Ein Jahrhundertleben

Bildende Kunst. Nekrolog auf Willi Sitte

Peter Michel

In: junge Welt online vom 10.06.2013

 

In den frühen Morgenstunden des 8. Juni 2013 verstarb Willi Sitte. Er wurde 92 Jahre alt. Ein Gefühl tiefer Trauer um einen Freund, mit dem ich seit 1974 verbunden war, vereint sich mit Dankbarkeit für das, was er als Werk hinterließ und was er für alle Gattungen der bildenden Künste im Osten Deutschlands während der Zeit seiner Verbandspräsidentschaft erreichte. In der DDR hatte er sich schützend vor Menschen gestellt, die doktrinären Unterstellungen und Angriffen ausgesetzt waren. Die es betrifft, haben es nicht vergessen; die es nicht wahrhaben wollen, verschweigen es.

Nach den beschämenden Vorgängen um eine Jubiläumsausstellung anläßlich seines 80. Geburtstages im Nürnberger Germanischen Nationalmuseum im Jahr 2001, um das nachfolgende tribunalartige »Symposium« und nach der wendehälsischen Abkehr mancher Künstlerkollegen scheint es in den vergangenen Jahren um ihn und seine Kunst stiller geworden zu sein. Das Gekläff ist langsam verhallt. Der dumme Haß, der ihn - diesen streitbaren Menschen - manchmal niederdrückte, artikuliert sich heute oft differenzierter.

Vielleicht ergießen sich - wie bei dem Maler Bernhard Heisig - im Angesicht seines Todes wieder heuchlerische Elogen auf sein Leben und Werk aus den Mündern und Manuskripten jener, die ihn nach 1989/90 als »Staatskünstler« in den Orkus schicken wollten. Oder es entdeckt mancher von ihnen tatsächlich die überragenden Qualitäten seiner Kunst, weil es nach den unermüdlichen Anstrengungen seiner Freunde und Verehrer immer wieder zu Ausstellungen und Publikationen kam, die dafür sorgten, daß er nicht vergessen wurde. Da sind jene, die seine Ausstellung in der Burg Beeskow, in zahlreichen kommunalen und privaten Galerien der alten und schließlich auch wieder der neuen Bundesländer organisierten. In Merseburg wurden die Willi-Sitte-Stiftung für Realistische Kunst und die Willi-Sitte-Galerie ins Leben gerufen und unter schwierigen Bedingungen weitergeführt. Einzelne - wie Gisela Schirmer aus Osnabrück, Wolfgang Hütt und Hans-Georg Sehrt aus Halle, Claus Pese aus Nürnberg, Peter Ludwig aus Aachen, Peter H. Feist und Dieter Brusberg aus Berlin, Eduard Beaucamp aus Frankfurt/Main, Wolfgang Schreiner aus Gerlas, Peter Arlt aus Gotha -, aber auch Kunstvereine in ganz Deutschland, der »Arbeitskreis Kultur« der »Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde« (GBM) und viele andere machten sich immer wieder um das Erforschen bestimmter Aspekte seines Schaffens verdient.

Wenn es demnächst einmal en vogue sein wird, ihn als großen Meister des Realismus zu würdigen, der sein Werk aus dem Geist kämpferischer Humanität und aus dem Schmerz einer wunden Vergangenheit und Gegenwart schöpfte, werden zahlreiche Lohnschreiber in diesen Chor einstimmen. Vielleicht auch solche, die sich in sein Vertrauen geschlichen hatten, um ihm dann mit ihren zurechtgebogenen Erkenntnissen in den Rücken zu fallen. Doch sie können sicher sein, daß die empörende Leichtfertigkeit nicht vergessen wird, mit der gegen ihn vorgegangen und über ihn geschrieben wurde. Was für ein Sumpf tat sich da auf! »Wie kann man sehend so blind sein?«, kommentierte schon Karl Kraus solche Vorgänge.

