandene NSDAP in engem Bunde mit einigen Militärs, paramilitärischen und vaterländischen Verbänden für den fünften Jahrestag der Novemberrevolution vorbereitet hatte, ihn schließlich aber allein unternahm. Sie waren glanzlos gescheitert, hatten aber faktisch den Bürgerkrieg geprobt. 

Legendenproduktion 

Am Abend des 8. November wurde im Münchner Bürgerbräukeller der Beginn der »nationalen Revolution« verkündet und die »Regierung der Novemberverbrecher in Berlin« für abgesetzt erklärt. Die Putschisten - allen voran Hitler, von General Erich Ludendorff nachhaltig unterstützt - hatten gehofft, am folgenden Tag ihren Forderungen mit einem »Erkundungs- und Demonstrationsmarsch« Nachdruck verleihen zu können. Als jedoch die SA-Leute und Mitglieder anderer paramilitärischer Verbände das Regierungsviertel erreicht hatten, waren sie auf einen etwa 100 Mann starken Kordon der Landespolizei gestoßen. Trotz des Rufes »Nicht schießen! Exzellenz Ludendorff und Hitler kommen!« war ein Schuß gefallen. Wer auch immer ihn abgegeben hatte - ihm folgte ein heftiges Feuergefecht. Bei der Feldherrnhalle, einem zum Ruhme Wittelsbacher Heerführer erbauten klassizistischen Gebäude, hatten die Salven den Marsch der Putschisten gestoppt. 

Die Geschichtsschreibung der NSDAP räumte dem fehlgeschlagenen Staatsstreich einen zentralen Platz ein und konstruierte in heroisierender Weise zahlreiche Legenden. Sie fälschte wesentliche Details des Geschehens, um Abenteuerlichkeit und Dilettantismus vergessen zu machen. Hitler widmete den 16 toten Nazis seinen ersten Band von »Mein Kampf« und nannte diese namentlich. Natürlich nicht aus reinem Trauergefühl: Er wandte sich gegen »sogenannte nationale Behörden«, die den Toten ein gemeinsames Grab verweigert hätten. Zugleich wünschte er, es mögen diese »Blutzeugen« den Anhängern der Partei »dauernd voranleuchten«. 1925 sprach er davon, seine Bewegung habe durch den Putsch »die Bluttaufe empfangen«. Seit 1926 stilisierte die Partei eine Fahne, die vom Blut der umgekommenen Putschisten getränkt gewesen sein soll, als »Blutfahne« regelrecht zur zentralen Reliquie ihrer Mitglieder. Stets wurde diese für die »Weihe« weiterer Fahnen in Szene gesetzt. Zudem erhielten alle Ortsgruppen die Anweisung, alljährlich am 9. November Gedenkfeiern abzuhalten. Ausdrücklich wurde gefordert, dabei auch die Getöteten des Ersten Weltkrieges einzubeziehen. Das gab ihren November-Veranstaltungen von Anfang an eine doppelte Stoßrichtung: Die Toten des Putsches mit denen des Krieges identifizierend hieß es, alle seien für das »Vaterland« gefallen, und den Soldaten des Krieges seien die »Soldaten« der Partei in den Tod gefolgt. Da wurde jeder Unterschied negiert, eine nicht zu hinterfragende Gleichwertigkeit der Opfer postuliert und eine zu neuem Einsatz verpflichtende Erinnerung verlangt. 

Kontinuität des Krieges - so nahm sich der Kern dieses Konstruktes aus. Der Putsch von 1923 war zum Symbol einer »das Letzte gebenden Einsatzbereitschaft« geworden, an der jedes Parteimitglied gemessen werden sollte. Als generelles Orientierungsmaß galt fortan die »Todesbereitschaft«. So urteilt der Historiker Ludolf Herbst in einem 2010 erschienenen Buch »Hitlers Charisma: Die Erfindung eines deutschen Messias«. 

Glorifizierungskampagne 

Als die Nazis 1933 an die Macht gebracht worden waren, boten sich ihnen neue Möglichkeiten des geschichtspolitischen Umgangs mit dem gescheiterten Putsch. Die Feierlichkeiten anläßlich des zehnten Jahrestages wiesen andere Formen und Deutungen auf. Der Parteimythos sollte nun für alle Deutschen verbindlich gemacht werden. In München wurde der Marsch zur Feldherrnhalle wiederholt. Diesmal allerdings mit dem Makel versehen, daß Ludendorff sich nicht beteiligte. Auf den Stufen des Gebäudes standen erstmalig auch die Spitzen der Reichswehr und der bayerischen Landespolizei. Ein kleines Denkmal wurde enthüllt, eine Tafel mit den Namen der Opfer. Davor hatte ständig ein Doppelposten der SS zu stehen, eine Ehrenwache. Erwartet wurde, daß alle Passanten hier den Hitlergruß entboten und nicht in die sogenannte Drückebergergasse auswichen. 

