Die Völkerschlacht  

Geschichte. Vor 200 Jahren: Die Niederlage Napoleons bei Leipzig entschied den Befreiungskrieg, der zur Geburtsstunde des deutschen Nationalismus wurde  

Kurt Pätzold 

In: junge Welt online vom 16.10.2013 

 

Wer den elektronischen Katalog der Berliner Staatsbibliothek mit der Eingabe »Völkerschlacht Leipzig« befragt, erhält 72 Angebote. Zu den ältesten gehört ein Gedicht auf die Schlacht aus dem Jahre 1813. Das jüngste ist der Roman »Löwenstadt« von Erich Loest. Dazwischen findet sich eine Vielzahl von Publikationen, in denen der Verlauf der Schlacht oder einzelne ihrer Episoden geschildert werden. Das soll hier nicht erneut geschehen. 

Krieg mimen 

Dieser Tage wird in Leipzig die Völkerschlacht nachgespielt, bei der zwischen dem 16. und dem 19. Oktober 1813 - geschätzt - 100000 Soldaten umkamen. Dazu kleiden sich Männer in bunte Uniformen, die jenen der Kriegsteilnehmer von einst »nachempfunden« sind, benutzen altertümliche Handwaffen, feuern aus ebensolchen Kanonen, fechten zu Pferd. Das historische Gelände, auf dem all das stattfindet, verwandelt sich in eine Bühne für Laiendarsteller, die nach sorgfältiger Regie oder eigenem Gutdünken agieren: Vordringen, zurückweichen oder auch getroffen zu Boden stürzen. Diesmal, am 200. Jahrestag des historischen Geschehens, wird, so ist anzunehmen, das Getümmel noch wilder. Es hatten sich seit Monaten schon 5000 Darsteller angemeldet. Das stellte die Veranstalter vor große logistische Aufgaben, und so hatten sie sogar ein Pferdelager einzurichten. 

Bereits 2012 hatte es eine Generalprobe gegeben, zu der sich eine kleinere, aber doch auch eine vierstellige Zahl an Mimen eingefunden hatte. Eine Reporterin befragte zwei von ihnen - einen aus Polen und einen aus Frankreich -, warum sie derlei veranstalteten und was sie dazu und dabei bewege. Die Antworten der beiden waren nahezu gleich: Sie seien stolz, befriedigt, ja glücklich darüber, daß heute zwischen den Europäern, anders als zwei Jahrhunderte zuvor, friedliche Zustände herrschten. Merkwürdig, daß sie dieses Empfinden dadurch ausdrücken, daß sie sich, von einer imaginären Kugel getroffen, in den Dreck fallen lassen und verwundet oder mausetot spielen. Da die Journalistin freundlich war, hat sie die beiden nicht in Verlegenheit gebracht mit der Nachfrage, ob sie ihrer Freude nicht vielleicht andere Ausdrucksformen geben könnten. 

Manche meinen, diese Krieg mimenden Männer hätten in ihrer Kinderzeit zu wenig Räuber und Gendarm gespielt. Das kann sein. Fest steht hingegen, daß derlei Spektakel keine deutsche Spezialität ist. Es findet weithin statt: In Polen zur Nachstellung der Schlacht bei Tannenberg/Grunwald im Jahre 1410, in den USA in Erinnerung an die Kämpfe des Bürgerkrieges in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts - nicht jedoch an den Atombombenabwurf von 1945. 

Weniger spektakuläre Formen der Erinnerung bieten seit langem Ausstellungen. Auch sie verzichten meist weder auf gruselige noch auf komisch anmutende Zeugnisse. Die eine Exposition, »Helden nach Maß - 200 Jahre Völkerschlacht«, ist derzeit in Leipzig zu sehen, die andere, für die sich die Veranstalter den Titel »Blutige Romantik« ausgedacht hatten, im Militärhistorischen Museum in Dresden. Zu den Dresdener Exponaten gehören Uniformstücke, der Schädel eines getöteten französischen Soldaten, ein Nachttopf mit dem Bild Napoleons, eine eiserne Bratpfanne. Dieses Küchenutensil stammt aus der Kampagne, in der Metall gegen Metall, Gold gegen Eisen getauscht werden sollte. Außerdem gehören dazu Zeugnisse der späteren Vermarktung des Ereignisses, wie Spielzeugteile, mit denen Kinder das 1913 in Leipzig errichtete Denkmal nachbauen konnten. Anspruchsvoller und reicher ist die Ausstellung aus dem Fundus des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Diese wurde, wegen der nicht über Deutschlands Grenzen hinausreichenden Enge der Fragestellung und der Vernachlässigung des Lebens der Bevölkerung in der Besatzungszeit und während des Krieges, scharf kritisiert. Wer weder in Leipzig noch in Dresden, noch in Berlin wohnt und nicht reisen will, kann die dazugehörigen informativen Kataloge erwerben. 

Auch in diesem Jahr gehören zum Begleitprogramm rund um den Jahrestag Vorträge und Konferenzen. Deren Teilnehmer gehen wiederum Fragen nach, die schon in früheren Zeiten gestellt wurden. Da wird geforscht, ob und wie aktuelle Geschichtsbilder den tatsächlichen Ereignissen angemessen sind, sich welche Verzeichnungen zum Zwecke dieses oder jenes Mißbrauchs im Umlauf befinden und was uns das unverfälschte Ereignis denn zu sagen hätte. 

Zunächst: Die Völkerschlacht bei Leipzig oder eine ähnliche auf deutschem Boden ist nicht denkbar, ohne die Niederlage Napoleons im Jahr zuvor in Rußland. Er hatte sie bei dem Versuch erlitten, das Zarenreich gewaltsam unter seine Herrschaft über Europa zu bringen. Ebenso unvorstellbar ist sie ohne den Befehl der russischen Militärführer, nicht an der Grenze des eigenen Landes halt zu machen. Der Entschluß, die Gegner, oder was von ihnen übriggeblieben war, aus Mitteleuropa zu vertreiben, bedeutete, mit der Armee weiter nach Westen, also zunächst auf preußisches Gebiet, vorzudringen. Diese Vorgeschichte, eine Conditio sine qua non, wird in jüngst verbreiteten Darstellungen deutlich marginalisiert. Das Vorgehen ist nicht so sehr auf Unkenntnis, sondern wohl mehr auf die sich auch auf den einstigen Antisowjetismus gründende Russophobie in Teilen der Bundesbürgerschaft zurückzuführen oder trägt dieser zumindest Rechnung. 

