Begriffliche Nebelschwaden

Dokumentation. Um die angemessene Bezeichnung dessen, was mit Beginn der Kanzlerschaft Hitlers vor 80 Jahren anhob, wird gerungen. Auch heute noch

Kurt Pätzold

In: junge Welt online vom 22.02.2013

Historische Ereignisse oder Prozesse erhalten ihre Namen und Bezeichnungen, mit denen sie dann in Geschichtsbüchern stehen. Die ersten Täufer sind meist die Zeitgenossen, jedoch sind sie nicht unbedingt auch die letzten.

Die Historiker finden die Bezeichnungen von Ereignissen und Prozessen vor.

Sie haben sich dann zu entscheiden, ob sie diese übernehmen oder dem Geschehenen einen eigenen Namen geben. Dabei sind sie nicht so frei wie beispielsweise Chemiker, von denen ein neu gefundenes Element Germanium getauft wurde, oder die Astronomen, die einen neu entdeckten Himmelskörper nach einem Gott oder auch nach einem ihrer berühmten Kollegen benennen können. Zudem: Häufig sind sich schon die Zeitgenossen über die Namensgebung für ein geschichtliches Ereignis uneins. Das kann der Fall sein, wenn es selbst aus mehreren Aspekten betrachtet und bewertet werden kann, also verschiedene Bezeichnungen rechtfertigt, oder auch, weil sich in den Taufnamen unterschiedliche Interessen ausdrücken.

Von der Verallgemeinerung zum Konkreten. Zum veranschaulichenden Beispiel und in das Jubeljahr 2013, in dem an den 200. Jahrestag erinnert wird - wessen? Der Befreiungskriege oder des Freiheitskrieges oder des nationalen Befreiungskrieges oder des Krieges gegen die napoleonische oder französische Fremdherrschaft? Befreiungskrieg, das ist die meist benutzte Wortwahl geworden. Sie hebt auf die Abschüttelung eines Joches ab, das unbestritten existierte. Freiheitskrieg hingegen bezeichnet ein Ziel, das unklar genug formuliert worden war, aber jedenfalls nicht erreicht wurde.

Denn auf die Abschüttelung des französischen Jochs folgte die weitgehende Restauration alter Zustände, d.h. der alten Knechtschaft. Und nationaler Befreiungskrieg? Die Teilnahme der noch nicht formierten Nation an diesem Krieg war höchst unterschiedlich, und der Begriff begräbt gleichsam, daß auf dem Schlachtfeld bei und im sächsischen Leipzig Preußen, Russen, Österreicher und Schweden gegen Napoleons Armee kämpften, zu der auch die Sachsen noch gehörten, von denen freilich dann viele überliefen und die Gewehre umdrehten, als sie sahen, wie der Kampf ausgehen werde.

So ließe sich die Reihe historisch gewichtiger Ereignisse durchgehen, und wieder und wieder würde der Befund lauten, daß sich die verschiedenen, mitunter konträren Geschichtsbilder schon in der Wortwahl ausdrücken, mit der die einen und die anderen ein einzelnes Geschehen benennen. Und je näher dies mit seinen Bezügen der Gegenwart ist, je stärker es aktuelles Interessen berührt, umso stärker das fortdauernde Dafür oder Dawider in der politischen oder historiographischen Publizistik, das manchen fälschlich als spitzfindig oder als Wortklauberei erscheint.

Nationalsozialistische Revolution

Solche Nähe gilt auch noch achtzig Jahre später für den 30. Januar 1933 und das Regime, das sich an diesem Tage und dann in hohem Tempo zu etablieren und zu stabilisieren begann. Eine Bezeichnung, die von den damaligen Siegern der Geschichte benutzt wurde, entsprach ihrem Jahre vorher schon erhobenen Anspruch, sie seien Kämpfer für die »nationalsozialistische Revolution«. Halten wir uns zunächst an das Hauptwort »Revolution«. Es war, sonst wäre es von Hitler und seinen Leuten nicht in die politischen Kämpfe gebracht worden, damals in weitesten Kreisen der Arbeiter - anders als heute - positiv besetzt. Es stand für den grundlegenden Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse, dafür, in der Gesellschaft gleichsam das Unterste zu oberst zu kehren. Und das schien am Anfang der dreißiger Jahre Millionen im Deutschen Reich nicht nur als notwendig, sondern als Rettung vor sozialem Abstieg und Verelendung. Nur sollte das, der Propaganda der Hitlerpartei zufolge, keine proletarische Revolution sein, also kein Umsturz im vorwiegenden Interesse einer Klasse, sondern eine nationale, eine deutsche, also auch kein Import, sondern so etwas wie ein ganz eigenes Gewächs.

Mit irgendwelchen konkreten Inhalten wurde der Begriff »nationalsozialistische Revolution« nicht gefüllt, namentlich nicht mit Aussagen über Veränderungen der Eigentumsverhältnisse. Was darüber, auch da unbestimmt genug, im Programm der NSDAP gestanden hatte, eine Bodenreform, war bereits getilgt worden. Klar war indessen die Abgrenzung von der Novemberrevolution und den »Novemberverrätern« ausgesprochen worden, die an jeglichem Unglück Schuld trügen, das seitdem wirklich oder vorgeblich über Deutschland gekommen sei. Der Herrgott, sagte Hitler, habe dem deutschen Volke seit diesem Ereignis seinen Segen entzogen, was doch wohl hieß: eine Revolution wie 1918 sei ein gottloses Werk, anders hingegen eben die »nationalsozialistische«.