In den späten Abendstunden des 9. November 1933 erfolgte eine Vereidigung der Leibstandarten Hermann Görings und Ernst Röhms durch Hitler. In seinen Reden betonte letzterer, es sei kein Leichtsinn gewesen, der ihn damals geleitet habe. Man habe »im Auftrag einer höheren Gewalt« gehandelt, nur die Zeit sei dafür noch nicht reif gewesen. Eine seiner Aussagen inmitten der sonst zumeist langatmigen Parteierzählungen klang nach speziellem politischen Zweck: Nachdrücklich erklärte er, es sei nie daran gedacht gewesen, sich gegen die Wehrmacht zu erheben. Dies war offensichtlich eine Bekräftigung des Bündnisses, das die Reichswehrführung unmittelbar nach seinem Amtsantritt als Reichskanzler mit ihm eingegangen waren. Aber auch als Warnschuß an die Adresse der SA-Führung gedacht, die sich selbst als eine Art Volksmiliz an die Stelle der Wehrmacht zu setzen plante und dadurch in eine Konfrontation zur Reichswehr und Reichsregierung geraten war. Pathetisch und dennoch unüberhörbar warnend bezeichnete Hitler es als »höchstes Glück«, daß Militär und Volk wieder »eins geworden« seien und diese Einheit »niemals mehr zerbrechen« werde. 

Die festlich gestalteten Zeremonien wiederholten sich nun Jahr für Jahr, parallel übrigens zu den Veranstaltungen, die regelmäßig an die Schlacht um den flandrischen Ort Langemarck erinnerten. Militärisch unerfahrene Studenten und Soldaten waren dort Anfang November 1914 begeistert und mit dem Deutschlandlied auf den Lippen sinnlos in einen aussichtslosen Kampf geschickt worden. Das Geschehen erhob man sogleich zu einem Sinnbild bedenkenloser Opferbereitschaft der Jugend zum Langemarck-Mythos. Ehrende Veranstaltungen fanden zumeist am 11. November statt, hoffend, es werde dadurch der als schmählich empfundene Tag des Waffenstillstandes im Walde von Compiègne in den Hintergrund treten. 

Die an den Putsch von 1923 erinnernden Veranstaltungen erfuhren jeweils langfristige Vorbereitung und ebenso eine intensive Auswertung in den Medien Nazideutschlands. Das zeigte sich vor allem in den beiden folgenden Jahren. Am 24. Januar 1934 strahlte der Deutschlandsender erstmalig eine sogenannte Totengedenkstunde aus. Die Sendung trug den Titel »Uns sind Altar die Stufen der Feldherrnhalle«. Allein in der Wahl des Wortes Altar kam erneut eine religiöse Dimension des Kultes um die 1923 umgekommenen Nazis zum Vorschein, eine heilsgeschichtliche Überhöhung des Putsches, die die Gläubigkeit vieler Menschen geschickt ausnutzte. Am 27. Februar legte ein Gesetz fest, den 1926 eingeführten Volkstrauertag für die Opfer des Ersten Weltkrieges künftig als »Heldengedenktag« zu begehen. Im März 1934 stiftete die NSDAP einen für Teilnehmer des Putsches vorgesehenen »Blutorden« mit der Aufschrift: »Und ihr habt doch gesiegt«. Er galt fortan als höchste Auszeichnung der Nazipartei. 

Eine weitere Gleichsetzung der zwei Millionen getöteten Soldaten mit den 16 Toten des Putsches und den übrigen angeblich 240 »Opfern der Bewegung« erfolgte, als im Juli durch den Reichspräsidenten das »Ehrenkreuz des Weltkrieges« gestiftet wurde. Ein Orden allerdings, der in mehr als acht Millionen Fällen verliehen wurde. Im November entstand zusätzlich eine »Stiftung für die Blutzeugen der Bewegung«. 

Im Vordergrund: Militärs 

Bei den Feiern 1934 verzichtete man am 8. und 9. November in München allerdings auf den Erinnerungsmarsch; zu stark wirkte nach, was als »Röhm-Putsch« bezeichnet worden war und eine am 30. Juni vollzogene »Enthauptung« der SA-Führung bedeutet hatte. Manches davon klang in den Reden Hitlers an: Wenn man nur wolle, könne sich jede Katastrophe in einen Sieg verwandeln. Nur Feiglinge würden sich selbst aufgeben, erforderlich seien »innere Härte und Widerstandsfähigkeit«. Neu indessen war das Argument, man sei 1923 mit den eigenen Aktionen lediglich einem »separatistischen Putsch zuvorgekommen«. 

Im darauffolgenden Jahr fand der Erinnerungsmarsch wieder statt, alles in allem sowohl eine Propagandaaktion als auch ein Trauerzug, eine Siegesparade und ein Huldigungsumzug. Er orientierte sich an Liturgie und Heiligenverehrung katholischer Prozessionszüge. Zudem waren - gedacht als »Ewige Wache« - ganz im Stile nazistischer Kultarchitektur am Münchner Königsplatz zwei »Ehrentempel« gebaut worden. Dorthin verbrachten Soldaten auf Lafetten der Wehrmacht die 16 Särge der zwölf Jahre zuvor Umgekommenen. 