Mit dem russischen Vordringen auf preußisches Gebiet verbindet sich zudem ein Ereignis, das dem preußischen König Unbehagen und dessen augenblickliche herbe Reaktion verursachte: Der eigenmächtig getroffene Entschluß des Generals Ludwig Yorck - der später der von Wartenburg (und nicht von Tauroggen) hieß - die Fronten zu wechseln, Napoleon die weitere Gefolgschaft zu versagen und den Schritt hin zum preußisch-russischen Zusammengehen gegen den »Franzosenkaiser« zu tun. Er tat dies im Bewußtsein, keine königliche Billigung zu besitzen und wider seinen obersten Befehlshaber zu handeln. 

Das geschah am vorletzten Tag des Jahres 1812 und war gleichzeitig der Beginn des Befreiungskrieges. Dessen militärischen Höhe- und Wendepunkt bildet die Leipziger Schlacht. Yorcks Tat wäre allein Grund genug, sich an die so lange zurückliegenden Geschehnisse zu erinnern. Jedenfalls solange ein deutscher Staat existiert, der eine Armee besitzt, die zu kriegerischen Unternehmen entsandt wird, die Einsätze heißen und die von Generalen kommandiert werden. Jedoch - es sind der Gründe mehr. 

Nicht länger Untertanen 

Also weg von dem einen Manne, der Rückhalt im Offizierkorps wie in den Mannschaften besaß, hin zu den Massen der Bürger des Königreichs Preußen. 

Diese litten seit Jahren unter der napoleonischen Besatzung. Außerdem konnte ohne deren Teilnahme dem Treiben schwerlich ein Ende gemacht werden. 

Diese Masse erfuhr im Jahr 1813 durch König Friedrich Wilhelm III. eine deutlich veränderte Behandlung. Ob die unter dem Druck seiner Berater entstandenen oder auch durch neu gewonnene Einsichten Seiner Majestät selbst bedingt war, soll hier nicht interessieren. Als der Monarch am 17. 

März 1813 einen Aufruf zum Kampf gegen Napoleon erließ, wurden in dessen Text nicht Untertanen angesprochen, sondern »mein Volk«. Und schon eine Woche zuvor, am 10. März - die Kriegserklärung war noch nicht erfolgt - unterzeichnete der König das Dekret, mit dem der Orden Eisernes Kreuz gestiftet wurde. Es bestimmte zudem, daß ihn jeder Soldat erhalten könne. 

Das bedeutete eine weitere Neuerung, wurden bis dahin Orden doch einzig an Feldmarschälle, Generale und Offiziere verliehen. Und schließlich, auch dies, bevor die Schlachten entbrannten, ordnete Friedrich Wilhelm III. an, daß der im Kriege umgekommenen (es hieß wie schon davor und bis heute beschönigend: gefallenen) Soldaten auf Tafeln in den Kirchen des Landes ehrend zu gedenken sei. Die drei königlichen Entschlüsse bezeugen ein Gespür dafür, daß die alten Zeiten vorbei waren. Nun mußte man darauf bedacht sein, auf neue Weise das Volk nach dem Willen der Herrschenden zu lenken. 

Zurück nach Leipzig und in den Herbst des Jahres 1813. Der Grund dafür, daß es in und um die sächsische Handels- und Universitätsstadt zur bis dahin größten Schlacht der Weltgeschichte kam, liegt in Plänen und Entschlüssen Napoleons. In Rußland gescheitert, hatte er, zurückgekehrt nach Paris, binnen kurzem eine neue Armee formiert. Diese war Kanonenfutter, aus dem kriegsmüden französischen Volk gepreßt, und besaß, zusammen mit den Truppenkontingenten aus deutschen und anderen Staaten, bei weitem nicht die Qualität jener, mit der er im Juni 1812 Richtung Moskau aufgebrochen war. 

Diese neue Streitmacht war im Frühjahr 1813 nach Sachsen vorgerückt und der französische Kaiser folgte ihr mit dem Plan, die russischen Armeen an der Elbe oder an der Weichsel zu schlagen. So gedachte er in einem zweiten Anlauf nach Rußland zu gelangen. Das war - betrachtet man das veränderte Kräfteverhältnis - eine abenteuerliche, ja illusionäre Vorstellung. Die Russen, inzwischen mit den Preußen vertraglich verbündet, verfügten über eine kampfgewohnte Streitmacht, die der französischen auch in der Zahl der Soldaten überlegen war. Die russischen Truppen wurden verstärkt durch die verbündeten Schweden unter dem Oberkommandierenden Jean Bernadotte, eines ehemaligen Generals Napoleons, der später in dem nordeuropäischen Staat als Karl XIV. Johann den Thron bestieg. Zudem war sicher zu erwarten, daß sich dem Bündnis alsbald die Habsburger anschließen würden. Napoleon konnte dieses Kräfteverhältnis nicht ignorieren, glaubte aber, er könne dennoch durch Willensstärke und überlegene Klugheit siegen. 

Da die zaristischen Armeen nicht bereit waren, sich wie im Jahre zuvor zunächst zurückzuziehen, sondern sich mit Preußen und Österreichern zum Kampfe stellten, wurde Sachsen zum wichtigsten Schlachtfeld des Befreiungskrieges und blieb es. Zunächst gewann Napoleon mehrere Gefechte. 

Freilich keine, die den Siegen bei Austerlitz in Mähren, wo er 1805 eine österreichisch-russische Koalition schlug, oder bei Jena und Auerstedt gleichkam, wo er 1806 das preußische Heer vernichtete und jeweils Kriege entschied. Seine Gegner und deren Truppen blieben, wiewohl auf Schlachtfeldern unterlegen, in Takt und kampffähig. 

Das bewiesen im August und September 1813 die Kämpfe bei Großbeeren und Dennewitz in Brandenburg, die den französischen Plan zunichte machten, Berlin erneut zu erobern (siehe jW-Themaseiten vom 23.8.2013). Gleichzeitig siegten die von Gebhard Leberecht von Blücher geführten Truppen am niederschlesischen Flüßchen Katzbach und zwangen die Franzosen zum Rückzug auf sächsisches Gebiet. Napoleon sah sich angesichts der erlittenen Niederlagen bei den Vorstößen nach Norden und Osten und dem Heranrücken der Heere der Verbündeten vor der Entscheidung, seinen Offensivplan aufzugeben und den Rückzug zu befehlen oder sich zum Kampfe zu entschließen und auf eine Schlacht zu hoffen, in der er triumphierend wieder Herr der Gesamtlage würde. Aufgeben war seine Sache nicht, so kam es zur Völkerschlacht, eine Bezeichnung, die sie angesichts des Massenaufgebots der Kämpfenden - insgesamt etwa eine halbe Million - bald danach erhielt. 

