Der Tod der Liga  

Arabische Staaten sind mit USA auf Linie  

Knut Mellenthin 

In: junge Welt online vom 31.03.2015 

 

Die Arabische Liga hat nach einem Gipfeltreffen am Sonntag ihre Absicht bekanntgegeben, eine gemeinsame Eingreiftruppe zu bilden. Dass diese Maßnahme beschlossen werden würde, konnte man den Medien schon am Freitag entnehmen. Demokratisch, transparent oder gar überraschend geht es nicht zu bei den Treffen der Dachorganisation, die zur Zeit ohne das suspendierte Syrien 21 Mitgliedstaaten zählt. Wenn die Führer Saudi-Arabiens und Ägyptens sich einig sind, und das waren sie in diesem Fall, sind Konferenzbeschlüsse nur noch Formsache. 

Praktische Bedeutung wird die nicht gerade substantiell formulierte Entscheidung vom Sonntag vermutlich in absehbarer Zeit nicht bekommen. 

Bisher sind weder die Zusammensetzung und die Befehlsstrukturen einer solchen Truppe noch ihr Einsatzauftrag geklärt. Die von den Medien verbreitete Angabe, dass die künftige panarabische Task Force eine Stärke von 40.000 Mann haben solle, beruht auf inoffiziellen Erzählungen ägyptischer Politiker und Militärs. Die Aussage im Kommuniqué des Treffens, dass die Beteiligung der Mitgliedstaaten an der Truppe freiwillig sei, weist auf die Meinungsverschiedenheiten und widersprüchlichen Interessen innerhalb der Liga hin. Die Vertreter des mehrheitlich schiitischen Iraks haben dem Beschluss bekanntermaßen nicht zugestimmt. Sie waren aber vermutlich nicht die einzigen Kritiker der von Saudi-Arabien und Ägypten diktierten Entscheidung, die eine deutliche Stoßrichtung gegen den Iran hat. 

In formaler Hinsicht enthält schon das Abkommen über Verteidigungs- und Wirtschaftskooperation, das die damaligen sieben Mitglieder der Liga am 17. 

Juni 1950 unterzeichneten, die Verpflichtung zur engen militärischen Zusammenarbeit. Unter anderem sieht dieser Vertrag die Bildung von Gremien für die gemeinsame Verteidigungsplanung vor, die aber nicht stattfand. 

Ägyptische Vorstöße zur Bildung eines »Vereinigten Arabischen Oberkommandos« scheiterten in den frühen 1960er Jahren. Auch spätere Initiativen führten zu nichts. Eine von den Staaten der arabischen Halbinsel 1984 gegründete regionale Eingreiftruppe kam bisher nur zur Bekämpfung schiitischer Demonstrationen in Bahrain zum Einsatz. 

Der Beschluss vom Sonntag hat vor diesem Hintergrund im wesentlichen symbolische Bedeutung. Er ist Ausdruck der wachsenden Bereitschaft einiger arabischer Regierungen, in Mitgliedstaaten der Liga militärisch zu intervenieren und dabei nicht nur deren Destabilisierung, sondern auch die damit verbundenen negativen Folgen für die gesamte Region zwischen dem Westen Nordafrikas und dem Mittleren Osten in Kauf zu nehmen. Von der Verteidigung der nationalen Souveränität gegen die USA und die europäischen Großmächte, die in der Anfangszeit der Liga noch beschworen wurde, ist nicht mehr die Rede. Die Strategie, die gegenwärtig von Riad und Kairo durchgesetzt wird, ist mit der Politik des Westens und Israels vollständig kompatibel. 

