Umkämpfte Räume  

Der Einsatz von Drohnen soll die Abwehr von Flüchtlingen perfektionieren. In der Rüstungsindustrie sorgt das für harte Konkurrenz  

Volker Eick 

In: junge Welt online vom 24.06.2015 

 

  Bereits 2006 bezeichnete die EU-Kommission das »Verfolgen und Überwachen von (nicht kooperativen) Personen, von Fahrzeugen und Substanzen als ausschlaggebende Fähigkeit«, die als »automatisierte Überwachung und Kontrolle durch genaue und zuverlässige Raumbilder« erreicht werden müsse. Dabei spielen Drohnen eine prominente Rolle. Bis 2014 wurden mehr als 90 diesbezügliche Forschungsprojekte mit einem Budget von rund 315 Millionen Euro finanziert. 

  Generell haben sich Grenzsicherung und Migrationsmanagement zu einem eigenständigen Experimentierfeld für Drohnen entwickelt. Dort soll aus Sicht der EU-Kommission demonstriert werden, dass Europa den Kampf um die Technologieführerschaft gewinnen will und kann, auch wenn gegenwärtig »die USA und Israel den Sektor dominieren. Die europäische Luftfahrtindustrie liegt weiterhin zurück und muss schnell den Anschluss finden, um auf diesem sich global entwickelnden Markt konkurrenzfähig zu sein«.¹ Die US-amerikanischen Erfahrungen an der Grenze zu Mexiko, bei deren Überwachung jeweils Drohnensysteme eine tragende Rolle spielen (sollen), gelten dabei als beispielgebend. 

  Demarkationsdrohnen  Im Rahmen dieses Überwachungs- und Pazifizierungsregimes kommt es zu einem dreistufigen Vorgang: Die Grenze als Demarkationslinie oder Checkpoint wird zu einem Grenzraum umdefiniert. 

Aus dem Scheitern eines ursprünglich nach außen gerichteten staatlichen Grenzschutzes wird die Notwendigkeit einer neuen Innenpolitik unter Beteiligung von kommerziellen und »zivilgesellschaftlichen« Akteuren abgeleitet. Im Rahmen der Technisierung des Migrationsmanagements wird schließlich eine Militarisierung der Innenpolitik betrieben, bei der unterschiedliche Kapitalfraktionen um Marktanteile konkurrieren. 

Exemplarisch lässt sich das an der rund 3.100 Kilometer langen Grenze zwischen den USA und Mexiko zeigen, bei der insbesondere die 600 Kilometer zwischen dem US-Bundesstaat Arizona und dem Nachbarland zum Experimentierfeld für neuartige Formen der Demarkation geworden sind. 

  Seit 1924 gibt es eine US-Grenzpolizei, für die bis in die 1940er Jahre die Grenze zwischen den USA und Mexiko faktisch keine Rolle spielte. 

Billige und rechtlose Arbeitskräfte, die insbesondere zur Erntezeit auf die Obstplantagen in Kalifornien ein- und dann zurückwanderten, waren die Regel; im Norden waren Industriearbeiter gefragt. Die Grenzpolizei bestand damals aus rund 1.100 Bediensteten, die sich reaktiv auf größere Städte und Grenzübergänge konzentrierten. Erst unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise Mexikos Anfang der 1990er Jahre und im Vorfeld der Vereinbarung des Freihandelsabkommens NAFTA (1994) unter Präsident William Clinton entwickelte sich eine gegen illegalisierte Grenzübertritte gerichtete sicherheitspolitische Debatte. Sie führte zur Verschärfung des Einwanderungsgesetzes (1996) und massenhaften Abschiebungen, zum massiven Ausbau des Grenzschutzes sowie zur Stationierung von Militär und Nationalgarde entlang der Grenze. Erklärtes Ziel ist seitdem »Prävention durch Abschreckung«. 

  Der technologische Teil dieser Hochrüstung begann 1993 mit dem Projekt »Blockade« (später umbenannt in »Hold the Line«), bei dem Stützpunkte für Grenzbeamte auf Überwachungstürmen mit Flutlichtanlagen und Bewegungssensoren installiert wurden. Erstmals kamen Hubschrauber und eine Schnelle Eingreiftruppe zum Einsatz. Nachfolgeprojekte entstanden in Kalifornien (»Operation Gatekeeper«, 1994), Arizona (»Operation Safeguard«, 1994) und Texas (»Operation Rio Grande«, 1997). Diese und ähnliche Programme wurden unter Bundesaufsicht ausgebaut, einander angeglichen und über die Jahre fortgesetzt. Zugleich aber konkurrierten die einzelnen Grenzschutzbehörden und, nach 9/11, auch das Heimatschutzministerium um die vermeintlich technologisch »beste« Lösung. Drohnen standen dabei zunächst nicht im Mittelpunkt. 