Deutsche auf beiden Seiten 

In deutschen Geschichtsbildern galt die Schlacht als der mächtige Ausdruck und glorreiche Auftakt einer nationalen Erhebung. Letztere habe schließlich alle ihr entgegenstehenden Hindernisse überwunden und 1871 mit einem weiteren militärischen Sieg über Frankreich in den deutschen Nationalstaat (minus Österreich) geführt. Nichts galt dafür mehr als Beweis als Ernst Moritz Arndts »Lieder für Teutsche«. Eines, verfaßt 1813, fragte, was denn des Deutschen Vaterland sei. Nur drückte sich darin mehr ein Ruf und Appell aus, denn die Wirklichkeit und das Massenbewußtsein. Am wenigsten kann dafür die Völkerschlacht stehen. Sie fand auf dem Boden Sachsens statt, dessen Herrscher noch immer ein Gefolgsmann Napoleons war. Außerdem standen den russisch-preußisch-österreichischen Truppen sächsische und weitere Kontingente aus den Rheinbundstaaten unter dem Befehl des »Franzosenkaisers« gegenüber. 

In und um Leipzig kämpften also ebenfalls Deutsche gegeneinander. Auch wenn viele davon im Verlauf der Schlacht aus den napoleonischen Reihen in die der Sieger überliefen. Sachsens König Friedrich August I. wurde, Strafe für seinen fehlenden Patriotismus ebenso wie Ausdruck preußischer Begehrlichkeiten auf dessen Territorium, ein Gefangener der Alliierten. Er blieb bis Anfang 1815 in einem komfortablen Gefängnis, das Schloß Friedrichsfelde, das heute Teil des Berliner Tierparks ist. 

Erst nach der Schlacht und mit dem Rückzug der französischen Truppen westwärts und über den Rhein suchten und vollzogen die deutschen Herrscher in München, Kassel, Stuttgart und Karlsruhe den Anschluß an die Verbündeten. Nur Bayern hatte das schon Anfang Oktober getan. Dessen Truppen versuchten gar gemeinsam mit österreichischen, den französischen bei Hanau den Weg zum und über den Rhein zu verlegen. Dabei handelten sie sich eine Niederlage ein, verschafften aber ihrem König ein Argument, das sich bei der bevorstehenden Entscheidung über die Nachkriegswelt ins Feld führen ließ. 

Zu den zählebigen Geschichtsbildern von den Ereignissen des Jahres 1813 gehört das vom geschlossen aufstehenden Volk, das zu den Waffen eilte. 

Zusätzliche Verbreitung erhielt es durch Joseph Goebbels 1943 nach der verlorenen Stalingrader Schlacht, als er tönte: »Nun, Volk, steh auf und Sturm, brich los«. Schon die unterschiedliche Teilnahme deutscher Truppen bei der Schlacht von Leipzig beweist, daß von solcher Massenbewegung zwischen Ostpreußen und Baden nicht die Rede sein kann. Aber unbestritten gab es beim Aufstand gegen die napoleonische Herrschaft in Preußen Enthusiasmus, insbesondere unter der Jugend, und da wiederum unter der studentischen. 

Die Entschlossenheit der Kämpfenden und derer, die sie unterstützten, wurzelte nicht zuletzt in den Erfahrungen der Besatzungsjahre, in denen die Eindringlinge vor allem den Bauern, der Mehrheit der Bevölkerung, die Vorratsräume leer gefressen hatten und zusätzlich wüteten, wenn sie da nichts vorfanden. Zornig und haßerfüllt wollten die Beraubten und Gedemütigten die Besatzer außer Landes jagen. Zahlreich waren folglich Preußen auch dem Aufruf gefolgt, den Krieg finanzieren zu helfen (»Gold gab ich für Eisen«). Doch mit der zweckvoll von mehreren Regimes in Deutschland verbreiteten Verallgemeinerung wird übertrieben, wenn behauptet wird, daß allerorten jauchzende Kriegsbegeisterung herrschte. Als 1813 die allgemeine Wehrpflicht in Preußen ausgerufen und im Jahr darauf zum Gesetz erhoben wurde, eilten keineswegs alle Männer freudig zu den Waffen. Die Menschen, die vielfach aus eigenen Erfahrungen wußten, was Krieg bedeutete, wollten ein Ende der Schrecken. Und kein Geringerer als Blücher schrieb seiner Frau in einem Kriegsbrief, wie sehr er das Morden satt hatte. 

Ein Faktor, der Weiterblickenden die Begeisterung für den Kampf gegen Napoleon dämpfte, waren Zweifel, was auf dessen Niederlage in deutschen Landen folgen und ob sich nicht die Restauration gesellschaftlicher und politischer Zustände durchsetzen werde, nach denen es die Mehrheit nicht zurückverlangte. Was würde am Ende wogegen getauscht werden? Einer, der sich und in einem Gespräch dem Jenaer Geschichtsprofessor Heinrich Luden diese Frage stellte, war Johann Wolfgang von Goethe. Zweifel an ihrer Berechtigung waren nach dem endgültigen Sieg über Napoleon nicht nur in Frankreich mit der Rückkehr der Bourbonen beseitigt. Die definitive Antwort gaben der Wiener Kongreß und die Karlsbader Beschlüsse. Der Befreiungskrieg, wiewohl er auch dazu erklärt wurde, hatte sich nicht als Freiheitskrieg erwiesen. Nicht alle bedauerten diesen Ausgang: Es gab Jubel, als der sächsische König nach Dresden zurückkehrte, und ebenso in Kassel, wo zu denen, welche die Rückkehr des regierenden Fürsten feierten, auch die Gebrüder Grimm gehörten. 

Doch in der Geschichte geht nichts ganz verloren. Das gilt auch für die im Kriege auflebende Hoffnung, die Zustände - und nicht nur die politischen - gründlich zu ändern und die Einheit Deutschlands zu schaffen. Sie wurde und blieb ein Erbe des antinapoleonischen Kampfes, das eine Minderheit antrat. 

»Schlagt ihn tot!« 

Zu den Hinterlassenschaften der französischen Besatzungszeit und des antinapoleonischen Krieges gehörte ein abgrundtiefer Franzosenhaß, die Nachbarn im Westen wurden Erbfeinde genannt. Diesen Haß zu verbreiten und sie zu pflegen, dazu hatten Preußen, Dichter vor allem, in vorderster ideologischer Front beigetragen. Was sie schrieben, das war nicht wie Theodor Körners Gedichte erst im Feuer des Kampfes formuliert worden. 

Vieles entstand teils schon während der Besatzungsjahre, die auf den Frieden von Tilsit 1807 folgten. 

