Als der Geier starb

An diesem Sonnabend feiert Deutschland in seinem Westteil ein Jubiläum. Es kündet von einer Zeit, die nicht vergangen ist und nimmermehr vergehen will (Teil I)

Otto Köhler

In: junge Welt vom 28.07.2012

Es war eine große Stunde für das Selbstverständnis jener Bundesrepublik Deutschland, die sich stets als einziger Rechtsnachfolgestaat des Großdeutschen Reiches verstand - an diesem 28. Juli 1972, also vor vierzig Jahren um 9.30 Uhr im Robert-Schumann-Saal zu Düsseldorf am Ehrenhof 4a.

Kunde davon gibt nur noch die Geyer-Symphonie in Rock-Dur, eine CD des namhaften Musikorchesters Floh de Cologne mit den Solisten Hermann Josef Abs, Fritz Berg, Ludwig Erhard, Konrad Kaletsch und Hans-Günther Sohl.

Leider wird die Erinnerung an dieses große Ereignis getrübt, weil die angesehene Musikgruppe sich nicht dazu entschließen konnte, in einem - damals noch - Schallplattenalbum die Gesamtheit aller solistischen Beiträge der fünf genannten Großen bundesdeutscher Wirtschaft zu vertonen.

So schienen die erhellenden Reden, die sie hielten, heute verschollen; allein - sicherlich treffliche - Ausschnitte, oft erdrückt von der mächtigen Sprache der Musik, sind auf der CD im Originalton überliefert.

Kein Buch, keine Broschüre, nichts deutet im Gemeinsamen Verbundkatalog der deutschen Universitätsbibliotheken mit ihren über 35,6 Millionen Titeln darauf hin, daß die Reden schriftlich erhalten sein könnten - die Treuebekenntnisse zu jenem schlichten Mann, der mittags sein Mahl am Schreibtisch aus der mitgebrachten Blechbüchse aß, obwohl er doch Deutschlands Reichster war. Auch die drei voluminösen Bände, die jetzt endlich, im 21. Jahrhundert, über ihn und sein Werk erschienen sind, sie enthalten in ihren umfangreichen Literaturverzeichnissen keinerlei Hinweis auf ein solches Dokument.

Es war ganz einfach unverdientes Glück, daß ich ihn doch noch - rechtzeitig zum 40jährigen Jubiläum des großen Tages - in einem kleinen Antiquariat fand: den 36seitigen Privatdruck »Friedrich Flick zum Gedenken« auf schlichtem Büttenpapier mit eingeklebtem Foto des damals frisch Verewigten.

Und mit allen Ansprachen, die da in der Trauerfeier für den großen Verstorbenen gehalten wurden. Übrigens auch mit der vom Floh-Orchester unterschlagenen Rede des Arbeitnehmervertreters Rudi Josten (»In dieser Stunde wollen wir gemeinsam ...«), die sich zu einer mitreißenden Arie hätte entwickeln lassen. Josten sprach unmittelbar vor seinem Sozialpartner Fritz Berg, der drei Jahre zuvor anläßlich eines Streiks in der Stahlindustrie als BDI-Chef Rat wußte: Man hätte »ruhig schießen sollen, dann herrscht wenigstens Ordnung«.

Das war wohl gemeint, als Fritz Berg in seiner Abschlußrede bei der Trauerfeier bemerkte: »Mein bester väterlicher Freund ist nicht mehr. Zwei Jahrzehnte hat er mich persönlich aus seiner großen geistigen Kraft schöpfen lassen, mir seinen Rat gegeben und durch mich dann der deutschen Industrie.«

Karl Marx war schon 118 Tage tot, da geschah es, daß das Kapital Fleisch wurde, und seither hat es unter uns gewohnt: Friedrich Flick, der mächtigste und reichste Kapitalist, den es zu seinen Lebzeiten auf deutschem Boden gab, wurde am 10. Juli 1883 zu Ernstdorf im westfälischen Kreis Siegen geboren.

79 Jahre später sagte der Industriechef Berg gemäß dem von mir erworbenen Büttenpapier: »Er ist von uns gegangen mit dem Bewußtsein, daß er für die Seinen gesorgt hat.« Das ist wahr. Denn einer war nicht mehr der Seine, er war nicht zur Trauerfeier gekommen und lebte danach nur noch eineinhalb Jahre.

Erbsünde am Kapital

Friedrich Flick hatte Otto-Ernst, Rudolf und Friedrich Karl gezeugt. Den zweitgenannten verlor er am 28. Juni 1941 in Rußland - sechs Tage nach Beginn jenes Raubkrieges, der sein Kapital mehrte. So blieben ihm der jüngste Friedrich Karl und der älteste Otto-Ernst. Beide sollten seine Erben sein. Doch da geschah es, daß der Erstgeborene sich am Kapital versündigte, und das kam so: Seit 1937 verschenkte Friedrich sein Kapital an die jüngere Generation, so sparte er die hohen Erbschaftssteuern, nur die niedrigere Schenkungssteuer fiel an, wobei er gewissenhaft darauf achtete, die Verfügungsgewalt über das übertragene Kapital zu behalten.

1960 war es soweit, daß Otto-Ernst 42,5 Prozent und Friedrich Karl 45 Prozent vom Flick-Kapital übertragen bekamen.

Otto-Ernst jedoch, der seinerseits schon gezeugt hatte, mußte 32,5 Prozent an seine drei Kinder Gert Rudolf (»Muck«), Friedrich Christian (»Mick«) und Dagmar (Mädchen) weitergeben, damit auch auf diesem Wege das Kapital nicht von der Erbschaftssteuer ereilt werde. Weil aber Friedrich Karl damals noch nicht gezeugt hatte, ordnete der alte Flick im Interesse des Kapitals an, die Blutsbande zu wechseln, um nun auch noch die Schenkungssteuer zu mindern: Friedrich Karl sollte Otto-Ernsts ältesten Sohn Gert Rudolf adoptieren. Der Vätertausch hätte 75 Millionen Mark Steuern gespart.

Doch Otto-Ernst erwies sich als widerspenstig. Trotz des beachtlichen Profits, den das abgeworfen hätte, weigerte er sich, seinen Sohn zwecks Steuerersparnis an Bruder Friedrich Karl abzugeben. Ob solchen Ungehorsams gegen den gemeinsamen Erzeuger entrüstete sich Friedrich Karl sehr: Bruder Otto-Ernst solle, wenn er schon den Sohn nicht hergebe, wenigstens einen Teil der so entstehenden Schenkungssteuer übernehmen. Doch Otto-Ernst gab weder den Sohn noch Geld. Das Flick-Kapital sollte sich diesen mangelnden Opfersinn sehr wohl merken. Der Erstgeborene wurde abgefunden und verstoßen. Und war vor vierzig Jahren abwesend, als der Vertraute und Arisierungsbevollmächtigte des nunmehr Verblichenen Konrad Kaletsch (NSDAP 1937-1945) als erster Redner der Trauerfeier den lieben Friedrich Karl, den lieben Gert Rudolf, den lieben Friedrich Christian im Namen aller Trauergäste ansprach aber nicht - so lehrt mein Büttenpapier - den abgefallenen Otto-Ernst.

