Vernichtende Bilanz  

Analyse. Die Zahl der Opfer, die die Kriege des Westens fordern, liegt deutlich höher, als üblicherweise behauptet. Teil I: Der Body Count im Irak  

Joachim Guilliard 

In: junge Welt online vom 05.07.2014 

 

Wie man den Äußerungen führender Politiker, beispielsweise während der diesjährigen Münchner »Sicherheitskonferenz«, entnehmen kann, ist die regierende große Koalition fest entschlossen, die Bundeswehr zukünftig häufiger in den Krieg zu schicken. Ein wichtiges Mittel gegen die intensiven Bemühungen, mehr Zustimmung in der Bevölkerung für die militärische Durchsetzung außenpolitischer Interessen zu gewinnen, ist es, die verheerenden Folgen der letzten Kriege des Westens einer breiten Öffentlichkeit vor Augen zu führen. 

Bisher wurde ihr das Ausmaß der gesellschaftlichen Katastrophen, die sie verursachten, kaum bewußt. Dies ist durchaus so gewollt. Zwar werden militärische Angriffe und Besatzungen stets mit »humanitären« Zielen, wie dem Schutz von Bevölkerungsgruppen oder der Herstellung von Sicherheit und Ordnung, gerechtfertigt, Untersuchungen über ihre Auswirkungen erfolgen aber in der Regel nie. Im Gegenteil: die Regierungen und die führende Medien des Westens tun alles, um die wahren Folgen zu verschleiern oder zu verharmlosen. 

Wenn Bundespräsident Joachim Gauck, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Wehrministerin Ursula von der Leyen die angebliche bisherige »deutsche Zurückhaltung« bei westlichen Interventionen beklagen, so können sie damit nur das Nein zum Libyen-Krieg meinen, dessen Beginn sich im März zum dritten Mal jährte. Die angreifenden NATO-Mächte hatten damals monatelang Angriff für Angriff stets aufs neue behauptet, ihre Bombenkampagne gegen das ölreiche Land diene allein dem »Schutze der Zivilbevölkerung«. Wenn das stimmen soll, dann wäre die Bilanz vernichtend, denn Tausende Libyer und Libyerinnen haben diesen »Schutz« nicht überlebt. Fundierte Zahlen gibt es jedoch bis heute nicht. Die Schätzungen schwanken von 10000 bis 50000 Kriegstoten. Angesichts von 9700 Angriffsflügen, rund 30000 abgeworfenen Bomben und einem halben Jahr heftiger Bodenkämpfe dürfte die tatsächliche Zahl der Opfer aber wesentlich höher sein. Obwohl der Krieg vom UN-Sicherheitsrat legitimiert und im Westen als Anwendung des neuen Konzepts der »Schutzverantwortung« (Responsibility to Protect) gewertet wurde, unterließen es die Vereinten Nationen, den Erfolg zu prüfen und die Zahl der dabei Getöteten sowie die sonstigen Auswirkungen auf die libysche Bevölkerung genauer zu untersuchen. 

Auch im gleichfalls unter UN-Mandat laufenden Afghanistan-Krieg wurden bisher keine ernsthaften Untersuchungen über die Zahl der Opfer durchgeführt. Summiert man die Angaben der UN-Mission in Afghanistan UNAMA, so liegt die Zahl der toten Zivilisten für die bisherigen zwölf Jahre Krieg unter 20000. 

Spiel mit den Kriegstoten 

Der Krieg gegen den Irak, der 2003 begann, stand länger im Fokus der Öffentlichkeit, und eine ganze Reihe von Initiativen bemühte sich, die Zahl seiner Opfer zu erfassen. Repräsentative Umfragen, die Wissenschaftler auf eigene Initiative im besetzten Land durchführten, ergaben schon Mitte 2006, daß wahrscheinlich bereits über 600000 Iraker direkt oder indirekt durch den Krieg getötet worden sind. 

Die Datenerhebungen über die Entwicklung der Sterblichkeit im Irak waren nach denselben Methoden und zum Teil von den gleichen Wissenschaftlern durchgeführt worden wie z.B. bei Studien in der südsudanesischen Provinz Darfur oder im Kongo. Während deren Ergebnisse unangefochten als Basis von UN-Resolutionen dienten, wurden die Forschungsergebnisse zum Irak sofort heftig von allen Seiten attackiert - mit durchschlagendem Erfolg: In den westlichen Medien wurden die Studien sofort als »umstritten« abgetan und in der Folge totgeschwiegen. In den Bilanzen zum 10. Jahrestag des Krieges wurde die Zahl der Kriegstoten in den meisten Medien mit rund 100000 beziffert, ohne die höheren Schätzungen überhaupt zu erwähnen. Laut Umfragen geht die Mehrheit der US-Amerikaner und Briten sogar davon aus, daß der Krieg ihrer Staaten höchstens 10000 Menschenleben gekostet habe. 

Die Auseinandersetzungen über die Zahl der Opfer im Irak sind aus zwei Gründen wichtig. Zum einen ist es keine Nebensächlichkeit, ob 100000 oder eine Million Iraker in Folge des Krieges getötet wurden und ob sich die internationale Öffentlichkeit des Ausmaßes des Verbrechens dort genauso bewußt wird, wie des Völkermordes an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs oder der Toten von Ruanda. Zum anderen ermöglichen Vergleiche der verschiedenen Methoden zur Ermittlung von Opferzahlen sowie die Erfahrungen über die diesbezüglichen politischen Auseinandersetzungen eine bessere Einschätzung der Angaben in anderen Kriegen und Konflikten. 

Verschiedene Zählweisen 

Die meist von den Medien angegebenen Zahlen basieren auf der Arbeit des britischen »Iraq Body Count« (IBC). Dieses Projekt versucht, die zivilen Opfer im Irak zu erfassen, indem es alle Fälle, die in renommierten englischsprachigen Medien gemeldet oder in Kranken- und Leichenhäusern registriert wurden, in einer Datenbank sammelt. Bis 2013 wurden so rund 110000 zivile Opfer ermittelt. 

