»Da wird noch einiges rauskommen«

Angst vor NSDAP-Enthüllungen: BRD wollte das »Berlin Document Center« nicht übernehmen. Ein Gespräch mit Malte Herwig

Peter Wolter 

In: junge Welt online vom 08.05.2013 

 

Malte Herwig ist Journalist und Buchautor 

Sie haben bei Recherchen zu einem Buch herausgefunden, daß sich die deutschen Bundesregierungen jahrzehntelang gesträubt haben, das »Berlin Document Center« mit seinem riesigen Naziarchiv von den USA zu übernehmen. 

Wie sind Sie darauf gestoßen? 

Ich habe sechs Jahre lang in der NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv (Berlin) geforscht. Dabei stieß ich auf die Namen zahlreicher Prominenter: Horst Ehmke, Peter Boenisch, Erhard Eppler - aber auch Hans-Dietrich Genscher und Iring Fetscher wurden demnach im »Dritten Reich« als NSDAP-Mitglieder geführt. 

Von dieser Mitgliederkartei existiert eine Mikrofilmkopie in Washington. 

Was bisher nicht bekannt war: Im dortigen US-Nationalarchiv liegen auch die Verwaltungsakten des »Berlin Document Center«, in dem die amerikanische Besatzungsmacht fast ein halbes Jahrhundert lang die erbeutete NSDAP-Zentralkartei und andere Naziakten aufbewahrt hatte. Dort fand ich Depeschen der US-Gesandtschaft in Berlin aus den 1980er Jahren, in denen sich die Amerikaner darüber beschweren, daß Bonn die Akten nicht zurückhaben wolle. Man fürchte, so hieß es, peinliche Enthüllungen über die NS-Vergangenheit deutscher Spitzenpolitiker. 

Die USA wollten die Kartei schon 1967 zurückgeben. Ich habe in Washington aber eine Depesche vom Oktober 1989 gefunden, in der es sinngemäß heißt: »Die Bundesregierung steht unter dem Druck des Parlaments. Um das öffentliche Interesse zu befrieden, wird sie von uns wieder einmal die unverzügliche Rückgabe fordern. Tatsächlich erwartet Bonn aber von uns, daß wir das strikt ablehnen.« 

Es gab eine lange Liste mit den Namen deutscher Spitzenpolitiker, die vor 1945 Mitglied der NSDAP gewesen waren, die lag gut verschlossen im Safe des Direktors des Document Center. Es war klar, daß es mit dieser Art Sicherheitsverwahrung vorbei wäre, sobald sich die Akten in deutschem Besitz befänden. Und so kam es ja auch. Es dauerte nach der feierlichen Übergabe nur wenige Wochen, bis der erste prominente Name publik wurde: Genscher. 

Sie haben ihn dazu persönlich befragt - was sagt er? 

Als ich auf die NSDAP zu sprechen kam, beendete Genscher das Gespräch ziemlich rasch. Er sagte nur, er habe nie einen Antrag auf Aufnahme in die Partei gestellt. Anfang der 70er Jahre habe ihm ein Fraktionskollege berichtet, es gebe eine NSDAP-Mitgliedskarte mit seinem Namen. Diese Information hat Genscher über 20 Jahre für sich behalten, er war lange genug im politischen Geschäft, um zu wissen, daß das nicht geheim bleiben konnte, solbald deutsche Journalisten Aktenzugang haben würden. Übrigens wußte auch die Stasi seit 1970 von Genschers NSDAP-Mitgliedschaft. 

Wie glaubwürdig ist seine Erklärung? 

Die Legende von den unwissentlichen Mitgliedschaften kursierte bereits unmittelbar nach dem Krieg. Was sagt es über unser Geschichtsverständnis aus, wenn heute noch immer die gleichen Ausflüchte zur Beteiligung am Nationalsozialismus gemacht werden? 

