Darstellungen eines Tages  

Literatur. West- und ostdeutsche Schriftsteller zum 17. Juni 1953: Aus welcher Perspektive betreiben sie Politik mit literarischen Mitteln?  

Kai Köhler 

In: junge Welt online vom 15.06.2013 

 

Die Ereignisse um den 17. Juni 1953 herum bleiben umstritten. Die Artikel, die in diesen Tagen erscheinen, dürften das allerdings nur in geringem Maß abbilden, denn der Sieger schreibt bekanntlich die Geschichte. Dabei hat die Erzählung vom »Arbeiteraufstand«, der von brutalen Machthabern mit Panzern niedergewalzt worden sei, damals wie heute eine genau benennbare politische Funktion: nämlich die Klassenherrschaft über Arbeiter zu legitimieren. 

Freilich ist nicht zu leugnen, daß 1953 tatsächlich auch Arbeiter demonstrierten und daß sie für ihre Unzufriedenheit Gründe hatten. Es wäre seltsam, hätte der Westen dies nicht mitten im Kalten Krieg nach Kräften angestachelt. Und ebenso wäre es eine Überraschung, hätten gerade einmal acht Jahre nach der Befreiung nicht auch Faschisten auf eine Beseitigung der DDR hingearbeitet. Doch stellt sich die Frage nach der jeweiligen Bedeutung dieser Faktoren und auch nach ihrem möglichen Zusammenhang. 

Diese Frage wurde auch in literarischen Werken zu beantworten versucht. 

Einige von ihnen werden im folgenden vorgestellt. Vorrangiges Ziel ist nicht, ihre historische Richtigkeit zu bewerten. Vielmehr geht es darum, mit welcher Schreibstrategie, mit welcher Perspektivierung Politik literarisch betrieben wird, und zu welchem Zweck. 

Erste Reaktionen 

Bereits am 17. Juni griffen Schriftsteller in die Auseinandersetzung ein. 

Bekanntestes Beispiel ist Bertolt Brecht, von dem unter diesem Datum vier Briefe überliefert sind: Einer an den sowjetischen Botschafter Wladimir Semjonow, in dem er seine Verbundenheit mit der UdSSR ausdrückte; einer an Gustav Just (beim Zentralkomitee der SED für Kunst und Kultur zuständig), in dem Brecht einen aktuellen Rundfunkbeitrag des Berliner Ensembles anbot; einer an Otto Grotewohl, den Ministerpräsidenten der DDR, in dem Brecht gleichfalls vorschlug, dessen mögliche Rundfunkansprache mit Liedern und Rezitationen von Ernst Busch und anderen Künstlern zu umrahmen; und eine Solidaritätsadresse an den Generalsekretär des ZK der SED, Walter Ulbricht, und die gesamte Partei. 

Es ist dieser Text, von dem das Neue Deutschland am 21. Juni nur den letzten Absatz abdruckte, in dem Brecht seine Verbundenheit mit der SED ausdrückte. Die voranstehende Passage, in der er eine »große Aussprache mit den Massen über das Tempo des sozialistischen Aufbaus« forderte, blieb zunächst - zu Brechts Ärger - unpubliziert. Dabei war es ihm gerade auf die Einheit von prinzipieller Unterstützung der DDR einerseits und andererseits der Forderung, Initiativen und Meinungen aus der Bevölkerung verstärkt aufzugreifen, angekommen.Doch auch dies ist noch nicht das Gesamt von Brechts Position. In einem Brief an seinen Westverleger Peter Suhrkamp, der in der Bundesrepublik während der Anti-Brecht-Hetze im Kalten Krieg ohnehin schon keinen leichten Stand hatte, erklärt er auf Nachfrage seine Haltung: »Die Straße freilich mischte die Züge der Arbeiter und Arbeiterinnen schon in den frühen Morgenstunden des 17. Juni auf groteske Art mit allerlei deklassierten Jugendlichen, die durch das Brandenburger Tor, über den Potsdamer Platz, auf der Warschauer Brücke kolonnenweise eingeschleust wurden, aber auch mit den scharfen, brutalen Gestalten der Nazizeit, den hiesigen, die man seit Jahren nicht mehr in Haufen hatte auftreten sehen und die doch immer dagewesen waren.« Brecht verweist auf Parolen wie »Hängt sie!«, auf Bücherverbrennungen, auf Pogrome in der Provinz. 

In den wenigen Zeilen an Suhrkamp wie auch in den kurzen Notaten, die Brecht in diesem Umfeld anfertigte, sind alle wichtigen Motive versammelt, die in der DDR-Literatur in der Darstellung des 17. Juni prägend werden: wirtschaftliche Nöte, die zu allzu ehrgeizigen Plänen und Normen führen; ungenügende Kommunikation zwischen Partei und Arbeiterklasse; aber auch - damit eng verbunden - ein durchaus berechtigtes Mißtrauen gegen große Teile der Bevölkerung. Die wichtigsten Politiker der SED teilten mit den Schriftstellern wie Brecht die Erfahrung von Exil oder Inhaftierung; der Blick auf die Faschisten, von denen viele im feindlichen westlichen Teil Deutschlands wieder einflußreiche Positionen besetzt hatten, prägte eine durchaus realistische Wahrnehmung. 

Im Brief an Suhrkamp unterscheidet Brecht freilich genau zwischen Arbeitern einerseits, Nazis und westlichen Schlägern andererseits. Nur letztere hätten die Ausschreitungen verschuldet. Diese Trennung ist Voraussetzung der Forderung, künftig Maßnahmen nicht mehr administrativ zu verordnen, sondern sie gemeinsam mit den Werktätigen zu entwickeln. 

Eine solche Position war unter Künstlern kaum umstritten. Die Literaturgeschichte möchte heute große Autoren wie Brecht von jämmerlichen Dogmatikern unterscheiden, und für letztere muß Kuba herhalten. Tatsächlich hatte Kurt Barthel, der in neueren Publikationen auf ein trauriges Nachleben als Verfasser platter Propagandagedichte reduziert ist, als Sekretär des Schriftstellerverbandes von den Arbeitern Wiedergutmachung für den 17. Juni gefordert: Sie sollten künftig mehr arbeiten, um ihre »Schmach« zu tilgen. Diese unpraktische Moralisierung wurde zum Anlaß für Brechts Gedicht »Die Lösung«, das mit der sarkastischen Frage endet: »Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?« 

Tatsächlich aber hatte Kuba bereits am 16. Juni vor dem erweiterten Vorstand des Schriftstellerverbandes einen Vortrag gehalten, der in überarbeiteter Form im Augustheft 1953 der Neuen Deutschen Literatur (NDL), der Zeitschrift des Verbands, nachzulesen ist. Kuba distanzierte sich zwar nicht von den kulturpolitischen Kampfbegriffen »sozialistischer Realismus« und »Formalismus«, dehnte sie jedoch derart aus, daß sie ästhetisch beliebig wurden: »Sozialistischer Realismus in der Literatur ist eine Sache des Bewußtseins der einzelnen Schriftsteller«; er soll nicht befohlen, nicht dekretiert und nicht aufgezwungen werden. 

Der ganze Text entspricht literaturpolitisch den Beschlüssen des Politbüros der SED und des Ministerrats bereits vom 9. und 11. Juni, die wirtschaftspolitisch den Kurs forcierter Kollektivierung zurückgenommen und dem Bürgertum wieder Freiräume eröffnet hatten. Allerdings zielte Kuba nicht nur auf eine Bündnispolitik mit nichtsozialistischen Dichtern, sondern nahm auch die sozialistischen Schriftsteller in die Pflicht. Sie sollten nun, auch gegen Widerstände, Mängel und Fehler benennen: »Wir schrieben oft so, wie wir wünschten, daß es in unserer Republik sein sollte, aber wir schrieben nicht immer so, wie es in unserer Republik war.« 

Das NDL-Heft belegt eine Übereinstimmung des vorgeblich niederen Tagesdichters Kuba und des bedeutenden Modernen Brecht. Kuba bezeichnete Formalismusvorwürfe, die gegen Brecht gerichtet waren, als »Unverschämtheit«; umgekehrt schließt ein weiteres Gedicht, »Nicht feststellbare Fehler der Kunstkommission«, im Heft unmittelbar an Kubas Rede an. Seine Befürchtung in diesem Gedicht, das Bekenntnis von Fehlern könne allgemein-rhetorisch bleiben, aber konkrete Mängel aussparen, ist durch die literarische Diskussion nicht zu erhärten. 

Der Faschismus greift an 

Eine der frühesten literarischen Verarbeitungen des 17. Juni ist gleichzeitig bis heute eine der bekanntesten. Stephan Hermlins Erzählung »Die Kommandeuse« greift auf einen Fall zurück, den auch Brecht in seinem Brief an Suhrkamp erwähnt: Die als KZ-Aufseherin wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit inhaftierte Erna Dorn wurde am 17. Juni von Demonstranten befreit, spielte bei den Auseinandersetzungen in Halle eine nicht mehr exakt zu rekonstruierende Rolle, wurde jedenfalls wieder inhaftiert, zum Tode verurteilt und am 1. Oktober 1953 hingerichtet. 

Die historische Person Dorn ist schwer faßbar; denkbar ist immerhin, daß sie sich einiger der Greueltaten, die sie im KZ Ravensbrück begangen haben wollte, nur aus Geltungsdrang bezichtigte. Die Justiz im vereinten Deutschland hat sie 1994 willfährig rehabilitiert, wozu es jedenfalls keinen Anlaß gab. Wichtig ist hier, daß sie zur Symbolfigur der Nazibeteiligung an den Kämpfen des 17. Juni wurde, und als solche hat Hermlin sie gestaltet. 

Bei ihm heißt sie Hedwig Weber; die ganze außerordentlich geschlossen gestaltete Novelle ist aus ihrer Perspektive geschrieben. Ihre Befreiung, der durchgehende Wille zur Brutalität, aber auch die Schwierigkeit, sich in der überraschenden Situation zu orientieren; die Heuchelei derjenigen, die sie einsetzen: »Es spricht zu ihnen ein Opfer des kommunistischen Terrors, die ehemalige politische Gefangene Helga Schmidt.« 

Unter diesem falschen Namen redet die Faschistin von »Freiheit und Menschenwürde«, aber plant doch schon: »Ihr seid Mörtel, im besten Fall, wenn es um den Bau von Großdeutschland geht, und ihr wart ein Drecksmörtel beim letztenmal. Jetzt gebt ihr uns den kleinen Finger, ihr Idioten, aber wir nehmen die Hand dazu und alles übrige, und dann drehen wir euch durch den Wolf.« 

Sie wird erkannt und später gefangen; ihr Blick von oben auf den künftigen »Mörtel« hat keine Folgen. Doch es ist der Staat, der sie neutralisiert. 

Nicht die Gegenwehr von Partei oder klassenbewußten Arbeitern durchkreuzt ihre Pläne, sondern der Sicherheitsapparat. Gegen die faschistische Gefahr setzt Hermlin nicht auf demokratische Überzeugung, sondern auf organisierte Gegenmacht. Mit einer plebejischen Ästhetik wie der Brechts hat er nichts zu tun. 

Erfaßte Totalität 

Eine ganze Reihe von in der DDR entstandenen Romanen dagegen entwirft umfangreiche Gesellschaftsbilder, in denen Auseinandersetzungen auch zwischen Arbeitern eine zentrale Rolle spielen. Der bekannteste unter ihnen, Stefan Heyms »Fünf Tage im Juni«, konnte allerdings in der DDR nicht erscheinen. Der 1974 im Westen publizierte Text ist eine Umarbeitung der ein gutes Jahrzehnt zuvor unter dem Titel »Der Tag X« entstandenen Fassung; einstweilen ist schwer zu entscheiden, wie stark Heym geändert hat. 

Heym erzählt relativ straff, manchmal kolportagehaft, stets spannend die Entwicklungen zwischen dem 13. und dem 17. Juni - von ersten konspirativen Gesprächen in jenem Betrieb, der im Mittelpunkt des Buches steht, bis hin zu offenen Kämpfen. Es fehlt nicht das ganze negative Personal, das es in der Geschichte tatsächlich gab: Nazis, heruntergekommenes Gesindel, aber auch Sozialdemokraten, die aus dem Westen heraus die Unruhen zu organisieren versuchen. Es mag sein, daß Heym die Verbindung von politischer Konspiration und krimineller Halbwelt etwas zu sehr betont. 

Doch macht er auch nachvollziehbar, wie Arbeiter, die eigentlich nicht antisozialistisch eingestellt sind, durch den Verlauf der Ereignisse auf die Feindseite gezogen werden. 

In gewisser Weise ist der Roman eine Doppelbiographie: zum einen des Genossen Witte, der früh vor Gefahren warnt, darum Ärger mit seiner Partei bekommt und während dieser fünf Tage mit bedingtem Erfolg versucht, die politische Kontrolle über seinen Betrieb zu behalten; zum anderen des Arbeiters Kallmann, der sich aus gewerkschaftlichem Bewußtsein heraus gegen Normerhöhungen wehrt und ohne bösen Willen, vom westlichen Gegner instrumentalisiert, gewalttätig gegen die eigenen Interessen auftritt. 

Um diese beiden Personen herum ist eine ganze Anzahl weiterer Lebensläufe gruppiert. In großer Verdichtung beschreibt Heym, wie der 17. Juni für Menschen auf allen Seiten eine politische Entscheidung erzwingt und so einen Schritt der Persönlichkeitsentwicklung darstellt. Diese Entwicklung ist nicht immer positiv; doch ist Heyms Parteinahme eindeutig. Auf seiten der Verteidiger der sozialistischen Ordnung bewähren sich zuletzt auch diejenigen, die anfangs politische Fehler machten; auf seiten ihrer Gegner führt die Entwicklung notwendig zu jener Entmenschung, die Heym in Szenen von Chaos und Plünderung plastisch darzustellen weiß. 

Historisch rettete am Ende nur die Gewalt; Heym macht auch dies nachvollziehbar, indem er beschreibt, wie sich die Gewalt des »Arbeiteraufstands« am Ende gegen Arbeiter richtete. In Anna Seghers' Roman »Das Vertrauen« (1968) ist der 17. Juni zwar nicht Thema des ganzen Buchs, doch ein wichtiges Motiv. Auch hier kämpfen in einem fiktiven Werk Kossin Arbeiter gegen Arbeiter; auch hier kommt durch die Gewalt der Aufständischen gerade eine unschuldige Arbeiterin ums Leben. Bei Seghers wie bei Heym ist der 17. Juni als Konterrevolution gezeichnet, damit aber als Chance der Bewährung: Rettet der Kampf bei Heym Wittes Parteikarriere, so kann der junge Thomas als Zentralgestalt bei Seghers seinen Ruf, der durch unbedachte Kontakte zur Westberliner Halbwelt fast schon ruiniert war, wiederherstellen. 