Die in sich stimmigen Ergebnisse der statischen Erhebungen der Johns Hopkins University in Baltimore, die 2004 und 2006 in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht wurden, sowie die des britischen Meinungsforschungsinstituts »Opinion Research Business« (ORB) von 2007 legen hingegen nahe, daß über eine Million Iraker dem Krieg, der Besatzung und dem dadurch entfesselten Wüten von Milizen zum Opfer gefallen waren - die meisten von ihnen ab Mitte 2005, Tendenz von 2003 bis 2007 stark steigend. 

Als sorgfältigste dieser Studien gilt die Lancet-Studie von 2006, in deren Rahmen an 50 zufällig gewählten Orten 1850 Haushalte mit knapp 13000 Mitgliedern befragt wurden. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung ergab sie, daß von Kriegsbeginn bis Juni 2006 etwa 655000 Iraker mehr gestorben sind, als aufgrund der ermittelten Vorkriegssterblichkeit zu erwarten gewesen wären. Da keine andere Ursache für diesen gewaltigen Anstieg in Frage kommt, können diese zusätzlichen Todesfälle nur eine Folge des Krieges sein. 

Obwohl renommierte Fachleute, einschließlich des leitenden wissenschaftlichen Beraters des britischen Verteidigungsministeriums, den Autoren der Studie bescheinigten, nach gängigen wissenschaftlichen Standards verfahren zu sein, wurden ihre Ergebnisse von den meisten Medien sofort als völlig überzogen abgelehnt. 

Allein die große Diskrepanz zu der vom IBC registrierten Zahl der Toten - im Zeitraum der Studie 43000 - galt vielen als Beleg für die Unglaubwürdigkeit der Lancet-Studien. Doch sind die Zahlen gar nicht ohne weiteres vergleichbar, da ein unterschiedlicher Umfang von Opfern gezählt wird. Indem sie die Sterblichkeit vor und nach Kriegsbeginn vergleichen, versuchen Mortalitätsstudien die Gesamtzahl aller Menschen zu erfassen, die infolge eines Krieges starben. Initiativen wie IBC hingegen zählen als Kriegsopfer nur Zivilisten, die direkt durch kriegsbedingte Gewalt getötet wurden. Damit fallen nicht nur Kombattanten aus der Statistik, sondern auch alle, die an indirekten Kriegsfolgen wie mangelnder Gesundheitsversorgung, Hunger oder verseuchtem Trinkwasser starben. Die Zahl dieser Opfer liegt jedoch in den meisten Kriegen höher als die jener, die direkt getötet werden. Ohne genaue Untersuchungen vor Ort, läßt sich zudem weder zuverlässig feststellen, ob ein Toter Zivilist oder Kämpfer war, noch die genaue Todesursache. So wurden z.B. von US-Truppen getöteten Einheimische in den Pressemitteilungen der Besatzer, auf die sich wiederum die Meldungen westlicher Medien meist stützten, fast durchgängig zu feindlichen Kombattanten. 

Realistische Schätzungen 

Die Hochrechnung von knapp 2000 Familien aus 50 übers Land verteilten Orten auf die Gesamtbevölkerung ist selbstverständlich mit einer erheblichen Unsicherheit behaftet. Die durch passive Beobachtung, d.h. durch bloße Registrierung gemeldeter Todesfälle gewonnenen Zahlen sind dennoch keineswegs solider. Wie Erfahrungen aus anderen Konflikten zeigen, kann in Kriegszeiten generell nur ein kleiner Teil der tatsächlichen Opfer erfaßt werden. Dies kann mittels Stichproben in der über Internet zugänglichen Datenbank des IBCs auch für den Irak gezeigt werden. 

Recht gut dokumentiert ist z.B. das Schicksal irakischer Ärzte. Von 34000 registrierten Ärzten wurden nach Angaben der unabhängigen Iraq Medical Association fast 2000 getötet, 20000 hatten das Land 2006 bereits verlassen. Der Iraq Body Count führt in seiner Datenbank jedoch nur 70 getötete Ärzte auf. Auch wenn dies teilweise an fehlenden Berufsangaben liegen kann, deutet dies bereits auf sehr großen Lücken hin. 

Wie der Sprecher der von US-Verbündeten geführten Provinzregierung von Nadschaf, Ahmed Di'aibil, dem Nachrichtenportal Middle East Online 2007 mitteilte, wurden allein in dieser Stadt mit knapp 600000 Einwohnern von 2003 bis 2007 40000 nicht identifizierte Leichen begraben.In der IBC-Datenbank sind nur 1354 Opfer aus Nadschaf zu finden. 

Selbst wochenlange Offensiven der US-Armee, mit massiven Luft- und Artillerieangriffen auf ganze Stadtviertel, hinterließen in der IBC-Datenbank oft nicht die geringste Spur. Häufig fand sich auch in den Fällen kein Eintrag, wo glaubwürdige Berichte einheimischer Zeugen über Dutzende Tote vorliegen. 

Ein Abgleich der Todesfälle, die in den von WikiLeaks veröffentlichen Kriegstagebüchern der US-Armee aufgeführt sind, mit den Einträgen der IBC-Datenbank weist auf riesige Lücken bei beiden hin.1 Nicht einmal jeder vierte Eintrag in den Tagebüchern konnte auch bei IBC gefunden werden, wobei die Wahrscheinlichkeit der Übereinstimmung stark von Art und Schwere der Ereignisse abhängt. Verheerende Terroranschläge mit mehr als 20 Toten fanden sich zu 94 Prozent in beiden Listen. Das ist nicht überraschend, da über Bombenanschläge auf Menschenmengen breit berichtet wurde. Bei Fällen mit einem Toten gab es nur in 17 Prozent eine mögliche Entsprechung. 