Nach dem 30. Januar 1933 wurde der Begriff »nationalsozialistische Revolution« in der Propaganda nicht völlig aufgegeben, aber bereits im Juli 1933 erklärt, diese Revolution sei beendet. Damit war auch praktisch eingestanden, daß unter »Revolution« nichts anderes als die Veränderung der politischen Herrschaftsverhältnisse verstanden wurde. Die freilich waren in den ersten knapp sechs Monaten der Hitler-Regierung deutschlandweit bis in die letzte Gemeinde grundlegend verändert worden.

Beseitigt waren die politischen Parteien und nahezu alle Organisationen, die dem neuen Regime nicht nützlich und dienlich gemacht werden konnten.

Liquidiert war das Parlament samt aller seiner nachgeordneten Einrichtungen. Verboten waren die Gewerkschaften jeglicher Richtung.

Entfernt wurden aus den Einrichtungen des Überbaus alle Personen, die auch nur verdächtig waren, die neuen Zustände zu kritisieren, statt sie zu rechtfertigen und festigen zu helfen, ja selbst jene, von denen angenommen wurde, daß sie ihnen fern stehen würden. Unangetastet geblieben aber war die Basis der Gesellschaft,

Gelegentlich und ruhmredig ist in späteren Reden der Naziführer noch von der »nationalsozialistischen Revolution« als Verdienst gesprochen worden, aber eben einzig in jenem triumphierenden Sinne, der die Liquidierung der Republik, der Parlamente, der Parteien und Gewerkschaften rühmte und immer aufs Neue die »Abrechnung« und »Vernichtung« des Marxismus feierte, der angeblich in Deutschland geherrscht und ein Chaos hinterlassen habe.

Machtergreifung

Kam Hitler in seinen Reden, und das tat er oft, auf den 30. Januar zurück, lautete seine einleitende Formel »Als ich im Jahre 1933 die Macht übernahm«. Machtübernahme oder Machtergreifung wurden die häufigsten Bezeichnungen in der faschistischen Propaganda. Und wenn man unter Macht die Staatsmacht verstand, waren weder die eine noch die andere schlechthin falsch. Nur wurde an jenem Tage und in den folgenden Wochen nicht nur eine vorhandene Macht ergriffen oder übernommen, wie das heute vielfach und termingerecht nach Wahlen in bürgerlich-demokratischen Staaten geschieht, sondern es war unter Verwendung alles den neuen Herren institutionell oder personell Brauchbaren doch ein anderer Staatsapparat aufgebaut worden.

Nämlich der faschistische, der den Zwecken und Zielen des Regimes angemessen war. Nicht an einem Tage, aber an diesem einen Tage doch erkennbar und eingestandenermaßen.

So konnten Antifaschisten und Hitlergegner mit guten Gründen sich diesen Begriffen nie recht anfreunden und haben sie als Abschwächung oder Beschönigung des dramatischen Geschehens abgelehnt und auch bekämpft. An deren Stelle wurde in der marxistischen Geschichtsliteratur und Publizistik häufig von Machtübergabe gesprochen. Die Differenz der Aspekte ist klar.

Mit der Ergreifung kommt der ins Blickfeld, der sich in den Besitz der Macht gebracht hat. Mit der Übergabe hingegen wird die Aufmerksamkeit auf eine Person oder Gruppe gelenkt, die etwas zu übergeben hat, auf die Gebenden und erst dann auch auf die Nehmenden. Der Begriff sollte mithin einen gedanklichen Zugang zu der Tatsache schaffen, daß den bisherigen Inhabern der Staatsmacht diese Macht genommen und anderen übertragen wurde.

Dieses Sprachbild ist durch die Entlassung des bisherigen Reichskanzlers (Franz von Papen) durch den Reichspräsidenten und die Betrauung eines Neuen mit diesem Amte (Adolf Hitler) gedeckt. Doch auch wiederum nicht ganz, nimmt man nicht nur diese zwei Figuren, sondern die ganze Gruppe an der Regierungsspitze ins Visier. Papen hatte seinen Platz nur gewechselt, Konstantin Freiherr von Neurath seinen als Reichsaußenminister behalten. Im Amte blieben auch der Finanz-, der Post- und der Justizminister. Dieses Kabinett Hitler wies zwei Freiherrn und einen Grafen auf, was allein Anlaß hätte sein können, die versprochene »nationalsozialistische Revolution« des Verdachts des Betruges auszusetzen.

Gelöst ist das Problem der treffenden Bezeichnung des Vorgangs vom 30.

Januar 1933 also auch mit der Kennzeichnung als Machtübergabe nicht. Eben hat sich die Redaktion des Neuen Deutschland für die Kennzeichnung des Ereignisses, dem sie sich anläßlich des 80. Jahrestages in ihrer Beilage ausführlich zuwendet, für den Begriff Machtantritt entschieden. Der Duden zählt als Synonyme für Antritt auf: Aufnahme, Beginn, Übernahme, Arbeitsbeginn. Mit dem ist also auch nichts gewonnen, es sei denn, daß mit dem Wort von Antritt und vom Antreten eine militärische Vorstellung von Tempo, Ordnung, Entschlossenheit verbunden wird oder wie im Sport eine Erhöhung des Lauftempos.

Aufbruch der Nation

Nun ließe sich mit der Besinnung auf die Binsenweisheit das Thema verlassen, wonach der Begriff immer ärmer ist als die Theorie und diese wieder ärmer als die Wirklichkeit. Nur ist man es damit nicht los.

Begriffliche Kurzfassungen sind im Schwange, werden zur Verständigung gebraucht und bevorzugt und bilden vielfach eben schon, wie gezeigt, den Einstieg in eine verfälschende Fährte.

