Die Volksbeschauerin  

Rezension. Vor gut drei Jahren starb Elisabeth Noelle, das Orakel vom Bodensee. Eine neue Biographie zeichnet das Bild einer deutschen Karriere. Das hat nicht allen gefallen. Zur Hilfe eilte die Bundeswehr  

Otto Köhler 

In: junge Welt online vom 31.05.2013 

 

Der 11. Dezember 1961. Ich sitze im Henry-Ford-Bau (benannt nach jenem bedeutenden Antisemiten, der 1938 von Adolf Hitler mit dem Großkreuz des Deutschen Adlerordens dekoriert wurde), in jener Ausbildungsstätte, die damals ihren stolzen Namen zielbewußt auf jedes einzelne Blatt ihres Toilettenpapiers druckte: »Freie Universität«. Aufmerksam, aber doch etwas verwirrt, notiere ich in mein Kollegbuch, was die neue Lehrbeauftragte für Publizistik von ihrem Pult verkündete: 

»Freiburg, Oberbürgermeister, mußte schon getragen werden. Diese Umfrage hat Frage aufgeworfen, ob man nach der Krankheit einer Persönlichkeit fragen darf, starke Entrüstung hervorgerufen. Freiburger Umfrage, die erste, gegen die solche Polemik. Wir haben sie deshalb nicht ausgewertet. 

Frage, ob diese Krankheit Privatfrage. Erkältung Adenauers auch groß in der Presse. Warum also? Man versucht, sich eine Position des Vorsprungs zu sichern. Man hat also den Zusammenhang zwischen Zählen und Herrschaft erkannt. Rechtsfrage aufgeworfen, ob Auftraggeber genannt werden muß. 

Natürlich stellen sich die Interviewer vor, nicht der Auftraggeber. 

Zwingender Grund: Unbefangenheit des Befragten ginge verloren.« 

Erst Monate später durchschaute ich, was ich da aufgeschrieben hatte: Die Deutsche Zeitung vom 13. Februar 1962: »Der Freiburger Oberbürgermeister Dr. Brandel will eine mehrmonatige Kur antreten und danach entscheiden, ob er noch länger im Amt bleibt. (...) Als der langjährige Oberbürgermeister am 30. Oktober des vorigen Jahres seinen 60. Geburtstag beging, fand er unter zahlreichen Geschenken, Glückwünschen und Ehrungen auch eine demoskopische Umfrage vor. Die Freiburger wurden gefragt, ob sie schon gewußt hätten, daß ihr Oberbürgermeister krank sei. Reagierte der Befragte positiv und sprach er sich für den Rücktritt Brandels aus, so wurde er weiter gefragt, ob er den Rücktritt bald oder erst im nächsten Jahr wünsche. Schließlich kredenzte ihm die Umfrage auch gleich noch acht Kandidaten, von denen zum Schluß zwei in die engere Wahl gezogen wurden. 

Während Dr. Brandel die Umfrage als einen Akt der Unmenschlichkeit bezeichnete, sprach die Leiterin des Allensbacher Instituts, Dr. 

Noelle-Neumann, von einer Hexenjagd gegen die Demoskopen, wie sie im demokratischen Ausland nicht denkbar wäre.« 

Da erst erkannte ich, daß es bei diesem demoskopischen Schurkenstück um das ureigene Gewerbe meiner Dozentin Elisabeth Noelle-Neumann ging. Rund 20000 Mark hatte nach Angaben der Deutschen Zeitung die Noelle-Hatz auf den körperbehinderten Freiburger Oberbürgermeister gekostet. Jahre später erfuhr ich, wer der damals unbekannte Auftraggeber meiner Lehrbeauftragten war: einer von den beiden Kandidaten, die bei Frau Noelles Umfrage in die engere Wahl kamen: Der CDU-Stadtrat Albert Maria Lehr, ein Parteifreund des gejagten Bürgermeisters. Seither habe ich Elisabeth Noelle nie wieder aus den Augen verloren, auch nicht 1989 in meinem Buch »Wir Schreibmaschinentäter. Journalisten unter Hitler - und danach.« 