Letztlich ist der Faktor noch wesentlich höher, da beide Listen zum Teil dieselben Quellen nutzten und auf der anderen Seite die Opfer vieler Ereignisse in beiden fehlen. So haben z.B. die 27000 Bomben, die 2003 während der Invasion auf irakische Städte abgeworfen wurden, in der IBC-Datenbank so gut wie keine Einträge produziert2 und enthalten die Kriegstagebücher kaum Angaben über die Opfer von Luftangriffen der US Air Force. 

Wenn man sich das ungeheure Ausmaß der Gewalt in den Jahren 2005 bis 2008 vor Augen führt, wird die auf Basis statistischer Erhebungen geschätzte Zahl von einer Million Toten leider durchaus plausibel. Jeden Tag, so der renommierte US-amerikanische Nahostexperte Juan Cole zur Lancet-Studie von 2006, fanden schwere Kämpfe zwischen Guerilla, Stadtbewohnern und Stämmen auf der einen und US-Marines und irakischen Sicherheitskräften auf der anderen Seite statt, über deren Opfer kaum berichtet wurde. Es gibt etwa 90 Großstädte im Irak. Auch wenn es in den südlicheren meist ruhiger zuging als in Bagdad, so herrschte in vielen anderen ein durchaus vergleichbares Gewaltniveau wie in der Hauptstadt, wo die Leichenhäuser 2006 im Schnitt 100 Ermordete pro Tag registrierten. Für Basra, knapp halb so groß wie Bagdad, müsse man, so Cole, sicherlich mit 40 Toten pro Tag rechnen. Rechne man in allen anderen Städten nur mit täglich vier Ermordeten, so ergäbe dies mit Bagdad bereits 460 Tote pro Tag - die Hälfte der von der Lancet-Studie für 2006 geschätzten Zahl. Ein Großteil der Toten wurde jedoch in kein Kranken- oder Leichenhaus gebracht, sondern - der islamischen Tradition gemäß - innerhalb eines Tages unmittelbar vor Ort begraben. 

Insgesamt wird die Zahl der Opfer in den Erhebungen eher unter- als überschätzt. Das liegt auch daran, daß die hohe Zahl von Verschleppten und Verschwundenen nicht berücksichtigt werden kann. Gemäß der Internationalen Kommission für vermißte Personen (ICMP) gelten im Irak zwischen 250000 und einer Million Menschen als Folge von über 30 Jahren Kriege und Konflikte als vermißt, die meisten von ihnen seit 2003. In einer dem UN-Menschenrechtsrat von zwanzig internationalen Menschenrechtsorganisationen vorgelegten Erklärung vom Februar 2013 wird allein die Zahl der Vermißten unter den Flüchtlingsfamilien seit 2003 auf 260000 geschätzt, die meisten von ihnen Opfer gewaltsamer Verschleppung. 

Insgesamt rechnen die Organisationen mit einer halben Million seit der US-geführten Invasion. Viele dieser Verschleppten und Verschwundenen sind vermutlich bereits tot, erscheinen aber in keiner Statistik. 

Angaben zu den Tätern 

Westliche Medienberichte konzentrierten sich sehr stark auf terroristische Gewalttaten, wie Autobombenanschläge auf zivile Einrichtungen, Selbstmordanschläge auf Märkte oder auf Pilgerströme etc. Diese erregten nicht nur sehr viel mehr Aufmerksamkeit und ereigneten sich in leicht zugänglichen Gebieten, sie paßten auch gut in das Bild, das die führenden Kreise im Westen vom Krieg zeichnen wollten. Berichte über die heftigen militärischen Auseinandersetzungen in den Hochburgen des Widerstands, über großangelegte Razzien wie auch zahlreiche tödliche Ereignisse an Checkpoints waren hingegen äußerst selten. Die Opfer von Bombenanschlägen und Selbstmordattentaten in Menschenmengen, Rekrutierungsbüros, Polizeistationen usw. sind daher sehr oft in der IBC-Datenbank aufgeführt, die von Luftangriffen aufgrund der mangelnden Berichterstattung von den heißen Kriegsschauplätzen nicht. Während laut Angaben der für die Lancet-Studie befragten Familien 30 Prozent der ermordeten Angehörigen von Besatzungstruppen getötet wurden - mehr als 13 Prozent durch Luftangriffe, wurden nur zehn Prozent der vom IBC erfaßten Toten Opfer der Besatzungstruppen, davon sieben Prozent von Luftangriffen. 

Wie stark unterrepräsentiert die Opfer der ausländischen Armeen im IBC vermutlich sind, zeigt ein Vergleich mit der Zunahme von Luftangriffen. Um eigene Verluste zu minimieren, setzten die Besatzungstruppen ab 2005 in immer stärkerem Maße die Luftwaffe ein. Laut US-Militärangaben stieg die Zahl der Luftangriffe im Jahre 2005 um das Fünffache. 2006 gab es bereits mehr als 10500 Einsätze von Kampfflugzeugen zur »Luftunterstützung«, fast 30 pro Tag. 2007 vervierfachte schließlich die US Air Force die Zahl der Luftwaffeneinsätze gegenüber 2006 noch einmal und warf zehnmal so viele Bomben ab. Die IBC-Datenbank verzeichnet jedoch keine Zunahme von Luftangriffsopfern. 

PLOS-Studie 

Im Oktober 2013 wurden im Fachjournal PLOS Medicine die Ergebnisse einer neuen Mortalitätsstudie veröffentlicht.3 US-amerikanische und kanadische Wissenschaftler hatten zusammen mit Wissenschaftlern des irakischen Gesundheitsministeriums von Mai bis Juli 2011 eine neue repräsentative Umfrage zur Entwicklung der Sterblichkeit durchgeführt. 

Insgesamt »schätzen wir, daß der Krieg etwa eine halbe Million Menschen das Leben gekostet hat«, teilte die Leiterin der Studie, die Gesundheitsexpertin Amy Hagopian von der Washington University in Seattle mit. »Und das ist eine niedrige Schätzung.«4 

Etwa 60 Prozent der Opfer wurden der Studie zufolge durch direkte Gewaltanwendung, wie Schüsse, Bomben- und Luftangriffe, getötet. Ein Drittel starb an indirekten Kriegsfolgen wie streßbedingten Herzinfarkten, dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems, der Trinkwasserver- und der Abwasserentsorgung oder mangelnder Ernährung. 