Das gilt namentlich für die Hitlerfaschisten. Die haben die Begriffe Machtergreifung und Machtübernahme zwar benutzt, doch galten sie ihnen propagandistisch keineswegs als ausreichend attraktiv. Dieses Bedürfnis sahen sie durch Wendungen wie die vom »Wiederaufstieg«, oder besser und eine Anleihe im religiösen Denken nehmend durch die von der »Wiederauferstehung des deutschen Volkes« besser befriedigt oder auch durch »Wiederaufstieg der Nation«, »nationale Erhebung« oder »Aufbruch der Nation«. Das Bild von der sich erhebenden, zu neuen Ufern und Zielen aufbrechenden Nation verklärte nicht nur, es beanspruchte die Mitwirkung von Millionen, die an diesem 30. Januar unbeteiligt gewesen waren, bezog sie ein, ließ ihnen die Möglichkeit, den schon auf dem angeblich einzig richtigen Weg Befindlichen sich anzuschließen. Der Tag erhielt so, kaum daß er vorüber war, seinen historischen Rang in der Geschichte aller Deutschen zugewiesen.

Denn: Aufgestanden und aufgebrochen waren die doch vorher schon mehrfach und das, dem nationalistischen Geschichtsbild zufolge, immer mit Erfolg, beispielsweise 1813, wovon der Appell »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los« vielen im Gedächtnis war, oder auch 1914, als es das verherrlichte »August-Erlebnis« gegeben habe. Wer da 1933 nicht mitging, sich nicht packen ließ, trat gleichsam aus der Nation aus oder war gar kein echter Deutscher. Wer aber sich einreihte, hatte sein Deutschsein wieder entdeckt und womöglich nach der Mißleitung durch die »vaterlandslosen Gesellen« zurückgewonnen. Noch bevor die »nationalsozialistische Revolution« für beendet erklärt wurde, war sie selbst als vages Bild schon vollständig von der nationalen Phraseologie zugewuchert. Als Hitler am 10. Februar 1933 im Berliner Sportpalast seine erste öffentliche Rede als Reichskanzler hielt (siehe jW vom 9.2.2013), eine Rede mit dem Blick auf die schon für den 5.

März anberaumten Reichstagswahlen, war von »nationalsozialistischer Revolution« keine Rede, da reihte sich Phrase an Phrase. Verkündet wurden von da an die »Volksgemeinschaft« und das Ende aller Zwietracht und des Klassenkampfes.

Faschistische Konterrevolution

Gibt es aus der begrifflichen Unschärfe und der gestifteten und ausgebeuteten Sprachverwirrung einen Ausweg? Soll der vorletzte Januartag dieses Jahres 1933 auf einen das Geschehen in seinem Wesen erfassenden, klopffesten Begriff gebracht werden, dann lautet der: An ihm begann die faschistische Konterrevolution. Diese Kennzeichnung ist nicht erst späterer historischer Analyse entsprungen, also etwa durch das Moment, daß der Reichstag am 23. März 1933 der Republik in Gestalt des Ermächtigungsgesetzes den Totenschein ausstellte. Im Aufruf der Kommunistischen Partei vom 30. Januar hieß es, an die Massen gewandt, sie sollten sich »gegen die Anschläge und den Terror der faschistischen Konterrevolution« zur Wehr setzen.

Von jenem vorletzten Januartag an wurde binnen kurzem alles beseitigt, was die Revolution des Jahres 1918 trotz ihrer Niederlage an Fortschritt, gemessen an den Zuständen im Kaiserreich, in die deutsche Geschichte gebracht hatte. Wieviel namentlich in den Jahren der Weltwirtschaftskrise vom 1918/1919 Erreichten auch verkürzt oder deformiert worden war, die Republik hatte noch Bestand, und sie war nicht - wie mitunter in der Historiographie der DDR zu lesen - auf Reste reduziert. Ihre Existenz wurde 1932 nur von einer Kraft real gefährdet, den Faschisten und deren Verbündeten und Förderern. Daß die gewiß instabilen Grundfesten dieses Staatswesens von einer proletarischen Revolution bedroht gewesen wären, war eine Ausrede, die jene nach 1945 vortrugen, die ihre Komplizenschaft mit dem Hitlerklüngel glaubten, rechtfertigen zu können. Ihr maßgeblicher Anteil an der Liquidierung der Republik entsprang zudem nicht nur innenpolitischer Rechnung und Fehlrechnung, sondern gehörte zum strategischen Konzept der Wiederaufnahme der aggressiven imperialistischen Außenpolitik. Es ging eben nicht nur, wie beteiligte Wirtschaftsführer später als Angeklagte Glauben machen wollten, darum die eigene soziale Herrschaft zu sichern, wozu man, so ein damals benutztes Bild, weil anderes nicht zur Hand war, zur Jauche hätte greifen müssen.

Mit dem Begriff faschistische Konterrevolution ist zugleich ausgedrückt, daß es sich nicht allein um die Restauration vorrevolutionärer Zustände handelte. Mit einem solchen Programm, das war in der frühen Phase des Wirkens der Deutschnationalen Volkspartei erwiesen worden, hatten sich Massen nicht mobilisieren lassen, die doch den gekrönten Häuptern der Hohenzollern, Wittelsbachern und tutti quanti keine Träne nachweinten. Es waren die Ideologie und die imperialistische Programmatik des Faschismus, die dieser Gegenrevolution das Gepräge gaben.

Da diese Zusammenhänge zwischen den Jahren 1914, 1918 und 1933 kein großes und schwer zu enthüllendes Geheimnis bilden, stellt sich die Frage: Warum kann bürgerliche Geschichtsschreibung sich nicht durchringen, von Gegenrevolution oder Konterrevolution zu schreiben? Warum nicht, wiewohl doch auch in der dominierenden Fraktion der Zunft anerkannt wird, daß die Faschisten die Republik von Weimar liquidierten? Zum einen wohl, weil ihr, der Politik folgend, diese Republik nicht als Frucht der Revolution gilt, sondern als das Resultat eines Beschlusses von Parlamentariern. Folglich und logisch kann deren Beseitigung auch nicht als Konterrevolution angesehen werden.

