Den Kopf heben

Ein neuer Sammelband mit Erinnerungen an die DDR

Anja Röhl

In: junge Welt online vom 04.02.2013

Im Westen zeigten Atlanten da, wo die DDR lag, einen großen weißen Fleck.

Dort gab es keine Städte-, keine Dörfer- und keine Ländernamen. Es gab kein Grün, wo die Ebenen, und kein Braun, wo die Berge und Hügel waren. Es war ein Land, das es nicht gab und nicht geben sollte. Weiter östlich waren wieder Namen, Dörfer und Farben, da war »Ostpreußen« zu lesen, und alles hatte dort deutsche Bezeichnungen, obgleich quer darüber stand: »Unter polnischer Verwaltung«. Auf dem weißen Fleck rund um Berlin war einfach nur »SBZ« eingetragen, also »Sowjetische Besatzungszone«, abgekürzt: »Zone«. - Soweit unser Erdkundeunterricht im Jahre 1966, der von einer Frau Dr. Bein im Hamburger Gymnasium Lerchenfeld mittels dieses Atlasses abgehalten wurde.

Erinnerungsberichte

Dann erschloß der Mauerfall dem Kapital diesen weißen Fleck als einen krisenmindernden neuen Absatzmarkt. Wir erlebten nicht nur Verarmung, Zurückstoßen des wohlausgebildeten Proletariats der DDR ins Subproletariat, einen Verfall des genossenschaftlichen und staatlichen DDR-Industrieeigentums, sondern auch eine vollkommene geistige Entmachtung der Intelligenz. Es fand eine »kalte Bücherverbrennung« statt, als DDR-Literatur auf Müllkippen verbracht, hochqualifizierte Professoren sämtlicher Fakultäten, allen voran der Geisteswissenschaften, entlassen wurden und eine Abwertung per Medienschlacht begann. Ostdeutsche verdienen noch heute, 25 Jahre nach dieser Besetzung, nicht den gleichen Lohn für gleiche Arbeit, sondern 85 Prozent des Westlohns, wenn sie denn Arbeit haben.

Den gedemütigten Menschen, die in diesem Land aufgewachsen sind und mitgewirkt haben, hat nun Horst Jäkel in dem Band »Lebendige DDR« einen Raum gegeben, einfach einmal von ihr zu erzählen. Die DDR war ein Land, schreibt er im Vorwort, in dem »kapitalistische Banken, Monopole, Großgrundbesitzer und Faschisten durch eine Arbeiter- und Bauernmacht enteignet« worden waren und wo »das ganze Volk« der »Nutznießer seiner fleißigen Arbeit« werden konnte.

Das Buch will mit seinen umfänglichen Erinnerungsberichten vor allem der Anschuldigung, die DDR sei ein »Unrechtsstaat« gewesen, widersprechen. Ist es gerecht, daß jetzt die Reichen wie die »Maden im Speck« leben, wird gefragt, während Millionen Menschen ihr Recht auf Arbeit genommen wurde? Daß es wieder Kinderarmut gibt, die Jugend oft keine Perspektive hat und sich deshalb an die Kriegsindustrie verkaufen muß? Ist es gerecht, wenn die Finanzgewaltigen die Politik des Staates bestimmen und Wahlen in Deutschland zur Farce wurden, während der Verfassungsschutz den »Nationalsozialistischen Untergrund« mit aufbaut, die NPD nicht verboten ist, wohl aber die KPD seit bald 60 Jahren?

Kulturzerstörung

Eine parteiische Sicht, mit der Jäkel sich an diejenigen wendet, die sich nicht mehr länger ihre Erinnerungen als Teilnahme an Verbrechen umdeuten lassen wollen, die sich nicht mehr den Mund verbieten lassen wollen, wenn sie Positives über die DDR erzählen möchten. Es könnte noch eine weitere Zielgruppe hinzukommen: die Westler mit ihrem weißen Fleck, die sich noch allzuoft bis ins bürgerlich-liberale und linksliberale Lager hinein beeinflussen lassen von den grassierenden DDR-Abwertungen und die viel zu oft zu Überheblichkeit und Arroganz gegenüber Ostdeutschen neigen.

