Unter dieser Prämisse

»Zur Kunst gehört ein Standpunkt«, wußte DEFA-Regisseur Kurt Maetzig. Am Mittwoch ist er im 102. Lebensjahr gestorben

F.-B. Habel

In: junge Welt vom 11.08.2012

Diene Ehrlich Friedlichem Aufbau« war die Floskel, mit der Kurt Maetzig und die Gründerväter des deutschen Nachkriegsfilms das Kürzel DEFA übersetzten.

Für Maetzig war der Neubeginn unter sozialistischen Vorzeichen Herzens- und Überzeugungssache. Er war Mitbegründer des »Filmaktivs« in der SBZ und drehte die ersten Nummern der DEFA-Wochenschau »Der Augenzeuge« 1946 noch vor der offiziellen Gründung der DEFA. Als Dokumentarfilmer schuf er auch das legendäre Bild zum Vereinigungsparteitag, wo sich die Demonstrationszüge von KPD und SPD, aus verschiedenen Straßen kommend, auf einem Platz in einer Ruinenlandschaft vereinen. Kaum einer weiß, daß Maetzig diese Vereinigung für seinen Film »Einheit SPD - KPD« inszenierte.

Kurt Maetzig wurde am 25. Januar 1911 in einem linksbürgerlichen Berliner Elternhaus geboren. Daß seine Mutter jüdischer Abstammung war, spielte damals keine Rolle. Wichtiger war zum Beispiel, daß sie ihrem achtjährigen Sohn ein Buch von August Bebel zu lesen gab. Der Junge begeisterte sich sehr für Technik. Er baute 1923 selbst einen Radioempfänger und erwarb im Alter von zwölf Jahren bei der Post eine Hörerlizenz - als erster Berliner, sein Ausweis trug die Nummer 001.

In diesen Jahren schloß sich Maetzig der sozialistischen Jugend an, aber was 1933 in Deutschland begann, konnte er sich nicht vorstellen. Da war er bereits Student in München und an der Sorbonne. Er promovierte zu einem wirtschaftlichen Thema. Die kleine Trickfilmfirma, die er 1935 gründete, mußte er 1937 aufgrund der faschistischen Rassengesetze schließen. Immerhin konnte er sich in einer kleinen havelländischen Firma für Filmtechnik durchschlagen, für die er sogar einige Patente erwarb. Auf politischen Druck ließen sich seine Eltern scheiden, und 1944 sah Kurt Maetzig seine Mutter sterben. Sie hatte vor dem drohenden Abtransport Suizid begangen - ein traumatisches Erlebnis. Im selben Jahr nahm er Kontakt zur illegalen KPD auf, deren Mitglied er wurde.

»Zur Kunst gehört ein Standpunkt und ein Ziel, weil sich sonst die Freiheit zur Beliebigkeit entwertet«, sagte Kurt Maetzig an seinem 100. Geburtstag vor anderthalb Jahren. »Alle echte Kunst will etwas befördern, propagieren«, meinte er zum Vorwurf, Propagandafilme gemacht zu haben.

»Alle echte Kunst hat eine Tendenz und nimmt zu etwas Stellung.« Nach dieser Prämisse hat Maetzig über 30 Spiel- und Dokumentarfilme gedreht. In den Nachrufen der bürgerlichen Medien werden wenige Maetzig-Titel immer wieder genannt: »Ehe im Schatten«, der erste DEFA-Film über ein Schicksal im Zeichen der Judenverfolgung in Deutschland, der 1948 den ersten »Bambi« gewann, die beiden »Ernst Thälmann«-Filme (1954/55), deren künstlerische Umsetzung durch politische Einmischung verwässert wurde, und »Das Kaninchen bin ich«, der Film nach einem Roman von Manfred Bieler, der keine Druckfreigabe erhielt, bei der DEFA aber als Filmvorlage dienen konnte. Der Film wurde mit Getöse auf dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 zusammen mit anderen verdammt, und Maetzig übte scharfe Selbstkritik. Damit verlor er Freunde, schützte aber auch betroffene Kollegen. Sein Einlenken, von vielen als opportunistisch bewertet, nahm viel Schärfe aus der Diskussion.

Peinlicherweise muß man heute auf der Homepage des mdr lesen, Margot Honecker habe auf diesem Plenum mit ihrem Satz: »Das, was wir da gestern gesehen haben, war doch der letzte Dreck!« die Jagd auf das »Kaninchen« eröffnet. Tatsächlich fiel diese Bemerkung, aber aus dem Mund von ZK-Mitglied Inge Lange, und sie bezog sich nicht auf den Maetzig-Film, sondern auf »Tiefe Furchen«, die Adaption einer Vorlage von Otto Gotsche, die Lange zu freizügig war.

