November 1932 - Wird Hitler gestoppt?

Bei den Reichstagswahlen erlitt die NSDAP einen Rückschlag (Teil 1) - Von Heinz Karl

In: unsere zeit online vom 9. November 2012

In gut zwei Monaten jährt sich zum achtzigsten Mal der Tag, an dem die größte Katastrophe der deutschen Geschichte begann. Die bürgerliche Geschichtsschreibung und Publizistik ist von jeher - und verstärkt seit der Einverleibung des alternativen, sozialistischen deutschen Staates in die kapitalistische, imperialistische BRD - bemüht, den Weg in diese Katastrophe zu vernebeln, ihn als alternativloses Verhängnis hinzustellen, Ursachen und Triebkräfte dieser Entwicklung zu verschleiern und zu verfälschen und damit der Frage nach der historischen Verantwortung auszuweichen oder sie demagogisch, geschichtsfälschend zu beantworten.

Dies ist nur möglich, wenn grundlegende geschichtliche Tatsachen ausgeblendet werden:

  • dass der größte Teil, des Großkapitals, des Großgrundbesitzes, des Militärs, der Staatsbürokratie die ihnen durch die Novemberrevolution 1918/19 aufgezwungene parlamentarische Demokratie von Weimar als "Republik auf Zeit" (W. Ruge) betrachteten, sie zunehmend als Hemmnis der Profitmaximierung, der Revanchepolitik und Wiederaufrüstung empfanden;
  • dass die führenden Unternehmerverbände dies bereits 1927 deutlich artikulierten und 1929 lauthals verkündeten;
  • dass mit dem Übergang zur Präsidialdiktatur 1930 sich ein antiparlamentarisches, autoritäres Regime entwickelte, das einerseits offen Demokratieabbau betrieb, andererseits mit den faschistischen und faschistoiden Kräften zunehmend kollaborierte;
  • dass alle bürgerlichen Parteien diesen Kurs unterstützten oder sogar forcierten;
  • dass die Sozialdemokratie diesen Kurs als angeblich "kleineres Übel" offen "tolerierte", ihn ermöglichte (und hinter den Kulissen auch akzeptierte) und als Regierungspartei (vor allem in Preußen) an seiner Durchsetzung mitwirkte. (Vgl. H. Karl: Antifaschistische Aktion. In: UZ vom 15.6.2012, S. 15 (an diesen Artikel knüpft der vorliegende an); derselbe: Faschisierung und antifaschistischer Abwehrkampf. In: GeschichtsKorrespondenz, Mai 2012, S. 3 ff.)

Und ausgeblendet wird auch, dass die KPD - zunehmend unterstützt durch andere antifaschistische, teilweise auch bürgerlich-demokratische, pazifistische, linke christliche Kreise, soziale Bewegungen, Initiativen usw. - dieser gefährlichen Entwicklung Widerstand entgegensetzte, der in der Antifaschistischen Aktion seit Ende Mai 1932 kulminierte, und eine antifaschistische Alternative aufzeigte.

Es gab eine Chance

Die Reichstagswahlen am 6. November 1932 zeugten von einer Veränderung des politischen Kräfteverhältnisses zuungunsten der Reaktion. Die faschistische Nazipartei erlitt eine schwere Niederlage - sie verlor zwei Millionen Stimmen. Der Rückgang ihres politischen Einflusses löste in der Nazipartei eine tiefe Krise aus, die auch Auflösungserscheinungen zeitigte. Dabei war der Tiefpunkt offenbar noch nicht erreicht. Ihre Stimmenverluste setzten sich fort bei der Lübecker Bürgerschaftswahl und den sächsischen Kommunalwahlen am 13. November und bei den Kommunalwahlen in Thüringen - wo sie seit August regierte - am 4. Dezember. Beredtes Zeugnis legt das Tagebuch ihres Reichspropagandaleiters Joseph Goebbels ab. 7. November: "Auf dem Berliner Gau herrscht eine sehr gedrückte Stimmung ..." - 10. November: "Überall tauchen nun Ärger, Streit und Mißhelligkeiten auf." - 11. November: "Kassenlage der Berliner Organisation ... ist ganz trostlos." - 6. Dezember: "Die Lage im Reich ist katastrophal. In Thüringen haben wir seit dem 31. Juli nahezu 40 Prozent Verluste erlitten." Gregor Straßer, der "zweite Mann" nach Hitler, legt alle seine Ämter nieder. 8. Dezember: "In der Organisation herrscht schwere Depression. ... Die Inspekteure der Partei sind beim Führer versammelt ... die Gefahr besteht, dass die ganze Partei auseinanderfällt ... Der Führer ... verbittert ... sagt nur: ´Wenn die Partei einmal zerfällt, dann mache ich in 3 Minuten mit der Pistole Schluss.´... (J. Goebbels: Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei, München 1934, S. 197, 200, 217-220.)