Hitler-Diktatur

Doch ist die Prämisse falsch. Es wäre im August 1919 zu jener beschlußfassenden Zusammenkunft im Weimarer Nationaltheater nie ohne die vorausgegangene revolutionäre Aktion der Massen und die Überwindung der Monarchie gekommen. Mochten die Revolutionäre mit dem schließlichen Resultat ihrer Kämpfe unzufrieden gewesen sein und sich auch, gemessen an ihren Vorstellungen von einer neuen Gesellschaft, als die Geschlagenen gesehen haben: Selbst das begrenzte Resultat ihrer Erhebung gegen den Krieg und jene, die ihn zu verantworten hatten, für ein friedliches Staatswesen war in seinen Voraussetzungen jedenfalls ihr Werk. Daß die faschistischen Ideologen und Propagandisten diese Republik als von »Novemberbrechern« geschaffen verunglimpften, war Demagogie, aber der Bezug zwischen den beiden Ereignissen nicht frei erfunden.

Es fällt Politikern und mit ihnen einem Teil der bürgerlichen Historiographen aber noch aus einem anderen und weitergreifenden Grunde schwer, die Errichtung der faschistischen Diktatur als Gegenrevolution zu charakterisieren. Sie möchten Revolutionen und Revolutionären in der deutschen Geschichte, jedoch nicht nur in ihr, überhaupt kein herausragendes Verdienst zuerkennen. Das drückt sich auch im Umgang mit dem Gedenken an die Ereignissen des Jahres 1848 aus und da namentlich mit denen des 18. März. Erst der Druck von unten hat im Jahr 2000 bewirkt, daß in Berlin auch inmitten der Stadt mit der Taufe eines Platzes der Akteure und Opfer des Aufstandes gedacht wird.

In diesem Geschichtskonstrukt erhält der 30. Januar dann vorzugsweise die Benennung »Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur« oder »Diktatur der Nationalsozialisten« oder auch Hitler-Diktatur. Und so werden sich die Schüler in Lehranstalten der Bundesrepublik auch weiter mit Erklärungen begnügen müssen, die auf jede begriffliche Entgegensetzung zu den untereinander gutverträglichen, nichtssagenden Kennzeichnungen verzichten.

Die Darstellung der deutschen Geschichte der Jahre 1933 bis 1945 erfolgt in ihren Schulgeschichtsbüchern unter der Überschrift »Nationalsozialismus« oder »Das nationalsozialistische Deutschland« oder »Nationalsozialistische Herrschaft«. Der Begriff »Machtergreifung« wird mehrfach und in Anführungszeichen zitiert, in einem dieser Texte mit dem Bemerken, er stimme nicht, denn Hitlers Ernennung durch Hindenburg sei »gemäß der Reichsverfassung« erfolgt.

Doch hat der Etikettenschwindel mit dem Nationalsozialismus nicht nur in Schulklassen, sondern mehr noch in Zeitungen und bis in die Fernsehnachrichten und -sendungen Konjunktur. Auch mit ihm wird der Eindruck vermittelt, als seien Faschismus und faschistische Diktatur Eindringlinge und Fremdlinge in der deutschen Geschichte gewesen, die mit der bürgerlichen Gesellschaft, wie sie sich nach dem Weltkrieg herausgebildet hatte, keine Bodenberührung besaßen, ausgenommen die über die der Nazipartei verfallenen und folgenden Volksmassen. In den sozialen Oberschichten seien es einzig einige Sonderlinge gewesen, die für Hitler und sein Programm, das sie zudem mißverstanden, Sympathien gezeigt hätten.

Kommt die Rede überhaupt auf sie, dann heißt es, wieder in einem Schulbuch, es seien »vorindustrielle und vordemokratische Machteliten« gewesen, die Hindenburg bei seiner Entscheidung beeinflußt hätten. Und so lassen sich Namen wie die der Industriellen Emil Kirdorf und Fritz Thyssen und des Bankiers Emil Stauß in diesen Lehrtexten suchen, aber nicht finden, weil sie sich schlechterdings in vorbürgerliche Zustände nicht abschieben lassen. Und Hjalmar Schacht, dem als Berater Hitlers vor 1933 ein Platz gebühren würde, wird nicht dort, sondern als Schöpfer des »nationalsozialistischen rWirtschaftswundersl« erwähnt.

So ist der Verzicht auf eine Charakteristik des 30. Januar 1933, die sozialwissenschaftlichen Ansprüchen genügt, mehr als nur das Bogenschlagen um die Qualifizierung eines einzelnen Ereignisses, sondern Bestandteil eines Faschismusbildes, das vor allem die Gesellschaft schont, ja sie am besten ganz verbirgt, zu deren Hervorbringungen dieser verbrecherische Herrschaftstyp gehörte.

Kurt Pätzold hielt diesen Vortrag am 2. Februar auf der Jahresversammlung der Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal

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Spendable Industrie

Geschichte. Am 20. Februar 1933 kommt Hitler mit der deutschen Monopolbourgeoisie zusammen und bittet für den Wahlkampf um Geld. Man gibt es ihm

Reiner Zilkenat

In: junge Welt online vom 20.02.2013

Der 20. Februar 1933 ist ein denkwürdiger Tag. Gegen 18 Uhr versammeln sich im Palais des Reichstagspräsidenten Hermann Göring am Spreeufer (heute: Friedrich-Ebert-Platz) mehr als 20 Herren, die als Abgesandte der deutschen Industrie vom Hausherrn zu einem Treffen mit Adolf Hitler eingeladen wurden. Sie sind froh, daß sie den Schutz der einsetzenden Dunkelheit genießen können, denn das demnächst in diesem Gebäude beginnende Treffen soll in strikter Vertraulichkeit durchgeführt werden.

