Ein Lügner und Schwindler

Geschichte. Hitlers erste Reklamerede als Reichskanzler am 10. Februar 1933

Kurt Pätzold

In: junge Welt vom 09.02.2013

Wir wollen nicht schwindeln und wir wollen nicht lügen«. Unter den vielen dreisten Lügen des Adolf Hitler stellt dieses »Versprechen«, das er als ersten Programmpunkt seiner Regierungspolitik bezeichnete, wohl eine der verwegensten dar. Doch brauchte der Mann am Rednerpult im Berliner Sportpalast an jenem Abend nicht zu fürchten, daß ihm darauf aus der Masse der Zuhörer ein hämisches, womöglich homerisches Gelächter entgegenschlagen würde. Die da unter ihm und auf den Rängen des weiten Rundes waren seine Gefolgsleute, meist noch benommen vom Siegestaumel, in die sie der Einzug ihres Führers in die Wilhelmstraße versetzt hatte. Der lag gerade einmal zwölf Tage zurück, und dies heute war Hitlers erste öffentliche Rede in seiner neuen Rolle als Reichskanzler.

Wechselt eine Partei von der Opposition in die Regierung, entsteht für ihre Propaganda eine neue Situation. Das galt auch für die Partei Adolf Hitlers, die sich zu demagogischem Zweck Nationalsozialistische Arbeiterpartei nannte. Vor dem 30. Januar 1933 konnte sie allen alles, also das Blaue vom Himmel herunter versprechen. Sie war an keiner Reichsregierung je beteiligt gewesen und auch in den sechs meist kleinen Ländern, das größte war Thüringen, in denen sie schon Landesminister gestellt hatte, regierte sie in Koalitionen, und was sie dort beschloß, tat oder unterließ, blieb von der Mehrheit der Deutschen, die in Preußen, Bayern, Hessen und Württemberg lebte, entweder unbeachtet oder wurde nicht als eine Vorbotschaft gewertet.

Von nun an aber mußte sie darauf rechnen, eher früher als später beim Wort genommen zu werden. Nicht nur bei dem jetzt gesagten, sondern auch bei dem, was sie vorher in der sogenannten Kampfzeit versprochen und angekündigt hatte. Und das galt für diese Partei in besonderem Maße, denn sie hatte ihre Mitglieder und Wähler mit Versprechen buchstäblich vollgepumpt bis hin zu der Ankündigung, daß mit ihr die »nationalsozialistische Revolution« ein anderes Deutschland schaffen werde. Was immer sich die Anhänger dieser Partei darunter vorgestellt haben mochten, gewiß war doch, daß sie eine grundlegende Besserung ihrer eigenen Situation erwarteten, und die war für Millionen gekennzeichnet durch Arbeitslosigkeit, vernichtete oder bedrohte kleinbürgerliche Existenzen in Städten und auf dem Lande, den Weg aus der Schule in die Erwerbslosigkeit. »Es reicht«, hatte die NSDAP kurz und knapp auf ihre Plakate geschrieben und dazu die Bilder ärmlicher Familien und Menschen in Lumpen gesetzt.

Daß diese Partei die Zustände der kapitalistischen Gesellschaft im Stadium ihrer bis dahin tiefsten und verheerenden ökonomischen Krise geschönt beschrieben hätte, läßt sich ihr nicht vorwerfen. Sie fälschte »nur« die Ursachen dieser Zustände. Im Innern machte sie dafür die »Marxisten« verantwortlich, die angeblich in der Republik regiert hätten - eine abstruse These, denn seit 1928 waren nicht einmal die Sozialdemokraten an der Reichsregierung noch beteiligt gewesen. Und jenseits der Grenzen wurden die Mächte des Versailler Vertrags als die Urheber des Elends benannt. Von diesen Schuldzuweisungen ließ sich politisch noch für einige Zeit leben.

Dann aber mußten Ergebnisse der eigenen Politik vorgewiesen werden.

