»Die Kunst der Dunkelheit«  

Cyberkrieg im städtischen Raum  

Florian Rötzer 

In: junge Welt online vom 29.08.2015 

Wochenendbeilage 

 

Der Fortschritt der Informationstechnologien verändert unser Leben grundlegend. Arbeitswelt, Konsum, Kultur und Kommunikation wandeln sich dramatisch. Mit einem Text von Evgeny Morozov haben wir in der Ausgabe vom 27./28. Juni 2015 an dieser Stelle eine Debatte über die Chancen und Risiken der digitalen Revolution eröffnet. Die Texte erscheinen in loser Folge auf den Seiten 6/7 der Wochenendbeilage. Sie können online nachgelesen werden in unserem Dossier »Digitale Revolution«. (jW) 

Unter Cyberwar wird meist die Nutzung von IT-Mitteln verstanden, um die virtuellen und realen Funktionen eines Staats oder einer Organisation zu beeinträchtigen. Da in modernen Gesellschaften und vornehmlich in den Städten zunehmend alle Aspekte des Lebens mitsamt der Infrastruktur vom Internet oder Computernetzen und damit auch von Rechenzentren oder Clouds abhängen, hat der Cyberwar potentiell die Dimension eines totalen Kriegs, der ein Land beziehungsweise eine Stadt lahmlegen kann. Abgesehen von extremen Fällen sind die Übergänge zwischen Protesten, Sabotage, kriminellen Aktionen, cyberterroristischen Angriffen und einer Cyber Kriegsführung ebenso fließend wie die Zuständigkeiten von Polizeibehörden, Geheimdiensten und Streitkräften. Zudem ist die Hürde, zumal wenn man mit Straflosigkeit rechnen kann, gegenüber der realen Gewaltanwendung oder gar einem bewaffneten militärischen Angriff niedrig. 

Ein mit der Architektur des Internets zusammenhängendes Problem ist, dass Cyberangriffe nicht oder nur sehr schwer zurückverfolgbar sind, und vor allem, dass auch kleine Gruppen oder einzelne immense Schäden anrichten können. Es braucht kein hochgerüstetes Militär mit Massenheeren und (auffälligen sowie teuren) schweren Waffen mehr, um einen Cyberwar zu führen. Man muss allerdings hinzufügen, dass bislang zwar einzelne Cyberangriffe durchgeführt wurden, die das Internet eines Landes komplett (wie in Nordkorea) oder zumindest große Bereiche (wie in Estland oder Syrien) zeitweise lahmgelegt haben, und die Folgen eines richtiggehenden Cyberwar zwar absehbar bleiben, jedoch bislang noch nicht eingetreten sind. 

Daher bleibt ein solches Szenario für die meisten Menschen eine Chimäre – auch wenn die Risiken mit zunehmender Vernetzung steigen. Dennoch gibt es bereits in mindestens hundert Staaten Cyberwar-Einheiten, die an der Entwicklung von offensiven und defensiven Waffen arbeiten und teilweise auch Aufständische und Terrorgruppen unterhalten, die theoretisch schon heute gezielte Angriffe ausführen könnten. Ein solcher Angriff könnte entweder indirekt über das Netz eingeleitet werden, oder auch direkt durch die Steuerung von programmierten oder ferngelenkten, mit Sprengstoff beladenen Drohnen, Fahrzeugen oder Booten, die beispielsweise belebte Orte in einer Stadt, Backbones, Kraftwerke, Wasserversorgungssysteme oder Rechenzentren lahmlegen. (...) 

In dem Handbuch des Pentagon für »urbane Operationen« (2002) ist die Definition eines »urbanen Gebiets« einfach: eine »Konzentration an Gebäuden, Einrichtungen und Menschen«. Dem Militär ist auch klar, dass Städte als Kriegsschauplatz große Herausforderungen bergen: »Ein urbanes Gebiet ist so vielgestaltig wie komplex.« Für die Militärstrategen unterscheidet sich das urbane Terrain von anderen Kriegsschauplätzen folgendermaßen: »Urbanes Terrain ist eine von Menschen hergestellte Umgebung und besteht aus rechteckigen Formen, wie man sie sonst nur selten in nicht-urbanem Terrain findet. Diese Formen sind nicht nur rechteckig als planimetrisches Muster, als Straßengitter, sondern auch dreidimensional. 

