Begriffe und Gefühle  

»Die Schärfe der Konkretion« von Oy und Schneider ist ein Buch über die bundesrepublikanische Staatsreligion, daß der Faschismus erfolgreich aufgearbeitet worden sei  

Markus Mohr 

In: junge Welt online vom 16.08.2013 

 

Ende März 2011 gab es in Frankfurt am Main die Tagung »Axel Springer - Juden, Deutsche und Israelis«, veranstaltet vom Fritz Bauer-Institut und dem Jüdischen Museum. Trotz aller mild gestimmten Sympathie der Tagungsleitung mit dem 1985 verstorbenen Großverleger konnte man nicht ganz umhin, auch die Rolle prominenter NS-Publizisten im Springer-Konzern zu beleuchten. 

Hier meldete sich ein etwas älterer Herr mit weißen Haaren zu Wort. Er war mit einigen Ausführungen eines Referenten nicht einverstanden und verwies dabei auf eigene Erfahrungen. Die beiden anwesenden Sozialwissenschaftler Gottfried Oy und Christoph Schneider horchten auf und brachten den Namen dieses Herrn in Erfahrung: Reinhard Strecker. 

Vor mehr als einem halben Jahrhundert hatte er für einen bedeutsamen Moment in der Zeitgeschichte der alten Bundesrepublik gesorgt und ist trotzdem weithin unbekannt geblieben. Im November 1959 war es, als der damals 29jährige Strecker, Mitglied des Sozialistischen Studentenbundes (SDS), in Karlsruhe, am Sitz der höchsten Justizbehörden der Bundesrepublik, in der Kneipe »Krokodil« eine Ausstellung unter dem Titel »Ungesühnte Nazijustiz« eröffnete. Zusammen mit anderen zeigte Strecker, gestützt aus Archivmaterial aus der DDR und der Volksrepublik Polen, daß über 100 Richter des Nazi-Justiz-Apparats, die nach Kriegsende unbehelligt und möglicherweise auch zu Demokraten gemausert, im Amt geblieben waren. 

Streckers Initiative schlug zwar einen erzdemokratischen Ton an, ging jedoch weit über die tiefbraun gefärbten Richter hinaus »Stellt man in Rechnung, daß nicht nur in der Justiz ehemalige Nazis zu finden sind, sondern auch in den Verwaltungen, an maßgebenden Stellen in der Wirtschaft in der Publizistik und im Bildungswesen, so bietet sich ein beängstigendes Bild. (...) Die Begriffe, die Gedanken, die Gefühle, ja die ganze Ideologie der braunen Epoche lebt jedoch auch fort.« Das hörte das politische Personal in der damaligen Bundesrepublik überhaupt nicht gern. Die SPD distanzierte sich von der Ausstellung und die FAZ startete eine Kampagne gegen die angeblich kommunistisch gesteuerte Aufklärung. Allein der damalige Generalbundesbundesanwalt Max Güde, Mitglied der CDU, empfing die Ausstellungsmacher und bestätigte in aller Öffentlichkeit die Echtheit der ausgestellten Dokumente. Hier war ein kleines Fenster geöffnet worden für den Kampf für eine Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit. 

Über die Geschichte dieser Bemühungen haben Gottfried Oy und Christoph Schneider »Die Schärfe der Konkretion« veröffentlicht. »Reinhard Strecker, 1968 und der Nationalsozialismus in der bundesdeutschen Historiografie« lautet der Untertitel dieses Buches, in dem sich auch ein langes Interview der Autoren mit dem Zeitzeugen Strecker findet. Oy und Schneider gehen hier dem Paradoxon nach, daß hiezulande, fast im Sinne einer Staatsreligion, beansprucht wird, die faschistische Vergangenheit sei im Laufe der Zeit erfolgreich aufgearbeitet worden, während vielen Forschern und Akteuren, die eben dies als pionierhafte Einzelkämpfer gegen harte Widerstände versucht haben, keinerlei Karriere beschieden war. 

1961 veröffentlichte Strecker in einem Hamburger Verlag das Buch »Dr. Hans Globke. Aktenauszüge, Dokumente«. In dieser Dokumentation hob Strecker Globkes geradezu filigranen Antimsemitismus hervor und zeigte, wie der spätere Chef des Bundeskanzleramts unter Adenauer im Faschismus als junger Ministerialrat im preußischen Innenministerium agiert hatte, wo er an verrschiedenen Gesetzen zur Judenverfolgung mitwirkte. Gegen Streckers Buch wehrte sich Globke mit allen ihm zur Verfügung stehenden, zum Teil auch verdeckten Mitteln. Das war ein weiterer Grund dafür, daß Strecker lange Jahre seines Lebens finanziell bis über beide Ohren verschuldet war. 

In »Die Schärfe der Konkretion« widmen sich Oy und Schneider in zwei längeren Essays der Frage, wie erfolgreich die offiziell gern behauptete Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik gewesen sein mag. 

Kann man davon sprechen, daß sich hier tatsächlich einmal das Blatt wendete und statt Verdrängung Aufklärung betrieben wurde? Oy konstatiert für den SDS der 60er Jahre ein »Scheitern der Aufklärung«, denn das, was Strecker und andere bis dato geleistet hatten, sei nach 1965 nicht mehr aufgegriffen worden, weil sich die Prioritäten verändert hätten, etwa, wenn man sich als SDS-Aktivist als »weltpolitischer revolutionärer Akteur« verstanden habe. 

Mehr noch: Rudi Dutschke wird ein teilweise sinnentleerter Faschismusbegriff vorgeworfen, Resultat der »Ausblendung zentraler Erfahrungen und Erkenntnisse der linksoppositionellen Strömungen seit den 50er Jahren«. Anhand von Stichworten wie »kalte Amnestie«, »Verjährungsdebatten« und dem heute wieder aufgeblühten »Antitotalitarismus« skizziert Schneider eine besondere Form der Aufarbeitung der Vergangenheit, in der - wie jüngst in der Causa NSU in beängstigender Weise wieder sichtbar geworden - »Staat und Gesellschaft einen Nazifundus konservieren«, den sie »mit V-Mann-Salär und themenspezifischer Nonchalance reorganisieren« helfen. Nach der »Integration der alten Nazis in den 50 Jahren« würde so eine Art staatlicher »Bestandsschutz für das rechte Haßpotential« betrieben. 

Zuweilen verlieren Oy und Schneider allerdings die »Schärfe der Konkretion«, die sie bei Strecker so beeindruckt. So ist Strecker eher der alten denn der Neuen Linken zuzuordnen. Die Ablösung des Antifaschismus durch den Antikolonialismus als großes politisches Thema im SDS nach 1966 wird nur registriert, nicht vertieft. Und der Begriff der »Vernichtungspolitik« beschränkt sich nicht ausschließlich auf die Shoah, auf die Vernichtung der europäischen Juden, auf die Oy und Schneider immer wieder rekurrieren. Der von der Wehrmacht fast geräuschlos vollzogene millionenfache Massenmord an etwa zwei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen ab 1941 ging der Eröffnung der Konzentrationslager in Auschwitz-Birkenau voraus. 

Davon abgesehen ist dieses Buch ganz ausgezeichnet. 

* Gottfried Oy/Christoph Schneider: Die Schärfe der Konkretion - Reinhard Strecker, 1968 und der Nationalsozialismus in der bundesdeutschen Historiografie, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2013, 252 S., 24,90 Euro 

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