Eine der widerlichsten Äußerungen lieferte Heinrich von Kleist, sie geriet ihm, der 1811 starb und den Krieg so nicht mehr erlebte, zur Ode »Germania an ihre Kinder«. Mit ihr rief er jeden »deutschen Mann« zu den Waffen, den Tag der Rache beschwörend. Darin heißt es gegen die hier »Franken« genannten Franzosen: »Alle Triften, alle Stätten / Färbt mit ihren Knochen weiß: / Welchen Rab' und Fuchs verschmähten, / Gebet ihn den Fischen preis; / Dämmt den Rhein mit ihren Leichen«, woran sich der Chor mit der wohl meist zitierten Passage des Gedichts ausschließt: »Eine Lustjagd, wie wenn Schützen / Auf die Spur dem Wolfe sitzen! / Schlagt ihn tot! Das Weltgericht / Fragt euch nach den Gründen nicht!« Der Vergleich des Krieges mit einer lustigen Jagd auf das Getier im Walde wird sich später in Körners Lied »Lützows wilde Jagd« auf die Lützower und deren Kampf gegen die »fränkischen Schergen« wiederfinden. 

Der deutsche Nationalismus wurde nicht in einer Revolution geboren, sondern in einem Kriege, und diese Lieder und Gedichte gehören zu seinen Geburtsurkunden. Welch ein Abstand zu jenem Vers aus dem französischen Kriegslied, das später zur Nationalhymne, der Marseillaise, wurde. In ihr wird den Soldaten am Tage vor einer Schlacht zugerufen, diejenigen zu schonen, die nicht aus eigenen freien Stücken gegen sie kämpfen. 

Damit wären wir bei dem Kapitel, von dem 200 Jahre nach dem Ereignis, hierzulande vor allem die Rede sein könnte. Und das aus dem Bewußtsein heraus, daß die europäische Wirtschafts- und Finanzkrise wie ähnliche Vorgänge vorher prompt nationalistische Gesinnungen, auch alte Vorurteile aktiviert, wieder belebt oder neue erzeugt hat. Nicht, daß sie den Ausdruck in abgewandelten Forderungen von einst fänden und es statt »Nach Paris« nun »Nach Athen« heißen würde. Doch es genügen jene Haltung, die einen zweiten Platz der Deutschen, und sei es in einem Fußballstation, bereits für eine demütigende Niederlage hält, und mehr noch Klischees, wonach die Deutschen fleißig, »die Anderen« faul seien, wonach »wir« zahlen und »die anderen« kassieren, um gegen nationalen Hochmut mobil zu machen. Und daß Nationalismus nie ein deutsches Monopol war und er auch heute weithin jenseits der Grenzen anzutreffen ist, kann keine Rechtfertigung für die heimische Ausgabe sein. Aber eine Herausforderung zu gemeinsamer internationaler Anstrengung. Das wäre doch eine Alternative zu dem alljährlichen Kriegsrummel in Leipzig. 

Kurt Pätzold schrieb zuletzt am 23.9.2013 auf diesen Seiten über den Bau der »Reichsautobahn« durch die Nazis. Von ihm erschien kürzlich das Buch »1813. Der Krieg und sein Nachleben«, Verlag am Park, Berlin 2013 - auch im 

jW-Shop 

 erhältlich. 

 

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Geiles Fest  

Eine Tagung in Leipzig zur Völkerschlacht 1813  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 14.10.2013 

 

Süddeutsche Zeitung (SZ) am Sonnabend: »Die Völkerschlacht war eines der grausigsten Gemetzel der Geschichte. 200 Jahre später steht über Leipzig die Frage: Wer gedenkt am besten?«. Zu den Szenen des »Hieb-und-Stich-Festes«, das Zehntausende in den nächsten Tagen feiern wollen, bietet der Freistaat Sachsen demnach alles auf, was die Eventmaschine hergibt: An vier Tagen sendet der MDR »ein brennpunktähnliches Nachrichtenformat«, als fände die Schlacht gerade statt. So wird Ingo Zamperoni »in geschäftsmäßigem Präsens von rrussischen Reservetruppen auf dem Marsch in Richtung Leipzigl« berichten, ARD-Korrespondent Udo Lilischkies wird »live aus Moskau« zugeschaltet und - so der SZ-Autor - »ein bißchen zu geil wird es womöglich, wenn Zamperoni fragt, wie die Märkte auf Napoleons Rückzug reagiert haben - es meldet sich Anja Kohl von der Börse.« 

Schwer, dagegen zu halten. Eine gemeinsame Veranstaltung von Marx-Engels-Stiftung Wuppertal, Marxistischem Forum Sachsen und anderer linker Organisationen »200 Jahre Völkerschlacht bei Leipzig. Eine kritische Betrachtung« fand am Sonnabend das Interesse von etwa 30 Zuhörern. Die vier Referenten widmeten sich - mit einer Ausnahme - der antinapoleonischen Bewegung. Der Historiker Kurt Pätzold (Berlin) faßte zusammen: »Der deutsche Nationalismus hat seine Geburtsstunde in den Kriegen gegen Napoleon, der französische in der Revolution von 1789.« Für ersteren zitierte er das antifranzösische »Dämmt den Rhein mit ihren Leichen« und »Schlagt ihn tot! Das Weltgericht/Fragt euch nach den Gründen nicht!« Heinrich von Kleists; für letzteren die Zeilen aus der »Marseillaise« zum Umgang mit den Soldaten der antirevolutionären ausländischen Despoten: »Verschont diese traurigen Opfer, /Die sich widerwillig gegen uns bewaffnen.« Zudem, so Pätzold, gehöre der Feldzug von 1813 »in die Geschichte der großen Volksbetrügereien«. (Kurzfassung des Vortrags am Mittwoch in jW). 

Der Historiker Frank Eisermann (Bremen) schilderte am Beispiel des seinerzeit bekannten Predigers Bernhard Dräsecke (1774-1849), wie das antinapoleonische Ressentiment mit Endzeitvorstellungen und heilsgeschichtlichen Erweckungslosungen verbunden werden konnte. Wo die »Revolution als Sündenfall« galt, wurde Napoleon, der zunächst als Retter von Staat und Religion betrachtet wurde, mit seinem Krieg gegen Fürsten und deren Macht sehr rasch zum Antichrist, aus einem »Werkzeug Gottes« zu einem des Teufels, gegen den ein »christlicher Krieg« geführt werden müsse. 