Was die Protagonisten des Aufstands angeht, zeichnet Seghers eine groteske Kombination: Der Brigadier Weber wird von seinem sozialdemokratischen Vater angestachelt, der aber ein glaubwürdiger Gegner des Faschismus war; für seinen Verbündeten Fritz Wendig, der das umkämpfte Fabrikgelände sondiert wie »im Krieg vor jedem Angriff«, ist der 17. Juni die Fortsetzung des faschistischen Krieges. Beide führen Gruppen von Arbeitern an, die schließlich durch eine Kette von klassenbewußten Arbeitern gehindert werden, in die Stadt zu marschieren. Es kommt nun darauf an, das Eingreifen sowjetischer Panzer zu verhindern: Der Parteisekretär Richard erreicht es gegen die Bedenken der Fabrikleitung, daß die Truppen außerhalb des Werks bleiben, daß also - gegen die geschichtliche Hauptlinie - der deutsche Konflikt unter Deutschen geklärt wird. 

Eine ausführliche Würdigung hätte Inge von Wangenheims Roman »Am Morgen ist der Tag ein Kind« (1958) verdient; durch die Schilderung eines Betriebsausflugs entwirft sie ein umfassendes Gesellschaftspanorama. Eine Dampferfahrt bringt die Belegschaft eines Berliner Theaters am Morgen des 16. Juni an den südlichen Stadtrand. Auf der Hinfahrt ist die Gruppe sozial und politisch zerspalten und sind die Kommunisten eine kleine Minderheit. 

Ein Kollektiv entsteht erst, als ein Schaden am Schiffsmotor sie dazu zwingt, draußen vor der Stadt zu übernachten und die Leute Opfer eines Angriffs randalierender Jugendlicher werden. Die Rückfahrt ist bereits von Gerüchten über die laufenden Auseinandersetzungen geprägt, doch können sich sogar die SED-Mitglieder nicht darauf vorbereiten, da der DDR-Rundfunk keine brauchbaren Informationen sendet. 

Dennoch erweist sich die Geschlossenheit, die die Belegschaft in der vorangegangenen Nacht erreicht hat, als stabil. Die Gruppe zerfällt nach der Landung nicht, sondern geht durch das Chaos, das mittlerweile auf den Straßen herrscht, geschlossen zum Arbeitsplatz, dem Theater - auf diese Weise ein Gegenbild zum Streik. 

Das ist weitaus weniger schematisch geschrieben, als es in der Zusammenfassung klingt: Wangenheim schildert durchaus widersprüchliche Persönlichkeiten und weiß individuelle und soziale Voraussetzungen politischer Wandlungsprozesse überzeugend zu gestalten. Sie vermag Szenen mit wenigen Sätzen plastisch zu entwerfen; eine Wiederauflage des Romans wäre wünschenswert. 

Sichtweisen aus der BRD 

Nur wenige Schriftsteller aus der Bundesrepublik waren an Vorgängen in der DDR so interessiert, daß sie sich der Schwierigkeit stellten, eine Gesellschaft zu beschreiben, in der sie selbst nicht lebten. Es ist kein Zufall, daß zwei der drei in diesem Abschnitt vorgestellten Texte von Übersiedlern aus der DDR stammen. 

Uwe Johnson war 1959 nach Westberlin gezogen. Sein Roman »Das dritte Buch über Achim« (1961) erprobt freilich die umgekehrte Blickrichtung. Die Perspektive ist meist die des westdeutschen Schriftstellers Karsch, der in der DDR ein Buch über den Radsportler Achim zu schreiben unternimmt. Dabei versucht er, im Gegensatz zu offiziellen Vorgaben und auch Achims Wünschen, Brüche in der Biographie des Sportlers hervorzuheben. Der Plan scheitert, als Karsch ein Bild zugespielt bekommt, das die Beteiligung Achims an einer Demonstration am 17. Juni belegt. Das Buch bleibt ungeschrieben, Karsch reist zurück. 

Die Schilderung ist politisch ganz aus der westlichen Sicht des Kalten Krieges gehalten. Es entsteht das Bild einer spontanen, friedlichen Menge, die sogleich beschossen wird. Verbrannt werden in diesem Roman keine Bücher, sondern Akten der Unterdrücker; und auch das geht noch »ordentlich« vonstatten. Überhaupt: »Aber sie waren nicht verabredet. Sie verbrüderten sich: Sie waren ausgelassen wie auf einem Jahrmarkt«, bis dann die Panzer kommen. 

Zwar streut Johnson ab und an Distanzierungsfloskeln ein wie: »Karsch hatte sich gesagt sein lassen«; doch weil ohnehin nichts anderes gesagt wird, als die bundesrepublikanischen Leser erwarten, bleiben solche erzählerischen Mechanismen zumindest in der Passage zum 17. Juni wirkungslos. 

Viel besser begründet ist die Perspektivwahl in Erichs Loests autobiographischem Buch »Ein Riß geht durch die Welt«, das der Schriftsteller unmittelbar nach seiner Übersiedlung in den Westen 1981 publizierte. Loest berichtet in der dritten Person über »L.«, 1953 noch Parteimitglied und auf seiten derjenigen, die die Existenz der DDR verteidigten. Die Distanznahme ist sicherlich durch Loests Entwicklung in den folgenden 30 Jahren begründet, aber auch dadurch, daß man kaum mehr wissen kann, wer man vor drei Jahrzehnten war: Zu sehr ist das Selbstbild von Erinnerungen und Erzählungen überlagert. 

L. nun also, als noch überzeugter Kommunist, wird in den Wochen nach Stalins Tod durch erste Auseinandersetzungen in der Sowjetunion beunruhigt, hat nach dem 9. Juni keine ausreichenden Informationen, um den »Neuen Kurs« der SED einzuordnen und sieht sich im Schriftstellerverband durch die Gewalt der Aufständischen bedroht: Der Schriftsteller Max Zimmering kommt blutend und mit zerrissenem Jackett zur Sitzung, weil er nicht bereit gewesen war, sein Parteiabzeichen abzunehmen. Ein Rundgang draußen bringt keine Beruhigung: »An der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden war inzwischen der Teufel los: Ein Zeitungskiosk stand in Flammen, ein Dutzend junger Burschen, Schlägertypen, beherrschte die Szene.« Anders als früher Brecht unterscheidet Loest nicht scharf zwischen protestierenden Arbeitern und solchen Schlägern; aber auch er berichtet von westlichen Geheimdienstlern, die »Arbeitslose und Kriminelle, Jugendliche mit dem Drang zum Abenteuer, Russenfeinde und Rowdys« mit dem Versprechen auf 50 Mark zum »freiheitlich motivierten Brennen und Plündern« über die Grenze geschickt haben. 

Der spätere, durchaus antikommunistische Loest ist korrekter Beobachter genug, um nicht die Beschreibung gemäß den Erwartungen seines neuen, westlichen Zielpublikums zu verfälschen. Seine Kritik setzt da ein, wo er die Versprechen des »Neuen Kurses«, etwa nach offenerer Diskussion, nach wenigen Wochen zurückgenommen sieht. 

Etwas ganz anderes findet sich in dem bekanntesten bundesrepublikanischen Werk zum 17. Juni, Günter Grass' Theaterstück »Die Plebejer proben den Aufstand«. Im Mittelpunkt steht »Der Chef«, Theaterleiter und Fan proletarischer Revolutionen. Er arbeitet gerade an einer Adaption von Shakespeares »Coriolanus«, in der er gegen die Herrschergestalten den plebejischen Aufstand aufzuwerten plant. Zu seinem Unglück dringen reale Plebejer in sein Theater ein und erwarten, daß er den realen Aufstand vom 17. Juni unterstützt. Der »Chef« versucht, den revolutionären Gestus in seine Inszenierung einzubauen, er laviert politisch, und als er schließlich von den ungeduldigen Arbeitern bedroht wird, rettet ihn sein Mitarbeiter ausgerechnet mit jener Körperparabel, mit der in Shakespeares Stück Herrschaft - und damit hier der Chef - gerechtfertigt wird: Die Körperteile müssen für den Magen arbeiten, denn ohne Magen sind sie nicht lebensfähig. 

Nicht nur durch die Arbeit am »Coriolanus«, auch durch zahlreiche andere Einzelheiten ist der »Chef« unschwer als Brecht zu dechiffrieren. Grass stellt diese kaum getarnte Brecht-Karikatur als politisch hilflos und opportunistisch dar; daß die Figur am Ende ein wenig Schuldbewußtsein empfindet, mag sie menschlich retten, ändert aber nichts an der Stoßrichtung des Stücks. 

Um dies zu erreichen, manipuliert Grass die Realität auf vielfache Weise. 

Bei ihm stehen nicht die Nazis auf der Seite der Revolteure, sondern kann einer der aufständischen Arbeiter eine Tätowierung vorzeigen, die ihn als ehemaligen KZ-Häftling ausweist. Zudem stellt Grass Arbeiter auf die Bühne, die nichts von Westunterstützung für den Aufstand wissen. 

Dabei zielt Grass nicht darauf, den Aufstand vom 17. Juni ein weiteres Mal zu verklären; solche Reden waren 1967 schon lange Begleitmusik zu dem netten Frühlingsfeiertag geworden, den man im Westen noch bis 1990 genießen konnte. Vielmehr geht es ihm darum, Brecht zu denunzieren, dem er folgerichtig kein einziges politisches Argument läßt und den er zum Nur-Ästheten erniedrigt. Aber auch dies ist lediglich Mittel: nämlich um in den Auseinandersetzungen in der BRD durch den Angriff auf Brecht den linken Flügel im Literatur- und Theaterbetrieb zu schwächen und einen reformistischen SPD-Kurs durchzusetzen. 

Es fehlt hier viel. Mindestens anschließen müßte die Darstellung, wie in der Konsolidierungsphase der DDR der 17. Juni Episodenstoff in Romanen wie Hermann Kants »Das Impressum« (1972) wird, in denen auf die Konflikte der Frühzeit Rückschau gehalten wird. Anschließen müßte auch, wie Heiner Müller in »Germania Tod in Berlin« (1956-1971) und besonders Thomas Brasch in »Rotter« (1978) den Akzent von einer Auseinandersetzung im Klassenkampf zu einem explizit deutschen Konflikt verlagern. Doch dürfte deutlich geworden sein, daß literarische Darstellungen des 17. Juni stets Versuche darstellen, das Geschichtsbild zu prägen und damit Stellungen in aktuellen Kämpfen zu behaupten. 

Kai Köhler lebt als Literaturwissenschaftler und Publizist in Berlin. Am 25. Juni trägt er auf der Habbema-Bühne, Mülhauser Str. 6 in Berlin, eine erweiterte Fassung dieses Beitrags vor, und es gibt die Möglichkeit zur Diskussion. 

 

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Der 17. Juni 1953. Internationale Aspekte und Fragen der historischen Wertung 

Vortrag von Prof. Dr. Siegfried Prokop, Bernau 

In: Mitteilungen der Kommunistischen Plattform Juni 2013

 

Vortrag, gehalten auf der 3. Tagung der 16. Bundeskonferenz der Kommunistischen Plattform am 27. April 2013. Dazu bemerkte Ellen Brombacher einleitend: Genosse Professor Dr. Siegfried Prokop wird zu Ursachen des 17. Juni zu uns sprechen und sich dabei vor allem mit dessen internationalen Rahmenbedingungen befassen. Dieses Thema ist ein sehr umstrittenes, auch innerhalb unserer Partei. Niemand, der über den 17. Juni spricht, wird zu allem von allen Zustimmung erhalten. Es ist eine Frage der politischen Kultur, mit solchen Differenzen umzugehen, und als wir uns im Bundeskoordinierungsrat verständigt haben, dass wir Siegfried Prokop bitten wollen, hier heute zu sprechen und er dankenswerterweise sofort seine Bereitschaft erklärt hat, sind wir davon ausgegangen, dass wir diese Kultur, mit Meinungsverschiedenheiten umzugehen, eigentlich in der Vergangenheit immer bewiesen haben. Ich bitte nun Siegfried Prokop, das Wort zu nehmen.  

Bei diesem Vortrag soll keine allumfassende Sicht angeboten werden. Es geht vielmehr um internationale Aspekte und um Probleme der historischen Wertung des 17. Juni 1953. Ausführlicher habe ich mich in zwei Publikationen mit dem 17. Juni befasst. [1]  

Der 17. Juni 1953 gehört zu den Ereignissen der DDR-Geschichte, die von den beiden Lagern des Ost-West-Konfliktes am meisten mythologisiert worden sind. Weder der Westen noch der Osten wollten zulassen, dass über die Vorgänge den Realitäten entsprechend gesprochen und geschrieben wird. Ost und West trafen sich in der Übertreibung. Was dort "Volksaufstand" genannt wurde, hieß hier "faschistischer Putsch". Mit fortschreitender Erforschung der Vorgänge im Juni 1953 wurde auf beiden Seiten ein wenig differenziert: dort "Arbeiteraufstand" und hier "konterrevolutionärer Putschversuch". Es blieb bei der politischen Instrumentalisierung und Mythologisierung. Mythen sind Herrschaftskitt, und der wurde auf beiden Seiten für erforderlich gehalten. Die DDR-Führung konnte und wollte nicht zugeben, dass der Juni-Konflikt vor allem auch hausgemachte Ursachen hatte. Für den Westen konnte durch den Aufstands-Mythos von der Tatsache abgelenkt werden, dass die Entscheidung für die Westintegration der Bundesrepublik Deutschlands Einheit für lange Zeit unmöglich machte.  

Seit dem 3. Oktober 1990 besteht eine gänzlich andere Situation. Noch gibt es erhebliche Probleme mit der "inneren Einheit". Dies könnte und sollte Anlass sein, jetzt endlich mit der sachlichen Erörterung des Konflikts vom Juni 1953 zu beginnen. Das in der Öffentlichkeit bis heute präsentierte Bild vom 17. Juni ist noch immer belastet dadurch, dass die belegbaren Fakten mit den Desinformationen der Geheimdienste vermischt angeboten werden. Noch immer wird der Öffentlichkeit ein Sammelsurium von Dichtung und Wahrheit zugemutet. [2] Die kritische Trennung von Information und Desinformation ist überfällig.  

In bisherigen Darstellungen wird in der Regel vernachlässigt, dass der 17. Juni ein Kulminationspunkt zweier Konfliktstränge war:  

1. einer veränderten Deutschlandpolitik der UdSSR von Ende Mai bis Ende Juni 1953, die auf einen Kompromiss mit dem Westen aus war; die Churchill-Rede vom 11. Mai 1953 bildete dazu den Ausgangspunkt! Später wurde diese Phase von sowjetischer Seite auf das Schlagwort "Berija" verkürzt.  