Alarm in Strausberg 

14. Mai 2013, 16.07 Uhr. Alarm für Klaus Pokatzky, dem Medientrainer der Bundeswehr in Strausberg. Im Deutschlandradio Kultur läuft ein Gespräch zwischen Moderator Joachim Scholl und der Historikerin Anja Kruke. Es geht um das gerade erschienene Buch des Politologen Jörg Becker über die Allensbacher Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann. Kruke rühmt Beckers »minutiöse Nachweise« der »Dichte, wie eng das aufeinander abgestimmt war«, nämlich die Arbeit der Journalistin Elisabeth Noelle, die für die Nazi-Wochenzeitung Das Reich schrieb und die klandestine Tätigkeit von Reinhard Heydrichs Sicherheitsdienst (SD) mit seinen geheimen »Berichten zur Lage«, die der Ausforschung des Volkskörpers dienten. 

Nach 1945 wurde Noelle von der geführten Journalistin zur führenden Volksbeschauerin am Bodensee. Anja Kruke dazu im Deutschlandradio-Gespräch: »Sie hat ein Menschenbild, das darauf zielt, daß Menschen geführt werden müssen. Sie entwickelt mit ihrem Ehemann Erich Peter Neumann in den 50er Jahren eine komplette politische Propaganda für die Adenauer-Regierung, indem sie ihnen erklärt, daß Demokratie dann funktioniert, wenn die Bürger reif sind für eine Demokratie, und dahin müssen sie geführt werden. Und das bedeutet, daß sie sehr viel lernen und können müssen, bevor sie überhaupt in der Lage seien, über irgendetwas tatsächlich zu befinden.« 

Noelle und ihr Mann Neumann hätten sich unter den Nazis »ein sehr gutes Netzwerk« aufgebaut. Und dieses Netzwerk, das zeige Jörg Beckers Buch sehr eindrücklich, konnten sie sich bei ihrer Propaganda für die Bundesregierung »gut zunutze machen«. 

Da müssen die Alarmglocken in der Bundeswehrkommandozentrale in Strausberg geklingelt haben. Denn diese Propagandaarbeit des Noelle-Neumann-Paares diente vor allem einem Zweck: der Remilitarisierung Westdeutschlands, die von den Alliierten noch streng verboten war. 

Es ging sehr schnell, dauerte nicht mal ganze 24 Stunden. Am Tag nach dem Deutschlandradio-Gespräch über Beckers Noelle-Buch, am 15. Mai um 15.03, stand zwar die Filmbesprechung »Der große Gatsby« im Programm - und dort steht sie in der Internet-Programmvorschau noch immer. Doch hinter dem Deutschlandradio-Mikrophon nahm der Medientrainer der Bundeswehr in Strausberg Platz, Oberleutnant Klaus Pokatzky, für den die Sendeleitung - zackzack - diesen Sendeplatz freigeschaufelt hatte. Dieser, ja, Medientrainer lieferte nun die korrekte Sicht auf das widrige Buch. Becker versuche nicht, seine Protagonistin Elisabeth Noelle-Neumann »analytisch zu verstehen«. Er verfolge sie »derart haßerfüllt«, daß »man fast versucht« sei - der Versuch ist gelungen -, sie »in Schutz« zu nehmen«. Oberleutnant Pokatzky gegen den Autor Becker: »Er versucht gar nicht erst zu verstehen, wie die kluge Tochter aus wohlhabendem Bürgertum, die schon als Studentin Nazipropaganda machte, so wurde, wie sie wurde. Ihn interessiert nur brauner Sumpf - je mehr, desto besser. Ihn interessieren die ralten Seilschaften aus der NS-Zeitl, mit deren Hilfe Noelle-Neumann rim Nachkriegsdeutschland Karriere gemachtl habe.« 

Für Nazieliten offen 

Vor allem aber bemängelte Oberleutnant Pokatzky als stellvertretender Vorsitzender des Freundeskreises der Fünften Kompanie des Wachbataillons beim Bundesministerium der Verteidigung die entscheidende Zuwiderhandlung des Autors: keinen Gedanken verschwende Becker daran, daß »der Fall Noelle-Neumann viel mit Adenauers Öffnung der Bundesrepublik für die alten NS-Eliten zu tun« habe. Diese »Integration« sei nun einmal »Teil der erfolgreichen bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte«. 