  1998 installierten die USA das »Integrated Surveillance Intelligence System«. ISIS verband über Radio- und magnetische Wellen die Videobilder hochauflösender Kameras und die Daten über- und unterirdischer Sensorentechnik (zur seismischen, magnetischen und thermischen Detektion) in einem einheitlichen Computersystem, dessen Informationen automatisch an die Grenzbehörden weitergeleitet wurden. Das Projekt wurde 2005 nach einer Reihe von Betrugs- und Korruptionsskandalen, Kosten von 239 Millionen US-Dollar und mehr als 90 Prozent Fehlermeldungen eingestellt. Ein Jahr später wurde es durch das US-»Heimatschutz«-Programm SBInet (Secure Border Initiative net) ersetzt, an dem der Rüstungskonzern Boeing Industries mit dem »Project 28« beteiligt war. Angekündigt als »System of systems« – als die Überwachungsinfrastruktur, die alle anderen Überwachungssysteme miteinander verbindet und koordiniert –, wurden auf einer Länge von 28 Meilen neun Antennen mit Tageslicht-, Nachtsicht- und Infrarotkameras, mit Bewegungssensoren, wurden Überwachungstürmen, sämtliche Polizeifahrzeuge und eine Einsatzzentrale zu einem »Virtual fence«, einem virtuellen Zaun verbunden. Er sollte jedwede Veränderung erkennen, identifizieren, mittels künstlicher Intelligenz auswerten, das Risiko einschätzen und entsprechende Gegenmaßnahmen einleiten. Als die damalige Heimatschutzministerin Janet Napolitano 2011 auch dieses Programm weitgehend einstellte, weil es den Erwartungen nicht gerecht wurde, war nicht nur eine Milliarde US-Dollar verbrannt. Es schlug auch die Stunde der Drohne. 

  Von der Kampf- zur Grenzdrohne  Flugdrohnen waren weder Teil von ISIS noch von SBI – der anhaltende Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Grenzschutzabteilungen und der Homeland Security mit ihren jeweiligen Industriepartnern ist dafür verantwortlich. Drohnen wurden aber ab 2003, basierend auf den Erfahrungen im Kosovo und in Afghanistan, von Militär und Heimatschutz parallel getestet. Sie wurden zum Mittel der Wahl für das neue Programm, das auf mobile Überwachung, unbemannte Flugsysteme sowie Wärmebilderfassung setzte und für eine »effective balance between costs and capabilities« sorgen sollte.² Die Kampfdrohne mutierte zur Grenzdrohne. Der Regeleinsatz zur Grenzsicherung begann mit zunächst drei Drohnen des Typs »Hermes 450« (Elbit Systems, Juni 2004), »Hunter« (Northrop Grumman, Januar 2005) und »Predator B« (General Atomics, August 2005). 

  Die 10.500 Grenzpolizisten an der südlichen Grenze mit ihren Stahlbarrieren, Überwachungstürmen, Fahr- und Flugzeugen, Helikoptern, Videokameras und Bodensensoren behielten die Rudimente des »Virtual fence«. Parallel wurde der Bestand an Drohnen auf sechs Exemplare aufgestockt, die jetzt auch den mexikanischen Grenzraum überwachten. Die »Arizona Border Control Initiative« (2004) wurde in den »Arizona Border Surveillance Technology Plan« (2011) umbenannt. Er umfasste die Installation von Wärmesensoren, von 38 mobilen Videoüberwachungseinheiten und legte fest, den Bau der derzeit 250 Überwachungstürme entlang der Grenze zu intensivieren. Den Zuschlag erhielt der israelische Luft- und Raumfahrtkonzern Elbit Systems. Die nunmehr acht Drohnen am mexikanischen Grenzraum stammten vom US-Unternehmen General Atomics. Sie waren aber mit dem »Arizona-Plan« ebensowenig verbunden wie ein weiteres Projekt: die Ausrüstung von zwei Drohnen – eine für Afghanistan, die andere für die mexikanische Grenze – mit dem militärischen System VADER (Vehicle and Dismount Exploitation Radar). Den Auftrag erhielt nach Tests im Jahr 2009 der britische Rüstungskonzern BAE Systems. Beide Drohnen sind seit 2012 im Einsatz. 

  VADER kann, anders als herkömmliche Radarüberwachung, langsamere und kleinere »Ziele« erfassen, Bewegungen von Menschen und Tieren unterscheiden und aus 7,5 Kilometer Höhe erstere auch durch Wolken und Sandstürme erkennen, mit Sensoren verfolgen und an Bodenstationen melden. 

Allein zwischen Oktober und Dezember 2012 wurden so in Arizona über 7.300 illegalisierte Grenzübergänge gemeldet. Im Rio Grande Valley (Texas) – einer der kürzesten Sektoren, in den die Grenze eingeteilt ist – wurden 2012 fast 98.000 Personen beim versuchten Grenzübertritt festgenommen – eine Zunahme um 65 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 

  Im Jahr 2014 war die Grenzpolizei auf fast 21.000 Kräfte angewachsen. 

Sie war im Besitz von automatisierten über- und unterirdischen Kameras und Sensoren, von Nachtsicht-, Wärmebild- und Infrarotsystemen (FLIR-Radar) mit GPS-Anbindung sowie von mobilen Röntgen- und Radioisotopgeräten (zur Fingerabdruck- und Substanzanalyse). In der Luft kommen seitdem neben 250 Flugzeugen und Helikoptern auch »Aerostat«, ein mit Radar ausgestatteter Heliumballon, der über 320 Meter weit »sehen« und Bodenaktivitäten wahrnehmen kann, sowie neun Drohnen zum Einsatz. Das Drohnenprogramm kostete zwischen 2005 und 2012 rund 360 Millionen US-Dollar, die Anschaffung von 14 weiteren dieser Flugkörper für 802 Millionen US-Dollar ist vorgesehen – aber umstritten, weil Vorgaben nicht erreicht wurden. 

Der unter Präsident Richard Nixon begonnene »War on Drugs« wurde in einen Krieg gegen Migration transformiert, in dem Tausende Menschen im Grenzgebiet verdursteten.³ Flüchtlinge und Arbeitsmigranten mussten wegen der Blockade der gängigen und weniger gefährlichen Grenzübergangsrouten in die für sie lebensbedrohlichen Regionen ausweichen. Sie benötigen daher professionelle (und teure) Fluchthelfer. Arbeitsmigranten, denen der Grenzübertritt gelingt, gehen angesichts der Kontrollintensität nicht mehr zurück nach Mexiko, sondern bleiben in den USA. 

  2005 wurden mehr als 1,2 Millionen illegalisierte Migranten von den Grenzschutzbehörden festgenommen, 2014 rund 480.000, darunter zirka 36.000 unbegleitete Kinder. In sozialwissenschaftlichen Schätzungen wird davon ausgegangen, dass etwa jeder vierte beabsichtigte Grenzübertritt verhindert werden kann, die Grenzschutzbehörden gehen von jedem fünften aus.? Eine Reaktion darauf ist der anhaltende Ausbau des Überwachungsapparats: So sieht der vom US-Senat unter Präsident Barack Obama verabschiedete, vom Repräsentantenhaus derzeit aber blockierte »Border Security, Economic Opportunity and Immigration Modernization Act« u. a. vor, dass bis 2017 der bisher 1.050 Kilometer lange Grenzzaun um weitere 1.126 Kilometer verlängert wird. 3.500 Grenzschützer sollen zusätzlich eingestellt sowie weitere Drohnen beschafft werden, für die, wie 2013 bekannt wurde, das Heimatschutzministerium seit 2010 die Bewaffnung mit »Less-lethal weapons«, also weniger tödlichen Waffen, in Erwägung zieht. 

  Eine weitere Reaktion auf die oben genannten »Erfolge« bei der Verhinderung von Grenzübertritten ist die Fütterung von Grenzdrohnen mit satellitengenerierten Georaumdaten, die im »Processing Exploitation and Dissemination Center« der »Homeland Security« generiert werden. Am Boden eigenständig von den Drohnen entdeckte Anomalien sollen analysiert und so unentdeckte Korridore im Grenzraum erkannt werden. Dafür pendeln die Drohnen über drei Tage in der Luft und kehren entlang definierter Routen zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Zwischen März und Oktober 2013 fanden 10.000 solcher »Change Detection«-Flüge statt. Erst wenn Auffälligkeiten gemeldet werden – die Fehlerquote liegt angeblich nur bei vier Prozent –, greifen Grenzschutzkräfte ein. Und schließlich wurde zur Bekämpfung der Migranten die südwestliche Grenzlinie als Südwestgrenzregion definiert, als das Gebiet, »das in einem 100-Meilen-Abstand zur südlichen Grenze liegt«? und in dem Bürgerrechte suspendiert sind. Bereits 2008 hatte die American Civil Liberties Union (ACLU) diese Zone als von Verfassungsrechten »bereinigt« (»Constitution Free Zone«) bezeichnet. Zoll- und Grenzschutzbeamte haben hier das Recht, anlasslos Durchsuchungen durchzuführen. Ebenfalls ohne konkreten Grund darf Privatbesitz (bis auf Wohnungen) im Abstand von bis zu 25 Meilen entlang jeder Grenze durchsucht werden – auch unter Zuhilfenahme von Drohnen. 2014 musste die Grenzschutzbehörde zugeben, ihre »Predator«-Drohnen 700mal an andere Behörden zur Inlandsüberwachung verliehen zu haben.? Die Grenzdrohne mutiert so zur »Heimatdrohne«. 

  Grenzraum Mittelmeer  Das Vorgehen in Arizona, wo – unter direktem Bezug auf die Erfahrungen des israelischen Militärs – ein technologiebasiertes US-Grenzregime rund um Drohnen ausgebaut wird, stößt in der EU auf großes Interesse. Was der US-amerikanischen Regierung ihre Wüstenregion, ist den Schengen-Staaten das Mittelmeer: militarisiertes Experimentierfeld für »Migrantenmanagement« durch Technologie. 

  260.000 Personen stellten im Jahr 2010 in den EU-Mitgliedsstaaten einen Asylantrag. Rund 10.000 davon waren über das Mittelmeer gekommen, 2014 waren es laut UNHCR-Angaben 570.800 in EU-Mitgliedsstaaten. Von den in Europa insgesamt 866.000 Antragstellern flohen 219.000 über das Mittelmeer. Auch nachdem die Landesgrenzen weitgehend mit Zäunen, Sensortechnologien und aufgerüsteten Grenztruppen abgeschottet sind, erreichen also immer noch drei Viertel aller Flüchtenden die »Festung Europa« auf dem Landweg, und wie an der US-Grenze steigt die Zahl der Flüchtenden (und Toten) trotz des Ausbaus der Grenzräume und der Verlagerung von Abschottungsmaßnahmen in Drittstaaten, die, wie Libyen, auch mit Drohnen ausgerüstet werden. 

  Grenzfragen wurden zu einer Sache der Innenministerien und eskalierten mit 9/11 auch in Europa zu einer sich militarisierenden Angelegenheit. Für das Schengen-Europa rückten unter diesem Eindruck nun ebenfalls Grenzdrohnen ins Blickfeld. Ausdruck davon waren der »Strategic Aerospace Review for the 21st Century« (2002), der von einem Beirat vorgelegt wurde und erstmals Drohnen thematisierte. Weiterhin gibt es die Sicherheitsstrategie des Europarats »Research for a Secure Europe« (2004) von der »Group of Personalities«, ein ebenfalls von der Europäischen Kommission ernanntes Gremium, das mehrheitlich mit Vertretern der Militärindustrie besetzt war und erstmals Drohnen für zivile und militärische Nutzung thematisierte. Im 5. Rahmenprogramm (Framework Programme, FP) (1998–2002) wurden unter der Führung von Israel Aircraft Industries 7,5 Millionen Euro für Drohnen-»Visionen« bereitgestellt, im FP 6 (2002–2006) 62 Millionen Euro für Überwachungstechnologie, darunter für die Projekte »Limes« (21 Millionen Euro) und »µDrones« (1,9 Millionen Euro). Im aus der Sicherheitsstrategie resultierenden Forschungsprogramm zur zivilen Sicherheitspolitik, »Prepatory Action for Security Research« (2004–2006), wurden die ersten Drohnenprojekte umgesetzt. Im folgenden Rahmenprogramm FP 7 (2007–2013) gingen von rund 230 Millionen Euro für »Intelligente Überwachung und Grenzsicherheit« 25,9 Millionen an Drohnenprojekte; die Summe für Drohnenforschung betrug 119,8 Millionen. Im Gesamtbudget von »Horizon 2020« (2014–2020) sollen zwischen 18 und 37 Millionen an drohnenrelevante Grenzsicherungsprojekte ausgereicht werden. 

  2005 begann Frontex, die europäische Grenzschutzorganisation, ihre Tätigkeit als koordinierendes Gremium der Mitgliedsstaaten. Sie führt Risikoanalysen durch, entwickelt Pilotprojekte, organisiert Workshops und Demonstrationsprojekte. 2015 hat Frontex 256 Beschäftigte – 2007 waren es 82 – und ein Budget von 115 Millionen Euro, 2007 noch 35 Millionen. 

Allein zwischen 2010 und 2014 fanden 18 Veranstaltungen zu Flugdrohnen und deren Subsystemen statt. Die Grenzschutzorganisation zahlten an die eingeladenen Drohnen- und Subsystemproduzenten jeweils bis zu 200.000 Euro für Vorträge. Frontex versteht sich nicht nur als »Schlüsselinstitution, um die Lücke zwischen Produzenten und Endabnehmern zu schließen«,? sondern setzt Standards für Kapazitäten, die Drohnen haben sollen und erwägt, selbst Drohnen anzuschaffen. 

  Weil derzeit in Europa (und den USA) keine Richtlinien für den Flug unbemannter Systeme in größerer Höhe und von größerem Gewicht vorliegen, beruhen Drohneneinsätze bisher auf Ausnahmegenehmigungen. Bis Dezember 2015 will aber die EU (Washington bis 2016) verbindliche Flugregeln aufstellen. »Echte« Drohneneinsätze über dem Mittelmeer haben bisher nur das spanische und italienische Militär während der »Operation Mare Nostrum« geflogen, dabei auch in libyschen und maltesischen Hoheitsgewässern. Das italienische Militär überwachte den libyschen Hafen in Tripolis zuletzt im Februar 2015 mit einer »Predator A+« und begann im März mit der Mission »Mare Sicuro«, bei der italienische Bohrinseln in libyschen Gewässern mit »Predator B« überflogen werden. Auch für Frontex ist die Erstellung von »Common pre-frontier intelligence pictures«, also die Ausspähung von Nicht-Schengen-Staaten, Teil des Aufgabenspektrums. Ab 2016 soll die Integration von Drohnen in ein europäisches »System of systems« möglich sein. 

  Denn was den USA ihre »Secure Border Initiative« war, ist der EU-Kommission ihr Projekt »European Border Surveillance System« (Eurosur). Von der EU-Kommission seit 2008 entwickelt und im Oktober 2013 bewilligt, werden Frontex und die Nationalen Koordinierungszentren (NCC) der Grenzüberwachung so vernetzt, dass echtzeitnaher Informationsaustausch inklusive Verteilen, Speichern, Bearbeiten und Weiterverbreiten von Daten aus einer Vielzahl von Quellen und an eine Vielzahl von Adressaten möglich wird. Wo Forschungslücken bestehen, werden sie durch das bereits genannte Programm »Horizon 2020« gefüllt. Auch hier dominiert die Rüstung, elf von 13 Projekten wurden bzw. werden von Militärfirmen geführt. 

  Konkurrenz der Systeme  Ähnlich wie in den USA konkurrieren unterschiedliche Systeme um den Status als »System of systems«. Man ist sich zwar einig, dass »irreguläre« Migranten und Flüchtlinge unerwünscht sind, aber welche Technologie sich durchsetzt, welche Drohnen zum Einsatz kommen, welche Rüstungs- und Technologiefirmen vom Grenz- und Migrationsmanagement profitieren, das bleibt politökonomisch umkämpftes Terrain. 

  Hinter Eurosur stehen maßgeblich die Generaldirektion (GD) Migration und Inneres der EU-Kommission und Frontex. Daneben gibt es das militärische »Maritime Surveillance System« (MARSUR), das von der Europäischen Verteidigungsagentur (EDA) betrieben wird, und das »Common Information Sharing Environment« (CISE) der Generaldirektion für maritime Angelegenheiten und Fischerei (GD Mare), in der militärische und zivile Agenturen zusammenarbeiten. Drohnen hätten alle gern, dabei aber auch die Führerschaft innerhalb der EU, so dass konkurrierend zueinander und mit jeweils unterschiedlichen Unternehmen gearbeitet wird. Das bevorzugte Testfeld ist das Mittelmeer. 