Die politische Situation in Deutschland hat sich in den vergangenen drei Wochen in dramatischer Weise gewandelt. Seit dem 30. Januar ist der »Führer« der NSDAP Adolf Hitler Chef der Reichskanzlei. Mit Wilhelm Frick und Hermann Göring sind zwei weitere Nazis vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zu Reichsministern ernannt worden. Seitdem können sich die braunen Machthaber der Instrumentarien staatlicher Repression bedienen, um ihre politischen Gegner zu verfolgen, denn Frick und Göring amtieren als Innenminister im Reich bzw. in Preußen. Die als Politische Polizei operierenden »Abteilungen IA« in den Polizeipräsidien, die in Preußen Hermann Göring unmittelbar unterstellt sind, dienen bereits der systematischen Verfolgung der Hitlergegner, vor allem von Kommunisten und Sozialdemokraten. Viele Funktionäre und Abgeordnete der Arbeiterparteien halten sich versteckt oder fliehen ins Ausland, um der Verhaftung zu entgehen. Keller in SA-Heimen und okalen werden in Gefängnisse und Folterstätten umgewandelt. SA und SS üben seit den ersten Stunden der Existenz des faschistischen Regimes ungezügelte Gewaltakte gegen die verhaßten Arbeiterparteien und ihre Funktionäre aus. Die Zahl antisemitischer Übergriffe wächst in erschreckender Weise. Dabei wird auch vor Morden nicht zurückgeschreckt. Erst drei Tage vor der denkwürdigen Zusammenkunft im Reichstagspräsidentenpalais hatte Hermann Göring in einem Erlaß zur »Förderung der nationalen Bewegung« bestimmt: »Gegen kommunistische Terrorakte und Überfälle ist mit aller Strenge vorzugehen und, wenn nötig, rücksichtslos von der Waffe Gebrauch zu machen.

Polizeibeamte, die in Ausübung ihrer Pflichten von der Schußwaffe Gebrauch machen, werden ohne Rücksicht auf die Folgen des Schußwaffengebrauchs von mir gedeckt.« Kurzum: Binnen kürzester Zeit haben die Faschisten damit begonnen, was sie in den Jahren der Weimarer Republik angekündigt hatten: »Wir Nationalsozialisten werden, falls wir die Macht haben, innerhalb von 24 Stunden mit dem roten Mordgesindel aufräumen«, verkündete der jetzt neu berufene Reichsminister des Innern bereits im September 1931 in einer öffentlichen Rede.

Der Terror der Faschisten spielt sich in aller Öffentlichkeit ab. Auch vor den Augen der »Eliten« in Justiz und Verwaltung, in der Reichswehr, an den Universitäten und in den Kirchen. Den Herren der Industrie und der Banken dürfte ebenfalls nicht verborgen bleiben, mit welchen brutalen Mitteln die Nazis ihre noch ungefestigte Macht konsolidieren und ausbauen. Öffentliche Bekundungen des Widerspruchs, ganz zu schweigen von Handlungen, die als »Opposition« oder »Widerstand« interpretiert werden könnten, sind bei ihnen nicht anzutreffen. Es dominiert eine offen zur Schau gestellte Zustimmung bzw. »klammheimliche Freude« angesichts der ersten Handlungen des faschistischen Regimes.

Krupp und andere Gäste

Wer sind nun die auf äußerste Verschwiegenheit bedachten Herren, die sich im Palais des Reichstagspräsidenten eingefunden haben?

An erster Stelle zu nennen ist Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, der Präsident des Reichsverbandes der Deutschen Industrie (RDI). Es handelt sich um denjenigen Verband, der mit den Worten des kommunistischen Reichstagsabgeordneten Dr. Theodor Neubauer, »das Gremium der wirklichen Beherrscher Deutschlands« darstellt. Krupp hat sich auf ein Gespräch mit Hitler eingehend vorbereitet und zu diesem Zwecke einige »Merkzettel« mitgebracht. Daneben seien Günther Quandt, Georg von Schnitzler, Karl Brandi, Fritz Springorum und Friedrich Flick als Teilnehmer der illustren Runde genannt.

Quandt und seine Familie gehören bereits seit 1931 zur Entourage Hitlers in dessen Berliner Quartier, dem noblen Hotel »Kaiserhof«. Man tafelt miteinander, führt lange Gespräche, unternimmt Ausflüge, vermittelt Kontakte in die »Berliner Gesellschaft« und läßt schließlich Sohn Herbert als »jüngstes Mitglied der HJ« beim »Führer« der NSDAP Meldung erstatten.

Günther Quandt, Großaktionär bei Daimler-Benz, den Mauserwerken und der Varta AG, übt zugleich zahlreiche Aufsichtsratsmandate aus, darunter bei der Deutschen Bank und der AEG.

Georg von Schnitzler gehört dem Vorstand der IG-Farben an, des weltweit größten Chemie-Konzerns. Hier wird er »der Verkäufer« genannt, weil sein Verantwortungsbereich in der erfolgreichen Vermarktung der Produkte des Unternehmens besteht. Die IG-Farben haben bereits im Vorjahr intensive Kontakte zu Hitler gepflegt, der vor allem für die Förderung der synthetischen Benzinherstellung im Falle seiner Kanzlerschaft gewonnen werden konnte: eine - wie man damals annahm - überaus wichtige kriegswirtschaftliche Voraussetzung für die Durchführung der geplanten Aggressionen des faschistischen Regimes. Daß von Schnitzler verwandt mit Kurt Freiherr von Schröder ist, einem umtriebigen Privatbankier aus Köln, der eine wichtige Rolle bei der Machtübertragung an die Nazis spielte (siehe jW vom 4.1.2013), sei nur am Rande erwähnt.

