Der nationale Nothelfer

Heute vor 125 Jahren wurde der Historiker Gerhard Ritter geboren. Nie war sein historisch-politischer Ratschlag für unser Gemein-Wesen so nötig wie heute

Otto Köhler

In: junge Welt online vom 06.04.2013

Das war keck. Bei der Lektüre einer damals neuen dicken Biographie über den Freiburger Geschichtsschreiber drängte sich dem Zeit-Historiker Volker Ullrich weit oben im Norden die Frage auf, »ob Ritters Werk nicht zu Recht dem Vergessen anheim gegeben wird.« Stark geirrt. Wer wissen will, wie und warum es in Deutschland immer so - »Unser Kampf gegen Griechen, Itaker und Zyprioten« - weiter geht, der kapiert das, wenn er Gerhard Ritters Ouvre intus hat. Mit ihm hat alles wieder angefangen. »Nach 1945 war er maßgeblich an der Wiederbelebung der dt. Geschichtswissenschaft beteiligt«, melden unisono die Brockhaus-Enzyklopadie von 1992 und Meyers Enzyklopädisches Lexikon von 1977. Und Professor Hartmut Weber, der damalige Präsident des Bundesarchivs, hatte völlig recht, als er im Geleitwort zu der erwähnten 757-Seiten-Biographie schrieb: »Gerhard Ritter gehört zu bedeutendsten und einflußreichsten deutschen Historikern des 20.

Jahrhunderts. Seine Lebensspanne umfaßt vier Epochen der deutschen Geschichte: Kaiserreich, Weimarer Republik, das nationalsozialistische Gewaltregime und die ersten beiden Jahrzehnte der Bundesrepublik Deutschland.«

Das war im Oktober 2001. Und Christoph Cornelißen, der Autor, schrieb damals am Ende seiner allerdings sehr informativen Biographie, daß er »in der neueren Geschichtswissenschaft« einen »Richtungswechsel« erkenne, der den »von einer älteren Historikergeneration behandelten Fragestellungen wieder größerer Beachtung zukommen« lasse. Heute, 2013, kämpft der deutsche Soldat und inzwischen auch »unsere« Soldatin seit 20 Jahren in immer neuen Kriegen. Und keinen Platz der Erde darf es mehr geben, auf dem er, respektive sie, nicht fremde, sicherlich feindliche, Menschen töten darf.

Und so hat Cornelißen recht, wenn er mehr »Beachtung« fordert für »die Frage nach dem Einsatz militärischer Macht und ihrer Unabdingbarheit, die Ritter zeit seines Lebens beschäftigte«. Darum erscheint ihm »ein kritischer Rückbezug« auf die Bücher Ritters und dessen Generation »wieder ratsam«.

Richtig. Mit Gerhard Ritter zurück in die Zukunft.

Gut zwei Monate nachdem der Erste Weltkrieg ausgebrochen worden war, schrieb der 26jährige Junghistoriker dem Freund Hermann Witte: »Also gemeinsame politische Interessen für Mitteleuropa suchen! Je mehr ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir, daß es nur einen Weg gibt: Die bisher rein kontinentalen Staaten müssen mit hineingezogen werden in den ungeheuren Strudel der modernen Weltpolitik. Und Deutschland muß dabei den Anführer darstellen. So lange sie ihr beschauliches Sonderdasein weiterführen, muß ihnen jede enge Verbindung mit uns als ein halsbrecherisches Wagnis, wenn nicht gar als ein bloßer Luxus erscheinen.

Es muß ihnen das rWeltinteressel ums kurz auszudrücken, erst eingeimpft werden. Ob das auf dem Wege wirtschaftlicher Beteiligung am rWeltgewinnl sogleich möglich ist? Oder ob sie einstweilen glauben werden, gerade in diesen Dingen mit einem kontinentalen Idyll noch lange auszukommen? Oder ob man sie wirtschaftlich zwingen kann?«

