Rätselhafte Kügelchen

Was wußte Uwe Barschel über den Atomunfall in Geesthacht? Die offizielle Selbstmordthese im Fall des CDU-Politikers stirbt auf Raten

Wolf Wetzel

In: junge Welt vom 31.07.2012

Seit zweieinhalb Jahrzehnten werden Kritiker, die einen Mord an dem ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein Uwe Barschel für wahrscheinlicher halten als die Selbstmordthese, als Verschwörungstheoretiker oder Konspirologen, also Spinner, bezeichnet. Wer genug Zeit hat und die Geduld nicht verliert, wird gelegentlich belohnt: 25 Jahre nach dem »mysteriösen« Tod Barschels kommt eine kriminaltechnische Untersuchung zu dem Ergebnis, daß der Politiker in seinem Hotelzimmer, wo er Suizid begangen haben soll, nicht alleine war: LKA-Spezialisten haben auf Socken, Krawatte und der Strickjacke, die Barschel in der Nacht seines Todes im Genfer Hotel Beau Rivage trug, Rückstände sichergestellt. Die Untersuchung war von der Lübecker Staatsanwaltschaft veranlaßt worden, nachdem der CDU-Landtagsabgeordnete Werner Kalinka auf die neuen technischen Analysemöglichkeiten hingewiesen hatte. Laut Welt am Sonntag ist das genetische Material des Unbekannten noch gut genug erhalten, um es mit möglichen Verdächtigen vergleichen zu können. »Der neue DNA-Fund stützt die Theorie, daß Barschel zum Zeitpunkt seines Todes nicht wie bisher angenommen allein in seinem Hotelzimmer war«, urteilte Spiegel online am Wochenende. Der frühere Chefermittler im Barschel-Fall, Heinrich Wille, sieht laut Welt den Mordverdacht erhärtet.

Bekanntermaßen bringen sich deutsche Politiker nicht allzu oft selbst um.

Genauso wenig ist davon auszugehen, daß es allzuoft Motive gibt, einen deutschen Politiker aus Gründen der Staatsraison umzubringen. Eben deshalb lohnt es sich, den Barschel-Fall noch einmal politisch ins Gedächtnis zu rufen. Er ist u.a. eng mit der Atompolitik verknüpft - im zivilen wie militärischen Sinne. Mitte der 80er Jahre platzte die Mär von der friedlichen Nutzung der Atomenergie auf mörderische Weise. Am 26. April 1986 schmolz der Reaktorkern der Atomanlage in Tschernobyl: »Viele Liquidatoren, schätzungsweise zwischen 50000 bis 100000, sind gestorben, und 90 Prozent von ihnen sind schwer erkrankt. In absoluten Zahlen ausgedrückt bedeutet das: 540000 bis 900000 junge Männer sind infolge von Tschernobyl schwer erkrankt.« Diese Bilanz zog Angelika Claußen, Vorsitzende der deutschen Sektion »Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung« (IPPNW) rund zwanzig Jahre später, im April 2006. Die Gegend rund um Tschernobyl bleibt auf Jahrzehnte unbewohnbar.

Nachdem das Ausmaß der Atomkatastrophe - trotz vorsätzlicher Falschmeldungen von Regierungsseite - offensichtlich wurde, erwachte die Antiatombewegung zu neuem Leben. Hunderttausende gingen alleine in Deutschland auf die Straße, um das Ende der Atompolitik zu fordern. Die Stimmung war wütend und entschlossen. Über 160 Strommasten wurden gefällt, um deutlich zu machen, daß es nicht bei Appellen bleiben wird.

Inmitten dieser aufgeheizten Stimmung und politisch äußerst brisanten Lage ereignete sich - nur fünf Monate nach Tschernobyl - am 12. September 1986 ein weiterer »Atomunfall«, nicht in der Sowjetunion, weit weg, sondern bei Geesthacht an der Elbe. Auf dem Gelände des staatlichen Forschungszentrums GKSS (früher Gesellschaft zur Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt) kam es zu einem »Brand«. Infolge dieses Ereignisses wurde an Meßstationen des AKW Krümmel eine erhöhte Radioaktivität festgestellt.

Alarmiert durch erhöhte Radioaktivität machte die dort aktive Bürgerinitiative zuerst das nahe liegende AKW Krümmel dafür verantwortlich.

Die Landesregierung und vor allem Bundesstellen und Aufsichtsbehörden griffen diesen Verdacht dankbar auf, veranlaßten entsprechende Untersuchungen und verteilten gleichzeitig Entwarnungen und Beschwichtigungen als Placebos.