Ernst Brandi zählt zu den einflußreichsten »Kohle- und Stahlbaronen« von Rhein und Ruhr. Der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen zum Vorstandsmitglied der Vereinigten Stahlwerke, des zweitgrößten schwerindustriellen Unternehmens der Welt, aufgestiegene Topmanager, ist zugleich Präsidiumsmitglied des RDI und Vorsitzender des »Bergbauvereins«.

Dieser industrielle Interessenverband versorgte großzügig vor allem die deutschnationalen Bündnispartner Hitlers und die ihnen nahestehenden Zeitungen in der Weimarer Republik mit Bargeld. Brandi, der im Oktober 1931 am Treffen der sogenannten Harzburger Front der politischen Rechten teilgenommen hatte, schwankt in seinen politischen Überzeugungen zwischen den Deutschnationalen und der NSDAP. Immerhin formulierte er in einem Brief an den Chefredakteur der vom »Bergbau-Verein« kontrollierten Deutschen Allgemeinen Zeitung, Fritz Klein, am 6. Februar 1933: »Ich darf daran erinnern, daß ich im Laufe des vergangenen Sommers bei jeder Besprechung (...) von mir aus sehr stark die unvermeidliche Notwendigkeit betont habe, daß man die nationalsozialistische Bewegung wohlwollend und wachsend positiv beurteilt und daß die Kanzlerschaft Hitlers der einzige Ausweg bedeute.«

Fritz Springorum, Vorstandsvorsitzender der Hoesch AG, gehört zur »Ruhrlade«, einem seit 1928 geheim tagenden, nur aus zwölf Männern bestehenden Ausschuß der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie, der u.a.

bürgerliche Parteien und Zeitungen finanziert sowie gemeinsame Vorgehensweisen im Falle von Tarifverhandlungen und Streiks sowie politische Forderungen gegenüber der Reichsregierung koordiniert. Am 21.

November 1932 hatte Springorum den Staatssekretär des Reichspräsidialamtes Otto Meissner wissen lassen, daß er die zwei Tage zuvor überreichte Eingabe von Industriellen an Hindenburg, in der die Ernennung Hitlers zum Regierungschef gefordert worden war, zwar nicht unterschrieben habe, er ungeachtet dessen »voll und ganz auf dem Boden der Eingabe« stehe.

Beschließen wir den Reigen mit Friedrich Flick, der in der Weimarer Republik zu einem der bedeutendsten Industriellen aufgestiegen war. Mit zum Teil ebenso riskanten wie skrupellosen Aktien- und Finanztransaktionen ist er zu einem der beherrschenden Eigentümer der Vereinigten Stahlwerke aufgestiegen. Daneben nimmt er zahlreiche Aufsichtsratsmandate wahr, so u.a. als Vorsitzender des Aufsichtsrates bei den Mitteldeutschen Stahlwerken, als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei der Gelsenkirchener Bergwerks AG, dem größten Unternehmen im deutschen Steinkohlenbergbau, sowie bei der Dresdner Bank und der AEG. Von der SPD bis zur NSDAP erhielten im übrigen die wählerstarken Parteien während der Weimarer Republik, selbstverständlich mit Ausnahme der KPD, immer wieder »Spenden« aus dem Hause Flick übermittelt. Damit stellte Flick gewissermaßen sicher, daß er, ungeachtet der jeweiligen Wahlergebnisse und Regierungskonstellationen, immer mitregieren konnte.

»Die andere Seite zu Boden werfen«

Zurück zur Szenerie am Abend des 20. Februar 1933 im Reichstagspräsidentenpalais. Die versammelte »Elite« der deutschen Industriellen, zu denen auch die Vorstandsvorsitzenden der Allianz-Versicherungen, Dr. Kurt Schmitt, und der Vereinigten Stahlwerke, Albert Vögler, zählen, wartet gespannt auf das Erscheinen Hitlers. Doch der läßt sich Zeit. Erst mit einer Viertelstunde Verspätung kann die Veranstaltung, an der neben Hitler und Göring auch der Leiter der Kommission für Wirtschaftspolitik der NSDAP, Dr. Walther Funk, teilnehmen, endlich beginnen. Funk ist ehemaliger Chefredakteur der Berliner Börsen-Zeitung und sorgt dafür, daß sich Aussagen und Beschlüsse der Nazipartei zu wirtschafts- und finanzpolitischen Themen ausschließlich an den Interessen der Monopolbourgeoisie orientieren werden. Nachdem Hitler mit einem Händedruck alle Anwesenden persönlich begrüßt hat, beginnt gegen 18.30 Uhr die mit Spannung erwartete Rede Hitlers.

Er vermeidet die Darlegung von Details seiner künftigen Wirtschaftspolitik.

Seine Ausführungen legen allerdings unmißverständlich dar, daß im »Dritten Reich« der Faschisten das Privateigentum und das Erbrecht staatlichen Schutz genießen und die organisierte Arbeiterbewegung, ja die bürgerlich-parlamentarische Demokratie insgesamt, binnen kurzem zerschlagen werden soll.

