Geld schießt Tore

Hintergrund. 50 Jahre Bundesliga: Aus dem Proletensport Fußball ist ein Milliardengeschäft geworden  

Matthias Wolf 

In: junge Welt online vom 10.08.2013 

 

Natürlich sind das brennende Fragen: Wer wird Meister? Wer steigt ab? Wer schafft den Sprung in den Europapokal? Meine Güte, es geht immer noch um Sport. Um der Deutschen liebstes Spiel. All diese spannenden Entscheidungen interessieren die über 42 000 Fans, die im Durchschnitt zu jeder Partie der Fußball-Bundesliga ins Stadion strömen. Über 13 Millionen Fans insgesamt pro Saison in den Arenen. Nahezu Vollauslastung an allen Standorten. Und hinzu kommen noch die vielen Millionen Zuschauer vor den Fernsehschirmen, auch an diesem Wochenende wieder, wenn die Bundesliga in ihre neue Saison startet. 50 Jahre nach ihrer Gründung. Doch die Bundesliga ist längst mehr als ein Spielbetrieb. 

Frag' nach bei Henning Vöpel. Er ist auch Fan dieses Sports. Und Professor für Volkswirtschaftslehre, ein renommierter Sportökonom. Immer mehr Wirtschaftsexperten wie er interessieren sich für das, was früher als Proletensport galt. Die Balltreterei ist zum Forschungsobjekt geworden. In Zeiten, da in Europa nur noch ein Drittel aller Profiteams als echte Vereine an den Start gehen; die anderen als Unternehmen, bisweilen respektable Kapitalgesellschaften. Und selbst die, die noch stolz ihr »e.V.« im Namen und die Fahne der Tradition vor sich her tragen, der FC Schalke 04 sei als prominentes Beispiel genannt, sind oft doch nicht mehr als ein verschachteltes Konstrukt aus Kapitalgesellschaften, über die die Klubs ihre Geschäfte auf unterschiedlichsten Feldern abwickeln. »Der Fußball ist als Spiel über die Jahrzehnte fast gleich geblieben. Aber er hat sich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten in seinen Dimensionen enorm verändert«, sagt also Professor Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut, »er ist zu einem gigantischen Markt gewachsen, zu einer Wirtschaftsmacht.« 

Stetiges Finanzwachstum 

50 Jahre Bundesliga - das sind auch 50 Jahre nahezu stetiges Finanzwachstum. »Es gibt keinen Zweifel daran, daß sich mehr Menschen als je zuvor für die Bundesliga begeistern und die Bundesliga über die größten wirtschaftlichen Möglichkeiten verfügt, die sie je hatte«, sagte der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL), Christian Seifert, dieser Tage. Die Bundesliga erwirtschaftet insgesamt nicht nur einen Betriebsüberschuß, sondern wurde auch zu einem großen Jobmotor: 28000 Menschen arbeiten in direkter Anstellung oder durch Beauftragung der 18 Profiklubs. Und die Liga ist mit 662 Millionen Euro Abgaben zu einem beachtlichen Steuerzahler geworden. 

Money makes the world go round. Geld läßt auch den Ball rollen. Oder, wie ein geflügeltes Wort in der Branche lautet: Geld schießt Tore. 

Nur noch die Wimpelübergabe vor dem Spiel erinnert viele Nostalgiker an die alten Zeiten, ansonsten ist Fußball zu einem riesigen Geschäft geworden. In ihrem jüngsten Finanzbericht konnte die DFL, unter deren Dach die Liga nicht nur spielt, sondern auch zentral vermarktet wird, eine Steigerung des Umsatzes aller achtzehn Bundesligisten auf 2,08 Milliarden Euro vermelden. 

Das bedeutet Platz zwei in Europa hinter der englischen Premier League, die aufgrund des Commonwealth vor allem weltweit noch die größere Nummer ist und etwa eine halbe Milliarde mehr umsetzt- aber deren einst scheinbar uneinholbarer Vorsprung gewaltig geschrumpft ist. 