Viel zu spät entdeckten Wissenschaftler der Arbeitsgemeinschaft für Physikalische Analytik und Meßtechnik (Arge PhAM) in der Umgebung der GKSS millimetergroße Kügelchen, die weder in der Natur, beim Betrieb eines AKW, noch bei oberirdischen Atomtests »abfallen«. Auf Dachböden und im Erdreich wurden Transurane, u.a. Plutonium-241 und Americium-241 gefunden. Erst als diese kleinen Mikrokügelchen rund um Geesthacht gefunden wurden, geriet ein ganz anderer möglicher Verursacher ins Visier: die staatliche Atomforschungsanlage GKSS neben dem AKW Krümmel.

Militärische Zwecke

Warum staatliche Stellen diese Mikrokügelchen nicht finden wollten, hat einen einfachen Grund: Ihre hoch radioaktive Zusammensetzung schloß sowohl Atomanlagen als auch einen »Fallout« aus Tschernobyl als Ursache aus, da diese mit schwach radioaktivem Material bestückt werden.

Hoch radioaktives Material benötigt man nicht für Atomanlagen, sondern für den Bau von Atomwaffen, also für militärische Zwecke. Mit diesen Funden stand folglich die Frage im Raum, ob die Bundesrepublik Deutschland im geheimen versucht, in den Besitz von Atombomben zu kommen - zumal sie das Know-How dazu bereits seit langem besaß.

Uwe Barschel war Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, als sich der Atomunfall in Geesthacht ereignete. Nur ein Jahr später, 1987, standen Landtagswahlen an, und der Spitzenkandidat der CDU fürchtete um seine Wiederwahl. Mit schmutzigen Tricks versuchte er den SPD-Herausforderer Björn Engholm zu diskreditieren. Als dies bekannt wurde, seine »Ehrenworterklärung« keinen Pfifferling mehr wert war, trat Barschel am 2.

Oktober 1987 zurück. Kurz danach machte er zusammen mit seiner Frau Urlaub auf Gran Canaria. Dort erreichte ihn die Meldung, daß ein Untersuchungsausschuß zur »Barschel-Affäre« eingerichtet worden war. Der Exministerpräsident zeigte sich erbost und drohte - im Gegenzug - vor dem Untersuchungsausschuß »auszupacken«. Noch auf Gran Canaria vereinbarte Uwe Barschel ein Interview mit der Illustrierten Stern in Genf. Reagiert so ein Mann, der nicht mehr weiter weiß?

Uwe Barschel brach seinen Urlaub ab und flog alleine in die Schweiz. Bevor es zu dem vereinbarten Interview kam, lag Uwe Barschel tot in der Badewanne. Mit der Umsicht eines Menschen, der keinen Ausweg mehr sah, ließ Uwe Barschel seine Hotelzimmertür offen, damit ein Stern-Reporter das Foto schießen konnte, das den Selbstmord eindrucksvoll belegen sollte ...

Warum ein Exministerpräsident nach Genf fliegt, um dort in der Nacht auf den 11. Oktober Selbstmord zu begehen, konnten und wollten die späteren Untersuchungen nicht klären. Die Familie Barschel widersprach jedenfalls der »Selbstmordthese«. Die Ermittlungen der Schweizer Behörden waren professionell-dilettantisch und führten zu dem erwünschten Ergebnis: »Nach sehr zuverlässigen Informationen, welche die BaZ bekam, haben die politischen und Justizbehörden von gewichtiger deutscher Seite und über mehrere Kanäle den Wunsch übermittelt bekommen, daß es in aller Interesse wäre, wenn man diesen Fall als Selbstmord einstufen könnte.« (Basler Zeitung vom 15.10.1987)

Nachdem der »Fall« an deutsche Behörden abgegeben wurde, verliefen auch dort alle Nachforschungen im Sand. Damit auch kein Haar in die Suppe der Selbstmordthese gefunden werden konnte, mußte auch auf deutscher Seite ein wenig nachgeholfen werden: »Im Zuge der neuen Begutachtung wurde 2011 öffentlich, daß ein auf dem Hotelbett Barschels sichergestelltes Haar aus der Lübecker Asservatenkammer verschwunden war und somit nicht mehr untersucht werden konnte.« (Spiegel online vom 28.7.2012)

Ein ganz normaler Skandal um schmutzige Praktiken, um an der Macht zu bleiben, drohte außer Kontrolle zu geraten. Was stand alles auf dem Spiel? Wer befürchtete eine ungewollte Kettenreaktion? Was hätte der Exministerpräsident alles auspacken können?