Zwischen Geburt und Tod Friedrich Flicks liegt so viel, daß Ludwig Erhard als zweiter Redner am Ehrenhof ausrief: »Der uns teure Tote war Unternehmer, weil er Unternehmer sein mußte. Was ich damit sagen will, ist dies, daß, so wie ein begnadeter Musiker musizieren muß, jeder echte Künstler in seinem Herrschaftsbereich nach Vollendung drängt, so haftet auch seiner spezifischen Begabung etwas Genialisches an.«

Und wie es den Genialischen gedrängt hat.

Friedrich Flick, ein exzellenter Kriegsgewinnler, legte 1915 den Grundstock zu seiner ersten Million, indem er dem Staat jenen Schrott abkaufte, den Bomben und Kanonen produzierten. Später produzierte er die Kanonen und Bomben, die Schrott herstellten, und wurde so zum Milliardär.

Aber 1931 stand er trotzdem erst einmal vor der Pleite. Er hatte durch Aktien-Aufkäufe die Kontrolle über viele Industrieunternehmen errungen, auch über die Gelsenkirchner Bergwerks AG, doch die Weltwirtschaftskrise setzte ihm zu. Er hatte 66 Millionen Reichsmark Schulden, und die Gelsenberg-Aktien, die er für 110 Millionen zusammengekauft hatte, waren an der Börse nur noch 25 Millionen wert.

In dieser höchsten Not fand er Hilfe im Patriotismus. Ein Düsseldorfer Pressebüro - später erfuhr man: es gehörte Flick - lancierte die Meldung, der französische Rüstungskonzern Schneider-Creusot verhandle über das Berliner Bankhaus Mendelssohn mit Flick über den Ankauf der Gelsenberg-Aktien-Majorität zum fünffachen Kurswert. Die nationale Empörung quoll hoch: Nie dürfe diese jüdisch-französische Allianz die Kontrolle über Deutschlands größten Montan-Konzern gewinnen. Flick zeigte sofort die gebotene nationale Gesinnung. Von der Regierung Brüning, die mit einer brutalen Sparpolitik Not und Elend über Deutschland brachte, ließ sich der reiche Flick bescheiden, nicht den fünffachen, sondern nur den vierfachen Preis für seine Aktien zu nehmen.

Mercedes bleibt deutsch

Wahr darf es nicht sein, und doch ist es so: 1977, fünf Jahre nach der Trauerfeier für den Genialischen, konnte Sohn Friedrich Karl die gleiche Show noch einmal inszenieren, diesmal beim sozialliberalen Kabinett mit seinem immerklugen Kanzler Helmut Schmidt. Anders als der Papa stand Friedrich Karl nicht mal vor der Pleite - er brauchte nur Geld, um seine Neffen, die Brut des abspenstigen Bruders, vor die Tür zu setzen. Diesmal ging es so: Die Mainzer Allgemeine meldete aus undefinierbarer Quelle: »Flick verhandelt mit dem Schah von Persien.« Der wolle ihm seine Daimler-Aktien für 2,5 Milliarden Mark abkaufen. Auf diesen Trick aus der uralten Flick-Kiste fiel der beschränkt intelligente SPD-Finanzminister Hans Apel rein. Aufgeregt rief er den auf Mallorca urlaubenden Kanzler Helmut Schmidt an, und der entschied kraftvoll: Der Schah muß draußen bleiben, das Geschäft sei unter allen Umständen zu verhindern.

Und es funktionierte wieder. Großmütig verzichtete Friedrich Karl Flick auf eine halbe Milliarde und verkaufte nicht an den Schah, sondern an die von der Regierung bedrängte Deutsche Bank für zwei Milliarden - zehn Prozent über dem Börsenkurs. »Bravo! Mercedes bleibt deutsch!« jubelte Bild und analysierte schlau wie Apel: »Der Flick-Konzern und die Deutsche Bank haben den Arabern gezeigt, wie's auch geht. Für alle Arbeitnehmer ist das beruhigend.« Arbeit-Nehmer Friedrich Flick hatte das Aktienpaket in den fünfziger Jahren für 60 Millionen zusammengekauft - das macht einen Gewinn von 1940 Millionen oder 3230 Prozent - nicht gerechnet 515 Millionen Dividende. Und der ganze Aktienverkauf an die Deutsche Bank, so gut wie steuerfrei, doch davon später.

Vormals, für Vater Flick erwies sich die Gelsenberg-Affäre, mit der er dem todkranken und finanziell zerrütteten Staat von Weimar den Notgroschen für fünf Millionen Arbeitslose aus der Kasse wegplünderte, als Segen über den materiellen Wert hinaus - doch das war nicht sofort zu erkennen. Vier Wochen, nachdem Flick den vierfach überhöhten Preis von 100 Millionen für sein Aktienpaket eingesteckt hatte, kam es am 19. Juni 1932 zum Skandal.

Die Frankfurter Zeitung meldete, daß nicht - wie ursprünglich behauptet - eine Tochter der Dresdner Bank, sondern der Staat selbst Flick das 75-Millionen-Geschenk gemacht hatte. Selbst Hans Zehrers Steigbügelblatt Die Tat forderte, »Herrn Flick als Schädiger der Interessen des Deutschen Reiches zu enteignen«.

Dummes Zeug - Flick hatte sich längst mit Wahlspenden für die staatstragenden Parteien von den Deutschnationalen (100000 Mark) bis zu den Sozialdemokraten (100000 Mark) in das Deutsche Reich eingekauft.

Reichskanzler Brüning erhielt für seine Bemühungen 150000, und Reichsfinanzminister Dietrich, der den Gelsenberg-Deal gedreht hatte, bekam 950000 Mark. »In den kritischen Jahren 1931/32 lag es in unserem Kreditinteresse mehr denn je, daß unfreundliche Bemerkungen in der Presse oder Angriffe lokaler Stellen rechtzeitig unterbunden oder abgefangen werden mußten«, bekannte im Nürnberger Prozeß Flicks Generalbevollmächtigter Otto Steinbrinck (fünf Jahre Gefängnis). »Wir brauchten eine sachliche bürgerliche Regierung für die reibungslose Abwicklung der ganzen Transaktion und die Erhaltung angesponnener Verbindungen zu den bürgerlichen Parteien, aus dieser Einstellung heraus haben wir allen Gruppen, von den Unabhängigen und Sozialdemokraten bis zu den Rechtsparteien, insbesondere auch Linksblättern, erbetene Zuwendungen zukommen lassen.«

Doch es konnte auch bald eine etwas weniger sachliche Regierung sein. Nach einem ersten Zweizungengespräch mit Adolf Hitler Anfang 1932 spendierte Flick erst mal lumpige 50000 Mark - die Gelsenberg-Verhandlungen hatten gerade begonnen. Doch die Nazis zeigten auch für die kleine Gabe Dankbarkeit. Hermann Göring suchte Flick auf, um sich über die Gründe für sein Gelsenberg-Geschäft informieren zu lassen. Dann erstattete er Hitler Bericht »mit dem Ergebnis, daß auch der Führer diese Transaktion als notwendig erkannt und ausdrücklich gebilligt hat«.