Seinen Standpunkt behauptet

Sittes Tod, so bedrückend er ist, öffnet deutlicher den Blick auf ein Jahrhundertleben, auf die Dialektik von historischen Ereignissen und Widersprüchen auf der einen Seite und der Entwicklung seiner Persönlichkeit und seines Werks auf der anderen. Aus der Summe seines Lebens erwächst, Stein für Stein, ein vielschichtiges, beziehungsvolles künstlerisch-geistiges Bauwerk. Das Einzelne tritt aus der Tagesaktualität und stellt sich, da es historisch zu werden beginnt, in den Zusammenhang eines größeren Ganzen: in nahezu ein Jahrhundert deutscher und europäischer Geschichte, deren Phasen gegensätzlicher nicht sein konnten, in die deutsche Nationalkultur, soweit man überhaupt noch davon sprechen kann, und in die Beiträge ostdeutscher Künstler zur Europäisierung der deutschen bildenden Kunst.

»Ich habe keine Heimat«, hatte er vor einigen Jahren gesagt. Er wohnte in Halle an der Saale, doch seine Wurzeln lagen in Nordböhmen. Dort, in Kratzau, wo er in einer bäuerlichen Umgebung unter ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, wo er schon als Kind am liebsten zeichnete, lernte er durch Großvater und Vater sozialdemokratisches und kommunistisches Gedankengut kennen. Nach einem Studium an der Kunstschule des Gewerbemuseums Reichenberg und an der Meisterschule für monumentale Malerei in Kronenburg/Eifel, von der er wegen Unbotmäßigkeit in den Kriegsdienst geschickt wurde, erlebte er die Schrecken des Völkermordens und lief 1944 zu den italienischen Partisanen über.

All diese Lebensumstände schlugen sich bildkünstlerisch - zunächst in der Manier alter Meister - nieder, u.a. in seinem antifaschistischen Zyklus »Totentanz des Dritten Reiches«. In Mailand, Vicenza und Venedig setzte er 1945/46 seine Studien fort, kehrte 1946 nach Kratzau zurück, verlor seine Heimat durch Umsiedlung und ließ sich zunächst in Heiligenstadt und schließlich in Halle nieder.

Halle war damals ein Zentrum künstlerischer Gegensätze. Man mühte sich, Sitte aus dem »Gestrüpp des Formalismus« herauszuholen, als es ihm darum ging, von Pablo Picasso, Fernand Léger und anderen Vertretern der Klassischen Moderne zu lernen, ohne seine eigene Haltung aufzugeben. In seiner Autobiographie »Farben und Folgen« erinnerte er sich daran, daß er bis weit über die fünfziger Jahre hinaus zum Prügelknaben wurde, stellvertretend für alle Formalisten. Viele, die sich als Künstler profilieren wollten, hatten in ihm jemanden gefunden, »auf den man schlagen mußte, um zu beweisen, daß man selbst auf der richtigen Seite stand. Auch Kunstwissenschaftler machten davon Gebrauch und es wurde viel dummes Zeug über mich geschrieben« (S. 58). Solcherart Angriffe führten ihn manchmal in Verzweiflung, doch es gab Freunde - wie seinen Künstlerkollegen Willi Neubert -, die ihm zur Seite standen und ihm halfen, seine Haltung zu bewahren. Ist es nur eine Ironie der Geschichte, daß sich solche Vorgänge um 1989/90 - nun mit umgekehrtem Vorzeichen - wiederholten?

Er hatte es vermocht, über viele Jahre hinweg seinen Standpunkt zu behaupten - immer im Zusammenhang mit der Entwicklung seiner bildnerischen Sprache, mit der er mitten ins Schwarze unserer widersprüchlichen Epoche traf. Nicht die Partei, die SED, der er trotz aller Belehrungen und Angriffe immer treu geblieben war, hat ihn »umerzogen«, sondern er verstand es, unerbittlich gegen Unverständnis und Intoleranz anzukämpfen und sich durchzusetzen. Das brachte ihm schließlich das Vertrauen vieler seiner Künstlerkollegen ein, die ihn 1974 zu ihrem Verbandspräsidenten wählten.

Als er 1988 aus seinem Präsidentenamt ausschied, warf er den riesigen Blumenstrauß, der ihm zum Dank überreicht worden war, ins Auditorium des Künstlerkongresses zurück.