2. der Systemkrise des Ostblocks am Ende der Stalin-Ära, die vor allem für die DDR mit einer Überforderung der Kräfte verbunden war: Reparationszahlung, Kasernierte Volkspolizei KVP (nach Stalin eine Armee in gleicher Stärke wie die deutsche Armee im Westen), Bezirksbildung, LPG-Bildung und "Verschärfung des Klassenkampfs".  

Die Deutschland-Initiative von Winston S. Churchill  

Zur Eröffnung der außenpolitischen Debatte hielt Premierminister Sir Winston Churchill am 11. Mai 1953 eine Rede. Er nutzte gewissermaßen die Gunst der Stunde, dass Außenminister Anthony Eden wegen Krankheit sein Amt nicht ausüben konnte, für die Übernahme des außenpolitischen Ressorts. [3] Churchill hob hervor, dass die deutsche Frage das beherrschende Problem in Europa sei. Er stellte fest, dass der Abschluss eines Friedensvertrages mit Deutschland seit dem Potsdamer Abkommen nicht näher gerückt sei. Großbritannien werde alle Verträge mit Westdeutschland in vollem Umfange erfüllen. Erforderlich sei eine Konferenz auf höchster Ebene, die nicht durch eine strenge Tagesordnung belastet werde.  

Churchill ging detailliert auf die Änderungen in der Sowjetunion nach dem Tode Stalins ein. Eine jede Verbesserung der Beziehungen zu Russland werde von der britischen Regierung begrüßt: "Es würde, wie ich glaube, ein Fehler sein, anzunehmen, dass mit der Sowjetunion nichts geregelt werden kann, sofern oder solange nicht alles geregelt wird. Die Regelung von zwei oder drei unserer Schwierigkeiten würde ein wichtiger Gewinn für jedes friedliebende Land sein." [4] Churchill hielt die innere Veränderung in der Sowjetunion für wichtiger als alles, was außerhalb des Landes geschah. Die Sowjetunion müsse einen hohen Platz in Weltangelegenheiten einnehmen, "ohne dabei ein unbefriedigtes Gefühl hinsichtlich der eigenen Sicherheit zu haben." [5]  

Am 24. Mai veröffentlichte die "Prawda" einen Leitartikel zu Churchills Rede vom 11. Mai. Die "Prawda" hob Churchills Position hervor, dass das Problem der Sicherheit Russlands mit der Freiheit und Sicherheit Westeuropas in gegenseitigem Einvernehmen lösbar sei. Sie wies auf Gemeinsamkeiten und Meinungsunterschiede zwischen Großbritannien und den USA hin und machte Einwände zu Churchills Positionen hinsichtlich des "Geistes von Locarno" geltend. Das Deutschlandproblem werde auch von der UdSSR als das "dominierende Problem Europas" [6] angesehen. Mit Recht habe Churchill den Überlegungen zum Deutschlandproblem eine besondere Bedeutung zugedacht. Jedoch sei Churchills Behauptung abwegig, "die sowjetische Politik sei die Ursache der Zuspitzung des Deutschlandproblems." [7] Churchill habe schließlich mit keinem Worte "die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands" erwähnt, "die entscheidende Bedeutung nicht nur für Deutschland selbst, sondern auch für die Sicherheit in Europa und in der ganzen Welt hat." [8] Die "Prawda" wurde noch deutlicher: "Es muss allen klar sein, dass die Zerstückelung Deutschlands die Wiederherstellung eines Herdes der Kriegsgefahr im Herzen Europa bedeutet. Das deutsche Volk wird sich mit dem Verlust seiner Einheit, die es vor noch nicht hundert Jahren um den Preis großer Anstrengungen und Opfer errungen hat, nicht abfinden. Deshalb besteht die Hauptaufgabe im Hinblick auf Deutschland darin, die gegenwärtige Spaltung des deutschen Staates zu beseitigen und einen Friedensvertrag mit Deutschland vorzubereiten und abzuschließen, der den grundlegenden Prinzipien des Potsdamer Abkommens der Großmächte entspricht und die Schaffung eines einheitlichen, demokratischen und friedliebenden Deutschlands gewährleistet." [9] Der Hauptakzent, der mit dem "Prawda"-Kommentar gesetzt wurde, hieß Herstellung der deutschen Einheit!  

Die Sowjetunion, deren neue Führungsmannschaft nach Stalins Tod aus der festgefahrenen Politik herauswollte, hatte in Bezug auf Deutschland ein ganzes Problem-Bündel neu zu durchdenken. Eine hieb- und stichfeste Konzeption für die Deutschlandpolitik war daher nicht sofort zu erwarten, zumal die Machtverhältnisse nach Stalins Tod im Moskauer Parteipräsidium sich in einem eher labilen Gleichgewicht befanden.  

Jedoch kam es schon am 28. Mai 1953 zu einem erstaunlichen Beschluss des Ministerrates der UdSSR. Der Oberkommandierende der sowjetischen Truppen wurde von der Ausübung der Kontrollfunktionen in der DDR entbunden und die Sowjetische Kontrollkommission in Deutschland (SKK) aufgelöst. Anstelle der SKK wurde das Amt eines Hohen Kommissars geschaffen. Aufgabe des Hohen Kommissars wurde die Vertretung der Interessen der Sowjetunion in Deutschland. Zwei spezifische Aufgaben wurden dezidiert herausgestellt: die "Überwachung der Tätigkeit der staatlichen Organe der Deutschen Demokratischen Republik im Hinblick auf die Erfüllung der Verpflichtungen, die sich aus den Potsdamer Beschlüssen der alliierten Mächte über Deutschland ergeben" [10] sowie die Aufrechterhaltung der entsprechenden Verbindung mit den Vertretern der Besatzungsbehörden der USA, Großbritanniens und Frankreichs in den Fragen gesamtdeutschen Charakters, die sich aus den vereinbarten Beschlüssen der vier Mächte über Deutschland ergeben." Zum Hohen Kommissar der Sowjetunion in Deutschland wurde Botschafter W. S. Semjonow ernannt.  

Mit dem Amt des Hohen Kommissars stellte die UdSSR strukturell die Kompatibilität zu den westlichen Besatzungsmächten her, deren Hohe Kommissare Conant (USA), Francois-Poncet (Frankreich) und Kirkpatrick (Großbritannien) waren.  

Die Krise der DDR, die im Ergebnis des im November 1952 begonnenen sektiererischen Kurses des "beschleunigten Aufbaus des Sozialismus" [11] sich rasch zuspitzte, spielte hier wesentlich mit hinein. Ende Mai 1953 beschloss die KPdSU-Führung Maßnahmen zur Gesundung der politischen Lage in der DDR. In diesem Beschluss hieß es: "Als Hauptursache der entstandenen Lage ist anzuerkennen, dass gemäß den Beschlüssen der Zweiten Parteikonferenz der SED, gebilligt vom Politbüro des Zentralkomitees der KPdSU (B), fälschlicherweise der Kurs auf einen beschleunigten Aufbau des Sozialismus [12] in Ostdeutschland genommen worden war ohne Vorhandensein der dafür notwendigen realen sowohl innen- als auch außenpolitischen Voraussetzungen." [13] Das war praktisch die Weichenstellung für eine Kurskorrektur in der DDR [14], deren weitgehende Ziele von Berija, aber auch von Malenkow und dem wieder ins Amt gerufenen Molotow [15] verfochten wurden: Etablierung einer bürgerlichen Regierung in der DDR als Voraussetzung für eine Wiedervereinigung, die für die UdSSR vorteilhafte Rahmenbedingungen schuf, wie z. B. die Verlängerung der Reparationsleistungen und die Verwirklichung eines Wiederaufbauprogramms für Russland, die Ukraine, Weißrussland und das Baltikum, wozu Deutschland eine technische Hilfe in der Höhe von zehn Milliarden Dollar zu erbringen gehabt hätte. Zunächst sollte der SED-Generalsekretär Walter Ulbricht durch Rudolf Herrnstadt, Chefredakteur des "Neuen Deutschland", ersetzt werden, der ein Papier zur Modernisierung und Demokratisierung der SED ausgearbeitet hatte. [16] Der Liberaldemokrat Herman Moritz Kastner war als neuer Ministerpräsident vorgesehen. [17]  

Kurskorrektur als jähe Wende  

Vom 2. bis 4. Juni 1953 fand in Moskau eine Beratung des Parteipräsidiums der KPdSU mit einer Delegation des Zentralkomitees der SED, der Otto Grotewohl, Fred Oelßner und Walter Ulbricht angehörten, über eine radikale Kurskorrektur in der DDR statt. Dabei kam es offenbar zu scharfen Meinungsverschiedenheiten. Im Juli-Plenum des KPdSU-Präsidiums berichtete Nikita S. Chruschtschow über die Gespräche: "Die Führer der DDR hatten Fehler begangen, sie hätten berichtigt, nicht aber geringschätzig behandelt werden dürfen. Als wir diese Frage erörterten, schrie Berija den Genossen Ulbricht und andere deutsche Genossen derart an, dass es schon peinlich war." [18] Der in Berlin amtierende ZK-Sekretär Hermann Axen erhielt noch vor der Rückkehr Ulbrichts und Grotewohls Besuch von Alexander L. Orlow, dem bisherigen Leiter der Informationsabteilung der Sowjetischen Kontrollkommission. Dieser übergab ein chiffriertes Telegramm, das von Grotewohl und Ulbricht in Moskau unterzeichnet worden war. [19]  

Am 3. Juni fand eine Politbürositzung unter Leitung von Heinrich Rau statt, an der als Berichterstatter Hermann Axen und Friedrich Ebert teilnahmen. Das Politbüro beschloss in Übereinstimmung mit dem Telegramm Grotewohls und Ulbrichts, die wissenschaftliche Session an der Parteihochschule "Karl Marx" zu verschieben, die Broschüren, die zum 60. Geburtstag Walter Ulbrichts vorbereitet waren, seien zu überprüfen und der "Druck und (die) Herausgabe aller Bücher, Broschüren usw. über die II. Parteikonferenz und die Verwendung der Beschlüsse der II. Parteikonferenz" [20] sofort einzustellen. Das Politbüro bestätigte einen Brief an die Sekretäre der SED-Bezirksleitungen, der sie zu einem entsprechenden Kurswechsel aufforderte. Die Orientierung gehe künftig in Richtung eines demokratischen Deutschland, kommentierte Axen aus dem Rückblick auf dem Höhepunkt seines Lebens die Konsequenz des angeordneten Kurswechsels. [21]  

Der "Neue Kurs", der am 9. vom Politbüro und am 11. Juni 1953 vom Ministerrat beschlossen worden war, berücksichtigte wesentliche Aspekte nicht, die für eine Lösung der Krise erforderlich gewesen wären. Zu fragen ist, ob das nur ein Versehen, eine Dummheit oder volle Absicht war. Besonders schwerwiegend wirkte sich die Nichtrücknahme der administrativen Normenerhöhung aus. Praktisch wurde dies zum Auslöser von Streiks und Demonstrationen vor allem von Arbeitern, die am 16. und 17. Juni 1953 in einigen Städten aufruhrartigen Charakter annahmen. Warum wurde das Ruder so jäh herumgerissen? Rudolf Herrnstadt, der am 10. Juni das für die Öffentlichkeit bestimmte Kommuniqué entwerfen musste, kamen schwere Bedenken: "Je mehr ich versuchte, das Kommuniqué in der aufgetragenen Weise (4-5 Seiten, kurze, erschöpfende, mitreißende Aufzählung) zu schreiben, desto klarer wurde mir, dass es in der vorgesehenen Form eine nicht zu verantwortende Chocwirkung in der Partei und in der Öffentlichkeit hervorrufen müsse." [22] Schon Ulbricht hatte diese Einwände gehabt und Semjonow vorgetragen. Ohne Erfolg. Nachdem auch Herrnstadt seine Einwände dem Hohen Kommissar vorgetragen und für etwas mehr Zeit plädiert hatte, antwortete dieser: "In 14 Tagen werden Sie vielleicht schon keinen Staat mehr haben." [23]  

Wer die Fäden im Zusammenhang mit den provozierenden Kräften zog, die im Eisensee-Report geschildert werden, ist noch nicht geklärt worden. Arnold Eisensee, Leiter des Funkstudios Stalinallee, hatte in seinem Report beschrieben, welcher Sprengstoff in dem Tribüne-Artikel [24] steckte und wie schwierig es war, die Lage auf der Baustelle Stalinallee zu beruhigen. Da sei etwas Außergewöhnliches geschehen, befand Eisensee: "Die auf Block 40 versammelten Funktionäre atmeten gerade tief durch und wollten sich eine kleine Pause gönnen, als urplötzlich eine gänzlich unvermutete und auch für mich unfassbare Situation entstand. Denn da radelten, von der Auerstrasse kommend, zwei Bauarbeiter die Löwestrasse herauf. Der eine steckte in Maurerkleidung, der andere – ein bulliger Zweimetermann – trug blaue Maurerklamotten. 'Kollegen!' rief der Maurer. 'Helft uns!' der Monteur. 'Die Vopo hat das Krankenhaus umzingelt und uns eingeschlossen!' 'Die Tore dichtgemacht!' 'Wir sind umstellt!' Sechzig, siebzig, hundert Maurer, Betonierer, Elektriker, Rüster und Transporter kehrten um, rannten herbei: 'Hauen wir sie raus!' 'Nieder mit der Vopo!' 'Weg mit den Normen!' 'Auf zum Krankenhaus!'" [25] In wessen Auftrag wiegelten der Maurer und der Monteur, die keiner kannte, die Bauarbeiter auf?  

Schon frühzeitig wurde die These in Betracht gezogen, die Juniunruhen in der DDR seien auf sowjetische Initiative entstanden. [26] Am 18. Juni telegrafierte der britische Botschafter in Paris, Oliver Harvey, nach London, dass die Sowjets anfangs die Demonstrationen und Streiks geduldet, wenn nicht gar unterstützt hätten. Er verwies dabei auf Berichte des französischen Hochkommissars, André François-Poncet. Sie hätten jedoch nicht damit gerechnet, dass sich hieraus Gewalt und größere Dimensionen entwickeln könnten. Ihr Kalkül habe darin bestanden, dass durch den öffentlich demonstrierten Unwillen über die wirtschaftlichen Maßnahmen der DDR-Regierung es möglich würde, die in Ungnade gefallenen Spitzenfunktionäre ihrer Ämter zu entheben.  

Auch der Leiter des Amtes für Verfassungsschutz, Otto John, hielt die ursprüngliche Demonstration vom 16. Juni für ein abgekartetes Spiel der Sowjetischen Behörden in Berlin.  

Die österreichische Delegation in Berlin konstatierte am 20. Juni 1953, dass die ursprünglich von den Sowjets geplante Protestaktion in eine allgemeine spontane Erhebung übergegangen sei. Das Ziel sei anfangs die Auswechslung der "Pankower Garnitur" gewesen. Die chaotische Fortentwicklung über das Ziel hinaus habe schließlich zur "vollständigen Erstickung" mit Hilfe des Ausnahmezustandes geführt.  