Der junge Ritter verzweifelte, daß »mich die volkswirtschaftlichen Kennntnisse auf Sand fahren« lassen. Aber er war - »sozusagen geschichtsphilosophisch« - überzeugt, daß die einmal angefangene Weltbewegung endlich auch einmal »bis ins Innere Europas eindringen« müsse, aber wann? »Vielleicht hilft der Krieg ein Stück weiter auch zur inneren Umwandlung der rNeutralenl: was ist ihr Neutralität gerade wirtschaftlich jetzt wert, wenn die Weltmächte aufeinanderschlagen? [...] In diesem Sinne wünsche ich mir recht schlimme rVölkerrechts-Verletzungenl durch England auf See.«

»Wir Deutschen wollen die Hoffnung nicht aufgeben«, schrieb Ritter 35 Jahre später und dreieinhalb Jahre nach Hitlers Tod an die Neue Zeitung und appellierte an die Westmächte, die Politik der »Wiederaufrichtung« des deutschen Volkes - »Remilitarisierung« nannte das damals schon Adolf Heusinger, Hitlergeneral und späterer erster Generalinspekteur der Bundeswehr, in Gehlens Pullacher Untergrund - ohne Schwanken weiterzuverfolgen. Er beanstandete »das Übermaß von Selbstkritik, ja Verächtlichmachung der ganzen deutschen Vergangenheit«, »das hysterische Geschrei der Übereifrigen, der Besserwisser und Neunmalklugen« und die »Bußpredigten der Unberufenen«. Und das alles, so klagte er der Neuen Zeitung - ein Blatt der US-Besatzungsmacht, das viel zu gut für die Deutschen war -, »mit wohlwollender Förderung durch die Besatzungsbehörden«.

Und fügte bescheiden, nämlich in Klammern, hinzu: »Ich darf hier aus reicher Erfahrung mit dem eigenen politisch-historischen Schrifttum seit 1945 reden.«

Richtig, der »Tag von Potsdam« (siehe jW-Thema vom 21.3.2013) war dem erfahrenen Historiker mit dem Händedruck zwischen Hitler, dem »jugendlichen Führer des neuen Reiches«, und Hindenburg, dem »Hüter der großen alten Tradition«, zur »symbolischen Einheit« zwischen dem »alten und dem neuen Deutschland« gediehen, die »revolutionäre Volksbewegung« der Arbeiterpartei, der nationalsozialistischen, hatte gesiegt. Derlei schrieb Ritter Anfang August 1934 als Nachruf auf Hindenburg - die Aufrührer der SA waren gerade liquidiert - im Nazi-Blatt Die Woche (deren Chefredakteur Lovis H. Lorenz wurde 1946, das paßt, erster Hauptschriftleiter der Zeit).

Zwei Jahre zuvor, am 4. April 1932, hatte der Erfahrene noch den alternativen Wahlaufruf »Hindenburg oder Hitler?« in der Freiburger Volkswacht unterschrieben. Aber Gerhard Ritter wurde nie - jedenfalls so gut wie nie - ein Nazi. Dazu war er zu vornehm beziehungsweise, aber nein, das ist ausgeschlossen, zu ironisch. Seinem Schüler Erich Hassinger schrieb er am 13. Mai 1933 beherzt: »Für meine Person bin ich entschlossen, der Partei nicht beizutreten, solange diese nicht in aller Form zur offiziellen alle aktiven Staatsbürger der Nation umfassenden Organisation der Nation erklärt ist (wie der Fascismus in Italien) und noch irgendwie den Charakter der Parteiorganisation trägt - d.h. solange es noch irgendwelche Ansatzpunkte politischer Meinungs- und Willensbildung in Deutschland außerhalb ihrer gibt.«

Früher nannte man so etwas noch: Extra ecclesiam nulla salus. Doch Ritter fand sein Heil auch außerhalb der NSDAP. »Kameraden«, sagte der zeitweilige Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs, viel Zeit verbrachte er im Lazarett, »Kameraden«, so sprach er zu den frisch immatrikulierten Studenten in der Aula der Freiburger Universität am 16. April 1937, und wies sie mit einem »Ruf wie Donnerhall« nachdrücklich darauf hin, daß der Rhein »von jeher Deutschlands Strom, niemals aber Deutschlands Grenze« sei. Zehn Tage zuvor war Hitlers Reichswehr in die entmilitarisierte Rheinzone einmarschiert und hatte so Deutschland einen »neuen Aufstieg« zur »Weltgeltung« errungen.