Umso größer war seine Enttäuschung, daß seine Partei in den Vorwendejahren so kläglich versagte und sich nach 1989 in einer Atmosphäre der Verfolgungssucht zahlreiche Künstler, für die er sich engagiert hatte, von ihm abwandten. »Ich habe gar nicht gewußt, daß ich Präsident eines Verbandes von lauter Widerstandskämpfern war«, formulierte er damals sarkastisch. Und mit ebensolchem bitteren Spott sprach er vom Freiheitsrummel, von »freiheitlicher Freiheit«, die nun über uns hereingebrochen war. Daß die Parole »Freiheit! Freiheit!« gerade dort beliebt ist, wo keine Freiheit herrscht oder nur eine Freiheit für wenige, ist bekanntlich nichts Neues. Solche Wahrheiten auszusprechen, war er von Jugend an gewöhnt. Seine Darstellungen des »Herrn Mittelmaß« zeugen davon.

Diese und andere Werkgruppen müßten für die kunstwissenschaftliche Forschung ein Anlaß sein, über die formbildende Funktion seines Sarkasmus, seiner bildnerischen Überspitzungen nachzudenken. Das alles war in seinem Charakter, seinem Temperament angelegt, aber es brachte bildnerische Formulierungen hervor, die seine Kunst entscheidend prägten.

Die letzten Jahre seines Lebens waren ein Kampf mit den irreparablen Folgen ärztlichen Versagens, ein verzweifeltes Ringen, aufgezwungene Schwäche zu überwinden und trotz aller körperlichen Behinderung weiterzumalen. In seiner Berliner Personalausstellung, die ihm die GBM-Galerie im Januar 2009 ausrichtete, waren einige dieser zuletzt entstandenen größerformatigen Bilder zu sehen. Sie beeindruckten mit ihrer ungebrochenen bildnerischen Kraft, ihrer Dynamik in Komposition und Farbe und mit der Klarheit ihrer Botschaften. Freunde umringten ihn wie eh und je und halfen ihm mit Solidarität und menschlicher Wärme, in dieser tragischen Situation neuen Mut zu schöpfen. Doch er glitt mehr und mehr in ein Dahindämmern mit wachen Augenblicken, ständig liebevoll betreut von seiner Frau Ingrid, und zeichnete noch hin und wieder in seinem Skizzenbuch. Diese erzwungene Loslösung vom Malen großer Formate hat ihn deprimiert. Es war eine Art Nachleben, in dem er vergebens nach produktiver Stütze suchte, und schließlich war der Tod stärker. Für seine Angehörigen und seine Freunde war es bedrückend zu erleben, wie ein solch willensstarker Mensch unwiderruflich verlöschte.

Der Tod im Werk

Immer wieder hatte er sich in seiner künstlerischen Arbeit mit dem Tod auseinandergesetzt: Als 1943 sein Großvater gestorben war, ehrte er ihn - so meisterlich, wie er das damals schon konnte - mit einer Darstellung in Kreide. Auf einem Blatt seines 1944 in Sepia gezeichneten Zyklus »Totentanz des Dritten Reiches« erscheint ein mit einer Naziuniform bekleidetes Skelett als Überbringer des Einberufungsbefehls. Sein Gemälde »Untergang der napoleonischen Armee in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813« von 1956 zeigt das Grauen des Todes in einem bestialischen Gemetzel. In den Predellen seines »Lidice«-Bildes (1956), des Diptychons »Die Überlebenden« (1963) und zahlreicher anderer Mehrtafelbilder sind Ermordete und Gefallene dargestellt - eine Reminiszenz an die Traditionen der christlichen Bildkunst - in vielen Altären zeigt die Predella eine Grablegung. »Nicht schießen!«, ein Gemälde von 1965, erfaßt letzte Sekunden vor dem Tod, einen Schrei nach Leben im Inferno des Vietnamkrieges. Sein »Höllensturz in Vietnam« (1966/67) zieht Verbrechen gegen die Menschlichkeit in einen Abgrund.