Nahezu gespenstisch, beklemmend und beängstigend ging das Spektakel über die Bühne. Gepriesen als Ort von »Andacht und Gebet in Stein« erhob man ihn zu einer »Wallfahrtsstätte« des Volkes. Alles diente ebenso dem Kult um Hitler. Pathetisch beschrieb der Völkische Beobachter dessen stummes Gedenken vor den Särgen: »Statuenhaft steht er vor den Sarkophagen, selber einer, der über das Maß des Irdischen bereits hinausgewachsen.« 

Auch in den nächsten Jahren fand statt, was im Feierkalender der deutschen Faschisten mehr und mehr in den Mittelpunkt rückte eine »strahlende Wiederauferstehung« des deutschen Volkes. Immer stärker schob sich dabei das Militär im Vordergrund. 1936 durfte Reichskriegsminister Werner von Blomberg direkt neben Hitler und Göring an der Spitze des Zuges auftreten. 

Zwei Jahre später galt diese Ehre den am 4. Februar 1938 neu eingesetzten Herren der Wehrmacht: Wilhelm Keitel als Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Walther von Brauchitsch als neuer Oberbefehlshaber des Heeres und Verkünder des Mottos »Über die Schlachtfelder vorwärts!« Mit dabei waren auch Erich Raeder als Oberbefehlshaber der Marine und Erhard Milch als Generalinspekteur der Luftwaffe. Die Feier der »alten Kämpfer« als Ausgangspunkt des antijüdischen Pogroms zu nutzen, das hatte Hitler dem Propagandachef Joseph Goebbels überlassen. 

Neben dem generellen Anliegen dieser zumeist düster und unheilschwanger wirkenden Erinnerungsfeiern brachten vor allem die Reden Hitlers sowie die entsprechenden Berichte der Medien zum Vorschein, worauf - die Geschichte mißbrauchend - der Blick gelenkt wurde. So spielte Hitler 1938 offensichtlich auf den Wechsel in der Führung der Wehrmacht an, als er sich gegen »Leute« wandte, die da sagen würden, auch er als »Führer« könne sich mal irren. Im selben Jahr trat er auch mit der Behauptung auf, ein »Zusammenbruch« wie der 1918 - gemeint war die Novemberrevolution - würde sich »im nächsten Jahrtausend nicht mehr wiederholen«. Im Kopf hatte er da schon seine Rede, die er am 10. November vor Vertretern der Presse hielt. 

In dieser ging es ihm um die Abkehr von der bislang als notwendig gehandhabten Friedensdemagogie. 

Seit 1939 galt der 9. November sogar als staatlicher Feiertag. Die fällige Veranstaltung - »gestört« allerdings durch das mutige Attentat Georg Elsers - wurde genutzt, um die »Vorsehung« zu preisen, die ihre Hände schützend über Hitler gehalten habe. In den Kriegsjahren wechselten dann die Stimmungen von Siegesrausch und demonstrativ betonter Kompomißlosigkeit gegenüber den Kriegsgegnern hin zu dröhnenden Bekundungen unbeirrbarer Siegeszuversicht. Das Ausmaß der Feiern vor der Münchner Feldherrnhalle und den beiden »Ehrentempeln« am Königsplatz reduzierte sich zunehmend. In den Bürgerbräukeller kam Hitler letztmalig 1943. Beruhigend warb er, was auch kommen werde, er würde es meistern: »Am Ende steht der Sieg!« Im Jahr darauf legten Keitel und der bayerische Gauleiter Hermann Giesler nur noch einen »Kranz des Führers« an der Feldherrnhalle nieder, während am selben Tag Goebbels - seit Juli auch »Reichsbevollmächtigter für den totalen Kriegseinsatz« - in Berlin Angehörige des neu geschaffenen »Volkssturmes« zu weiterem, sinnlos gewordenem Kriegseinsatz verpflichtete. 

Der erstrebte Kriegserfolg ließ sich nicht erreichen. Es half auch zweckdienlicher Rückgriff auf die Geschichte nicht mehr ... 

Manfred Weißbecker schrieb zuletzt an dieser Stelle am 14.10.2013 über den Austritt Nazideutschlands aus dem Völkerbund. 

Aus den Quellen 

Aus der Rede Baldur von Schirachs beim Reichsjugendtag der NSDAP in Potsdam am 1. und 2.10.1932: 

»Wir fühlen uns in dieser Stunde eins mit den Toten der Feldherrnhalle, wir fühlen uns eins mit all den ermordeten Kameraden der SA und SS und der Hitlerjugend, wir fühlen uns aber auch eins mit den zwei Millionen Toten des großen Krieges. Wir wissen: Was wir tun und was wir gestalten, ist letztlich nichts anderes als die Vollendung ihres Wollens und ihrer Sehnsucht, und so nehmen wir, die nationalsozialistische Jugend, für uns das Recht in Anspruch, uns die Träger der Tradition der Front zu nennen (...).« 

Das Blatt Unser Wille und Weg schreibt im Dezember 1935: 

»Die Feier vom 9. November, in jener Monumentalität, die den Stil des Nationalsozialismus kennzeichnet und die uns niemand auf der Welt nachmacht, war eine zutiefst im germanischen religiösen Empfinden verankerte weihevolle Handlung (...) und brachte dabei doch die alte germanische Vorstellung von der ewigen Erneuerung des göttlichen Lebens in der Verbindung zwischen Totenfeier und Verpflichtung jugendlichen Nachwuchses in eindrucksvoller Weise zum Ausdruck.« 

Hitler am 10.10.1938: 