Das Buch Jäkels ist keine politische Studie, keine Analyse, keine Theorie, es ist ein Geschichtenbuch. Es geht um »Täve« Schur und DEFA-Filme, um Fahrräder für Vietnam, um das Gesundheitswesen, darum, wovon die Frauen im Westen nur träumen konnten, um den Leuchtturmmann in Warnemünde, um Utopie, Venceremos, um maritimen Sport und Klosterbrüder, um Schule und Garten, um Bauernaufbruch, um Otto Grotewohl und die Westzeitungen. Ein Buch ungezählter Erinnerungen, in denen die Menschen den Kopf wieder zu heben wagen.

Ein Beispiel: Im Kapitel »Vandalismus gegen das Gedächtnis der Menschen« ist von Kulturzerstörung die Rede. Im Osten weiß man es, im Westen ahnt man es nicht, in welchem Maße die DDR-Kultur systematisch vernichtet wurde. Die Hälfte aller DDR-Kunstwerke im öffentlichen Raum wurde demontiert, von den 19000 Büchereien wurden 16500 geschlossen, beim Abriß des DDR-Außenministeriums wurden vier Wandbilder Walter Womackas vernichtet - das ist nur ein kleiner Ausschnitt. Doch es bildeten sich Rettungsinitiativen: »Trotz aller Bilderstürmerei überleben am Ende die Kunst und das humanistische Erinnern«.

Der Band klärt auf unaufdringliche Weise über den vergessenen Alltag in der DDR auf. Spannend für die, die es wirklich wissen wollen, verklärend für die, die genau wissen, wie man die Ostler zu beurteilen habe. Das Buch enthält nicht nur Geschichten alter Leute, im Gegenteil, es kommen DDR-Kinder und -Enkel zu Wort. Lesenswert und liebenswert. Lebendig und detailreich.

Horst Jäkel (Hg.): Lebendige DDR. GNN-Verlag, Schkeuditz 2012, 436 Seiten, 19,50 Euro, ISBN: 978-3-89819-368-9

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Kein Abschied von Ikarus

In Thüringen wurde Kunst, die in der DDR entstand, präsentiert.

Nachbemerkungen Peter Michel

In: junge Welt vom 08.02.2013

Der Ikarus-Mythos versinnbildlicht Aufstieg und Fall, Übermut und Strafe.

In der Geschichte der Kunst im allgemeinen und der DDR-Kunst im besonderen ist er ein stets präsentes Motiv, ein Zitat, eine Metapher eines widersprüchlichen, womöglich scheiternden Aufbruchs gewesen. Was läge da näher, als annähernd ein Vierteljahrhundert nach dem Untergang des sozialistischen Projekts eine Werkschau zu unternehmen, die den Ikarus-Mythos im Titel trägt? Allerdings - dies blieb nicht der einzige Blickwinkel.

Drei Expositionen schlossen kürzlich ihre Pforten. Bereits am 20. Januar wurde die Erfurter Ausstellung »Tischgespräch mit Luther. Christliche Bilder in einer atheistischen Welt« beendet; am 4. Februar begann man in der Weimarer Ausstellung »Abschied von Ikarus. Bildwelten in der DDR - neu gesehen« und in der Geraer Schau »Schaffens- (t)räume. Atelierbilder und Künstlermythen« mit dem Abbau. Sie alle waren im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbundprojektes »Bildatlas: Kunst der DDR« gemeinsam mit Partnern aus Forschungseinrichtungen, Museen und Stiftungen vorbereitet worden.

Das Medienecho war beeindruckend. Der Pressespiegel vom 1. Februar verzeichnete allein für die Weimarer Ausstellung 58 Beiträge in Printmedien sowie im Hör- und Fernsehfunk. Man kann davon ausgehen, daß es - auch wenn man die beiden anderen Kunstpräsentationen einbezieht - noch wesentlich mehr werden.

Um es vorwegzunehmen: Die Eindrücke der Ausstellungen im Erfurter Angermuseum und in der Geraer Orangerie waren überzeugender als im Weimarer Neuen Museum; dort zerfloß das Konzept; man verließ diese Schau unbefriedigt. In Erfurt und Gera zwang die thematische Einschränkung offensichtlich zu strengerer, durchdachterer Werkauswahl.

