Eine Ikone des Widerstands  

Vor 120 Jahren wurde »La Pasionaria« Dolores Ibárruri geboren. »Die Leidenschaftliche« widmete ihr Leben dem Kampf gegen Unterdrückung  

Peter Rau 

In: junge Welt online vom 09.12.2015 

 

Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt«, heißt es oft in Traueranzeigen. So gesehen gehört auch Dolores Ibárruri zu den unsterblichen, weil unvergessenen, Repräsentanten ihrer Zeit. 

Am 9. Dezember 1895, vor genau 120 Jahren in einem kleinen baskischen Dorf im Norden Spaniens in den ärmlichen Verhältnissen einer katholischen Bergarbeiterfamilie geboren, blieb es ihr versagt, wie gewollt Lehrerin zu werden. Statt dessen arbeitete sie als achtes von elf Kindern von Antonio Ibárruri und seiner Frau Juliana Gómez nach der Schule als Näherin und als Dienstmädchen. Konfrontiert mit dem Leid der Ärmsten und der alltäglichen Ungerechtigkeit in der Welt – worüber sie in ihren Lebenserinnerungen »Der einzige Weg« Zeugnis ablegte –, schloss sie sich mit 17 Jahren der Spanischen Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) an. 

1916 heiratete sie, gerade 20 Jahre jung, den Bergarbeiter Julián Ruiz. 

Sie gebar sechs Kinder, von denen vier unter den miserablen Bedingungen der jungen Familie nicht überlebten. Nur ihr Sohn Ruben, Ende der 30er Jahre in die Sowjetunion evakuiert – er fiel 1942 als junger Offizier der Roten Armee in der Schlacht um Stalingrad – und dessen Schwester Amaya überstanden die ersten Lebensjahre. 

1921 wurde Dolores Ibárruri Mitglied der im Jahr zuvor gegründeten Kommunistischen Partei Spaniens (PCE), engagierte sich für die Belange der Arbeiterbewegung und insbesondere der Frauen. Als Mitglied des PCE-Provinzkomitees von Vizkaya begann sie unter dem Pseudonym »La Pasionaria« (Die Leidenschaftliche), für baskische Arbeiterzeitungen zu schreiben. Neun Jahre später wurde Dolores Ibárruri in das Zentralkomitee ihrer damals noch kleinen Partei gewählt. Als Redakteurin des Zentralorgans der PCE, Mundo Obrero (Arbeiterwelt), nach Madrid beordert, trennte sie sich von ihrem Mann. 

Der Sturz der Monarchie und die Ausrufung der Republik 1931 veränderten kaum etwas an der Armut der Arbeiter und Bauern. Der Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung ging weiter. Für »Die Leidenschaftliche« brachte das wiederholt Polizeikontrollen und auch Gefängnishaft mit sich. Nach dem unter anderem von einem gewissen General Franco blutig unterdrückten Aufstand der Bergarbeiter von Asturien im Herbst 1934 wurde eine linksorientierte Volksfront aufgebaut. Durch deren Sieg bei den vorgezogenen Neuwahlen im Februar 1936 erreichte auch Dolores Ibárruri, seit 1932 Mitglied des Politbüros der PCE, ein Mandat als eine von 17 kommunistischen Abgeordneten des spanischen Parlaments, der Cortes. 

Nach dem mit deutsch-italienischer Schützenhilfe vollzogenen Putsch der Generalität um Francisco Franco im Juli 1936 mobilisierte sie alle Kräfte zur Verteidigung der Volksfrontrepublik und der Hauptstadt Madrid. »No pasarán! – Sie werden nicht durchkommen!« wurde zum geflügelten Schlachtruf. Im Rundfunk appellierte sie ein ums andere Mal: »Leben und Zukunft unserer Kinder hängen von uns ab. In diesen Minuten darf keiner zaudern oder zaghaft sein. Wir, die Frauen, fordern Tapferkeit von unseren Männern. Es ist besser, Witwe eines Helden als Gattin eines Feiglings zu sein!« Immer wieder begab sie sich – seit 1937 Vizepräsidentin und bald darauf Präsidentin der Cortes – zu den kämpfenden Truppen und stärkte auch den Angehörigen der Internationalen Brigaden den Rücken. Ernest Hemingway schrieb über Dolores Ibárruri: »Die Informationen schossen aus ihr heraus mit einer Leuchtkraft, die nicht von dieser Welt war«. Er hob ihre »immense Stimme« hervor, »in der Erbarmen und Barmherzigkeit miteinander verschmolzen. In ihr leuchtete die Güte und die Wahrheit, als handele es sich um die heilige Mutter Gottes«. 

Nach der Niederlage der Republik ging Dolores Ibárruri ins sowjetische Exil, das sie erst 1977, fast zwei Jahre nach dem Tod des Diktators Franco, wieder verlassen konnte. Von 1942 bis 1960 war sie Generalsekretärin der Partei, anschließend wurde sie zur Vorsitzenden der PCE gewählt. Eines ihrer letzten Interviews gewährte sie – drei Jahre vor ihrem Tod am 12. 

November 1989 in Madrid – fast 91jährig dieser Zeitung. Darin antwortete sie, befragt nach den wichtigsten Lehren der Jahre 1936 bis 1939: »Sich niemals in die Knie zwingen lassen! Mein innigster Wunsch – eine friedliche Welt.« 

 

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