»Die Umstände haben mich gezwungen, jahrzehntelang fast nur vom Frieden zu reden. Nur unter der fortgesetzten Betonung des deutschen Friedenswillens und der Friedensabsichten war es mir möglich, dem deutschen Volk Stück für Stück die Freiheit zu erringen und ihm die Rüstung zu geben, die immer wieder für den nächsten Schritt als Voraussetzung notwendig war. Es ist selbstverständlich, daß eine solche jahrzehntelang betriebene Friedenspropaganda auch ihre bedenklichen Seiten hat; denn es kann nur zu leicht dahin führen, daß sich in den Gehirnen vieler Menschen die Auffassung festsetzt, daß das heutige Regime an sich identisch sei mit dem Entschluß und dem Willen, einen Frieden unter allen Umständen zu bewahren. 

Das würde aber nicht nur zu einer falschen Beurteilung der Zielsetzung dieses Systems führen, sondern es würde vor allem auch dahin führen, daß die deutsche Nation (...) mit einem Geist erfüllt wird, der auf die Dauer als Defätismus gerade die Erfolge des heutigen Regimes wegnehmen würde und wegnehmen müßte. Der Zwang war die Ursache, warum ich jahrelang nur vom Frieden redete. Es war nunmehr notwendig, das deutsche Volk psychologisch allmählich umzustellen und ihm langsam klarzumachen, daß es Dinge gibt, die, wenn sie nicht mit friedlichen Mitteln durchgesetzt werden, mit den Mitteln der Gewalt durchgesetzt werden müssen.« 

Hitler am 8. November 1939: 

»Aus dieser ganzen Not ist unsere Bewegung entstanden, und sie hat daher auch schwere Entschlüsse fassen müssen vom ersten Tage an. Und einer dieser Entschlüsse war der Entschluß zur Revolte vom 8./9. November 1923. Dieser Entschluß ist damals scheinbar mißlungen, allein, aus den Opfern ist doch erst recht die Rettung Deutschlands gekommen.« 

Aus der Rede des Oberbefehlshabers des Heeres, Walther von Brauchitsch, bei einer Langemarck-Feier im November 1940: 

»Zur gleichen Stunde, in der es 1914 wie ein Schwur der deutschen Jugend über dieses Feld hallte, rDeutschland, Deutschland über allesl, wollen wir uns erneut darüber klar werden, was es heißt, ein Deutscher zu sein. Damit gehöre ich einem 80-Millionen-Volk an, das im Herzen Europas seinen Platz hat, dessen Geschichte ein nie aufhörender Kampf um den Lebensraum, eine von der Natur vorgezeichnete kämpferische Aufgabe gewesen ist und dessen Bestimmung gelautet hat: Über Schlachtfelder vorwärts! Der Nationalsozialismus ist die Erfüllung der Sehnsucht des Weltkriegskämpfers, er ist frontgeboren. (...) Dieser Krieg, den wir jetzt erleben, schließt zwei Generationen zusammen, die Weltkriegskämpfer und die jungen Soldaten. 

Mit dem 28. Mai 1940, mit dem Tag, an dem die Reichskriegsflagge in Langemarck gehißt wurde, ist das Vermächtnis der Jugend von 1914 erfüllt worden.« 

 

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Jackett statt Braunhemd  

Geschichte. Am 10. November 1933, zwei Tage vor der Reichstagswahl und der Abstimmung über den Austritt aus dem Völkerbund, hält Hitler vor Arbeitern des Berliner Siemenswerkes eine Rede  

Kurt Pätzold 

In: junge Welt online vom 11.11.2013 

 

An der Gewinnung der Millionen Wähler, die der Partei der deutschen Faschisten in den Jahren der Weltwirtschaftskrise gelang - Mitte 1932 waren es 13 Millionen Männer und Frauen - hatte Hitler selbst Anteil. Keine deutsche Großstadt, in der er nicht in einem Kundgebungssaal oder einer Mehrzweckhalle, auf einem Versammlungsplatz oder in einem Stadion gesprochen und für das »Programm« seiner Partei, ein Bündel von Versprechen für jedermann - die deutschen Juden ausgenommen - Reklame gemacht hätte. 

Seine Zuhörerschaft war sozial gemischt: Kleinbürger aller Couleur, Angehörige des neuen Mittelstandes, Menschen, die ihre Arbeitsplätze und die Quellen ihres Einkommens schon verloren hatten, und andere, die das befürchten mußten. Dazu gehörte eine zahlenstarke Minderheit, darunter auch Proletarier, die von keiner Arbeiterpartei erreicht wurde und national wie sozial gleichermaßen desorientiert war. Hitler befriedigte die Erwartungen dieses Gemisches von Bürgern, die keinerlei geistige oder emotionale Bindungen an die Republik besaßen. Sie glaubten, daß sie dieser nichts zu danken und von ihr nichts zu bewahren und nichts zu erwarten hätten. Hitler wurde den Massen von seinen NSDAP-Funktionären als »Führer« aus Not und Elend, ja als Erlöser dargestellt und präsentierte sich in solcher Pose auch selbst. 

Spezielles Publikum, beispielsweise in Gaststätten der Dörfer, mied Hitler. 

