Der deutsche Weg zur EU-Armee (I)

31.10.2014 

BERLIN 

http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58981 

 

(Eigener Bericht) - Die Bundesregierung forciert den Aufbau einer EU-Armee mittels bilateraler Militärkooperationen. Jüngstes Beispiel ist die Mitte dieser Woche erfolgte Unterzeichnung einer deutsch-polnischen "Absichtserklärung" über die Zusammenarbeit der Landstreitkräfte beider Staaten. Das Abkommen beinhaltet unter anderem den Austausch und die gemeinsame Ausbildung von Offizieren sowie die "wechselseitige Unterstellung von Kampftruppenbataillonen". Bereits heute verfügt das polnische Heer über knapp 130 Leopard 2-Kampfpanzer aus deutscher Produktion; weitere 120 sollen bis 2015 hinzukommen. Ein entsprechender Kaufvertrag wurde im letzten Jahr geschlossen - nur einige Monate nach einer Vereinbarung, die eine "vertiefte" Kooperation zwischen den Kriegsmarinen beider Länder vorsieht. Der damalige deutsche Verteidigungsminister, Thomas de Maizière (CDU), sprach seinerzeit von einer "ganz neuen Qualität" der militärischen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen. Seine Nachfolgerin Ursula von der Leyen (CDU) ging nun einen Schritt weiter und ließ erklären, die angestrebte deutsch-polnische Heereskooperation sei ein "zukunftsweisender Meilenstein für die Entwicklung europäischer, integrierter Streitkräftestrukturen". 

Ein Meilenstein 

Anlässlich der gestern in Berlin zu Ende gegangenen "Bundeswehrtagung", eines Spitzentreffens des deutschen Militärs, unterzeichneten Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und ihr polnischer Amtskollege Tomasz Siemoniak eine "Absichtserklärung zu einer Deutsch-Polnischen Heereskooperation". Die Vereinbarung beinhaltet sowohl den Aufbau einer "beiderseitige(n) Heeresverbindungsorganisation" als auch die "vertiefte Zusammenarbeit" zwischen den Panzertruppen, den Heeresaufklärern, den Gebirgsjägern und der Artillerie beider Armeen. Geplant ist zudem der Austausch von Offizieren und die gemeinsame Ausbildung von Offiziersanwärtern. Erklärtes Ziel des Abkommens ist es, die "Interoperabilität" beider Heere - ihr koordiniertes Zusammenwirken im Gefecht - zu stärken. Folgerichtig beschränkt sich die "Absichtserklärung" nicht auf das Abhalten von Lehrgängen und Manövern, sondern sieht explizit die "wechselseitige Unterstellung von Kampftruppenbataillonen" vor. Wie Verteidigungsministerin von der Leyen im Anschluss an die Unterzeichnung erklären ließ, handele es sich bei der vereinbarten deutsch-polnischen Heereskooperation um einen "zukunftsweisenden Meilenstein" auf dem Weg zu "europäische(n), integrierte(n) Streitkräftestrukturen". Der Begriff steht gemeinhin als Synonym für eine EU-Armee unter deutscher Führung.[1] 

"Ganz neue Qualität" 

Ein Abkommen, das die enge Zusammenarbeit zwischen den Kriegsmarinen Deutschlands und Polens vorsieht, haben beide Länder bereits Ende Mai vergangenen Jahres geschlossen (german-foreign-policy.com berichtete [2]). Die Vereinbarung beinhaltet insgesamt 28 "Projekte", die von "gemeinsamer Ausbildung" über die "gemeinsame Überwachung der Ostsee" bis hin zu "gemeinsamen Einsätzen" reichen.[3] In der "Absichtserklärung" besonders hervorgehoben wird die Bedeutung der Kriegsführung mittels Minen und U-Booten. Verwiesen wird zudem auf die "Interoperabilität" der deutschen und der polnischen Kriegsmarine, die sich unter anderem darin ausdrücke, dass beide den "Seezielflugkörper" RBS15 Mk3 nutzten.[4] Die von der deutschen Waffenschmiede Diehl BGT Defence und dem schwedischen Unternehmen Saab Dynamics entwickelte Rakete zeichnet sich den Herstellern zufolge durch eine Reichweite von mehr als 200 Kilometern und die Fähigkeit zum Umfliegen von Inseln aus; aufgrund ihrer niedrigen Flughöhe und "nicht vorhersehbare(r) Ausweichmanöver im Endanflug" verfüge sie außerdem über ein "hohes Durchsetzungsvermögen" gegenüber der gegnerischen Luftabwehr, heißt es.[5] Analog zu den jetzigen Äußerungen der Verteidigungsministerin betonte auch der seinerzeitige Ressortchef Thomas de Maizière (CDU) die "ganz neue Qualität" der mit dem Marineabkommen besiegelten deutsch-polnischen Militärkooperation. Über den deutschen Führungsanspruch bestand schon damals offenbar kein Zweifel: Wie die Bundeswehr im Anschluss an die Vereinbarung verlauten ließ, habe sich de Maizières polnischer Amtskollege Siemoniak "ausdrücklich" für die Zusammenarbeit bedankt - schließlich sei diese "doch besonders wichtig für die konzeptionelle Weiterentwicklung der polnischen Marine".[6] 