Die KPD hatte über 600 000 Stimmen - mehr als jede andere Partei - hinzugewonnen, nunmehr fast sechs Millionen erreicht und mit einem Stimmenanteil von 16,9 Prozent ihre Position als drittstärkste deutsche Partei gefestigt Die SPD hatte wiederum über 700 000 Wähler verloren. Die Wahlen widerspiegelten die politische Wirkung der Antifaschistischen Aktion und der Herbststreikwelle gegen Papens Notverordnungen. Sie zeigten die Chancen für eine Zurückdrängung der faschistischen Gefahr durch gemeinsames oder paralleles Handeln der antifaschistischen Kräfte, vor allem der Arbeiterparteien und -organisationen. Am 17. November trat Papen zurück.

Die Reaktion muss lavieren

Die eklatante Wahlniederlage der Nazis hatte vor allem die Kreise des Finanzkapitals, des Junkertums und des Militärs alarmiert, die am entschiedensten nach der faschistischen Diktatur drängten und nun einen Niedergang der Nazipartei und damit ein Scheitern ihrer Pläne befürchteten. Einer ihrer Akteure, der Kölner Bankier Kurt von Schröder, erklärte dazu während des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses: "Die allgemeinen Bestrebungen der Männer der Wirtschaft gingen dahin, einen starken Führer in Deutschland an die Macht kommen zu sehen, der eine Regierung bilden würde, die lange an der Macht bleiben würde. Als die NSDAP am 6. Nov. 1932 ihren ersten Rückschlag erlitt und somit also ihren Höhepunkt überschritten hatte, wurde eine Unterstützung durch die deutsche Wirtschaft besonders dringend. Ein gemeinsames Interesse der Wirtschaft bestand in der Angst vor dem Bolschewismus ... Ein weiteres gemeinsames Interesse war der Wunsch, Hitlers wirtschaftliches Programm in die Tat umzusetzen, wobei ein wesentlicher Punkt darin lag, dass die Wirtschaft sich selbst lenken sollte. (Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 4, Berlin 1966, S. 606)

Ein Ausdruck dessen war die bekannte, von HjaImar Schacht initiierte Eingabe einer Reihe führender Vertreter des Finanzkapitals und des Junkertums (Schwerindustrielle wie Thyssen, ferner Vögler, Reusch und Springorum - die nicht öffentlich unterzeichneten, aber intern ihre Unterstützung erklärten -, Bankiers wie Reinhart und der schon genannte von Schröder, der Kali-Magnat Rosterg, Großgrundbesitzer wie Graf Kalckreuth), die dem Reichspräsidenten bereits am 19. November übergeben wurde und ihn aufforderte Hitler als Reichskanzler zu berufen.

Zunächst setzten sich jedoch Kräfte durch, die es für vordringlich hielten, die Erregung der Arbeitermassen zu dämpfen, unter allen Umständen deren einheitliches Handeln zu hintertreiben und sowohl die Führer der SPD und der Gewerkschaften einzubinden als auch die Nazipartei bzw. Teile von ihr stärker heranzuziehen. In diesem Sinne übernahm der Repräsentant der Reichswehrführung, General v. Schleicher, am 3. Dezember das Reichskanzleramt.

"Kampf gegen die Kommunisten!"