»Vom Pazifisten zum Medientrainer bei der Bundeswehr«.Unter dieser Headline läuft auf der Website der Bundeswehr in Wort, Ton und laufendem Bild Klaus Pokatzkys Bekennerschreiben: als »ehemaliger Kriegsdienstverweigerer« und »staatlich geprüfter Pazifist« kobert er Nachwuchs zum Militärdienst für das »toleranteste und freieste Deutschland, das es je gegeben hat«. 

Er dient - daraus macht Bundeswehr aktuell kein Geheimnis - daneben auch als Redakteur dem Deutschlandradio. Dort allerdings, beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, verschweigt man Pokatzkys Doppelrolle, wenn er für die ahnungslosen Hörer vors Mikrophon tritt. 

So läuft das seit 1994, seit aus Waldbröl im Westen eine Einrichtung der Bundeswehr zum gesäuberten NVA-Standort Strausberg übergeführt wurde, die sich heute vornehm »Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation« nennt. Ursprünglich hieß das »Psychologische Kriegsführung«, wurde 1958 vorsichtshalber in »Psychologische Verteidigung« (PSV) umbenannt, koordinierte Propaganda- und Sabotageaktionen gegen die DDR und unterwanderte mit eigenen Agenten die Organisationen der Kriegsdienstverweigerer. Beim Aufbau dieser Kampfführung griff man zuerst auf bewährte Angehörige der Propagandakompanien (PK) von Wehrmacht und SS zurück, um »negative Einstellungen zur Verteidigungsbereitschaft« zu bekämpfen. 

Aus dem PK-Kameradenkreis, den der BND-Agent Günther Heysing mit dem rechtsradikalen Blättchen Wildente zusammenhielt, requirierte er Erich Peter Neumann auch aus den neuen Rundfunkanstalten Aufträge für Allensbach. 

Zuletzt hieß die Einrichtung für Psychokrieger »Akademie für Verteidigung« bevor sie 1990 noch in Waldbröl ihre heutige Bezeichnung annahm. 

Kaffeesteuer und Wiederbewaffnung 

Kriegsberichterstatter Erich Peter Neumann, der 1942 aus dem Warschauer Ghetto über die »abstoßende Vielfalt aller jüdischen Typen des Ostens« im Reich des Dr. Joseph Goebbels berichtete, lernte dort seine gleichgesinnte Kollegin Elisabeth Noelle kennen. Sie wurden ein Paar und machten nach 1948 das Allensbacher Institut auf, das für die zunächst noch illegale Remilitarisierung Westdeutschlands wertvolle Dienste leistete. 

Ihr Auftraggeber saß nicht in Waldbröl, sondern direkt im Bundeskanzleramt. 

Elisabeth Noelle-Neumann über Konrad Adenauer: »Er hatte ein großes Talent für Demoskopie. Das ging so weit, daß er sich sogar manchmal an der Formulierung der Fragen beteiligte. Er wollte sich aber von der Umfrageforschung keineswegs abhängig machen. Im Gegenteil, er war es gewohnt, gegen die öffentliche Meinung zu regieren. Er benutzte die Demoskopie wie man bei der Navigation eine Seekarte benutzt. Er war nie in Versuchung, sich von Umfrageergebnissen sagen zu lassen, was er tun solle. 