Der Literaturwissenschaftler Kai Köhler (Berlin) befaßte sich mit Antinapoleonismus in der Literatur an den Exempeln Kleist und Theodor Körner. Beide sahen es als ihre Aufgabe an, im zersplitterten Deutschland nationale Motivation bis hin zur Kriegsbereitschaft zu schaffen, standen aber vor dem Problem: Volksbewaffung war unerwünscht. (Eine Kurzfassung dieses Vortrags ist am Sonnabend in dieser Zeitung). Heute gilt, nicht nur Waffen, sondern auch Reden und Schreiben sind dem Staat verdächtig. 

Gefördert wird folgerichtig, darüber sprach der Künstler Bertram Haude (Leipzig), »Krieg als Hobby«. Er ruft dazu auf, das »Reenactment«, wie die kostümierte Ballerei bei Leipzig genannt wird, zu unterlaufen. Vom 17. bis zum 20. Oktober trifft sich die International Shattered Liberation Force (ISLF), ungefähr: Internationale aufgeriebene Befreiungskräfte, bei Leipzig und bildet einen »Schatten zum frischen und disziplinierten Kompanien-Aufgebot«. 

Info im Internet:  

www.islf.eu 

 

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»Der Tod macht alle frei«  

Literatur. Statt positiver Zukunft Untergang: Schriftsteller als Propagandisten eines Krieges gegen Napoleon  

Kai Köhler 

In: junge Welt online vom 19.10.2013 

 

Die Französische Revolution revolutionierte auch die Kriegsführung. An die Stelle der Berufsheere des 18. Jahrhunderts traten Massenaufgebote, Wehrpflicht und oft auch ideologische Überzeugung. Konsequenz war eine Kette von Niederlagen der alten Mächte, die von der Kanonade von Valmy 1792 bis zu Österreichs Untergang bei Austerlitz 1805 und dem von Preußen bei Jena und Auerstedt 1806 führte. Damit war klar: Die napoleonische Hegemonie, die 1806 in Mitteleuropa etabliert war, konnte ohne Aneignung der neuen Methoden nicht gebrochen werden. Die Fürsten mußten das Neue lernen, um das Alte wiederherzustellen. 

Das schuf ein neues Betätigungsfeld für nationalistische Schriftsteller. An sich war literarische Kriegspropaganda nicht neu. Auch den absolutistischen Herrschern war ihr Bild in der Öffentlichkeit nicht völlig gleichgültig gewesen, auch ein Friedrich II. von Preußen hatte im Siebenjährigen Krieg seinen Johann Wilhelm Ludwig Gleim und seine Anna Louisa Karsch gehabt, die für ihn dichteten. Doch stand damals nur zur Debatte, welcher Staat Deutschland dominieren sollte, nicht aber, welche innere Verfaßtheit die Staaten haben sollten. Die nachrevolutionäre, napoleonische Lage eröffnete andere Perspektiven: Es waren verschiedene Staatsformen denkbar. Damit überkreuzen sich innerstaatliche und zwischenstaatliche Konflikte. 

Napoleons Reformen brachten Fortschritt: größere Wirtschaftsräume, gesicherte Rechtslage. Sie brachten dem progressiven Bürgertum langfristige Entwicklungsperspektiven - allerdings war dies nur schwer wahrnehmbar, wenn immer neue Steuern und Truppenkontingente für Napoleons Kriege zu stellen waren. Zeitgenössisch schien es überzeugende Gründe zu geben, gegen seine Herrschaft zu kämpfen. 

Das mußte nicht notwendig ein Kampf gegen eine »Fremdherrschaft« sein. Die meisten Bewohner Deutschlands sahen sich nach 1806 als Angehörige eines Standes, einer Religion, als Untertan eines bestimmten Herrscherhauses. 

Patriotismus bezog sich zumeist auf den Teilstaat, nicht auf das untergegangene Reich. Deutsches Nationalbewußtsein war Angelegenheit einer kleinen, zumeist bürgerlichen Minderheit. 

Für die Intellektuellen unter ihnen bietet die napoleonische Hegemonie mit ihren alltäglichen Härten jedoch eine Chance. Nationalstereotypen, die es schon seit längerem gab, sollten zu einem wesentlichen Identitätsmerkmal erhoben werden. Dieser Ansatz entsprach keinem Interesse von Fürsten: Welcher Territorialherrscher konnte schon wollen, daß sein Handeln vom Standpunkt eines gesamtnationalen Ziels beurteilt würde! Andererseits brauchten die Fürsten, soweit sie wie der preußische König und der österreichische Kaiser Napoleon loszuwerden hofften, Kämpfer, die für irgendwas begeistert waren. 

Wer wen? 

Es stellte sich also die politische Frage schlechthin: Wer wen? Da man doch gemeinsam gegen Napoleon kämpfen wollte, wurde diese wechselseitige Instrumentalisierung verdeckt ausgefochten. Eines der Lieblingsworte der Texte ist »Freiheit«. Wessen Freiheit, wovon und wozu, das blieb fast notwendig ungenau. 

Freilich, wer sich in der Politik tarnt, muß sich irgendwann enthüllen und in diesem Moment eine Machtbasis haben. Wer immer nach 1806 demokratische Reformen wollte oder nur auf eine konstitutionelle Monarchie zielte, hatte keine solche Grundlage. Die politisch stärkste Kraft, die Fürsten, kassierten darum nach Napoleons Niederlage den ganzen Gewinn ein, und so zählt für die Wirkung eben doch nur das Geschriebene. Ich möchte das im folgenden für zwei Autoren zeigen, die auf einen Volkskrieg hofften: Heinrich von Kleist und Theodor Körner. 

Ein Volksaufstand gegen die napoleonische Hegemonie war für Monarchen Preußens und Österreichs, die sich durch Napoleon eingeschränkt sahen, Lock- und Schreckbild zugleich. Der Volkskrieg war die Möglichkeit, die Erben der Französischen Revolution mit den eigenen Waffen zu schlagen, bedeutete aber eine revolutionäre Erfahrung der Bevölkerung, deren Folgen schwer beherrschbar schienen. Nur zweimal, für jeweils wenige Monate, drohte eine solche Lage: erstens während des österreichischen Krieges im Frühsommer 1809, für den Kleist eine Propagandazeitschrift vorbereitete, und zweitens nach Napoleons Niederlage in Rußland 1812, als Preußens König Friedrich Wilhelm III. im April 1813 sein Landsturmedikt erließ und Körner als Freikorpskämpfer seine Lieder dichtete. 

Beide Male kam es nicht zum Volkskrieg, und Deutschland blieben die Verheerungen erspart, die damals Spanien um Jahrzehnte in seiner Entwicklung zurückwarfen - Goya hat sie in seinen Radierungen festgehalten. 