 

__________________________ 

März 30, 2015

Sanktionen gegen Saudi Arabien sind nirgends Gespräch, während sie gegen Russland aufgrund demokratischer und friedlicher Separation der Krim sofort möglich waren.

by Kommunisten-Online

Verzerrte Berichterstattung über den Jemen

von Frank Geppert

Quelle: Friedensbewegung Halle/S. vom 27. März 2015 

Im Jemen ist Krieg. Saudi Arabien bombardiert das Land und tötet damit Rebellen aber auch Zivilisten. Die US-Regierung wirft den jemenitischen Rebellen vor, vom Iran finanziert zu sein. Unsere deutschen Mainstream-Medien stellen es so dar, als ob der Angriff erfolgt, weil die schiitischen Hothi den Präsidenten Hadi gerade aus dem Land gejagt hätten. Der Leser folgt bereitwillig dieser Logik.

Doch wer nur ansatzweise und auch nur wenige Minuten recherchiert, stellt fest, dass der ehemalige Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi bereits am 22. Januar 2015 von seinem Amt zurück getreten ist. Die gesamte Regierung war sogar noch früher zurück getreten. Die Huthi-Rebellen sind laut Wikipedia "seit 2015 de facto die Machthaber des Jemen". Sie kontrollieren seit September die Hauptstadt Sanaa, erstellten eine Übergangsverfassung und richteten einen Nationalrat mit 551 Mitgliedern ein.

Ein halbes Jahr später erfolgen Bombardements auf Städte und Zivilisten und in Deutschland wird vorwiegend über den Absturz der Germanwings-Maschine berichtet und Sanktionen gegen Saudi Arabien sind nirgends Gespräch, während sie gegen Russland aufgrund demokratischer und friedlicher Separation der Krim sofort möglich waren.

Im Gegenteil, Siegmar Gabriel hat gerade weitere Waffengeschäfte mit Saudi Arabien vereinbart. Deutschland hat zwischen 2001 und 2014 Waffen im Wert von 2,6 Milliarden Euro nach Suadi Arabien geliefert, darunter Feuerleiteinrichtungen, Kriegsschiffe, Munition, Kleinwaffen sowie Fahrzeuge und Panzer.

Enthauptung

Saudi Arabien unterscheidet sich in ihrem Handeln kaum vom Islamischen Staat. Es werden offiziell Menschen zum Tode verurteilt gesteinigt, erschossen und geköpft. Enthauptungen werden mit dem Schwert durchgeführt und können erfolgen nach Vergewaltigung, Ehebruch, Ermordung, Konversion in eine andere Religion, Hexerei, bewaffnetem Raub oder Handel mit Betäubungsmitteln.

___________________

 

Der große Feind Iran  

Neue »Eingreiftruppe« soll Instrument gegen schiitische Rebellen und gegen Teheran sein. Doch einig sind sich die Staaten der Arabischen Liga nicht  

Karin Leukefeld 

In: junge Welt online vom 31.03.2015 

 

Die Arabische Liga hat bei ihrem Gipfeltreffen am vergangenen Wochenende die Bildung einer gemeinsamen arabischen »Eingreiftruppe« abgesegnet. Doch nicht alle der 22 Mitgliedsstaaten sind mit der Entscheidung einverstanden, nur 14 Staatsoberhäupter waren im ägyptischen Badeort Scharm el Scheich überhaupt zugegen. Obwohl elf Themen auf der Tagesordnung standen - darunter die Konflikte zwischen Israel und den Palästinensern sowie die Lage in Syrien, Libyen und im Jemen - konzentrierte sich die Debatte der Präsidenten, Könige und Emire auf die Bildung der arabischen Streitmacht. 

Der ägyptische Präsident Abdel Fattah Al-Sisi brachte allerdings auch das Thema eines »nuklearwaffenfreien Mittleren Ostens« vor und forderte ein Ende der israelischen Besatzung in Palästina. 