Bemerkenswert auch in diesem Zusammenhang: das Tempo, das die Bundesliga vorlegt. Die magische Zwei-Milliarden-Grenze knackte sie nur etwa zehn Jahre nachdem sie die Milliardengrenze überschritten hatte. Wer hätte solche Steigerungsraten vermutet, als 1963 alles begann? Keiner. »Diese Entwicklung war nicht abzusehen. Was ich damals noch als Monatsgehalt bekommen habe, das kriegen die heute als Prämie«, sagt Uwe Seeler, der erste Torschützenkönig der Liga. Und mit dieser süffisanten Einschätzung liegt er noch meilenweit daneben. Denn Seeler erhielt zu Beginn 400 Deutsche Mark als Aufwandsentschädigung im Monat. Mit viel Schußglück und durch Prämien konnte er schon einmal auf 800 Mark im Monat kommen. Die Prämien für jeden errungenen Punkt oder allein schon für das Auflaufen aufs Spielfeld in der Bundesliga betragen aber bei vielen Spielern heute längst ein Vielfaches. Franck Ribéry, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, um nur drei Akteure des FC Bayern München zu nennen (viele andere Kicker bei anderen großen Klubs liegen allerdings auch in dieser Kategorie), erhalten Jahresgehälter von jeweils rund zehn Millionen Euro. Insgesamt geben die Bayern, die den teuersten Kader der Liga haben, allein 140 Millionen für ihre Spieler aus. 

Die Summen einzelner Großverdiener sind weitgehend geschätzt. In Sachen Gagen für einzelne gibt sich der Fußball hierzulande noch bedeckt - im Unterschied zum Beispiel zu den US-Profiligen, wo das Gehalt jedes Stars auf den Dollar genau veröffentlicht wird. Und doch ist eine Gesamtzahl aus Deutschland auch bekannt, sie hat sich zur neuen Saison noch einmal um 5,5 Prozent erhöht: Die Klubs der ersten Liga zahlen 747,6 Millionen Euro - also etwa ein Drittel ihres Umsatzes - für die Gehälter. Das klingt nach viel, doch in England und Italien existieren Vereine, die geben deutlich mehr für Spielergehälter aus als sie einnehmen. Und in Spanien fließen 81 Prozent der Einnahmen wieder in die Taschen der Fußballer. Hierzulande scheint also bei allem Gigantismus noch alles im Lot; und doch bleibt bei diesen Summen auch in Deutschland die generelle Frage: Wie läßt sich das alles finanzieren? 

Schwarze Zahlen 

Eines vorneweg: Die Bundesliga scheint den Dreh rauszuhaben. »Man kann sagen, daß mittlerweile echte Finanzexperten am Werk sind, es wird deutlich professioneller gearbeitet als in anderen Ligen«, sagt Vöpel: »Die Deutsche Fußball-Liga, aber auch immer mehr Vereine, haben sich im Lauf der Jahre Finanzexperten ins Haus geholt, teilweise aus anderen Bereichen der Wirtschaft. Das hat die Liga befruchtet.« Immerhin 14 Klubs schlossen ihr vergangenes Geschäftsjahr mit schwarzen Zahlen ab, die Bundesliga gilt als die gesündeste Profiliga in Europa. Von rund 600 Millionen Gesamtschulden ist die Rede - das ist vergleichsweise wenig, wenn man nach England, Italien oder Spanien schaut. In England hat der am Tropf von Mäzen Roman Abramovich hängende FC Chelsea allein knapp 750 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Wenn der Magnat dereinst die Lust an seinem Spielzeug verliert, droht der Super-GAU bei dem Londoner Traditionsverein. In Deutschland schließt die 50+1-Regel, von der im Grunde nur die Konzernklubs Bayer Leverkusen und VfL Wolfsburg offiziell ausgenommen sind, solche Übernahmen übrigens aus. 

Der Blick nach Spanien, das sich Jahr für Jahr dafür feierte, mit seinen Spielern bei der Wahl zum Weltfußballer die Titel nur so abzuräumen, läßt die deutsche Liga insgesamt in gutem Licht erscheinen. Die iberischen Profiklubs stehen mit vier Milliarden Euro in der Kreide, überleben bisweilen nur durch hohe staatliche Subventionen - Beihilfen, die längst auch die EU-Wettbewerbskommission auf den Plan gerufen haben. Oft bleiben in Spanien die Gehaltszahlungen aus, im Schatten der beiden großen Vereine Real Madrid und FC Barcelona, die seit Jahren die Meisterschaft unter sich ausspielen, gehen kleinere Fußballklubs reihenweise pleite. Jose Maria Gay de Liebana, ein bekannter und renommierter Wirtschaftsprofessor aus Barcelona und einer der Chefkritiker des spanischen Fußballs, sagt: »Der Primera Division bleiben noch fünf Jahre, dann ist sie tot. Weil ihre wirtschaftliche Situation fatal ist und weil sie kein nennenswertes Wachstum mehr hat. Retten könnte unseren Fußball nur, wenn die spanischen Klubs endlich auch klug wirtschaften wie die Bundesliga.« Das macht klar, warum hiesige Vereine auch für internationale Topstars immer interessanter werden, ein Weltstar wie Raúl von Real Madrid bereits vor drei Jahren sogar in den wenig glamourösen Gelsenkirchener Stadtteil Schalke wechselte. 