Am 27. Juni 1953 fand ein Treffen der westlichen Alliierten Hohen Kommissare statt, auf dem François-Poncet erneut davon sprach, dass die Streiks und Demonstrationen am 16. Juni 1953 im Einverständnis mit den Sowjets stattgefunden hätten. Er fügte hinzu, dass die Behörden der DDR die ursprüngliche Demonstration der Bauarbeiter sowohl organisiert als auch genehmigt hätten. Der österreichische Historiker Michael Gehler, der dazu das relevante Archivmaterial gesichtet hat, hob hervor: "Als Beweis führte er (François-Poncet – d. Vf.) an, dass die VP hierbei inaktiv war und mit den Demonstranten in 'weiser' Voraussicht überein zu stimmen schien, dass Minister Fritz Selbmann eine Antwortrede an die Vertretung der Streikkomitees halten und dabei die Abschaffung der erhöhten Normen ankündigen würde, wahrscheinlich in der Hoffnung, dass dann alles zufriedenstellend enden würde." [27] Französischen Diplomaten war aufgefallen, dass diensthabende Polizeibeamte außerhalb der Gebäude, vor denen sich die Demonstranten versammelten, am 16. Juni entgegen der sonst üblichen Norm keine Waffen getragen hatten.  

Diese Sicht entbehrt gewiss nicht der Logik. Das SED-Politbüro hatte am 16. Juni in der Zeit von 9 bis 11 Uhr getagt und die Aufhebung der administrativen Normerhöhung beschlossen. In dem Beschluss wurde ausgeführt: "Das Politbüro hält es zugleich für völlig falsch, die Erhöhung der Arbeitsnormen in den Betrieben der volkseigenen Industrie um 10 Prozent auf administrativem Wege durchzuführen. Die Erhöhung der Arbeitsnormen darf und kann nicht auf administrativem Wege durchgeführt werden, sondern einzig und allein auf der Grundlage der Überzeugung." [28] Der Regierung und dem FDGB wurde vorgeschlagen, den Beschluss vom 28. Mai 1953 in dem Sinne zu überprüfen, dass die obligatorische Erhöhung der Arbeitsnormen aufgehoben wird.  

Walter Ulbricht leitete zwischen 11 und 13 Uhr die Ersten Sekretäre der SED-Bezirksleitungen an, denen er es allerdings überließ, selbst darüber zu entscheiden, wie die Information über die Aufhebung der administrativen Normerhöhung in die Betriebe gelangte. Dem Ernst der Lage wurde wohl der Erste Sekretär des Bezirkes Suhl am ehesten gerecht. Er hatte seit dem 14. Juni einen ständig tagenden Operativstab, der engste Kontakte zu den Großbetrieben des Bezirkes hielt. So wird verständlich, warum im Bezirk Suhl trotz gleicher Krisenlage wie in allen anderen Bezirken der DDR, am 17. Juni keine Streiks und Demonstrationen stattfanden und folglich auch kein Ausnahmezustand verkündet wurde.  

Der Ministerrat der DDR beschloss am 16. Juni gegen 14 Uhr die Rücknahme der administrativen Normerhöhung. Zur gleichen Stunde begann im Stahl- und Walzwerk Hennigsdorf im großen Saal eine Gewerkschaftsaktivtagung, die bis 21 Uhr den Beschluss über die administrative Normerhöhung durchpaukte! Die Hennigsdorfer Stahlwerker bildeten am nächsten Tag eine der großen Marschsäulen neben den Bauleuten von der Stalinallee. Sie erfuhren erst aus den Lautsprecherwagen, dass die administrative Normerhöhung zurückgenommen war. Für sie war das der Anlass, sofort das Gespräch mit der Betriebsleitung in Hennigsdorf zu suchen, um ihren Vorstellungen auch zu anderen Fragen Geltung zu verschaffen. Vergiftet wurde dieses Vorhaben durch die Nachricht, dass das 22-köpfige Streikkomitee mit der Anschuldigung der "Agententätigkeit" verhaftet worden war.  

Die Vorgänge am 16. Juni in Berlin sollten bei der weiteren Forschung unter Berücksichtigung der vorgenannten Aspekte genauer untersucht werden. Dass sie in anderer Konstellation als bisher angenommen die unmittelbare Vorgeschichte des 17. Juni darstellen, kann nicht ausgeschlossen werden.  

Da am 16. Juni der Rundfunk der DDR und die Abendzeitungen kein Wort über die Rücknahme der administrativen Normerhöhungen verloren, konnte der amerikanische Rundfunksender "Radio in the American Sector" (RIAS) die Rolle eines Katalysators der weiteren Entwicklungen übernehmen. Egon Bahr, 1953 Chefredakteur des RIAS, hat darüber in einem Interview mit der Berliner Zeitung im Juni 1993 ausführlich berichtet. Die am 17. Juni im RIAS erschienenen Vertreter der Streikleitung der Bauarbeiter in der Stalinallee hätten über keine Liste von Forderungen verfügt, keine Vorstellungen über ihre Organisation gehabt und über keine Verbindungen verfugt. Deshalb hätte er sich mit den Abgesandten hingesetzt und erst einmal gefragt, welches denn ihre Forderungen sein sollten: "So haben wir zusammen fünf oder sechs Punkte formuliert. Dann haben wir die diese Forderungen gesendet, als Position der Streikleitung." [29] Eine der Meldungen des RIAS, die am 16. Juni um 23 und 24 Uhr gesendet und am 17. Juni um 1:00 Uhr, 2:00 Uhr, 3:00 Uhr und 4:00 Uhr wiederholt worden war, wurde von Stefan Heym in seinem Roman "5 Tage im Juni" dokumentiert:  

"Arbeiter aller Industriezweige Ost-Berlins forderten in den Abendstunden besonders nachdrücklich, dass die Ostberliner sich am Mittwoch früh um sieben Uhr am Strausberger Platz zu einer gemeinsamen Demonstration versammeln sollen. Diese Ankündigung und Aufrufe wurden von verschiedenen Demonstrationsgruppen bekanntgegeben. Vertreter der Arbeiter und anderer Gruppen der Ostberliner Bevölkerung hoben hervor, dass die Bewegung weit über Ost-Berlin und über den Rahmen einer Protestdemonstration gegen die Normerhöhung hinausgegangen sei." [30]  

Die Rolle des RIAS im Zusammenhang mit dem Geschehen des 17. Juni wurde häufig überschätzt. Eine halbwegs ausgewogene Darstellung verdanken wir Christian F. Ostermann (Washington D.C.): "Zwar trug der RIAS durch seine Berichterstattung nach dem 16. Juni erheblich zur Ausbreitung der Unruhen auf die gesamte DDR bei, insgesamt jedoch verhielten sich amerikanische Stellen zurückhaltend. Die westlichen Stadtkommandanten kamen bereits in den Morgenstunden des 17. Juni darüber überein, dass ihre Hauptsorge der Aufrechterhaltung von 'law and order' in Berlin galt. In Berlin stationierten CIA-Agenten wurde aus Washington untersagt, den Ostberliner Demonstranten und Streikenden Waffen zur Verfügung zu stellen. Allein eine Stellungnahme Präsident Eisenhowers signalisierte amerikanische Sympathien für das Schicksal der Ostdeutschen." [31]  

Zur Bewertung des 17. Juni  

Vor irreführenden und geradezu gefährlichen Bewertungen des 17. Juni wurde schon von namhaften Zeitgenossen gewarnt. Der Historiker Ernst Niekisch räumte ein, dass faschistische Elemente und Provokateure eine Rolle gespielt hätten, hielt deren Rolle aber nicht für den entscheidenden Zug des 17. Juni: "Das Wesentliche und für uns vor allen Dingen in Betracht Kommende ist doch, dass hier ein elementarer Ausbruch aus der Arbeiterschaft erfolgt ist, und davon muss man sich in der Beurteilung und Behandlung der Sache weitgehend leiten lassen." [32] Auch der Mediziner Theodor Brugsch schlug in diese Kerbe: "Man sagt, es sind die Faschisten. Nein, es ist das Volk! Reden Sie doch mit dem Volk! Wenn der Mann mit einer dünneren Lohntüte nach Hause kommt und die Frau fragt: 'Wo bleibt das Geld?' und wenn der Man sagt: ,Ich muss jetzt mehr arbeiten, unser Chef hat gesagt, wir müssen 'freiwillig' mehr arbeiten, dann platzt den Leuten der Kragen." [33]  

Der Romanist Victor Klemperer sprach am 17. Juni in seinem Tagebuch von "Unruhen" in der ganzen DDR sowie von "schweren Unruhen in Halle [und] Magdeburg." [34]  

Bertolt Brecht fasste am 20. August 1953 seine Bewertung des 17. Juni zusammen, wobei nicht nur sein Differenzierungsvermögen besticht, sondern auch seine Treffsicherheit jenseits jeglichen Mythos. Der 17. Juni habe die ganze Existenz verfremdet. In aller ihrer Richtungslosigkeit und jämmerlicher Hilflosigkeit zeigten die Demonstrationen der Arbeiterschaft immer noch, dass hier die aufsteigende Klasse sei. Nicht die Kleinbürger hätten gehandelt, sondern die Arbeiter: "Ihre losungen sind verworren und kraftlos, eingeschleust vom klassenfeind, und es zeigt sich keinerlei kraft der Organisation, es entstehen keine räte, es formt sich kein plan. Und doch hatten wir hier die klasse vor uns, in ihrem depraviertesten [35] zustand, aber die klasse. Alles kam darauf an, diese erste begegnung voll auszuwerten. Das war der kontakt. Er kam nicht in der form der umarmung, sondern in der form des faustschlags, aber es war doch der kontakt. – die partei hatte zu erschrecken, aber sie brauchte nicht zu verzweifeln. Nach der ganzen geschichtlichen entwicklung konnte sie sowieso nicht auf die spontane Zustimmung der arbeiterklasse hoffen. Es gab aufgaben, die sie unter umständen, unter den gegebenen umständen, ohne Zustimmung, ja gegen den widerstand der arbeiter durchführen musste. Aber nun, als grosse ungelegenheit, kam die grosse gelegenheit, die arbeiter zu gewinnen. Deshalb empfand ich den schrecklichen 17. juni als nicht einfach negativ." [36]  

Als Brecht dies schrieb, schwand allerdings diese Chance bereits dahin. Das alte Spannungsverhältnis lud sich wieder auf. Walter Ulbricht hatte sich zunächst genötigt gesehen zu lavieren, um dann mit den alten Führungsstrukturen aufzuwarten und z. B. die kulturell-erzieherische Funktion für den Staat einzufordern. Der Widerspruch zwischen den Reformvorstellungen und dem Festhalten am alten Stil der Machtausübung über Kunst und Kultur durch die Partei blieb bestehen. Das "Regime der Funktionäre" fand auch nach dem 17. Juni nicht den rechten Kontakt zur Basis.  

Unter Berücksichtigung der Urteile der genannten Zeitzeugen könnte der 17. Juni eine "offene, gerechte Rebellion enttäuschter und verbitterter Arbeiter, Angestellter (und von Vertretern der Intelligenz – d. Vf.), vor allem in Großbetrieben und Großstädten" [37] charakterisiert werden. Der Anteil der Intelligenz war größer als bisher angenommen worden ist. [38] Gehen wir ferner davon aus, dass der 17. Juni das Ende aller Bestrebungen war, auf der Basis der "Kaufpreistheorie" die deutsche Einheit herzustellen, so wäre dies, falls die Forschung weitere Belege hierfür zu Tage fördert, mit zu berücksichtigen. Die Streiks und Demonstrationen vom 17. Juni 1953 haben mit dazu beigetragen, dass der Aufbau des Sozialismus in der DDR fortgesetzt werden konnte. Die Intelligenz setzte neue Akzente mit den 14 Punkten des Kulturbundes und den 10 Punkten der Akademie der Künste. 

Antworten 

Genosse Professor Prokop hatte sich bereit erklärt, nach seinem Vortrag noch Fragen zu beantworten bzw. auf Statements zu reagieren. Weil es den Rahmen unserer Publikation sprengen würde, hier die gesamte einstündige Diskussion zu dokumentieren, beschränken wir uns auf mit dem Autor abgestimmte Auszüge aus der Beantwortung von Fragen.  

Adenauer war festgelegt auf die Westintegration. Er hat sich am 17. Juni im Grunde genommen ablehnend gegenüber diesen Dingen geäußert und nicht etwa aufgerufen, weiter zu streiken und zu demonstrieren. Es kam dann eine Bundestagssitzung, wo Wehner Adenauer regelrecht vorgeführt hat, ob seiner nationalverräterischen Politik. Dass er (Adenauer) das Ganze nicht unterstützt hat, dass es jetzt nicht um die Einheit geht, dass er nur die Westintegration haben will.  

Natürlich gab es eine feindselige Politik gegenüber der DDR. Als einen Beweis hierfür führen wir immer den Forschungsbeirat an. Ich habe ja auch in euerm Journal darüber geschrieben. [39] Der Forschungsbeirat war 1952 gegründet worden – in der Zeit, wo Eisenhower und Dulles an die Macht gekommen waren und faktisch die Politik der Eindämmung verabschiedeten, zu Gunsten der Politik des Roll Back, des Zurückrollens des Sozialismus. Das war 1952 so: Man ging auf Stalins Friedensvertragsvorschlag nicht ein, und das war ganz im Sinne Adenauers. 1953, nach dem Tode Stalins, war eine veränderte Lage. Das hat Churchill am deutlichsten widergespiegelt. Churchill wollte eine Veränderung und eine Lösung der deutschen Frage, solange er noch selbst Einfluss darauf hatte.  

