Das hat Methode

50000 Platzpatronen sind nicht der Krieg: Zum ZDF-Dreiteiler »Unsere Mütter, unsere Väter«

Kurt Pätzold

In: junge Welt online vom 19.03.2013

Von Bild bis FAZ wurde der ZDF-Dreiteiler »Unsere Mütter, unsere Väter« vorab mit Lorbeer überhäuft. Der Spiegel schrieb vom »TV Ereignis des Jahres«. Nie sei der Krieg wahrer gezeigt worden, befanden die Rezensenten, als in dieser »neue (n) Art von Zeitgeschichtsdrama«, diesem »Bravourstück«, das »eine Zeitenwende für das deutsche Fernsehen« einleite, das fürderhin »mehr solche (r) Weltkrieg-Eventmovies« herstellen möge. Eine einzige Stimme in der Süddeutschen hielt es nicht für völlig ausgeschlossen, daß Zuschauer vor dem morgigen Abschluß des 15-Millionen-Euro-Spektakels, in dem 50000 Platzpatronen verschossen werden sollen, kriegsmüde kapitulieren.

Die höchste Erwartung aber hat sein Produzent Nico Hofmann geäußert. Mit dem Dreiteiler, der eine »radikale Qualität« besitze, solle das Schweigen zwischen den Generationen gebrochen werden - die Dabeigewesenen mögen nun endlich den Nachgeborenen von den Zeiten und von sich in diesen Zeiten erzählen, rückhaltlos, ungeschönt, ehrlich. Mit diesem Film werde ein Angebot für derlei Gespräche unterbreitet.

War der Mann vom Unterricht im Rechnen in den frühen Klassen beurlaubt? Die im Film 1941 Krieg spielen, sollen 20 Jahre alt sein. Die das waren, überlebt haben und noch leben, sind über 90. Sie bilden den Rest derer, die Historikern als Zeitzeugen gelten. Ihre Mehrheit ringt bei geringen Anstrengungen nach Luft und führt an Familientischen oder in Altersheimen kaum Gespräche über diesen Krieg und ihre Rolle in ihm. Es sind weniger »unsere Väter und Mütter«, von denen der Film handelt. Erzählt wird von Omas und Opas. Die haben nur in Ausnahmefällen über das Erlebte, Getane und Unterlassene gesprochen. TV-Rezensenten schrieben es deren Scham zu. Woher kömmt ihnen diese Erkenntnis? Wieso hat die faschistische Gesellschaft diese Leute geprägt, während von der bundesrepublikanischen Prägung keine Rede ist? Was ist mit den Jahren, in denen der erste Bundeskanzler der soeben gegründeten Republik forderte, doch nicht immer von Kriegsverbrechern zu sprechen, das seien doch ganz wenige gewesen?

Nun also wird als Fortschritt gefeiert, wenn ein Film zeigt, daß aus einem Krieg niemand so herauskommt, wie er in ihn hineinging, und dies zumal aus jenem, den die Deutschen von 1939 bis 1945 führten. Das hat vor nahezu zwei Jahrzehnten etwa die sogenannte Wehrmachtsausstellung bewiesen, was Proteste bis in deutsche Parlamente auslöste. Und daß Soldaten Mörder sind, wollte Tucholsky schon nach dem Ersten Weltkrieg den Deutschen beibringen.

Wer dieses Diktum illustriert haben wollte, könnte zu Romanen Remarques, Pliviers oder Arnold Zweigs greifen.

Der ZDF-Film sei, hieß es in Vorschauen, so nahe an der geschichtlichen Wirklichkeit wie keiner zuvor. So offenbart sich Unkenntnis. Während die Einblendungen von Orten und Daten des Eroberungszuges diese Nähe vortäuschen, wird eine alte Nazilegende wieder hervorgekramt, die den Generalen Schlamm und Winter das Verfehlen des Angriffsziels Moskau zuschreibt (dessen Erreichung für den Kriegsverlauf insgesamt so wenig bedeutet hätte wie der Einzug Napoleons in die Stadt 1812). Und wieder einmal beginnt der Widerstand des Gegners erst vor Moskau. Was westwärts davon Rote Armee war, ging nach diesen Bildern in Gefangenschaft. In Wahrheit haben, trotz der Millionen, denen das geschah, die sowjetischen Divisionen von den ersten Tagen an einen Widerstand geleistet, über dessen Stärke sich in den internen Informationen der Wehrmacht ebenso nachlesen ließe wie in Briefen deutscher Soldaten - wenigstens den beratenden Historikern hätten diese Verzeichnungen aufstoßen können.