Nazi nie - nur NSDAP

Über soviel Verständnis für sein Kapital war Friedrich Flick ehrlich gerührt. Während Krupp und Siemens sich noch zurückhielten, honorierte Flick Hitlers wachsende Sachlichkeit immer höher. Und im Februar 1933 schließlich, als Hitler sich vor Industriellen zum Privateigentum bekannte und Göring versprach, die nächste Wahl werde die letzte sein, zeichnete Flick sofort begeistert 200000 Mark (seine Arbeiter bekamen damals 87 Pfennig Stundenlohn). Heinrich Himmler holte sich das Geld im Büro des Konzernchefs ab, und bald war Flick als Wehrwirtschaftsführer Mitglied im Freundeskreis Reichsführer SS und dazu noch NSDAP-Mitglied Nr. 5918393.

Ein richtiger Nazi war er nie. Aber Flick hatte eines sofort begriffen: daß Hitler Krieg bedeutet, und das beflügelte den Konzernherrn zu den schönsten Hoffnungen - durch den ersten Weltkrieg war er schließlich reich geworden.

1933 erhielt er schon von Reichskriegsminister General von Blomberg die profitlichsten Rüstungsaufträge und dankte auch schön: »Ich sehe es als ein Zeichen ganz besonderen Vertrauens an, daß Sie, sehr geehrter Herr Minister, und Sie, meine Herren von dem Wehrministerium, gewillt sind, diese Werke mit Aufgaben zu betrauen, von deren Wichtigkeit für unser Vaterland wir alle voll durchdrungen sind.«

Flick kaufte Gelsenberg zurück, das er gerade erst zum vierfachen Preis an den Staat von Weimar losgeschlagen hatte. Er kaufte Flugzeugfabriken für den kommenden Luftkrieg. Er kaufte und kaufte, aber schließlich sah er nicht ein, warum er immer für teures Geld kaufen sollte.

Und so erfand Friedrich Flick die Arisierung, und das ist Raub jüdischen Eigentums auf streng gesetzlicher Grundlage. Gewiß, »entjudet« wurde die deutsche Wirtschaft seit 1933, und dabei wandte man nicht immer die feinsten Methoden an. Friedrich Flick in seiner vornehm-sachlichen Art widerstrebte Derartiges. Er wollte Paragraphen haben, die ihn ins Recht setzten, wenn er Juden ihr Eigentum wegnahm. Doch sein Rechtsanwalt Dr.

Hugo Dietrich kam am 20. Juni 1938 zu dem betrüblichen Ergebnis: »Nach deutschem Recht besteht eine gesetzliche Handhabe, die Veräußerung der in jüdischen Händen befindlichen Betriebe oder Beteiligungen gegen den Willen der jüdischen Besitzer herbeizuführen, bisher nicht, selbst nicht bei lebenswichtigen Unternehmen.«

Wo kein Recht ist, muß in einem geordneten Staatsbetrieb ebenso wie in einem geordneten Gewerbebetrieb ein Recht geschaffen werden. Weil der Flick-Anwalt selbst eingesehen hatte, daß »nationalwirtschaftliche Belange gebieterisch die Überführung der jüdischen Beteiligung in arische Hände [erfordern], notfalls gegen den Willen ihrer jetzigen Besitzer«, bekam er von Flick sofort den Auftrag, ein entsprechendes Gesetz zur Weiterleitung an die Reichsregierung auszuarbeiten - so vereinfacht war damals das Gesetzgebungsverfahren.

Doch keine Welt ist vollkommen: Die Nazis, gerade in Österreich einmarschiert, wollten zu dieser Zeit keine zusätzlichen internationalen Verwicklungen wegen der lästigen Judenfrage haben. Bis zum 3. Dezember 1938 mußte sich Flick gedulden. Da endlich - die Konferenz von München war erfolgreich bestanden - wurde die vom Flick-Konzern vorbereitete »Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens« verkündet. Zwecks Arisierung konnten jetzt - streng gesetzlich - allmächtige Treuhänder in »jüdische Gewerbebetriebe« eingesetzt werden. Und Flick hatte die treueste Hand.

Hand in Hand marschierte man durchs Dritte Reich: Die Nazis bekamen von Flick zwischen 1933 und 1945 genau 7,65 Millionen Reichsmark spendiert - nicht gerechnet die wertvollen Gemälde, die Friedrich Flick als kleine Aufmerksamkeit unter Geschäftsfreunden Hermann Göring, dem obersten Wirtschaftsführer, schenkte. Der Geier, wie ihn Bewunderer nannten, stieg durch Arisierung, Rüstungsgewinne, Raub französischer und sowjetischer Stahlwerke und Maschinenfabriken wie durch ein Heer billiger Sklavenarbeiter schon vor 1945 zum Milliardär, ja zu Deutschlands reichstem Mann empor.

Arisierung ist kein Verbrechen

»Wegen industriellen Piratentums« stellten die USA Flick vors Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal. »Ich protestiere«, sagte da der Geier, »gegen die Tatsache, daß in meiner Person Deutschlands Industrielle vor der ganzen Welt als Sklavenausbeuter und Räuber verleumdet werden.«

Der Kalte Krieg hatte schon begonnen. Und so fanden sich für Flick die mildesten Richter, die in den USA damals für deutsche Kriegsverbrecher aufgetrieben werden konnten. Mit dem Anklagepunkt »Arisierung« befaßte sich das Urteil nicht, denn die Benutzung eines »Drucks aus rassischen oder religiösen Gründen« sei »niemals als Verbrechen gegen die Menschlichkeit angesehen worden«. Für Plünderung und Sklavenarbeit kam Flick mit sieben Jahren Gefängnis davon und wurde 1950 vorzeitig entlassen.