  Frontex und verschiedene Anrainerstaaten beginnen dort mit ersten Testeinsätzen im Rahmen der Projekte »Closeye« (ab Juli 2015) und »Sunny« (September 2016). Die GD Mare gab 2015 bekannt, sie erwäge den Kauf von Drohnen, während das Gemeinschaftsprojekt der Europäischen Weltraum- (ESA) und Verteidigungsagentur (EDA), DeSIRE, seine Drohnentestflüge bereits Ende 2014 absolvieren ließ und in eine zweite Phase getreten ist. Mit dem Projekt »Aeroceptor« (Sommer 2015) wird auch in Europa die Grenz- zur »Heimatdrohne«. Bewaffnete Drohnen werden im bereits genannten Rahmenprogramm FP 7 für den Einsatz gegen Fahrzeuge und Boote getestet; die Innenministerien bzw. Polizeien Spaniens und Israels sind daran beteiligt. Am 19. Mai 2015 schließlich unterzeichneten die Verteidigungsminister von Frankreich, Deutschland und Italien ein Abkommen zur Entwicklung einer bewaffneten Flugdrohne bis 2025 und folgten damit der Aufforderung der Firmen Airbus Defence, Dassault Aviation und Finmeccanica vom Juni 2013 und Mai 2014, ein System zu entwickeln »for both military and security missions«.? 

  Das Beispiel USA zeigt, dass sich Migranten oder Flüchtlinge mit dem vorhandenen Drohnenarsenal bzw. seinen Subsystemen und sonstigem Militärmaterial nicht aufhalten lassen. Im Ergebnis »sehen« die Grenzschutzbehörden lediglich mehr Tote, und die Drohnen- und Rüstungsfirmen machen mehr Umsatz. Für das Mittelmeer drängt die EU jetzt entschlossen auf den militärischen Einsatz. Die Kommission in Brüssel erwartet dazu vom UN-Sicherheitsrat kurzfristig ein Mandat, denn im Juni 2015 soll ihre dreistufige Mission »EU Navfor Med« beginnen, die »in der Endphase die ›Neutralisierung‹ von Schleuserbooten, Treibstofflagern und sonstigen Einrichtungen vorsieht«.? 

  »Prävention durch Abschreckung«, auf diese Formel haben vor 20 Jahren die USA ihre Politik gegen Flüchtlinge gebracht. In Europa will man zum Sommer hin im südlichen Mittelmeer auf sie schießen. Man reibt sich die Augen – und das Führungspersonal der Drohnen- und Rüstungskonzerne die Hände. 

  Anmerkungen  1 European Commission: Towards a European Strategy for the Development of Civil Applications of Remotely Piloted Aircraft Systems (RPAS), Brussels 2012: S. 4 

  2 »Eine effektive Balance zwischen Kosten und Leistung«; J. Napolitano: zitiert nach K. Johnson: Homeland Security Scraps Border Fence. Wall Street Journal vom 15.1.2011 

  3 Von den 4.400 Toten der vergangenen zehn Jahre (2004–2014) starben die Hälfte im Grenzsektor Tucson (Arizona), ein weiteres Viertel im Rio Grande Valley (Texas). Die Zahl der Toten ist in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich gestiegen; vgl. United States Border Patrol, Southwest Border Deaths By Fiscal Year. Washington D. C. 2015 

  4 Department of Homeland Security: US-Mexico Border Fence/Great Wall of Mexico Secure Fence. Washington D. C. 2012, www.globalsecurity.org 

  5 US Senate: Border Security, Economic Opportunity and Immigration Modernization Act 2013. Washington D. C. 2013: SEC. 1101–1103 

  6 M. Peck: Drones Can’t Protect Our Borders (16.01.15), http://nationalinterest.org 

  7 Vgl. http://frontex.europa.eu/research/role 

  8 »Für sowohl militärische als auch Sicherheitsmissionen«; Airbus, Finmeccanica and Dassault Aviation Welcome European MALE Study (19.05.15), http://www.uasvision.com 

  9 A. Rettman: EU Countries Agree Boat-Sinking Operation (18.5.2015), https://euobserver.com 

 

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