Sie waren für ihn Erkenntnismittel. Er nutzte die Demoskopie etwa, um entscheiden zu können, ob unpopuläre Maßnahmen durch populäre begleitet werden sollten. So hat er etwa zu Beginn des Bundestagswahlkampfes 1953 die Kaffeesteuer gesenkt - die Menschen waren so begeistert, daß sie darüber ihre Ablehnung der Wiederbewaffnung vergaßen.« 

Bescheiden verschweigt sie hier, was sie andernorts gern auch mal erwähnte, daß sie selbst es war, die dem Kanzler die Idee von der damals so populären Senkung der Kaffeesteuer zwecks guter Laune für die Wiederbewaffnung beibrachte. 

Ehemann Erich Peter liebte es drastischer. Erfreut klagte Adenauers Staatssekretär Otto Lenz in seinem Tagebuch: »Neumann hatte neue scheußliche Plakate gebracht«. Eines zeigte einen Rotarmisten mit Kalaschnikow vor dem Kölner Dom mit dem alarmierenden Hinweis: »Er ist bewaffnet« - das Plakat wurde überall im Land verbreitet. 

Wichtig war damals bei jeder Befragung des Volkskörpers vor allem eines, so Noelle und Neumann in einer Allensbach-Veröffentlichung von 1954: »Die günstige Erinnerung an die sozialen Realitäten, die das Dritte Reich geschaffen hatte, zeigt aber, daß das selbständige Urteil nicht ausgelöscht ist; denn die - mannigfachen - Versuche, Hitler unter die Agenten des Großkapitals einzureihen, sind wirkungslos geblieben.« Eine wegweisende Einsicht, die der damals 7jährige Götz Aly bis zu seinem Outing in »Hitlers Volksstaat« aus dem Jahre 2005 mehr als ein halbes Jahrhundert lang tief in seinem Innern heranreifen ließ. 

Das Großkapital aber wurde von Noelle ihr Leben lang - ihr Mann starb schon 1973, sie rief dem »Alkoholiker« nach: »bei aller Trauer... war ich ein wenig erleichtert« - hervorragend bedient. Sie hatte dazu ihre eigenen demoskopischen Methoden. So bot sie 1986 zwecks Entschärfung der Arbeitslosenfrage vor der damaligen Bundestagswahl Unternehmern und Industrie eine Umfrage (»Mehr über Arbeitslose wissen«) an - mit dem schon feststehenden Ergebnis, »den Block der Arbeitslosen (zu) segmentieren« in »Alkoholiker, Drogensüchtige, jugendliche Sektenmitglieder« und sonstige Personen, die »nicht einsatzfähig sind«, Hausfrauen beispielsweise. Nach Auftragserteilung lieferte sie die bestellte Umfrage mit dem vorbestellten Ergebnis. 

Seit ihrer Jungmädchenzeit wußte Elisabeth Noelle, was für ein besonderer Mensch Adolf Hitler war. Als Zellenleiterin der ANST, der »Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen«, unternahm sie 1936 mit ihrer Gefolgschaft - alle im schwarzen Rock und weißer Bluse - einen Ausflug auf den Obersalzberg. Das Gelände am Berg war eingezäunt. Auf einmal wurde ein Gitter zurückgezogen. Noelle sieben Jahrzehnte später: »Von oben kam ein Adjutant gelaufen. Er sagte zu uns: rDer Führer will euch begrüßenl. Da stand auch schon Hitler, begrüßte uns mit Handschlag und fragte: rWollt Ihr Tee mit mir trinken?l - rJa, jal, schrien wir alle. Das fanden wir natürlich sehr aufregend. Dann kamen wir auf die Terrasse.« 

Noelle-Neumann: »Hitler sah mich intensiv an, plazierte mich neben sich. 

Dann nahm er mich und führte mich an das Geländer der Terrasse, schaute hinüber nach Österreich und sagte: rIch frage mich immer, ob es mir so gehen wird wie Moses, der zwar das Gelobte Land sah, es aber nicht betreten durfte.l« 

Noelle danach: »Bei der Anreise sah ich im Wartesaal des Münchner Bahnhofs ein Hitlerbild. Da wirkte er ganz reizlos, platt und häßlich, er interessierte mich nicht. Nach der Rückfahrt traute ich meinen Augen nicht. 