Bald darauf hat Kurt Maetzig Gotsche verfilmt - den historischen Stoff über »Die Fahne von Kriwoj Rog« (1968). Auch und gerade an diese »Nebenwerke« von Maetzig sollte man sich wieder erinnern, weil in ihnen viel Innovatives steckte. In »Die Buntkarierten« (1949) gelang es ihm - ganz im Sinne seines Crédos - mit einem volksstückartigen Panorama die politische Geschichte einfacher Leute zu erzählen, mit einem Sozialdemokraten als Helden. Nach einer Vorlage von Berta Waterstradt entstand diese Chronik einer Berliner Arbeiterfamilie über drei Generationen. »Keine rverkleidetenl Schauspieler, keine auf billig zurechtgemachten Stars« waren in diesem Arbeiterfilm zu sehen, wie Hans Ulrich Eylau damals in der Täglichen Rundschau schrieb, sondern »in jedem Fall Menschen, die wirklich das sind, was sie spielen; schlichte, einfache Gesichter, wie man sie im Alltag immer wieder trifft«.

Bedauerlicherweise wird, dem Zeitgeist entsprechend, Maetzigs Film »Der Rat der Götter« (1950) heute kaum noch gezeigt. Nach Protokollen des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses gegen leitende Vertreter des IG-Farben-Konzerns (trotz der vor 60 Jahren beschlossenen Liquidation ein noch bis Anfang dieses Jahres börsennotiertes Unternehmen) schrieben Friedrich Wolf und Philipp Gecht ein Szenarium über die Beteiligung des Konzerns an Naziverbrechen. Ein Wissenschaftler steht als Mitläufer im Mittelpunkt der Handlung. Obwohl der Film in der Bundesrepublik nicht gezeigt wurde, konnte sich der Spiegel eines Lobes nicht enthalten: »Regisseur und Nationalpreisträger Dr. Kurt Maetzig hat viel optische Kunst an das Thema verwendet. Die Ludwigshafener Explosionskatastrophe vom Juli 1948 hat Maetzig nach bestem Pudowkin-Eisenstein-Vorbild in erregende Massenbilder umgesetzt. Selbst wenn er die demonstrierende FDJ mit Antikriegshetzer-Transparenten lenkt, ist Maetzig den alten russischen Filmpionieren näher als den neuen russischen Filmfunktionären.«

Durchaus kein Nebenwerk, aber heute absichtsvoll dem Vergessen überantwortet, ist der Zweiteiler »Schlösser und Katen« (1956). In dieser Geschichte um verschiedene Familien auf dem Land in der Nachkriegszeit wird der Landadel davongejagt, Neubauern bestellen ihr Land, Umsiedler versuchen, in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Maetzig und sein Szenarist KuBa lieferten damit eine überzeugende Antwort auf die verlogenen, verklärenden Heimatfilme aus der BRD der fünfziger Jahre, die gerade wieder Konjunktur auf den öffentlich-rechtlichen Kanälen haben. Der Film entstand im Zeichen des »Tauwetters«, das aus der Sowjetunion kam, und verhandelte differenziert auch vormalige Tabus wie die Ereignisse des 17. Juni 1953. In dem von Harry Hindemith gespielten, zu Kritik fähigen Parteifunktionär will Maetzig sich selbst porträtiert haben.

Kurt Maetzig war lange auch Funktionär, als Gründungsrektor der Babelsberger Filmhochschule oder im Film- und Fernsehverband. Als er im Alter von 65 Jahren mit der aktiven Filmarbeit aufhörte, wurde er Präsident der internationalen Filmklubvereinigung FICC und später deren Ehrenpräsident auf Lebenszeit. Er stand dem 1980 ins Leben gerufenen Spielfilmfestival der DDR vor und befaßte sich wissenschaftlich und philosophisch mit Medienkunde. Auch, wenn er die neuen Medien untersuchte, fragte er immer nach der sozialen Wirkung, nach den Inhalten.

Über seinen 100. Geburtstag hinaus gab er als Zeitzeuge im Fernsehen und auf Gesprächsforen selbstkritisch Auskunft. Daß er sich dabei immer zu Sozialismus und Antifaschismus bekannte, paßte so manchem nicht. Das Berliner Stadtmagazin Zitty etwa wetterte in den 90er Jahren: »Kurt Maetzig wird heute nur noch als netter alter Herr gezeigt, der bei jeder Gelegenheit über den DDR-Film plaudert. Fahrlässig unterschlagen wird dabei, daß hierzulande niemand länger, inbrünstiger und ergebener filmische Heiligenbilder und Missionswerke für die Kirche des Kommunismus verfertigte als er.« Wer solche Häme auf sich ziehen konnte, der hat in seinem Leben etwas richtig gemacht. Am Mittwoch ist Kurt Maetzig im Alter von 101 Jahren gestorben.

Lesen Sie in der Montagausgabe: Auszüge aus einem der letzten Interviews mit Kurt Maetzig - ein Rückblick auf sein Lebenswerk aus dem August 2011

_____________________________________________