Hinsichtlich der Rolle der USA muss auch eine Differenzierung vorgenommen werden. Eisenhower hatte im April eine Rede gehalten. Sie ging nicht so weit wie Churchills Rede vom Mai. Aber sie verdeutlichte, dass die Amerikaner Wirkungen zeigten. In Korea hatten die chinesischen Freiwilligen den amerikanischen Truppen ganz heftige Schläge versetzt. Also, es war wohl kein Zuckerschlecken mehr für sie dort in Korea, sie waren echt daran interessiert, den Krieg zu beenden. Das hat Stalin ganz falsch widergespiegelt. Der todkranke Stalin vermutete dahinter eine bloße taktische Wendung. Die Amerikaner waren aber de facto geschlagen im Koreakrieg. Und sie wollten wirklich, ähnlich wie Churchill, einige Probleme lösen. Diese sind ja auch nach Stalins Tod gelöst worden. Es kam zum Waffenstillstand in Korea, und es kam zum österreichischen Staatsvertrag. Und es wäre natürlich auch möglich gewesen, eine Wiedervereinigung Deutschlands auf Kosten der DDR zu bewerkstelligen. Dabei wäre die Sowjetunion gestärkt worden: sie hätte die gesamte Reparationsleistung bezahlt bekommen und noch 10 Milliarden Dollar zum Kurs von 1936 für den Wiederaufbau der zerstörten Westgebiete, also da, wo die Front getobt hatte. Es ist ja ein Aspekt, den man mit berücksichtigen muss, auch zu Gunsten derer, die sich dafür einsetzten, die sagten: Wir machen hier eine Frontbegradigung und stärken die Sowjetunion. Denn die Konsequenz daraus, dass das dann nach dem 17. Juni nicht mehr ging und Chruschtschow die Oberhand bekam, der sich entschied, die DDR zu stärken, hieß ja dann: Im August 1953 wurden die Reparationsleistungen zum 1. Januar 1954 beendet, und die Sowjetunion musste Devisenkredite und Rubelkredite in beträchtlicher Größenordnung zur Verfügung stellen, um in der DDR eine ganz andere Sozialpolitik zu ermöglichen. Es gab dann eine spürbare Verbesserung der Lebenssituation in der DDR nach dem 17. Juni im Zuge des neuen Kurses. Das bedeutete aber für die Sowjetunion natürlich, dass sie selber mit der Verbesserung des Lebensstandards ihrer Bürger warten musste.  

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Es ist auch nach dem CIA gefragt worden … Man muss das Ost-Büro der SPD nennen, das beim 17. Juni aktiv geworden ist. Bei den Streiks und bei den Demonstrationen sahen die natürlich Möglichkeiten für ihr Wirken. Die haben sie wahrgenommen. Das kann überhaupt nicht unberücksichtigt bleiben. Es haben auch die Nazis, wie hier berechtigt gesagt wurde, eine Rolle gespielt. Das kann 7 Jahre nach Kriegsende gar nicht verwundern. Die KZ-Kommandeuse Erna Dorn, die in Halle befreit wurde und die dann Jubelreden auf die SS hielt. Oder in Magdeburg, das halte ich auch für sehr beweiskräftig, sind bei diesen Unruhen sämtliche Unterlagen des Ärzte-Prozesses Sachsen-Anhalt, in Nachfolge des Nürnberger Prozesses gegen KZ- und SS-Ärzte, verschwunden. Bis heute verschwunden. Da kann man die Spur sehen, welche Kräfte dort am Werke waren.  

Aber, ich muss davor warnen, das überzubewerten. Es gab nämlich im Herbst 1953 noch mal eine Initiative in den Betrieben. Es wurde noch mal nachgefragt: wer hat sich wie am 17. Juni verhalten? In welchem Umfang haben die ehemaligen Nazis eine Rolle gespielt? Ich habe das am Beispiel des Bestandes Schwermaschinenbau im Zentralen Staatsarchiv der DDR noch untersucht und sehr viele Akten dazu gesehen. Es kam zu keiner großen neuen Verhaftungswelle nach dieser Aktion. Warum? Weil sich herausgestellt hatte, dass sich eine ganze Menge ehemaliger Nazis tatsächlich eine neue Position erworben hatten, im Jahr 1953. Einige waren BGL-Vorsitzende. So etwas war ja möglich. Nach dem Ende der Entnazifizierung hatten sie ihre bürgerlichen Rechte wiederbekommen. Andere hatten diese oder jene Funktion im Betrieb. Sie hatten sich schon einen gewissen Standard erarbeitet, wollten den nicht gefährden und haben deshalb nicht aktiv mitgemacht. Das war eher das Hauptergebnis, und es gab dann keine große neue Auseinandersetzung um das Problem "Nazis und 17. Juni".  

Es sind 10.000 Leute eingesperrt worden nach dem 17. Juni. Leider eben auch ordentlich gewählte Streikkomiteemitglieder. Das war eine Verletzung der Verfassung der DDR. Der Justizminister Fechner, der im ND-Interview darauf hingewiesen hatte, dass die Streiks legal waren, ist auch eingesperrt worden. Er wurde erst 1956 rehabilitiert. Ulbricht hatte ein Gespür dafür, dieses Unrecht öffentlich, sozusagen zu sühnen oder sich dafür zu entschuldigen.  

Es werden sich sicherlich die Älteren noch erinnern, dass Mitte der 60er Jahre in einer Sendung von Hans-Georg Ponesky "Mit dem Herzen dabei" Ulbricht und Fechner von der Seite kommend, sich in der Mitte die Hände gaben. Und alle haben begriffen, das war die Entschuldigung für das Unrecht, das Fechner angetan wurde. Es sind nach dem 17. Juni auch eine ganze Reihe vernünftiger Änderungen erfolgt. Zum Beispiel wurde für die DEFA das "Stacheltier", ein satirischer Vorfilm im Kino, ein ganz großer Renner. Leider nur bis 1964. Der "Frische Wind" wurde zum "Eulenspiegel" aufgewertet. Als Satirezeitschrift hat der "Eulenspiegel" eine Rolle gespielt. Die Kabaretts liefen nach dem 17. Juni zur Hochform auf. In Dresden, in Leipzig und in Berlin.  

Allerdings sind eben bestimmte Dinge des sowjetischen Sozialismusmodells, die die DDR übernommen hatte, nicht korrigiert worden. Die SED hat 1956 noch damit zu tun gehabt.  

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Hier ist die Frage nach der Mitbestimmung gestellt worden – auch Ulbricht hatte echte Probleme: Wie können wir das ändern, dass die Arbeiter in den volkseigenen Betrieben das Gefühl haben, keinen Einfluss auf den Betrieb zu haben? Man hat sich Gedanken gemacht, die Betriebsräte wieder einzuführen – 1956. Sie hießen Arbeiterkomitees. Die Arbeiterkomitees konnten dann nicht länger beibehalten werden, weil die Sowjetunion nach den ungarischen Erfahrungen – wo die Arbeiterkomitees eine problematische Rolle gespielt hatten – auf die Einführung von Betriebsräten verzichtete. Die DDR löste sie 1958 wieder auf. Interessant war, dass Ulbricht 1956 vorschlug, diese Arbeiterkomitees zu wählen, indem man ein Drittel mehr Kandidaten aufstellt als gewählt werden können. Das war ein Prinzip, wenn man das durchgesetzt hätte, auch bei den Volkskammerwahlen, und der eine oder andere, der so einen Stammsitz in der Volkskammer hatte, auch auf die Weise hätte abgewählt werden können, wenn das gemacht worden wäre, hätte die sozialistische Demokratie viel mehr an Akzeptanz erfahren. Also dies sollten wir auch in Erinnerung behalten, diesen Vorschlag von Ulbricht 1956, der nicht so bekannt geworden ist, weil diese Dinge nicht veröffentlicht wurden. Das kann man jetzt nur im Archiv lesen.  

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So, jetzt ist noch gefragt worden nach der Rolle von Herrnstadt. Herrnstadt ist uns bekannt geworden durch die Bücher seiner beiden Töchter: Nadja Stulz-Herrnstadts Buch über das Herrnstadt-Dokument ist 1990 bei Rowohlt erschienen. Die andere Tochter Irina Liebmann hat ihre Sicht auf die Vita ihres Vaters in Romanform unter dem Titel "Wäre es schön? Es wäre schön!" veröffentlicht. Dadurch erscheint uns Herrnstadt als ein sehr sympathischer, sehr akzeptabler prima Genosse, ja, ich würde daran auch keine Abstriche machen. Ich habe längere Zeit in der Urania in einer Sektion mit Nadja Stulz-Herrnstadt gearbeitet. Sie hat das alles sehr ehrlich wiedergegeben.  

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Herrnstadt Mitarbeiter eines sowjetischen Dienstes war und 1953 ganz klare Befehlsverhältnisse geherrscht haben. Da darf man sich nichts vormachen. Die Sowjetunion hat eine knallharte Politik gemacht, in solchen Fragen keinen Spaß verstanden. Und er hat hier sowjetische Aufträge erfüllt. Das ist ganz klar. Und da ging es gegen Ulbricht und gegen Grotewohl. Und ich bin auch ziemlich überzeugt, dass Semjonow einen klaren Auftrag hatte. Aber der war so weit vorne, dass er dann nicht vom Fenster weggeholt werden konnte. Sang- und klanglos verschwand die Funktion des Hohen Kommissars wieder. Semjonow wurde im September 1953 Botschafter der UdSSR in der DDR. Also dieses ganze Schauspiel mit dem Hohen Kommissar, mit der Sprache wie vor 1948 und der Entsolidarisierung gegenüber der DDR als sozialistischer Staat, das war – und blieb im Ergebnis des 17. Juni dann – Episode.  

Und Ulbricht kriegte ruck-zuck wieder Oberwasser. Er war in der Zeit des 17. Juni, zusammen mit Grotewohl, in der Villa von Herrnstadt festgesetzt, das hat mir Lotte Ulbricht kurz vor ihrem Tode noch erzählt. Sie und Beate konnten aber jeden Abend gegen 19 Uhr mit Walter telefonieren. Wir sehen dann, es passiert ja in der Zeit in Moskau was, wo sich das Übergewicht im Parteipräsidium in die andere Richtung, nämlich in Richtung Chrustschows verlagerte – und das war ein Mann, der die DDR halten wollte.  

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Haben wir noch etwas vergessen? Ja, die Bemerkungen zum Bezirk Suhl. Die Suhler sollten das mal alles ausarbeiten, was da los war. Denn das Beispiel Suhl ist eine ganz großartige Geschichte gewesen. Das müssen wir einfach auch hervorheben, dass diese Kleinigkeit – die Bekanntgabe der Rücknahme der Normerhöhung – in dem einen Fall, wo sie nicht mitgeteilt wurde – in Hennigsdorf – darüber entschied, dass diese riesige Demonstration stattfand, und in dem anderen Fall dazu führte, dass alle Betriebe weitergearbeitet haben. Es sind ja auch noch andere Punkte gewesen. Es ging um HO-Preise, es ging um Arbeiterrückfahrkarten und so weiter. Aber das hat die Leute alles nicht so aufgeregt wie die Normerhöhung. Denn die hat dazu geführt, dass genau in der Woche des 17. Juni die Arbeiter 10% weniger Geld im Portemonnaie hatten. Und wenn man 250 Mark, D-Mark hieß es ja damals noch, bei einer 4-köpfigen Familie hat und dann 10% weniger, das ist zu spüren gewesen. Wenn zur gleichen Zeit Lebensmittel wie Konfitüre deutlich erhöht wurden, hat das sehr eingeschnitten in den Lebensstandard. Die Leute waren darauf eingestellt, dass es ab Gründung der DDR aufwärts ging, dass das Leben besser wurde durch ständige Preissenkungen. Es gab im Jahr bis zu 10 Preissenkungen! Und dann ab 1952, vor allen Dingen ab zweitem Halbjahr, ging es rückwärts.  

Aber wir hatten 1953 Krisenerscheinungen auch in der Tschechoslowakei, in Ungarn und in Polen. In Polen war es noch schlimmer, in Polen gab es eine 20%ige administrative Normerhöhung. Das polnische Volk war aber so erschöpft von den Nachkriegskämpfen – dem Kampf von Armia Krajowa und Armia Ludowa – mit 50.000 Toten. Das haben wir ja alles in der DDR-Zeit nie erfahren. Aber jetzt müssen wir das einfach mal zur Kenntnis nehmen. Die waren also ausgeblutet, die konnten sich gar nicht mehr empören. Die waren so fertig, ihre Empörungsfähigkeit war erst 1956 wieder erreicht. Und da haben sie gestreikt und demonstriert in Poznan.  

War sonst noch eine Frage offen? Ja, die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit hat eine schlimme Rolle gespielt. Dazu sind ja auch Prozesse geführt worden, und es sind auch entsprechende Agenten verurteilt worden. Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit plante Sprengungen von Eisenbahnbrücken, wurde aber vorher erwischt. Das waren Schöpfungen der amerikanischen Dienste. Genau wie das Ostbüro der SPD auch mit amerikanischen Diensten zusammengearbeitet hat, weshalb heute noch bestimmte Akten der Forschung noch nicht zur Verfügung stehen. 

Anmerkungen 

[1] Vgl. Siegfried Prokop: Intellektuelle im Krisenjahr 1953. Enquête über die Lage der Intelligenz der DDR. Analyse und Dokumentation. Schkeuditz 2003. – ders.: Der 17. Juni 1953. Geschichtsmythen und historischer Prozess. Konzepte – Zeitzeugen – Chronik. Hefte zur ddr-geschichte 81, Berlin 2003.  

[2] Dazu zählt z. B. die Legende von 41 hingerichteten Offizieren und Soldaten der Roten Armee. Für sie wurde 1954 im Amerikanischen Sektor von Berlin sogar ein mannshoher Granitstein errichtet, auf dem stand: "Den russischen Offizieren und Soldaten, die sterben mussten, weil sie sich weigerten, auf die Freiheitskämpfer des 17. Juni 1953 zu schießen." Von den Regierenden Bürgermeistern Schütz über Diepgen bis Wowereit wurden Jahr für Jahr an diesem Gedenkstein Reden gehalten und Kränze niedergelegt. Belege dafür, dass Sowjetsoldaten erschossen wurden, konnten bisher nicht gefunden werden. Vgl. www.spiegel.de/politik/deutschland/volksaufstand-vom-17-juni-1953-die-legende-von-den-toten-russen-a-253126.html Von Hans Halter. In einem Schreiben vom 24. April 2013 teilte Halter dem Verfasser mit: "Das Denkmal für die toten Russen steht immer noch ruhig und fest (und senatsgepflegt) in deutscher Erde: Berlin-Zehlendorf, Potsdamer Chaussee; Autobahnausfahrt Berlin-Zehlendorf/Wannsee. Ein Blick darauf lohnt sich … und eine Einlaufwette: Wie lange noch?"  

[3] Die erste ausführliche Darstellung zu diesem Thema schrieb Klaus Larres: Politik der Illusionen. Churchill, Eisenhower und die deutsche Frage. Göttingen 1995. Bereits der Titel zeigt an, dass es dem Autor eher um ein Herunterspielen der Bedeutung der Churchill-Initiative geht.  

[4] Ebenda.  

[5] Ebenda.  

[6] Zur gegenwärtigen internationalen Lage, in: Die Ereignisse um den 17. Juni und die weltpolitische Lage. 6 Artikel der "Prawda" (25. April bis 10. Juli 1953). Berlin 1953, S. 25.  

[7] Ebenda.  

[8] Ebenda.  

[9] Ebenda.  

[10] Dokumente zur Deutschlandpolitik der Sowjetunion, Bd. 1, Berlin 1957, S. 319 f.  

[11] Vgl. Walter Ulbricht: Lehren des XIX. Parteitages der KPdSU für den Aufbau des Sozialismus in der DDR. Referat und Diskussionsreden auf der 10. Tagung des ZK der SED. Berlin l952.  