Für kunstinteressierte Menschen war es schon immer selbstverständlich, daß christliche Motive über ihren religiösen bzw. kirchlichen Zusammenhang hinauswirken können: die Passion mit Kreuzigung, Kreuzabnahme, Pietá-Gruppe, Grablegung ebenso wie Heiligengeschichten oder Erzählungen und Figuren aus dem Alten Testament. In Erfurt wurde demonstriert, wie Künstler in der DDR - aus Kenntnis und Verinnerlichung heraus - biblische Themen für Aussagen zu den Widersprüchen der Gegenwart nutzten, wie sie damit das Miterleben und Mitdenken des Publikums provozierten, meist ohne selbst religiös gebunden zu sein. Das mutete in einem atheistisch geführten Staat nicht paradox an. Es gehörte zur Bildung; und wo sie in den Schulen nicht vermittelt wurde, eignete man sie sich aus Kunstgeschichte oder Literatur an.

Tischgespräch mit Luther

Die Ausstellung »Tischgespräch mit Luther« war insofern beeindruckend, weil sie dieses Wechselspiel mit mehr als 100 Werken der Malerei, Graphik und Plastik von 58 Künstlerinnen und Künstlern repräsentativ vorstellte. Sie bereitete zudem mit ihrer wohldurchdachten Auswahl und ausgezeichneten Hängung auch einen ästhetischen Genuß. Vor Jahren hatte es in der Burg Beeskow schon einmal eine solche Exposition gegeben, die aber nur eigene Bestände zeigen konnte. In Erfurt war es nun möglich, aus dem Vollen zu schöpfen. Das Ergebnis war rundum überzeugend. Zu den Höhepunkten zählten Uwe Pfeifers raumgreifendes Triptychon, das der Schau ihren Namen gab und Luther in einen sinnreichen Zusammenhang mit der Theologie der Befreiung brachte, und Bernhard Heisigs Bild »Christus verweigert den Gehorsam«; es war einem Mehrtafelwerk seines Schülers Hartwig Ebersbach gegenübergestellt. Wiederbegegnungen mit Gemälden, Zeichnungen und Plastiken Horst Sakulowskis, Volker Stelzmanns, Fritz Cremers und vieler anderer ließen so etwas wie Heimatgefühl aufkommen. Heidrun Hegewalds großformatiges Mahn- und Warnbild »Mutterverdienstkreuz in Holz« fordert heute mit seiner schonungslosen Symbolik des Schmerzes genauso den Schutz menschlichen Lebens ein wie zur Zeit seiner Entstehung 1979. Solche eindringlichen Kunstwerke sollten aus der Stille der Depots geholt werden und wieder ständig präsent sein.

Christoph Wetzels doppelsinniges Ölgemälde »Das Jüngste Gericht« stand offenbar im Mittelpunkt des Publikumsinteresses; hier richten junge Menschen über das, was die Älteren ihnen hinterließen. Wie junge Götter sitzen sie mit skeptischen Blicken in einer langen Reihe hinter dem hohen Richtertisch vor dräuendem Himmel, und die Betrachter werden in die Rolle von Angeklagten versetzt. Solches Umdeuten, Verfremden, Profanieren und Aktualisieren religiöser Inhalte war möglich und fruchtbar, weil das Sensorium der Rezipienten hoch entwickelt war und immer noch ist - für verschlüsselte Gesellschaftskritik, für Botschaften des Schreckens über Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Bei Mattheuer fiel auf, daß seine Bilder dort am stärksten sind, wo er bei seiner ureigenen Handschrift blieb und nicht versuchte, »malerisch« zu sein. Heinz Zander interpretierte das Sujet »Brennender Dornbusch« anders als z.B. Dieter Rex, der in der Ausstellung leider nicht vertreten war.

Zander und Peter Makolies wandten sich auf ihre Weise dem Thema »Judith und Holofernes« zu; auch hier ging meine Erinnerung zurück zu einem aufstörenden Selbstbildnis von Siegfried Klotz, der sein eigenes Haupt auf einem Tablett zeigte als Zeichen für seinen vorgeahnten Tod. Jeder, der die Kunstszene der DDR über Jahre und Jahrzehnte mit offenen Sinnen verfolgt hat, wird aus seinem visuellen Gedächtnis diese und die anderen Ausstellungen ergänzt haben. Aber so wie diese Schau war, ließ sie keine Fragen offen; man kann die Arbeit der Verantwortlichen nur anerkennen.