Ich halte es für ausgeschlossen, daß man ohne eigenes Wissen Mitglied der NSDAP werden konnte. Eine Voraussetzung, die bis zuletzt penibel geprüft wurde, war ein Aufnahmeantrag mit eigenhändiger Unterschrift. Wir wissen inzwischen alles über Hitlers Hund und Eva Brauns Armbanduhr, aber wenn heute noch behauptet wird, daß man ohne eigenes Wissen Mitglied der NSDAP werden konnte, dann sind 65 Jahre Aufklärung wirkungslos geblieben. 

Kurz zu Ihrem Buch: Sind weitere Enthüllungen in Sachen Geheimdiplomatie und Täuschung der Öffentlichkeit zu erwarten? 

Ich war, wie wir alle, völlig überrascht, als Günter Grass 2006 erklärte, in der Waffen-SS gewesen zu sein. Ich habe mich gefragt, ob wir Zeitzeugen wie Grass vielleicht nie die richtigen Fragen gestellt haben, weil wir einfach nicht darauf kamen, daß da etwas sein könnte. Staatlicherseits wurden von oben - zu Recht! - Buße und Wiedergutmachung verordnet, während die betroffenen Politiker alles dafür taten, eine »neue Entnazifizierung« zu verhindern. Im Klartext: Schuld und Mitschuld einzelner im »Dritten Reich« waren kein Thema. Die ersten Studien über den hessischen Landtag belegen, daß die Zahl ehemaliger NSDAP-Mitglieder in deutschen Parlamenten viel größer war als offiziell zugegeben. Da wird noch einiges rauskommen. 

 

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Geschützte Spezies des Tages: NSDAP-Mitglieder

In: junge Welt online vom 06.05.2013 

 

Der hiesige Investigativjournalismus erschüttert die Republik regelmäßig mit Mitteilungen wie: Es gab Nazis. Und zwar viele. Und vor allem in höheren Etagen der alten Bundesrepublik. Die Welt besteht aus Überraschungen. 

Der neue Spiegel ergänzt die Sensationen nun. Danach hat der Journalist Malte Herwig für sein Buch »Die Flakhelfer. Wie aus Hitlers jüngsten Parteimitgliedern Deutschlands führende Demokraten wurden« (erscheint am 13. Mai) Akten der NSDAP, vor allem deren Mitgliederkartei, durchgearbeitet. Er stieß dabei auf Namen vieler Leute, die etwa ab den 60er Jahren in der BRD Karriere machten, darunter laut Verlagsankündigung Horst Ehmke, Erhard Eppler, Iring Fetscher, Hans-Dietrich Genscher, Günter Grass, Hans Werner Henze, Walter Jens, Siegfried Lenz, Erich Loest, Hermann Lübbe, Niklas Luhmann und Dieter Wellershoff - am Kriegsende um die 18 Jahre alt. Herwig hat von Genscher erfahren, daß dieser seit Anfang der 70er Jahre von seiner Karteikarte wußte. Der Autor hält laut Spiegel Genschers Behauptung, er sei ohne sein Wissen zum Parteigenossen gemacht worden, für »absolut unplausibel«. Die Bonner fürchteten, hat Herwig herausgefunden, die in Westberlin unter US-Obhut im »Document Center« lagernde Kartei derart, daß sie die auf keinen Fall im Bundesarchiv haben wollten. Die USA boten demnach schon 1967 die Übergabe an. Im Februar 1990, als die Brüder und Schwestern im Osten durch die Bonner von der »zweiten deutschen Diktatur« befreit wurden, informierte ein US-Gesandter seine Vorgesetzten, eine deutsche Delegation werde demnächst die Rückgabe fordern, allerdings nur zum Schein. Das Auswärtige Amt erwarte in Wirklichkeit eine klare Absage, um die Öffentlichkeit entsprechend zu informieren, also zu täuschen. Die Bestände gingen so erst 1994 an die Bundesrepublik, beim Täuschen bleibt es.(asc) 

 

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