Den Konzern hatte er schon vorher - wie die Tradition es gebot - aus seiner Zelle auf der Festung Landsberg weitergeführt. Und in die neue Regierungspartei entsandte er seinen Privatsekretär Dr. Robert Tillmanns, der von 1953 bis zum Tod 1955 als Minister für »besondere Angelegenheiten« die Flick-Interessen im Adenauer-Kabinett vertrat. Seinen freigesprochenen Komplizen Odilo Burkart setzte er als Vorstandsvorsitzenden der Maxhütte ein - Flick wußte, da gibt's auch Uran. Als Burkart 1956 dem atomwaffensüchtigen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß den ersten in der Bundesrepublik produzierten Atomstab präsentierte, konnte er die Weitsicht seines Chefs nur loben: »Trotz des damaligen Verbots durch alliierte Gesetze nahm der Besitzer der Maxhütte, Friedrich Flick (...) das Risiko auf sich, die Prospektionsarbeiten zu finanzieren und gegenüber dem Alliierten Sicherheitsdienst abzudecken.«

Ja, Ludwig Erhard, der einstige Wirtschaftsminister und Bundeskanzler, hatte es am Ehrenhof 4a am 28. Juli vor vierzig Jahren mit seiner Formulierungskunst völlig richtig erkannt: »Meine Aussage ist wahr und richtig, daß ich nur selten einem Unternehmer von auch nur einigermaßen gleichem Rang begegnet bin, der aus seiner ursprünglichen Natur und Gesinnung heraus so schlicht und einfach war wie diese ragende Gestalt des Unternehmertums.«

Mit »Stolz« bekannte da der Vater des Wirtschaftswunders, daß »mich mit dem Verschiedenen gleiche gesellschaftswirtschaftliche Überzeugungen« - Arisierung befand auch Erhard rechtmäßig und betrieb sie für seine Chefs in der Nazizeit - »aber nicht zuletzt auch die Anerkennung außerökonomischer höherer Werte verbanden«.

Und ein hoher Gönner verband sie auch, von dem freilich der im Ehrenhof 4a abwesende Sohn Otto-Ernst Flick nichts wissen wollte. »Ich bin hier in einer Gesellschaft, die etwas beunruhigend ist«, beklagte der in Nürnberg eingesperrte aber dann doch nicht verurteilte Otto-Ernst. »Ich darf mit niemandem sprechen, wenn ich mein Essen hole, komme ich an Zellentüren vorbei und sehe Namen, die mir spanisch vorkommen wie von Pohl, Ohlendorf.

Was hab ich zum Beispiel mit Ohlendorf zu tun, daß ich zum Beispiel mit ihm zusammenleben soll. Ich habe das Buch gelesen über das Nürnberger Urteil, es steht darin, daß Ohlendorf zugegeben hat, im Osten 90000 Menschen umgebracht zu haben. Sie können verstehen, daß es nicht angenehm ist, mit solchen Leuten unter einem Dach zu wohnen, es ist ein beunruhigendes Gefühl.«

So kann man es in einem der drei Bände nachlesen, von denen noch zu sprechen sein wird. Dort (»Der Flick-Konzern im Dritten Reich«) ist knapp auch die Rede vom »Freundeskreis Himmler« - genau »Freundeskreis Reichsführer SS« - in dem der Flick-Generalbevollmächtigte SS-Standartenführer Otto Steinbrinck und bald auch Flick selbst Mitglieder waren. Bearbeiter Bernhard Gotto behandelt diese wichtige Zugehörigkeit, die mit hohen Spenden an die SS verbunden war, die wiederum materiell noch höhere Gegenleistungen generierten, nur knapp: »Allein der Titel stellte die Mitglieder unter den Generalverdacht, mit dem Antreiber des Völkermords, Chef des Bespitzelungsapparates und Herrn über ein verzweigtes System von Konzentrationslagern und Sklavenhalterbetrieben unter einer Decke gesteckt zu haben.«

Aber eben nur ein Generalverdacht, an dem doch wohl wenig dran ist. Gotto: »Zu den Vorzügen, die den Mitgliedern zuteil wurden, zählten während der Reichsparteitage die Unterbringung als Ehrengast im Nürnberger Grandhotel und ein gemeinsames Abendessen mit Himmler. Weniger bedeutsam waren die regelmäßigen Zusammentreffen, zu denen Himmler einlud und bei denen er wohldosierte Einblicke in sein weitverzweigtes Arbeitsfeld gewährte. Dabei dürften Flick und Steinbrinck wohl kaum Insiderinformationen bekommen haben.« Auch nicht beim gemeinsamen Betriebsausflug ins KZ Dachau - das war laut Gotto - nur »eine Inszenierung«.

Und was war mit Freundeskreis-Mitglied Otto Ohlendorf, dem in Nürnberg so gesprächigen Massenmörder? Mit ihm, der nach seinem »Einsatz« im Osten als Unterstaatssekretär im Reichswirtschaftsministerium der eigentliche Chef anstelle des meist unter Alkohol stehenden Ministers Funk wurde? Hat er nie etwas über seine Erfolge beim Judenschlachten erzählt? Er war der eigentliche Gastgeber, wenn Himmler, wie meist, verhindert war, ja Ohlendorf sagte später, wie Gotto selbst referiert, in Nürnberg aus: »Flick traf genauso wie bei Göring auch gegenüber Himmler den richtigen Ton und war einer der wenigen, mit denen sich der rReichsführerl bei den Treffen länger unterhält.«

Da macht Flick-Sohn Otto-Ernst Sperenzchen, nur weil er mit dem Mörder von 90000 Männern, Frauen und insbesondere Kindern unter einem Dach zu leben hat. Die Einstellung von Zwangsarbeitern, derentwegen Otto-Ernst in Nürnberg weilen mußte, erfordert nun einmal eine gewisse Härte, und da anständig geblieben zu sein zu seinem Lieferanten, ist eigentlich Ehrensache.

Und überhaupt, was hätte Ludwig Erhard dazu gesagt? Der kannte Otto Ohlendorf gut, weil er mit ihm und seinem Vertreter schon seit dem Herbst 1944 im Reichswirtschaftsministerium über die von der Reichsgruppe Industrie erwünschte Nachkriegsordnung konferierte - die zukunftsfähige Bezeichnung »Soziale Marktwirtschaft« wurde dabei auch schon ausgeknobelt.

(siehe jW-Thema vom 19.9.2009)

Nein, vor vierzig Jahren erinnerte sich Ludwig Erhard sehr wohl, wie er Friedrich Flick im Kriegsverbrechergefängnis besuchte: »Weder beklagte er sein Los noch dachte er an staatliche Unterstützung. Vielmehr, ja fast allein kam es ihm darauf an, die neue wirtschaftspolitische Konzeption aus sich selbst heraus zu begreifen, um seinem Tun auch neue Maßstäbe setzen zu können. Geheimnisse konnte ich ihm ohnedies nicht verraten.«

Und so gab, lehrt mich mein Gedenkbüttenheft, Ludwig Erhard vor vierzig Jahren das Kommando: »Wir alle aber, die um seinen Tod trauern, erheben uns von unseren Sitzen und bekunden damit, daß wir Friedrich Flick in Verehrung und Dankbarkeit verbunden bleiben wollen.«

Als aber die verehrte Trauergemeinde sich wieder gesetzt hatte, erhob sich die größte Verbrechergestalt, über die das deutsche Bankwesen damals verfügte, erhob sich der Große Arisierer, der Aufsichtsrat von IG Auschwitz Hermann Josef Abs und sprach das entscheidende Wort: »Ich erinnere mich meines Besuches beim Prozeß in Nürnberg, wo die deutschen Unternehmer nicht begriffen hatten, daß nicht die I.G., nicht Krupp, nicht Flick angeklagt waren, sondern die ganze deutsche Wirtschaft.«