Direkt angebunden 

Der "Interoperabilität" und "Weiterentwicklung" der polnischen Streitkräfte dient auch deren Ausstattung mit Kampfpanzern vom Typ "Leopard 2" aus dem Hause der deutschen Waffenschmiede Krauss-Maffei Wegmann. Bereits heute verfügt das polnische Heer über knapp 130 Panzer dieser Art; rund 120 weitere sollen bis 2015 hinzukommen. Ein entsprechender Kaufvertrag zwischen Deutschland und Polen wurde nur wenige Monate nach dem deutsch-polnischen Marineabkommen geschlossen. Der seinerzeitige Bundesverteidigungsminister de Maizière bezeichnete den Deal als "weitere(n) Baustein der sehr engen und fortzusetzenden Zusammenarbeit zwischen den Streitkräften unserer beiden Staaten".[7] Genutzt wird der "Leopard 2" von der 11. Polnischen Panzerkavalleriedivision, die ihrerseits über einen Verbindungsoffizier an die 1. Panzerdivision der Bundeswehr angebunden ist. Hier beabsichtigt man offensichtlich, das in Bezug auf die polnischen Streitkräfte entwickelte Kooperationsmodell noch auszubauen: Wie die Truppe mitteilt, soll die 43. Niederländische Mechanisierte Brigade demnächst direkt dem Kommando der 1. Panzerdivision unterstellt werden.[8] 

Schlüsselrolle 

Als Paradebeispiel der deutsch-polnischen Militärkooperation gilt in Armeekreisen das "Multinationale Korps Nordost" (MNK NO) mit Sitz im polnischen Szczecin; der Inspekteur des deutschen Heeres, Bruno Kasdorf, nannte es unlängst "unser großes gemeinsames Projekt".[9] Die 1999 auf Betreiben Deutschlands, Polens und Dänemarks ins Leben gerufene Einheit ist fester Bestandteil der NATO-Kommandostruktur in Europa und laut Bundeswehr befähigt zur "Führung von multinationalen Großverbänden". Wie die Truppe erklärt, kommt dem MNK NO eine "Schlüsselrolle bei der Integration neuer Mitglieder im Rahmen der NATO-Osterweiterung" zu.[10] Mitglieder des Korps, das abwechselnd von einem deutschen und einem polnischen General befehligt wird, waren mehrfach in Afghanistan eingesetzt. Deutschland stellt nach Polen die meisten Angehörigen der Einheit und verfügt dank dieser über einen militärischen Stützpunkt auf polnischem Boden: Auf dem Gelände des Hauptquartiers des MNK NO unterhält die Bundeswehr eine sogenannte Verwaltungsstelle, die einer Selbstdarstellung zufolge für die "Betreuung aller deutschen Soldaten, zivilen Beschäftigten und deren Angehörigen in Polen" zuständig ist - "Übungsvorhaben in Polen unter Beteiligung deutscher Soldaten" eingeschlossen.[11] 

Das "Eurokorps" 

Für 2016 ist zudem die Aufnahme Polens in das im französischen Strasbourg stationierte "Eurokorps" vorgesehen. Die aus Deutschen, Franzosen, Spaniern und Belgiern bestehende Einheit wurde Anfang der 1990er Jahre als militärisches Hauptquartier der EU konzipiert und übernahm im Rahmen mehrerer Interventionskriege entsprechende Führungsaufgaben - etwa in der serbischen Provinz Kosovo und in Afghanistan. Im Bedarfsfall kann das "Eurokorps", das turnusmäßig Personal für die Schnelle Eingreiftruppe der NATO stellt, über Kampftruppen mit einer Gesamtstärke von bis zu 60.000 Soldaten verfügen. Wie die Bundeswehr erklärt, bilde es daher die "Grundlage für eine effiziente Europa-Armee mit einer autonomen Führung".[12] 

[1] Absichtserklärung zu einer Deutsch-Polnischen Heereskooperation. www.bmvg.de 29.10.2014. 

