»Wo leben wir denn?«  

Zum zehnten Todestag: Briefe des Dichters Peter Hacks (1928–2003) an das Kulturministerium der DDR  

Stefan Huth 

In: junge Welt online vom 28.08.2013 

 

Am 28. August 2003 starb der Dichter und Kommunist Peter Hacks im Alter von 75 Jahren auf seinem Landsitz nahe der brandenburgischen Ortschaft Groß Machnow. Seither sind neben Neuauflagen, Studien- und Briefausgaben auch zahlreiche theoretische Abhandlungen zu seinem Werk erschienen. Das mag darauf hindeuten, daß, nach Jahren weitgehenden Beschweigens, das Interesse der Literaturwissenschaft an diesem Autor sich neu zu regen beginnt. Zu seinem 85. Geburtstag am 21. März veröffentlichten wir an dieser Stelle unter dem Titel »Wege zum Nachruhm« einen zweiteiligen Beitrag von Kai Köhler, der sich mit Grundlagen und Perspektiven der Forschung zum Hacksschen Werk befaßte (siehe jW vom 16./17. und 18.3.2013). 

Im Nachlaß des Dichters, der im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrt wird, befinden sich den Angaben seines Verlegers Matthias Oehme zufolge etwa 20000 zum allergrößten Teil unedierte Briefe, darunter viele hundert an Behörden und andere Institutionen der DDR. In den sozialistischen deutschen Staat war Hacks, aus der Bundesrepublik kommend, 1955 übergesiedelt. 

Wir veröffentlichen im folgenden eine kleine Auswahl von Schreiben, die der Autor in drei Jahrzehnten an das Kulturministerium der DDR richtete, mit dem er naturgemäß häufig zu tun hatte - etwa wenn es um Publikationen, Aufführungen, Lesungen, Reisevisa, kulturbezogene Fragen im allgemeinen, mitunter aber auch um profane Dinge des Alltags ging. Die Schreiben vermitteln einen Eindruck von der souveränen Haltung, mit der Hacks den Staatsorganen begegnete, ohne ihnen doch, selbst wenn er sich zutiefst mißbilligend über bestimmte politische Entwicklungen äußerte, den Respekt zu verweigern. Wir danken dem Eulenspiegel Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck der Briefe. Die Orthographie wurde den jW-Konventionen dezent angepaßt. 

Herrn 

Kurt Bork 

Ministerium für Kultur 

Berlin 

Sehr geehrter Herr Bork, ich bedanke mich sehr vielmals für die Einladung zu der dramaturgischen Arbeitsgruppe. Bitte tragen Sie es mir nicht nach, wenn ich Ihnen diesmal eine Absage schicke. Ich glaube nicht, daß die Kultur im gegenwärtigen Augenblick ernsthafte Chancen hat zu existieren, und es scheint mir unökonomisch, meine Zeit mit dem Herumpfuschen an Symptomen zu vergeuden. 

Entschuldigen Sie, und ich bin, sonst stets zu Ihrer Verfügung, 

Ihr 

Peter Hacks 

11.2.1961 

Kurt Bork (1906-1975) - von 1962 bis 1973 stellvertretender Kulturminister der DDR 

*** 

Feriendienst 

Ministerium für Kultur 

Berlin W 8 

Sehr geehrte Kollegen, ich bitte Sie für Anna Elisabeth Wiede und mich um einen Ferienplatz von 3 Wochen an der Ostsee, möglichst in Ahrenshoop. Der Termin müßte innerhalb der Theaterferien liegen, also in der Zeit vom 15. 

7. bis 31. 8. 

Ich hoffe, daß es unnötig ist, mich zu rühmen, aber es ist, höre ich, üblich. Ich bin Lessingpreisträger, Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbands und Theaterdichter am Deutschen Theater. 