Die Wissenschaftler, darunter auch der Leiter der Lancet-Studie, setzten verfeinerte und konservativere statistische Methoden ein und bemühten sich durch Berücksichtigung von Einwänden gegen die Studie von 2006, Kritik an ihren Methoden von Anfang an den Boden zu entziehen. Sie erhielten dadurch eine schwer angreifbare, dafür aber auch relativ niedrige Schätzung mit einem sehr breiten Konfidenzintervall.5 

Trotz der Diskrepanz zu den Schätzungen der früheren Studien, stützt sie diese mehr, als als sie zu widerlegen. Zum einen liegt ihre Hochrechnung um ein Mehrfaches über der Zahl, die Medien üblicherweise vermelden. 

Entsprechend gering war deren Echo. Zum anderen halten die beteiligten Wissenschaftler selbst ihr Ergebnis für eine Unterschätzung. Ein Problem ist die lange Zeit, die seit den Hochzeiten des Krieges vergangen ist. Ein noch gravierenderes sind die mehr als drei Millionen Flüchtlinge, die in die Studie nicht adäquat einbezogen werden konnten - und damit gerade die Familien, die besonders stark vom Krieg betroffen waren. Das 95-Prozent-Konfidenzintervall reicht von 48000 bis 751000, sein unterer Rand liegt damit sogar unter der Zahl des IBC. Auch dies ist ein Indiz für eine starke Unterschätzung der tatsächlichen Opferzahl. 

Weitgehende Übereinstimmung gibt es in Bezug auf Täter und Waffen. Laut Lancet-Studie von 2006 wurden zwischen 2003 und 2006 mindestens 31,5 Prozent der Gewaltopfer von Besatzungstruppen getötet und 23 Prozent durch »andere«. In 45 Prozent der Fälle waren die Täter »unbekannt oder unsicher«. Die Autoren der PLOS-Studie nutzen eine feinere Unterteilung der Täter in »Koalitionstruppen«, »irakische Truppen«, »Milizen« und »Kriminelle«. Sie machen in 45,8 Prozent der Fälle die Besatzungstruppen und in 27 Prozent Milizen verantwortlich. Nur 16,7 Prozent der Täter sind hier »unbekannt«. 

Betrachtet man den Zeitraum der Lancet-Studie, so überlappen sich die Konfidenzintervall durchaus in einem breiten Bereich. Während die Zahlen der PLOS-Studie zu niedrig erscheinen, dürften die der Lancet-Studie etwas zu hoch liegen. Eine Zahl von rund einer Million Opfern für die Zeit bis zum Abzug der US-Truppen im Dezember 2011 bleibt daher leider realistisch. 

Für die Iraker ist der Krieg keineswegs vorüber - nach wie vor sterben viele aufgrund mangelnder Ernährung, vermeidbarer Krankheiten und wegen des miserablen Gesundheitssystems oder sie werden Opfer der Repression und der durch die Besatzung geschürten ethnisch und religiös motivierten Gewalt. 

Mittlerweile hat die Zahl der Gewaltopfer bereits das Niveau von 2008 erreicht. 

Unabhängig von der Differenz der Ergebnisse bestätigt auch die neue Studie die Notwendigkeit statistischer Erhebungen. Auch wenn die Lancet-Studien möglicherweise zu hohe Schätzwerte errechneten, werden sie daher von Experten auf dem Gebiet nach wie vor verteidigt: Es wurden dort Methoden angewandt, die damals allgemein akzeptiert waren. Mit dieser Akzeptanz konnte »den anderen, viel zu niedrigen Studien etwas entgegengesetzt werden«, meinte etwa Paul Spiegel, stellvertretender Leiter der Abteilung für Programmunterstützung und Management beim UN-Flüchtlingskommissariat am 15.10.2013 gegenüber Al Dschasira. »Die Öffentlichkeit wäre ohne sie vermutlich des Ausmaßes der Todesfälle, die sich in dieser Zeit ereigneten, nicht gewahr worden.« 

Sie zeigen auch, so Frederick Burkle Jr und Richard Garfield, Professor für öffentliches Gesundheitswesen an der Columbia University, daß solche Datenerhebungen in Kriegszeiten möglich sind. Nur so können zudem auch Informationen über die Täter ermittelt werden. 

Man kann selbstverständlich die Erkenntnisse aus dem Irak nicht eins zu eins auf den Krieg in Afghanistan übertragen. Sie legen jedoch nahe, daß auch hier die Gesamtzahl der Opfer ein Vielfaches über der Zahl der gemeldeten liegt und 200000 übersteigen könnte - eine vernichtende Bilanz für eine NATO-Operation, deren Einsatzkräfte als »Internationale Sicherheits- und Unterstützungstruppe« firmieren. 

Eine genauere Schätzung kann auch hier nur eine statistische Erhebung bringen. Friedens- und Menschenrechtsgruppen sollten daher verstärkt von der UNO und der eigenen Regierung die Durchführung solcher Untersuchungen fordern - in Afghanistan, in Libyen und an allen anderen Orten, wo die Bundeswehr und ihre Verbündeten im Einsatz sind. Mit größeren finanziellen Mitteln und mehr Personal ausgestattet, könnte die Zahl der befragten Haushalte stark erhöht und damit auch die Genauigkeit der Schätzung erheblich gesteigert werden. 

