Vier Deutschländer  

Der Rechtsanwalt Friedrich Wolff hat seine Erinnerungen geschrieben  

Erich Buchholz 

In: junge Welt online vom 29.07.2013 

 

Friedrich Wolff wurde 1922 als Sohn eines jüdischen Arztes und einer »arischen« Mutter in Berlin-Neukölln geboren. Als »Dissident in der Weimarer Republik«, wie Wolff das erste Kapitel seiner Autobiographie »Ein Leben. Viermal Deutschland« überschreibt, erlebte er den Niedergang der Weimarer Republik und die »Machtergreifung« der Faschisten. Für die war er »jüdischer Mischling«, »Halbjude«, entsprechend trafen ihn Verfolgungsmaßnahmen: Kein Studium, sondern dienstverpflichtet zur Firma »National Krupp Registrierkassen«, wo Zünder für Flakgranaten hergestellt wurden. Es folgte die Metallwarenfabrik Treuenbrietzen, die Munition für das neue MG 42 zu liefern hatte. Damit war er besser dran als andere: Als »Halbjude« hätte er in der Nazi-Organisation Todt am Atlantikwall bauen sollen. 

Nach der Befreiung vom Faschismus wurde ihm ein Minimum an Wiedergutmachung gewährt: Jurastudium an der 1946 so benannten Berliner Humboldt-Universität. Nach Ablegung des von der Militärregierung vorgegebenen (religiösen) Eides wurde er »Bonze in der DDR«, wie er dieses Kapitel überschreibt: Amtsrichter, Lehrer für Volksrichter, Hauptreferent in der Abteilung Justiz des Berliner Magistrats. Seine »Chefin« war Hilde Neumann, eine bereits in der Weimarer Republik angesehene und geachtete jüdische Anwältin. 

Kollegiumschef 

Dann aber wurde dieser »Bonze« aus kaderpolitischen Gründen aus dem Staatsapparat entfernt. Ihm wurde angeboten, Rechtsanwalt zu werden. Zu seinen ersten Mandanten (Pflichtmandat) gehörten Angeklagte, die am 17. 

Juni 1953 Straftaten begangen hatten. Später war er Verteidiger von Nazi- und Kriegsverbrechern und von Spionen, aber auch von Wolfgang Harich und Walter Janka. Mit seinen Mandanten stand er prozessual gegen den Staat DDR und hatte jeweils seine Überzeugung, die vielfach im Gegensatz zu dem der Strafverfolgungsbehörden stand, zu vertreten. Auch in Ehescheidungssachen war er gefragt, zumal das neue, die Gleichberechtigung von Mann und Frau gewährleistende DDR-Recht anzuwenden war. 

Völlig neue Aufgaben kamen auf ihn zu, als in der DDR »Kollegien der Rechtsanwälte« aufzubauen waren. Er wurde Vorsitzender des Berliner Gremiums mit Sitz in der Littenstraße, im zentralen Gerichtsgebäude, und leistete Beachtenswertes, obwohl die Bedeutung einer solchen sozialistischen Anwaltschaft in der DDR lange verkannt blieb. Durch seine Praxis ergaben sich viele Kontakte mit »der Partei«, so daß er »mitbekam«, woher »der Wind wehte«. Aus persönlichen Begegnungen mit der »roten Hilde«, der langjährigen Vizepräsidentin des Obersten Gerichts der DDR und danach Justizministerin Hilde Benjamin, weiß er, daß sie keineswegs »der Freisler-Typ« war, als der sie von Feinden dargestellt wurde und wird. 

Friedrich Wolff wurde im Laufe der Jahrzehnte in der DDR landesweit bekannt. Dazu trug bei, daß er nach dem Tod von Friedrich Karl Kaul 1981 dessen Sendung »Alles was Recht ist« fortführte. Am 15. Oktober 1989 lief die hundertste Ausgabe. 

Der »Unrechtsstaat« 

Sein »viertes Leben« im »vierten Staat« überschreibt er treffend mit »Verteidiger des rUnrechtsstaatesl im Rechtsstaat«. In diesem Kapitel schlägt sich, unter Einbeziehung von Einsichten, die ihm seine Eltern vermittelten, seine Sicht auf das ganze Jahrhundert nieder. Nach dem »Anschluß« per 3. Oktober 1990 mußte der DDR-Anwalt als erstes die grundlegenden Veränderungen in seinem Berufsstand verkraften. Die bundesdeutsche Rechtslage war ihm zwar nicht fremd, denn er hatte jenes alte Recht studiert, das - mit überschaubaren Änderungen - das Recht der BRD geblieben war. Aber jetzt mußte er unternehmerisch tätig sein, hatte nicht nur bei gesicherter Existenz lediglich seine Mandanten zu beraten und zu vertreten. Mandate mußten »akquiriert« werden, möglichst solche, die »etwas einbringen«, um das Büro halten zu können. Das mußte er nun »managen« und es dem westdeutschen Standard gemäß mit Hilfe eines Kredits in Höhe von 300000 D-Mark modernisieren. Andere Anwälte waren nun Konkurrenten, der Ton wurde rauher. Hinzu kam die seit den 70er Jahren aufgekommene »Anwaltsschwemme«: 1950 gab es 12844 Anwälte in der Bundesrepublik, 1990 schon 56638, zehn Jahre später 104097, heute sind es mehr als 150000. 

In dem Unterabschnitt »Honecker-Anwalt« versucht er, sich der Gedankenwelt des früheren DDR-Staatsoberhaupts zu nähern. Wolff erinnert daran, daß im Grunde der Kalte Krieg im Frühjahr 1945 begann, als Honecker noch im Nazizuchthaus saß. Insgesamt beschäftigt den Autor aber die »strafrechtliche Aufarbeitung« des »Unrechtsstaats DDR«. Sie erwies sich als eine rechtswidrige Strafverfolgung mit zahlreichen Unrechtsurteilen. 

Nicht einmal die öffentlich verkündeten Daten stimmten. Zunächst sei die Rede von 100000 Ermittlungsverfahren gewesen. Aber sogar der in Berlin zuständige Generalstaatsanwalt Christoph Schaefgen bekundete z.B. in einem 1994 veröffentlichten Aufsatz, er habe keinen genauen Überblick über die Zahl der anhängigen Verfahren wegen Rechtsbeugung. Zutreffend stellt Wolff fest: Die durch die BRD-Justiz verfolgten »Taten« waren am »Tatort« DDR nicht strafbar. Sie hätten daher gemäß dem Einigungsvertrag durch BRD-Behörden nicht verfolgt werden dürfen. 

Der Autor beendet sein Buch mit einem Rückblick: »Die DDR war ihm das liebste der vier Deutschländer. Sie führte keinen Krieg. (...) Juden oder Ausländer wurden in der DDR nicht diskriminiert. In ihr sah man keine Obdachlosen, gab es kein Hartz IV.« 

Friedrich Wolff: Ein Leben. Viermal Deutschland. Erinnerungen: Weimar, NS-Zeit, DDR, BRD. PapyRossa, Köln 2013, 248 Seiten, 15 Euro 

 

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