[12] Die gewählte Formulierung ist nicht exakt. Die Parteikonferenz hatte den Aufbau der Grundlagen des Sozialismus beschlossen. Von einer "Beschleunigung des Aufbaus der Grundlagen des Sozialismus" sprach Ulbricht erst auf der 10. Tagung des ZK der SED im November 1952.  

[13] SAPMO-BArch, NY 4090/699. Zit. nach Rolf Stöckigt: Ein Dokument von großer historischer Bedeutung vom Mai 1953, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, H. 5. Berlin 1990.  

[14] Meinungsdifferenzen gab es offenbar nur über den Umfang der Kurskorrektur. Wjatscheslaw Molotow erklärte dazu dem Schriftsteller Felix Tschujew: "Und so schrieben wir in unseren Entwurf: ‚Auf die forcierte Politik des Aufbaus des Sozialismus in der DDR verzichten.‘ Aber Berija schlug vor, das Wort forcierte wegzustreichen. Wir haben dann ‚nicht forcieren‘ vorgeschlagen, aber er sagte: ‚Das Wort forcierte wegstreichen!‘ So wurde daraus: ‚Auf die Politik des Aufbaus des Sozialismus in der DDR verzichten.‘ Wieso? Berija antwortete: Wir brauchen eigentlich nur ein friedliches Deutschland. Und es ist gleichgültig, ob dort ein Sozialismus entsteht oder nicht.‘" Zit. nach: Lew Besymenski: 1953 – Berija will die DDR beseitigen, in: Die Zeit, Nr. 42, 15.10.1993.  

[15] Vgl. Wladimir S. Semjonow: Von Stalin bis Gorbatschow. Ein halbes Jahrhundert in diplomatischer Mission 1939-1991. Berlin 1995, S. 291.  

[16] Vgl. Rudolf Herrnstadt. Das Herrnstadt-Dokument. Herausgegeben von Nadja Stulz-Herrnstadt. Hamburg 1990.  

[17] Vgl Wolfgang Mleczkowski: Ulbricht. Gewinner des Aufstandes, in: Der Morgen, Beilage, 16./17.6.1990.  

[18] Der Fall Berija. Protokoll einer Abrechnung. Berlin 1993, S. 67. Sergej A. Gegetschkori, der Sohn Berijas, behauptete, dass Ulbricht praktisch abgesetzt worden sei: "Er erbat drei Wochen Zeit, um die Macht geordnet zu übergeben." Der Spiegel, 8/1996, S. 155.  

[19] Vgl. Niederschrift Walter Ulbrichts des in Moskau abverlangten Telegramms aufgrund der Verfügung des Ministerrates der UdSSR "Über Maßnahmen zur Gesundung der politischen Lage in der Deutschen Demokratischen Republik" vom 2. Juni 1953, in: UTOPIEkreativ, H. 149, Berlin 2003, S. 217.  

[20] SAPMO-BArch, DY 30/JIV 2/2/285, Bl. 1.  

[21] Vgl. Hermann Axen, Ich war ein treuer Diener der Partei. Autobiographische Gespräche mit Harald Neubert. Berlin 1996, S. 135.  

[22] Rudolf Herrnstadt. Das Herrnstadt-Dokument. Herausgegeben von Nadja Stulz-Herrnstadt. Hamburg 1990, S. 72.  

[23] Zit. nach ebenda, S. 74.  

[24] Am 16. Juni 1953 erschien in der Gewerkschaftszeitung "Tribüne" ein Artikel des stellvertretenden FDGB-Vorsitzenden Otto Lehmann, der regelrecht auftrumpfte: "Jawohl, die Beschlüsse über die Erhöhung der Normen sind in vollem Umfang richtig. Es gilt, den Beschluss des Ministerrates über die Erhöhung der Arbeitsnormen um durchschnittlich 10 Prozent bis zum 30. Juni mit aller Kraft durchzuführen."  

[25] Vgl. Arnold Eisensee: Funkstudio Stalinallee, in: Spurensicherung. Zeitzeugen zum 17. Juni 1953. Schkeuditz 1999, S. 253.  

[26] Vgl. Michael Gehler: Der 17. Juni 1953 aus der Sicht des Foreign Office, in: Das Parlament, Beilage Aus Politik und Zeitgeschichte, 18. Juni 1993, S. 24.  

[27] Ebenda, S. 25.  

[28] SAPMO-BArch, DY 27/916, Bl. 239/240.  

[29] "Bewegung ging von Ostdeutschland aus", Der SPD-Politiker Egon Bahr erinnert sich an den 17. Juni 1953 als damaliger Chefredakteur des RIAS. In: Berliner Zeitung, 16. Juni 1993, S. 5.  

[30] Stefan Heym: 5 Tage im Juni. Roman. Berlin 1989, S. 287.  

[31] Christian F. Ostermann: Subversive Aktionen gegen die DDR. Die amerikanische Reaktion auf den 17. Juni 1953, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Berlin 1996, S. 266/267.  

[32] SAPMO-BArch, DY 27/916, Bl. 239 f.  

[33] Ebenda, Bl. 223.  

[34] Victor Klemperer: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen, II, Tagebücher 1950-1959. Berlin 1999, S. 388/389.  

[35] depravare (lat.) = verzerren, entstellen; Synonyme: verunstaltet, verdorben.  

[36] Bertolt Brecht: Arbeitsjournal 1938-1955. Berlin 1977, S. 515.  

[37] Rolf Stöckigt: Eine historische Chance wurde vertan, in: Neues Deutschland, 16./17.6.1990, S. 13.  

[38] Vgl. Siegfried Prokop: Intellektuelle im Krisenjahr 1953, S.153 f.  

[39] Siegfried Prokop: Zur Gründung des Forschungsbeirates für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands, Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der Partei DIE LINKE, Heft 3/2012, S. 15-19. 

 

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Warum und wie feiert die politische Klasse der BRD den 17. Juni? 

Prof. Dr. Horst Schneider, Dresden 

In: Mitteilungen der Kommunistischen Plattform Juni 2013

 

"Wer die Geschichte erst 1989 oder kurz zuvor beginnen lässt, kann nicht anders als gedanklich zu kurz zu springen" (Willy Brandt) [1]  

Willy Brandts Bemerkung im Titel dieses Textes gilt auch für das offizielle Gedenken in der BRD an den 17. Juni 1953. Der Fakt: Von 1954 bis 1990 wurde jenes Tages, der seine Spuren in der DDR hinterließ, mit Reden im Bundestag gedacht, die von ungezählten Medienreaktionen begleitet wurden. Der Leser merke auf: das Ereignis, dessen gedacht wurde, lag in einem anderen Staat, dessen Souveränität zu achten war, durch die BRD spätestens nach dem Grundlagenvertrag von 1972 und der gleichzeitigen Aufnahme beider deutscher Staaten in die UNO 1973. Es galt das Verbot der Einmischung in innere Angelegenheiten. Wie war das jahrzehntelang möglich? Warum organisierte die BRD "staatlich verordnete" Gedenkfeiern am 17. Juni, die zu Ritualen mutierten?  

Dietmar Schiller informiert uns über das "Verhältnis von öffentlicher Erinnerung und politischer Kultur" [2]: "Die wichtigsten politischen Funktionen, die nationale Feier- und Gedenktage erfüllen sollen, sind Staatsintegration, Identifikation mit dem politischen System, Konsensstiftung, Erschaffung von Massenloyalität und Stabilitätssicherung. Die Frage ist also: Wie konnten die Feiern im Bundestag und das sie begleitende Medienecho die genannten ‚Funktionen’ erfüllen helfen?" Versuchen wir, die Frage zu beantworten, wobei wir uns von Alexander Gallus helfen lassen. [3]  

Das Gesetz, das den 17. Juni zum "Nationalfeiertag des deutschen Volkes" erhob, war vor allem ein Kind der SPD und Willy Brandts und trat bereits am 4. August 1953 in Kraft. (Inzwischen wissen wir, wie lange die Korrektur manchen Gesetzes erfordert.) Damit waren andere Vorschläge vom Tisch, z.B. den 23. Mai 1949 als Verfassungstag zu würdigen (Annemarie Renger) oder an den 18. März 1848 zu erinnern (Heinrich Albertz).  

Allerdings entstand die "Gefahr", dass der 17. Juni von vielen, nicht zuletzt in Berlin, als zusätzlicher Feiertag genutzt würde. Mit dem rasch, gegen den Protest der Kommunisten, verordneten Feiertag entstand ein Konflikt, der bis heute andauert. Die SPD betrachtete die "Wiedervereinigung" als höchste Priorität und verwendete ihre Interpretation des 17. Juni als politische Waffe gegen die Politik Adenauers. Die CDU deutete den 17. Juni als Bestätigung ihrer Politik der Westintegration. Die Westdeutschen sollten die Ereignisse als Widerstand der ostdeutschen "Schwestern und Brüder" gegen das kommunistische Regime und dessen Totalitarismus wahrnehmen. Die unterschiedlichen Interpretationen spiegelten sich auch in den Gedenkreden wider.  

In den Jahren von 1954 bis 1967/68 waren die Reden am 17. Juni im Bundestag jeweils vor allem Ausdruck und Instrument des Kalten Kriegs. Sie folgten der "roll back"-Konzeption, in der für die DDR keine Zukunft vorgesehen war. [4] Ende der fünfziger Jahre waren vor allem Intellektuelle, darunter mehrere Historiker, die Festredner, Franz Böhm 1954, der Erzkonservative Historiker Gerhard Ritter 1955, Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier 1956, der Philosoph Theodor Litt 1957, der Christsoziale Hanns Seidel 1958, der Historiker Werner Conze 1959, Ulrich Mann 1960, der Rechtsaußen Helmut Thielecke 1962, der Staatsrechtler Hans Peters 1963, der Historiker Theodor Schieder 1964, sein Historikerkollege Karl Erdmann folgte 1965.  

Obgleich es in jeder Rede Nuancen gab, darf wohl ein Satz Schieders als roter Faden der Reden der ersten zehn Jahre nach dem 17. Juni 1953 gelten: "Es muss dabei bleiben: Die deutsche Teilung hat keine Wahrheit in der deutschen Geschichte und in der Geschichte Europas, sie ist eine von außen aufgelegte Last. Sie darf sich daher auch keine Wahrheit durch Gewohnheit, Nachlässigkeit, durch Anpassung an äußeren Zwang oder durch Resignation erborgen." [5] Die Sache war für Schieder also einfach: Die Existenz der DDR widersprach der "historischen Wahrheit". Das wussten damals einige DDR-Bürger noch nicht.  

Als Theodor Schieder die Rede hielt, war die Losung Brandt/Bahr vom "Wandel durch Annäherung" (1963) schon in die Welt gesetzt und beeinflusste in einem widerspruchsvollen Prozess auch die Politik. Nach der großen Koalition entstand die Brandt-Regierung, die den Kurs auf Entspannung steuerte, auch gegenüber der DDR. Die friedliche Koexistenz zwischen beiden deutschen Staaten trat auf die Tagesordnung der Geschichte.  

Mit der Ära Brandt begann eine neue Phase der Wahrnehmung des 17. Juni. Die Friedenssicherung hatte Vorrang vor der Forderung nach der Einheit. Am 17. Juni 1968, dem 15. Jahrestag des "Volksaufstands", fand kein Festakt statt. Natürlich wirkte sich die neue "Wahrheit" auch auf die Reden zum 17. Juni aus. Schon am 17. Juni 1969 trat Walter Scheel dafür ein, den "staatlichen" oder "quasistaatlichen Charakter" der DDR anzuerkennen. [6]  

Das Ritual zum 17. Juni lockerte sich, z.B. fand 1973 abermals keine Gedenkveranstaltung statt, 1974 konnten sich Regierung und Opposition über die Gestaltung nicht einigen, und auch in den Folgejahren fielen die Reden aus unterschiedlichen Gründen wiederholt aus. Der Streit, ob und wie die Gedenkveranstaltungen weitergeführt werden sollten, spitzte sich zu.  

Das spiegelte sich auch in den gehaltenen Reden, so denen von Wolfgang Mischnik 1975 und Helmut Schmidt 1977, wider. Schmidt resümierte, dass das Pathos der Reden der früheren Jahre bei Jüngeren eher zu Gleichgültigkeit geführt habe. [7]  

In den achtziger Jahren kam es zu einer Art Renaissance der Feiern zum 17. Juni. Einer der Gründe war, dass die Kohl-Regierung die Erinnerung an den 17. Juni als "staatlich verordnete" Rechtfertigung für ihre Politik brauchte, als offiziell die von Brandt vorgezeichnete Politik gegenüber der DDR fortgesetzt zu werden schien. Der "Rechtsruck" der Erinnerungspolitik in Kohls Regierungszeit war unübersehbar.  

Redner in den achtziger Jahren waren u.a.: Johann Baptist Gradl, der sich 1989 als "Zeitzeuge" drapierte (das BRD-Fernsehen verweigerte die Übertragung der Rede), der damalige Hamburger Bürgermeister Herbert Wichmann 1982, der Ex-Bundespräsident Karl Carstens 1983, Gerhard Schröder 1984, Gerhard Leber 1985, Walter Scheel (ein zweites Mal) 1986, der aus Deutschland emigrierte USA-Historiker Fritz Stern 1987, der Jurist Roman Herzog 1988.  

Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts erklärte u.a.: "Natürlich ist die DDR heute kein stalinistischer Staat mehr, natürlich gibt es heute dort die oft zitierte Identifikation mit dem Staat – wenn auch nicht mit dem System – und das kann ja, wenn man vernünftig denkt, auch gar nicht anders sein. Die Deutschen in der DDR betrachten diesen Staat, seinen bescheidenen Wohlstand und seine Rolle in der Welt als ihre eigene Leistung, auf die sie mit Recht stolz sein können, schon deshalb, weil ihr politisches System den Aufstieg anders als das unsere nicht gefördert, sondern ständig behindert hat. Sie hatten es also schwerer als wir, und entsprechend größer ist auch ihre Genugtuung über das, was sie geschaffen und geleistet haben." [8] Hat Roman Herzog als Bundespräsident je Ähnliches gesagt?  

1989 war Erhard Eppler Festredner. Eppler hielt die Rede zwei Tage nach einem Treffen zwischen Helmut Kohl und Michael Gorbatschow. Gorbatschow machte auf einer Pressekonferenz am 15. Juni in Bonn deutlich, dass eine Lösung der deutsch-deutschen Frage im Sinne einer Vereinigung nicht auf der Tagesordnung stehe. "Die Situation in Europa, die wir heute haben, ist eine Realität." Die Mauer könne nur verschwinden, "wenn jene Voraussetzungen entfallen, die sie ins Leben gerufen haben." Gorbatschow formulierte in diesem Zusammenhang lediglich die vage Hoffnung, "dass die Zeit selbst über das Weitere bestimmen wird."  

Helmut Kohl mied das Thema "Wiedervereinigung". In dieser Situation sprach Eppler, der an der Erarbeitung des Dialog-Papiers führend beteiligt gewesen war, über den 17. Juni. Die Ereignisse vom 17. Juni 1953 berührte er nur. Schwerer wog seine Forderung nach einer vorwärtsgewandten und von überholten Begriffen geläuterte Politik. Eppler plädierte zum Beispiel dafür, die Frage des künftigen Verhältnisses beider deutscher Staaten vom Begriff der "Wiedervereinigung" zu trennen. Es gelte, deutlich zu machen, "dass wir nicht Vergangenes restaurieren, sondern Neues schaffen wollen, und zwar gemeinsam mit unseren Nachbarn". Erhard Eppler forderte vor dem Parlament, die Situation so anzuerkennen, wie sie ist, und die Existenzberechtigung der DDR nicht in Frage zu stellen. Dennoch wies er all jene in die Schranken, die die Einheit des Landes schon abgeschrieben hätten. Er wandte sich aber auch gegen den Begriff vom "Verrat" in diesem Zusammenhang: "Weder hat Adenauer die deutsche Einheit noch Brandt die deutsche Ostgebiete verraten", stellte er fest und zog so scheinbar einen Schlussstrich unter den bis dahin prägenden Streit in der Bewertung der Deutschlandpolitik Adenauers und Brandts.  

Der Applaus aller Fraktionen des Bundestages war ihm sicher. Die Rechtsaußen Alfred Dregger und Wolfgang Bötsch gratulierten Eppler persönlich. Die Rede Erhard Epplers am 17. Juni 1989 hätte in der DDR alle Alarmglocken schrillen lassen müssen. Eppler forderte dazu auf, darüber nachzudenken, "was in Deutschland geschehen soll, wenn der Eiserne Vorhang rascher als erwartet durchrostet". [9] Den Schlusspunkt der Bundestagsreden zum 17. Juni setzte 1990 Manfred Stolpe. Er betrachtete sich selbst offenbar als die Personifizierung der "Opposition" in der DDR und sah den Herbst 1989 in der Kontinuität des 17. Juni und als seine siegreiche Krönung. [10] Die Sichtweise Stolpes ist ein Grundzug der Wertungen des 17. Juni, weil sie in das Totalitarismus-Schema passt: Die gute BRD hat gegen die böse DDR gekämpft und gesiegt.  

Damit schließt sich der Kreis. Wir sind der Antwort auf die Frage näher gekommen: Warum wurden in der BRD Ereignisse zum Anlass genommen, den 17. Juni zum nationalen Gedenktag zu erklären? 

    • Er hat zur "Staatsintegration" der BRD-Bürger auf antikommunistischer Grundlage beigetragen, was dadurch erleichtert wurde, dass die herrschende Ideologie von vor 1945 nicht überwunden werden musste.
    • Er hat westlich der Elbe die "Identifikation mit dem politischen System" gefördert, indem den Bürgern die "Alternative" Demokratie-Diktatur, Freiheit-Sozialismus suggeriert wurde.
    • Er hat zur antiautoritären "Konsensstiftung" in der politischen Klasse der BRD beigetragen und kritische Stimmen isoliert und eliminiert.
    • Er hat "Massenloyalität und Stabilitätssicherung" innerhalb der BRD befördert.

Damit hat das Gedenken an den 17. Juni im Bundestag und in den Medien die Kriterien erfüllt, die Dietmar Schiller formuliert hatte.  

Anmerkungen:  

[1] Willy Brandt: Dresdner Rede am 23. Februar 1992, S. 3.  

[2] Dietmar Schiller: Politische Gedenktage. Zum Verhältnis von öffentlicher Erinnerung und politischer Kultur. Aus Politik und Zeitgeschichte 25/1993, S. 32.  

[3] Alexander Gallus: Der 17. Juni im deutschen Bundestag von 1954 bis 1990. Aus Politik und Zeitgeschichte 25/1993 S. 12f.; Myriam Renaudot: Der Siebzehnte Juni. In Martin Sabrow: Erinnerungsorte der DDR, München 2009 S. 332f.  

[4] Texte der Reden in den Bundestagsprotokollen und in den Bulletins des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung.  

[5] Rede Schieders in: Bulletin… 96/1964, 20. Juni 1964 S. 896.  

[6] Deutscher Bundestag 5. Wahlperiode Bd. 70, S. 13284 B.  

[7] Deutscher Bundestag 8. Wahlperiode Bd. 101, S. 2453 B.  

[8] Bulletin… 84/1988, S. 794.  

[9] Alexander Gallus a.a.O., S. 21.  

[10] Ebenda. 

 

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BRD-Spitzen zelebrieren 17. Juni  

Aufstand in der DDR 1953 soll »Schlüsseldatum der europäischen Geschichte« sein  

Sebastian Carlens 

In: junge Welt online vom 15.06.2013 

 

Anläßlich des bevorstehenden Jahrestages haben die Spitzen der Bundesrepublik, darunter Bundespräsident Joachim Gauck, Bundestagspräsident Norbert Lammert und Bundeskanzlerin Angela Merkel (beide CDU), am Freitag in einer Gedenkstunde des Bundestages zum Aufstand in der DDR 1953 teilgenommen. Während des 17. Juni vor 60 Jahren hatten in mehreren Städten der DDR Proteste gegen die Regierung stattgefunden, die durch das Eingreifen der sowjetischen Armee beendet wurden. Der Tag sei ein »Schlüsseldatum der europäischen Geschichte«, so Lammert. Er verwies auf die oppositionellen Bewegungen in Syrien, dem Iran und in Belorußland. Auch Gauck bezeichnete die Unruhen in der DDR als »wichtigen Anstoß für viele Freiheitsbewegungen«; das Gedenken müsse aus einer »Erinnerungsreserve« geholt werden. Zudem solle ihm in den Schulen im Sinne eines »Denktages« mehr Raum gegeben werden. Es gelte, »auch heute überall auf der Welt denen beizustehen, die - obwohl diskriminiert und ausgegrenzt - sich mutig für Freiheit, Demokratie und Recht einsetzen«, so Gauck und soweit die offizielle Darstellung. 

Die »Bundesstiftung Aufarbeitung«, die sich als staatlich alimentierte öffentliche Einrichtung ausschließlich dem »DDR-Unrecht« widmet, sieht den »Massenprotest gegen die kommunistische Diktatur« von »politischen Forderungen nach Freiheit, Demokratie, Menschenrechten und der Wiedervereinigung Deutschlands« getragen. Zu anderen Schlüssen kam der Augenzeuge Bertolt Brecht, der den 17. Juni 1953 in Berlin beobachtete und feststellte, wie aus einem Arbeiterprotest gesteuerte Krawalle wurden. 

Brecht notierte in einem Brief an seinen westdeutschen Verleger Peter Suhrkamp: Die »scharfen, brutalen Gestalten der Nazizeit«, die »man seit Jahren nicht mehr in Haufen hatte auftreten sehen und die doch immer dagewesen waren«, hätten an diesem »tragischen 17. Juni«, angestachelt durch den Westberliner Sender RIAS, gebrandschatzt und geplündert. 

Solche Einschätzungen haben indes keinen Platz in der offiziösen Gedenkkultur, die nicht ohne Grund den Aufstand gegen die DDR - und nicht etwa die Befreiung vom deutschen Faschismus am 8. Mai 1945 - als historisches Schlüsselereignis behandelt. Dementsprechend soll am Sonntag das Areal vor dem Bundesfinanzministerium in der Berliner Wilhelmstraße in »Platz des Volksaufstandes 1953« umbenannt werden. Von 1935 bis 1945 residierte hier das »Reichsluftfahrtministerium« des führenden Faschisten Hermann Göring. 

 

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Schlappe für den RIAS  

Am 18. Juni 1953 bekannte sich der nach Westberlin entführte stellvertretende Ministerpräsident der DDR Otto Nuschke (CDU) im Interview zu seinem sozialistischen Land  

Mark Alten 

In: junge Welt online vom 15.06.2013 

 

Ohne den RIAS hätte es, was wir heute den 17. Juni nennen, nicht gegeben«, räumte im Februar 2006 der SPD-Altvordere Egon Bahr, in den 50er Jahren Chefkommentator des Rundfunks im amerikanischen Sektor, im Berliner Tagesspiegel ein. Ein Exempel für die führende Rolle des Senders beim westdeutschen Putschversuch ist die für westliche Geheimdienste und ihre Funkleitstelle RIAS peinliche Episode der Entführung des stellvertretenden Ministerpräsidenten der DDR und dortigen CDU-Vorsitzenden Dr. Otto Nuschke und sein Interview mit dem Sender. 

Der RIAS hatte sofort nach dem Scheitern des Putsches eine Rechtfertigungsschrift fabriziert. Der Fall »Nuschke« wird darin in beredter Arroganz zur Marginalie: »Otto Nuschke kam mit seinem Wagen zu einer kleinen Stippvisite nach Westberlin. Er firmierte diesen - vielleicht unfreiwilligen - Abstecher als rMenschenraubl. Wir begegneten ihm auf dem Berliner Polizeipräsidium. Und so entstand ein Interview mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten der DDR vor dem RIAS-Mikrofon.« 

Die Entführung 

Was hatte es wirklich mit dem »Abstecher« Nuschkes am 17. Juni 1953 auf sich? Einer seiner Fahrer lieferte den Augenzeugenbericht, der, in den DDR-Zeitungen veröffentlicht, ein anderes Bild ergab: »Otto Nuschke befand sich in Begleitung der beiden Fahrer in einem Wagen der Parteileitung der Christlich-Demokratischen Union. (...) Auf dieser Fahrt kam er durch die Mühlenstraße in Richtung Treptow. In der Gegend der Oberbaumbrücke, etwa 100 Meter vor der Kreuzung Warschauer Straße, wurde der Wagen durch eine randalierende Menschenmenge zum Halten gebracht. Der Fahrer M., der am Steuer saß, wurde sofort aus dem Wagen gezerrt und die Personalausweise der Insassen verlangt.« 

Zur gleichen Zeit, heißt es weiter, habe »offenbar einer der Provokateure Otto Nuschke erkannt, der vorn neben dem Fahrer saß, da sein Name laut gerufen wurde. Die Menge stürzte sich auf den Wagen und zwang den Fahrer M., sich wieder ans Steuer zu setzen. Von der den Wagen begleitenden Menge wurde er gezwungen, weiter zu fahren. Die Sicht wurde ihm von den auf der Motorhaube Sitzenden genommen. Obwohl einzelne besonnene Menschen verschiedentlich versuchten, den Wagen zu befreien, konnten sie nicht verhindern, daß dieser von einem neben dem Wagen Laufenden gelenkt und über die Oberbaumbrücke nach dem amerikanischen Sektor gezogen wurde. Nachdem die Sektorengrenze überschritten war, griff die Stummpolizei (nach dem Westberliner Polizeichef Johannes Stumm, d. Red.) ein. Die Menge wurde vom Wagen abgedrängt. Trotzdem gelang es einigen, durch die Polizeikette hindurch ins Fenster zu schlagen.« 

In der Sprachregelung des Westens war Nuschke an der Oberbaumbrücke von einer »aufgebrachten Menschenmenge« mitsamt seinem Dienstwagen in den Westen geschoben und dort der Polizei übergeben worden. Inzwischen ist bekannt, daß die Entführungen nicht ohne tatkräftige Anleitung durch den Geheimdienst über die Bühne ging. Siegfried Berger brüstete sich Jahrzehnte später, am 17. Juni 1953 einer derjenigen gewesen zu sein, die an der Entführung Nuschkes aktiv beteiligt waren. Berger, Mitglied der SPD in Neukölln, rühmt sich, sich bereits 1948 dem unter dem US-amerikanischen Geheimdienst operierenden Ostbüro der SPD angedient zu haben, »um einen Beitrag zum Kampf gegen die sich deutlich etablierende SED-Diktatur zu leisten«. 

Er beschreibt seinen »Fronteinsatz« während einer Zusammenrottung am 17. 

Juni 1953 nachmittags: »Um den Weg abzukürzen, passierten wir in der Nähe des rSchlesischen Toresl für wenige Schritte den Westsektor, um ihn an der rOberbaumbrückel wieder zu verlassen. Als Kollegen den Ost-CDU-Vorsitzenden und stellvertretenden DDR-Ministerpräsidenten, Otto Nuschke, in einer schweren Tatra-Regierungslimousine langsam am Demonstrationszug (...) vorbeifahren sahen, wurde er von uns aus seinem PKW herausgeholt und der Westberliner Polizei übergeben.« 

Was Berger verschweigt, berichtete am 18. Juni 1953 der Westberliner Telegraf triumphierend: »Pankows stellvertretender Ministerpräsident Nuschke wurde gestern nachmittag auf der Fahrt durch Ostberlin von Demonstranten erkannt und in die Westsektoren geprügelt.« Nuschke war auf Westberliner Seite von der Polizei festgenommen worden. 

Keine Gallionsfigur 

Nachdem man Nuschke zunächst in das Polizeirevier 109 in der Schlesischen Straße geschleppt hatte, überstellte man ihn von dort ins Polizeipräsidium. 

Anschließend wurde er den US-Besatzern übergeben. Was nun geschah, wird tunlichst in fast allen Darstellungen verschwiegen. Der Fernsehmoderator Wilfried Rott vom Sender Freies Berlin brachte das Naheliegende jedoch auf den Punkt: Dann wurde Nuschke »von amerikanischen Sicherheitskräften vernommen und zum Verbleiben aufgefordert«. 

Rott spricht aus, was westliche Strategen von dem Kidnapping erhofften: Allzu gerne hätten sie Nuschke als Galionsfigur für die Konterrevolution aufgebaut. Schon kurz nach seiner Verschleppung hatte man im RIAS die Meldung lanciert, der Stellvertreter des Ministerpräsidenten der DDR habe sich unter den Schutz der Westberliner Polizei gegeben. Diese Falschmeldung sollte augenscheinlich ein Prolog für den Seitenwechsel Nuschkes sein. 

Schon im Polizeipräsidium in der Friesenstraße durfte der RIAS-Frontmann Peter Schultze dem CDU-Politiker das Mikrofon vor die Nase halten. 

Schultze, der »den Rußlandfeldzug von 1941 bis zur Kapitulation als Leutnant der Nachrichtentruppe mitgemacht« hatte, erlebte in seiner neuen Nachrichtenarbeit erneut eine herbe Pleite. Nuschke dachte nicht im geringsten daran, sich vor den Karren der Putschisten spannen zu lassen. Er nannte als Grund für seine Anwesenheit in Westberlin, daß er »geraubt« worden sei, verwies auf die Rolle Westberliner Provokateure und begrüßte das Eingreifen der Roten Armee. 

