Erinnerung an Pogromnacht

In: junge Welt online vom 09.11.2012

http://www.jungewelt.de/2012/11-09/029.php

Die »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschisten« (VVN-BdA), Kreisverband Kassel, erklärte am Mittwoch zum heutigen Jahrestag der Pogromnacht von 1938:

Etwa 40 Teilnehmende beteiligten sich an dem traditionellen Gedenkgang der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) vom Rathaus zur ehemaligen Synagoge. Er fand statt zur Erinnerung an den 74. Jahrestag der Pogromnacht und die damit verbundenen Verbrechen gegen jüdische Bürger dieser Stadt.

Dieses Gedenken war verbunden mit der Warnung vor Antisemitismus und Rassismus heute. »Wenn wir heute an die Reichspogromnacht erinnern, dann vergessen wir auch nicht, daß vor genau einem Jahr der neofaschistische Terror in Form der NSU öffentlich geworden ist, ein Terror, der hier in Kassel mit Halit Yozgat im Jahre 2006 eines seiner zehn Todesopfer gefunden hat«, betonte Dr. Ulrich Schneider bei der Auftaktkundgebung.

Niemand wolle das staatlich organisierte Verbrechen vor 74 Jahren und die darauf folgende Massenvernichtung mit dem neofaschistischen Terror heute gleichsetzen, aber der Terror der NSU und die anderen über 180 Opfer der rassistischen Politik in unserem Lande seit 1990 zeigten, daß Rassismus und Antisemitismus keine historischen Phänomene sind, sondern eine gegenwärtige Bedrohung unserer demokratischen Gesellschaft und der hier lebenden Menschen, die als Fremde angesehen werden, bedeuten.

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Solange kein Name gefallen ist ...

Gedanken zum 9. November - Wer ist schuld am Unwissen über die Verfolgung der Juden in der Nazizeit

Von Kurt Pätzold

Wieder steht ein 9. November und mit ihm ein hoch geschichtsbeladener Tag für die Deutschen an. An jenem Tag 1918 begann die Revolution, mit der die Geschichte des (zweiten) deutschen Kaiserreichs endete und der Weg in eine bürgerliche Republik freigemacht wurde, die zur Hälfte Resultat der Gegenrevolution war. Eine solche wurde fünf Jahre, wieder an einem 9. November, von Hitler und dem kaiserlichen General Ludendorff erneut versucht, scheiterte aber schon in den Straßen Münchens.

In: Neues Deutschland online vom 03.11.2012

Weiter unter:

Von Prof. Pätzold erschien jüngst bei PapyRossa »Wahn und Kalkül. Der Antisemitismus mit dem Hakenkreuz« (246 S., br., 15,90 €).

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/803089.solange-kein-name-gefallen-ist.html

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Helmuth Hübener

KALENDERBLATT

Von Heinrich Fink

Am 27. Oktober vor 80 Jahren ist Helmut Hübener in Berlin-Plötzensee hingerichtet worden. Er war unter den 1574 ermordeten Antifaschisten und Widerstandskämpfern gegen das Naziregimes mit 17 Jahren der Jüngste.

In: Neues Deutschland online vom 03.11.2012

Weiter unter:

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/803087.helmuth-huebener.html

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Was haben wir getan ...

Die Novemberpogrome 1938 markierten den Auftakt des Holocaust

In: Neues Deutschland online vom 09.11.2012

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 steckten die Nazis über tausend Synagogen in Brand, zerstörten Friedhöfe, ermordeten Hunderte Juden. In ganz Deutschland wurde mit den Novemberpogromen sichtbar, was für Millionen in den Todesfabriken von Auschwitz, Sobibor oder Treblinka endete: die systematische Verfolgung und Vernichtung des jüdischen Lebens in Deutschland, dann im überfallenen Europa.

Der Bundestag debattierte gestern über den Umgang mit der NS-Vergangenheit. Gerhard Schulze stieß bei der Suche nach jüdischen Vorfahren und Verwandten, die in alle Welt verstreut wurden, auf das Gedicht-Tagebuch seines Cousins Joachim Esberg, der in Auschwitz ums Leben kam.

Was haben wir getan,

die, da wir leben,

leiden müssen

und unsren Fluch

nicht fliehen können,

als in den Tod,

der alles löst?

