Bewusste Täuschung?  

Vor 25 Jahren marschierte Iraks Präsident Saddam Hussein nach Gesprächen mit Washington in Kuwait ein. Fünf Monate später wurde seine Armee von den USA vernichtend geschlagen. 

Knut Mellenthin 

In: junge Welt online vom 03.08.2015 

 

  Am 2. August 1990 drangen irakische Truppen in das Emirat Kuwait ein und gewannen in knapp zwei Tagen die vollständige Kontrolle über das kleine Nachbarland. Am 28. August 1990 annektierte Irak das kuwaitische Territorium offiziell als 19. Provinz. Die indirekte Folge war fünf Monate später der Golfkrieg, der im Februar 1991 mit der Rückeroberung Kuwaits durch eine von den USA angeführte Allianz endete, der sich 34 Staaten angeschlossen hatten. 

  Überraschend kam der Einmarsch vom 2. August 1990 nicht. Seit Monaten hatte sich die Führung in Bagdad über Kuwaits Verhalten öffentlich beschwert und von Zeit zu Zeit auch Drohungen ausgesprochen, während zugleich Verhandlungen stattfanden, die hauptsächlich von Saudi-Arabien und Ägypten vermittelt wurden. Die umfangreichen Vorbereitungen des irakischen Militärs auf den Angriff waren auch der US-amerikanischen Luftaufklärung und ihrem weltweiten Abhörapparat nicht verborgen geblieben. Genauer gesagt: Der Irak hatte gar nicht versucht, die Konzentration seiner Truppen an der Grenze geheimzuhalten, sondern hatte sie geradezu bewusst als Signal eingesetzt. 

  Kuwait hat nur vier Prozent der Fläche Iraks. Weniger als ein Drittel seiner Einwohner sind kuwaitische Staatsbürger. Die übrigen sind ausländische Arbeiter, mehrheitlich aus Indien, Pakistan und anderen asiatischen Ländern. Der Reichtum des Emirats sind seine Ölreserven, mit denen es gegenwärtig meist auf Platz 6 der Weltrangliste geführt wird. 

Sie waren auch der vermutlich wichtigste Grund für die Entscheidung von Präsident Saddam Hussein, das Nachbarland zu einem Teil Iraks zu machen. 

  Um den Hintergrund der Konfrontation zu verstehen, muss man weitere zehn Jahre zurückgehen. Am 22. September 1980, rund anderthalb Jahre nach der »islamischen Revolution« in Teheran, hatte Iraks Staatspräsident Saddam Hussein seinen Truppen den Befehl gegeben, auf dem Land, zu Wasser und in der Luft einen umfassenden Krieg gegen den Iran zu beginnen. Die meisten Länder des Westens und die sunnitischen Monarchien der Arabischen Halbinsel, aber auch die Sowjetunion und China unterstützten den Irak dabei materiell, finanziell und politisch. Da Bagdads Aggression den strategischen Zielen der US-Administration hundertprozentig entgegenkam, vollzog sich schnell eine diplomatische Annäherung, obwohl Hussein zuvor aufgrund seiner Unterstützung für militante und terroristische Palästinensergruppen eine Schurken-Hauptrolle übernommen hatte. Die freundliche Grundstimmung zwischen beiden Regierungen herrschte im wesentlichen auch noch im Sommer 1990. 

  40 Milliarden Schulden  Der Krieg zwischen Irak und Iran zog sich bis zum August 1988 fast acht Jahre lang hin. Mehrere hunderttausend Menschen auf beiden Seiten wurden getötet oder gravierend verletzt. Die materiellen Schäden waren riesig. Aber während Iran den Kampf nahezu völlig allein und ausschließlich aus eigener Kraft durchstehen musste, hatte sich auf irakischer Seite ein riesiger Berg von Schulden angehäuft, weil sie den Krieg mit Hilfe westlicher und arabischer Anleihen finanziert hatte. Saddam stellte sich auf den nachvollziehbaren Standpunkt, dass Irak schwerste Opfer für die gemeinsame Sache gegen den schiitischen »Feind« gebracht habe. Demzufolge sei es nicht mehr als recht und billig, wenn die superreichen arabischen Monarchien sich an den Lasten wenigstens finanziell beteiligt hätten. Von irakischen Schulden könne daher genau betrachtet gar nicht die Rede sein. 