Als ich wieder auf das Hitlerbild blickte, sah er plötzlich ganz anders aus. Viel besser, viel sympathischer. Belebt und gewinnend.« 

Bedrängt von Adorno 

Aber was mag der Führer gedacht haben, angesichts der Gefahren, die einem deutschen Mädchen an den Universitäten drohen, dort, wo die jüdische Rasse, den »nahenden Sieg« vor Augen, sich an die arische Reinheit heranmacht? In »Mein Kampf« schrieb er es: »Der schwarzhaarige Judenjunge lauert stundenlang, satanische Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose Mädchen, das er mit seinem Blute schändet und damit seinem, des Mädchens, Volke raubt. Mit allen Mitteln versucht er, die rassischen Grundlagen des zu unterjochenden Volkes zu verderben.« 

Und die junge Elisabeth muß die furchtbare Warnung des Führers bewußt oder unbewußt für ihr ganzes Leben in ihrem tiefsten Innern rezipiert haben. 

Ihre Menschenkenntnis, ihr Instinkt, der den Führer so sympathisch erscheinen ließ, bewährt sich auch bei der Begegnung mit wirklich üblen Figuren, die viele Jahre nach der Katastrophe unsere Werte zerstörten. In ihren »Erinnerungen« schreibt sie angesichts der 68er Umtriebe selbst zutiefst erschrocken: »Die Konfrontation mit dem Wertewandel Anfang der siebziger Jahre war für viele ein Schock. Als ich zum ersten Mal auf dem Jahreskongreß der Arbeitgeberverbände im Sommer 1975 berichtete, stieß ich dabei auf Entrüstung, Empörung, schieren Unglauben. Ich erinnere mich daran, wie Hanns-Martin Schleyer fassungslos, mit offenem Mund, meinen Ausführungen zuhörte (...). Der Wertewandel hatte wahrscheinlich verschiedene Ursachen. (...) Dennoch läßt sich das, was sich in den sechziger Jahren in Deutschland zutrug, kaum verstehen, ohne dabei die Rolle Theodor W. Adornos (...) zu berücksichtigen (...). Es gibt wenige Menschen, die ich so verabscheue, wie ich Adorno verabscheut habe. Er hatte eiskalte Augen, wie ich sie selten gesehen habe, und er hatte die Eigenschaft, sich bei Empfängen an mich heranzudrängen. Wenn man im Gedränge nicht leicht ausweichen konnte, drückte er sich an mich heran, umarmte mich sozusagen, ohne daß das in der Menge auffallen konnte und daß ich mich dagegen hätte wehren können. Es war widerwärtig (...). Darüber hinaus wußte ich von einem Jugendfreund von mir, Dietrich Osmer, Dinge über Adorno, die mich zusätzlich abstießen (...). [In Frankfurt] wurde er der Geliebte von Adornos Frau Gretel - Adorno hatte ihn angeblich selbst dazu gedrängt. Osmer sagte mir, er habe sich darauf eingelassen, weil er das Gefühl gehabt hätte, daß er als Deutscher gegenüber einer Jüdin eine Schuld abzutragen hätte. Jedenfalls erzählte nun Gretel Adorno meinem Jugendfreund Dietrich Osmer einige abstoßende, intime Details aus ihrer Ehe, und Friedrich Osmer erzählte sie mir weiter (...).« 

Dazu Jörg Becker: »Im Klartext machte Noelle-Neumann folgende Aussagen: Erstens: Jüdische Männer (Theodor W. Adorno) sind sexuell aufdringlich, ihre Sexualpraktiken sind pervers, sie ermuntern jüdische Frauen (Gretel Adorno) zur Promiskuität und bedrängen deutsche Frauen (Noelle-Neumann) mit ihrer ungebändigten Sexualität. Zweitens: Jüdische Frauen (Gretel Adorno) haben großes Interesse an Sex mit deutschen Männern.« 

Und - das kommt hinzu: der deutsche Mann wird von Jüdinnen mit der Auschwitzkeule zu sexuellen Dienstleistungen erpreßt. Noelle aber ließ sich vom Führer gern betatschen. 