Dort wäre er in einem kleinen Kreis von Zuhörern mit deren sozialen Sorgen und den daraus erwachsenden konkreten Fragen, denen sich nicht ausweichen ließ, konfrontiert worden. Doch er machte von diesem Prinzip auch Ausnahmen: Er folgte jenen wenigen Einladungen, die an ihn aus Kreisen der Großbourgeoisie ergingen. Auftritte vor solch exklusiven Zirkeln waren selten, stehen heute aber natürlich dennoch in vielen Geschichtsbüchern. 

Das gilt zum Beispiel für die Ansprache, die er 1932 vor - vorwiegend - rheinischen Großindustriellen in Düsseldorf gehalten hatte (siehe jW-Thema vom 27.1.2007). 

In seinem Element war Hitler jedoch bei Reden vor einer anonymen ihn bewundernden und bejubelnden Masse. Bei Auftritten in Sälen, in denen die Seinen, die uniformiert in ihren Formationen sich jeweils einfindenden »Sturmabteilungen«, zustimmend Lärm machten, Sieg und Heil schrien und in denen die »Kommune« und »Alljuda« mit Haßparolen überschüttet und jegliche Störungen gewaltsam unterbunden werden konnten. 

Außenpolitischer Affront 

Um in den Wahlkämpfen des Jahres 1932 gleichsam allgegenwärtig zu sein, benutzte Hitler an manchen Tagen das parteieigene Flugzeug, das ihn binnen weniger Stunden von einem zum anderen Versammlungsort transportierte. Das ergab das zusätzliche Reklamebild »Hitler über Deutschland«, waren Flugzeuge doch damals noch bewunderte Verkehrsmittel ganz weniger. Doch die Aussichten der NSDAP, werbend den Arbeiteranteil unter den Mitgliedern und Wählern zu vergrößern, wurden von Hitler skeptisch beurteilt, solange seine Partei in offener Konkurrenz mit Sozialdemokraten und Kommunisten stand. 

Nach der »Machtergreifung« werde sich das ändern, hoffte er nicht zu Unrecht. Denn da würde er die Widersacher zum Schweigen gebracht haben. 

In Republikzeiten brauchte Hitler keine Einladung zurückzuweisen, in einer Werkhalle oder auf einem Fabrikhof vor Arbeitern zu reden. Auch die Industriellen, die auf seine Partei setzten, richteten diese Forderung nicht an ihn, da sie die politische Haltung und Stimmung in ihren Belegschaften richtig beurteilten. 

Nach dem 30. Januar 1933 versprach Hitler, nun Reichskanzler, schon in seiner ersten Rede, er und seine Regierung wollten »den deutschen Arbeiter« retten. (Der bevorzugte Singular sollte den Eindruck machen, daß dieser Politiker sich um jeden einzelnen Proletarier kümmere.) Dazu brauche er jedoch Zeit. Vier Jahre. Zudem versicherte er mehrfach, er werde, um zur »Volksgemeinschaft« zu gelangen und den einheitlichen Willen der Nation zu schmieden, unermüdlich um den deutschen Arbeiter kämpfen. So würden dem Vaterland seine verlorenen Söhne, die ihm von den Marxisten entfremdet worden seien, wieder zurückgegeben werden. Mit eigenen Auftritten vor diesen »Verlorenen« ließ sich Hitler hingegen auch als Reichskanzler Zeit. 

Zunächst wurden deren Führer in Konzentrationslager verschleppt und deren Organisationen - von den Parteien bis zu den Konsumvereinen - verboten. 

Das erste Mal begab sich Hitler am 23. September 1933 zu einer besondere Gruppe von Arbeitern. Nämlich Männer, die bis dahin meist arbeitslos gewesen waren. Sie waren für den propagandistisch groß aufgezogenen Baubeginn von Reichsautobahnen mobilisiert, in und nahe Frankfurt am Main versammelt und halbmilitärisch formiert worden (siehe jW-Thema vom 23.9.2013). Die Arbeiten wurden nach Plänen, die noch aus der Republik stammten, an der Schnellstraße nach Darmstadt begonnen, von wo sie weiter nach Heidelberg führen sollte. Die Vorstellung hatten hinreichend Journalisten und Fotografen besucht, so daß der »Führer« fortan in Zeitungen und Filmen, auch auf Plakaten mit Vorliebe immer wieder einen Spaten schwingend gezeigt wurde, was seine Verbundenheit mit den »Arbeitern der Faust« bezeugen sollte. Zu ihnen hatte er, seinen Erzählungen in »Mein Kampf« zufolge, ja »auf dem Bau« in Wien einst selbst gehört. 

(Merkwürdigerweise meldete sich 1938 kein Arbeiter, der den in Österreichs Metropole triumphierend einziehenden Hitler mit dem Ruf »Hallo, alter Kumpel Adolf« begrüßte.) 

Als der Auftritt Hitlers vor Arbeitern schlechthin wurde dann seine Rede inszeniert, die er am 10. November in der Turbinenhalle des Berliner Siemenswerkes hielt. Nur zwei Tage später waren alle wahlberechtigten Deutschen aufgerufen, in einer Abstimmung den Schritt der Regierung zu billigen, den sie am 19. Oktober bereits gegangen war. In Genf hatte sie offiziell den Austritt aus dem Völkerbund mitgeteilt, dem Deutschlands seit 1925 angehörte (siehe jW-Thema vom 14.10.2013). Der außenpolitische Affront, namentlich gegen Frankreich und Großbritannien gerichtet, kam nicht überraschend, und schärfere Reaktionen mußten nicht erwartet werden. 

Hitler hatte schon in einer Rede vor dem Reichstag am 17. Mai die Forderung erhoben, die Siegermächte von Versailles müßten entweder ihr festgeschriebenes Abrüstungsversprechen einhalten oder aber Deutschland das Recht zu gleichberechtigter Aufrüstung seiner Armee, der Seekriegsflotte und zum Aufbau einer Luftwaffe einräumen. Mit diesem Ultimatum schob sie die Verantwortung für die Entscheidung, ob Deutschland im Völkerbund verblieb oder ihn verließ, den Siegermächten des Weltkrieges zu und gab sich selbst als abrüstungswillig. Dabei konnte nach den langwierigen, ergebnislosen Abrüstungsverhandlungen in Genf kein Zweifel bestehen, wie die Entscheidungen in London und Paris ausfallen würden. Deren Hinnahme wurde als ein Akt der Unterwerfung dargestellt, deren Mißachtung hingegen als Verteidigung, ja besser noch als Wiedergewinnung nationaler Ehre und Würde. Eben diese hätten die schwächlichen Regierungen der Republik widerstandslos preisgegeben. Damit werde nun kühn gebrochen. Diesem Reklamerummel der faschistischen Führung zufolge ging es gar nicht um Panzer, Schlachtschiffe oder Bombenflugzeuge sowie um die Aufwendung riesiger Summen für die Hochrüstung der Streitkräfte, sondern um - die Ehre. 

Ohne Proteste 

Hitlers Rede im Siemenswerk, vom Rundfunk übertragen, war zugleich ein deutschlandweiter Appell an alle Wähler. Die sollten am 12. November nicht nur den Austritt aus dem Völkerbund billigen, sondern auch den Reichstag neu wählen. Der seit dem 5. März existierende hatte vor allem mit der Annahme des Ermächtigungsgesetzes seine Schuldigkeit getan und bot sich obendrein, nachdem er zunächst um die kommunistischen, im Juni dann auch um die sozialdemokratischen Abgeordneten amputiert worden war, als Ruine dar. 

Diese »Wahl« ohne Wahlkampf und Konkurrenten war ein weiterer Schritt zum Aufbau eines Staatswesens, in dem nichts mehr an die Weimarer Republik erinnerte. Konstituiert wurde eine machtlose Versammlung ohne auch nur einen kümmerlichen Rest von Nichtfaschisten. Etabliert wurde ein Dekor, das nicht einmal mehr geeignet war, das diktatorische Regime zu schmücken, sondern es eher bloßstellte. 

Für Hitler war der Auftritt im Siemenswerk nach Ort und Zuhörerschaft eine Uraufführung. Er sprach hier vor einem Publikum, von dem sich zweifelsfrei annehmen ließ, daß viele der Versammelten im März eine der beiden Arbeiterparteien gewählt hatten. Das hatte das Ergebnis im Stadtkreis Berlin deutlich gezeigt. Die Kommunistische Partei erhielt mehr als 30 Prozent aller abgegebenen Stimmen, das waren absolut die von 383423 Wählern, und die Sozialdemokratie gewann 22,5 Prozent, was 287481 Wählern entsprach. Zusammen ein Resultat, das die 31,2 Prozent der NSDAP weit übertraf. Doch die Veranstalter mußten nicht fürchten, daß in der Werkhalle irgendwelche Äußerungen des Protestes laut werden würden. Dafür sorgten die Erfahrungen, die auch und gerade Arbeiter in Berlin seit März mit dem faschistischen Terror gemacht hatten. Zudem konnte jeder Teilnehmer sicher sein, daß der überschaubaren Szene Spitzeln und Denunzianten beiwohnten. 

Wer sich da als einzelner oder in einer Gruppe als Antifaschist bemerkbar gemacht hätte, konnte sich unschwer ausrechnen, wo er die nächste Nacht verbringen würde. Es gab nur eine Alternative. Sie bestand darin, daß die Gerufenen geschlossen an ihren Arbeitsplätzen geblieben wären. Doch dafür fehlten in der Belegschaft selbst die Voraussetzungen. Auszuschließen war freilich nicht, daß Hitler hier, anders als er es gewohnt war, eine gedämpfte Stimmung entgegenschlug, die mindestens Distanz spüren ließ. 

Die Regie der Veranstaltung lag in Händen des Berliner NSDAP-Gauleiters Joseph Goebbels, der inzwischen auch zum »Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda« avanciert war. Nichts wurde für diesen Auftritt Hitlers übersehen, für den er eine für solche Zwecke außergewöhnliche Kostümierung gewählt hatte. Er verzichtete auf das Braunhemd, in dem er sich seinen Gefolgsleuten gewöhnlich zeigte. Und er ließ die Parteiuniform weg, in der er beispielsweise bei seinen Reden in Sitzungen des Reichstages im März und Mai 1933 erschienen war. Ohne alles Kriegs- und Parteilametta kam er in einem schwarzen Jackett, in dem er auch als einer der leitenden Angestellten des »Hauses« Siemens durchgegangen wäre. Nur das Parteiabzeichen trug er im Knopfloch. 