  Diese Sicht der Dinge schien den herrschenden Kreisen der Arabischen Halbinsel zwar durchaus einleuchtend, als sie sich 1991 mit vielen Milliarden Dollar an den US-amerikanischen Kriegskosten beteiligten, ohne eine Rückzahlung zu fordern. Aber gegenüber dem Irak, einer Regionalmacht zweiter Ordnung, die zudem durch einen langen Abnutzungskrieg geschwächt war, bestanden die Saudis und ihre Partner auf zügiger Begleichung der Schulden. Deren Höhe gab Saddam im Sommer 1990 mit 40 Milliarden Dollar an. 14 Milliarden entfielen allein auf Kuwait. Den Forderungen der Monarchien nachzukommen, drohte darauf hinauszulaufen, ihnen zentrale Teile der irakischen Wirtschaft, hauptsächlich der Ölvorkommen, zu übereignen. 

  Mit der Annexion dieses monarchischen Staates schaffte sich die irakische Führung nicht nur einen der hartnäckigsten Gläubiger vom Hals, sondern setzte sich zugleich in den Besitz einer Ölförderung, die zu jener Zeit bei fast zwei Millionen Barrel pro Tag lag. Zum Vergleich: Irak selbst gewann im Juli 1990 täglich rund 3,5 Millionen. 

  Weitere Konfliktthemen kamen hinzu. Besonders schwerwiegend war für den Irak, dass Kuwait damals und schon seit einiger Zeit die von der OPEC festgelegte Förderquote um fast 100 Prozent überschritt. Praktisch kam das einem Wirtschaftskrieg gegen den Irak gleich. Zwangsläufige Folge war ein niedriger Ölpreis, der den Irak jedes Jahr um die zehn Milliarden Dollar kostete. Unerwähnt blieb in Saddams Polemik lediglich, dass diese Verluste ebenso den verhassten Iran trafen. 

  Außerdem wurde zwischen Irak und Kuwait schon seit Jahrzehnten um den Grenzverlauf gestritten. Da beide Staaten einst zum Osmanischen Reich gehört hatten und nach dem Ersten Weltkrieg unter direkte britische Herrschaft gekommen waren, gab es zwar Verwaltungsgrenzen, aber eine Staatsgrenze zwischen den beiden Gebieten war niemals markiert worden. 

Saddam behauptete mit historisch falschen und politisch irrelevanten Behauptungen sogar, dass ganz Kuwait rechtmäßig ein Teil Iraks sei. 

Tatsächlich hatte es bis 1920 keinen irakischen Staat gegeben, wohl aber schon seit Jahrhunderten ein begrenzt souveränes kuwaitisches Fürstentum. 

  Zwei Fragen standen aus irakischer Sicht bei diesen Streitigkeiten im Vordergrund: Erstens der Verlauf der Grenze über wichtigen Ölvorkommen. 

Zweitens der ungeteilte Zugang zum Persischen Golf über den Schatt-Al-Arab, unter anderem zu dem Zweck, dort einen großen Seehafen zu bauen. Der Konflikt um dieses Gebiet, in dem drei Staaten aneinander grenzen, gehörte auch zu den Gründen, die Saddam 1980 zum Angriff auf den Iran veranlasst hatten. 