Macht, Sieg und Ruhm

1937 schrieb er den Band 23 der Freiburger Universitätsreden »Erasmus und der deutsche Humanistenkreis am Oberrhein«, eine Gedenkrede, die eine hochkultivierte Fahndungsausschreibung des Humanisten für die Gestapo war: »Dem Erasmus schwebte nichts Geringeres vor als eine Umwandlung der augustinischen pax coelestis in eine pax terrena! Damit wurde er der erste moderne Pazifist, ohne jedes Verständnis für die unvermeidlichen Härten staatlicher Zwangsgewalt, erst Recht natürlich für den Macht- und Lebensdrang großer Staaten, für die naturbedingten Gegensätze der europäischen Nationen, in denen so häufig nicht Recht gegen Unrecht, sondern ein Recht gegen das andere steht, ohne Sinn für die Tatsache, daß alles Lebendige sich nur im Kampf entwickelt oder gar für das Glück, das Macht, Sieg und Ruhm gewähren.«

1936 hatte Ritter zum staatspolitisch wertvollen Otto-Gebühr-Film »Fridericus« das gediegene Begleitbuch »Friedrich der Große« geschrieben.

Gewidmet war es »Der unsichtbaren Gemeinschaft von Trägern des echten Frontgeistes im Reiche der deutschen Wissenschaft« und erfuhr deshalb 1942 - kurz vor Stalingrad - und 1954 - kurz vor der offiziellen Remilitarisierung - die zweite und dritte Auflage. Zugleich aber resistenzlerte er im Freiburger Kreis (»Meckerstube« nannten sie das). Denn Ritter hatte trotz anfänglicher Begeisterung über Hitlers Friedens- respektive Kriegspolitik auch das eine oder andere an ihm auszusetzen. Und das war gefährlich in Freiburg, wo, wie Helmut Heiber (»Universität unterm Hakenkreuz«) berichtete, es »mitten im Dritten Reich passieren konnte, daß bei Gerhard Ritter, Geschichtsprofessor und Exponent der Bekennenden Kirche, das Telefon klingelte und daß es die Polizei war mit der Mitteilung und Anfrage, man müsse - leider - bei ihm eine Haussuchung machen: Wann es denn dem Herrn Professor recht wäre und passen würde?«

So konnte es geschehen, daß ihn die Gestapo wegen seiner Beziehungen zu Carl Friedrich Goerdeler mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 in Verbindung brachte, aber der Sache doch nicht so recht traute: er wurde als Untersuchungsgefangener im Berliner Gefängnis gut behandelt, bekam alle Literatur, die er dort für seine Geschichtsstudien brauchte. Das größte Ungemach, das ihm widerfuhr: Es war die Rote Armee, die ihn aus dem Kerker befreite.

Wie die Jungfrau zum Kind war Ritter zum Widerstand gekommen. Oder doch: Hitler war ihm schließlich zum Dämon geworden. Und so schrieb er 1940 sein - irgendwo gut zwischen den Zeilen versteckt - Widerstandsbuch »Machtstaat und Utopie«, das er dann, fleißig umgeschrieben, 1947 mit dem Titel »Die Dämonie der Macht« wiederauferstehen ließ. Und das dann, wieder bearbeitet, als erster Teil seines opus maximum »Staatskunst und Kriegshandwerk« herauskam, dessen vierter Band im Jahr der Unherrn 1968 erschien und mit dem triumphierenden Satz abschloß: »Die sozialdemokratischen Vormänner, die sich in Berlin abquälten, so etwas wie eine neue staatliche Autorität zustande zu bringen, um das Chaos zu bändigen, waren vom ersten Moment ihres Wirkens auf die Unterstützung des Heeres angewiesen.«

Plötzlich Widerständler

Wie erwähnt: In der Partei war er nie, solange sie nicht die Partei aller Deutschen war. Zwar teilte er nach dem, was er nie Befreiung nennen wollte, zur Reanimation der daniederliegenden deutschen Geschichtswissenschaft fleißig Persilscheine aus. Aber vorher selektierte er erst einmal die Kollegen, die in den ersten Jahren Hitler so verehrt hatten wie er selbst.