Wer heute meint, die Hinwendung zahlreicher Künstler zur christlichen Ikonographie sei bisher kaum untersucht worden, leugnet die Leistungen der Kunstwissenschaft in der DDR. Peter Arlt wies sehr zu Recht auf die Arbeiten von Irma Emmrich und Helga Möbius, auf das Buch »Dialog mit der Bibel« von Jürgen Rennert und auf die Forschungen in der damaligen Pädagogischen Hochschule Erfurt hin. Das trifft auch auf die eigenwillige, gegenwartsbezogene Deutung antiker Mythen und auf andere Forschungsfelder zu; man muß solche Quellen nutzen; es ist nicht nötig, alles neu zu erfinden.

Atelierbilder und Selbstbildnisse

Ein Gefühl des Zuhauseseins stellte sich auch in der Geraer Schau »Schaffens (t)räume« ein, in der 90 Arbeiten von 76 Künstlern gezeigt wurden. Dort konnte vor allem aus dem eigenen qualitätvollen Sammlungsbestand ausgewählt werden. Und man registrierte sofort, daß hier wie in Erfurt kunstwissenschaftliche Solidität herrschte. Die Entstehungszeit der Werke lag zum Teil Jahrzehnte auseinander, so daß auch Entwicklungsphasen deutlich wurden. Bilder von Eberhard Dietzsch, Hubertus Giebe, Sighard Gille, Clemens Gröszer, Bernhard und Johannes Heisig, Lutz Ketscher, Wolfgang Peuker, Willi Sitte, Axel Wunsch und anderen konnte man wieder sehen; persönliche Begegnungen wurden in der Erinnerung frisch. So geht es vielen der Älteren. Und wenn die nach 1985 Geborenen einer neuen Generation Zugang zu solchen Werken finden, dann wirkt der humanistische Inhalt einer vergangenen Zeit ins Heute hinein.

Im Katalog, in dessen Texten sich auch bittere Wahrheiten über kunstpolitische Gängeleien finden, wird richtig hervorgehoben, daß in der DDR Existenz- und Arbeitsmöglichkeiten für Künstler auf vergleichsweise privilegiertem Niveau garantiert wurden, nicht nur für die sogenannten Staatskünstler. Bezogen auf Werner Tübke - doch nicht allein gültig für ihn - wird formuliert, diese Kunst sei integrativer Teil zeitgenössischer Kunstproduktion in der postmodernen Kunstgeschichte des 20. und 21.

Jahrhunderts und werfe so »ein Licht auf die Vielschichtigkeit, die intellektuelle Autonomie und die selbstbewußte Eigenbehauptung einer in der DDR ausgeprägten, ausdrucksstarken Kunstsprache«. Gleichzeitig wird Kritik daran geübt, daß in den großen Überblicksdarstellungen zur Geschichte des Selbstporträts Künstler der DDR generell fehlen, was sich in den Shops der großen Museen nachprüfen läßt; und das, obwohl die gesamte Kunst in der DDR reich an verschiedenen Formen der Selbstdarstellung ist. Insofern schloß die Geraer Ausstellung eine Lücke. Autoporträts geben nicht nur Auskunft über die Person des Schöpfers; sie sind vor allem Ausdruck seines Verhältnisses zu anderen, zur Umwelt, in der er lebt und an der er sich reibt, und zu den Spannungen, denen er ausgesetzt ist. In seinem großartigen Gemälde »Menschensucher«, dessen Titel sich auf Karl Hofer bezieht, fand Siegfried Klotz, der konsequent die Dresdener Maltradition fortsetzte, einen überzeugenden Ausdruck: Er stellte sich selbst als Akt dar und ist der einzig lebendige, verzweifelt auf den Betrachter zulaufende Mensch zwischen unbeweglichen, erstarrten Puppen.

Weimar - ein Großereignis?