Der Engel warnt 

»Es ist schön am Ende seines Lebens - alles in allem - mit sich im Reinen zu sein und fast auf ein ganzes Jahrhundert Zeitgeschichte zurückblicken zu können. Es ist, als könnte man mit den eigenen Erinnerungen in der Geschichte spazieren gehen«, schrieb sie vier Jahre vor ihrem Tod. Sie war mit sich selbst im Reinen. Nie habe sie einen Satz geschrieben, so bekannte sie schon 1981 im NDR, »den ich nicht auch gedacht habe«. 

Damals gab es von Kollegen aus den USA zunehmend Kritik an der Arbeitsweise der deutschen Volksbeschauerin. Und wegen ihres Einsatzes in Hitlers Reich. 

Focus fragte Jahre später: »Mit kollegialer Toleranz machen Sie derzeit schlechte Erfahrungen. US-Kollegen kritisieren die Ihnen vorgeworfene frühere Nähe zur NS-Ideologie. Wie gehen Sie damit um?« - »Das ist jetzt die achte Kampagne dieser Art«, empörte sich Noelle, »ein unerklärlicher Haß.« Und Eifersucht. Und Neid. Sie wußte: »Ziel einer solchen Kampagne ist es, die Identität zu zerstören.« Darum befahl sie sich: »So eine Kampagne muß gebrochen werden.« 

Sie wußte auch wie: »Mit einem Buch in drei Teilen: Den Mittelteil wird ein Neudruck meiner Dissertation von 1940 bilden. Der erste Teil besteht aus einem 50seitigen Essay: rÖffentliche Meinung in der Diktaturl. Der dritte Teil wird lauten: rAnatomie einer Kampagnel. Mit allem, was in dieser jüngsten Kampagne eine Rolle spielte. Mit allen Veröffentlichungen, auch den gegen mich gerichteten, mit Interviews, Briefen und Namen.« 

So stand es von ihr, nie widerrufen, am 22. September 1997 in Focus. Und so hatte sie es schon vor zehn Jahren versprochen - ich war dabei. Etwa bei einem großen Forumsgespräch in Wewelsfleth. Auch dort versprach sie, in Kürze ihre Dissertation wieder zu veröffentlichen - der spätere »Ossietzky«-Mitherausgeber Eckart Spoo hatte sie auf einige Bekenntnisse angesprochen. Dann könnten alle sehen, wie integer sie sich im Dritten Reich verhalten habe. Das war ein Jahr nach ihrem achtzigsten Geburtstag. 

Wenige Tage nach ihrem Neunzigsten gab sie im Dezember 2006 dem vielfach erprobten Chefredakteur Thomas Schmid und dem zuverlässigen Historiker Michael Stürmer ein Interview für die Welt und die Berliner Morgenpost. 

Eingangsfrage: »Sie gelten als ein nüchterner Mensch. Glauben Sie an Schutzengel?« - »Oh ja«, antwortete sie. Ihr Schutzengel hat sie von Kindheit an begleitet. Er war wohl auch schon vorher in Betrieb. Denn sie wähnte schon lange, mehrfach gelebt zu haben, auch schon im alten Ägypten, mutmaßlich - aber da legte sie sich nicht fest - als Nofretete. Der Engel bewahrte sie vor einer, davon gleich, großen Dummheit. 

»Es ist schön, am Ende des Lebens - alles in allem - mit sich im Reinen zu sein und fast auf ein ganzes Jahrhundert Zeitgeschichte zurückblicken zu können. Es ist, als könnte man mit den eigenen Erinnerungen in der Geschichte spazieren gehen.« 

So steht es in ihren Memoiren und so sagt sie es mit zwei unwesentlichen Formulierungsabweichungen ihren Gesprächspartnern von der Welt (die obige Schilderung ihrer Begegnung mit Hitler auf dem Obersalzberg ist ein Mixtum ihrer anrührendsten im wesentlichen übereinstimmenden Schilderungen aus den »Erinnerungen« und dem Welt-Interview). Bewundernswert ihr phänomenales Gedächtnis. Doch - oder vielleicht gerade darum - hat sie bis zu ihrem Tod 2010 ihr 23 Jahre davor gemachtes Versprechen nicht wahr gemacht: ihre Dissertation von 1940 (»Amerikanische Massenbefragungen über Politik und Presse«) samt einer Dokumentation der gegen sie erhobenen Vorwürfe einschließlich ihrer Widerlegung herauszugeben. 