Vielen Dank und beste Grüße, Ihr 

Peter Hacks 

5.2.1962 

Anna Elisabeth Wiede (1928-2009) - Dramatikerin, Dramaturgin, Übersetzerin, Kinderbuchautorin, seit 1955 mit Hacks verheiratet 

*** 

An den Herrn 

Stellvertretenden Minister für Kultur 

Kurt Bork 

Lieber Herr Bork, der Vorstand des Clubs der Kulturschaffenden auf der Otto Nuschke Straße hat mir eine Lesung der »Margarete in Aix«, zu welcher ich eingeladen und bereit war, untersagt; ich habe weder in dem mit Herrn Dr. 

Klotz geführten Telephongespräch noch in dem Absagebrief eine Auskunft über die Gründe erhalten. Der Vorgang erscheint mir ein wenig ungewöhnlich; die Veranstaltung war weithin angekündigt, und ihr Nichtzustandekommen wird Gerede machen. Darum wende ich mich nun an Sie mit der Frage, ob denn auch schon die »Margarete« verboten ist, und wenn ja, warum, oder ob es sich so verhält, daß ich überhaupt und in jedem Fall ein verbotener Autor bin. Ich wäre Ihnen für eine solche Mitteilung sehr dankbar; Sie verstehen, daß mich das interessiert. 

Verbindliche Grüße, Ihr 

Peter Hacks 

19.2.1967 

»Margarete in Aix« - Komödie von Hacks, entstanden 1966, Uraufführung am Theater Basel 1969, Erstveröffentlichung in der DDR im Aufbau-Verlag, Berlin 1974 

Dr. Klotz - nicht eruiert 

*** 

An den Herrn 

Stellvertretenden Minister für Kultur 

Dr. Werner Rackwitz 

102 Berlin 

Betrifft: Antrag auf Reise nach Westdeutschland für Anna E. Wiede und Peter Hacks 

Sehr geehrter Herr Rackwitz, meine Frau und ich würden sehr gern während des Monats Mai Westdeutschland bereisen. Meine Frau ist zur Zeit im Krankenhaus; gestatten Sie mir, ihre Sache mitzuvertreten. Ich wende mich an Sie, weil Sie die einzige Instanz sind, die für Wiede und mich in gleichem Maße zuständig ist. 

Es gibt eine Menge Stücke von uns, die, teilweise seit Jahren, an westdeutschen Bühnen laufen, und die wir jetzt meinen gesehen haben zu sollen. Ich rede von »Amphitryon«, »Margarete in Aix«, »Omphale« und von Wiedes »Freund der Wahrheit«. Was uns zu diesem Besichtigungswunsch treibt, ist, weiß Gott, nicht Neugier; vielmehr handelt es sich um ein notwendig gewordenes Arbeitsstadium. Erlauben Sie mir, das zu erklären. 

Das verwahrloste Niveau der Schaubühnen in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre hat den Autoren einen bedeutenden Vorteil eingebracht: es zwang sie, idiotensicher zu schreiben. Man kann an keinem einzigen Theater mehr auf eine gute Aufführung rechnen; was bleibt einem übrig: man entwickelt eine Art von Stücken, die auch durch die elendeste Interpretation nicht um ihren Sinn und um ihre Wirkung gebracht werden können. Nachträglich stellte sich heraus, daß eben dies stets eine Eigenschaft aller bedeutenden Dramatik war. Kunst muß, wie Picasso mit Recht sagt, entmutigt werden. 

Ob aber - oder in wie vollkommenem Maße - unsere Stücke über diese Eigenschaft verfügen, halten wir jetzt für zu kontrollieren nötig, und die entmutigendste Theaterlandschaft der Welt, die westdeutsche, ist hierfür eben geeignet. Um es sehr kurz zu sagen, wir müssen einmal wieder die Trottelprobe machen. 

Das ist der Grund, aus dem ich Sie sehr höflich bitte, Frau Wiede und mir eine Westdeutschlandreise in der Zeit vom 1. bis zum 31. Mai 1970 zu ermöglichen. Wir würden die Reisekosten in Höhe des hier üblichen Spesensatzes unseren D-Mark-Konten entnehmen. 