Teure Transfers 

Die finanzstärksten deutschen Klubs leisten sich mittlerweile Transfers, die noch vor Jahren undenkbar gewesen wären. In dieser Saison holten die Bayern für 37 Millionen Euro Mario Götze von Borussia Dortmund und Spaniens Supertalent Thiago Alcántara vom FC Barcelona für insgesamt 25 Millionen Euro. Auch Borussia Dortmund gab rund 50 Millionen Euro aus, allein Henrikh Mkhitaryan (Schachtjor Donezk) kostete 25 Millionen Euro. Die faszinierendste Personalie dieser Spielzeit aber ist die des Trainers Pep Guardiola. Um den Titelsammler des FC Barcelona, der sich zuletzt ein Sabbatjahr in New York gegönnt hatte, buhlten viele Vereine - er aber ging selbst auf die Verantwortlichen des FC Bayern zu und sagte ihnen, er würde gerne in der Bundesliga arbeiten. Seit einigen Wochen elektrisiert dieser charismatische Trainer nun ganz Fußball-Deutschland. »Ich denke, Guardiola ist erst der Anfang. Der Tag ist nicht mehr fern, daß auch internationale Superstars wie Messi oder Ronaldo in die Bundesliga kommen«, glaubt Vöpel. 

»Es gibt vieles, was dafür spricht.« Hohe, zudem sichere Gehälter. Dazu Stadien, die so voll sind wie nirgendwo sonst beim Fußball auf der Welt. 

Womit wir bei einer weiterhin wichtigen, wenn auch längst nicht mehr der wichtigsten, Einnahmequelle der Bundesliga wären. Uli Hoeneß, der aufgrund seiner Steuervergehen auch in diesen Wochen die Schlagzeilen beherrschende Manager des FC Bayern, erinnert sich noch an seine Anfangszeit. 1970, erzählt er gerne, habe der heutige sportliche und wirtschaftliche Primus der Liga, die FC Bayern München AG, an der Konzerne wie Adidas und Audi Anteile halten, gerade einmal zwölf Millionen Mark Jahresumsatz gemacht. 

»Sage und schreibe 85 Prozent davon kamen aus den Zuschauereinnahmen«, weiß Hoeneß. »Wenn im Winter die Spiele ausgefallen sind wegen Schnee, dann hatten wir ein Problem mit laufenden Zahlungen.« Aktuell scheffeln die Bayern übrigens über 400 Millionen Euro Jahresumsatz, Hoeneß' Lieblingswort heißt Festgeldkonto. Und der Rekordmeister hat sich im Vorfeld der WM 2006 ein Stadion für 346 Millionen Euro gegönnt, das er im Rekordtempo abbezahlen wird. In fünf Jahren soll es schon soweit sein. Das, was die Fans an Eintrittsgeldern entrichten, ist also in diesem Zusammenhang nicht mehr ganz so wichtig. Wie sagte Hoeneß doch bei seiner legendären Rede auf der Hauptversammlung vor sechs Jahren an die Adresse der Besucher: Stadion und Triumphe auf europäischer Ebene seien »nun einmal nicht mit sieben Euro in der Südkurve« zu bezahlen. »Was glaubt ihr eigentlich, wer euch alle finanziert? Die Leute in den Logen, denen wir die Gelder aus der Tasche ziehen.« Im Busineß Bundesliga ist immer weniger Platz für Sentimentalitäten. Vöpel formuliert es so: »Die Bundesliga betreibt längst eine Gratwanderung zwischen vollkommener Kommerzialisierung und romantischen Gefühlen, die ja für viele Fans auch noch zum Spiel gehören.« 