Vertikalität wird von großer Bedeutung, da sie nicht nur ein extrem schwieriges Hindernis für den Angriff schafft, sondern der Verteidigung eine von Menschen gemachte Form einer ›Hochebene‹ bietet. Eine große Stadt bietet mehrere Schichten einer ›urbanen Hochebene‹ und normalerweise zusätzlich auch eine unter der Erde gelegene Ebene.« 

Unübersichtlichkeit 

Angriffe können in einer dichtbebauten Struktur, in der sich umbaute Räume mit offenen Räumen abwechseln, von überall erfolgen. In Städten gibt es in der Regel einen riesigen Untergrund aus Kellern, Schächten, Tunnels, Kanalisationsrohren und gleichzeitig eine Vielzahl unterschiedlicher Räumlichkeiten innerhalb von Gebäuden, die bis in eine Höhe von Hunderten von Metern aufragen können. Es gibt unzählige Verstecke und Möglichkeiten, Fallen und Hinterhalte einzurichten. 

Überdies wird, wie betont wird, die Kriegsführung behindert, weil in einer Stadt Überwachung, Informationsbeschaffung und Kommunikation leicht störbar und stets erschwert sind. Der üblicherweise in kleinen Gruppen erfolgende Kampf mache die zentralen Entscheidungs- und Kommandostrukturen schwierig und teilweise chaotisch. 

Schwierig ist weiter die Unterscheidung von eigenen und gegnerischen Kämpfern sowie von Kämpfenden und Nichtkombattanten. Und weil die Stadt eine total künstliche Welt ist, wird in ihr die Kriegsführung auch mit vielfältigen Formen der Täuschung konfrontiert, die der Angreifer aber natürlich auch selbst einsetzen kann, so die Publikation »The Art of Darkness« der Rand Corporation über den Stadtkampf aus dem Jahr 2000. Der urbane Kampf erfordert »Die Kunst der Dunkelheit«, also die Kunst, den Gegner in irgendeiner Form so zu täuschen, dass sich dies für eigene Zwecke ausbeuten lässt. 

Seitenweise werden Möglichkeiten aufgezählt, die sich in Täuschungsstrategien von der psychologischen Kriegsführung über den Infowar bis hin zum Tarnen und Verkleiden ausführen lassen. Besonders wichtig sei Täuschung für den schwächeren Part, weswegen dieser eben gerne den Kampf in die Stadt hineinzutragen versuche. Erleichtert werde die Täuschung, die natürlich den Krieg seit Beginn an begleitet, durch das sowieso existierende urbane »Hintergrundrauschen«: 

»Kein Einsatzgebiet ›rauscht‹ mehr als die Stadt mit ihrem Übermaß an Gebäuden, Straßen, Funk- und Telefonverkehr, Fahrzeugen von Nichtkombattanten und Fußgängern, Krach und Hitze. (...)« 

Und dann enthalten Städte eben auch noch die großen Material- und Wissensressourcen für Täuschungsstrategien. Da gibt es nicht nur die Energie- und Kommunikationsinfrastruktur, die Medien und die Produktionsmittel zur Herstellung, Verbreitung und Störung von Informationen, sondern auch Fabriken, Werkstätten, Materialien und Experten, um Dinge aller Art herzustellen. So seien beispielsweise in Filmstudios ausgezeichnete Experten zu finden, um Illusionen zu schaffen, eben auch was Attrappen angeht. Vorsichtig wird hinzugefügt: »Auch wenn sicherlich nicht alle bebauten Gebiete lokale Hollywoods haben, wird es dort ein Reservoir an Menschen und Material in der zivilen Bevölkerung und der Infrastruktur geben, die Kämpfern auf anderen Schlachtfeldern nicht zur Verfügung stehen. Die Mittel können so einfach (und wirksam) sein wie Kopiergeräte und Schaufensterpuppen, mit denen sich hundert schlaue Täuschungen inszenieren lassen.« 

Im Irak-Krieg 1990/91 begann die Abkehr von den Massenvernichtungswaffen, mit denen bislang gegnerische Truppen und Städte durch einen Bombenhagel aus der Luft und durch Artilleriebeschuss vernichtet wurden. Schon unter den Augen des Satellitenfernsehens wurde nun mit dem Satellitennavigationssystem oder mit Licht-, Infrarot- oder Radarsignalen sowie einer besseren Aufklärung eine »saubere« Kriegsführung durch präzisionsgelenkte Munition vorgeführt. Die Raketen, Bomben oder Artilleriegeschosse waren nicht mehr dumm, sie wurden smart. Die Massenvernichtung mit zahlreichen Kollateralschäden besonders im verdichteten Raum der Städte durch viele Bomben vertraute auf das Konzept, den Gegner zu »enthaupten«, also die Führung, die Kommandozentralen und Abwehrstellungen sowie die kritische Infrastruktur von Kraftwerken über Sender bis hin zur Trinkwassersystemen und Kläranlagen gezielt auszuschalten. Allerdings waren im ersten Golfkrieg nur zehn Prozent der eingesetzten Bomben und Raketen präzisionsgelenkt, und neben dem Luftkrieg wurden auch noch massenhaft Bodentruppen eingesetzt. Auf seiten der Angreifer starben einige hundert Soldaten, wie viele irakische Soldaten und Zivilisten getötet wurden, unterliegt der Spekulation. Die Schätzungen reichen von Zehntausenden bis zu Hunderttausenden. Zum Stadtkrieg kam es allerdings nicht, die USA gaben sich mit der Niederlage des Hussein-Regimes zufrieden und verzichteten sowohl auf den Sturz des Diktators als auch auf die Einnahme der Städte. Es wurden Flugverbotszonen zum Schutz der Kurden und Schiiten im Norden und im Süden des Landes eingerichtet und häufig irakische Stellungen bombardiert, praktisch war der Irak schon vor dem Einmarsch der US-Truppen 2003 dreigeteilt. 