Unter anderem führt Hitler zur Freude der versammelten Konzernherren aus: »Privatwirtschaft im Zeitalter der Demokratie ist nicht aufrecht zu erhalten. Sie ist nur denkbar, wenn das Volk eine tragende Idee von Autorität und Persönlichkeit besitzt. Alles, was in der Welt an Positivem, an Gutem und Wertvollen auf dem Gebiet der Wirtschaft und Kultur geschaffen worden ist, beruht ganz allein auf der Bedeutung der Persönlichkeit. Wird die Verteidigung des Geschaffenen aber einer Majorität überantwortet, so geht es rettungslos unter. Alle Lebensgüter, die wir besitzen, verdanken wir dem Kampf von Auserlesenen (...) Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, daß ein Teil des Volkes sich zum Privateigentum bekennt, während ein anderer Teil das Privateigentum ableugnet. Solch ein Kampf zerreißt das Volk. Man ringt so lange gegeneinander, bis ein Teil Sieger bleibt. (...) Für die Wirtschaft habe ich nur einen Wunsch, daß sie parallel mit dem inneren Aufbau einer ruhigen Zukunft entgegengeht.«

Wer mit welchen Mitteln im »Dritten Reich« der Faschisten siegreich sein werde und wodurch die »ruhige Zukunft« der Wirtschaft gewährleistet werden könne, formuliert Hitler klar und bestimmt: »Wir müssen erst die ganzen Machtmittel in die Hand bekommen, wenn wir die andere Seite zu Boden werfen wollen. So lange man an Kraft zunimmt, soll man den Kampf gegen den Gegner nicht aufnehmen. Erst wenn man weiß, daß man auf dem Höhepunkt der Macht angelangt ist, soll man zuschlagen.«

Am Ende seiner Ausführungen kommt Hitler auf die bevorstehenden Reichstagswahlen am 5. März zu sprechen. Seine Bemerkungen zu diesem Thema lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: »Wir stehen jetzt vor der letzten Wahl. Sie mag ausfallen wie sie will, einen Rückfall gibt es nicht mehr, auch wenn die kommende Wahl keine Entscheidung bringt. So oder so, wenn die Wahl nicht entscheidet, muß die Entscheidung eben auf einem anderen Wege fallen.«

Zu den außenpolitischen Zielen seiner Kanzlerschaft schweigt sich Hitler weitgehend aus. Diese Thematik hatte er bereits am 3. Februar 1933 vor den Befehlshabern der Reichswehr behandelt und dabei von der möglichen »Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtsloser Germanisierung« gesprochen. Nunmehr wiederholt er seine schon oft gehörten Anschauungen von der Notwendigkeit eines »wehrhaften Volkes«; nur eine »wehrhafte Nation« sei imstande, über eine »blühende Wirtschaft« zu verfügen.

Nachdem Hitler seine etwa eineinhalbstündige Rede im Reichstagspräsidentenpalais beendet hat, spricht ihm Gustav Krupp seinen Dank dafür aus, »ein so klares Bild des Aufbaus seiner Gedankenwelt« vermittelt zu haben. Alle Anwesenden, so der Präsident des RDI, seien überzeugt davon, daß »nur in einem politisch starken, unabhängigen Staate Wirtschaft und Gewerbe zur Entwicklung und zur Blüte kommen« könnten.

Hitler verläßt daran anschließend das Reichstagspräsidentenpalais in großer Eile. Doch jetzt beginnt erst der interessante Teil des Abends: Denn Göring und Hjalmar Schacht lassen für den unmittelbar bevorstehenden Wahlkampf den Klingelbeutel umhergehen.

»Letzte Wahl in 100 Jahren«

Da die Kassen der NSDAP, SA und der SS leer seien, so Göring, könne eine starke Wahlpropaganda nicht realisiert werden. Es ginge aber schließlich darum, »daß mit der bevorstehenden letzten Wahl auch die Chance zur Aufrechterhaltung der Freiheit der Wirtschaft gegeben« sei. Da Gelder aus öffentlichen Kassen nicht zur Verfügung stünden, müßten Mittel aus anderer Quelle genutzt werden. Schließlich seien die bevorstehenden Reichstagswahlen am 5. März »die letzten innerhalb von 10 Jahren, voraussichtlich in 100 Jahren«.

Um die Taschen der versammelten Konzernherren möglichst weit zu öffnen, ergreift jetzt Hjalmar Schacht das Wort. Er hatte die schon erwähnte Industrielleneingabe an Reichspräsident von Hindenburg redigiert und sich bereits seit 1931 immer stärker auf die NSDAP als Regierungspartei und Hitler als potentiellen Reichskanzler orientiert. Ebenso wie Ernst Brandi hatte er an der Tagung der »Harzburger Front« teilgenommen. Schacht genießt auf der politischen Rechten, aber auch in denjenigen Kreisen des Bürgertums, die nicht mit dem Faschismus sympathisieren, große Autorität.

Seine Karriere in der Privatwirtschaft hatte er in der Direktion bzw. als Mitglied des Vorstandes bei der Dresdner Bank bzw. bei der Darmstädter und Nationalbank absolviert. Ende 1923 hatte Schacht als Reichswährungskommissar und von Dezember 1923 bis zum März 1930 als Präsident der Reichsbank die Hyperinflation überwinden helfen und - so wird es kolportiert -die relative Stabilisierung der Ökonomie in der Mitte der zwanziger Jahre währungspolitisch abgesichert. Er gilt deshalb als ausgewiesener Fachmann in Sachen Wirtschafts- und Finanzpolitik. Sein öffentliches Eintreten für die faschistische Partei und die Kanzlerschaft Adolf Hitlers spielte eine bedeutende Rolle für die Akzeptanz des Faschismus in größeren Teilen des Bürgertums.