Die Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan schrieb in ihrem Grußwort an die Weimarer Ausstellung, die ebenfalls in Weimar 1999 veranstaltete Schau »Aufstieg und Fall der Moderne« habe für heftige Diskussionen über Kunst aus der »ehemaligen« DDR gesorgt; sie sei ein Höhepunkt des kontrovers geführten »deutsch-deutschen Bilderstreits« gewesen. Diskutiert wurde damals heftig, aber nicht über Kunstwerke. Für mich war diese Horrorschau der absolute Tiefpunkt des Umgangs mit Künstlern und ihren Werken. Es ging um undifferenzierte Entwürdigung, die den Zorn zahlreicher Künstler und Wissenschaftler - nicht nur aus dem Osten Deutschlands - hervorrief. Dem rheinischen Kurator Achim Preiß wurde »ignorantes Unvermögen« nachgewiesen. Der Künstler Neo Rauch sprach im Spiegel vom 24. Mai 1999 von einer »Massenexekution«; und das in einer Stadt, die aufgrund ihrer Geschichte ein Hort besonderer Sensibilität sein müßte. Im Umfeld dieser Schau - zuvor und später - bezeichnete man die nicht in den Westen gegangenen Künstler als Verräter, »Arschlöcher« und »Propagandisten der Ideologie«. Und schließlich wurden aus der zum 60.

Jahrestag des Grundgesetzes im Berliner Gropiusbau veranstalteten Ausstellung »60 Jahre - 60 Werke« in der DDR entstandene Arbeiten vollkommen ausgeschlossen mit der Begründung, Kunst könne nur in Freiheit gedeihen, in der DDR habe es keine Freiheit gegeben, also auch keine Kunst.

Schirmherrin war Angela Merkel. Solche katastrophalen Attacken kann man nicht wiedergutmachen; in das Gedächtnis der Betroffenen haben sie sich eingegraben.

Aber man kann einen neuen Anfang suchen. Deshalb waren die Erwartungen an die Ausstellung »Abschied von Ikarus. Bildwelten in der DDR - neu gesehen« groß, zumal sie als Zentrum des Gesamtprojektes gedacht war. Sie wurden in einigen Passagen auch nicht enttäuscht. Es gab einen durchdachten Auftakt mit dem »Blick auf Eisenhüttenstadt« (1955) von Bernhard Kretzschmar, dessen Aufbruchsstimmung mit der kritischen Bitterkeit des Mattheuer-Gemäldes »Freundlicher Besuch im Braunkohlenrevier« (1974) kontrastierte und den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit deutlich machte. Es gab Neuentdeckungen und eindrucksvolle Wiederbegegnungen mit Werken Philip Oesers, Clemens Gröszers, Willi Neuberts, Otto Knöpfers, Hermann Glöckners, Horst Strempels und vieler, vieler anderer. Besonders eindrucksvoll sind heute wie damals die schmerzvollen Bildtafeln des viel zu früh verstorbenen Joachim Völkner, die Bilder von Harald Metzkes, Angela Hampel und Wolfgang Peuker, der mit seiner schonungslosen Wahrheitssuche aufstört und - z.B. in seinem Bild »An der Außenwand« von 1974 - auf völlig unpathetische Weise den Alltag von Arbeitern zeigt. Und es war gut, daß der »Aurora«-Zyklus von Carlfriedrich Claus so umfassend zu sehen war. Der in der DDR im Exil lebende Spanier Josep Renau wurde hervorgehoben; man konnte seine Arbeitsweise als Muralist anschaulich nachvollziehen (der Muralismo bezeichnet die Kunstform der Wandmalerei im öffentlichen Raum, die in Mexiko in den 1920er Jahren entstand und in der Regel einen gesellschaftskritischen und historischen Inhalt hat; Anm. d. Red.). Daß die Fotografie einbezogen wurde, gehörte ebenfalls zu den Stärken dieser Ausstellung. Indem sie die Werke ernst nahm, unterschied sie sich grundsätzlich von ihrer Weimarer Vorgängerin »Aufstieg und Fall der Moderne«.

»Nonkonforme« Kunst überbetont

Sie litt aber daran, daß ihre Konzeption zwischen soziologischem und kunstwissenschaftlichem Herangehen hin und her schwankte. »Was einen Soziologen strahlen läßt, kann einen Kunsthistoriker zum Heulen bringen«, stand am 25.10.2012 in einem Artikel von Julia Voss in der FAZ. Die Texte der Erläuterungstafeln und auch des Katalogs überzogen teilweise die gezeigten Dinge mit einer Theorie, die mit der Praxis wenig zu tun hatte.