Literatur 

- »Body Count - Opferzahlen nach zehn Jahren Krieg gegen den Terror«, IPPNW, März 2013, als PDF-Dokument zu finden unter:  

www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Frieden/Body_Count_Maerz2013.pdf 

Anmerkungen 

1 Dustin Carpenter, Tova Fuller, Les Roberts: WikiLeaks and Iraq Body Count: the Sum of Parts May Not Add Up to the Whole - A Comparison of Two Tallies of Iraqi Civilian Deaths. In: Prehospital and Disaster Medicine, Jahrgang 28, Heft 3, 2013 

2 Robert A. Pape: The True Worth of Air Power. In: Foreign Affairs , März/April 2004 

3 Die Public Library of Science (PLOS, deutsch: Öffentliche Bibliothek der Wissenschaften) ist ein nichtkommerzielles Open-Access -Projekt für wissenschaftliche Publikationen in den Vereinigten Staaten mit dem Ziel, eine Bibliothek wissenschaftlicher Open-Access-Zeitschriften und anderer wissenschaftlicher Literatur als frei verfügbare Texte aufzubauen. 

4 Dan Vergano: Half-Million Iraqis Died in the War, New Study Says , Household survey records deaths from all war-related causes, 2003 to 2011. 

In: National Geographic, 15.10.2013 

5 Ein Konfidenzintervall ist ein Intervall aus der Statistik, das die Präzision der Lageschätzung eines Parameters (zum Beispiel eines Mittelwertes ) angibt. Das Konfidenzintervall ist der Bereich, der bei unendlicher Wiederholung eines Zufallsexperiments mit einer gewissen Häufigkeit (dem Konfidenzniveau) die wahre Lage des Parameters einschließt. 

Joachim Guilliard arbeitet im Heidelberger Forum gegen Militarismus und Krieg. Er betreibt den Blog »Nachgetragen«: jghd.twoday.net 

 

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Vergessene Tote  

Analyse. Die Zahl der Opfer, die die Kriege des Westens fordern, liegt deutlich höher, als üblicherweise behauptet. Teil II (und Schluß): Der Body Count in Afghanistan und Pakistan  

Lühr Henken 

In: junge Welt online vom 07.07.2014 

 

Angaben zur Zahl von Kriegsopfern sind ein Politikum. Wenn westliche Staaten aus angeblich humanitären Gründen Kriege führen, muß dem kritischen Publikum daheim plausibel gemacht werden, daß der Krieg zu einer Verbesserung der humanitären Lage vor Ort geführt hat. Hohe Opferzahlen unter den eigenen Leuten, aber auch im angegriffenen Land wirken da kontraproduktiv. 

Deshalb verzichten USA und NATO darauf, Todesopfer ihrer Angriffe in fremden Ländern zu zählen; akribisch werden jedoch die eigenen toten Soldaten notiert. Alle anderen Todeszahlen beruhen auf Schätzungen, die gewöhnlich auf zwei verschiedenen Wegen ermittelt werden: zum einen nach der passiven Methode. Sie erfaßt Tote aus Meldungen in Medien, Polizeiberichten oder Krankenhausveröffentlichungen. Erfahrungsgemäß gibt diese passive Methode allerdings nur über einen Teil der Getöteten Auskunft. Präzisere Angaben erhält man aus Befragungen vor Ort (aktive Methode), deren Ergebnisse über statistische Verfahren hochgerechnet werden, so wie es bei repräsentativen Umfragen üblich ist. 

Afghanistan 

In Afghanistan, dem größten Krieg der NATO-Geschichte, wurden Todeszahlen lediglich auf der Basis der passiven Methode ermittelt. So fallen die hierzulande medial kursierenden Zahlen zu niedrig aus. Ein schneller Blick bei Wikipedia unter dem Eintrag »Krieg in Afghanistan seit 2001« ergibt 14576 einheimische und ausländische getötete Sicherheitskräfte sowie 12500 bis 14700 getötete Zivilpersonen (Stand 2012). Zu getöteten Al-Qaida und »Taliban« ist zu lesen: »Keine verläßlichen Angaben möglich«. Das suggeriert, daß die anderen Angaben verläßlich seien. Sie sind es nicht. 

Dies ist nicht als Kritik an den fleißigen Schreibern auf Wikipedia zu verstehen, sondern als Ausdruck der allgemeinen Oberflächlichkeit des Umgangs mit den verheerenden Folgen von Kriegen. 

Der Zusammenhang zwischen dem Afghanistan-Krieg und dem in Pakistan fehlt in der öffentlichen Wahrnehmung hierzulande fast völlig. Dabei vermittelt der Kunstbegriff AfPak (Urheber soll Richard Holbrooke, damals US-Sonderbotschafter sein) doch klar, daß die US-Kriegsstrategie unter Präsident Barack Obama diese beiden Länder am Hindukusch in einem komplexen Zusammenhang sieht. Auf Initiative der IPPNW (International Physicians for Prevention of Nuclear War) entstand anläßlich des 10. Jahrestages des Beginns des westlichen Krieges gegen Afghanistan ein Untersuchungsprojekt, dessen Resultat die Studie »Body Count, Opferzahlen nach zehn Jahren rKrieg gegen den Terrorl, Irak, Afghanistan, Pakistan« mündete. Beginnen wir die Untersuchung mit dem am 7. Oktober 2001 von den USA und Großbritannien begonnenen Krieg gegen die von den »Taliban« gestellte Regierung in Afghanistan. Der Untersuchungszeitraum endet am 31.12.2013. 

Getötete Sicherheitskräfte 

Relativ leicht zu ermitteln sind die Zahlen getöteter ISAF- und OEF-Soldaten (ISAF: International Security Assistance Force; OEF: Operation Enduring Freedom). Darüber führt die Internetseite icasualties.org kontinuierlich Buch. Bis Ende 2013 waren es 3409 Soldaten verschiedener Nationalität. Die Zahl der getöteten Mitarbeiter privater US-amerikanischer Sicherheitskräfte (Contractors) ermitteln die Professorinnen Neta Crawford und Catherine Lutz von der Universität Boston. Sie kommen bis September 2013 auf 2986. Der Jahresverlauf läßt auf eine Zahl von über 3000 bis Ende 2013 schließen. 

Im »Afghanistan Index« der Brookings Institution finden sich Statistiken über getötete afghanische Sicherheitskräfte. Für den Zeitraum 2007 bis Ende 2012 ermittelt dieser US-amerikanische Think-Tank 9876 getötete einheimische Soldaten und Polizisten. Allerdings fehlen in dieser Statistik die Zahlen für das Jahr 2013. Dazu gibt der jüngste »Fortschrittsbericht Afghanistan« der Bundesregierung vom Januar 2014 Auskunft. Demnach sind in den ersten elf Monaten des vorigen Jahres 4600 umgekommen. Damit sind im Jahr 2013 etwa 5000 afghanische Soldaten und Polizisten getötet worden, so daß sich die Zahl im gesamten Zeitraum von 2007 bis Ende 2013 auf knapp 15000 erhöht. Darunter ist die Zahl der getöteten Polizisten fast dreimal so hoch wie die der Soldaten. Bedeutsam ist auch, daß die Zahl der getöteten Sicherheitskräfte in den beiden letzten Jahren rasant zugenommen hat. 8400 der 15000 Uniformierten starben in den beiden zurückliegenden Jahren des Siebenjahreszeitraums. 

Getötete Aufständische 

Die Ermittlung der Zahl der getöteten »Taliban« ist etwas komplizierter. 

Unter dem vereinfachenden Begriff »Taliban« sind die Kämpfer des militärischen Widerstands zu verstehen, der sich im wesentlichen aus dem Haqqani-Netzwerk, den Anhängern des sunitischen Politikers Gulbuddin Hekmatyar und den Taliban zusammensetzt. Für die ersten Monate des Krieges findet sich im Fischer-Weltalmanach in der Ausgabe von 2003 die Zahl 10000. 

Berücksichtigt werden muß zudem die Zahl von 3000 Verschwundenen im November 2001, deren Verbleib nach einer Gefangennahme in Masar-i-Scharif bis heute unaufgeklärt ist. 

Um die Zahl der danach getöteten »Taliban« einigermaßen ermitteln zu können, gibt es zwei Anhaltspunkte. Für das Jahr 2007 lassen sich zirka 4700 und für das Jahr 2010 etwa 5200 getötete »Taliban« abschätzen. Für den Zeitraum davor, dazwischen und danach lassen sich aus Indikatoren für die Intensität von Kämpfen Rückschlüsse ziehen. Das ist zum einen die Luftnahunterstützung durch NATO-Kampfflugzeuge, und zum anderen sind es Zahlen aus dem Pentagon über die Häufigkeit und den Umfang von nächtlichen Razzien mit Angaben über Getötete. Als Summe für getötete Aufständische von 2002 bis 2012 ergibt sich daraus eine Zahl von 37000. 

Nehmen wir die Angaben von 2001 hinzu, ergibt sich aus all diesen Schätzungen eine Summe getöteter »Taliban« von etwa 50000 bis Ende 2012 - also in elf Jahren Krieg durchschnittlich 4545 im Jahr. Für 2013 liegt eine Zahl aus dem Sanktionsausschuß der UNO vor. 10000 bis 12000 »Taliban« sollen in den ersten zehneinhalb Monaten des Jahres getötet, verletzt oder gefangenen genommen worden sein. Als Quelle werden die Regierung und interne Statistiken der Taliban angegeben. Diese Größenordnung liegt etwa im Bereich der Schätzungen bis 2012. Addieren wir geschätzte 4545 getötete »Taliban« für 2013 hinzu, kommen wir auf insgesamt etwa 55000 bis Ende 2013. 

Getötete Zivilpersonen 

Das Brookings Institut führt zudem eine Statistik über getötete zivile Mitarbeiter der US-Regierung in Afghanistan und kommt für den Zeitraum bis März 2011 auf 1.176. Um abschätzen zu können, wie viele zivile US-Regierungsmitarbeiter bis Ende 2013 getötet wurden, legen wir die monatliche Tötungsrate von April 2010 bis März 2011 zugrunde (15,8), so daß sich für den Zeitraum danach, also von April 2011 bis Ende Dezember 2013, eine theoretische Tötungsrate von 521 ergibt. Damit erhöht sich die Zahl der umgekommenen zivilen Mitarbeiter der US-Regierung bis Ende 2013 auf schätzungsweise 1700. 

Die United States Agency For International Development (USAID) führt eine Statistik über die im Entwicklungshilfeeinsatz getöteten nationalen und internationalen Helfer in Afghanistan und kommt bis Ende 2013 auf 253 US-amerikanische und 35 internationale getötete Helfer. Wie die FAZ vom 2. 

Dezember 2013 schreibt, bezeichnet die UNO »Afghanistan als das rfür Helfer gefährlichste Land der Weltl«. 

Bedeutend komplizierter ist es, einen plausiblen Näherungswert für die getöteten Zivilpersonen insgesamt zu ermitteln, wobei nicht erfaßt ist, ob die Täter »Taliban« oder ISAF-Truppen waren. UNAMA, die UN-Organisation in Afghanistan, macht regelmäßig die »Taliban« für etwa dreiviertel der getöteten Zivilpersonen verantwortlich, meist als Folge der Detonationen von Sprengfallen. Dabei weisen Studien des US-Militärgeheimdienstes Defence Intelligence Agency (DIA) von 2010 bis 2012 aus, daß lediglich 20 bis 30 Prozent der Angriffe der »Taliban« gegen Zivilpersonen gerichtet sind, hauptsächlich, also in 70 bis 80 Prozent der Angriffe, sind ISAF-Truppen und afghanische Sicherheitskräfte das Ziel. 

Die US-amerikanische Professorin Crawford von der Universität Boston hatte insgesamt 14 Einzelstudien, die Schätzungen über tote Zivilisten in unterschiedlichen Zeiträumen abgeben, ausgewertet und ist für den Zeitraum bis Juni 2011 auf einen Rahmen von 12700 bis 14500 gekommen. Diese Zahlen bezeichnet Crawford selbst als konservativ. 