Am 21. Dezember 1945 schrieb er Wilhelm Mommsen, dem Enkel von Theodor und Papa von Hans und Wolfgang J. aus der Mommsenschen Historikerdynastie: »Wenn es wirklich so war, wie Sie schreiben, daß Sie zur Partei beitreten mußten, um weiter etwas drucken zu können, nun, so hätte ich eben 1941 lieber mit dem Drucken aufgehört, als mein Gewissen verraten - dies umso mehr, als wenigstens für mich vom 1. Tag des Krieges an kein Zweifel mehr gewesen ist, daß dieser Wahnsinn in einer außenpolitischen Katastrophe enden würde, und zwar in einer Katastrophe unvorstellbaren Maßes. Lieber Herr Kollege, ich sage mit großem Ernst: als neuerer Historiker hätten auch Sie das wissen müssen. Als neuerer Historiker sind Sie nicht irgendwer, sondern haben ein politisches Erziehungsamt, eine ganz große Pflicht. Ich nehme diese Pflicht verdammt ernst und habe innerlich schon mit vielen mir sehr nahestehenden Freunden brechen müssen, für immer brechen, weil ich erlebt habe, daß sie in dieser heiligsten Pflicht des Historikers versagten.«

Mit vielen Freunden brach Ritter wegen dieser heiligen Pflicht. Doch mit einem brach er nie: mit sich selbst. Und so schrieb er Mommsen auch das noch: »Meinen Sie wirklich, daß Sie noch sehr glaubhaft wirken werden, wenn Sie, wie es unbedingt nötig ist, jetzt mit unbarmherziger Kritik vom nazistischen Wahnsinn reden?«

So streng waren eben die harten Männer des häufig wechselnden Geschichtsverkehrs ganz unter sich. Doch erteilt hat der Ritter dem Mommsen den begehrten Persilschein schließlich doch. Denn die wiederzubelebende deutsche Geschichtswissenschaft mußte in dieser schwersten Zeit zusammenhalten. Am 28. Dezember 1946 schrieb er Paul Moldenhauer, dem ehemaligen Reichswirtschaftsminister und Aufsichtsrat der IG Farben: »Könnte man nur jetzt wirklich freier reden als damals 12 Jahre lang! Leider gibt es nun wieder neue Hemmungen, und die sind teilweise sogar noch bedrohlicher. Aber das soll mich nicht abhalten, meinem Volk publizistisch zu dienen, so gut ich es vermag: ich werde die reine Gelehrsamkeit nun bewußt eine Zeitlang zurückstellen, um so etwas wie eine historisch-politische Nothilfe zu leisten.«

So geschah es: Der Gelehrte wurde 1949 Führer des Verbands der Historiker Deutschlands, den er in den Kampf gegen jeglichen Kommunismus, insbesondere gegen die »Ostlinge« warf.

Nationales Unglück

Ritter schuf sein bedeutendstes Werk: den Brief an den Minister. »Nur zögernd wage ich es«, schrieb Ritter - »persönlich« - am 17. Januar 1964 dem Bonner Außenminister Gerhard Schröder (CDU), ihn »zu behelligen«, inmitten seiner anstrengenden Amtsgeschäfte, doch es gehe um eine Angelegenheit die, »die ganze deutsche Historikerschaft bedrängt«: Der Hamburger Kollege Fritz Fischer wolle in nächster Zeit im Auftrag des Goethe-Instituts eine Vortragstournee durch die Vereinigten Staaten antreten. Das darf nicht sein, weil der Hamburger die These vertritt, daß der Erste Weltkrieg von der deutschen Regierung »zum Zweck der Begründung eines deutschen Imperiums über halb Europa mit Ausstrahlung bis tief nach Asien hinein geplant und ins Werk gesetzt« worden sei, »kurzum«, so petzte Ritter weiter, daß »die Außenpolitik des kaiserlichen Deutschland nur eine Vorstufe zur Politik Adolf Hitlers darstellte«. Und Fischer habe es auch noch verstanden, »in ziemlich raffinierter Weise« den »Eindruck rwissenschaftlicher Objektivitätl« zu erwecken. Da möge doch der »verehrte Herr Bundesminister« begreifen, daß »wir deutschen Historiker aufs schwerste bestürzt sind über die Aussicht, daß Herr Fischer seine völlig unreifen Thesen nun im indirekten Auftrag des Auswärtigen Amtes (zu dessen Kulturabteilung doch wohl das Goethe-Institut in engster Verbindung steht) in Amerika verbreiten soll«. Er zögerte nicht, der Ritter: »Ich zögere nicht, das geradezu als ein nationales Unglück zu betrachten.«