[...] 1999 wurde der NATO-Krieg gegen Serbien, der primär ein Krieg gegen die urbane Infrastruktur war, ebenfalls nur als Luftkrieg geführt. 

Eingesetzt wurden als Vorläufer des Cyberwar wie schon im Irak-Krieg 1990/91 »weiche« Streubomben, die noch in der Luft explodieren und Graphitstaub ausbreiten. Dieser löst Kurzschlüsse bei Kraftwerken und Stromleitungen aus, wodurch sich die Stromversorgung zumindest zeitweise lahmlegen lässt. Da die serbische Seite die Stromversorgung aber schnell wieder herstellen konnte, wurden Kraftwerke und Stromnetze wie auch die Telefonnetze doch wieder mit Bomben zerstört. Bombardiert wurden zur Zerstörung der Informationsflüsse Fernseh- und Radiosender, während US-Sender pausenlos Nachrichten in serbischer Sprache ausstrahlten. 

Ansonsten gab es kleinere Scharmützel im Cyberspace, weswegen der Kosovo-Krieg auch manchmal als erster Krieg mit Cyberwar-Anwendungen gilt. 

Belgische und chinesische Hacker griffen NATO-Server an und konnten sie mit DDoS-Angriffen (die absichtlich herbeigeführte Überlastung von Infrastruktursystemen, die Red.) zeitweise lahmlegen. Angeblich soll die CIA versucht haben, in Banken in Russland, Griechenland und Zypern einzudringen, in denen Milosevic Gelder deponiert hatte. 

LufthoheitSeitdem führte der Westen ausschließlich Kriege gegen Länder, in denen die Lufthoheit von vorneherein garantiert war. Im Kosovo-Krieg waren schon 30 Prozent der Munition präzisionsgelenkt, im zweiten Irak-Krieg 2003 sollen es bereits 65 Prozent gewesen sein. In Afghanistan wurde schließlich 2001 die erste GPS-gelenkte Artilleriemunition eingesetzt. Der Krieg in Afghanistan, beherrscht von den damals medienfeindlichen Taliban, wurde im schwarzen Medienloch geführt. Im Gegensatz zu Serbien kamen hier keine Bilder und Informationen über den Krieg zurück, das Redaktionsbüro von Al-Dschasira in Kabul, von dem die einzigen Bilder und auch Bin-Laden-Videos stammten, wurde angeblich versehentlich durch eine US-Bombe zerstört. Unvergessen waren noch die Bilder, die CNN im ersten Irak-Krieg mit der Kamera auf dem Dach eines Hotels in Bagdad über die Zerstörungen veröffentlicht hatte und die das Pentagon auch beim zweiten Irak-Krieg durch das Konzept der eingebetteten Reporter und der Bedrohung von Medienvertretern in Bagdad unbedingt vermeiden wollte. Bekanntlich wurde auch hier wieder zur Aufrechterhaltung des Bilderverbots das Redaktionsbüro von Al-Dschasira »versehentlich« von einer Rakete zerstört, ein Reporter wurde dabei getötet, US-Soldaten schossen kurz darauf bei der Einnahme von Bagdad von einem Panzer auf das Hotel Palestine, in dem bekanntermaßen westliche Journalisten untergebracht waren, und töteten zwei Kameraleute. Angeblich seien sie von dort aus beschossen worden, was aber nicht bestätigt werden konnte. 