Vielleicht haben Sie unserem Grund weitere Gründe hinzuzufügen. In dem betreffenden Zeitraum zeigt man auf den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zwei Stücke von mir, »Eröffnung des indischen Zeitalters« und, als Gastspiel des DT, »Frieden«. Mich zieht da nichts hin, aber falls sich das Ministerium von meiner Anwesenheit Vorteile für die Repräsentanz unserer Literatur verspricht, bin ich gern bereit hinzugehen. Möglicherweise haben auch die Staatsverhandlungen zwischen der DDR und der BRD kulturpolitische Folgen, innerhalb deren wir Ihnen auf irgend eine Weise nützlich sein können. 

Ich melde mich so sehr rechtzeitig, damit die Unbequemlichkeiten für Sie und uns sich in Grenzen halten lassen. Aber eben deshalb wäre ich Ihnen natürlich dankbar für einen raschen Bescheid. Ich bin, 

mit sehr verbindlichen Grüßen, Ihr 

Peter Hacks 

22.2.1970 

Werner Rackwitz - geb. 1929, von 1969 bis 1981 stellvertretender Kulturminister der DDR, 1981 bis 1994 Intendant der Komischen Oper Berlin 

*** 

Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik 

Ministerium für Kultur 

Stellvertreter des Ministers 

Lieber Peter Hacks! 

Ich beglückwünsche Sie zur Auszeichnung mit dem Nationalpreis. Vermutlich glauben Sie mir, daß ich mich über die hohe Anerkennung Ihres Schaffens von Herzen freue. 

Mit jedem neuen Werk verstehen Sie aufs Neue zu überraschen durch unerwartete Fragestellungen, Gedanken, durch Vitalität und das, was künstlerische Qualität genannt wird. 

Freundlichen Gruß auch der Dame des Hauses. 

Ihr 

Klaus Höpcke 

Berlin, den 6. Oktober 1977 

Klaus Höpcke - geb. 1933, war von 1973 bis 1989 stellvertretender Kulturminister der DDR 

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An den Herrn 

Stellvertretenden Minister für Kultur 

Klaus Höpcke 

Berlin 

Lieber Herr Höpcke, diesmal glaube ich Ihnen, ausnahmsweise. 

Sehr schönen Dank, Ihr 

Peter Hacks 

18.10.1977 

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An den Herrn 

Stellvertretenden Minister für Kultur 

Dr. Klaus Höpcke 

108 Berlin 

Sie sind, lieber Herr Höpcke, mein regelmäßigster und wortgewandtester Gratulant, und wenn ich Sie um wenig beneiden muß, so jedenfalls um die Gabe, Ihre Meinung und Ihren Kunstsinn handschriftlich augenfällig zu machen. Meine eigene Schrift ist eben noch ein (keineswegs immer taugliches) Werkzeug zur häuslichen Verwendung, und wenngleich ich auch in dem Punkt mich recht gern recht konservativ zeigen würde, muß ich sie zu den Zivilisationskosten rechnen und, trauernd, auf ihren öffentlichen Gebrauch verzichten. 

Es ist schwer, Ihnen böse zu sein, so viel Grund man auch immerfort hat. 

Ihre Kulturpolitik ist schrecklich, auf André Müllers Roman und meinen Gedichten lassen Sie mich sitzen. Ihre Verirrungen sind dem Inhalt nach opportunistisch und der Form nach dogmatisch; (denn wenn schon der Unsinn herrscht, muß wenigstens redlich erörtert, nur wo Vernunft herrscht, darf administriert werden). Es gibt natürlich nichts Unbefriedigenderes als einen Zensor, dessen Vorschriften auf kein System sich gründen und dessen Regeln man nicht einsieht. Ich bewundere, mit wieviel Charme und Eleganz Sie diese undurchführbare Rolle durchführen. 