Das ganze deutsche Volk hätte sich hinter Flick, hinter alle Flicks auf der Anklagebank stellen müssen, aber Abs: »Ich erinnere mich, als Zuschauer Zeuge der verschiedenen Prozesse gewesen zu sein, immer als einziger auf den Zuschauertribünen« - auf die er nun wirklich nicht gehörte -, »die leicht hundert und mehr hätten fassen können. Er trug auch dies, einsam und hart, Gegenwart und Zukunft verdrängend und Zukünftiges planend.«

Am Montag Teil II und Schluß: »Bundesrepuflick Deutschland«

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Bundesrepuflick Deutschland

Der alte Geier war tot. Da erhob sich der junge, krallte sich das Land, um die Brut des Bruders aus dem Nest zu werfen. Man nannte es fortan Landschaftspflege (Teil II und Schluß)

Otto Köhler

In: junge Welt vom 30.07.2012

Das ist nun fast drei Jahrzehnte her - eine uralte Geschichte, aber belehrend für alle, die noch wissen wollen, was die Bonner Republik zusammenhielt. Damals, 1984, legte Joachim Albrecht Eberhard Kurt Konrad Ferdinand aus dem alten schlesischen Adelsgeschlecht derer von Brauchitsch als einstiger langjähriger Generalbevollmächtigter des Flick-Konzerns Zeugnis ab vor dem gleichnamigen Untersuchungsausschuß des Deutschen Bundestages. Seit 1965 hatte Eberhard von Brauchitsch dem Hause Flick als persönlich haftender geschäftsführender Gesellschafter gedient. Ob es wirklich Streit war, weshalb er 1971 das Haus verließ und als Generalbevollmächtiger zu Springer ging, darüber gibt es allerlei Meinungen. Es kann auch eine vertrauensbildende Maßnahme gewesen sein. Denn zu den Panzern (Krauss-Maffei), dem Pulver (Dynamit Nobel) und dem unbedruckten Papier (Feldmühle) des Flick-Konzerns hätte eine Pressemacht gepaßt, der es auf einen Krieg für eine gute Sache nicht ankommt. Und merkwürdig: Als Brauchitsch nach zwei Jahren aus dem Springer-Hochhaus in die Flick-Zentrale zurückkehrte, da war sein Chefbüro noch so unangetastet, als hätte er es nie verlassen.

Aus dem Grab hatte der am 20. Juli 1972 verstorbene Friedrich Flick per Testament den Vertrauten Brauchitsch zurückgerufen, weil er - so will es wieder die Legende - seinem Sohn Friedrich Karl nicht über den Weg traute.

Richtig war, daß das Testament den beiden Enkeln Mick (Friedrich Christian) und Muck (Gert Rudolf) eine Vorzugsposition im Konzern einräumte, die ihren Onkel Friedrich Karl kränkte. Er trachtete danach, die fremde Brut - der Vater der beiden, sein Bruder Otto-Ernst, war verstoßen - aus dem Nest zu werfen.

Brauchitsch, vom toten Alten als Schutzengel der Enkel berufen, schlug sich schnell auf die Seite seines Jugendfreunds Friedrich Karl. Der Rückberufene leistete saubere Arbeit, um - auf Steuerzahlerkosten - die Flick-Enkel aus dem Konzern zu entfernen. Er sorgte für einen Teilverkauf von Flicks Mercedes-Aktien zum überhöhten Preis von zwei Milliarden an die Deutsche Bank. Sein Duzfreund Hans Friderichs, der damalige Wirtschaftsminister (FPD), und spätere Dresdner-Bank-Chef, versprach Steuerfreiheit für den Erlös, wofür dann auch Nachfolger Otto Graf Lambsdorff, der damalige FDP-Schatzmeister, treulich sorgte.

Eineinhalb Milliarden hatte der Flick-Konzern von der unversteuerten Verkaufssumme wieder angelegt: bei Gerling, dem US-Mischkonzern Grace und im eigenen Haus bei Dynamit Nobel und Buderus. Wie diese Investitionen zum steuerbefreienden Prädikat »volkswirtschaftlich förderungswürdig« kamen, konnte mit Ausnahme des Grafen Lambsdorff keiner erklären. Der hat auf dem Höhepunkt der damaligen Spardebatte die letzte Rate des 840-Millionen-Steuergeschenks an Flick bewilligt. Und davon ließen sich die störenden Flick-Enkel mit 700 Millionen leicht abfinden.

»Ein neues Kleid für die achtziger Jahre« wollte von Brauchitsch nach seiner Rückkehr für den Flick-Konzern schneidern. So neu war es nicht. Es trug nach Art des Hauses viele Taschen, in die wir - in Gestalt unseres Staates - sehr viel Geld hineinsteckten. Zum Ausgleich floß - das gebietet die Gerechtigkeit zu sagen - wenigstens ein Bruchteil der Summe zurück: an die gewählten Volksvertreter.

Zu diesem Ergebnis kamen jedenfalls die Bonner Staatsanwälte, die 1981 dem Büro und der Wohnung des Flick-Generals mehrfach unerbetenen Besuch abstatteten. In 100 beschlagnahmten Aktenordnern und rund 150 Spendenheften fanden sie viel überzeugendes Material. Vor allem die Liste von Chefbuchhalter Rudolf Diehl, der auf Brauchitschs Anweisung das Geld in die Bonner Landschaft säte und »wg.« erfand, den neuen Adelstitel der Bundesrepublik (»100000 wg. Kohl«, »50000 wg. Dregger«, »30000 wg.

Biedenkopf«, »50000 wg. Genscher«, »25000 wg. Lambsdorff«). All das reichte aus, um gegen den persönlich haftenden geschäftsführenden Flick-Gesellschafter von Brauchitsch ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung zu eröffnen. Und dazu wurde noch wegen der »Verübung von Straftaten nach Paragraph 331ff. (Vorteilsnahme und Bestechlichkeit)« ermittelt, weil - so der Staatsanwalt - »die Firma Flick im Zusammenhang mit der ihr erteilten Bescheinigung für einen Steuerabzug aus der Veräußerung der Daimler-Benz-Aktien Amtsträgern Zuwendungen versprochen oder gemacht haben könnte«. Wirtschaftsminister Lambsdorff, der das Steuergeschenk bewilligte, ein Amtsträger, und zuvor war er als Schatzmeister der FDP ein Geldträger, der im Brauchitsch-Büro ein und aus ging.

Am 16. Februar 1987 wurde Eberhard von Brauchitsch wegen Steuerhinterziehung und Beihilfe zur Steuerhinterziehung zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe verurteilt auf Bewährung und zu einer Geldbuße von 550000 Mark - aus der Portokasse.