Unter diesen Umständen kam der SPD eine Schlüsselrolle zu. Im Parteiausschuss der SPD, der am 10. November über das weitere Vorgehen beriet, wurde festgestellt, dass bei "den Genossen im Lande draußen"der Wunsch nach einer Einheitsfront" sehr lebhaft sei. Jedoch wurde dies als negative Erscheinung gewertet. Die größte Besorgnis wurde über die zunehmenden Wählerverluste und den rasch wachsenden Einfluss der KPD geäußert. (Anpassung oder Widerstand? Aus den Akten des Parteivorstandes der deutschen Sozialdemokratie 1932/1933. Hrsg. u. bearb. v. H. Schulze, Bonn-Bad Godesberg (1975), S. 44) Aus der Tatsache, dass bei den Reichstagswahlen im Juli über 600 000 und im November noch einmal über 700 000 Wähler der SPD den Rücken gekehrt und sich im wesentlichen der KPD zugewandt hatten, zog der Parteiausschuss die Schlussfolgerung, den Kampf gegen die Kommunisten zu verschärfen.

Richard Lipinski verwies warnend auf "die Gefahr, dass in kurzer Zeit bei anhaltender Krise und Neuwahlen die Kommunisten uns überholen" (Ebenda, S. 37). Rudolf Breitscheid fand gerade im Wahlerfolg der KPD den "stärksten Grund zum Nachdenken" und warf die Frage auf, "was wir tun können und tun müssen, um ein weiteres Anwachsen der Kommunisten zu verhindern". Und er schlussfolgerte, "dass wir uns auf den schärfsten Kampf gegen die Kommunisten einzustellen haben". (Ebenda, S. 45) Dem stimmten auch Vertreter des linken Flügels zu. Sehr aufschlussreich ist die Argumentation Karl Böchels:

"Wir sind im Endspurt mit den Kommunisten. Wir brauchen nur noch ein Dutzend Mandate zu verlieren, dann sind die Kommunisten stärker als wir. Wisst ihr, was das bedeutet? ... dann gibt es kein Halten mehr. Dann sagen sich die Genossen, die treu zur Partei gestanden haben, nun hat die Volksstimmung entschieden, und sie werden versuchen, schnell herauszukommen." (Ebenda, S, 53, 55) Das Konkurrenzdenken, der Ausschließlichkeitsanspruch verschlossen den Blick auf die gefährliche politische Realität. Die vom Parteivorsitzenden Otto Wels ausgegebene Parole "Kampf gegen die Kommunisten!" (Ebenda, S. 19) fand einhellige Zustimmung. Übrigens: Hitlers Reichspropagandaleiter Goebbels notierte am Tage nach dieser antikommunistischen Kursbestimmung der SPD-Spitzen: "Unsere Attacken gegen die KPD müssen jetzt mit größerer Schärfe vorgetragen werden." Und am 15. November: "Ich gebe unserer Presse den neuen Kurs an: Scharf gegen die KPD, sonst splendid isolation." (J. Goebbels: Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei, S. 201, 203.)

Die verschärfte antikommunistische Frontstellung der SPD korrespondierte mit einer zunehmenden Unterschätzung der faschistischen Gefahr. Die Wahlniederlage der Nazipartei wurde als entscheidende Niederlage des Faschismus bewertet. [Vgl. "Vorwärts", 6. Dezember 1932 (Morgenausgabe)] Auch die Rolle der Regierung Schleicher wurde völlig verkannt, im Reichstag am 6. Dezember sogar der kommunistische Misstrauensantrag niedergestimmt. Diese Fehleinschätzungen desorientierten die SPD, die Freien Gewerkschaften und das Reichsbanner und lähmten das in diesen Organisationen vereinte große antifaschistische Potenzial. Sie widerspiegelten besonders die isolierte Betrachtung der Nazipartei, das Nichterkennen des Faschisierungskurses als bestimmende Orientierung der Hauptkräfte der Großbourgeoisie und die Blindheit für die Rolle des Staatsapparates im Faschisierungsprozess.

In seiner Betrachtung zu Neujahr 1933 behauptete der "Vorwärts", der Hitlerfaschismus habe bei der Hochfinanz, bei Schwerindustrie und Großgrundbesitz längst abgewirtschaftet. [Vgl. "Vorwärts", 1. Januar 1933 (Morgenausgabe)] Aus gleichem Anlass brüstete sich Ernst Heilmann in "Das freie Wort", auch einem Sprachrohr des SPD-Vorstandes: "Wir haben nicht nur den faschistischen Ansturm zum Stehen gebracht, wir haben die faschistische Gefahr der Gefährlichkeit beraubt." ("Das freie Wort", H. 1/1933, S. 1) "Die politische Aufgabe des Tages" - so der Titel eines Artikels - erblickte dieses SPD-Organ in der "Vernichtung der KPD bis auf unbelehrbare, sektenhafte Reste" ("Das freie Wort", H. 52/1932, S. 20/21) und bezeichnete die von immer mehr Mitgliedern und Funktionären der SPD erhobene Forderung nach einer Einheitsfront mit den Kommunisten als "kindische Utopie".