Verschärft wurde die Situation zusätzlich durch die besonderen Erwartungen, welche die mehr oder weniger »alten Kämpfer« dieser Partei hegten. Ihnen wurde versichert, daß sie im Kampf um die »Machtergreifung« viele und große Opfer gebracht hätten, daß deren Gelingen ihr Sieg sei, woraus sie folgerten, daß ihnen nun dafür ein Lohn und dieser bald zustände. Alledem hatte Hitler Rechnung zu tragen, als er nicht mehr nur als Parteiführer und Oppositionspolitiker, sondern nun auch als Reichskanzler vor Mikrofone und Massenversammlungen trat.

Bedenken ausräumen

Die erste war eben die am 10. Februar 1933 in der Berliner Sporthalle. Da war die erneute, binnen zehn Monaten dritte Reichstagsauflösung schon verkündet. Mit ihr entging die Regierung der Gefahr eines Mißtrauensvotums, denn NSDAP und DNVP verfügten im am 6. November 1932 gewählten Parlament nicht einmal über eine einfache Mehrheit. Diese Wahl hatte die NSDAP-Spitze in schlechter Erinnerung, denn gegenüber ihrem Erfolg vom Sommer 1932 waren ihr rund zwei Millionen Wähler gleichsam davongelaufen. Zwar verzeichnete sie noch immer 11,7 Millionen Wählerstimmen, hatte jeden dritten Wähler gewonnen und war die bei weitem wählerstärkste politische Partei. Doch ihre 33 Prozent und die mageren 8,6 Prozent ihres jetzigen Regierungspartners, der Deutschnationalen Volkspartei Alfred Hugenbergs, reichten zur parlamentarischen Legitimierung dieses am 30. Januar 1933 berufenen Kabinetts nicht aus. Daß die Naziführung die anstrebte, hatte mit der Gebundenheit an die Verfassung, die eine solche Billigung durch die Abgeordnetenmehrheit vorsah und verlangte, nichts zu tun. Sie paßte aber in ein Konzept der Machtbefestigung. Gelang sie, war das Ansehen der Regierung im In- und Ausland erhöht und der vorausgehende Wahlkampf würde zudem zweierlei bringen: die Möglichkeit der erneuten höchsten Mobilisierung der eigenen Anhänger und insbesondere der SA-Aktivisten, die dann mit Aufmärschen und den verschiedensten Reklameaufträgen beschäftigt werden konnten, vor allem auch mit dem Kampf gegen die »Kommune«. Sie würden also nicht einfach nur auf die Segnungen warten, die sie von der neuen Macht erhofften. Und zweitens bedeutete der Wahlkampf auch eine Ablenkung der Konkurrenten und Gegner, die sich ebenfalls darauf einstellen würden, ihre Anhänger zu mobilisieren oder sie wenigstens bei der eigenen Fahne zu halten.

Rechnerisch war das Vorhaben leicht überschaubar. Wenn am Wahltag nicht gesagt werden konnte, diese Regierung besitzt keine Mehrheit im Volke, dann mußten NSDAP und Deutschnationale gemeinsam jedenfalls etwa zehn Prozent an Wählern hinzugewinnen. Damit wäre das Minimalziel, die einfache Mehrheit, erreicht. Es mochte Hitler darüber hinaus eine verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit vorschweben, doch die lag außer Reichweite. Woher sollte der mindeste Zugewinn kommen? Zum einen ließ sich erwarten, daß ein Teil derer, die im November abtrünnig geworden waren, weil sie nicht mehr an den Erfolg der Partei geglaubt hatten, nun zurückkehren würden. Vor allem aber konnte darauf vertraut werden, daß nichts so sehr imponiert und besticht wie der Erfolg und von ihm ein Sog ausgehen werde.