Meine Flucht sollen Sie mir verzeihen. Ich bin der Meinung, daß Feiertage die einzigen Tage im Jahr sind, an welchen man mit seinem Minister nicht redet, und ich deute hiermit in der Tat zart an, daß die übrigen 350 bis 360 Tage für diesen Zweck zur Verfügung stehen. 

Ich bedanke mich für Ihren sehr schönen Brief und bin 

stets und durchaus Ihr 

Peter Hacks 

2.4.1978 

André Müllers Roman - »Am Rubikon. Die schaudervollen Vorkommnisse in der Kommune V«, Erstveröffentlichung bei Pahl Rugenstein, Köln 1987 

meinen Gedichten - Die Sammlung »Die Gedichte«, Erstveröffentlichung bei Aufbau, Berlin und Weimar 1988 

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Ministerium für Kultur 

90 Clara Zetkin Straße 

Berlin 

Betrifft: Umfrage des Ministers (»Zehn Schritte auf dem Weg zum Leseland«) 

1. Heinrich Hoffmann: »Struwwelpeter« 

(Das beste Bilderbuch der Welt). 

2. Ernst Häckel [richtig: Haeckel]: »Die Welträtsel« 

(Als spannendes Jugendbuch, vorbeugend gegen Herrn Woytila einzunehmen). 

3. Eugenie Marlitt: Die Romane 

(Übertreffen, was Beobachtung der Gesellschaft, Fabelbau und Unterhaltungswert betrifft, jeden zeitgenössischen Erzähler). 

4. Richard Friedenthal: »Goethe« 

(Theoretisch wertlos, aber unersetzlicher Zugang zu Goethe für Jedermann). 

5. Arno Schmidt: Die klassischen Romane (»Das steinerne Herz«, »Die Gelehrtenrepublik«, »Kaff«) 

(Beste deutsche Prosa der Jahrhunderthälfte, Lustiges über uns enthaltend). 

6. George Bernard Shaw: Die Dramen 

(Der größte und modernste Dramatiker des Jahrhunderts. - »Hätte ich mehr Plätze zu vergeben als bloß zehn, ständen hier auch seine genialen Essays über Wagner und über Ibsen). 

7. Pierre Corneille und Jean Racine: Die Dramen 

(Die Deutschen haben sich bisher geleistet, die nicht zu übersetzen. Die sozialistischen Deutschen könnten das ändern). 

8. Isaak Deutscher: »Stalin« 

(Verärgert, anders als etwa »Trotzki 3«, kaum durch grobe trotzkistische Fehleinschätzungen, bedarf wahrscheinlich dennoch eines Kommentars von nicht zurückstehender Güte. Bisher überzeugendste Darstellung des ersten Lenkers eines sozialistischen Staates). 

9. Karl Rosenkranz: »Hegels Leben« 

(Tunlich zu ergänzen durch »Hegel in Berichten seiner Zeitgenossen«, Hsg. 

Nicolin. - Biographie ist selbst für Erwachsene eine Hilfe zum Werkverständnis). 

10. Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller von 1934, Protokoll 

(Die ästhetische Jahrhundertdebatte). 

11.9.1983 

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An den Herrn 

Stellvertretenden Minister für Kultur 

Dr. Klaus Höpcke 

Betrifft: Bitte um Einfuhrgenehmigung für ein Kopiergerät 

Lieber Herr Höpcke, wäre möglich, daß Sie mir die Einfuhrgenehmigung für ein Kopiergerät besorgen? 

Ich benötige es für die Herstellung meiner Manuskripte und für die Ablichtung von Arbeitsmaterial. Ich habe keine Sekretärin und hätte nicht gern eine. 

Ich versichere, daß mir fern liegt, Aufrufe oder Rundschreiben zu verfassen. Für den Fall, daß ich es jemals doch täte, würde ich mich hiermit verpflichten, eine gewöhnliche Schreibmaschine zu benutzen. 