Ganz raunig und sicherlich gut gestreut, brachte man Uwe Barschel mit illegalen Waffengeschäften in Verbindung, die - wenn dies zuträfe - ohne Zustimmung von Regierungsstellen, ohne die Deckung von Geheimdiensten nicht hätten getätigt werden können. Es sollte um U-Boote für das Apartheidregime in Südafrika sowie Waffen für Teheran im Kontext der sogenannten Iran-Contra-Affäre gehen.

Kieler Dienstherr

Doch was wußte Uwe Barschel als Kieler Dienstherr über Projekte im staatlichen Forschungszentrum GKSS, die der Geheimhaltung (wie z.B.

Experimente zur Urananreicherung) unterlagen? Was hätte Uwe Barschel, der sich auch von seiner eigenen Partei verraten fühlte, davon abhalten können, nicht auch diese Geheimnisse preiszugeben?

Trotz der neu gefundenen Spuren sollen die Ermittlungen im Fall Barschel offensichtlich nicht neu aufgenommen werden. Die Lübecker Staatsanwaltschaft sehe keinen »erfolgversprechenden neuen Ermittlungsansatz«, berichtete die Süddeutsche Zeitung (Montagausgabe). Die offizielle Selbstmordthese stützend wurde als «weitere Variante« der »rätselhafte Fremde« präsentiert: »Der große Unbekannte könnte doch ein sogenannter Sterbehelfer gewesen sein.«

Ausführlicher Hintergrund des Autoren im Internet:

http://wolfwetzel.wordpress.com/2007/08/01/tschernobyl-ist-uberall/

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Leukämie in der Elbmarsch

In: junge Welt vom 31.07.2012

Die Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch, die Gesellschaft für Strahlenschutz und die deutsche Sektion der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) haben im Dezember 2006 die Dokumentation »Die Elbmarschleukämien - Stationen einer Aufklärung« vorgelegt. Darin heißt es:

In der unmittelbaren Umgebung der kerntechnischen Anlagen bei Geesthacht an der Elbe (Kernkraftwerk Krümmel und GKSS-Forschungszentrum) trat in den Jahren 1990/91 ein abrupter Anstieg der Leukämiefälle bei Kindern auf. Bis in die Gegenwart ist das Leukämievorkommen dort dreifach erhöht geblieben.

Dennoch erklärten die zuständigen Minister der Länder Schleswig-Holstein und Niedersachsen die Aufklärungsbemühungen und die Tätigkeit der jeweils eingesetzten Leukämiekommissionen im Jahr 2004 für beendet. Sie behaupteten, daß sich kein Hinweis auf einen Zusammenhang mit Radioaktivität ergeben habe und sich für das Phänomen derzeit keine Erklärung finden lasse.

Die Mitglieder der schleswig-holsteinischen Leukämiekommission sahen das mehrheitlich anders, traten unter Protest aus der Kommission aus und veröffentlichten einen Abschlußbericht, in dem sie einen kerntechnischen Unfall im Jahre 1986 als Ursache für die Erkrankungen beschrieben. Sie hatten radioaktive Kernbrennstoffe, Spaltprodukte und andere Folgeprodukte von Kernreaktorprozessen in der Umgebung aufgefunden. Für etwa 12 Stunden mußte die Konzentration der radioaktiven Stoffe in der Luft mehr als das 400fache der Tschernobyl-Konzentration in Norddeutschland betragen haben.

Im Zuge der Ursachenforschung wurden im Jahr 2000 im Boden diesseits und jenseits der Elbe kleinste Kugeln aus Schwermetall in verschiedenen Größenklassen entdeckt. Nach unseren Erkenntnissen entstammen sie einem Experiment, bei dem die Prinzipien der Kernspaltung (wie im Atomkraftwerk) und der Kernfusion (wie bei der Wasserstoffbombe) kombiniert werden sollten. (...) Anhand der heute noch feststellbaren radioaktiven Belastung der Umgebung läßt sich die aufgetretene Leukämiehäufung vollständig erklären. (...)

Wir fordern, die Fakten über die radioaktive Verseuchung anzuerkennen und ihre räumliche Ausdehnung festzustellen, die dadurch bedingten Risiken für die Bevölkerung zu beseitigen und die Verursacher und Vertuscher zur Rechenschaft zu ziehen.

Studie im Internet:

www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/ElbmarschDokumentation2.8MB.pdf

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