Die unabhängigste Quelle für die Ermittlung von Opfern unter Zivilisten in Afghanistan dürfte UNAMA sein. Sie gibt die Zahl der getöteten Zivilisten für den Zeitraum 2007 bis Ende 2013 mit 17687 an. Darin sind die Toten vor 2007 nicht berücksichtigt, die Crawford mit etwa 3500 beziffert. Somit ergibt sich eine Gesamtzahl von 21200 getöteten Zivilpersonen bis Ende 2013. Auch diese Zahl erscheint in der Tat als relativ niedrig, bedeutet sie doch lediglich eine Rate von 5,9 Getöteter auf 100000 Einwohner Afghanistans. Damit läge diese Tötungsrate noch unter jener von Frankfurt am Main, die 2010 immerhin 6,9 pro 100000 Einwohner betrug. Man wird ja wohl kaum davon ausgehen können, daß das Leben in Afghanistan sicherer ist als das in Frankfurt, wenn man bedenkt, daß in Afghanistan im Durchschnitt in jeder Nacht ein Dutzend Razzien durchgeführt werden und täglich durchschnittlich elf Luftschläge erfolgen. 

Für diese niedrig angesetzten Zahlen gibt es einen Grund. Die Special Operations Forces (SOF) der USA operieren so geheim, daß selbst das reguläre US-Militär weder über die Einsätze, geschweige denn über die Zahl der toten Zivilisten, Angaben machen kann. Die Größenordnung, in der diese Tötungen geschehen, macht eine US-Studie von Larry Lewis und Sarah Sewall über Zivilopfer deutlich: »Zwischen 2007 und Mitte 2009 verursachten SOF-Operationen (inklusive direkte SOF-Luftschläge) etwa die Hälfte aller von den USA verursachten zivilen Opfer.« Die oben erwähnte DIA-Studie weist aus, daß die Zahl der verübten »Taliban«-Anschläge jahreszeitlich bedingt zwischen 60 und 150 pro Tag schwankt (2010 bis 2012). Allein im Jahr 2012 waren es insgesamt etwa 37000. 

Klar wird, daß die passive Methode zu viel zu geringen Zahlen führt. Aber wie hoch ist die Zahl der getöteten Zivilisten in Afghanistan tatsächlich? Gibt es eine Relation zwischen den beiden Ermittlungsmethoden, also zwischen Schätzungen, die auf Umfragen beruhen, und der passiven Methode? In der Tat gibt es Untersuchungen, aus denen sich gewisse Rückschlüsse ziehen lassen. 

Die umfangreichste ist die im British Medical Journal 2008 veröffentlichte Arbeit US-amerikanischer Wissenschaftler von der Universität Seattle und Harvard, die die Zahlen der toten Zivilisten in 13 Kriegen zwischen 1955 und 2002 analysierten und die Ergebnisse beider Untersuchungsmethoden gegenüberstellten. Sie stellen fest, daß nur durchschnittlich etwa ein Drittel der Getöteten in den Medien Erwähnung findet, also die tatsächliche Zahl getöteter Zivilpersonen im Durchschnitt um den Faktor drei höher liegt, als veröffentlichte Zahlen suggerieren. Allerdings ist die Schwankungsbreite in den betrachteten Kriegen sehr hoch: Das eine Extrem ist das 0,7-fache, was bedeutet, daß in den Medien mehr Tote auftauchen als durch Befragungen ermittelt werden, und das andere Extrem ist das 4,6-fache. 

Hier nun einfach den Durchschnittswert aller 13 untersuchten Kriege zu nehmen, nämlich das Dreifache an Ziviltoten anzunehmen, erscheint konkret auf Afghanistan bezogen als willkürlich. Denn die Untersuchung zeigt eben erhebliche methodische Schwächen, wenn in manchen Ländern sogar weniger Kriegstote durch Umfragen ermittelt als registriert wurden. Hinzu kommt, daß, verglichen mit dem Irak, wo die Urbanisierung ausgeprägter und die Beobachtung durch in- und ausländische Medien intensiver ist als in Afghanistan, die Registrierung von toten Zivilisten in Afghanistan bedeutend lückenhafter erfolgte. Da für den Irak in der Studie des renommierten Medizinfachblatts The Lancet festgestellt wurde, daß durch die passive Methode lediglich jede vierte bis fünfte Gewalttat US-amerikanischer Soldaten an Zivilisten (siehe jW vom Wochenende) erfaßt worden war, bedeutet dies für Afghanistan mindestens eine ebenso hohe Fehlerquote. Hinzu kommt, daß in der Gruppe getöteter »Taliban« fälschlicherweise eine nicht bestimmbare Zahl von Zivilpersonen eingeordnet wurde. So lassen sich von interessierter Seite unbeabsichtigte Zivilopfer vor der Öffentlichkeit leicht verstecken. 

Möglicherweise liegt also die reale Zahl getöteter Zivilpersonen unter Umständen fünf- bis sogar achtmal so hoch wie die mit 21200 konservativ geschätzte Zahl. 21200 markiert eine Untergrenze. Die Faktoren fünf bzw. 

acht zugrunde gelegt, würde bedeuten, daß es 106000 bis 170000 zivile Tote in Afghanistan zu beklagen gibt. 

Addieren wir sämtliche Kategorien von Kriegstoten, so schätzen wir ihre Zahl für Afghanistan auf 184000 bis 248000 bis Ende 2013. Umgerechnet ergeben sich so seit Kriegsbeginn zwischen 1171 und 1579 Kriegstote im Monat. Es gibt weitere Indizien für die Seriösität dieser Zahlen. Für den Monat Juni 2013 gab das afghanische Innenministerium an, daß insgesamt 1200 Menschen getötet worden seien. Unter Berücksichtigung der lückenhaften Beobachtungen erscheinen unsere Schätzungen also sogar noch niedrig. 