Mit verbindlichem Dank, stets 

Ihr 

Peter Hacks 

11.9.1983 

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An den Herrn 

Stellvertretenden Minister für Kultur 

Dr. Klaus Höpcke 

Lieber Herr Höpcke, es hat mich gefreut, daß Sie meine Antwort auf die »Zehn-Schritte«-Umfrage interessant fanden. Ich will das Kompliment erwidern. Die Frage war interessant; jede beliebige Rückäußerung auf sie, mithin, ist es. Ich hoffe sehr, eines Tages die Antworten in einer Broschüre versammelt zu finden. 

(Und ich rechne damit, daß Sie meinen falschgeschriebenen Ernst Haeckel stillschweigend berichtigt haben). 

Ich muß Ihnen, bei Wiederholung meines Danks, vom Schicksal meiner beiden Anträge vom 11.9.1983 erzählen. 

Das Kopiergerät will man mir genehmigen. Man wird mir, freundlicher- und ausnahmsweise in Mark, eine Genehmigungsgebühr berechnen, und zwar in Höhe von 100 % des DDR-Werts. Ich gestehe, daß im Zusammenhang mit der Einziehung von ein paar tausend Mark das Wort Genehmigungsgebühr meinem Sprachgefühl widerspricht. Ich würde vorziehen, von einer Geldstrafe zu reden. Und ich leugne nicht, daß ich die nicht einsehe. Wenn man Gründe hat, die Einfuhr zu gestatten, wofür dann die Strafe? 

Für die Einfuhr von Büchern hingegen ist die vortreffliche Frau Kolb nicht zuständig, sondern - nach der »20. Durchführungsbestimmung zum Zollgesetz vom 14.6.1973, GBl Teil I Nr. 28 § 4« - die Zollverwaltung der DDR. 

Darf ich Sie sehr höflich bitten, sich dort noch einmal für mich zu verwenden? Ich bin, 

schönstens grüßend, Ihr 

Peter Hacks 

18.11.1983 

*** 

An den Herrn 

Minister für Kultur 

Dr. Hans-Joachim Hoffmann 

Sehr geehrter Herr Minister, ich bestätige mit Dank Ihr Schreiben vom 14. 

9. Ich werde Anfang November in Berlin eintreffen. Ich benutze die Zwischenzeit, um ein paar Bedenken gegen die vorgeschlagene Zusammenkunft anzudeuten, so wie sie mir eben einfallen. 

1. Das Gorkitheater und das Deutsche Theater haben folgende Stücke von mir vertragswidrig vom Spielplan genommen: »Rosie träumt«, »Die Fische«, »Prexaspes« und »Plundersweilern«. Ich sage nicht, daß Sie diese Absetzungen veranlaßt haben. Aber Sie haben sie in jedem einzelnen Fall durch Rechtshilfe für die schuldigen Bühnen ermöglicht. - Sie haben später die Intendanz des DT angewiesen, das Urhebergesetz auf eine besondere Weise auszulegen, welche die Unterbringung von Dramen dort auch künftighin ungünstig beeinflussen wird. 

2. Sie haben dem Theater im Palast nicht erlaubt, die Rechte an der fertigen Aufführung »Ohne Zorn und Eifer« zu erwerben, und sie fand nicht statt. 

3. Sie haben die Regie-Vorarbeiten zu »Fredegunde« erst genehmigt, dann ihre Fortsetzung überraschend abgebrochen; (die Rede ist von der Paß-Angelegenheit Gregorek). Nun kann auch dieses Stück nicht stattfinden. 

Alle diese Maßnahmen, die in ihrer Gesamtheit den Zustand des hackslosen Berlin bewirkt haben, waren Folge unseres letzten Gesprächs. Das »Numa«-Verbot übrigens war schon sein Inhalt. So ungewöhnlich lehrreich es mir in Erinnerung ist - meine Mittel gestatten mir leider nicht, mich dieser Art Unterricht allzu häufig im Leben zu erfreuen. 

Könnten Sie, sehr geehrter Herr Minister, mich freundlicherweise wissen lassen, welcher Gegenstand es ist, den Sie mit mir zu erörtern wünschen? Ich werde mit Sorgfalt abwägen, ob das Gewicht der Sache das meiner Bedenken überwiegt. 