  In die Falle gegangen?  Bald nach der Besetzung Kuwaits durch den Irak kam der Verdacht auf, die US-Regierung habe Saddam bewusst zu einer Fehleinschätzung ihrer Reaktion gebracht, um ihn in eine Lage zu bringen, aus der er sich dann ohne Gesichtsverlust nicht mehr befreien konnte. Das Hauptindiz für diese These ist ein zweistündiges Gespräch zwischen dem irakischen Präsidenten und der Botschafterin der USA in Bagdad, April C. 

Glaspie, das am 25. Juli 1990, nur acht Tage vor der Invasion, stattfand. 

Der Irak veröffentlichte im September 1990 ein angebliches Protokoll der Unterredung, aus dem hervorgehen sollte, dass Washington durch seine Diplomatin grünes Licht für die Besetzung Kuwaits signalisiert habe. 

Glaspie reagierte mit der Behauptung, das irakische Schriftstück sei »largely fabricated«, weitgehend gefälscht. 

  Aber der Vorwurf war dadurch nicht aus der Welt zu schaffen. Im März 1991, man hatte anstandshalber nur gerade eben das Ende des Golfkrieges abgewartet, musste Glaspie sich einer Befragung durch den Außenpolitischen Ausschuss des US-Senats stellen, in dem die oppositionellen Demokraten die Mehrheit stellten. Die Diplomatin rechtfertigte sich, sie habe bei dem Treffen mit Saddam »eine harte Linie verfolgt« und ihn ausdrücklich vor einem Angriff auf das Nachbarland gewarnt. 

  Die Zweifel an dieser Darstellung blieben. Im Juli 1991 gelangten die beiden großen Tageszeitungen New York Times und Washington Post an Kopien des Berichts, den Glaspie kurz nach ihrem Gespräch mit dem irakischen Präsidenten an Außenminister James Baker geschickt hatte, und veröffentlichten Auszüge daraus. 2008 wurde das als geheim deklarierte Dokument auf Antrag freigegeben. Aus Glaspies Rapport geht hervor, dass Saddam während des Treffens immer wieder die Warnung an die US-Regierung ausgesprochen hatte, ihn jetzt nicht zu »demütigen« und in die Enge zu treiben. Anderenfalls würde er keine andere Wahl haben, als zu »antworten« – »so unlogisch und selbstzerstörerisch sich das auch erweisen würde«. »Irak wisse, dass die Regierung der USA Flugzeuge und Raketen schicken und Irak zutiefst schädigen könne. Saddam bat darum, die US-Regierung möge Irak nicht auf einen Punkt der Demütigung zwingen, an dem es genötigt wäre, die Logik zu missachten. Irak betrachte die USA nicht als Feind und habe sich um deren Freundschaft bemüht.« »Saddam sagte, die Iraker wüssten, was Krieg ist und wollten nicht noch mehr davon. ›Treiben Sie uns nicht dazu! Machen Sie es nicht zur einzig übriggebliebenen Option, mit der wir unsere Würde schützen können.‹« 

  Im Gegensatz dazu beschränkte sich Glaspie, ihrem eigenen Bericht an Baker zufolge, auf die nicht sehr substantielle Aussage, die USA könnten »niemals eine Konfliktlösung durch andere als friedliche Mittel entschuldigen«. Von einer klaren Warnung ist in ihrem Bericht nicht die Rede. Ihre Frage, welche Absichten hinter dem irakischen Truppenaufmarsch an der kuwaitischen Grenze stünden, leitete die Botschafterin mit den beschwichtigenden Worten ein, sie stelle diese »im Geiste der Freundschaft, nicht der Konfrontation«. Saddam antwortete, dass dies eine berechtigte Frage sei. Als Supermacht sei es geradezu die Pflicht der USA, sich Sorgen um den Frieden in der Region zu machen. »Aber wie sonst können wir ihnen (Kuwait und den Vereinigten Emiraten, K. M.) zu verstehen geben, wie sehr wir leiden?« Iraks finanzielle Lage sei dermaßen schlecht, dass man gezwungen sei, die Witwen- und Waisenrenten zu kürzen. 