Befeuert worden war die Diskussion um die gemeinsame Armee durch das Vorpreschen von Saudi-Arabien und den Staaten des Golfkooperationsrates, die zwei Tage vor dem Gipfel mit Luftangriffen in den internen Machtkampf im Jemen eingegriffen hatten. Der amtierende Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi war von der Ansarollah-Miliz abgesetzt worden, die Hadi vorwerfen, sie von der Macht auszugrenzen. Die von ihren Gegnern und in westlichen Medien als »Huthis« bezeichneten Rebellen, die ihre Hochburgen vor allem im Nordjemen an der Grenze zu Saudi-Arabien haben, werden von Teilen der jemenitischen Armee unterstützt, die den ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh als ihren Oberbefehlshaber ansehen. Saleh war 2012 unter dem Druck öffentlicher Proteste und nach dem Eingreifen Saudi-Arabiens abgesetzt worden. Er gehört - wie die Ansarollah - der Religionsgruppe der Zaiditen an, einer Strömung des schiitischen Islam, die es nur im Jemen gibt. 

Ein Bündnis von zehn Staaten folgte - unter Führung der saudischen Luftwaffe - einem Aufruf des in Bedrängnis geratenen jemenitischen Präsidenten Hadi, der nicht nur zum Kampf gegen die »Banditen der Huthis« aufrief, sondern auch gegen den Iran. Beobachtern zufolge scheint der Einfluss des Irans allerdings weniger bedeutsam zu sein, als allgemein dargestellt. Vermutlich soll Teheran - nicht zuletzt vor dem Hintergrund seiner Rolle in Syrien - zum großen Feind der arabischen Welt aufgebaut werden. Der saudische Außenminister hat bereits mehrfach erklärt, Syrien sei »vom Iran besetzt« und müsse »befreit« werden. 

Wofür oder gegen wen die neue arabische Truppe eingesetzt und von wem sie perspektivisch geführt werden soll, ist noch nicht ausgemacht. Der ägyptische Präsident Al-Sisi fordert eine arabische Koalition, um gegen die »Bedrohung der Sicherheit« in der arabischen Welt vorgehen zu können. Er sagt das vor dem Hintergrund anhaltender Gewalt und Anschläge gegen ägyptische Soldaten auf der Sinai-Halbinsel und der Lage im benachbarten Libyen. Beide Staaten sind durch eine lange gemeinsame Grenze verbunden und wurden in jüngerer Vergangenheit von Milizen angegriffen, die sich der Terrororganisation »Islamischer Staat« zugehörig erklärt haben. Der ehemalige Emir von Katar schließlich sprach sich bereits 2011 für ein arabisches Eingreifen gegen die Führung in Syrien aus. Das wiederum wird von Al-Sisi strikt abgelehnt. 

Die Entscheidung der Arabischen Liga muss nun umgesetzt werden, was Monate dauern kann. Zunächst sollen Experten einen Plan erstellen. Nach Vorstellung Kairos soll die Truppe 40.000 Elitesoldaten umfassen und in der ägyptischen Hauptstadt oder in der saudischen Kapitale Riad ihr Hauptquartier haben. Neben Soldaten werden auch Kampfflugzeuge und Kampfschiffe zur Verfügung gestellt. Die Frage der Führung ist ungeklärt. 

Ägypten verfügt über die meisten Soldaten und große militärische Erfahrung. 

Allerdings ist das Land auf finanzielle Hilfe der Golfstaaten und Saudi-Arabiens angewiesen, was eine Führungsrolle unwahrscheinlich erscheinen lässt. 

Die 22 Staaten der Arabischen Liga werden sich auf freiwilliger Basis an der neuen Truppe beteiligen. Die Nachrichtenagentur AP wies darauf hin, dass es sich bei der Truppe letztlich um eine »sunnitisch-muslimische arabische Streitkraft« handeln werde, die sowohl gegen »schiitische Aufstände« als auch »gegen den Iran« eingesetzt werden könne. Sowohl das Sultanat Oman als auch der Irak lehnen eine Beteiligung an der neu gebildeten arabischen »Streitmacht« ab. Für die USA und die NATO ist die Entscheidung der Arabischen Liga zum Aufbau der Truppe jedoch ein Erfolg, denn sie soll in enger Abstimmung mit den westlichen Militärmächten agieren. 