Preis des Schweigens

Es wäre, prahlte Brauchitsch 1999 in seinen Erinnerungen unter dem Drohtitel »Der Preis des Schweigens« ein »leichtes für mich« gewesen, »drei Siebentonner von der Spedition Johnen in Düsseldorf zu bestellen, zwanzig Studenten anzuheuern und sämtliche Akten verschwinden zu lassen«. Der Adelsmann klar und deutlich: »Mit einer solchen Aktion hätte ich keinen Moment gezögert. Ich habe jedoch törichterweise auf den Rechtsstaat vertraut.«

Das war eine große Sekunde in der Bonner Republik, daß der Flick-Mann einmal nicht seinem Rechtsstaat trauen durfte. Lange genug hatte es bis dahin gedauert. Und es ist kein Kompliment für die unpolitisch gewordenen Studenten der achtziger Jahre, der Generation Golf, daß er darauf vertraute, sie hätten alle Akten zum Schreddern gebracht und nicht den einen oder anderen verräterischen Flick-Ordner zu einem störrischen Journalisten.

Aber wir haben uns nun wirklich verplaudert. Wir sitzen immer noch 1984 im Flick-Untersuchungsausschuß des Deutschen Bundestages zu Bonn. Und Eberhard von Brauchitsch, der große Kultivator, sagt gerade, bei der Beratung über die steuergünstige Wiederanlage der Gelder aus dem Daimler-Verkauf bei dem US-Chemiekonzern Grace habe im Haus Flick auch Dr. Ambros teilgenommen.

Da fragt der damals noch grüne Abgeordnete Otto Schily: »Ja, Herr Dr.

Ambros - wer war denn der Herr Dr. Ambros?«

Brauchitsch: »Dr. Ambros war ein früheres Vorstandsmitglied der IG Farben, Berater des Hauses Grace und der Berater des Hauses Flick.«

Schily: »Ist es richtig, daß Herr Dr. Ambros auch an Aktivitäten der Firma IG Farben in Auschwitz beteiligt war?«

Brauchitsch: »Das weiß ich nicht, ich weiß auch nichts davon, daß ihm dies vorgeworfen, geschweige denn, daß er deswegen zur Rechenschaft gezogen worden wäre. Ich weiß es nicht.«

Schily: »Wissen Sie etwas darüber, daß Herr Dr. Ambros in Auschwitz entsprechende Werke hat bauen lassen, daß er beschuldigt wurde, sehr tief ...«

Doch bevor Schily seine Frage zu Ende stellen kann, fährt der Ausschußvorsitzende dazwischen. Der CDU-Abgeordnete und Reserveleutnant der Bundeswehr Manfred Langner:

»Herr Schily, diese Frage hat mit dem Untersuchungsgegenstand nichts zu tun.«

Schily: »Doch!«

Langner: »Ich kann sie nicht zulassen.«

Unbefragbare Vergangenheit

Nun wagte Brauchitsch den Ausfall und zeigte, wie genau er wußte, worum es geht: »Wir sind hier im Moment - Wenn dieses öffentlich wird, sind wir im Zuge der Vorverurteilung. Mit ist nicht bekannt, daß Herr Dr. Ambros, der sich seit 1950 auf freiem Fuß befindet ...«

Für Langner schien das noch gefährlicher; Brauchitsch hatte schon zuviel geredet, der Vorsitzende mahnte: »Herr Zeuge, Sie brauchen zu dieser Frage nicht zu antworten, ich lasse die Frage nicht zu.«

Brauchitsch erleichtert, daß er davor bewahrt wurde, zuviel zu sagen: »Danke!«

Schily verlangte einen förmlichen Beschluß. Mit ihren sechs Stimmen erklärte die Ausschußmehrheit von CDU/CSU/FDP gegen die Stimmen von SPD und Grünen die Vergangenheit des Flick-Beraters Ambros als unbefragbar. Auch bei anderen Zeugen, die etwas von der Ambros-Tätigkeit in Auschwitz wissen konnten, unterbrach der Reserveleutnant - unter seiner präzisen Führung hatte der Ausschuß am Ende seiner Tätigkeit 1987 ein Labyrinth undurchdringlicher Mauern errichtet - brüsk den Fragesteller Schily.

Vielleicht wollte Langner nur hochquellende Heimatgefühle unterdrücken. Er ist 36 Kilometer vor Auschwitz in Kattowitz/Katowice geboren, wo sein Vater in jener Zeit Jurist sein konnte. Vielleicht auch hatte er die posthumen Interessen seines verstorbenen Parteifreunds, des CSU-Schatzmeisters Wolfgang Pohle, zu vertreten. Der war in Nürnberg Verteidiger Flicks und danach dessen spendenfreudiger Generalbevollmächtigter. Wahrscheinlich aber standen höhere Interessen auf dem Spiel.

Mächtiger Fälscherapparat

Jedenfalls eröffnete der Bundesnachrichtendienst, der es von Anfang an als seine vornehmste Aufgabe betrachtete, kriminelle Nazis wie Alois Brunner und Walter Rauff zu schützen, etwas später eine Entlastungsoffensive für Otto Ambros. Er spielte dem Hamburger Journalisten Peter Ferdinand Koch für sein Buch »Der Fund« (1990) ein Dossier (Stand 1982) zu über den »mächtigen Fälscher-Apparat der DDR«, das deutlich machte, was alles die Stasi unternahm um den guten Ruf anständiger Menschen zu vernichten: »Otto Ambros, ehedem bei der I.G. Farben, wurde mit einem gefälschten Briefkopf rDr. Otto Ambrosl in die Nähe der SS gerückt: Er habe im Dritten Reich keine Einwände gehabt, auf die Einschaltung des rwirklich hervorragenden Betriebes des KZ-Lagers zugunsten der Buna-Werkel zurückzugreifen. Der DDR kam es ausschließlich auf diesen einen Nebensatz an. Der Ambros-Briefkopf war auf Papier der enddreißiger Jahre nachgedruckt und mit Hilfe einer damals gebräuchlichen Schreibmaschine rbetextetl worden, Ambros rarchiviertel Unterschrift im Nu kopiert.«

Nur schade, daß die Stasi-Fälscher nicht auch noch den Satz »... und außerdem wirkt sich unsere neue Freundschaft mit der SS sehr segensreich aus« in das Schreiben hineinfälschten. Der stand nämlich auch in dem Brief, der 1948 beim IG-Farben-Prozeß in Nürnberg vorlag, bevor 1949 die DDR gegründet wurde und ihren Fälscherbetrieb aufnehmen konnte. Ambros hatte den Brief am 12. April 1941 seinem IG-Vorstandskollegen geschrieben und sich darin auch gefreut, daß »gewisse Widerstände von kleinen Amtsschimmeln« gegen den Einsatz von KZ-Häftlingen beim Bau des IG-Buna-Werkes in Auschwitz »schnell beseitigt« werden konnten. IG Auschwitz solle, so hatte er fünf Tage zuvor in seiner Festrede zur Eröffnung des Projekts versprochen, ein »fester Eckpfeiler« für »gesundes Deutschtum im Osten« werden - 10000 KZ-Häftlinge waren da schon von der SS zur »Vernichtung durch Arbeit« bei der IG bereitgestellt. Vorstandskollege Fritz ter Meer - der Schwiegervater des CDU-Spendenkofferträgers Walther Leisler Kiep (auch auf Flicks »wg.«-Liste) - wird später sagen, daß den KZ-Häftlingen durch die I.G. »kein besonderes Leid zugefügt wurde, da man sie ohnedies getötet hätte«.

Ambros machte sich auch um die Produktion von Giftgas (Tabun, Sarin, Lost) verdient - viel später war er Aufsichtsrat des erfolgreichen Contergan-Konzerns Chemie Grünenthal. In Nürnberg wurde er - sehr günstig - zu nur acht Jahren verurteilt und lernte im Kriegsverbrechergefängnis Friedrich Flick kennen, der gerade dort auf Suche nach neuen Talenten war.

Nachdem beide viel zu früh auf freien Fuß gesetzt waren, machte Flick Ambros zu seinem Berater und empfahl ihn auch an Konrad Adenauer. Unter dem Sohn Friedrich Karl war der Auschwitz-Mann dann schließlich Vermittler zwischen Flick und dem US-Konzern Grace, um dessen versuchten Erwerb es im Spendenskandal ging.

Den gab es eigentlich nur, weil dem Steuerfahnder Klaus Förster in St.

Augustin bei Bonn etwas aufgefallen war, was ihm nach der entschiedenen Auffassung seiner Vorgesetzten und schließlich auch aller zuständigen Finanzminister nicht hätte auffallen dürfen. Bei der »Gesellschaft des Göttlichen Wortes mit beschränkter Haftung« - besser bekannt als die katholische Ordensgemeinschaft Steyler Missionare - fand er seltsame Spendenquittungen - auch aus dem Hause Flick. Ob es daran lag, daß es sich bei den Missionaren um einen Orden päpstlichen Rechts handelt, ist wenig wahrscheinlich; jedenfalls lief das so, wie es wohl auch bei der schwerkriminellen Vatikanbank läuft.

Flick-Chefbuchhalter Rudolf Diehl überwies eine Million - und das damals schon im siebten Jahr. Die Mönche, die praktischerweise zum Keuschheits- auch ein Armutsgelübde abgelegt hatten und so hervorragend einsatzfähig waren, griffen damit dem Flick-Konzern bei der Pflege der politischen Landschaft unter die Arme. Sie behielten - wie die Tradition es gebot - jeweils nur den Zehnten. Der Rest ging auf ein Schweizer Konto und abzüglich einiger Spesen für die Geld-Schmuggler zurück nach Düsseldorf, nun aber in die Schwarze Kasse von Flick. Da war das Geld aber schon sehr viel mehr geworden, um das die Mönche oder auch Flick - Gott wird es uns beim Jüngsten Gericht erklären - uns Steuerzahler betrogen hatten.

Die wundersame Geldvermehrung aber kam zustande, weil Flick solch eine fromme Spende von der Steuer absetzten konnte, und das macht bei einem Superreichen seiner Art mehr als die Hälfte aus. Kurz: Aus einer wurden samt dem nun zurückgezahlten frommen Geld rund eineinhalb Millionen. Und mit dem Schwarzgeld in der Kasse konnte Flick die politische Landschaft - Belege brauchte es nicht, nur kleine »wg.«'s - viel effektiver pflegen.

Aber nicht vergessen: Auch SPD-Finanzminister, der halblinke Hans Matthöfer wie der ultrarechte Hans Apel, konnten ein Spendenlied davon singen - Flicksein heißt, immer sachlich und reibungslos mit der jeweiligen Regierung zu agieren. »Als ich mit dem Umbau meines Konzerns begann, erschien das manchen suspekt«, sagte Friedrich Karl Flick 1978 und meinte den Verkauf von Mercedes und den Hinauswurf der Neffen. »Das Verhältnis zwischen Regierung und Wirtschaft war damals nicht so besonders gut. In den letzten Jahren hat sich das - nicht zuletzt dank der Kompetenz von Bundeskanzler Schmidt - verbessert. Das Miteinander hat sich durchgesetzt.«

Zu diesem Miteinander gehört der Paragraph 6 b, Absatz 1, Ziffer 5 des Einkommenssteuergesetzes über den »Gewinn aus der Veräußerung bestimmter Anlagegüter«. Danach muß der Erlös aus dem Verkauf von Aktien dann nicht versteuert werden, wenn sie bei anderen Kapitalgesellschaften wieder angelegt werden. Und vor allem dann, wenn der Bundeswirtschaftsminister im Benehmen mit dem Bundesfinanzminister bescheinigt, daß diese Wiederanlage »volkswirtschaftlich besonders förderungswürdig und geeignet ist, die Unternehmensstruktur eines Wirtschaftszweigs zu verbessern oder einer breiten Eigentumsstreuung zu dienen«.

Dazu wurde damals das Göttlich Wort eingesetzt, nicht nur bei den zögerlichen SPD-Finanzministern, sondern auch bei den ohnedies entgegenkommenden FDP-Wirtschaftsministern und Brauchitsch-Freunden Hans Friderichs und Otto Graf Lambsdorff.

Leben wie ein König

Was aber Franz Josef Strauß bekommen hat, wir wissen es kaum. Neueste Meldungen über ein Riesenvermögen des Verewigten sind nicht bestätigt. Aber da war mehr im Spiel als schnödes Geld. Schon der alte Flick und Hermann Göring gingen gemeinsam auf die Jagd. Und so schwammen auch der junge Flick und Strauß gemeinsam auf der Yacht. Göring bekam vom alten Flick teure Gemälde geschenkt. Und Strauß vor der Bundestagwahl 1980, bei der er Kanzlerkandidat, einen - Bundespräsidenten mal weghören! - Mittelmeerurlaub auf der Flick-Yacht »Diana II.« Ein »Leben wie ein König am Mittelmeer«. So nannte Burdas Bunte dieses Exerzitium in einem Exklusivbericht: »Wenn Franz Josef Vollgas gibt«, die Fotos dazu - mit fettem Strauß und dünnerem Flick - lieferte der damals zwanzigjährige Lehrling und Strauß-Sohn Max Josef.

Sie wurden, als in der Union Entsetzen ausbrach, weil der Schuß nach hinten ging, ganz schnell vom Burda-Verlag gesperrt.

Drei Wochen lang durfte Strauß mit Familie die gerade fertiggestellte Luxusyacht »Diana II« samt 18köpfiger Besatzung zum Erholen nutzen, aber auch zum Nachdenken über den Lauf der Geschichte.

Und so wurde es dennoch ein Erfolg. Denn in diesem Flick-Urlaub kam Strauß - o holdes Walten des genius loci - die wunderschöne Wahlkampfidee, daß die deutsche Industrie nie etwas mit den Nazis zu tun gehabt habe, ja - ein früher Götz Aly -, daß Nazis in Wirklichkeit Sozis seien oder umgekehrt.

Denn jene »Schwungmasse, die Hitler an die Macht brachte«, das waren die »verzweifelten Sozialisten«, die »der Sozialdemokratie in Massen davongelaufen waren«. Kaum aus dem Yachturlaub zurück, verlieh Strauß dieser Erkenntnis auf dem darauffolgenden CSU-Parteitag Ausdruck. Und sprach danach ins Mikrophon des Bayerischen Rundfunks: »Sowohl Hitler wie Goebbels waren im Grunde ihres Herzens Marxisten.«

Auch da erfolgte die Reaktion prompt: Helmut Kohl jammerte über die zahlreichen Briefe von Parteifreunden und Wählern, die sich als ehemalige Nationalsozialisten dagegen verwahrten, mit Sozialisten auf eine Stufe gestellt zu werden. Zugleich aber erkannte der Vorsitzende der Jungen Union, Alfred Sauter (CSU), in den Jungsozialisten und Jungdemokraten von SPD und FDP »die einzigen und wahren Faschisten unserer Tage«. Und Flick-Urlauber Franz Josef Strauß wurde Kanzlerkandidat.

Ach, ja, anläßlich der Spendenaffäre kam auch die Wahrheit ans Licht. Ein Nachrichtensprecher des Südwestfunks, wollte Neues aus Bonn melden und versprach sich - aber ganz richtig: »Bundesrepuflick Deutschland«.

Flick im 21. Jahrhundert

Neuere Literatur zum Thema. Ausgewählt und vorgestellt von Otto Köhler

Priemel

2007 stellte Kim Christian Priemel unter dem Titel »Gekaufte Geschichte« in der einschlägigen Zeitschrift für Unternehmensgeschichte fest, daß Firmengeschichte und Unternehmerbiographie bis in die jüngste Zeit Gattungen von fragwürdigem wissenschaftlichen Wert darstellen. Er schildert genüßlich die Groteske um jenen jahrelang tagenden Redaktionsausschuß namhafter Unternehmer. Ihm mußte sich der Historiker Gert von Klaas mit nahezu jeder Formulierung in der dann schließlich 1957 bei Wunderlich doch noch erschienenen Biographie »Albert Vögler. Einer der Großen des Ruhrreviers« unterwerfen. Das heikle Problem der Finanzierung, das schon so manchen angesehenen Historiker zum Arzt am Krankenbett des Kapitalismus gemacht hat.

Im selben Jahr 2007 erschien Priemels fundamentale Geschichte über den Flick-Konzern. Der junge Priemel hat aus dem Los seiner alten Kollegen Unternehmenshistoriker gelernt. Nichts einzuwenden ist gegen die »finanzielle Förderung« der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ohne die das Werk nicht hätte entstehen können. Auch nicht gegen den Druckkostenzuschuß, den die Hans-Böckler-Stiftung gewährte. Er hat auch für »Beihilfe« durch die Wirtschaftsvereinigung Stahl zu danken. Doch das ist ein Gebot der Höflichkeit und nicht schlimm, da es hier nur um die Bebilderung geht.

Priemel schrieb keine Hagiographie, sondern eine »Konzerngeschichte vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik«, die aus den Verbrechen dieses Unternehmens kein Hehl macht. Daß er in seinem 864-Seiten-Opus lediglich zwei Seiten der Flick-Spenden-Affäre gewidmet hat, ist nur ein Schönheitsfehler und war sicherlich keine conditio. Denn die politische Landschaftspflege, die Flick schon seit den zwanziger Jahren betrieb, sie ist minutiös berücksichtigt.

Kim Christian Priemel: Flick. Eine Konzerngeschichte vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik, Wallstein Verlag, Göttingen 2007, 864 Seiten, 48 Euro

Bähr

2008 gab Johannes Bähr, der sich mit seinen Forschungen zur Dresdner Bank im Nazireich einen Namen gemacht hat, einen Sammelband heraus, der sich im wesentlichen ebenfalls auf diesen Zeitraum beschränkt, aber auch die erste Nachkriegszeit berücksichtigt. Und Flicks »Strategie der Selbstviktimisierung«: wie er sich also zum Opfer stilisierte. Weniges ist zu kritisieren: so die leicht verharmlosende Darstellung des Freundeskreises Himmler (siehe Teil I in der Wochenendausgabe). Mehr als ein Schönheitsfehler aber: die Danksagung auf Seite XIII. Dort freuen sich die Autoren über die »großzügige finanzielle Ausstattung«, die die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gewährt habe. Nicht erwähnt ist, daß es sich um eine Umwegfinanzierung handelt: Enkel Friedrich Christian Flick hat das Geld im Zusammenhang mit dem Streit um seine Berliner Kunstausstellung spendiert. Auswirkungen auf den Text des Bandes scheint es nicht gegeben zu haben.

Johannes Bähr/Axel Drecoll/Bernhard Gotto/Kim C. Priemel/Harald Wixforth: Der Flick-Konzern im Dritten Reich. Herausgegeben durch das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin im Auftrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2008, 1 018 Seiten, 64,80 Euro

Frei

Hans-Mommsen-Schüler Norbert Frei hat einen - mit kleinen Einschränkungen - guten Namen zu verlieren, und er bemüht sich. Zusammen mit drei anderen Autoren hat er als bisher letzter einen Flick-Band herausgebracht, in dessen »Einführung« er Priemels Buch mit den unvermittelten Worten kritisiert: »Allein die Gewinnoptimierung kann die Komplexität einer Persönlichkeit wie Friedrich Flick nicht erklären.« Es gelte, »dem Mann an der Spitze gebührende Aufmerksamkeit zu zollen«. Er zollt.

Oder wird ihm gezollt? Im Nachwort, wo er der Flick-Enkelin Dagmar Ottmann für die »großzügige Finanzierung« dankt, überläßt er es den Lesern zu beurteilen, ob es ihm und seinen Mitautoren gelungen ist, die Geschichte des Hauses Flick »jargonfrei« zu erzählen. Jargon? Damit meint er die marxistischen Historiker im Osten wie Klaus Drobisch oder die journalistischen Sachbuchautoren wie Bernt Engelmann oder Günter Ogger im Westen, die sich als einzige im 20. Jahrhundert bemühten, die Geschichte der Flicks zu untersuchen. Aber nur, laut Frei, aus dem »Voyeurismus der Nachkriegszeit«. Die westdeutschen Universitätshistoriker aber hielten im 20. Jahrhundert still.

2009 jedoch erkennt Frei: Weder der Nürnberger Prozeß, noch die Landsberger Haftzeit »konnten den Alten erschüttern«. Flick habe am »Ideal des persönlichen Regiments in einem abgeschotteten Familienkonzern« festgehalten. Wann? Nach 1945, nach dem Ende des Naziregimes oder - so formuliert es Frei 2009 ohne Zwang - »auch nach der Katastrophe«.

Katastrophe? Das ist der Jargon, den Nazis und ihre Nutznießer für das Ende des Hitler-Reiches fanden.

Norbert Frei/Ralf Ahrens/Jörg Osterloh/Tim Schanetzky: Flick - Der Konzern, die Familie, die Macht. Blessing Verlag, München 2009, 912 Seiten, 34,95 Euro

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