Ich unterzeichne mich als Ihr ergebner 

Peter Hacks 

Mittenwalde, 27.9.1987 

Hans-Joachim Hoffmann - 1973 bis 1989 Kulturminister der DDR 

*** 

Sehr geehrter Herr Keller, es war ein Versehen. Ich hatte nicht erkannt, daß Sie für meine Zeile meiner ausdrücklichen Zustimmung bedürfen. Ich entschuldige mich. Ich stimme zu. 

Da ich aber einmal das Vergnügen habe, Ihnen zu schreiben, will ich die Gelegenheit benutzen, auf was anderes zu kommen. Ich lese, Sie beschäftigen sich mit Denkmälern für Berlin. Ich möchte Ihnen aufschreiben, welche Denkmäler ich seit langem vermisse. 

Wir haben einen großen Stein und keinen Hardenberg. Wir haben einen großen Scharnhorst und keinen Massenbach. Wir haben einen großen Schiller und keinen Goethe. Wir haben von allen Widerspruchspaaren grundsätzlich die rechte Hälfte dastehn. Wäre es nicht endlich Zeit, uns aus der Kontinuität der nationalliberalen und mithin auch der imperialistischen Geschichtssicht zu befreien? 

In einem Vorgarten verbirgt sich ein kümmerlicher Hegel. Wo leben wir denn? 

Mir fehlt ein großer Verursacher des Berliner Kulturlebens: Voltaire. Vor dem Deutschen Theater fehlt mir Langhoff. (Wer dort aufgestellt ist, sind die bürgerlichen Mittelgrößen Brahm und Reinhardt). 

Ich erbitte mir, sehr geehrter Herr Keller, für meine Hauptstadt bedeutende und stilsichere Puppen von Hardenberg, Massenbach, Goethe, Hegel, Voltaire und Langhoff. 

Erlauben Sie mir den Hinweis, daß der Bildhauer Manfred Salow einen maßstabgerechten Langhoff fertig hat und daß er in seinem Kopf über den Hegel verfügt; er hat mir eine Bronzebüste und der Universität ein Relief Hegels angefertigt, die man beide sehen kann. 

Von vielleicht besseren Manieren, als wir noch haben, würden ein Napoleon- und ein Stalindenkmal zeugen. Diese Leute haben uns an die Spitze der Zivilisation geschmissen; unsere eigentlichen Revolutionen waren zwei verlorene Kriege, unsere größten Niederlagen waren unsere besten Geschäfte. 

Natürlich bedarf es eines sehr sichern Gefühls unserer nationalen Identität, um das zuzugeben. Aber lassen Sie doch vorsorglich zwei anständige Plätze frei. 

Vielleicht finden Sie einmal die Zeit, über all das nachdenken zu lassen. 

Sie sehen, man zitiert mich nicht ungestraft. Seien Sie verbindlichst gegrüßt von 

Ihrem 

Peter Hacks 

4.11.1988 

Herr Keller - Dietmar Keller, von 1984 bis 1988 stellvertretender Kulturminister, 1988 bis 1989 Staatssekretär im Kulturministerium der DDR; von November 1989 bis März 1990 als Nachfolger von Hans-Joachim Hoffmann in der Modrow-Regierung Minister für Kultur 

meine Zeile - nicht eruiert 

 

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Stücke von Hacks im HABBEMA 

 

(nd-Hatzius). Peter Hacks war 1955 aus München in die DDR gekommen, um mit seiner Fähigkeit (Theaterstücke zu schreiben) am Aufbau der neuen Gesellschaft mitzutun. Obgleich er es mit DDR-Funktionären nicht leicht hatte - und sie nicht mit ihm -, hielt der Dichter an »seinem« Staat fest, selbst als es den nicht mehr gab.  

In: Neues Deutschland online vom 27.08.2013 

Weiter unter: 

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/831341.stuecke-von-hacks-im-habbema.html 

 

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