  Glaspies zentrale Aussage im Gespräch mit Saddam, die von den Irakern angeblich als grünes Licht für die Invasion verstanden wurde, lautete in der Version ihres eigenen Rapports: Sie sei vor 20 Jahren, während früherer Verhandlungen zur Beilegung des Grenzkonflikts, als Diplomatin in Kuwait stationiert gewesen. »Damals wie heute beziehen wir zu diesen arabischen Angelegenheiten nicht Stellung.« – Dem von den Irakern veröffentlichten Protokoll zufolge sagte die Botschafterin wörtlich: »Wir haben zu Ihren arabisch-arabischen Konflikten, wie Ihrem Streit mit Kuwait, keine Meinung. Außenminister Baker hat mir aufgetragen, auf die Anweisung hinzuweisen, die erstmals in den 1960ern gegeben wurde, dass das Thema Kuwait nicht mit den USA verbunden sei.« Das Schriftstück verzeichnet an dieser Stelle: »Saddam lächelt«. 

  Selbst wenn man die irakische Gesprächswiedergabe außer acht lässt, wird allein aus Glaspies Bericht deutlich, dass Saddam seine Sicht der Dinge und seine von Verzweiflung angetriebene Denkweise mit äußerster Direktheit und Schonungslosigkeit offenbart hatte, während die US-Botschafterin sich, vermutlich weisungsgemäß, »bedeckt gehalten« hatte. So konnte die US-Regierung die nächsten Schritte des irakischen Präsidenten genau vorausberechnen, was umgekehrt nicht der Fall war. Ob man Saddam nicht sogar bewusst getäuscht hatte, mag angesichts dieser eindeutigen Ausgangslage dahingestellt bleiben. Die Schnelligkeit und offensichtliche Planmäßigkeit, mit der die weiteren Ereignisse an- und abliefen, spricht jedoch für diese Hypothese. 

  UN-Sicherheitsrat autorisiert Krieg  Noch am 2. August, wenige Stunden nach Beginn des Einmarsches in Kuwait, verabschiedete der UN-Sicherheitsrat seine erste Resolution, in der er den Irak scharf verurteilte sowie zum »sofortigen und bedingungslosen« Rückzug aufforderte. Zehn weitere folgten bis Jahresende. Schon vier Tage später folgte eine zweite Entschließung, mit der weitreichende internationale Sanktionen angeordnet wurden. Am 25. August autorisierte der Sicherheitsrat die Errichtung einer vollständigen Seeblockade gegen Irak, von der nur zu medizinischen und anderen »humanitären« Zwecken Ausnahmen gemacht werden konnten. Alle Beschlüsse erfolgten ohne Gegenstimme, bei Enthaltung des Jemen und Kubas. 

Schließlich machte der Rat am 29. November 1990 mit der Resolution 678 den Weg zum Krieg frei, indem er Bagdad ultimativ aufforderte, seine Truppen bis zum 15. Januar 1991 aus Kuwait abzuziehen und für den Fall der Nichtbefolgung schon im voraus alle erforderlichen militärischen Zwangsmaßnahmen autorisierte. Kuba und Jemen stimmten dagegen, China enthielt sich. 

  Über die Bedeutung des von der Sowjetunion mitgetragenen Ultimatums konnte zu diesem Zeitpunkt nicht der geringste Zweifel bestehen. 

US-Präsident George H. W. Bush hatte bereits am 7. August den Beginn der »Operation Desert Shield« – der Truppenaufstellung zum Krieg gegen den Irak – angeordnet. Noch am selben Tag begann die Verlegung von 48 Kampfflugzeugen aus den USA nach Saudi-Arabien. Zwei Flugzeugträger mit den sie begleitenden Kriegsschiffen wurden in den Persischen Golf entsandt. 

Am 12. August, 13 Tage vor der förmlichen Legitimierung durch den UN-Sicherheitsrat, errichtete die US-Marine eine Seeblockade gegen Irak. 