[2] Siehe dazu Unter deutschem Kommando

[3] Vertiefung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit. www.marine.de 27.05.2013. 

[4] Declaration of Intent between the Federal Ministry of Defence of the Federal Republic of Germany and the Minister of National Defence of the Republic of Poland on Enhanced Maritime Cooperation. Rostock-Warnemünde 27.05.2013. 

[5] Lenkflugkörper RBS15 Mk3. www.diehl.com. 

[6] Vertiefung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit. www.marine.de 27.05.2013. 

[7] Deutschland und Polen unterzeichnen Vertrag zum Kauf von Leopard Kampfpanzern. www.bmvg.de 22.11.2013. 

[8] Erstes Arbeitstreffen zwischen 1. Panzerdivision und der 43. Niederländischen Mechanisierten Brigade. www.deutschesheer.de 24.09.2014. 

[9] Inspekteur des Heeres zu Gast beim Tag der Polnischen Streitkräfte in Warschau. www.deutschesheer.de 19.08.2013. 

[10] Multinationales Korps Nordost. www.deutschesheer.de 22.08.2014. 

[11] Bundeswehrverwaltungsstelle Polen. www.iud.bundeswehr.de 02.12.2013. 

[12] Eurokorps. www.deutschesheer.de 30.09.2014. 

 

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Los von Madrid 

30.10.2014 

BARCELONA/BERLIN 

http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58980 

 

(Eigener Bericht) - Kurz vor der unverbindlichen Abstimmung über die Abspaltung Kataloniens von Spanien am 9. November fordern Berliner Außenpolitik-Spezialisten Madrid zur Zustimmung zur Sezession auf. Die Loslösung Kataloniens, einer der wohlhabendsten Regionen des Landes, werde zwar zu gravierenden Problemen vor allem für die ärmeren Gegenden Spaniens führen und neue Spannungen im Sezessionsgebiet selbst auslösen, heißt es in einem aktuellen Papier aus der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Dennoch solle die Abtrennung nicht verhindert werden. Der katalanische Separatismus, über Jahrzehnte gewachsen, erstarkt vor allem, seit die Finanzkrise im Jahr 2008 Spanien erfasst hat; gefördert wird er von dem Gedanken, den relativen Reichtum der Region nicht mehr für die Umverteilung an ärmere Gebiete Spaniens zur Verfügung stellen zu wollen. Auf kulturpolitischem Wege hat auch Deutschland den katalanischen Separatismus unterstützt. Ein Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Wirtschaftsministeriums urteilt, die katalanische Sezession stärke "den wirtschaftspolitischen Wettbewerb" und sei deshalb zu befürworten. 

Am Rande der Illegalität 

Katalonien bereitet sich auf eine - unverbindliche, dennoch möglicherweise illegale - Abstimmung über die Abspaltung der Region von Spanien vor. Ursprünglich als reguläres Referendum geplant, als solches aber vom spanischen Verfassungsgericht untersagt, muss die Abstimmung offiziell als private Meinungsbefragung durchgeführt werden. Für den 9. November richten die Bürgermeister fast aller 947 Städte und Gemeinden Kataloniens Wahllokale in Schulen und anderen öffentlichen Räumlichkeiten ein; nur einige wenige Bürgermeister, die den nicht-separatistischen Parteien angehören, verweigern sich dem Ansinnen. Mehr als 30.000 Freiwillige werden den organisatorischen Ablauf unterstützen, darunter rund 7.000 Angestellte des öffentlichen Dienstes, die sich damit dem Urteil von Juristen zufolge "am Rande der Illegalität" bewegen. Wie berichtet wird, wurden "die von den Subventionen der Regierung abhängigen Medien angehalten, eine stimulierende Rolle zu spielen".[1] Die Abstimmung wird auch im Ausland durchgeführt, unter anderem in Berlin, wo die in Deutschland ansässigen Katalanen ihr Votum abgeben dürfen. 