 

__________________________ 

 

Saudi Arabien bombardiert Flüchtlingslager 

Über 100 Tote und Verletzte bei Luftangriff auf Jemen 

 

Sanaa. Bei einem Luftangriff auf ein Flüchtlingscamp im Jemen sind am Montag nach Angaben von Beobachtern mindestens 45 Menschen getötet worden. 65 weitere Menschen seien bei dem Angriff auf das Lager im Nordwesten des Landes verletzt worden, sagte ein Sprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM). 

In: Neues Deutschland online vom 30.03.2015 

Weiter unter:  

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/966459.saudi-arabien-bombardiert-fluechtlingslager.html 

___________________ 

 

Arabische Liga will Krieg  

Staatenorganisation beschließt Aufbau gemeinsamer Armee. Schwere Bombardements im Jemen  

Christian Selz 

In: junge Welt online vom 30.03.2015 

 

Während vor allem Saudi-Arabien den Krieg gegen schiitische Ansarollah-Rebellen im Jemen weiter ausweitet, hat die Arabische Liga am Sonntag die Bildung einer gemeinsamen Armee beschlossen. Wie Ägyptens Militärmachthaber Abdel Fattah Al-Sisi am Rande eines Treffens der Staatenorganisation in Scharm el Scheich sagte, solle die Truppe gegen »extremistische Gefahren« in der Region eingesetzt werden. Die Gründung sei »aus Verantwortung gegenüber den wachsenden Herausforderungen der arabischen Nationen« erfolgt, behauptete Al-Sisi. 

Der Aufbau der gemeinsamen Streitmacht befördert die Eskalation im Konflikt mit dem Iran. Die gegenüber den USA loyalen Regime auf der arabischen Halbinsel haben in den vergangenen Jahren ihr Militär stark aufgerüstet und führen seit der vergangenen Woche mit einer Allianz aus zehn Staaten Krieg gegen den Jemen. Dort bombardierten Luftwaffenverbände unter der Führung Saudi-Arabiens am Wochenende erneut Städte im ganzen Land. Bei Angriffen in der Nacht zum Sonntag zerstörten sie die Landebahn des internationalen Flughafens der Hauptstadt Sanaa. Bei einer Attacke auf das Hauptquartier der auf seiten der Rebellen kämpfenden Republikanischen Garde wurden deren Angaben zufolge 15 Menschen getötet. In der Hafenstadt Aden forderten die Angriffe nach lokalen Medienberichten über 100 Menschenleben. Der in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässige Sender Al-Arabija berichtete unter Berufung auf das saudische Militär derweil, dass bei Bombardements der im Norden des Landes gelegenen Stadt Saada, die als Hochburg der Ansarollah gilt, ein Großteil der Waffenbestände der Rebellen zerstört worden sei. 

Ein Ende des Kriegs ist derweil nicht abzusehen. Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Nabil Al-Arabi, sagte bei einem Gipfeltreffen am Sonntag in Scharm el Scheich, der »Einsatz« werde bis zur Kapitulation der Rebellen fortgesetzt. Der inzwischen mit saudischer Hilfe geflohene Präsident des Jemen, Abed Rabbo Mansur Hadi, hatte die Angriffe auf sein Land selbst gefordert. 

 

__________________________ 

 

Riad auf Kriegskurs  

Von Saudi-Arabien geführte Koalition greift in den jemenitischen Bürgerkrieg ein. Beifall und Hilfe aus Washington. 

Knut Mellenthin 

In: junge Welt online vom 28.03.2015 

 

Seit Donnerstag gibt es einen neuen Kriegsschauplatz. Das saudische Regime begann in den frühen Morgenstunden an der Spitze einer Koalition von zunächst neun Staaten eine Militärintervention im Nachbarland Jemen. Kern der Allianz sind neben Saudi-Arabien vier weitere Mitglieder des Kooperationsrats der Golfstaaten: die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Katar und Bahrain. Der sechste Staat der arabischen Halbinsel, Oman, beteiligt sich zumindest vorerst nicht. Das Sultanat pflegt traditionell freundschaftliche Beziehungen zum Iran, dem eigentlichen Gegner des saudisch geführten Kriegsbündnisses. 