Pakistan 

Afghanistans Nachbar Pakistan befindet sich ebenfalls im Krieg, und das hat im wesentlichen vier Ursachen: erstens die Vertreibung der Al-Qaida-Führung sowie Tausender »Taliban«-Kämpfer aus Afghanistan nach Pakistan seit Ende 2001, die seitdem dort ihre Hauptquartiere unterhalten und Kämpfer ausbilden; zweitens das historische Siedlungsgebiet der Paschtunen diesseits und jenseits der afghanisch-pakistanischen Grenze, die von der afghanischen Regierung nicht anerkannt wird; drittens die Funktion Pakistans als Träger der bedeutendsten Nachschubrouten für USA und ISAF in das Land am Hindukusch und viertens der Umstand, daß Pakistan und Indien Afghanistan als Hinterland zur Austragung ihres Dauerkonflikts betrachten. 

Der letzte Grund ist ursächlich für die pakistanische Unterstützung der »Taliban«. Eine »Taliban«-Regierung in Kabul würde Islamabad ein strategisch sicheres Hinterland gegenüber dem Erzfeind in Dehli gewährleisten. In jedem Fall ist der Krieg in Pakistan Folge des US-/NATO-Krieges in Afghanistan. Ersterer begann 2004 mit dem massiven Vorgehen des pakistanischen Militärs gegen Al-Qaida-Verstecke und gegen die »Taliban« in Südwasiristan. Die damit verbundene Hoffnung, den Krieg einzudämmen, hat sich ins Gegenteil verkehrt. Er intensivierte sich, terroristische Gegenschläge häuften sich, und so breitete sich der Krieg auf andere Gebiete Pakistans aus. Unter erheblichem Druck der USA gehen die pakistanischen Regierungen gegen die sich 2007 gebildete Formation der Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP) vor, einem Bündnis aus mehr als einem Dutzend dschihadistischer Gruppen, die auch »pakistanische Taliban« genannt werden. Zulauf erhalten diese Gruppen aufgrund der prekären sozialen Lage der pakistanischen Jugend, dem brutalen Vorgehen der pakistanischen Armee mit schweren Waffen und den terrorisierenden Killerdrohnenangriffen der CIA. 

Getötete Zivilpersonen 

Crawford beruft sich in ihren Untersuchungen auf zwei unabhängige Quellen: auf das »Pak Institute for Peace Studies«, kurz PIPS, in Islamabad und auf das »South Asia Terrorism Portal« in Neu-Delhi. Crawford macht sich die konservativen PIPS-Studien zu eigen. Demnach wurden von 2005 bis 2010 34242 Zivilpersonen getötet. Diese Zahl unterliege allerdings einer noch größeren Unsicherheit als jene aus Afghanistan, bemerkt Crawford, weil der Zutritt zu den betroffenen Regionen in Pakistan begrenzter sei. Für 2011 waren es zusätzlich 6550 und für 2012 4711 getötete Zivilpersonen in Pakistan. Für das Jahr 2013 ermittelte das South Asia Terrorism Portal 3001 tote Zivilisten in Pakistan. Somit ergibt sich eine Gesamtzahl von wahrscheinlichen Zivilopfern bis Ende 2013 von 48504. Addiert werden müssen noch die geschätzten zivilen Drohnenopfer. Das Londoner »Bureau of Investigative Journalism« führt darüber Buch und gibt bis Ende 2013 die Zahl der durch US-Drohnen in Pakistan getöteten Zivilpersonen mit 416 bis 951 an. Somit ergeben sich etwa 49000 Zivilopfer des Krieges in Pakistan bis Ende 2013. Grundsätzlich besteht jedoch auch hier wieder das Problem, daß diese Zahl lediglich aus Medienmeldungen und Krankenhausberichten resultiert und nicht auf wissenschaftlichen Umfragen beruht und wahrscheinlich wesentlich höher liegt. 

Getötete Sicherheitskräfte 

Über die Zahl der in Pakistan getöteten Militanten und Sicherheitskräfte führt das »South Asia Terrorism Portal« akribisch Buch. Es kommt bis Ende 2013 auf 26862 getötete »Terroristen« bzw. Aufständische und auf 5498 getötete pakistanische Sicherheitskräfte. Somit ergibt sich bis Ende 2013 eine Gesamtzahl von mehr als 80000 getöteten Pakistani - Kombattanten und Nichtkombattanten - infolge des Krieges. 

Addieren wir die für den Bereich AFPAK bestimmten Schätzungen ergibt sich eine Gesamtbilanz von 265000 bis 330000 Kriegstoten. Der Zahl von 108000 getöteten Kombattanten steht die größere Zahl von 157000 bis 221000 getöteten Nichtkombattanten gegenüber. Die Zahl der getöteten Unbeteiligten liegt also um 50 bis 100 Prozent über der Zahl der getöteten Kombattanten. 

Diese geschätzten Zahlen in als seriös geltenden Quellen über direkt Getötete übersteigen etwa um den Faktor zehn die in der öffentlichen Wahrnehmung hierzulande verfügbaren Zahlen. Möglicherweise wäre die Ablehnung des Krieges in unserer Gesellschaft noch sicht- und spürbarer, wenn den Menschen diese tatsächlich angerichteten Kriegsschäden bewußt wären. Dabei sind in den Studien nur die direkten Todesopfer erfaßt. Die Verletzten und Verstümmelten sind ebensowenig registriert wie die indirekt Getöteten. Mit indirekt durch den Krieg Getöteten sind jene gemeint, die an Mangelerkrankungen wie Unterernährung und Krankheiten, meist auf der Flucht, sterben und die ohne Krieg erfolgreich hätten behandelt werden können. Nur für Afghanistan liegt eine einzige Schätzung über indirekt Getötete vor. Eine Veröffentlichung im britischen Guardian im Mai 2002 kommt aufgrund von Befragungen unter Hilfsorganisationen vor allem in Flüchtlingslagern auf 20000 bis 49600 indirekt Getötete. Diese Zahl liegt um das Zwei- bis Fünffache über der Zahl der direkt Getöteten. 

Lühr Henken ist Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag und arbeitet in der bundesweiten »Drohnen-Kampagne« mit. Zuletzt schrieb er auf diesen Seiten am 17.3. über Kampfdrohnen 

 

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