Ungefähr zur selben Zeit wurden die ersten US-amerikanischen Bodentruppen nach Saudi-Arabien verlegt. 

  Die offizielle Zustimmung des saudischen Regimes zur Nutzung seines Territoriums hatte der damalige Verteidigungsminister Dick Cheney am 5. 

August bei einem Besuch in Riad eingeholt. Im Gepäck hatte er Satellitenaufnahmen, die angeblich beweisen sollten, dass der Irak mehr als 200.000 Soldaten in Kuwait konzentriert habe, um als nächstes Saudi-Arabien anzugreifen. Kleiner Schönheitsfehler: Diese Behauptungen entsprachen nicht der Wirklichkeit. Aber zumindest in den nächsten Wochen blieb der »Schutz unserer arabischen Verbündeten« vor einer angeblich unmittelbar drohenden irakischen Aggression – und nicht etwa die »Befreiung« Kuwaits – der Vorwand für den Kriegsaufmarsch der USA und ihrer europäischen Verbündeten Großbritannien und Frankreich. 

  In den folgenden Monaten bis zum Kriegsbeginn am 17. Januar 1991 vollzogen die USA die umfangreichste und schnellste Truppenverlegung, die jemals in der Geschichte von einem Staat über eine so weite Strecke zu Wasser und in der Luft organisiert wurde. In den ersten drei Wochen der »Operation Desert Shield« wurde mehr Personal und Ausrüstung bewegt als in den ersten drei Monaten des Koreakriegs 1950. Allein durch die Luft wurde in den ersten sechs Wochen des Unternehmens mehr Material transportiert als während der gesamten Berliner »Luftbrücke« 1948/49, die 65 Wochen gedauert hatte. 

  »Operation Desert Shield«  Im Januar 1991 standen schließlich fast eine Million Soldaten aus 34 Ländern zum Angriff bereit. Das bei weitem größte Kontingent stellten mit 575.000 Mann die USA. Zum Vergleich: Im Afghanistan-Krieg setzte Wahington maximal 140.000 Soldaten ein, im 2003 begonnenen Irak-Krieg etwas mehr als 160.000. Ob das unverhältnismäßig große Truppenaufgebot zur »Befreiung« Kuwaits wirklich nur auf einer Überschätzung der Stärke der irakischen Streitkräfte beruhte, wie damals behauptet wurde, ist ungewiss. Vermutlich diente es mindestens ebenso sehr auch Übungs- und Demonstrationszwecken. 

  Vor dem Krieg hieß es, was schon damals evident falsch war, dass Saddams Armeen die viertstärksten der ganzen Welt seien. Phantasiezahlen über irakische Panzer und Kampfflugzeuge verbargen die entscheidenden Tatsachen: Die irakische Luftwaffe war angesichts der riesigen technischen Überlegenheit der von den USA geführten Koalition von vornherein nicht einsetzbar. Und die Panzer konnten aufgrund der feindlichen Luftherrschaft nicht bewegt werden, ohne sie der sofortigen Vernichtung auszusetzen. 

  Um die eigenen Verluste so gering wie möglich zu halten, bombardierten und beschossen die USA und ihre Verbündeten zunächst mehr als einen Monat lang die irakischen Streitkräfte, bevor sie am 23. Februar am Boden nach Kuwait vorstießen. Gleichzeitig diente der Luftkrieg auch dazu, die gesamte zivile Infrastruktur Iraks nachhaltig zu zerstören, ohne dass dies im Zusammenhang mit dem erklärten Kriegsziel stand. 

  Schon seit Mitte Februar 1991 hatte die irakische Führung nur noch verzweifelt nach Wegen gesucht, ihre Truppen aus Kuwait abziehen zu können, ohne dass dies mit einer offenen und totalen Kapitulation verbunden sein sollte. Am 16. Februar schaltete sich die Sowjetunion ein, indem sie den irakischen Außenminister Tariq Aziz zu Gesprächen nach Moskau einlud. Am 21. Februar gegen Mitternacht gab Aziz dort die Annahme der sowjetischen Vorschläge bekannt, die Waffenstillstand und den sofortigen Beginn des Rückzugs aus Kuwait nach einem noch zu bestimmenden Zeitplan vorsahen. Diese aus seiner Sicht höchst unerwünschte Entwicklung durchkreuzte Bush am 22. Februar mit einem Ultimatum: Bis 12 Uhr mittags am 23. Februar müsse Irak bedingungslos mit dem Abzug beginnen und diesen innerhalb einer Woche abschließen. Das US-Magazin Newsweek hatte schon mehrere Tage vorher berichtet, welche Forderungen nachgeschoben werden sollten, falls Saddam wider Erwarten ein solches Ultimatum akzeptieren würde: Rückzug der Truppen unter Zurücklassung aller schweren Waffen auf freigehaltenen Wegen, aber bei Fortsetzung der Luftangriffe gegen andere Gebiete. 

  Nach Ablauf der Frist begann die Bodenoffensive. Die irakischen Soldaten in Kuwait, die kaum Widerstand leisteten und sich sofort zu Tausenden ergaben, wurden in knapp 48 Stunden überrannt. In der Nacht vom 25. zum 26. Februar gab Saddam den Befehl an seine Streitkräfte bekannt, Kuwait zu verlassen. Die US-Regierung erklärte daraufhin, außer der totalen Kapitulation der Iraker nichts zu akzeptieren. Die Luftangriffe gegen die mehr flüchtenden als abziehenden Truppen wurden verstärkt fortgesetzt. In dieser etwa 60 Stunden dauernden letzten Kriegsphase, die das US-Militär zynisch als »Truthahnschießen« bezeichnete, wurden weit mehr irakische Soldaten getötet als in den vorangegangenen sechs Wochen. 

  293 US-Soldaten verloren während des Golfkrieges ihr Leben, von denen 148 als »im Kampf gefallen« gelten. Die genaue Zahl der irakischen Toten ist nicht bekannt, Schätzungen beginnen oberhalb von 100.000. Unter ihnen waren Tausende von Zivilpersonen, insbesondere Frauen und Kinder. Beim schwersten Zwischenfall wurden am 13. Februar 408 Menschen, die im Bagdader Stadtteil Amirijah Schutz in einem Bunker gesucht hatten, durch einen Luftangriff getötet. In den folgenden 13 Jahren wurde der Irak durch rücksichtslose Sanktionen ausgehungert, die vom UN-Sicherheitsrat gegen den besiegten Staat verhängt worden waren. Die dafür verantwortliche Resolution 687 vom 3. April 1991 wurde gegen die Stimme Kubas bei Enthaltung von Ecuador und Jemen, aber unter Mitwirkung der zu dieser Zeit schon in den letzten Zügen liegenden Sowjetunion und Chinas beschlossen. 

Sie machte die Aufhebung der Sanktionen von der vorherigen Zerstörung aller irakischen Massenvernichtungswaffen abhängig. Die Verwirklichung dieses Anspruchs war von vornherein technisch undurchführbar, da sich die Behauptung, Irak besitze heimlich doch noch irgendwo solche Waffen, nach den Gesetzen der Logik niemals widerlegen ließ. 

  Auf die Vorhaltung, dass aufgrund der Blockademaßnahmen eine halbe Million irakische Kinder durch Unterernährung und medizinische Unterversorgung gestorben seien, antwortete die damalige amerikanische Vertreterin bei den Vereinten Nationen, Madeline Albright, am 12. Mai 1996 in einem CBS-Interview: Die Entscheidung sei hart gewesen, aber »wir glauben, es war den Preis wert«. 

  Knut Mellenthin berichtete zuletzt auf diesen Seiten am 16.7.2015 über den ersten Test einer Atombombe in New Mexico/USA am 16.7.1945. 

 

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