Zur Koalition gehören auch Ägypten, Jordanien, der Sudan und das mehr als 7.000 Kilometer vom Jemen entfernte nordafrikanische Königreich Marokko. 

Als zehnten Staat nannten saudische Diplomaten und Medien am Donnerstag Pakistan. Das erwies sich jedoch als voreilig. Premierminister Nawaz Sharif, ein alter Freund der Saudis, die zudem einer der wichtigster Geldgeber der chronisch maroden pakistanischen Wirtschaft sind, ist einer Beteiligung an der Intervention im Jemen zwar nicht abgeneigt, wäre aber gern vorher gefragt worden. Deshalb führte eine hochrangige Delegation am Freitag Gespräche in Riad. Ihr gehörten neben Vertretern des Militärs auch Verteidigungsminister Khawaja Asif und Sharifs Nationaler Sicherheitsberater Sartaj Aziz an. Beide sind zugleich einflussreiche Bankleute, die für Privatisierungen und Neoliberalismus stehen. 

Nach Angaben der im saudischen Besitz befindlichen Zeitung Al-Arabija hat Riad zur Kriegskoalition 100 Kampfflugzeuge beigesteuert. Weitere 30 kommen dieser Quelle zufolge aus den Emiraten, je 15 aus Kuwait und Bahrain, zehn aus Katar, sechs aus Jordanien und drei aus dem Sudan. Das ägyptische Militärregime ist an der Intervention nach eigenen Mitteilungen mit seiner Kriegsflotte und Luftwaffe beteiligt. Präsident Abdel-Fattah Al-Sisi kündigte zudem am Donnerstag an, dass seine Streitkräfte auch zur Entsendung von Bodentruppen in den Jemen bereit seien, »falls das erforderlich ist«. Saudi-Arabien hält nach Angaben aus Riad 150.000 Soldaten an der Grenze für einen Einmarsch in den Jemen bereit. 

Die US-Regierung hatte den Saudis offenbar grünes Licht für die Intervention gegeben oder sie sogar direkt ermuntert. Auffallend schnell gab das Weiße Haus am Donnerstag morgen über die Sprecherin seines Nationalen Sicherheitsrats, Bernadette Meehan, seine Zustimmung bekannt. 

Präsident Barack Obama habe angeordnet, die Militäroperationen im Jemen mit Nachschubmitteln und nachrichtendienstlichen Informationen zu unterstützen. 

Die US-Streitkräfte seien zwar an den Kriegshandlungen nicht direkt beteiligt, hätten aber mit Saudi-Arabien einen gemeinsamen Planungsstab gebildet, um die Unterstützung der Intervention zu koordinieren. 

Auch die britische Regierung teilte in einer ersten Stellungnahme des Außenministeriums ihre Zustimmung zu der Intervention mit. Wie weit sich das auch in materiellen Beiträgen ausdrücken soll, blieb zunächst offen. 

Etwas überraschender als der Beifall aus Washington und London kam die Zustimmung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. 

Traditionell war das Verhältnis des Fundamentalisten und Unterstützers der Muslimbruderschaft zu den Saudis nicht nur gespannt, sondern geradezu feindselig. In Saudi-Arabien steht die Organisation auf der Terrorliste und wird brutal verfolgt. König Salman, der das Land seit dem 23. Januar regiert, hat zwar das Verbot nicht gelockert, bemüht sich aber um pragmatische Gesten gegenüber Staaten, die die Muslimbrüder unterstützen. 

Neben der Türkei ist das vor allem Katar. Als trauriges Detail ist zu melden, dass auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, der sehr vom Geld der Ölstaaten abhängt, seine Unterstützung für das militärische Eingreifen im Jemen anmeldete. 