Immerhin, ganz unwichtig ist der Fan nicht geworden - auch nicht bei der Finanzierung seines liebsten Hobbys. Ligaweit liegt der Anteil der Einnahmen aus dem Spiel immer noch bei 21,2 Prozent. Rund 440 Millionen Euro insgesamt werden rund um die Partien eingenommen. Die Klubs würden gerne diesen Posten weiter vergrößern, einige gingen deshalb auch Beziehungen mit umstrittenen Ticket-Verkaufsplattformen ein, von denen beide Seiten profitieren sollen. Das schlug zum Beispiel auf Schalke und in Augsburg vergangene Saison hohe Wellen. Einfach selbst an der Preisschraube drehen - das traut sich kaum einer. Weil alle genau wissen, daß Fachmann Vöpel recht hat: »Würden die Kartenpreise offiziell extrem erhöht, wie in England, wo durchschnittlich das Doppelte bezahlt werden muß, dann werden in Deutschland die treuen Fans vergrault, die ganze Struktur der Zuschauer würde zerstört, und es gäbe große Widerstände.« 

Neue Märkte 

So hat sich die Liga in den vergangenen Jahren Mühe gegeben, immer neue Märkte zu erschließen; sich auch im Ausland, vor allem Asien, bekannter zu machen, mehr Sponsoren und Medienpräsenz dort zu bekommen. Dabei sei man auf einem guten Weg, betonen die DFL-Verantwortlichen. Ziel ist es, mehr Geld aus den Auslandsfernsehverträgen zu erlösen. Und daß Bayern München irgendwann weltweit mehr Trikots verkauft als die Branchenriesen Manchester United und Real Madrid, die derzeit rund 1,5 Millionen Hemden absetzen. 

Bayern kratzt noch an der Millionengrenze. Insgesamt erlöst die Bundesliga aus dem Verkauf von Fanartikeln, nach amerikanischem Vorbild Merchandising genannt, derzeit 94 Millionen Euro (4,5 Prozent der Einnahmen). »Der Mix an Einnahmen wirkt in der Liga durchaus ausgeglichen und gesund«, sagt Fachmann Vöpel, auch hier mit Blick auf andere europäische Fußballmärkte. 

Transfers (10,1 Prozent bzw. 210 Millionen Euro) sowie Werbung (28,6 Prozent bzw. 553 Millionen) sind weitere große Posten in der Finanzierung. 

Hinzu kommen noch sonstige Einnahmen über 238 Millionen Euro (11,4 Prozent) - und vor allem aus der Vermarktung in den Medien, in erster Linie TV-Gelder. 

Fernsehen - ein Thema für sich rund um das Millionengeschäft Bundesliga. 

Lange klagten die deutschen Vereinsführungen, sie seien international noch nicht konkurrenzfähig, weil anderswo die Sender mehr bezahlen würden. 

Bayern München schaute neidisch nach Spanien, wo Real und Barça ihre TV-Rechte selbst verkaufen können. Damit erlösen sie immer noch mehr, aber die Klagen sind leiser geworden. Denn auch hier hat die Bundesliga aufgeholt, ohne den Gedanken der gerechten Verteilung der Gelder unter den Klubs aufgeben zu müssen. So steigen die Einnahmen aus der medialen Vermarktung im Vergleich zur vergangenen Saison noch einmal von 546 Millionen Euro auf das neue Rekordhoch von 628 Millionen Euro, im Schnitt pro Spielzeit bis zum Vertragsende 2017. Und einer wie Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge betont: »Ich sage schon heute voraus, daß die Bundesliga irgendwann eine Milliarde an Erträgen einnehmen wird.« Diese Gelder sind damit längst ein beachtlicher Posten im Etat eines jeden Vereins. Man kann es so auf den Punkt bringen: Mit dem steigenden Interesse der Medien wuchs die Liga. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen. 