Wie Leser und Zuschauer neuerdings vorzugsweise um die historische Wahrheit betrogen werden, hat Methode. Der Krieg, in der Presse als »sinnlose Vernichtungsschlacht« oder »das große kriegerische Morden« gefaßt, wird auf eine einzige Abfolge persönlicher Erlebnisse eingedampft. Die sind nicht erfunden, aber in all ihrer Furchtbarkeit und Grausigkeit nicht der Krieg.

Zu dessen Geschichte und Vorgeschichte gehören eine Gesellschaft, ein Staat, Menschengruppen mit Interessen, Kriegsziele und einiges weitere mehr. Dies alles verschwindet hinter dem Krachen der Geschosse, dem Schreien der Verwundeten, dem Röcheln der Sterbenden, den Massakern an Unbeteiligten, dem unaufhaltsamen Fortschreiten der Verrohung. So wird, das mag ein Verdienst genannt werden, Abscheu vor Kriegen erzeugt, wiewohl es dazu solcher Spielfilme nicht bedarf, denn er läßt sich aus den täglichen Nachrichten von den Kriegen unserer Tage beziehen. An Erkenntnissen oder auch nur Einsichten ist damit nichts gewonnen.

Wie wenig dieser Film zum Nachdenken herausfordert, machte nach dem ersten Teil am Sonntag eine Gesprächsrunde klar, deren älteste Herren bei Kriegsende 1945 fünf bzw. ein Jahr alt waren. Nach dem rasch übergangenen Einwurf, daß mit der Kriegserfahrung in der DDR doch nicht ganz genauso umgegangen worden sei wie im deutschen Westen, landete das Gespräch bei der schwerwiegenden Erörterung, was der Mensch sei; und der Antwort: Nie ganz gut und nie ganz böse. Schließlich unternahm die Leiterin des Geplänkels einen Rettungsversuch und richtete eine Frage aus den Schulgeschichtsbüchern an die jüngste Teilnehmerin: Ob sie sich gefragt habe, wie sie sich in solcher Kriegssituation verhalten haben könnte? Sie erhielt die Auskunft, dies sei doch nicht zu klären. Das gilt nicht für die Frage: Wie verhaltet ihr euch im Alltag gegenüber einzelnen oder Organisationen, die sich nicht vom Prinzip der Gleichheit aller Menschen leiten lassen? Die steht aber nicht in den Schulbüchern.

Abschließend noch ein Wort zu einer abstrusen Konstruktion im ersten Teil des ZDF-Films. Ganz selbstverständlich gehört ein Jude da 1941 zu einem Freundeskreis von zu »Ariern« erklärten Altersgenossen. Die Wege der im Deutschen Reich so Sortierten hatten zu diesem Zeitpunkt längst weit auseinandergeführt. Diese waren in der Hitlerjugend und besuchten Schulen, die jenem verwehrt waren, »Deutsche« wurden zum Arbeitsdienst eingezogen, besuchten Schwimmbäder, die Juden verboten waren. All das schien an den vier vorbeigegangen zu sein. Sie zeigten sich auf offener Straße mit dem Juden als ein Bund. Von einer antinazistischen Erziehung, die ihren Mut hätte erklären können, war keine Rede. Den Machern scheint auch entgangen zu sein, daß die Juden Mitte 1941 ihre Wohnungen verlassen mußten und in Judenhäuser gepfercht wurden. Ohne Bedenken lassen sie den Juden in einem Aufzug durch Berlin gehen, in dem er heute in Tel Aviv nicht auffiele, damals in der Reichshauptstadt aber gewiß angepöbelt worden wäre.

Mancher Zuschauer hat - wie es nur die Süddeutsche nicht ausschließen mochte - den ersten Teil nicht durchgehalten. Wer Bild aus ästhetischen und anderen Gründen meidet, muß nicht auf ihr Niveau hinabsteigen, nur weil es in bewegten Bildern dargeboten wird.

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Verfehlter Anspruch: auf dem Siegerpodest der Geschichte

Tom Strohschneider über den Stand der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit

Von Tom Strohschneider

Wenn man Volker Kauder über die Aufarbeitung der DDR-Geschichte reden hört[1], kann leicht der Eindruck entstehen, dass die damit bezeichneten Arbeiten im geschichtspolitischen Steinbruch unmittelbar vor dem Aus stehen. „Kein Schlussstrich", warnt der Unionsfraktionschef, sekundiert vom für die Vergangenheitspolitik zuständigen Kulturstaatsminister.

In: Neues Deutschland online vom 22.03.2013

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Links:

    1. http://www.neues-deutschland.de/artikel/816585.bundestag-debattiert-bericht-ueber-ddr-aufarbeitung.html
    2. http://dip.bundestag.de/btd/17/121/1712115.pdf
    3. http://www.zeit.de/2013/05/Stasi-Unterlagen-Beauftragter/komplettansicht

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/816586.verfehlter-anspruch-auf-dem-siegerpodest-der-geschichte.html

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