1968 entstand eine tief beeindruckende Studie zu seinem Gemälde »Mensch, Ritter, Tod und Teufel« mit dem Titel »Gekreuzigter«, die den Moment des Sterbens festhält. Ein Kreuz ist nicht vorhanden, doch jeder erkennt sofort die Ikonographie des Kreuzestodes: Ein Haupt ohne Dornenkrone, doch mit zerschossener Zielscheibe auf der Stirn hängt dem Betrachter entgegen, schwer wie der blutverkrustete Körper, den es in die Tiefe zieht. Der Mund des Sterbenden ist halb geöffnet, die Unterlippe hängt herunter. Heftige, vibrierende, bis ins Tachistische gesteigerte Pinselhiebe sind Ausdruck höchster Dramatik. Dieses Bild nutzt das zwei Jahrtausende alte »Ecce homo« als universales Zeichen und wird damit zu einem Symbol für tätigen, widerständigen Humanismus. Vom selben Anliegen getragen ist sein Gemälde »Sie wollten nur schreiben und lesen lehren« (1984/86), mit dem die blutigen Aktionen der Contras gegen Menschen angeklagt werden, die die sandinistische Revolution in Nicaragua unterstützten.

Auch in den Bildern, die Lebenslust und Eros feiern, tritt manchmal der Tod als Memento mori auf: Er liegt unter dem Bett eines sich liebenden Paares, bricht wie ein Unheil in eine Gruppe von männlichen und weiblichen Akten ein, die verzweifelt sein Eindringen zu verhindern suchen, oder er wird als Paris, der den Apfel bereithält, von den drei Schönen ignoriert.

Nach der »Wende« bezog Willi Sitte Todesdarstellungen häufiger auch in Selbstbildnisse ein. 1990 malte er sich mit nachdenklichem, verschlossenem Blick, während seine linke Hand auf einem knöchernen Schädel liegt. Im selben Jahr entstand sein Gemälde »Bocksprung«: Ein Skelett stützt sich beim Springen auf die Schultern eines gleichgültig lächelnden Mannes. Und auf seinem Blatt »Einer trage des anderen Last« hocken zwei fette, selbstzufriedene Männer auf dem Rücken des Todes, der dabei ist, unter ihrem Gewicht schreiend zusammenzubrechen.

In seinen lithographischen Hommagen taucht der Tod als Sensenmann oder heimtückischer Einflüsterer auf (»Für James Ensor«, 1996; »Ehrung für Luca Signorelli«, 1993). Und im großen Antikriegsbild »Der Tod fliegt mit«, das 1999 anläßlich des Überfalls der NATO auf Jugoslawien entstand, vereinen sich die Formen eines Skeletts mit ausgebreiteten Armen und die eines Kampfflugzeuges zu einem erschreckenden Phantom, das Feuer speiend vom Himmel stürzt. Wie ein Grundthema, das den Wechsel von Leben und Tod, Werden und Vergehen immer wieder aufgreift, ziehen sich Todesdarstellungen - als Mahnung und Anklage, als Ereignis, als Vorgang, Gleichnis, Metapher, Menetekel und Vanitas-Zeichen - durch Sittes gesamtes Werk.

Ineinander von Qual und Glanz

Doch sein Schaffen betraf das Ganze des Lebens. Es war ein riesiges Arsenal, aus dem er schöpfte. Es umfaßte die gesamte europäische Kunstgeschichte, die antike Mythologie, die Etappen deutscher Historie von den Bauernkriegen bis zur Gegenwart, die Literatur - Bertolt Brecht, Wladimir Majakowski, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Erik Neutsch, Sarah und Rainer Kirsch ... -, die Abrechnung mit allem, was sich gegen Menschlichkeit richtet. Er artikulierte mit unverwechselbaren bildnerischen Mitteln seinen Abscheu vor Faschismus und imperialistischen Kriegen ebenso wie seine Glücksvorstellungen und seine Kritik.

Thomas Mann resümierte sein eigenes Leben am Ende als ein »Ineinander von Qual und Glanz«. Das trifft auch auf Willi Sitte zu. Er genoß die Anerkennung, die man seinem Werk entgegenbrachte, aber ideologisch intendierte Kritiken trafen ihn, vom wem auch immer sie ausgingen, bis hin zu Selbstmordgedanken. Die hohen Maßstäbe, die er an sich selbst anlegte, übertrug er auch auf andere. Hochgelobten Dilettantismus und Scharlatanerie lehnte er konsequent ab. Das brachte ihm nicht nur Freunde. Sein radikales Streben nach Redlichkeit, sein bedingungsloses Bekenntnis zur politischen und künstlerischen Verantwortung bleiben ein Vermächtnis für Generationen von Künstlern, die ihren Berufsstand nicht als Maske tragen.