Und außerdem werde der dritte Band »meines Werkes rStaatskunst und Kriegshandwerkl«, das zu einem »völlig anderen Resultate kommt«, erst im März im Druck erscheinen, die »Überprüfung« des Fischer-Buches sei also »noch in vollem Fluß«. Sicher aber ist: »Das empfinden wir deutschen Historiker als unerträglich«. Aber Ritter sah auch ein: »sehr verehrter Herr Bundesminister, daß Sie gerade als Minister es schwierig finden werden irgendwie einzugreifen.« Irgendwie. Oder: »könnten Sie mir doch einen Rat, zukommen lassen, was sich etwa tun ließe, um das Unheil abzuwenden oder doch die Reise zu vertagen.«

Natürlich vertagte der aufmerksame Minister nicht. Er ließ die Reise ganz absagen: Das Goethe-Institut habe seine Kompetenzen überschritten.

Ritter-Schüler Klaus Schwabe in der Fußnote zu Ritters erfolgreichstem Brief: »Fischers Reise wurde dann aus amerikanischen Quellen finanziert, er selbst als ein von seinen Kollegen gleichsam verfolgter deutscher Wissenschaftler in Amerika gefeiert.« Gleichsam.

Im Grunde war Fischer für den Führer der deutschen Historiker ein Landesverräter und gehörte - in solchen Fällen war Ritter für kurzen Prozeß - aufs Schafott.

Die Hand dem edlen Mann

Bestenfalls. Denn was man mit Landesverrätern zu machen hat, wußte Ritter aus erster Hand. Hochverrat dagegen, wenn er mißlang und echte Reue und Wiedergutmachung durch schonungslose Aussagebereitschaft ihn begleiteten, konnte bei dem Freiburger Resistenzler immer auf Verständnis stoßen: »Und der Gefangene erwies sich bald als eine Nachrichtenquelle, deren Ergiebigkeit Staunen erweckte«, schreibt Ritter in seinem Buch »Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung« und fährt fort: »Mehrfach, und zwar vom ersten Tag an, wird in den Berichten Kaltenbrunners an Bormann/Hitler gemeldet, Dr. Goerdeler habe raußerordentlich weitgehende Aussagenl gemacht, rzahllose präzise Aussagenl, rZeugnisse eines geradezu unwahrscheinlichen Gedächtnissesl; die Überprüfung habe in allen Fällen ergeben, daß die Angaben bis ins Detail zuträfen und rdie Urteile genau abgewogenl wären.«

Das schreibt Ritter zehn Jahre nach dem Volksgerichtshofverfahren gegen die Männer des 20. Juli über den Mitangeklagten Carl Goerdeler, der gegen den »Mord« an Hitler war und das »Scheitern« der Tat »geradezu als rGottesurteill« empfand und darum keinen seiner Mitverschworenen schonte.

»Seinen Mitangefangenen wurde er bald als Muster eines aufrichtigen Bekenners hingestellt, und sie wurden geradezu gewarnt, nichts zu verschweigen und zu verschleiern, da Goerdeler bei einer Gegenüberstellung die volle Wahrheit sagen würde« - das habe er selbst erlebt, schreibt Ritter hier in der Fußnote und fährt fort: »Warnungen, die ihn selbst bei den Mithäftlingen in einen bösen Ruf brachten, ja wohl gar als Verräter erscheinen ließen«.

»War er es?« fragt Ritter. Er, der nun wirklich nichts zu verschweigen und nichts zu verschleiern hatte, meint nein: »Ich selbst wurde ihm am 8.