General Schleicher - Platzhalter Hitlers

Auf dem KPD-Bezirksparteitag Wasserkante am 4. Dezember nahm Ernst Thälmann grundsätzlich zum Wesen der Schleicher-Regierung und ihrer Perspektive Stellung. Er sprach vom "Versuch einer gewissen Einigung zwischen verschiedenen Gruppierungen" des Großkapitals bei stärkerem Einfluss der Schwerindustrie und einem erhöhten Gewicht des Militärs, auch als eine Sicherungsmaßnahme gegen drohende Generalstreikaktionen im kommenden Winter. Zusammenfassend urteilte er: "Wir müssen das Schleicher-Kabinett als ein Übergangskabinett, als ein Platzhalterkabinett zur Vorbereitung einer Hitlerkoalition bzw. Hitlerregierung ansehen ... Jede Unterschätzung der Schleicher-Diktatur bedeutet heute eine sehr große Gefahr!"

Deshalb wandte er sich auch gegen das Gerede der Sozialdemokratie, als sei eine "´Entspannung´ des Klassenkampfes eingetreten!" Ganz im Gegenteil! "Wir müssen gegen Überrumpelungsmanöver und sensationelle, überraschende Angriffsmaßnahmen gewappnet sein." Was die Schleicher-Regierung bewirke, wohin sie führe, das hänge vor allem von der Aktionsfähigkeit und Kraftentfaltung der Arbeiterklasse und anderer werktätiger Schichten ab. Deshalb "rufen wir den Reichsbannerkameraden, den Gewerkschaftskollegen und auch den unorganisierten Klassengenossen zu: Wir müssen uns unten in den Betrieben und an den Stempelstellen verbrüdern." (E. Thälmann: Ausgewählte Reden und Schriften in zwei Bänden, Bd. 2, Frankfurt a. M. 1977, S. 317,316,318,321) Eingebettet in die Antifaschistische Aktion entwickelte die KPD seit Mitte November eine Kampagne gegen Hunger und Frost, um die Lage der Werktätigen im bevorstehenden Winter zu erleichtern, die Selbsthilfe der Massen zu entwickeln und der sozialen Demagogie der Nazis entgegenzuwirken. Wichtige Beispiele realer antifaschistischer Einheitsfront entwickelten sich nach den Kommunalwahlen. Mancherorts ergab sich die Möglichkeit, durch das Zusammenwirken der Fraktionen der KPD und der SPD die Wahl von Nazifaschisten in die Vorstände der Kommunalparlamente zu verhindern. In den Stadtverordnetenversammlungen von Leipzig und Meißen stimmten die Kommunisten für den SPD-Kandidaten und verhinderten damit, dass ein Nazi Präsident wurde. In Chemnitz wiederum wurde durch die Unterstützung der Sozialdemokraten ein Kommunist gewählt.

Prof. Dr. Heinz Karl, Historiker, Berlin

Teil 2 erscheint in der nächsten Ausgabe der UZ)

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November 1932 - Wird Hitler gestoppt?

Intrigen, Terror und Widerstand (Teil 2) - Von Heinz Karl

In: unsere zeit online vom 16. November 2012

Sehr bald erwies sich, wie präzis Thälmanns Beurteilung der Schleicher-Regierung war, und wie realitätsfern die bürgerlichen und sozialdemokratischen Prognosen. Am 4. Januar 1933 verhandelten Papen (im Auftrag des Reichspräsidenten) und Hitler in Köln beim Bankier von Schröder über die Bildung einer faschistischen Koalitionsregierung. Am 7. Januar traf Hitler sich bei Kirdorf mit führenden Unternehmern, am 17. Januar verhandelte er mit Hugenberg, am 18. und 22. Januar wieder mit Papen.