Nach offizieller Darstellung, die von den westlichen Medien weitgehend übernommen wird, richtet sich die saudisch geführte Intervention gegen schiitische Rebellen aus dem Nordjemen, die im September 2014 die Hauptstadt Sanaa eroberten und seither weiter nach Süden vorrücken. Der Anteil der Schiiten an der jemenitischen Bevölkerung liegt allerdings lediglich bei 25 bis 30 Prozent. Nur aus eigener Kraft wären sie zu derartigen militärischen Erfolgen nicht in der Lage. In Wirklichkeit sind große Teile der regulären Streitkräfte auf ihre Seite übergegangen, darunter die Luftwaffe und schlagkräftige Spezialeinheiten. So richteten sich die Angriffe der Koalition am Donnerstag und Freitag hauptsächlich gegen Stützpunkte der jemenitischen Luftwaffe und gegen Flugabwehranlagen. 

Die Saudis und ihre Verbündeten rechtfertigen ihr Eingreifen mit einem Hilfsersuchen des »legitimen«, »demokratisch gewählten« Präsidenten Abd Rabbo Mansur Hadi. Tatsächlich hatte der inzwischen nach Riad Geflüchtete mehrmals um die Intervention gebeten. »Gewählt« wurde er am 21. Februar 2012 mit der atemberaubenden Mehrheit von 99,8 Prozent. Außer der Tatsache, dass es keinen Gegenkandidaten gab, muss man über seine »demokratische Legitimation« nicht viel mehr wissen. Die US-Regierung hatte, wahrscheinlich in Absprache mit den Saudis, Hadi als Nachfolger von Präsident Ali Abdullah Saleh ausgewählt. Saleh war seit 1978 Präsident der nordjemenitischen Republik und nach dem Zusammenschluss mit dem südlichen Landesteil 1990 Staatsoberhaupt des Jemen gewesen. Die USA hatten mit ihm jahrzehntelang eng zusammengearbeitet, ließen ihn aber fallen, als er 2011 im Zuge des »arabischen Frühlings« das Ziel kontinuierlicher Massendemonstrationen wurde. 

Indessen behielt der Gestürzte viele Anhänger in den Streitkräften und bei einigen der traditionell gut bewaffneten sunnitischen Stämme. Der Aufstand, den die Saudis jetzt mit Hilfe ihrer Koalition niederschlagen wollen, hat daher ein breiteres Fundament als nur die schiitische Minderheit und deren Rebellenorganisation Ansarollah, die in westlichen Medien meist mit dem verächtlich gemeinten Namen »Huthis« bezeichnet wird. 

 

__________________________ 

 

Eiskalte Dusche 

In: junge Welt online vom 28.03.2015 

 

Mindestens acht weitere sunnitisch-muslimische Staaten hat das saudische Regime für seine Militärintervention im Jemen zusammengebracht. Mit Pakistan könnte ein zehnter Staat zur Kriegskoalition stoßen, der 185 Millionen Einwohner und die stärkste Armee der islamischen Welt mitbringt. 

Für ein Eingreifen im Jemen ist das Aufgebot offensichtlich einige Nummern zu groß. In Wirklichkeit ist das scheinbar hastig zusammengestückelte Bündnis eine Generalprobe für gemeinsame Kriegshandlungen gegen den Iran. 

Teheran unterstützt politisch und vermutlich auch materiell die schiitische Minderheit im Jemen. Wenn diese von der saudisch geführten Militärmaschinerie niedergeschlagen werden könnte, ohne dass der gleichfalls schiitische Iran ihnen wirksam zu helfen vermag, wäre das ein schwerer Gesichtsverlust. Dass israelische Medien jubeln, wie gut die saudischen Kriegspläne für ihr Land sind, und erfreut feststellen, dass die »sunnitisch-schiitischen Kriege global werden« (Jerusalem Post vom 27. März 2015), ist kein Wunder. 

Ein schlimmes Signal ist die offene und schnelle Unterstützung der Kriegskoalition durch die US-Regierung. Diese Reaktion kommt unerwartet, da es bisher nicht so aussah, als wäre Washington mit den Militäroperationen der schiitischen Milizen und der mit ihnen verbündeten regulären Streitkräfte unzufrieden. Immerhin richten sich diese nicht zuletzt gegen Al-Qaida und Anhänger des »Islamischen Staates«, an deren Bekämpfung auf den ersten Blick auch die Obama-Administration ein Interesse haben müsste. 

Die iranische Führung schien sich sogar der Illusion hinzugeben, dass Washington bei der Bekämpfung des IS im Irak und Syrien auf ihre Hilfe angewiesen und im Gegenzug bereit oder sogar gezwungen sei, dem Iran eine Vormachtstellung in der Region zuzugestehen. 

Die US-amerikanische Unterstützung der sunnitischen Kriegskoalition ist eine eiskalte Dusche für den seit Monaten überstrapazierten iranischen »Opportunismus«. Sie kommt genau im entscheidenden Stadium der Verhandlungen über die Begrenzung des iranischen Atomprogramms. (km) 

 

__________________________ 

 

Intervention aus Tradition  

Knut Mellenthin 

In: junge Welt online vom 28.03.2015 

 

Militärische Interventionen Saudi-Arabiens im Nachbarstaat Jemen haben eine lange Geschichte. 1962 stürzte das Militär des nordjemenitischen Königsreichs - der Süden des Landes stand damals noch unter britischer Herrschaft - den Monarchen durch einen Staatsstreich und rief die Republik aus. Daraufhin belieferten die Saudis, das jordanische Herrscherhaus und Pakistan die royalistischen Stämme mit Waffen und Munition, während Großbritannien aus dem Hintergrund assistierte. Riad zahlte auch für Hunderte von ausländischen Söldnern, die für den Einsatz im Jemen angeworben wurden. Angehörige saudischer Sicherheitskräfte kämpften an der Seite der Royalisten. Ägypten, das damals vom panarabischen Nationalisten Gamal Abdel Nasser geführt wurde, schickte zeitweise bis zu 70.000 Soldaten zur Unterstützung der Republikaner in den Jemen. Das Unternehmen endete im September 1967 nach hohen Verlusten und vielen Grausamkeiten auf beiden Seiten mit dem Abzug der Ägypter. Das bedeutete eine schwere politische Niederlage Nassers, der kurz zuvor im Junikrieg von Israel schwer gedemütigt worden war. Aber immerhin blieb der Jemen eine Republik. 

1990 vereinigte sich Nordjemen mit der Volksrepublik im Süden zu einem gemeinsamen Staat. Die Volksrepublik, die kaum Rohstoffe und Industrieanlagen besaß, war zu diesem Schritt hauptsächlich dadurch genötigt worden, dass die Sowjetunion unter der Führung von Michail Gorbatschow ihre Hilfe weitgehend eingestellt hatte. Sehr schnell kam es aber zu bewaffneten Versuchen, die Unabhängigkeit zurückzugewinnen. In diesem Bürgerkrieg, der 1994 mit der Niederlage des Südens endete, unterstützte Saudi-Arabien die ihnen politisch-ideologisch sehr fern stehenden »sozialistischen« Separatisten mit Waffen und Geld. Das Motiv der Saudis: Die Vereinigung der beiden Landesteile des Jemens war ihnen von Anfang an unangenehm gewesen, da sie schwache Nachbarn bevorzugen. 

Seit Juni 2004 befand sich die jemenitische Zentralregierung in einem fast ununterbrochenen Krieg gegen die schiitische Minderheit, deren Schwerpunkt im Norden des Landes rund um die Stadt Saadah liegt. Zeitweise setzte die Regierung bis zu 30.000 Soldaten für Bodenoffensiven ein. Saudi-Arabien unterstützte die Feldzüge gegen die Schiiten hauptsächlich durch Geld, Waffenlieferungen und Luftangriffe. Im Jahr 2009 setzte Riad auch mehrere tausend Soldaten zu Bodenoperationen auf jemenitischem Territorium ein. Die schiitischen Rebellen reagierten mit wirkungsvollen Vorstößen auf saudisches Gebiet. Die Regierung in Riad gab die eigenen Verluste damals mit 133 Soldaten an. Anderen Berichten zufolge waren sie jedoch erheblich höher. 

 

__________________________