Sein Tod sollte Anlaß sein, die nach 1989 in den Depots der Museen verschwundenen Werke - z.B. in der Galerie Neue Meister in Dresden - wieder hervorzuholen. Daß er mit wichtigen Arbeiten in allen drei Ausstellungen des Verbundprojektes »Bildatlas: Kunst der DDR« in Weimar, Erfurt und Gera vertreten war, ist ein guter Anfang. Mit Willi Sitte teilen wir die Hoffnung auf das Überdauern seines künstlerischen Werks. Nicht die Tagespolitik entscheidet über seinen Platz in der Kunstgeschichte.

Der für heute angekündigte Text von Ulla Jelpke zur Lage Asylsuchender in Griechenland erscheint am Donnerstag, dem 13.6.2013.

Peter Michel ist Kunstwissenschaftler und Publizist.

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"Ich habe nie daran gedacht die Partei zu verlassen" 

Am 8. Juni ist Willi Sitte gestorben 

In: unsere zeit online vom 21.06.2013 

 

"Mir ging es vor allem darum, Ereignisse, die in der Welt geschahen, irgendwie festzuhalten. Das habe ich gemacht." Der Maler und Genosse Willi Sitte ist schon 88 Jahre alt, als er diesen Satz sagt. Er formuliert es schlicht und vermeidet, die Haltung, den Verstand, die Bildung zu nennen, die Voraussetzung für ein derartiges "Festhalten der Weltereignisse" ist. 

Weltereignisse? Das sind zunächst mal die naheliegende Gegenstände und Bildthemen, ein schlafendes Paar, ein Liebespaar, Porträts, Akte in der Brandung. Ein Stilleben mit Brötchen und Papier. Aber dann auch "die Mörder von Lidice" (1957), der "Höllensturz in Vietnam" (1966/67), eine "Hochwasserkatastrophe am Po" (1954), "Memento Stalingrad" (1961), das Triptychon "Jeder Mensch hat das Recht auf Leben und Freiheit." (1973/74) "Sie wollten nur Lesen und Schreiben lehren" (1985/86) Und scheinbar harmlos: "Amputierter Mann am Strand." (1968) 

"Imstande zu sein, die Sitten, die Vorstellungen, das Gesicht meiner Epoche nach meinem Dafürhalten zu übertragen, nicht nur ein Maler, sondern auch ein Mensch zu sein - mit einem Wort, lebendige Kunst zu machen, das ist mein Ziel." Mit diesen Sätzen hatte Gustave Courbet, Realist und Kommunarde (1819-1877) seine realistische Haltung erklärt. Unvoreingenommen habe er die Kunst der Alten und der Modernen studiert. Er wollte weder die einen nachahmen noch die anderen kopieren; sein Denken sei auch nicht auf das müßige Ziel einer Kunst um der Kunst willen ausgerichtet. Das sagte er anläßlich der Weltausstellung 1855, mit deren Exponaten Napoleon III. die Erfolge der sieben Jahre seiner Herrschaft veranschaulichen wollte. Napoleon konnte den Pavillon nicht verhindern, in dem Gustave Courbet seine oppositionellen Bilder zeigte. Als Realismus-Manifest gilt das monumentale Bild: "Mein Atelier. Sieben Jahre meines Lebens ". Auch von Sitte gibt es ein monumentales Bild mit dem Titel "Mein Atelier". Sitte nimmt die revolutionären Traditionen des Bürgertums auf. 

 

Willi Sitte ist am 8. Juni 2013 im Alter von 92 Jahren in Halle gestorben. Zuletzt hat er sich nur noch im Rollstuhl bewegen können. 

Geboren wurde er am 28. Februar 1921. Dazwischen liegt ziemlich viel Leben, das verstanden sein will. Die Familie war im nordböhmischen Kratzau zu Hause, der Vater zunächst Zimmermann, später Gemüsebauer, Mitbegründer der tschechischen KP. Willi Sitte zeichnet schon als Kind viel und begeistert. Er kopiert Grafiken von Dürer, Cranach, Tizian und Michelangelo. 1936 wird er in die Kunstschule in Reichenberg (Liberec) aufgenommen. Er tritt in den Kommunistischen Jugendverband ein, protestiert gegen den Anschluss des Sudetenlandes. 1940 wird er an die Meisterschule für Malerei in Kronenburg/Eifel empfohlen. 