Damit war die Taktik der Machthaber klar: Es mußten vor allem die Bedenken vermindert, am besten ausgeräumt werden, die in Kreisen des Bürgertums und des Kleinbürgertums existierten, und der Eindruck entstehen, daß alle Deutschen die Nutznießer dieser Wende sein werden. Nicht Fronten neu aufreißen, sondern Gräben zuschütten, lautete die Devise. Freilich mit einer Ausnahme: Diejenigen in der Arbeiterbewegung, die gegen die Demagogie derer mit dem Hakenkreuz gewappnet waren, blieben prinzipiell Gegner. Vor diesem »Hintergrund« läßt sich die Rede Hitlers lesen, ihre Anlage verstehen und das noch immer verbreitete Bild korrigieren, der Mann hätte stets nur gepoltert und geschnarrt, Drohungen ausgestoßen und sich mächtig aufgeblasen. Das tat er und auch am 10. Februar, jedoch bedeutete das nicht, daß die Kanonaden nicht berechnet und inhaltsleer gewesen wären.

»An das deutsche Volk«

In der Inszenierung unterschied sich Hitlers Auftritt an diesem Februartag von den vorangegangenen am gleichen Ort während früherer Wahlkämpfe nicht.

Anders und neu war lediglich, daß sich diesmal unter den Gästen der ersten Reihe Regierungsmitglieder befanden. Anwesend war auch eine Masse von Journalisten, dazu Rundfunk- und Filmoperateure, denn die Rede wurde von Rundfunkstationen direkt übertragen. Mit Fahnen in die Halle marschierende SA-Formationen sollten wie üblich und eingeübt den Eindruck von Kraft, ja Unüberwindlichkeit erwecken. Unter den Zuhörern dürften kaum Gegner des Regimes gewesen sein. Wer da hineinging, mußte, wenn er nicht auffallen und Gefahr laufen wollte, von den Gefolgsleuten belästigt zu werden, mitjubeln.

Danach dürfte es Antifaschisten schwerlich verlangt haben. Nach den Eröffnungszeremonien kündete Goebbels in seiner Eigenschaft als NSDAP-Gauleiter von Berlin den »Führer« an.

Deklariert wurde die Rede Hitlers als »Aufruf an das deutsche Volk«, eine Etikettierung, die in deutscher Geschichte nicht neu war, aber doch schon Außergewöhnliches ankündigen sollte. »Aufruf an mein Volk«, so hatte Friedrich Wilhelm III. 1813 seinen Appell genannt, damals vorwiegend an sein preußisches Volk gerichtet. Einhundertzwanzig Jahre zuvor war das eine völlig neue Art der Ansprache eines Monarchen an seine Untertanen, doch ging es um nicht mehr und nicht weniger als um den Zusammenschluß der Bewohner des Königreiches zum Kampf gegen Napoleon. »Mein Volk« - so weit war Hitler im Februar 1933 noch nicht, doch sollten die Deutschen wenige Jahre später auch das noch bekommen, als der Mann an der Staatsspitze sich zudem von jedem Untergebenen, und wer galt als solcher nicht, auch mit »Mein Führer« anreden ließ.

Vorerst also das deutsche Volk, das erst noch - die nach faschistischen Maß nicht zu diesem Volke gehörenden Juden ausgenommen - gewonnen werden sollte. Zunächst am 5. März als Stimmvieh zur Wahl. Bisher habe er es, rühmte sich Hitler eingangs, von den legendären sieben Mitgliedern seiner Partei zu zwölf Millionen gebracht, das war die nach oben aufgerundete Anspielung auf das November-Reichstagswahlergebnis. Jetzt würde es um die anderen Millionen gehen, die Hitler nicht als Gegner, Rivalen oder Opponenten bezeichnete. Es waren Verirrte, denen es an Orientierung und Urteilskraft fehle. Es werde und müsse dafür gesorgt werden, »daß endlich unser Volk doch wieder zur Besinnung kommen wird. Und daß, wenn es auch heute uns ungerecht beurteilt und wenn Millionen uns verfluchen mögen, einmal die Stunde kommt, da sie doch hinter uns marschieren werden, da sie einsehen werden: Sie haben wirklich nur das Beste gewollt.« In diesem Stil hat Hitler in der Folgezeit wieder und wieder seine »Bewegung« als so etwas wie einen Verein zur Aufklärung des Volkes dargestellt, der falsche Bilder zerstören werde, dies vor allem auf dem Wege der Überzeugung durch seine Arbeit.

Mißtrauen »gegen fremde Gehirne«

Wofür? Für Deutschland. Dessen Zustand wurde in dieser wie in vielen folgenden Reden des »Führers« nach dem Prinzip dargestellt »Je dunkler die Nacht, umso klarer die Sterne« oder genauer: die Hakenkreuze. Auf das Erbe, das er angetreten hatte, verwendete Hitler zwei Sätze: »14 Jahre lang haben die Parteien des Verfalls, des Novembers, der Revolution das deutsche Volk geführt und mißhandelt, 14 Jahre lang zerstört, zersetzt und aufgelöst.« Das nicht nur an diesen Behauptungen Erschreckende ist nicht, was da daherschwadroniert wurde, sondern daß der Mann aufgrund seiner Erfahrungen offenkundig darauf vertrauen konnte, daß derlei »Geschichtsbetrachtung« ihm von Millionen abgenommen werden würde. Denn der Unsinn war doch leicht überprüfbar. Großzügig gerechnet gab es drei Parteien der Revolution, die Kommunisten, die Unabhängigen und die »alten« Sozialdemokraten. Davon hatten Kommunisten nie »geführt« und die Unabhängigen ebensowenig. Die Sozialdemokraten hatten vier Regierungschefs, die katholische Zentrumspartei neun gestellt. Und unter denen, die diesem Zerrbild zufolge das Unheil in der Republik anrichteten, waren zudem zeitweilig Mitglieder jener Partei gewesen, mit der Hitler soeben eine Koalition eingegangen waren.

Und welche Rolle hatte in diesem Prozeß, in dem das Volk angeblich »zerstört« worden sei, eigentlich das vieljährige, seit 1925 amtierende Staatsoberhaupt, der Feldmarschall Hindenburg gespielt? Wer sich auch nur einfache Fragen stellte, mußte diesem Manne hinter die Volksverdummung kommen, die freilich nicht erst seine Saat war. Er vermochte von vielerlei aufgegangenen Aussaaten anderer zu profitieren. Die Vorstellung, daß ein erheblicher Teil der Deutschen erst politisch verdummt wurde, seit Joseph Goebbels Propagandaminister war, greift zu kurz, wie u.a. diese Hitler-Rede zeigt. Auch im weiteren.

Hitler, das bildete den Hauptteil seiner Rede, erweckte den Eindruck, daß er - übrigens nicht mit seinem Parteiprogramm, auf das keinerlei Bezug genommen wurde - mit einem Zehn-Punkte-Programm antrete. Es reichte vom erwähnten Abschwur gegen alle Lügen bis zur Verpflichtung, seine Regierung werde »nach den ewigen Gesetzen« handeln, die, wie er mehrmals erläuterte, »immer gelten« und »immer die gleichen« seien, über deren Inhalt er aber nichts zu sagen wußte, ausgenommen, daß sie jedenfalls strikt eingehalten werden würden. Sie wären durch Erfahrung bekannt. Auf die verbreitete Intelligenz- wie Fremdenfeindlichkeit spekulierend, verband er diese Beteuerung mit der Absage an »blasse Theorien, die irgendein fremdes Gehirn ersinnt« oder an ebenfalls unbezeichnete »blasse Vorstellungen«.

Das läßt sich rechtens als Gewäsch qualifizieren, war aber doch mehr. Es spekulierte auf die Abneigung von Massen, sich in ein Problem, eine Theorie gar, zu vertiefen, auf ihr Mißtrauen gegen »fremde Gehirne«, also die der Wissenschaftler, ganz allgemein gegen die Intelligenz. Dagegen setzte Hitler: Wir sind die Praktiker mit der Erfahrung und dem gesunden Menschenverstand, von dem Friedrich Engels freilich treffend schrieb, er sein ein »hausbackener Bursche«.

Und wer fragte, wohin die Befolgung dieser »ewigen Gesetze« denn führen solle, bekam die Antwort zur »Wiederaufrichtung unseres deutschen Volkes«.

Wem dies zu unbestimmt war, der wurde ein paar Sätze weiter mit der Auskunft beschieden, daß »wir einst dieses Deutsche Reich führen wieder zur Größe, zum Leben zurück« und »diese Nation wieder einst auferstehen wird« Also so etwas wie eine Reanimierung.

Anleihen beim Gebet

Hitler brachte es fertig, ein »Zehn-Punkte-Programm« der bevorstehenden »Aufgaben« nicht zu entwickeln, sondern vorzutäuschen und dabei kein einziges Ziel der Wirtschafts- oder Sozialpolitik oder eines auf irgendeinem anderen Felde konkret zu benennen, so daß sich mit ihm eine Vorstellung verbinden konnte und seine Erreichung überprüfbar gewesen wäre.

Umso grotesker, daß er, sich und seine Regierung als Diener des Volkes aufführend, für die Erfüllung dieses Programms »vier Jahre Zeit« erbat: »Es ist nicht vermessen, wenn ich heute vor die Nation hintrete und sie beschwöre: Deutsches Volk, gib uns vier Jahre Zeit, dann richte und urteile über uns! Deutsches Volk, gib uns vier Jahre«. Vier Jahre, daß seien gemessen an den vierzehn, welche die Zerstörer gehabt hätten, doch nicht viel, und diese Bitte also nicht vermessen.

Doch machte die Zeitangabe, da sie mit dem Turnus der Reichstagswahlen übereinstimmte, den Eindruck, es würde dann entschieden werden, wer künftig regiere, denn, so sagte Hitler: Dann »urteile über uns«. Wenn die Eingangspassage mit dem Bekenntnis zur Wahrheitstreue an Dreistigkeit noch übertroffen werden konnte, dann durch den anschließenden Satz, der versprach, sollte das Volk bei dieser Prüfung zu einem negativen Urteil kommen, dann, das schwor er mal gleich, werde dies geschehen: »So, wie wir und so wie ich in dieses Amt eintrat, so will ich dann gehen. Ich tat es nicht um Gehalt und nicht um Lohn, ich tat es um deiner selbst wegen.« Dann also würde der Retter gehen, als der er sich präsentierte. Denn zu den Zerrbildern, die er in dieser Rede entwarf, gehörte auch, daß er sich jetzt, weil längerer Aufschub im Interesse des Volkes nicht verantwortbar war, entschlossen hatte, Reichskanzler zu werden - als hätte er je vorher dazu eine reale Chance gehabt.

Und bei dieser Version seines Entschlusses, nun dieses schwere Amt sich aufzupacken, blieb er in allen seinen späteren Rückblicken, die er jeweils mit den Worten einleitete: »Als ich im Jahre 1933 die Macht übernahm ...« Zu dieser Darstellung gehörte, daß er diese seine Machtübernahme als sein Opfer schilderte und angesehen wissen wollte, zu dem er sich - »der schwerste Entschluß meines Lebens« - durchgerungen habe, weil er aufgrund der »Liebe zu diesem, meinem Volke« (hier ist nun doch »mein Volk« und nicht etwa vom Volk die Rede, dem ich angehöre) einfach nicht anders konnte. Und dann, nachdem er noch einmal von denen gesprochen hatte, »die uns heute verfluchen« - irgendwie belastete ihn das doch - verwandelte er die Berliner Sporthalle in eine Kirche, denn er schloß mit der Vision vom Tage, da alle Deutschen »mit uns begrüßen werden dann das gemeinsam geschaffene, mühsam erkämpfte, bitter erworbene neue Deutsche Reich, der Größe und der Ehre und der Kraft und der Herrlichkeit und der Gerechtigkeit. - Amen!« Da verzeichnet das Protokoll wiederum »jubelnder Beifall«.

Dieses Ende machte nicht nur politisches Theater. Die Anleihe bei dem populärsten Gebet der Christen war berechnet und geboren aus dem Wissen, daß es nicht zuletzt Vorbehalte in deren Reihen gab, die seiner Partei und Ideologie galten. Daß er die zweckhafte Verwendung und Verballhornung der Gott zugewandten Bitte, »denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit« riskierte, mag man Frucht von Unbildung nennen, sie kann ihm aber auch ganz risikolos erschienen sein, da er einen öffentlichen Protest der Pfarrer und Priester nicht fürchtete. Und da irrte er sich nicht.

Ziel erreicht

Dreiundzwanzig Tage nach dieser Rede wurde im Deutschen Reich gewählt. Die Nazipartei erreichte gemeinsam mit den Deutschnationalen das Minimalziel.

Die NSDAP erhielt nahezu 17,3 Millionen Stimmen, die etwa 44 Prozent aller abgegebenen ausmachten. Was bis zur 50-Prozent-Hürde fehlte, konnte die DNVP liefern. In diesem Ergebnis drückte sich nicht nur ein gelungener Betrug aus, dessen Kern die Verbreitung einer Atmosphäre des Aufbruchs war, die sich um so leichter hatte erzeugen lassen, da Millionen der inneren Kämpfe müde waren und nach Beruhigung, Sicherheit und Rückkehr zum normalen Leben verlangten. Hitler hatte sich den Millionen als derjenige präsentiert, der ihre Lebensverhältnisse ändern und - mehr noch - die »Volksgemeinschaft« schaffen werde, der gemeinsam alles gelingen würde, was sie sich gemeinsam entschlossen und tatkräftig vorsetze.

Von Kurt Pätzold erschien zuletzt »Kriegerdenkmale in Deutschland. Eine kritische Untersuchung« im Spotless Verlag, 128 Seiten, 9,95 Euro - auch im jW-Shop erhältlich.

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Kriegerdenkmale in Deutschland

Eine kritische Untersuchung

Von Kurt Paetzold

Berlin (Spotless) 2012

125 Seiten

9,95 Euro

ISBN 978-3-360-02076-5

Quelle: german-foreign-policy.com vom 04.02.2013 (auf Kommunisten-online am 6. Februar 2013)

http://www.kommunisten-online.de/blackchanel/denkmale.htm#Kriegerdenkmale

Im Frühjahr 2011 luden der private „Förderverein zur Erhaltung und Wiederherstellung von Kulturgütern" in Mainz-Ebersheim und die ebendort beheimatete katholische Kirchengemeinde St. Laurentius zu einer feucht-fröhlichen Feier. Anlass war die umfassende Renovierung des örtlichen, 1935 eingeweihten Kriegerdenkmals. Die Lokalpresse berichtete enthusiastisch - ganz so, als handele es sich um ein Weinfest oder eine Karnevalssitzung. Kein Wort fiel über den zeitgeschichtlichen Kontext, also darüber, dass es die örtlichen NSDAP-Größen gewesen waren, die im Jahr der Wiedereinführung der Allgemeinen Wehrpflicht ein Denkmal für die Toten des Ersten Weltkriegs aus der Taufe gehoben hatten, um damit vor aller Augen ihre Bereitschaft zu einem neuen Waffengang zu demonstrieren. Kommentarlos erwähnt wurde lediglich, dass das Abspielen des Badenweiler-Marsches die Einweihungsfeierlichkeiten von 1935 begleitet hatte. Über die Funktion des Musikstücks, das dazu diente, in den Versammlungshallen des Deutschen Reiches das Eintreffen des „Führers" Adolf Hitler anzukündigen, erfuhren die Leser wiederum nichts.

Wie der Berliner Historiker Kurt Paetzold berichtet, blieb die geschilderte „Unart, so in die Nazizeit zurückzublicken", nicht ohne Folgen. Für Proteste sorgte insbesondere die Tatsache, dass auf dem nach 1945 angefügten Teil des Ebersheimer Kriegerdenkmals auch der Name eines gefallenen SS-Soldaten verewigt worden war. In der Folge beschlossen die im Ortsbeirat vertretenen politischen Parteien allerdings nicht dessen Entfernung oder gar den Abriss des gesamten Monuments, sondern die Errichtung eines neuen Denkmals, um, wie es hieß, „an die weiteren Opfer des Faschismus zu erinnern". Die eigenartige Formulierung verweist laut Paetzold darauf, dass die Abgeordneten offenbar einem Opferbegriff huldigten, der „der Geschichte und dem Andenken Gewalt antut". Damit wiederum könnten sie sich „auf die Staatsformel stützen, mit der in der Bundesrepublik Deutschland Gedenken und Erinnerung etikettiert werden".

Ihren zentralen Ausdruck fand die besagte „Staatsformel" in der 1993 erfolgten Umwidmung der Berliner Neuen Wache. Zu DDR-Zeiten hatte das klassizistische Gebäude als zentrale Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus und Militarismus fungiert; im wiedervereinigten Deutschland wurde daraus ein Ort der Erinnerung an die „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft". „Der Faschismus", schreibt Paetzold, wurde auf diese Weise „ebenso exmittiert wie der Militarismus". Gleichzeitig erhielten diejenigen, die im Kampf für ein in der Menschheitsgeschichte einmaliges Mordregime gefallen waren, ebenso den Status von „Opfern" wie diejenigen, die im Kampf gegen ebendieses Regime zu Tode gekommen oder in in ihrer Eigenschaft als Pazifisten, Juden, Behinderte und Kranke ermordet worden waren. Paetzolds Urteil über die geschilderte bundesrepublikanische Erinnerungspolitik fällt denn auch entsprechend vernichtend aus: „Die Opfer des Faschismus und die Opfer des Krieges, man mag beide als Opfer bezeichnen, gehören zwei ganz unterschiedlichen Opferkategorien an, die als Tote nicht vereint werden sollten, sie waren es im Leben auch nicht. Sie eignen sich nicht für die geschichtliche Verarbeitung zu einem 'Opferbrei'„.

Passend zur unterschiedslosen Opferrhetorik erhielten zahlreiche ostdeutsche Gemeinden in den Jahren nach 1990 Denkmale, die an die Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkriegs erinnern. Wo bereits Monumente für die Toten des Ersten Weltkriegs existierten, wurde der Zweite, wie Paetzold berichtet, einfach „nachgetragen" - unter anderem im brandenburgischen Duben. „1914-1918. 1939-1945. Ihren gefallenen Helden in dankbarem Gedenken" ist hier unter einem in Stein gehauenen Stahlhelm und einem Eisernen Kreuz zu lesen. „Die neuen Bundesländer haben sie wieder bekommen, die lügenden Tafeln", schreibt Paetzold abschließend in Anspielung auf Kurt Tucholsky. Der antifaschistische Schriftsteller hatte in den vermeintlichen Helden staatlich sanktionierte Mörder erkannt und sich Gedenktafeln gewünscht, auf denen etwa folgender Text eingraviert wäre: „Hier lebte ein Mann, der sich geweigert hat, auf seine Mitmenschen zu schießen. Ehre seinem Andenken!" Zeugnisse dieser Art allerdings wird man wohl in einem Land, das den gefallenen Teilnehmern seiner neokolonialen Interventionskriege schon wieder ein „Ehrenmal" gewidmet hat, noch lange vergeblich suchen.

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Unrecht kennt keinen Verrat!

Peter Kalmbach über die Wehrmachtsjustiz, ein Instrument des Terrors

Von Jan Korte

Das offizielle Gedenken an die Widerständler des 20. Juli ist heute selbstverständlich. In den 50er Jahren galten diese noch als Landesverräter. Im Remer-Prozess 1952 führte der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer jedoch den Nachweis, dass das NS-Regime überhaupt nicht hochverratsfähig gewesen sein konnte. Er brachte es in seinem Schlussplädoyer auf den Punkt: »Unrecht kennt keinen Verrat!«.

In: Neues Deutschland online vom 05.02.2013

Weiter unter:

Peter Kalmbach: Wehrmachtsjustiz. Militärgerichtsbarkeit und totaler Krieg. Metropol-Verlag, Berlin. 344 S., br., 24,90 €.

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/811937.unrecht-kennt-keinen-verrat.html

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