1809 kam es nur in Tirol zu längeren Kämpfen, 1813 wurde das Landsturmedikt schnell entschärft. Was von den Freikorps im Frühherbst 1813 noch übrig war, wurde den regulären Armeen angeschlossen, die dann Napoleons Truppen besiegten. Die Ideen von Kleist, Körner und ihren Freunden waren zunächst illusionär, wirkten jedoch längerfristig. 

Zuerst also zu Heinrich von Kleist, der im Frühjahr 1809 die Zeitschrift Germania plante. Wegen der schnellen Niederlage des österreichischen Militärs wurde nichts daraus. Dennoch sind mehrere politische Schriften Kleists aus dieser Zeit überliefert. 

Der Aufsatz »Was gilt es in diesem Kriege?« skizziert zunächst, worum es gerade nicht gehen soll. Kleists Auflistung markiert eine Abkehr von den Fürstenkriegen des 18. Jahrhunderts. Es gelte nicht lediglich, »eine Provinz abzutreten, einen Anspruch auszufechten, oder eine Schuldforderung geltend zu machen«. Kleist will keinen »Feldzug, der, jenem spanischen Erbfolgestreit gleich, wie ein Schachspiel geführt wird; bei welchem kein Herz wärmer schlägt, keine Leidenschaft das Gefühl schwellt, kein Muskel, vom Giftpfeil der Beleidigung getroffen, emporzuckt«. 

Echtes Gefühl versus Fürsteninteresse: Die Entgegensetzung scheint bürgerlich und anti-absolutistisch. Der längere, positive Teil des Aufrufs bestätigt dies auf den ersten Blick: »Eine Gemeinschaft gilt es, deren Wurzeln tausendästig, einer Eiche gleich, in den Boden der Zeit eingreifen; deren Wipfel, Tugend und Sittlichkeit überschattend, an den silbernen Saum der Wolken rührt; deren Dasein durch das Dritteil eines Erdalters geheiligt worden ist.« Also Moral, durch Dauer geheiligte Sittsamkeit, aber keine politische Konkretisierung. Kleists Gemeinschaft kennt weder Entwicklung noch eine institutionelle Vermittlung gesellschaftlicher Gruppen, sondern nur Tugend und Naturbilder wie die Eiche. Am Ende des Aufrufs steht keine positive Zukunft, sondern der Untergang: »Eine Gemeinschaft mithin gilt es, (...) deren Dasein keine deutsche Brust überleben, und die nur mit Blut, vor dem die Sonne erdunkelt, zu Grabe gebracht werden soll.« Hier zeigt sich eines der auffälligsten Motive der antinapoleonischen Literatur überhaupt: Stillstellung im Tod statt politischer Zukunftsvorstellungen. 

Ein nationales Dogma 

Das prägt auch Kleists »Katechismus der Deutschen«. Wie im religiösen Katechismus, einer damals sehr bekannten Textsorte, geht es nicht darum, die Wahrheit zu finden. Das Frage-und- Antwort-Spiel von Sohn und Vater dient vielmehr dazu, einen dogmatisch gesetzten Inhalt einzuprägen. 

Das Kapitel »Von der Liebe zum Vaterlande« beginnt zum Beispiel so: »Frage: Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn? Antwort: Ja, mein Vater; das tu ich. Frage: Warum liebst du es? Antwort: Weil es mein Vaterland ist.« Im folgenden versucht der Vater, dem Sohn allerhand Begründungen zu entlocken, wie: »Du meinst, weil Gott es gesegnet hat mit vielen Früchten, weil viele schöne Werke der Kunst es schmücken, weil Helden, Staatsmänner und Weise, deren Namen anzuführen kein Ende ist, es verherrlicht haben?« Doch könnte ein Argument widerlegt werden. Der Sohn indessen besteht die Prüfung und läßt sich nicht dazu verlocken, Gründe anzugeben. Er beharrt auf immer derselben zirkulären Begründung. 

Dasselbe Schema zeigt sich im dritten Kapitel, in dem es unter anderem um die Kriegsschuldfrage geht. Der Abschnitt schließt mit dem Dialog: »Frage: Also, wenn zwei Angaben vorhanden sind, die eine von Napoleon, dem Korsenkaiser, die andere von Franz, Kaiser von Österreich: welcher glaubst du? Antwort: Der Angabe Franzens, Kaisers von Österreich. Frage: Warum? Antwort: Weil er wahrhaftiger ist.« 

Die kaiserliche Autorität wird also nicht angetastet. Überhaupt stehen Franz II. und sein Handeln für Deutschland insgesamt. Es fragt sich allerdings, welchen Status die mit Napoleon verbündeten Fürsten haben. Das wird im zehnten Kapitel, »Von der Verfassung der Deutschen«, abgemacht. 

Vater und Sohn kommen aus Sachsen, also einem Rheinbundstaat. Der Vater prüft den Sohn, indem er ihm auf die Frage, wer sein Herr sei, eine falsche Antwort suggeriert: Dies sei der König von Sachsen. Der Sohn antwortet richtig: »Das war dieser edle Herr, mein Vater, als er noch dem Vaterlande diente. Er wird es auch wieder werden, so gewiß als er zu seiner Pflicht, die ihm befiehlt, sich dem Vaterlande zu weihen, zurückkehrt. Doch jetzt, da er sich, durch schlechte und bestochene Ratgeber verführt, den Feinden des Reichs verbunden hat, jetzt ist er es, für die Wackeren unter den Sachsen, nicht mehr, und dein Sohn, so weh es ihm tut, ist ihm keinen Gehorsam schuldig.« 

Politisch ist diese Position aus kaiserlicher Sicht prekär. Zwar schiebt Kleist die moralische Schuld an der sächsischen Politik den schlechten Ratgebern zu und entlastet damit den Fürsten. Doch bleibt die Provokation, daß Untertanen die Politik ihres Herrschers beurteilen und gegebenenfalls die Herrschaft für illegitim erklären. Was denn mit dem sächsischen König geschieht, wenn er nicht zu seiner vaterländischen Pflicht zurückkehren sollte, das bleibt offen - der Schluß dieses Kapitels ist nicht überliefert. Doch gibt das Kapitel »Vom Hochverrate« vielleicht eine Antwort. Deutsche, die mit der Waffe in der Hand gegen den Kaiser kämpfend ergriffen werden, hätten den Tod verdient, und nur die Gnade des Kaisers könne sie retten. Der Staatenkrieg würde so in einen Bürgerkrieg verwandelt, in dem keine Begrenzung durch ein Kriegsrecht mehr besteht. 

Am Ende steht dann erneut kein Sieg der Deutschen, sondern ihr vorgestellter Untergang. Der Sohn will den Krieg sogar, wenn er zur Niederlage führen sollte. Der Vater fragt nach: »Also auch, wenn alles unterginge, und kein Mensch, Weiber und Kinder mit eingerechnet, am Leben bliebe, würdest du den Kampf noch billigen?« Und der Sohn bestätigt dies, weil es Gott lieb sei, wenn »Menschen, ihrer Freiheit wegen, sterben«. 

»Das Volk steht auf ...« 

Die Identität von Freiheit und Tod zeigt sich auch bei Theodor Körner. 

Körner, geboren 1791 als Sohn des mit Schiller befreundeten Christian Gottfried Körner, politisierte sich ab etwa 1809. Im März 1813 meldete er sich zu dem Lützowschen Freikorps, in dem u. a. auch Friedrich Ludwig Jahn und Joseph von Eichendorff dienten. Bereits im August 1813 fiel er bei einem Gefecht. Das Werk wird so durchs Leben beglaubigt, was Körners Nachruhm begünstigte. Allerdings gelangen ihm prägnante Formulierungen, die für Jahrzehnte im breiten Bewußtsein verankert waren: so etwa in »Männer und Buben« der Anfangsvers »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los«, den Joseph Goebbels noch 1943 leicht verändert an den Schluß seiner »Sportpalastrede« stellte. 

Körners Gedichte wurden 1813 schnell verbreitet: nicht nur, weil sie zumeist äußerst geringe geistige Ansprüche stellen, sondern vor allem, weil Körner viele von ihnen zu bereits bekannten Melodien dichtete. In der Tat ist die Mehrzahl gut singbar. Nichts in dem Motivreservoir dieser Texte ist neu. Gott und Religion kommen häufig vor, der Krieg ist eine Jagd, der Kampf ist »Wollust«. Männer sind mutig und kämpfen; Frauen, jedenfalls soweit sie deutsch sind, dagegen sittlich: »Und Frauenunschuld, Frauenlieb' / Steht noch als höchstes Gut, / Wo deutscher Ahnen Sitte blieb / Und deutscher Jünglingsmut; / Noch trifft den Frevler heil'ger Bann, / Der diesen Zauber stört. / Wer für sein Lieb nicht sterben kann, / Ist keines Kusses wert.« Aber mit dem Küssen hält sich ein echter deutscher Jüngling ohnehin nicht auf, er greift höher: »Die Ehre ist der Hochzeitsgast, / Das Vaterland die Braut. / Wer sie recht brünstiglich umfaßt, / Den hat der Tod getraut.« 

Gut ausgewogen bekommen die beiden deutschen Führungsmächte ihre Gedichte: »Hoch lebe das Haus Österreich« und »Österreichs Doppeladler«, aber auch »Der preußische Grenzadler« und »An die Königin Luise«. Als »Tyrann« tritt Napoleon stets in der Einzahl auf: Gemeint sind nicht die deutschen Fürsten. 

Nun könnte sich eine für Körner günstige Interpretation an dem einen Vers aus »Aufruf« festmachen: »Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen«. 

Doch geht es so weiter: »Es ist ein Kreuzzug, 's ist ein heil'ger Krieg.« Den Soldaten zu sagen, sie sollten sich für die Privatinteressen ihres Monarchen totschießen lassen, wäre fast ein Vierteljahrhundert nach der Französischen Revolution nicht mehr zeitgemäß gewesen. Statt dessen wird der Krieg geheiligt, und am Ende steht wieder einmal der eigene, geradezu herbeigesehnte Tod: »Doch stehst du dann, mein Volk, bekränzt vom Glücke / In deiner Vorzeit heil'gem Siegerglanz: / Vergiß die treuen Toten nicht und schmücke / Auch unsre Urne mit dem Eichenkranz!« 

Diesem Dichter gerät wirklich jede Beschreibung der Zukunft in die einer Leichenhalle. »Der Tempel gründe sich auf Heldentod!« lautet ein anderer Vers aus »Aufruf«, und Körners Freiheitsbegriff findet sich im »Lied der schwarzen Jäger« auf den Punkt gebracht: »Und hoch verkauft den letzten Tropfen Leben! / Der Tod macht alle frei.« 

Mit diesen Beispielen ist der politische Gehalt der Propagandadichtung in den jeweils entscheidenden Monaten erfaßt. Es gibt Dichter, die nicht ganz so ausschließlich auf den Tod fixiert sind oder die ihren Haß milder formulieren. Es gibt Meinungsverschiedenheiten, ob der Rhein die Grenze sein soll, ob Deutschland das Zentralland der Welt sein soll oder ob ein Eroberungsprogramm auf Sprachgrenzen zielt. Letzteres fordert Ernst Moritz Arndt 1813 in »Was ist des Deutschen Vaterland«: »Was ist das deutsche Vaterland? / So nenne endlich mir das Land! / So weit die deutsche Zunge klingt / Und Gott im Himmel Lieder singt, / Das soll es sein!« Natürlich muß auch hier Gott, der anscheinend Fremdsprachen nicht beherrscht, den Gewährsmann spielen, und durchgängig wird die deutsche Nation durch Haß auf die Fremden begründet: »Das ist das deutsche Vaterland, / Wo Zorn vertilgt den franschen Tand, / Wo jeder Franzmann heißet Feind, / Wo jeder Deutsche heißet Freund.« 

Die zentrale Frage aber ist, ob Völker oder Klassen gegeneinander kämpfen. 

Die deutschen Nationalisten von 1809 und 1813 antworten ausschließlich: Völker! Es gibt hier für fortschrittliche Kräfte heute nichts zu erben. 

Moralische Wirkungen 

Freilich bestehen Differenzen, sie zeigen sich in der Rezeption. Kommen wir auf Kleist und Körner zurück. Beide schrieben im Vorfeld der Kriege ein Drama: Kleist im zweiten Halbjahr 1808 die »Hermannsschlacht«, die lange unaufgeführt blieb, und Körner im Juni und Juli 1812 »Zriny«. Das Stück entstand also zu Beginn von Napoleons Rußlandfeldzug und wurde im Dezember 1812 in Wien uraufgeführt, als die Nachrichten vom Rückzug der Reste der Grande Armée eintrafen. Das Werk stieß sofort auf große Begeisterung. 

Kriegsstücke sind beide. Kleist setzt die lange Reihe der Hermann-Dramen fort und läßt wieder einmal als Germanen verkleidete Deutsche gegen als Römer verkleidete Franzosen siegen. Körner nimmt eine viel unbekanntere Episode zum Stoff. Die Handlung spielt 1566, und als Napoleon tritt diesmal der türkische Sultan Soliman auf, der den kriegslüsternen Tyrannen gibt. 