Durch die Krise verstärkt 

Die Sezessionsbestrebungen in Katalonien haben in den vergangenen Jahren einen beträchtlichen Aufschwung erfahren. Wie es in einem aktuellen Papier der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) heißt, ist der auslösende Funke für diesen Aufschwung die Finanzkrise des Jahres 2008 gewesen. Sie hatte katastrophale Folgen für die Wirtschaft ganz Spaniens und führte auch in Katalonien zu Haushaltskürzungen und zu hoher Jugendarbeitslosigkeit. Katalonien ist eine der wohlhabendsten Regionen Spaniens; der Gedanke, die eigenen Mittel nicht mehr zur Umverteilung an die weniger wohlhabenden, teilweise bitter armen Regionen des Landes zur Verfügung zu stellen, um sie selbst nutzen zu können, hat in der Krise rasch verfangen. "Praktisch jeder hat das Gefühl, dass wir abgezockt worden sind und immer noch abgezockt werden", wird ein Aktivist der linken Partei Esquerra Republicana de Catalunya (ERC) zitiert.[2] Die Zahl derjenigen, die die Abspaltung von Spanien befürworten, hat sich seit der Eskalation der Krise im Jahr 2008 in etwa verdoppelt. Besonders stark ist die Unterstützung für die Sezessionspläne mit über 60 Prozent unter jungen Menschen, die von der exzessiven Jugendarbeitslosigkeit betroffen sind. 

Identität und Nationalismus 

Wie es bei der DGAP weiter heißt, hat außerdem die zunehmende Nutzung der katalanischen Sprache zur Herausbildung eines "katalanischen Identitätsgefühls" beigetragen. "Sprache steht im Zentrum des katalanischen Nationalismus", erklärt ein Berater des katalanischen Parlaments. Das Katalanische ist seit 1984 offizielle Verkehrssprache an den Schulen Kataloniens; dazu erklärt der Parlamentsberater: "Es gibt eine nationalistische Tendenz in der Erziehung." Dabei läuft die Entwicklung in Katalonien schon seit Jahren nicht mehr auf Mehrsprachigkeit hinaus, sondern darauf, die spanische Sprache aus dem öffentlichen Gebrauch zu verdrängen. Das gilt für alle Bereiche des öffentlichen Lebens - von der Kommunikation mit den Behörden über den Rundfunk bis zu kulturellen Veranstaltungen. Die Bedeutung der Sprache für den katalanischen Nationalismus macht deutlich, wie hilfreich für die Separatisten die Entscheidung der auswärtigen Berliner Kulturpolitik gewesen ist, die Frankfurter Buchmesse im Jahr 2007 erstmals einem Gastland zu widmen, das kein eigener Staat ist - Katalonien. Vorgestellt wurde auf der damaligen Buchmesse lediglich katalanischsprachige Literatur; in Katalonien ansässige Autoren, die in spanischer Sprache publizieren, blieben außen vor.[3] 

Wirtschaftspolitischer Wettbewerb 

Als schlagkräftige Massenorganisation im Kampf für die Sezession Kataloniens hat sich in jüngster Zeit die Assemblea Nacional Catalana (ANC) erwiesen. Die Organisation, die mehr als 30.000 Mitglieder zählt und weitere 20.000 Aktivisten mobilisieren kann, bündelt politische Kräfte von der katalanischen Linken bis zu rechtslastigen Milieus auf der alleinigen Basis des Separatismus. Ihr ist es in den letzten Jahren gelungen, Massenkundgebungen mit bis zu 1,6 Millionen Teilnehmern zu veranstalten. Sie unterhält Ableger in Deutschland, führt auch hier Demonstrationen durch - und wirbt damit, dass Teile des deutschen Establishments Sympathien für die Abspaltung Kataloniens hegen. Zuletzt hat die Assemblea Nacional Catalana auf ihrer deutschsprachigen Website einen Beitrag des Mannheimer Wirtschaftsprofessors Roland Vaubel publiziert, der dem Wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums angehört und sich außerdem in der rechtslastigen "Alternative für Deutschland" engagiert. Vaubel hat vor Jahren dafür plädiert, zum "Schutz der Leistungseliten" das Wahlrecht zu ändern und wohlhabenden Wählern größeres Stimmgewicht zuzuteilen (german-foreign-policy.com berichtete [4]). Jetzt erklärt er, Sezession stärke "den wirtschaftspolitischen Wettbewerb" und sei daher zu befürworten. "Die heutigen Staaten Europas" seien ohnehin lediglich "das Ergebnis von Jahrhunderten und Jahrtausenden der Willkür und der Gewalt"; deshalb sei "das Sezessionsrecht ... notwendig, damit sich endlich politische Einheiten bilden können, die den Wünschen der Bürger entsprechen".[5] Vaubel will dies ausdrücklich auf Katalonien angewandt wissen. 