Januar 1945 zu einer langen Vernehmung gegenübergestellt [...] Obwohl ihn mein unerwartetes Auftauchen als Häftling sichtlich erschütterte, diktierte er seine Aussagen mit völliger Ruhe, kalt, überlegt und genau formuliert, der Sekretärin in die Maschine.« Die Gestapo hatte Goerdeler weder gefoltert noch unter Drogen gesetzt. Ritter: »Er war überzeugt davon, daß die Staatspolizei um die Ermittlung der Wahrheit bemüht ist, allerdings mit rücksichtsloser Kälte, und er war von Anfang an bereit, ihr dabei zu helfen. Das ist alles.«

Geköpft wurde Goerdeler gleichwohl am 2. Februar 1945, und nur deshalb soll er hier nicht so bezeichnet werden, wie es ihm zukommt. Gerhard Ritter hingegen wollte »niemals ohne tiefen Schmerz des Augenblicks gedenken, in dem ich ihn bewußt das letzte Mal sah und doch verhindert war, dem edlen Mann noch einmal die Hand zu drücken und ihm, wie es mich drängte, ein rAuf Wiedersehen in der Ewigkeitl zuzurufen.« Dem großen Mann, der auf seine Weise Widerstand leistete.

Den Unedlen der Strick

Von den »mühsamen Sabotageversuchen der kleinen Leute« aber sprach Ritter voll Verachtung und sah »mit Erschrecken, wie leicht sich da echter Idealismus mit bloßem Raufheldentum verbinden konnte, politische Tapferkeit und Fanatismus mit soldatischer Drückebergerei (bis zur Selbstverstümmelung), endlos verlängerten Lazarettaufenthalten und Durchstechereien jeder Art [...].«

Aber da gab es - viel schlimmer - auch »eine groß angelegte Unternehmung, die von hochgebildeten Akteuren organisiert und durchgeführt wurde und die mit ihrer Spitze bis in die zentralen Dienststellen des Dritten Reiches eindrang.«

Ritters in vier Auflagen mit ca. 17000 Exemplaren und - zehn Jahre später - in einer ungekürzten Taschenbuchausgabe bei dtv erschienene Goerdeler-Buch rechnet mit diesem unzulässigen Widerstand der von der Gestapo und ihm so genannten »Roten Kapelle« ab: »Was auch immer die Motive waren: praktisch haben sie sich bedingungslos dem Landesfeind als höchst gefährliche Werkzeuge zur Verfügung gestellt.«

Widerstand? Den betrieb Goerdeler, der einsah, daß das alles falsch war.

Die »Rote Kapelle« aber, »sie bemühte sich nicht nur, deutsche Soldaten zum Überlaufen zu bewegen, sondern verriet wichtige militärische Geheimnisse zum Verderben deutscher Truppen. Wer dazu als Deutscher imstande ist, mitten im Kampf auf Leben und Tod, hat sich von der Sache seines Vaterlandes losgelöst, er ist Landesverräter - nicht nur nach den Buchstaben des Gesetzes.« Ritter weiß genau und kann sich dabei auf das zuverlässige Zeugnis des Anklägers, Oberstkriegsgerichtsrat Manfred Roeder, stützen: »Der Prozeß vor dem Reichskriegsgericht, in einwandfreier Form durchgeführt, konnte nicht anders als mit einer Massenhinrichtung enden.«

Es war ja auch bezeichnend. Ritter: »Die Verschworenen der rRoten Kapellel sind nach 1945 in der russisch besetzten Zone Deutschlands als Helden des Widerstands gefeiert worden - mit gutem Grund. Aber mit rdeutschem Widerstandl hatte diese Gruppe offenbar nichts zu tun; man sollte darüber keinen Zweifel lassen. Sie stand eindeutig im Dienst des feindlichen Auslandes.«

Wahrhaft Deutscher Widerstand gedeiht nur - das ist Gerhard Ritters Vermächtnis - in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit der Staatspolizei.

Literatur

- Christoph Cornelißen: Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert. Düsseldorf 2001

- Klaus Schwabe, Rolf Reichardt (Hrsg.): Gerhard Ritter. Ein politischer Historiker in seinen Briefen. Boppard am Rhein 1984

- Helmut Heiber: Universität unterm Hakenkreuz, Teil 1: Der Professor im Dritten Reich: Bilder aus der akademischen Provinz. München 1991

- Gerhard Ritter: Staatskunst und Kriegshandwerk: Das Problem des »Militarismus« in Deutschland, 4 Bände. München 1954-1968

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