Sie hat es nie getan. Ihr tolles Gedächtnis ließ sie nicht in Stich. Sie wußte, was sie geschrieben hatte. Ihr Schutzengel muß sie bewahrt haben. 

Das ist schade. Denn so wäre zum Abschluß eines erfüllten Lebens noch einmal von eigener Hand verbreitet worden, wie sie ihr demoskopisches Handwerk verstand. »Die durch die Massenbefragung einmal eröffnete Aussicht, in die Gedanken, Gewohnheiten und Stimmungen einer beliebig großen anonymen Menge Menschen einzudringen, erscheint in unserem Zeitalter des Zusammenschlusses der Menschen zu gewaltigen Massen oder organischen Volkskörpern als ein so echter Gewinn, (...) daß es fast wie eine Verpflichtung scheint, auch unter europäischen, insbesondere deutschen Verhältnissen den Gedanken der Massenbefragung in irgendeiner Form auszuwerten.« Aber natürlich ganz anders als in den USA, schrieb sie 1940, das ergebe sich »aus der deutschen Auffassung vom Wesen der öffentlichen Meinung, nach der, in den Worten des Reichsministers Dr. Goebbels, die öffentliche Meinung rzum größten Teil das Ergebnis einer willensmäßigen Beeinflussung istl«. 

Aus dieser Erkenntnis wiederum erwachse, darauf bestand Elisabeth Noelle, »für die deutschen Publizisten und ihre geistige Zentrale, das Propagandaministerium, die Aufgabe, einen möglichst engen Kontakt mit dem Volksganzen als dem Träger der öffentlichen Meinung herzustellen, um die Wirksamkeit der Einflüsse verschiedenster Art auf die Meinungsbildung zu kontrollieren«. Noelle, die keine acht Jahre mehr brauchte, bis sie sich selbst an den deutschen Volkskörper und dessen Regierung heranmachte, erinnerte in diesem Zusammenhang an ein wahres Wort des Dr. Goebbels, das er bei Übernahme seines Volksaufklärungsministeriums gesagt hatte: »Das Volk soll nicht mehr sich selbst überlassen werden - die Regierung soll nicht mehr wie bisher vom Volke abgeschlossen sein. (...) Das Volk soll anfangen, einheitlich zu denken, einheitlich zu reagieren, und sich der Regierung mit ganzer Sympathie zur Verfügung zu stellen.« Das fand Doktorandin Noelle so gut, daß sie schon Dr. Goebbels anbot, was der Kaffeesteuersenker Adenauer im Interesse unserer Wiederbewaffnung gern von ihr angenommen hat: »Bei der Erfüllung dieser Aufgaben wäre ein zuverlässiges System der Massenbefragung nicht nur wertvoll als eine Kontrolle der eigenen Wirksamkeit, sondern auch als Hilfsmittel der Einfühlung in das wahre Wesen des Geführten.« 

Ihr persönlicher Schutzengel, aber auch - gegebenenfalls - ein guter Geist der Bonner Republik hat Elisabeth Noelle bewahrt. Sie sah sich nicht mehr, obwohl sie das so sehnlich gewünscht hatte, in der Lage, diese ihre Dissertation wiederaufzulegen. Egal, sie hat das Vermächtnis, das sie uns so hinterließ, schon zu Lebzeiten übererfüllt. 

Jörg Becker: Elisabeth Noelle-Neumann - Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservatismus. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2013, 369 Seiten, 34,90 Euro 

 

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