Schacht spricht am Abend des 20. Februar 1933 Klartext. Ohne Umschweife erklärt er, daß eine Summe in Höhe von drei Millionen Reichsmark vonnöten sei, um einen angemessenen Wahlkampf zu führen. 75 Prozent des Geldes werde die NSDAP erhalten, die restlichen 25 Prozent stünden dem von der Deutschnationalen Volkspartei und dem Stahlhelm gebildeten »Kampfblock Schwarz-Weiß-Rot« unter der Führung Alfred Hugenbergs zur Verfügung. Und die deutschen Konzerne öffnen bereitwillig ihre Schatullen. Einige der Herren sagen sofort die Zahlung der von Schacht auf die einzelnen Firmen bzw. Branchen aufgeschlüsselten Beträge zu. Andere werden ihre Zustimmung nach Rückversicherung bei ihren Vorstandskollegen geben.

Wer leistet wie viel? Die IG-Farben leisten mit 400000 Mark den mit Abstand größten Beitrag eines einzelnen Konzerns. Die Deutsche Bank ist mit 200000 Mark gleichfalls sehr spendabel. Die Steinkohlen- und Eisenindustrie im Westen erzielt mit einer Umlage bei ihren Unternehmen eine Million Reichsmark. Auch Telefunken (ein Gemeinschaftsunternehmen von AEG und Siemens-Halske), die AEG und sogar die Organisatoren der Berliner Automobilausstellung lassen sich mit einer Zahlung in Höhe von 100000 Mark nicht lumpen.

Die insgesamt drei Millionen Reichsmark landen auf einem von Hjalmar Schacht verwalteten Konto, genannt »Nationale Teuhand«, der die einkommenden Gelder weiterleitet.

»Auf Höchsttouren drehen«

Bereits am Abend des 20. Februar notiert Joseph Goebbels, der offenbar sofort von der »Spendenaktion« der deutschen Industrie informierte »Wahlkampfleiter« der NSDAP, in sein Tagebuch: »Wir treiben für die Wahl eine ganz große Summe auf, die uns mit einem Schlage aller Geldsorgen enthebt. Ich alarmiere gleich den Propagandaapparat, und eine Stunde später schon knattern die Rotationsmaschinen. Jetzt werden wir auf Höchsttouren drehen.«

Allerdings entsprechen die Wahlergebnisse vom 5. März 1933 nicht ganz den Erwartungen der deutschen Faschisten. Immer noch erzielen die KPD und die SPD mehr als 12 Millionen Wählerstimmen (KPD ca. 4,8 Mio., SPD ca. 7,5 Mio.). In Berlin liegen die beiden Arbeiterparteien sogar mit ca. 570000 zu 512000 der abgegebenen Stimmen gegenüber Nazis und Deutschnationalen klar in Front (KPD 383000, SPD 187000 Stimmen). Doch mehr noch als die mit drei Millionen Reichsmark finanzierte Propaganda der Nazis und Deutschnationalen tragen der im gesamten Reichsgebiet gegen die Arbeiterparteien gerichtete Terror dazu bei, daß von »freien« Wahlen nicht die Rede sein kann.

Und dennoch: Die deutsche Industrie leistet durch ihre Finanzierung des Wahlkampfes einen wesentlichen Beitrag, daß NSDAP und DNVP mit 340 Mandaten gegenüber 307 Mandaten der beiden Arbeiterparteien, des Zentrums, der Deutschen Volkspartei, der Deutschen Staatspartei, der Bayerischen Volkspartei und anderer kleiner Parteien einen deutlichen Erfolg erringen können. Im übrigen: Mit dem Terror gegen die Kandidaten und Funktionäre der KPD und SPD, mit den zahlreichen Verbotsmaßnahmen gegen ihre Versammlungen und Wahlmaterialien, haben die Herren der Industrie, die sich am 20.

Februar 1933 in Berlin versammelt hatten, offenbar keinerlei Probleme. Denn die neue faschistische Regierung ist auf dem Weg, alles das zu erfüllen, was in der Weimarer Republik nicht oder nur ohne letzte Konsequenz durchzusetzen war: Die Beseitigung der nur widerstrebend akzeptierten bürgerlich-parlamentarischen Demokratie, die bereits vor 1933 in Teilbereichen faktisch außer Kraft gesetzt worden war; die scheinbar endgültige Ausschaltung der Organisationen der Arbeiterbewegung; die Wiederherstellung der »Herr-im-Hause«-Realität; schließlich die Perspektive eines zweiten »Griffs nach der Weltmacht.« Gustav Krupp von Bohlen und Halbach formulierte es zusammenfassend in einem Schreiben an Adolf Hitler vom 24. März 1933:

»Durch die Wahlen ist die Grundlage für ein stabiles Regierungs-Fundament geschaffen und es sind damit die Störungen beseitigt, die sich aus den ständigen politischen Schwankungen der Vergangenheit ergeben und die wirtschaftliche Initiative stark gelähmt haben. (...) Die deutsche Industrie, die sich als einen wichtigen und unentbehrlichen Faktor für den nationalen Aufbau betrachtet, ist bereit, an dieser Aufgabe tatkräftig mitzuwirken, und der Reichsverband der Deutschen Industrie wird alles tun, um der Reichsregierung bei ihrem schweren Werke zu helfen.«

Die Geschichte der Verbrechen der deutschen Wirtschaft, so darf man schlußfolgern, begannen nicht erst mit der kriegswirtschaftlichen Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges, der »Arisierung« jüdischen Eigentums und der Organisierung der Zwangsarbeit, sondern mit ihrer unverzichtbaren Rolle bei der Installierung und der frühen materiellen wie politischen Unterstützung des faschistischen Regimes vor und nach dem 30. Januar 1933.

Das Treffen im Reichstagspräsidentenpalais spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.

Dr. Reiner Zilkenat ist Vorsitzender des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung e.V. Zuletzt erschien von ihm am 4.1.2013 an dieser Stelle ein Aufsatz über das Treffen Hitlers mit Franz von Papen in der Villa des Kölner Bankiers Kurt von Schröder

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