Teures Staatsziel

Jörg Roesler hat eine kurzgefaßte Geschichte der DDR geschrieben

Arnold Schölzel

In: junge Welt online vom 12.11.2012

http://www.jungewelt.de/2012/11-12/011.php

Von der DDR-Vermarktungsindustrie, die 23 Jahre nach der DDR-Grenzöffnung Richtung Westen in voller Blüte steht (drei Stunden lang kämpfte z. B. der Deutschlandfunk in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag gegen »Verharmlosung und Idealisierung« der »zweiten deutschen Diktatur«) wird das Büchlein Jörg Roeslers »Geschichte der DDR« vermutlich kaum beachtet werden. Denn es streut Sand ins Getriebe aller Vereinfacher. Roesler ist Wirtschaftshistoriker, und er beschreibt hier die ostdeutsche Geschichte seit 1945 streng als Geschichte ihrer Ökonomie und ihrer Wirtschaftspolitik. Sein Ansatz, den er mit dem Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser teilt: Die Existenz der DDR war stets vom ökonomischen Wettlauf mit der Bundesrepublik bestimmt.

Konsumstruktur

So schildern die ersten 18 Abschnitte der Arbeit (in den abschließenden drei Kapiteln legt der Autor seine persönliche Auffassung zur DDR dar) ökonomische Tatsachen von der Enteignung von Nazis, Junkern und Kriegsverbrechern, den Reparationen für die Sowjetunion bis hin zu deren Verweigerung von »Rettungsschirmen« in der zweiten Hälfte der 80er Jahre.

Die jeweiligen »Brüche in der Wirtschafts- und Gesellschaftsstrategie« seien, so Roesler, »selten ohne Auswirkungen auf die politischen Strukturen, das Sozialgefüge, mitunter auch auf die Kulturszene und - ab den 70er Jahren - auf die Umweltpolitik« geblieben. Diese Konsequenzen streift der Autor nur, ein Verfahren, das für ihn selbst »nicht unproblematisch« gewesen sei. Das Resultat, so läßt sich sagen, wirkt angesichts des Kalten-Kriegs-Miefs, den die offizielle Geschichtsschreibung verströmt, dennoch wie ein frischer Luftzug. Das Buch bildet auf knappem Raum eine Grundlage für eine irgendwann mögliche rationale Diskussion zum Thema.

Das betrifft z. B. das Ausmaß der Reparationen, mit denen die ostdeutsche Wirtschaft konfrontiert war, und die Auswirkungen der Spaltung des Landes durch die westdeutsche Währungsreform sowie durch westliches Embargo. Das betrifft aber auch den Versuch Walter Ulbrichts und anderer, nach Stalins Tod die sowjetische Form der Planwirtschaft zugunsten von höherer Eigenständigkeit der Betriebe zu modifizieren. Das Unterfangen scheiterte, und Ulbricht mußte sich, wie Roesler formuliert, erneut »auf die Konservativen innerhalb der SED stützen«, die mehr auf moralisch-ideologische als auf ökonomische Triebkräfte der Wirtschaftsentwicklung setzten. In dieser Phase verkündete der Erste Sekretär des ZK der SED im Juli 1958 das Ziel der DDR, Westdeutschland im Pro-Kopf-Verbrauch aller wichtigen Lebensmittel und Konsumgüter »innerhalb weniger Jahre« zu überholen. Das stand, so der Autor, im Widerspruch zu der gleichzeitig proklamierten Absicht, mit »Brigaden der sozialistischen Arbeit« Produzenten eines neuen Typus heranzubilden, weil »mit dem propagierten Konsumziel die Struktur des Verbrauchs eines kapitalistischen Landes zum vorgegebenen Staatsziel wurde«. Es war, wie sich herausstellen sollte, ein grundlegender Widerspruch und für die DDR unbezahlbar.

Roesler schildert, wie Ulbricht nach 1961 an die fünf Jahre zuvor gestoppten Wirtschaftsreformen in Form des »Neuen Ökonomischen Systems« anknüpfte und was sich unter Erich Honecker seit 1971 änderte: Der Kampf um eine spezifisch sozialistische Konsumkultur wurde aufgegeben. Roesler schreibt: »Man hatte sich endgültig damit abgefunden, daß das Niveau der Befriedigung der materiellen Bedürfnisse der Massen von der Werbung in bundesrepublikanischen Medien mitbestimmt wurde.« Die damit verbundene »importinduzierte Modernisierungsstrategie« scheiterte demnach Mitte der 70er Jahre, als in der Weltwirtschaftskrise die Rohstoffpreise enorm anzogen und die Erlöse aus Fertigprodukten sanken.

Alternativen

Die zunächst liberale Haltung Honeckers gegenüber Künstlern im besonderen und Intellektuellen im allgemeinen änderte sich, öffentliche Aussprachen über gesellschaftliche Probleme fanden nicht mehr statt. Zwar gelang es, die Staatsverschuldung im Westen in der ersten Hälfte der 80er Jahre noch einmal stark zu reduzieren - allerdings auf Kosten der Umwelt. Nach 1985 aber setzte, so der Autor, eine »Lähmungskrise« ein, die mit Verzicht auf Ersatzinvestitionen, Verschleiß der Produktionsanlagen bei Ausweitung des Netzes der Intershop-Geschäfte, in denen D-Mark-Besitzer einkaufen konnten, aber auch mit dem Fehlen von Aufstiegschancen sowie mit Verleugnung und Verdrängung der Probleme an der Staatsspitze verbunden war. Der »Ende der 40er/Anfang der 50er Jahre entstandene Grundkonsens« von sozialer Gerechtigkeit wurde, so Roesler, ausgehebelt. Der Rest, so ließe sich sagen, war Übergabe und Anschluß. Alternativen in der Wirtschaftsstrategie gab es, der Autor zählt einige auf. Ob sie angesichts der Rolle von Sowjetunion und USA bei Entstehen und beim Ende der DDR je eine Chance gehabt hätten, läßt er offen.

Jörg Roesler: Geschichte der DDR. PapyRossa Verlag, Köln 2012, 130 Seiten, 9,90 Euro

Buchvorstellung mit dem Autor morgen, um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie, Torstr. 6, 10119 Berlin

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Lieblingsobjekt der Feldforschung

Schrumpfen und Überleben: Das Beispiel einer ostdeutschen Stadt

Frauke Klinge/artur

In: junge Welt online vom 12.11.2012

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Demokratie als Diskurs

Aert van Riel über die Studie »Leben in Ostdeutschland und Niedersachsen«

Von Aert van Riel

Die Ergebnisse der Studie »Leben in Ostdeutschland und Niedersachsen« lesen sich auf den ersten Blick als positives Signal für die Linkspartei. Die Mehrheit der Befragten teilt die Einschätzungen der LINKEN in der Renten- und Lohnpolitik.

In: Neues Deutschland online vom 14.11.2012

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