Für die ausschlaggebenden Kräfte des Großkapitals und die mit ihnen verbundenen politischen und militärischen Machteliten waren die faschistische Nazipartei und ihr Chef die optimale politische Variante. Mit ihnen verband sich mehr als mit jeder anderen politischen Kraft die Erwartung auf eine rücksichtslose, vor nichts zurückschreckende Durchsetzung ihrer Profit- und Machtinteressen, der hemmungslosen terroristischen Bekämpfung aller Gegner dieser Interessen, verbunden mit der weitgehenden (alle reaktionären Konkurrenten übertreffenden) Fähigkeit, durch skrupelloseste und dreisteste Demagogie Massen irrezuführen, sie systematisch zu beeinflussen und längerfristig zu kontrollieren. Aus diesen Besonderheiten erklärt sich auch, dass sie nach der für ihre Förderer enttäuschenden Wahlniederlage vom November nicht fallen gelassen, sondern gestützt wurden. Diese fieberhaften Aktivitäten hinter den Kulissen verbanden die Nazis mit einer demonstrativen Steigerung ihres Terrors: in der Neujahrsnacht zwei Morde in Berlin und Überfälle in Hamburg, Wanne-Eickel, Trier, Delitzsch, Glogau und anderen Orten; an einem einzigen Tag, am 12. Januar, Terrorakte in Berlin, Köln, Breslau, Duisburg, Chemnitz, Koblenz, Meißen und Detmold; an die 200 Verletzte in nur zwei Wochen; Überfälle auf Arbeiterlokale, Konsumläden und Erholungsheime. Den faschistischen Provokationen begegnete antifaschistischer Widerstand. In der ersten Januarhälfte demonstrierten in Berlin, Leipzig, Essen, Dortmund, Bochum, Stuttgart, Kassel und vielen anderen Orten viele Tausende gegen die Schleicher-Regierung und den braunen Mordterror.

Als die Verhandlungen zwischen den verschiedenen ultrareaktionären Gruppierungen über eine Regierungskoalition in ihre entscheidende Phase traten, inszenierte die Nazipartei, um ihr politisches Gewicht als stärkste und aktivste Partei der bürgerlichen Reaktion zu demonstrieren, eine groß angelegte Provokation in der Reichshauptstadt. Am 22. Januar marschierten mehrere tausend Mann SA, beschützt von einem weit größeren Polizeiaufgebot, vor dem Karl-Liebknecht-Haus - dem Sitz des ZK der KPD - auf, begleitet vom Protest Tausender Antifaschisten. Die Polizei löste allein 19 Gegendemonstrationen auf, während die Berliner Nazi-Anhänger sich fernhielten.

Die Nazi-Provokation wurde damit beantwortet, dass am 25. Januar 130 000 Berliner vier Stunden lang bei 18 Grad Frost am Karl-Liebknecht-Haus vorbeizogen, wo sie von Ernst Thälmann, John Schehr, Walter Ulbricht, Wilhelm Florin und Franz Dahlem begrüßt wurden. Gleichzeitig fanden in Spandau und Oberschöneweide Parallelkundgebungen statt.

Am 28. Januar trat Schleicher zurück da Hindenburg ihm jede weitere Unterstützung, vor allem eine neuerliche Reichstagsauflösung, versagte (die Hitler vehement ablehnte, vor der aber auch die SPD bangte - beide Parteien befürchteten weitere Verluste). Am nächsten Tage erschien "Die Rote Fahne", das Zentralorgan der KPD, unter der Schlagzeile "Alarm! Alarm!" Sie warnte vor dem faschistischen Generalangriff, der Bildung eines Hitlerkabinetts, und erklärte, sich "der ganzen ungeheuerlichen Reichweite der kommenden Ereignisse für das weitere Schicksal des deutschen Proletariats bewusst, wiederholen die Kommunistische Partei und die RGO ihr schon am 20. Juli vorigen Jahres gemachtes Einheitsfrontangebot". Auch die Bezirksorganisationen der KPD wandten sich umgehend mit Aufrufen zu Streiks und Demonstrationen an die Bevölkerung. Die Bezirksleitung Ruhrgebiet erklärte: "Wenn ihr, sozialdemokratische Klassenbrüder und Reichsbannerkameraden, gemeinsam mit uns aufmarschiert und gemeinsam mit uns zur Waffe des politischen Massenstreiks gegen eine Papen-Hitler-Regierung greift, dann sehen wir in unserer kämpfenden Einheitsfront eine unüberwindliche Kraft!" (Die Antifaschistische Aktion. Dokumentation und Chronik, Berlin 1965, S. 348) Die KPD-Organisationen mobilisierten ihre Mitglieder zur Teilnahme an den von den Behörden zugelassenen Kundgebungen der SPD am 29. Januar. An diesem Tage einigten sich Hitler und Papen endgültig über die Zusammensetzung der faschistischen Koalitionsregierung. Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident von Hindenburg Hitler zum Reichskanzler. Doch dies ist schon ein neues Thema, das im Rahmen dieses Artikels nicht erörtert werden kann.

Gab es eine Alternative?

War der schließliche Erfolg der zur faschistischen Diktatur drängenden bürgerlichen Reaktion unvermeidlich? Das ist eine zentrale, aber auch außerordentlich komplizierte Frage, Man kann sie weder mit Ja noch mit Nein unwiderlegbar beantworten. Sicher ist nur zweierlei: Zum einen, dass dieses faschistische Regime von den ökonomischen, politischen, militärischen und bürokratischen Machteliten des bürgerlichen Deutschland erstrebt und durchgesetzt wurde. Zum anderen, dass alle politischen Entscheidungen, die zu diesem Ergebnis führten, nicht durch die Bürger, die Wähler, die Massen, sondern durch diese Machteliten getroffen wurden. Nicht Wahlen entschieden, sondern Lobbyismus und Intrigen. Bezeichnend ist, dass ausgerechnet der große Verlierer der erst kurze Zeit zurückliegenden allgemeinen Wahlen, der Chef der in der Novemberwahl schwer angeschlagenen Nazipartei, an die Spitze der Regierung gelangt.

Gab es eine Kraft, die dies hätte verhindern, die Bestrebungen und Ränke der Machteliten hätte durchkreuzen können? Die - insbesondere seit den 90er Jahren - wiederholt vorgetragene Auffassung, auch eine gemeinsam handelnde Arbeiterbewegung hätte keine Chance gehabt, wurde jedoch nie auch nur annähernd begründet. Ich meine, übereinstimmend mit Wolfgang Abendroth und Willy Brandt, dass gerade in der aktiv und koordiniert auftretenden Arbeiterbewegung - wie beim Kapp-Putsch 1920 - der Schlüssel des Erfolges gelegen hätte, Ausschlaggebend für die schrittweise Realisierung der faschistischen Bestrebungen war das Handeln (die Handlungsfähigkeit und -bereitschaft) staatlicher Machtorgane und ihrer bewaffneten Kräfte (Reichswehr und Polizei). Und diese handelten, weil sie sicher waren keinem geschlossenen Widerstand zu begegnen. Ihre Taktik war stets darauf gerichtet, eine solche Situation unter allen Umständen zu vermeiden. Ohne die durch Erfahrung geprägte Gewissheit, dass die SPD-Führung kampflos kapitulieren würde, wäre der Papen-Putsch am 20. Juli 1932 nicht inszeniert worden. Dies bestimmte auch das Handeln der Reaktion im Herbst 1932 und Januar 1933.

Warum kam die Aktionseinheit der Arbeiterbewegung, deren Keim nur das Zusammenwirken der beiden großen Arbeiterparteien sein konnte, nicht zustande? Ausschlaggebend dafür war, dass - wie oben (vor allem im Zusammenhang mit der grundsätzlichen Entscheidung des SPD-Parteiausschusses am 10. November 1932) ausführlich belegt - der entscheidende potenzielle Partner der KPD, die die Politik von SPD und ADGB bestimmenden Kräfte, grundsätzlich (und völlig unabhängig von der Politik und dem konkreten Verhalten der KPD!) gegen eine Zusammenarbeit waren.

Jedoch wäre bei einem konsequenteren und überzeugenderen Bemühen der KPD um ein Zusammengehen mit der Sozialdemokratischen Partei, ihren offiziellen Strukturen und Führungsgremien, bei genereller und rascherer Überwindung sektiererischer, provozierender, emotionsgeladener Parolen der Druck auf die sozialdemokratischen Führungskräfte größer und vielleicht ausreichend gewesen, um sie zum Einlenken zu bewegen. Natürlich hätte ein Zustandekommen der Einheitsfront nicht automatisch den Erfolg garantiert - dafür war das politische und gesellschaftliche Kräfteverhältnis viel zu labil und unsicher (aber eben für beide Seiten). Aber sie wäre die unumgängliche Voraussetzung eines möglichen Erfolges gewesen.

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