Künftige Spannungen 

"Die Abspaltung einer der wohlhabendsten Regionen Spaniens würde nicht problemlos vonstatten gehen", heißt es nun bei der DGAP. "Besonders hart getroffen" würden die ärmeren Gegenden des Landes, die auf die zentralstaatliche Umverteilung der nationalen Einkünfte angewiesen seien. Auch Katalonien selbst werde zumindest in einer Übergangsphase mit Verlusten zu rechnen haben; und da sich "ein signifikanter Prozentsatz von Katalanen" - gemeint sind vor allem diejenigen, die Spanisch als Muttersprache sprechen - "in dem neuen Staat weniger zuhause fühlen" werde, sei "mit neuen Spannungen" zu rechnen. Dies alles bedeute jedoch nicht, dass Katalonien "für immer ein Teil Spaniens bleiben" solle. Die Autorin des DGAP-Papiers prescht mit der Forderung vor, die Abspaltung der Region von Spanien zu dulden: "Madrid sollte auf eine Übereinkunft hinarbeiten, um dem neuen Staat entgegenzukommen".[6] 

Weitere Berichte und Hintergrundinformationen zur deutschen Unterstützung für den katalanischen Separatismus finden Sie hier: Zukunft als Volk, Sprachenkampf, Europa der Völker, Das deutsche Blutsmodell (IV), Grenzland-Verbünde, Der Zentralstaat als Minusgeschäft (II) und Spaniens Zypern-Szenario

[1] Leo Wieland: Der freie Wille der Vollstrecker. www.faz.net 29.10.2014. 

[2] Zitate hier und im Folgenden aus: Cale Salih: Catalonia's Separatist Swell. DGAPkompakt No 12, October 2014. 

[3] s. dazu Sprachenkampf und Europa der Völker

[4] S. dazu Brüche im Establishment (II)

[5] Roland Vaubel: Katalonien und das Recht auf Sezession. www.anc-deutschland.cat Oktober 2014. 

[6] Cale Salih: Catalonia's Separatist Swell. DGAPkompakt No 12, October 2014. 

 

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Flugverbotszone über Syrien 

29.10.2014 

DAMASKUS/BERLIN/WASHINGTON 

http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58979 

 

(Eigener Bericht) - Berliner Regierungsberater plädieren für einen umfassenderen Einsatz militärischer Mittel im Syrien-Krieg. Wie es in einem aktuellen Papier aus der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) heißt, müssten die westlichen Staaten "ihre ursprüngliche Strategie" zum Sturz der Assad-Regierung "ernsthaft auf den Prüfstand stellen", weil sie zu stark auf die "Förderung ziviler Strukturen" gesetzt habe. Erforderlich sei unter anderem die Errichtung einer "Flugverbotszone über ganz Syrien". Die Forderung kommt zu einer Zeit, da in den Vereinigten Staaten die Forderung laut wird, im Krieg gegen den IS mit der Regierung Assad wie auch mit Iran zu kooperieren. Man habe sich einst gar "mit Stalin" verbündet, "um Hitler zu bekämpfen", schreibt ein einflussreicher US-Außenpolitik-Experte zur Begründung. Gegen die Forderung erhebt sich Widerstand - nicht nur in den USA, wo ein ehemaliger CIA-Analyst den Aufbau einer umfassenden syrischen Exilarmee in einem Nachbarstaat fordert, die in ein bis zwei Jahren nach Syrien einmarschieren soll, sondern auch in Deutschland. 

US-Luftschläge 

Hintergrund der Forderung, der Westen müsse in Syrien unter Nutzung militärischer Mittel stärker als bisher intervenieren, sind entsprechende Überlegungen in den USA. Die Vereinigten Staaten haben seit dem 23. September um die 200 Luftschläge gegen Ziele in Syrien durchgeführt, die sich meist gegen den "Islamischen Staat" (IS), aber auch gegen "Jabhat al Nusra" und weitere jihadistische Organisationen gerichtet haben. Dabei sind inzwischen mehr als 550 Menschen ums Leben gekommen, unter ihnen mindestens 32 Zivilisten. