Radikale Basis

Zwei Bücher zu kommunistischem Gewerkschaftsverband im Berlin der 30er Jahre

Lenny Reimann

In: junge Welt online vom 26.11.2012

http://www.jungewelt.de/2012/11-26/010.php

Die historische Forschung zur Geschichte der Arbeiterbewegung und zu ihrem Widerstand gegen den Faschismus hat an den Universitäten momentan keine Konjunktur - auch aus politischen Gründen. Der Gegenstand provoziert zu Fragen an die Gegenwart. Um so erfreulicher ist, daß in den letzten Jahren dennoch einige Publikationen entstanden sind, die sich auf Grundlage neuer Quellen mit dem Thema beschäftigen. Ein Beispiel ist die Forschungsgruppe um die Politikwissenschaftler Siegfried Mielke und Stefan Heinz an der Freien Universität Berlin. Beide brachten jetzt den Sammelband »Funktionäre des Einheitsverbandes der Metallarbeiter Berlins im NS-Staat« heraus.

Dieser Verband EVMB entstand 1930 im Rahmen der Revolutionären Gewerkschaftsopposition, RGO. Als KPD-Vorfeldorganisation bestand seine Aufgabe darin, Streiks als politischen Kampf - also auch gegen die von SPD-Mitgliedern dominierte Metallarbeitergewerkschaft - zu organisieren.

1928 hatte die KPD einen »ultralinken« Kurswechsel vollzogen, zudem tolerierte die SPD-Reichstagsfraktion ab Herbst 1930 die Notverordnungskabinette unter Führung des Zentrum-Kanzlers Heinrich Brüning. Mit Zwangsschlichtungen wurden Lohnkürzungen durchgesetzt, die viele in ihrer Existenz bedrohten.

Kampfverband

In der Einleitung stellen die Herausgeber die Entwicklung des EVMB dar, der in den gut zwei Jahren legaler Existenz in Berlin 13000 Mitglieder gewinnen konnte. Bereits damals hatte er mit Repression durch die unter SPD-Führung stehende Polizei zu kämpfen. Mit seinen oft mißglückten Streikversuchen gelang es ihm zwar nicht, eine Massenorganisation zu werden, aber er errang in manchen Betrieben Zustimmung. Das Gros der Anhänger, die von SPD-Gewerkschaftern als linksradikale Sektierer beschimpft wurden, soll sich auf Betriebe für Spezialfertigungen und Elektrotechnik konzentriert haben. Wie die KPD wurde der EVMB nach dem Reichstagsbrand Ende Februar 1933 verboten. Dennoch versuchten bis zum Jahr 1935 fast 1000 Mitglieder, die Aktivitäten aufrechtzuerhalten. Heinz und Mielke betonen, es handele sich um eine der bedeutendsten gewerkschaftlichen Widerstandsgruppen, die bislang in der Forschung unentdeckt blieb. Wahrscheinlich ist, daß der Verband in der DDR - hier wegen seiner Radikalität und seiner Konflikte mit der KPD - wie in der BRD ignoriert wurde.

In Einzelbeiträgen werden einzelne Widerstandskämpfer porträtiert. Die Autoren rekonstruieren auf Grund von Archivmaterial, wie und mit welchen Zielen sich der illegale Wiederaufbau des EVMB gestaltete. Neben einem Führungsverbund, der Bezirksleiter und Verbindungsleute in allen Berliner Bezirken besaß, wurde parallel ein Kurierapparat geschaffen. Die Arbeit unter Leitung von Rudolf Lentzsch konzentrierte sich auf die Verteilung von mit Wachsmatrizen in Hinterhauskellern hergestellten Schriften, in denen der Klassencharakter des Faschismus betont und für die Revolution geworben wurde. Spendenwerbung und das Sammeln von Stimmungsberichten aus Betrieben und Stempelstellen waren ebenso wichtig. Da die Kommunisten hofften, Hitler werde bald »abwirtschaften«, versuchte der EVMB weiterhin, destabilisierende Streiks auszulösen. Manchmal gelang das, doch die Protagonisten gerieten ins Visier der Gestapo. Funktionäre wie Ewald Degen, Max Gohl, Paul Grasse, Ella Trebe und andere verbrachten Jahre hinter Gittern oder wurden ermordet. Manche, die schon in der Novemberrevolution aktiv waren und sich nicht einschüchtern ließen, betätigten sich nach ihrer Entlassung aus dem KZ bis zum Kriegsende in Widerstandsgruppen.

Widerstand von unten

Trotz der Verfolgung wurde der EVMB von illegalen Sektionen inner- und außerhalb der Betriebe wiederbelebt, also durch Basisinitiativen, wie die Autoren an Hand von Überwachungsberichten und Entschädigungsakten belegen.

Verbandsmitglieder agitierten für den »Kampf gegen Lohnkürzungen«, für eine »Zerschlagung der Nazibetrugsmanöver« sowie für »antifaschistischen Haß« zur »Sprengung der Ketten der faschistischen Diktatur«. Deutlich wird: Der EVMB konnte Organisationsstruktur erhalten, aber nicht die weniger radikalen Gegner des Faschismus an sich ziehen. Eine Öffnung hätte den Widerstand auf eine breitere Grundlage stellen können, aber sie war möglicherweise zu riskant. Die Isolation führte auch zu Konflikten mit der KPD. Wegen der rigorosen Abgrenzung des EVMB von SPD-Arbeitern war es immer wieder zu Differenzen mit der Partei gekommen. 1934 versuchte die KPD-Führung, den Verband auszuschalten. Dessen Mitglieder wollten sich der neuen Volksfrontstrategie nicht unterordnen, machten auf eigene Faust weiter und brachen die Kontakte zur Parteiführung ab. Schließlich zerschlug die Gestapo den EVMB. Ob er ein Einzelfall war, ist noch zu klären.

Der Band schließt an die Studie von Stefan Heinz aus dem Jahr 2010 »Moskaus Söldner? Der rEinheitsverband der Metallarbeiter Berlinsl« an. Darin hatte der Autor gezeigt, daß kommunistische Gewerkschafter seinerzeit nicht Befehlsempfänger des ZK der KPD oder der Kommunistischen Internationale waren, sondern Menschen mit Eigensinn, die im Zweifel das taten, was sie oder ihre Freunde für richtig hielten. Sie standen, so Heinz, in einer links-kommunistischen Basistradition. Er schildert anschaulich die Probleme beim Versuch, in Krisenzeiten radikale Arbeiter gewerkschaftlich zu organisieren. Er lädt damit zu aktuellen Überlegungen ein - eine Stärke beider Bücher.

Stefan Heinz/Siegfried Mielke (Hrsg.): Funktionäre des Einheitsverbandes der Metallarbeiter Berlins im NS-Staat - Widerstand und Verfolgung.

Metropol-Verlag, Berlin 2012, 320 Seiten, 19 Euro * Stefan Heinz: Moskaus Söldner? Der »Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins«. Entwicklung und Scheitern einer kommunistischen Gewerkschaft. VSA-Verlag, Hamburg 2010, 572 Seiten, 34,80 Euro

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