Nach Protesten gegen die Inhaftierung Nuschkes und einer Intervention des Hohen Kommissars der UdSSR in Deutschland, Wladimir Semjonow, gaben die US-Besatzer auf. In einer knappen Meldung des Telegraf hieß es dazu: Nuschke wurde am 19. Juni um die Mittagszeit »an der Sektorengrenze in der Prinzenstraße von etwa 50 sowjetzonalen Funktionären und von einem vorher verständigten sowjetischen Vertreter in Empfang genommen. Noch am Vormittag hatte die Westberliner Kripo versucht, Belastungsmaterial gegen Nuschke im Zusammenhang mit einem Menschenraub zu erhalten. Auch die amerikanischen Behörden hatten ihn einen Tag lang vernommen.« 

Quelle. Auszüge aus Otto Nuschkes Interview mit dem RIAS-Reporter Peter Schultze 

Herr Nuschke, hier ist RIAS Berlin, wie sind die nach Westberlin reingekommen - freiwillig? 

Nach Westberlin, ich wurde geraubt! Mein Auto wurde aus dem Ostsektor von einer erregten Menge Westberliner nach Westberlin geschleppt. 

Wie beurteilen Sie die Lage im Ostsektor? 

Günstig! 

(...) 

Wann glauben Sie, werden die die Kontrolle über die Lage wieder haben im Sowjetsektor? 

Die haben wir bereits. 

Woraus erklären Sie sich das, daß Sie die Kontrolle im Ostsektor wieder haben, es ist ja Ausnahmezustand? 

Ich bin ja unberührt durch den ganzen Ostsektor gefahren, ich bin an Demonstranten vorbeigefahren, niemand hat irgend etwas gegen meinen kleinen Wagen unternommen. Erst als ich an diese, an diese kritische Grenze kam - es gab keine Volkspolizei auf der Seite des Ostsektors, aber es standen erregte Westberliner auf dieser Ostseite und schoben mein Auto herüber. 

Wie stehen Sie zu der Tatsache, daß die Bevölkerung der Ostzone die Absetzung der Regierung fordert? 

Die Bevölkerung fordert sie nicht, sondern ein Teil der Demonstranten, und zwar sehr stark durchsetzt von Westberlinern. 

(...) 

Ist die Regierung mit dem Einsatz sowjetischer Panzer in Ostberlin einverstanden? 

Selbstverständlich! 

Warum selbstverständlich? 

Selbstverständlich, weil sie ein Interesse daran hat, daß Ruhe und Ordnung zurückkehren. Und wenn das nicht mit polizeilichen Mitteln möglich ist, dann muß selbstverständlich die Besatzungsmacht - und jede Besatzungsmacht - ihre Machtmittel einsetzen. Das ist ganz selbstverständlich. 

 

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Juni 16, 2013

Ernst Reuter: „Wir sind der Pfahl im Fleisch der Sowjetzone, und wir werden die dortige Besatzungsmacht zum Rückzug zwingen … (West-) Berlin ist die billigste Atombombe."

by Kommunisten-Online

17. Juni 1953:

Das Pack der Börsenspekulanten erlebte große Tage.

Die Millionäre träumten von der Reprivatisierung der volkseignen Betriebe.

Unser Haus sollte zuerst angezündet werden

von Albert Norden***

Reinhold Schramm  (Bereitstellung) 16.06.2013

Wiederholt hat der neue deutsche Imperialismus nach 1945 versucht, mit bewaffneter Hand die Dinge und Grenzen in Europa gewaltsam zu verändern. Im Frühjahr 1953 arbeiteten die Reaktionäre Westdeutschlands unmittelbar auf den Sturz der DDR hin. Am 14. Juni 1953 traf auf Anweisung Adenauers der Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Otto Lenz, in Westberlin ein. Er hatte schon am 29. Januar jenes Jahres im offiziellen Bulletin der Bonner Regierung bramarbasiert, dass es eine „Kleinigkeit" sei, die Regierung der DDR zu beseitigen. Jetzt machte er sich ans Werk, gemeinsam mit dem 48 Stunden später in Westberlin eingetroffenen Chef des Geheimdienstes der USA, A. W. Dulles, und seiner Schwester Eleanor Dulles, Leiterin der Deutschlandabteilung des amerikanischen Außenministeriums. Die internationale Konterrevolution gab sich ein Stelldichein in Westberlin.

Diese Stadt, 160 Kilometer von Westdeutschland entfernt, war bewusst und von Anfang an als Frontstadtfestung mitten im sozialistischen Meer aufgebaut worden. Sie wimmelte von 80 Geheimdiensten. Ihr flossen und fließen jährlich Milliarden Mark aus Bonn und Washington zu. Sie war bestimmt, glitzernd-verführerisches Schaufenster und Ausfallstellung zugleich zu sein. Das war das laut ausgesprochene Kredo der Westberlin-Politiker. Der an der Spaltung Berlins maßgeblich beteiligte sozialdemokratische Führer und Wirtschaftssenator Westberlins, Gustav Klingelhöfer, erklärte 1949 mit unverfrorener Offenheit als Aufgabe der „kommenden Jahre", dass „(West)Berlin nicht nur verteidigt, sondern auch zu einer Ausfallbastion werden kann". [1]

Der von 1948 bis 1953 amtierende erste Bürgermeister Westberlins, Reuter, nannte das von ihm verwaltete Territorium eine „Türklinke", mit der „das Tor zum Osten aufgestoßen werden kann". [2]

Kurz vor den Ereignissen des Juni 1953 legte dieser Sozialdemokrat Reuter seine politischen Karten auf den Tisch:

„Wir sind der Pfahl im Fleisch der Sowjetzone, und wir werden die dortige Besatzungsmacht zum Rückzug zwingen … (West-)Berlin ist die billigste Atombombe." [3]

Es ist ganz klar, dass es ohne die Zusammenballung der internationalen Reaktion und die Entfesselung ihrer Sturmtrupps nie zu den Ereignissen des 17. Juni 1953 gekommen wäre.

Bei den Machenschaften gegen die DDR spielten gerade die Könige des Finanzkapitals hinter den Kulissen eine tragende Rolle. Das westdeutsche Finanzkapital setzte seine Hoffnungen auf einen schnellen Coup. Die Direktoren solcher Konzerne wie die Elektrizitätstrusts AEG und Siemens erteilten Order, an den Börsen Westdeutschlands zu erhöhten Preisen Aktien der DDR-Betriebe aufzukaufen, die bis zum Ende der faschistischen Diktatur einen Teil des Rieseneigentums der Trusts gebildet hatten.

Tatsächlich setzte am 13. Juni 1953 an den westdeutschen Börsen eine rege Nachfrage nach sogenannten „Ostwerten" ein, so dass es zu einer richtigen Hausse kam. Das Pack der Börsenspekulanten erlebte große Tage. Der Markt- und Börsendienst des Düsseldorfer „Industriekuriers" frohlockte unter dem Titel „Kräftige Kurserhöhungen"): „Neben der Diskontsenkung wirkten die Nachrichten über die Ankündigung eines drastischen Wechsels in der Ostzonenpolitik anregend. Werte von Firmen mit Ostzonenbesitz, z. B. Siemens, AEG, Bekula, Dessauer Gas usw., erfreuen sich reger Nachfrage, die Kursgewinne bis zu 3 Punkten zur Folge hatte." [4]

Zwei Tage später verkündete das Blatt: „An den Aktienmärkten verlagerte sich das Interesse noch mehr auf die Werte mit ehemaligen Ostbesitz. AEG gewannen  1½ Punkte. Siemens wurden  3 P höher gehandelt, … von den übrigen Montanen waren Mannesmann mit  3½ P höher gesucht …" [5]

Das „Handelsblatt" teilte aufschlussreich mit: „Trotz vorsichtiger Beurteilung wurden weitergehende Hoffnungen geweckt,  die in Kurssteigerungen der Aktien von Gesellschaften mit ehemals größerem Ostbesitz ihren Niederschlag finden." [6]

Die Millionäre träumten von der Reprivatisierung der volkseigenen Betriebe,  aber sie träumten und spekulierten nicht nur.

Am 16. und 17. Juni schlugen die aus Westberlin über die offene Grenze kommenden umfangreichen Provokationstrupps  und die von westdeutschen und besonders Westberliner Rundfunkstationen  (vor allem dem Rias)  direkt kommandierten  Agenten- und Diversionsgruppen in der DDR los. Gleichzeitig fuhren USA-Panzer drohend in Hessen und Bayern an die Staatsgrenze zur DDR und in Westberlin auf. Aber der konterrevolutionäre Putsch, dessen faschistischen Charakter die Ermordung klassenbewusster Sozialisten, Brandstiftungen und Plünderungen kennzeichneten, brach schnell zusammen.

Durch seine Niederschlagung an der Nahtstelle der zwei Systeme konnte die militärische Intervention verhindert und die Gefahr eines kriegerischen Zusammenstoßes gebannt werden.  Die von John Foster Dulles inspirierte und von aggressiven Kräften des deutschen Imperialismus mit Hilfe des Brückenkopfes Westberlin aktiv unterstützte Politik des „roll back" erlitt eine Niederlage. In ihrer internationalen Autorität als Friedensmacht gestärkt, bewies die Deutsche Demokratische Republik, dass und wie es möglich ist, einen Weltbrand zu verhindern.

Unermüdlich und durchdrungen von ihrer Verantwortung, nie mehr zuzulassen, dass ein Krieg von deutschem Boden ausgeht, waren auch in den folgenden Jahren die Handlungen der DDR darauf gerichtet, neue Wege zur Entspannung zu beschreiten, den Regierungen aller europäischen Staaten, darunter auch der Regierung der westdeutschen Bundesrepublik, Vorschläge zur Gewährleistung der europäischen Sicherheit zu unterbreiten. Sie erstreckten sich von Abkommen über Gewaltverzicht, Abrüstung, Preisgabe jeder atomaren Bewaffnung bis zu Appellen zum Abschluss eines Nichtangriffsvertrages zwischen beiden deutschen Staaten.

Dem zustimmenden Ja der Friedenskräfte folgte stets und ständig das Nein und die Ablehnung der Bonner Regierung. Sie setzte nunmehr mit ihren politischen und militärischen Leibwächtern ein vielseitiges, alle Bereiche des Lebens erfassendes System der Schädigung und Unterminierung der DDR ins Werk, das vom wirtschaftlichen Boykott über kriminelle Sabotageakte, Spionage und Abwerbung, organisierten  Menschenhandel, Desorganisation der Geldzirkulation in der DDR mit Hilfe eines künstlichen Kursgefälles bis zur internationalen Verleumdungskampagne gegen die DDR und zu Vorbereitungen der militärischen Intervention reichte.

Es wäre falsch zu behaupten, dass diese Skala von Maßnahmen ganz erfolglos geblieben wäre. Tatsächlich erlitt die DDR dadurch einen Schaden, dessen Gesamtsumme sich auf eine dreistellige Milliardenziffer beläuft. Dazu kommen die großen Verluste, die das Bonner Kabinett der DDR durch die Diskriminierung im Handel zufügte, eine Diskriminierung, die im Herbst 1960 sogar zur zeitweiligen Kündigung der Handelsverträge mit der DDR führte. Das machte schnelle und weittragende Umdisponierungen nötig, um die bis dahin in wichtigen Positionen von Westdeutschland abhängige Wirtschaft des sozialistischen deutschen Staates endgültig störfrei zu machen.«

Anmerkungen

1  Telegraf (Westberlin), 24. Oktober 1949.

2  Die Neue Zeitung, 17. Juli 1951.

3  Telegraf, 12. März 1953.

4  Industriekurier (Düsseldorf), Nr. 90, 13. Juni 1953.

2  Ebenda, Nr. 91, 15. Juni 1953.

3  Handelsblatt, Düsseldorf, Nr. 68, 15. Juni 1953.

»Die Wand der Lügenpropaganda zu durchstoßen, hinter der die imperialistischen Kriegsabenteuer dieses Jahrhunderts vorbereitet wurden und werden, die wirklichen Triebkräfte, die Methoden der imperialistischen Aggression und das Geheimnis der Kriegsentstehung aufzudecken, um den Menschen rechtzeitig die Augen zu öffnen – das gehört heute zu den dringendsten Aufgaben aller Streiter für Frieden, Demokratie und Sozialismus.«

Quelle: Albert Norden: So werden Kriege gemacht! Über Hintergründe und Technik der Aggression. Dietz Verlag Berlin 1968. Vgl.: Um Krieg und Frieden im Herzen Europas. Unser Haus sollte zuerst angezündet werden.

16.06.2013, Reinhold Schramm  (Bereitstellung)

siehe auch: War es ein Volksaufstand, der 17. Juni 1953?, Anmerkungen von Günter Ackermann siehe

 

*** Albert Norden (04.12.1904 bis 30.05.1982) siehe

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Die Nagelprobe 

Schriftsteller in einer rauen Wirklichkeit 

Von Dieter Schiller 

 

Stefan Heym hat seinem Roman über den 17. Juni 1953 den Titel »Der Tag X« gegeben. Das meint den angeblich lang geplanten Stichtag westlicher Geheimdienste, um die Arbeiter- und Bauern-Macht in der DDR aufzurollen. Man sollte meinen, ein solches Buch hätte den Parteioberen der Einheitspartei willkommen sein müssen, zumal die erste Fassung zum Teil noch die offiziellen Argumentationsmuster bediente. Doch es wurde verboten und damit zum langdauernden literarischen Ärgernis gemacht. Denn Heym konnte und wollte das Verbot nicht akzeptieren und suchte hartnäckig, den Druck seines Buches in der DDR durchzusetzen. Ihm war es ernst mit den Lehren aus den Arbeiterunruhen im Juni 1953, weil es ihm ernst war mit dem Sozialismus in der DDR. Deshalb vor allem war er den internen Ursachen der sozialen und politischen Konflikte nachgegangen, und hatte die demokratischen Defizite der aktuellen Machtausübung aufgedeckt. In einer zweiten, von politischen Klischees befreiten Fassung mit dem Titel »Fünf Tage im Juni« ist das Buch dann in der Bundesrepublik erschienen und wirkte von dort in die DDR hinein. Es war eine Mahnung an den damals ausgebliebenen öffentlichen Dialog, der allein die Kluft zwischen herrschender Partei und Arbeitermassen hätte überwinden können. 

In: Neues Deutschland online vom 15.06.2013  

Weiter unter: 

 

* Erst Anfang der 90er Jahre konnte die Forschung belegen, dass Erna Dorn weder KZ-Aufseherin noch 1953 »Rädelsführerin« war; ihre Verurteilung beruhte auf Selbstbezichtigungen der offenbar psychisch gestörten Frau. Das Todesurteil wurde 1994 posthum aufgehoben. 

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/824477.die-nagelprobe.html 

 

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