Während in den asymmetrischen Kriegen die überlegene Macht versucht, die Medien und die Kommunikation zu kontrollieren und wenn möglich, Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten des Feindes zu zerstören, ist es das Anliegen der unterlegenen Kräfte, ihre Informationen, Bilder und Propaganda in den weltweiten Medien- und Informationsströmen zu verbreiten. Terroristen inszenieren weiterhin die »Propaganda der Tat«, um mediale Aufmerksamkeit zu erlangen, aber seit das Internet zum globalen Massenmedium geworden ist, können sie selbst gestalteten Content weltweit verbreiten, was beispielsweise der IS vornehmlich über die Sozialen Netzwerke macht. Die Kontrolle ist schier unmöglich – nach der Abschaltung von Konten werden umgehend neue eröffnet. Schon während des Irak-Kriegs hat die US-Regierung immer wieder von einem Medien- und Informationskrieg gesprochen, in dem die Terroristen überlegen seien. 

Versucht wurde auch, Sender wie Al-Dschasira oder Al-Arabiya zu verbieten und neben der massiven Aufrüstung der Überwachungs- und Spionagemöglichkeiten, angefangen vom Programm Total Information Awareness durch die Geheimdienste, verstärkt in den Infokrieg beziehungsweise in die »strategische Kommunikation« oder in Psychological Operations (PsyOps), unter Obama auch MISO für Military Information Support and/to Operations genannt, einzusteigen. So sollten die Menschen außerhalb der USA gezielt beeinflusst werden (was rechtlich in den Zeiten des Satellitenfernsehens und des Internets schwierig ist, da die amerikanische Öffentlichkeit nicht mit manipulierten Informationen beeinflusst werden darf). Es ging darum, extremistische Propaganda angeblich durch Wahrheit über eigene Websites, Videokanäle, Radiosender, Zeitungen und Bezahlung von Journalisten zu entkräften, was die NATO auch während des Afghanistan-Krieges nachzuahmen suchte und auch jetzt wieder im »hybriden Krieg« mit Russland über die Ukraine anstrebt. Um die russische Propaganda, die als wichtiger Bestandteil der hybriden russischen Kriegsführung ausgemacht wurde, auszuhebeln, wurde von der NATO und der EU beschlossen, in den Informationskrieg einzusteigen und die Russen sowie die russischsprachige Bevölkerung in der Ukraine und den EU-Ländern mit Gegenpropaganda zu beeinflussen. Das Pentagon interpretierte so bereits im Handbuch für den Stadtkampf aus dem Jahr 2008 den Informationskrieg als entscheidend für den Tschetschenien-Krieg, der vornehmlich ein Krieg in den Städten gewesen sei: »Informationsoperationen sind zunehmend entscheidend für den urbanen Gegner. Weil er gegen den Kampfwillen der USA kämpft, ist eine der primären Methoden des asymmetrischen Gegners der Einsatz von Taktiken des Informationskriegs. Sie sind relativ billig und nicht tödlich. Es wird allgemein akzeptiert, dass Russland während der ersten Grosny-Invasion (1994 - 1996, die Red.) den Informationskrieg verloren hat. Den Medien war fast unbegrenzter Zugang zu den Kämpfen gestattet. In der Folge war die öffentliche Unterstützung in Russland gering. Während des zweiten Kriegs (1999 - 2009, die Red.) durften Mitglieder von Medien das Kampfgebiet nicht betreten und erhielten ausschließlich Stories, die vom russischen Militär oder von Regierungsvertretern genehmigt waren. Die heimische Unterstützung für die Russen war in der Folge merklich verbessert.« Noch werden weiterhin militärische Einsätze von Informationsoperationen oder MISO beziehungsweise PsyOps begleitet, während sich die Front allmählich vom Infowar in den Medien und im Cyberspace zum Cyberwar verlagert. 

Militärs, aber auch andere Organisationen, die teilweise auch für Proxy-Einsätze benutzt werden, bereiten sich mittlerweile gezielt auf Cyberwar-Angriffe und -Abwehrmaßnahmen vor, die über die bereits praktizierte elektronische Kriegsführung hinausgehen, aber diese natürlich weiterhin einschließen. Gerade mit der zunehmend in allen Bereichen verbreiteten drahtlosen Kommunikation wird die elektronische Kriegsführung, die das elektromagnetische Spektrum »von Null bis zur Unendlichkeit« und alle Verwendungen gebündelter Energie (directed energy) für den elektronischen Angriff, den elektronischen Schutz und die elektronische Unterstützung der Truppen umgreift, zunehmend wichtig. 

Cyberwar-Kapazitäten überschneiden sich mit den Mitteln der elektronischen Kriegsführung, die gegnerische Techniken und Sensoren stören, täuschen oder schwächen, die stärkste Waffe ist die gezielte Erzeugung eines elektromagnetischen Impulses (EMP), der die militärischen und zivilen elektrischen und elektronischen Systeme lahmlegt. Ein EMP ist die ultimative Waffe auch im Cyberwar. 

 

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