Diese Schule war als elitäres Institut zwei Jahre vorher von Hermann Göring eingeweiht und nach ihm benannt worden. Eine Außenstelle der Düsseldorfer Kunstakademie. Werner Peiner bildet hier weniger die Studenten zu Monumentalmalern aus, als daß er sie für Hilfsarbeiten bei den großen Gobelins verwendet, die er für Hitlers Reichskanzlei zu fertigen hat. Proteste gegen diese Form der Ausbildung führen zur Exmatrikulation, die Studenten werden zur Wehrmacht eingezogen. 

Sitte kommt 1941 zur Ostfront. 

Nach einem Lazarettaufenthalt wegen Gelbsucht wird er nach Italien versetzt. Hier kann er desertieren und zu den Partisanen wechseln. Daraus entstehen lebenslange enge Verbindungen. Jahrzehnte später, am 30. September 2008 wird ihn der Rat der Gemeinde Montecchio Maggiore (Nähe von Vicenza) zum Ehrenbürger ernennen und eine Ausstellung mit Werken des Malers organisieren. Ein Saal des Rathauses trägt heute seinen Namen. 

Sitte bleibt nach der Befreiung noch bis 1946 in Italien und stellt in Mailand aus. Er kehrt zurück, erst nach Böhmen, dann als zunächst tschechischer Staatsbürger in die SBZ, der späteren DDR. 

Er tritt der gerade gegründeten SED bei, arbeitet als Künstler und lehrt ab 1951 an der Kunstschule Burg Giebichenstein, seit 1959 als Professor. 1954 gibt es eine Ausstellung des italienischen Malers Renato Guttuso in Halle, die ihn sehr beeindruckt haben muss. Picasso und Leger sind weitere Bezugsgrößen für die Stilentwicklung von Sitte, die bis in die sechziger Jahre hinein immer wieder zu öffentlichen Debatten über formalistische Neigungen des Malers führt. Allerdings kämpft Sitte erfolgreich für seine ästhetische Position. 

Die damaligen Auseinandersetzungen setzen aber auch an den Inhalten an. So erkennt Ingrid Beyer im Bild "Memento Stalingrad" einen "Grundfehler der Konzeption dieses Werkes" und behauptet, dass einer der Dargestellten nur unzulänglich die wachsende Kraft der Volksmassen verkörpere. Er zeige keinen aktiven Widerstandswillen, verharre auf der Ohne-uns-Position, die nicht ausreiche, um der aggressiven NATO-Politik der Militaristen und Klerikalfaschisten im Westzonenstaat wirksam zu begegnen (Ingrid Beyer, Die Künstler und der Sozialismus, Leipzig 1963, S. 133 f.). Diese Kritik an Bildinhalten erscheint uns heute fremd. 

Sie ist indes unvermeidliche Begleiterscheinung des Gewichts, das Musik, Kunst und Literatur in der Öffentlichkeit der DDR genießen. Ein Resultat der völlig anderen Funktion der Kunst im Sozialismus. 

 

Sitte ist im Westen nur wenigen bekannt, als 1974 der Hamburger Kunstverein eine Ausstellung seiner Werke organisiert. Damals recht ungewöhnlich. Von DDR-Malerei herrschen Vorstellungen, wie sie der Kurator Uwe M. Schneede kennzeichnet: "Die Betrachter gingen von einer vorgefassten Vorstellung aus, die platte Propagandabilder meinte, sich aber mit der Praxis des heutigen sozialistischen Realismus nicht deckt." 

Schneede kommt auf die Funktionen der Kunst im Sozialismus zu sprechen. "Sich über Werke des sozialistischen Realismus Gedanken zu machen, heißt: sich Gedanken machen über die Funktion von Kunst in ihrer Gesellschaft und damit auch in unserer Gesellschaft. Während wir Kunst als im weitesten Sinne oppositionelles Element verstehen, das über die ästhetischen Mittel überkommene Sehweisen, Verhaltensnormen, Reaktionsmuster infragestellt, geht der sozialistische Realismus davon aus, dass die Kunst am Aufbau der neuen, der sozialistischen Gesellschaft positiv mitzuwirken, dass sie von der Identifikation mit der Arbeiterklasse in Übereinstimmung mit dem Marxismus-Leninismus (Prinzip der Parteilichkeit) auszugehen, dass sie volksverbunden zu sein habe. Eine solche Kunst hat eine klare Funktion, die an dem Wirklichkeitsverständnis breiter Bevölkerungskreise gemessen werden kann und in der DDR auch gemessen wird. Dementsprechend ist die zeitgenössische Kunst in der DDR populär." 