Goebbels eröffnete die Kundgebung. Für Hitler war ein Rednerpult auf einer Kabeltrommel errichtet worden, so daß er allein und hoch über den Zuschauern stand. Sie schauten zu ihm hinauf, und er redete von oben auf sie herab. So pflegten Pfarrer von der Kanzel auf die Gemeinde herabzupredigen, also Gottes Wort zu verkünden. Auch Hitler sah und gab sich - wenn auch in anderer Sache - als ein solcher Künder in der Werkhalle, in der dicht bei dicht die Angehörige der Belegschaft standen. 

Denn kaum jemand konnte sich unbemerkt der Teilnahme entziehen. 

Hochfeierlich und mit geschwollener Ausdrucksweise übergab der Propagandaminister Hitler das Wort: »Mein Führer! Das deutsche Volk gelobt Ihnen, in unerschütterlicher Treue in diesem Kampfe hinter Ihnen zu stehen und komme, was kommen mag, die deutsche Ehre, die deutsche gleiche Berechtigung und den Frieden Europas zu verteidigen. Der Führer hat das Wort.« 

Verlogene Reklame 

Hitler begann mit einer Art Umarmung. Nachdem er sich an alle »Volksgenossen« gewandt hatte, lautete die Anrede »Meine deutschen Arbeiter«. Dann bot er eine Kurzfassung seines Lebens nach der in »Mein Kampf« gegebenen Version. Er sei ein Arbeiter und seinen Kameraden auf dem Bau ebenso wie im Schützengraben des Weltkriegs verbunden gewesen und es bis auf den Tag geblieben. Aus Hitlers Munde hörte sich das wörtlich so an: »Ich bin aus euch selbst herausgewachsen, bin einst selbst unter euch gestanden, bin in viereinhalb Jahren Krieg hier mitten unter euch gewesen und habe mich dann durch Fleiß, durch Lernen und - ich kann sagen - durch Hungern langsam emporgearbeitet. In meinem innersten Wesen bin ich immer geblieben, was ich vorher war.« Allerdings habe er sich von jenen getrennt, die - als Revolutionäre, das Wort kam nicht über seine Lippen - dem Weltkrieg ein definitives Ende gesetzt hatten und, Hitler zufolge, sich »in kritischer Zeit gegen Deutschland wendeten«. 

Es ist unwahrscheinlich, daß einer der diese Rede hörenden Arbeiter zu den Lesern von Hitlers »Kampfbuch« gehörte. Auch die soziale Quacksalberei war ihnen gewiß nicht gegenwärtig, die er darin als große Einsicht aus seiner Wiener Zeit und als Gegenkonzept zum revolutionären Handeln anbot. Zur Besserung der elenden Zustände, in denen er die Arbeiter in der österreichischen Hauptstadt angetroffen hatte, war ihm da »tiefstes soziales Verantwortungsgefühl« eingefallen. Dieses sollten sich von ihm ungenannte Personen aneignen. Dazu sei die »Niederbrechung unverbesserlicher Auswüchslinge« notwendig, die er ebenso anonym gelassen hatte. Schließlich müßten die Voraussetzungen für »die Entartung einzelner«, die ebenfalls keinen Namen besaßen, beseitigt werden. 

Zurück in die Siemenshalle: Auch in weiteren Passagen der Rede biederte sich Hitler hier bei seinen Zuhörern an. In der Gewißheit, daß ihm niemand widersprechen konnte, log er das Blaue vom Himmel herunter. Er habe die Arbeit, die er jetzt leiste, überhaupt nur im Vertrauen auf die Arbeiter und die Bauern angetreten. Er brauche auf seinem Platz keinen Titel, und mehr, als er sei, könne er ohnehin nicht werden. Er denke nur an die Zukunft, und einst solle ihm nicht mehr nachgesagt werden, als daß »ich anständig und ehrlich mein Programm mich zu verwirklichen bemüht habe«. 

Hitler sprach dann von der Reklameversion seines Programms (das wahre hatte er einem ausgewählten Kreis von Generalen Anfang Februar enthüllt, siehe jW-Thema vom 9.2.2013). Er beteuerte erneut, daß er zu dessen Verwirklichung vier Jahre Zeit brauchen werde, seine Gefolgschaft also Geduld. Dann folgten die aktuellen Phrasen über Frieden und Gleichberechtigung, die den gesamten »Wahlkampf« gekennzeichnet hatten. 

Indes rühmte sich Hitler der erheblichen Reduzierung der Arbeitslosen. Er gab deren Zahl mit nun noch 3,7 Millionen an, ohne zu erwähnen, daß - ein Glücksumstand für die neuen Machthaber - diese Entwicklung zu erheblichen Teilen der sich belebenden Konjunktur geschuldet war. 

Zur Bilanz der gut neunmonatigen faschistischen Herrschaft zählte Hitler sodann, daß er in ihnen »nicht eine Maßnahme getroffen (habe), die irgend jemanden beleidigen konnte, die einem andern Staatsmann weh tun konnte, die ein Volk verletzen konnte. Nicht ein einziges Wort ist bei uns gefallen, das sie vielleicht als eine Verleumdung oder als eine Ehrabschneidung oder überhaupt als etwas hätten auffassen können, das sie berührt oder betrifft.« Das ließ sich auf die verlogenen außenpolitischen Reden des »Führers« stützen. 

Was aber dachte sich einer in dem Werk, wenn ihm die »beleidigten« Kommunisten, Sozialdemokraten und diejenigen in den Konzentrationslagern einfielen oder die jüdischen Deutschen? Und was, wenn er an Julius Streichers Wochenzeitung Der Stürmer dachte? Hitler erwähnte in dieser Rede wie in anderen, die er als Reichskanzler vorher gehalten hatte, die Juden mit keinem Wort. Dennoch durchzog die gegen sie gerichtete Hetze den gesamten Text. Denn niemand anderes als sie waren gemeint, wenn er von der »kleinen wurzellosen Clique« sprach, »die die Völker gegeneinander hetzt« und ihre Geschäfte überall zu machen verstehe. Da tönte ihm zustimmend ein Zwischenruf entgegen, der auf Tonband festgehalten wurde: »Jude«. 

Rührselige Darstellung 

Dann kam Hitler doch darauf zu sprechen, daß unter seiner Regie und Verantwortung Menschen, die da in der Halle standen, von Maßnahmen »getroffen« worden waren. Das hörte sich so an: »Vielleicht wird mancher unter Ihnen sein, der es mir nicht verzeihen kann, daß ich die marxistischen Parteien vernichtete, aber mein Freund, ich habe die anderen genauso vernichtet.« Die Frechheit dieser Passage bestand nicht nur in der Anrede, sie bestand in der Dreistigkeit der Lüge. Denn die Arbeiterparteien und die bürgerlichen waren keineswegs gleich behandelt worden. Jene waren verboten und ihre Führer inhaftiert oder zur rettenden Flucht ins Ausland gezwungen worden, wollten sie den Torturen der Gefangenschaft entgehen. Und was die »anderen«, also die nichtfaschistischen bürgerlichen Parteien, betraf, so hatten sie gewiß nicht freiwillig die Segel gestrichen. Doch sie verabschiedeten sich alle in einer deutschen Pose und gehorsam mit dem Ruf an die eigenen Mitglieder, sich hinter die vorgeblich nationale Regierung zu stellen. 

Am Ende lieferte Hitler eine rührselige Darstellung seiner Rolle als der eines Mannes, der ein immenses Opfer brächte, wofür er Anteilnahme und Mitleid zu schinden trachtete, ja erbettelte. Wörtlich: »Ich habe nichts als die Verbindung zum deutschen Volk.« Das war, wenn auch so nicht gedacht, so etwas wie eine Vorlage für einen Komiker, ließ sich der Satz doch in die Worte übersetzen: Laßt mich, den armen Adolf, nicht im Stich und verurteilt mich nicht zum Alleinsein. Es war und bleibt ein schwer zu entschlüsselndes Rätsel, daß ein Mann, der sich so präsentierte, Glauben und Anhänger fand. Denn das tat er, wie das Ergebnis von Abstimmung und Wahl zwei Tage später zeigte. Freimütig hatte er bekannt, er werde auf diese Weise der Welt, unter der machte es der »Führer« nicht, »das deutsche Volk vorführen ... so wie es ist«. Das Bild war ungewollt entlarvend: Er, Hitler, der Regisseur - und das Volk als die Darsteller auf einer Bühne, dazu als Zuschauer das Ausland oder eben die Welt. Zu sehen sein sollte da die »Volksgemeinschaft«, »die Reihen fest geschlossen«, friedlich und doch auch drohend, sollte ihr die »Gleichberechtigung« nicht gewährt werden. Von der behauptete Hitler übrigens, sie sei Bedingung dafür, daß er sein Versprechen der »wirtschaftlichen Besserung« auch einzulösen vermöchte. Das ließ sich, in Klartext übersetzt, doch nur als Geständnis verstehen, daß er in der Hochrüstung die Voraussetzung für die Beseitigung der Arbeitslosigkeit erblickte. 

Was die nazistische Propaganda aus diesem Auftritt und der »gewaltigen Rede« Hitlers machte, belegt der Vorspann des Films, den die Nazis darüber produzieren ließen: »Zehntausend Siemens-Arbeitskameraden, Männer und Frauen, haben am 10. November im Dynamowerk den Führer sehen und hören dürfen bei seinem letzten großen Aufruf des deutschen Volkes zum einmütigen Bekenntnis für einen Weltfrieden in Ehre und Gleichberechtigung.« Das las sich, als hätte da eine Feier, ja, mehr noch, ein Gottesdienst stattgefunden. Hitler war demnach eine Erscheinung, und ausgezeichnet wurde, wer sie schauen und erleben durfte. In Deutschland breitete sich der Kult um eine Person aus, der alles übertraf, was es auf diesem Felde zu Zeiten der gekrönten Herrscher von Gottes Gnaden gegeben hatte. Auch der ist den Deutschen schlecht bekommen. 

Kurt Pätzold schrieb zuletzt an dieser Stelle am 16.10.2013 über den 200. 

Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig. 

 

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