So wird von vielen Kritikern immer wieder angeführt, daß mittlerweile der Bezahlsender Sky nahezu Monopolist ist. Und daß weite Teile der Medien dem Zirkus Bundesliga kaum noch mit kritischer Distanz begegnen - aus Furcht, das Imperium könnte mit Informationsentzug zurückschlagen. Fälle gibt es hierfür genügend. Fußball ist zur Show geworden, die Bundesliga zur Bühne vieler Eitelkeiten. Es heißt nicht umsonst, daß Sky derzeit versuche, quasi als Gegenleistung für das viele Geld, immer tiefer ins private Herz des deutschen Profifußballs einzudringen, entsprechende Formate plane. Diese Veränderung wird oft bedauert von Nostalgikern, weil es bisweilen grotesk wirkt, wie dieser Sport in Zeiten von dramatischen Wirtschaftskrisen und Jugendarbeitslosigkeit in Europa nicht nur scheinbar krisenfest ist, sondern sogar weiterhin in seiner eigenen Glitzerwelt lebt. Die Bundesliga wirkt unbeirrt und wie ein einziges langes Fest, das nur selten unterbrochen wird - dann, wenn anderswo alltägliche Gewaltexzesse auch unter Fans oder Suizide (wie im Fall Robert Enke) zu beklagen sind. Aber alles in allem gilt: Das Fernsehen hat aus dem einst schnöden Gekicke fürs Proletariat einen Amüsierbetrieb gemacht. Und gleichzeitig die ökonomische Entwicklung vorangetrieben. 

Im Grunde gilt das, seit RTL als erster Privatanbieter die Senderechte einst vor 25 Jahren für 40 Millionen Mark erwarb - und damit für den doppelten Betrag, den zuvor die öffentlich-rechtlichen Sender bezahlten. 

Ende der Achtziger begann dann die Zeit der ersten unterhaltsamen Fernsehshows zum Thema Fußball, die immer mehr ausgebaut wurden. Bis hin zur totalen Kommerzialisierung und Bespaßung. Heute ist die Bundesliga feinste Unterhaltungsware. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. 

Ein ganzes Land kann sich daran berauschen, wirkt elektrisiert, wenn wie im Mai 2013 erstmals gleich zwei deutsche Vereine um die Krone im europäischen Vereinsfußball kämpfen. Es war das Duell Bayern München gegen Borussia Dortmund um den Titel in der Champions League, einem Wettbewerb, bei dem von der Europäischen Fußball-Union UEFA ebenfalls längst über 1,3 Milliarden Euro umgesetzt werden. Jedes Tor ist Millionen wert, jedes Bild Hochglanz. Alles schick. Und während fast alle staunen und jubeln, macht sich einer wie Henning Vöpel auch hier seine ganz eigenen Gedanken. »Diese Champions League war schön für den deutschen Fußball, auf den ersten Blick«, sagt er. »Aber die Bundesliga könnte durch die Champions League beschädigt werden. Denn sie droht langweiliger zu werden, das Interesse der Zuschauer könnte nachlassen.« Nämlich dann, wenn Klubs wie Bayern und Dortmund, die allein in der vergangenen Saison über die Champions League jeweils fast sechzig Millionen Euro eingenommen haben, mit ihren finanziellen Mitteln weit vor allen anderen rangieren. Wenn sie in jeder Hinsicht immer mehr Möglichkeiten als die nationalen Mitbewerber haben - und folglich, denn Geld schießt ja Tore, weiter unbeirrt ihre Kreise ziehen. So, wie in den vergangenen beiden Spielzeiten. Letzte Saison war es nicht einmal mehr ein Zweikampf, sondern es dominierten nur noch die großen Bayern. »Die Bundesliga hat bisher ihre Spannung aus der Ausgeglichenheit bezogen, daß auch mal ein kleiner Klub oben mitspielen kann«, sagt Vöpel. 

»Wenn es nur noch diesen Zweikampf der beiden Großen und Reichen gibt, oder ständige Alleingänge eines Vereins, dann geht ein Teil des Reizes womöglich verloren.« Das Fazit des Experten: »Dann wird die Bundesliga auch diese Zuwachsraten nicht mehr haben wie in der Vergangenheit.« Für einen wie ihn geht es deshalb auch in der neuen Saison um viel mehr als nur um Punkte und Tore. 

Matthias Wolf, Jahrgang 1967, Leiter der Berliner Fernsehproduktionsfirma »media akzent«, beschäftigt sich als Autor häufig mit den wirtschaftlichen Zusammenhängen im Profifußball. Vor allem für das WDR-Hintergrundformat »sport inside« hat er bereits zahlreiche Fernsehbeiträge zu diesem Thema erstellt. 

 

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