Sein Angriff auf Europa scheitert an der Festung Sigeth, deren Verteidiger sich opfern, damit der Kaiser Zeit hat, ein Heer zu sammeln. 

Bei Kleist steht am Ende ein deutscher Sieg (mit der Aussicht auf einen Vernichtungsfeldzug gegen Rom, also gegen Paris). Bei Körner ist am Ende das Reich gerettet, aber ein explodierender Pulverturm macht den letzten Festungshelden den Garaus. Warum genoß das Publikum den Tod bei Körner und nicht den Sieg bei Kleist? 

Erstens ist Zriny, der Titelheld und Festungskommandant, nicht nur umsichtiger Offizier, sondern auch Held im Kampf. Am Ende wählt er das Schwert, das ihm aus vielen Schlachten das liebste geworden ist, stürmt mit seinen Soldaten aus der Festung und findet den Tod im Gemetzel. Kleists Hermann dagegen ist - anders als seine Dramenvorgänger aus dem 18. 

Jahrhundert - nur Politiker. Indem er die Personen um sich herum klug instrumentalisiert, stellt er eine Lage her, in der die Germanen militärisch erfolgreich sind. Ihn interessiert kein Kriegsruhm, sondern wie der Erfolg weiter auszunutzen ist. 

Zweitens hat Zriny auch seine Frau Eva und die Tochter Helene mit auf der Festung. Beide lehnen es ab, gerettet zu werden. Helene hat sich in den Hauptmann Juranitsch verliebt, und Zriny gibt ihm seine Tochter, wobei klar ist, daß für eine Heirat keine Zeit mehr bleibt. Dafür erleben die beiden einen erotischen Todesmoment: Juranitsch »küßt und ersticht« Helene mit den Worten: »So nimm den Kuß und bitte Gott um Segen«, worauf sie antwortet: »Dank dir, Dank für diesen süßen, süßen Tod.« Seine Familie stirbt, was Anlaß zu vielen rührseligen Szenen gibt. 

Bei Kleist aber fehlt Familienkitsch. Auch Hermann hat eine Frau, Thusnelda. Thusnelda ist von dem radikalen Freund-Feind-Denken ihres Mannes abgestoßen und besteht zunächst darauf, den einzelnen Menschen zu beurteilen und nicht seine Nationalität. Ein wenig ist sie vielleicht auch verliebt in den römischen Offizier Ventidius. Hier setzt Hermanns Nationalpädagogik ein: Er spielt Thusnelda einen Brief in die Hände, der Ventidius als brutalen Ausbeuter zeigt. Thusnelda lockt den Römer zu einem scheinbaren Stelldichein in einen Garten und läßt ihn dort von einer wilden Bärin fressen. Diese Szene steht an jener Stelle im Drama, wo die Schlachtschilderung zu erwarten gewesen wäre: Die Deutschen zur Brutalität zu erziehen, ist Hermanns eigentlicher Kampf. 

Drittens: Zriny hat Skrupel, etwa wenn ihm Häuser von Bürgern bei der Verteidigung im Wege sind und er sie niederzubrennen befiehlt. Sein Gewissen mildert die Härte in der Praxis nicht ab, aber läßt sie erträglicher erscheinen. Hermann dagegen, der den Volkskrieg will, freut sich über die Nachricht, daß die Römer drei seiner Dörfer niedergebrannt haben. Er befiehlt zu verbreiten, es wären sieben Orte gewesen. Wo römische Greuel fehlen, schickt er einen verkleideten Trupp aus, diese Rolle zu übernehmen. Er belügt und manipuliert alle, besonders aber die eigenen Leute: Das Drama ist ein bis heute aktuelles Lehrbuch für den Bürgerkrieg, 

Hermann zeigt gegenüber keiner anderen Figur eine positive Emotion. 

Vielmehr ist er der überlegene Marionettenspieler, der die Fäden in der Hand hält. Dieser Blick ist attraktiv, zumal der Zuschauer sehr früh Hermanns Wissensstand teilt und damit selbst in eine Position der Überlegenheit gerückt wird. Allerdings: Das Publikum mochte gerne tausend literarische Tode sterben (soweit es nur nicht der eine reale war) - andere zum Sterben zu lügen galt noch bis in die zweite Hälfte des 19. 

Jahrhunderts hinein als anstößig. Kleists »Hermannsschlacht« hatte erst im Zeitalter des Imperialismus Erfolg, dann aber - bis 1945 - umso eindrucksvoller. Man erzählt dem Volk, daß es betrogen wird, und das Volk freut sich - wie das? Indem jeder, dem das Schema erklärt wird, sich an die Stelle des erfolgreichen Lügners setzt und nicht an die Stelle der Belogenen. Kleists Stück ist ein Drama für lauter kleine Führer. 

Entsprach das, was Körner oder Arndt oder Kleist schrieben, den Interessen irgendeiner Klasse? Man wird da schwer fündig. So ideologisch diffus das Gerede vom Volkskrieg auch war, die Fürsten hatten an der Verteilung von Waffen und militärischen Kenntnissen wenig Interesse. Das Bürgertum hatte durch die Reformen der napoleonischen Besatzung durchaus Rechte gewonnen, war jedoch durch die fortdauernden Kriege belastet. Es konnte durchaus Geschmack an einer Herrschaft von deutschen Territorialfürsten gewinnen, jedenfalls wenn nicht alle rechtlichen Neuerungen kassiert würden. Ein totaler Guerillakrieg nach spanischem Muster, der die ökonomischen Grundlagen der Entwicklung gefährdete, lag jedoch nicht im Interesse des Bürgertums. Für die große Mehrheit der Bevölkerung - Kleinbauern, Knechte, Tagelöhner, Dienstpersonal - machte es keinen Unterschied, wer 1809 oder 1813 bis 1815 siegte. Zeitgenössischer Nationalismus war ein Phänomen bürgerlicher Eliten. Ein paar Handwerker, Beamte und Intellektuelle gehörten zum deutschen Volk, viele Studenten gehörten zum deutschen Volk; der Rest war noch nicht national infiziert. Der Volksaufstand fand - zum Glück - nicht statt. 

Der Nationalismus der »Befreiungskrieger« war aggressiv gegen ein Außen gerichtet und bedeutete schon früh Expansionspläne. Positive Zukunftsvorstellungen lassen sich kaum finden. Statt dessen herrschte eine Faszination für Tod und Opfer vor, die problemlos und ohne Verfälschung durch spätere Regierungen nutzbar gemacht werden konnte. 

Kai Köhler lebt als Literaturwissenschaftler und Publizist in Berlin. 

Zuletzt schrieb er auf diesen Seiten am 22.8.2013 über die Schriftstellerin Imtraud Morgner. 

 

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