Kunstwerke dienten - trotz gegenteiliger Absichtserklärungen - oft lediglich der Illustration vorgefaßter Thesen. Der umgekehrte Weg wäre richtig gewesen: Aus einer gründlichen Analyse der Werke sollte sich das theoretische Drumherum ergeben. Spätestens seit den 70er Jahren wurde in der DDR-Kunstwissenschaft dieser Weg gesucht und meist auch gegangen. Die Weimarer Ausstellungsmacher verfielen also in den gleichen Fehler, den man in der DDR bis etwa zum Ende der 60er Jahre machte. Den Besuchern fiel das auf; Eintragungen ins Gästebuch belegen es: »Wenn das eine Ausstellung zur Kunst in der DDR sein soll, dann bin ich der liebe Gott. Wer trifft denn eine derartige Auswahl? Ist es beabsichtigt, eine bestimmte Meinung zu erzeugen?« - »Wieder mal eine tendenzielle Darstellung der DDR-Verhältnisse. Schade!« - »Es heißt ja immer: Mach dir ein Bild. Hier wurde mir ein Bild gemacht.«

Gleich am Eingang las man auf einer Tafel die Phrase vom »antifaschistischen Gründungsmythos der DDR«. Was war am antifaschistischen Neuanfang, zu dem ganz Deutschland durch das Potsdamer Abkommen verpflichtet war, mythisch? So wird Geschichte vernebelt. An derartigen Formulierungen waren die Begleittexte reich. Nur dann, wenn man diese seit 1989 offiziell benutzten Denkschablonen überwindet, kann man auch die Kunstentwicklung in der DDR besser verstehen. Es geht dabei nicht um die Wiederherstellung von Wertungshierarchien, die in der DDR herrschten; es geht um historische Lauterkeit und um die Rolle, die künstlerische Erscheinungen tatsächlich im Denken der Menschen spielten.

In dieser Schau stimmten auch die Proportionen nicht. Es gab eine Überbetonung »nonkonformer Kunst«. Wenn es auch gut und richtig war, dokumentarisch auf das einzugehen, was es an Projekten, Atelierausstellungen, Performances, Installationen usw. gab, so sollte doch stärker daran erinnert werden, daß der Verband bildender Künstler und vernünftige Kulturfunktionäre in vielen Fällen eine Schutzrolle übernahmen und daß sich Kunsthochschulen, FDJ-Jugendklubs und staatliche Kulturhäuser in den 80er Jahren dafür öffneten. Im Bewußtsein der meisten Kunstinteressierten spielten diese Dinge bis zur »Wende« eine untergeordnete Rolle, und das lag nicht nur an Repressionen. Viele Betrachter suchten auch in diesen dokumentierten Projekten künstlerische Qualität und fanden sie nicht. Zu den Ausnahmen gehörte z.B. eine Installation des Dresdener Künstlers Dieter Bock im Berliner Dom zum Schicksal der Juden in der Nazizeit. Aber diese Arbeit spielte in der Ausstellung und im Katalog keine Rolle.

Was man ebenso vermißte, war ein Gespür für Qualität. Legte der »soziologische« Blick Binden vor die Augen? Warum wurde z.B. von Hans Grundig nicht eine der beiden Fassungen seines Bildes »Den Opfern des Faschismus« gezeigt; die »Jugenddemonstration II« gehört nicht zu seinen besten Bildern. Weshalb plazierte man das kitschige, die Wirklichkeit schönende Bild »Der neue Anfang« von Heinrich Witz direkt neben einer filmischen Dokumentation der Entstehung eines Wandbildes von Wolfgang Frankenstein? Wollte man damit die Arbeit Frankensteins herabwürdigen? Warum fehlten Arbeiten u.a. von Gudrun Brüne, Ronald Paris, Walter Womacka und Heidrun Hegewald? Sie gehörten zu denen, die in der DDR ständig im Gespräch waren. Heidrun Hegewalds »Kind und Eltern«, ihr »Spielendes Kind« oder z.B. Walter Womackas Erika-Steinführer-Darstellungen hätten dieser Schau ein ehrlicheres Gesicht gegeben. Ronald Paris reagierte gelassen: Er sei ganz froh darüber, in einer solchen Ausstellung nicht vertreten zu sein.

Ikarus lebt. Er ist zwar abgestürzt, aber er hat sich nicht verabschiedet.

Diese Symbolgestalt war in der Kunstgeschichte ständig präsent; sie ist mit dem Ende der DDR nicht im Meer versunken. In den Jahren zwischen der »Wende« und der Gegenwart entstanden zahlreiche Ikarus-Darstellungen von Bildhauern, Malern, Graphikern, Kunsthandwerkern und Karikaturisten. Die Allegorie euphorischen Aufsteigens und vernichtenden Absturzes wird die Künstler weiter beschäftigen, auch wenn der Titel der Weimarer Ausstellung das Gegenteil behauptet. Im Gästebuch stand: »Bitte noch mal und dann besser!«

Peter Michel ist Kunstwissenschaftler und Publizist. Von ihm erschien zuletzt das Buch »Kulturnation Deutschland? Streitschrift wider die modernen Vandalen«, Verlag Wiljo Heinen, Berlin 2013; auch im jW-Shop erhältlich

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Der »neue Kulturwille«

Käthe Kollwitz und Heinrich Mann verlassen am 15. Februar 1933 die Preußische Akademie der Künste

Kurt Darsow

In: junge Welt online vom 16.02.2013

Am 14. Februar 1933 war an den Berliner Litfaßsäulen ein »Dringender Appell« zum »Zusammengehen der SPD und KPD« zu lesen. In Erwartung der Reichstagswahl vom März 1933, bei der der Mann mit dem Operettenbärtchen seine Macht zu zementieren gedachte, wiederholte der Internationale Sozialistische Kampfbund darin eine gleichlautende Aufforderung zur Bildung einer antifaschistischen Volksfront aus dem Vorjahr, die sich auf die Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 bezog.

Hatten sich der damaligen Warnung vor der heraufziehenden Barbarei noch namhafte Repräsentanten der »Weimar Culture« wie Albert Einstein, Erich Kästner, Theodor Plivier, Ernst Toller und Arnold Zweig angeschlossen, so waren nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler von den prominenten Erstunterzeichnern nur noch Heinrich Mann und Käthe Kollwitz übrig. Der Aufmarsch der braunen Bataillone zeigte Wirkung.

Nur so ist die Duldsamkeit zu erklären, mit der die Abschaffung der Rechtsordnung, die Auflösung der Gewerkschaften, das Verbot der demokratischen Parteien und Verbände in Deutschland hingenommen wurden. Die neuen Machthaber hatten das Gesetz des Handelns an sich gerissen. Zwar verteilte die KPD am Vorabend des 30. Januar noch Flugblätter mit der Aufschrift »Generalstreik! Heraus auf die Straße!«, aber die Massen machten nicht mit. Nur ein kleines Dorf am Rande der Schwäbischen Alb namens Mössingen ist bis heute stolz darauf, daß die Beschäftigten der dort ansässigen Textilfabriken geschlossen die Arbeit niederlegten. (siehe jW vom 30.1.2013)

Akademie wird aufgelöst

Umso selbstbewußter gaben sich »Hitlers willige Vollstrecker«: »Seien Sie unbesorgt, ich werde dem Skandal ein Ende bereiten«, versprach der Verkünder eines »neuen Kulturwillens«, Hanns Johst, den Mitgliedern des nationalsozialistischen Studentenbundes. Den markigen Worten des SS-Barden ließ Bernhard Rust, Reichskommissar für Kunst, Wissenschaft und Volksbildung in Preußen und damit zugleich Kurator der Preußischen Akademie der Künste, Taten folgen.

Einen Tag nach der antifaschistischen Plakataktion ließ er den Präsidenten der Preußischen Akademie der Künste, Max von Schillings, wissen, daß er die Institution auflösen werde, wenn der politische Fehltritt des Vorsitzenden ihrer Abteilung für Dichtkunst, Heinrich Mann, ohne Folgen bliebe. Eine eilig einberufene Mitgliederversammlung der Akademie beriet noch am selben Abend das weitere Vorgehen. Nachdem auch der Betroffene selbst zu später Stunde die Gelegenheit erhalten hatte, sich zu äußern, gab der Präsident den freiwilligen Amtsverzicht Heinrich Manns und seinen Austritt aus der Akademie der Künste bekannt.

Ging da jemand vor der Macht in die Knie? Oder zog er lediglich die Konsequenz aus der Seelenlage eines Volkes, dem mit demokratischen Mitteln nicht zu helfen war? »Für den Sieg des Nationalsozialismus spricht vor allem, daß in diesem Lande die Demokratie niemals blutig erkämpft worden ist. In einem Augenblick, nach dem verlorenen Kriege, erschien sie, verglichen mit der unheilvollen Monarchie und dem gefürchteten Bolschewismus, als der gegebene Ausweg - nur Ausweg, nicht Ziel, viel weniger leidenschaftliches Erlebnis«, hatte er 1931 über die »Republik ohne Republikaner« geschrieben.

Die Sektion für Dichtkunst, die Heinrich Mann seit 1931 zu einer Bastion des republikanischen Geistes ausgebaut hatte, dankte ihrem ehemaligen Vorsitzenden mit einer vergifteten Ehrenerklärung zwar für seine Arbeit, intern aber verteidigten nur Alfred Döblin, Martin Wagner und Ludwig Fulda sein Recht auf Meinungsfreiheit. Gottfried Benn, der ihn einst als »Meister, der uns alle schuf«, gefeiert hatte, warf seinem literarischen Lehrmeister vor, er sei es schließlich gewesen, der den Kampf gegen die »legal und verfassungsmäßig gebildete Regierung« eröffnet habe. Daraufhin habe die Regierungsmacht sich nur zur Wehr gesetzt. Doch Gefälligkeiten dieser Art konnten nicht verhindern, daß ein altes Akademiemitglied nach dem anderen seinen Hut nehmen mußte.

Der Feind steht rechts

Inge Jens hat in ihrem Standardwerk zur Geschichte der Sektion für Dichtkunst (»Dichter zwischen rechts und links«, Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1994) diesen Niedergang dokumentiert, der mit der Einrichtung einer »Reichsschrifttumskammer« endete, die nur noch Ariern das Schreiben erlaubte. Nationalsozialisten wie Erwin Guido Kolbenheyer, Agnes Miegel, Börries von Münchhausen und Will Vesper nahmen am Pariser Platz die leergeräumten Plätze ein. Der Berliner Börsenkurier schrieb, was von ihnen erwartet wurde: »Heinrich Mann glaubt immer noch an die französische Revolution und Stadtbaurat Wagner an die russische. Wir wollen aber, daß in der Akademie endlich deutscher Geist herrscht.«

Auf das abschreckende Beispiel Heinrich Manns kamen die Apologeten des »neuen Kulturwillens« auch nach seiner »Ausreise« am 21. Februar 1933 immer wieder zurück. Ein Blick auf Käthe Kollwitz, die wegen ihrer Unterstützung des »Dringenden Appells« gleichfalls zum Verlassen der Akademie genötigt worden war, aber ins »innere Exil« ging, kann diese bohrende Feindschaft erklären. Schon im Kaiserreich hatte sie wegen ihrer sozialkritischen Graphik als Vertreterin der »Rinnsteinkunst« gegolten. Dem hatte der Völkische Beobachter wenig hinzuzufügen: »Keine deutsche Mutter sieht so aus, wie Kollwitz sie gezeichnet hat.« Heinrich Mann aber gehörte nach Herkunft und Habitus dem Großbürgertum an und konnte sich darum weit weniger erlauben.

Wenn er mit Bolschewisten paktierte, machte er sich zum Landesverräter. Er verstieß gegen ein ehernes Gesetz seiner Klasse, das da lautet: Der Feind steht links! Bis heute lebt diese deutsche Staatsdoktrin fort und verhindert das Zustandekommen linker Mehrheiten. Nach rechts dagegen war man in den herrschenden Kreisen stets weniger wählerisch. Lieber machte man sich mit Massenmördern und Kriegstreibern gemein als mit klassenbewußten Arbeitern.

Heinrich Mann dagegen steht mit seinem ganzen Werk - von dem wilhelminischen Sittenbild »Im Schlaraffenland« über die politischen Pathologien »Professor Unrat« und »Der Untertan« bis zum abgeklärten Gesellschaftspanorama »Empfang bei der Welt« - für das glatte Gegenteil.

Für ihn ist die immer wieder beschworene »linke Gefahr« nichts weiter als eine Wahnidee, die die realen Kräfteverhältnisse auf dem Kopf stellt. Wenn es für den scharfsinnigsten Kritiker des Obrigkeitsstaates eine Lehre aus der deutschen Geschichte gab, so lautet sie: Der Feind steht rechts!

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