Die DKP hatte die Ausstellung ermöglicht. Der Katalog vermerkt: "Der Kunstverein in Hamburg dankt dem Parteivorstand der DKP, der die Verwirklichung der ihm zur Verfügung gestellten Sitte-Ausstellung dem Kunstverein übertragen hat." 

Willi Sitte erläutert seine ästhetische Haltung: "Der sozialistische Realismus ist eine Methode künstlerischer Durchdringung und künstlerischer Verarbeitung der unabhängig von unserem Bewusstsein real existierenden Wirklichkeit. 

Er ist folglich kein Prädikat, das dieser und jener nach Gutdünken verteilt. Und da sich die Wirklichkeit ständig in Bewegung befindet, kann der sozialistische Realismus folglich auch keine in sich stilistisch abgeschlossene oder gar zeitbedingte Erscheinung in der Kunst sein, ganz zu schweigen denn eine Klischeevorstellung ..." (Willi Sitte, Gemälde und Zeichnungen 1950-1974, Ausstellungskatalog, Kunstverein in Hamburg, 12. April bis 18. Mai 1974, S. 9) 

Von 1974 bis 1988 übt er das Amt des Präsidenten des Verbandes Bildender Künstler der DDR aus und wird ab 1976 für die SED in die Volkskammer delegiert. 

1977 gehört er zu den Künstlern der DDR, die auf der Documenta ausstellen. Allerdings findet das vorgesehene Triptychon "Jeder Mensch hat das Recht auf Leben und Freiheit" (1973/74) keinen Platz in der Ausstellung. 

Von 1986 bis 1989 ist er Mitglied des ZK der SED und seit 1985 des Weltfriedensrates. 

 

Den Zusammenbruch der DDR erlebt er als Katastrophe. Daraus macht er keinen Hehl. Günter Gaus interviewt ihn 1996. Sitte: "Meine politische Heimat habe ich immer in der DDR gesehen. Diese Entgleisungen, auch politischen Entgleisungen, diese Verzerrungen, die es damals gab, die habe ich immer gehofft, als vorübergehende erleben zu müssen. Ich habe mich auch dagegen gewehrt, soweit ich es konnte. Ich habe eine ganze Reihe Parteistrafen einstecken müssen, aber ich habe nie daran gedacht, die Partei zu verlassen. Dafür bin ich einfach zu überzeugt gewesen, dass das am Ende der richtige Weg und die richtige Haltung sind." Aber eben diese Haltung wird selbstverständlich nicht verziehen. 

Das Nürnberger Germanische Nationalmuseum hatte eine Ausstellung aus Anlass von Sittes 80. Geburtstages geplant. Am 6. Dezember 2000 beschließt der Verwaltungsrat des Museums, angeregt durch eine Intervention des Bundeskulturbeauftragten Michael Naumann, die Ausstellung zu "verschieben". Verantwortlich für diese ungeheuerliche Zensurmaßnahmen ist der Bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Hans Zehetmair, CSU. Die Zeit wähnt sich etwas großmütiger, als sie kommentiert, es handele sich um "infantile Rachsucht, mit der noch immer die sozialistische Kunst der DDR nach den Mustern des Kalten Krieges behandelt wird". 

Anstelle der geplanten Ausstellung wird ein Symposion über den Künstler am 21. und 22. Juni 2001 veranstaltet. Es ist als Tribunal angelegt. Das scheint nicht zu gelingen. Jedenfalls benötigt G. Ulrich Großmann, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, zwei Jahre für die Redaktion des Protokollbands. 

 

Erst zum 85. Geburtstag des Malers und Grafikers Willi Sitte wird im Jahre 2006 in Merseburg eine Galerie mit Werken des Künstlers eröffnet. Auf 700 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden ständig 150 Ölgemälde, Zeichnungen und Grafiken gezeigt. Hier ist auch die Willi-Sitte-Stiftung für Realistische Kunst zuhause. 

Klaus Stein 

 

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