Joachim Esberg

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/803771.was-haben-wir-getan.html

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Totale Gleichsetzung

Rüdiger Göbel

In: junge Welt online vom 10.11.2012

http://www.jungewelt.de/2012/11-10/063.php

Bundesweit ist am Freitag auf Gedenkveranstaltungen an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 und die Verbrechen des deutschen Faschismus erinnert worden. Bei dem vom Hitler-Regime orchestrierten Terror vor 74 Jahren waren 1200 Synagogen in Brand gesteckt, Tausende Geschäfte geplündert, Wohnungen und jüdische Friedhöfe zerstört worden. Die Pogrome waren der Auftakt zur systematischen Verfolgung und Vernichtung von sechs Millionen Juden.

Während in Greifswald zum Jahrestag der Pogromnacht gewaltsam »Stolpersteine« entwendet wurden, die in der Stadt zur Erinnerung an die Opfer des deutschen Faschismus verlegt waren, entsorgte die Staatsspitze die deutsche Geschichte auf ihre Art. »Die Ereignisse der Pogromnacht vom 9. November 1938 und der Fall der Mauer vor 23 Jahren sollten nach Ansicht von Bundespräsident Joachim Gauck nicht getrennt voneinander betrachtet werden«, meldete dapd am Freitag. Es sei zwar richtig, niemals zu vergessen, »was die Nazibarbarei gemacht hat«. Ebenso wichtig ist laut Gauck jedoch, »die glückhafte Geschichte des Mauerfalls« am 9. November 1989 darzustellen. Wenn Jugendliche ausschließlich die Geschehnisse im Dritten Reich betrachteten, »dann würden sie die Wirklichkeit Deutschlands verfehlen«, so der Bundespräsident beim Besuch eines jüdischen Gymnasiums in Berlin-Mitte. Der Zufall wollte es dann auch, daß er beim Besuch der Ausstellung »7 x jung« des Vereins »Gesicht zeigen!« einen Stoffhocker mit der Aufschrift »Glück« zum Sitzen bekam.

Später sagte Gauck laut dapd, er habe die Schüler »mit Blick auf die Geschehnisse von damals« zu Zivilcourage aufgerufen. Einige hätten aber Bedenken geäußert, ob »ich als einzelner überhaupt fähig bin, mich Schlägertypen in den Weg zu stellen«. Man könne nicht immer stark genug sein, »um eine fünfköpfige Clique in ihre Grenzen zu weisen«, soll der Bundespräsident geantwortet haben. Dies könne der Staat auch nicht verlangen: »Aber wir können Zeuge sein.« So war in der Gauck'schen Geschichtsstunde alles zusammengerührt, der deutsche Faschismus und die Totschläger vom Berliner Alexanderplatz ...

Es oblag am Freitag Stefan Kramer vom Zentralrat der Juden in Deutschland, an den organisierten rechten Terror der Gegenwart zu erinnern. Den Ermittlungsbehörden warf er die mangelhafte Aufklärung der Mordserie des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) vor. Statt für eine umfassende Untersuchung des Falls zu sorgen, werde »vertuscht, beschönigt und geschreddert«, rügte Generalsekretär Kramer bei einer Gedenkveranstaltung in Erinnerung an die Pogromnacht von 1938 in Weißenfels in Sachsen-Anhalt.

Es gebe bislang auch kein schlüssiges Konzept, wie derartige Fälle künftig verhindert werden könnten.

Das frühere Mitglied des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, machte eine »Enthemmung in der Mitte der Gesellschaft« aus. Rassisten und Antisemiten agierten heute »unverschämter, sie sind lauter und sichtbarer«, sagte Friedman dem Kölner Stadt-Anzeiger (Freitagausgabe). Namentlich griff der Publizist die Schriftsteller Martin Walser und Günter Grass scharf an: »Früher hat der Spießbürger seinen Rassismus und Antisemitismus in verrauchten Hinterzimmern ausgetobt. Mittlerweile macht er das beim Champagner-Empfang oder verfaßt - wie Martin Walser und Günter Grass - Pamphlete in Rede- oder Gedichtform.« Damit wiederum waren Pogromnacht und Israel-Kritik gleichgesetzt.

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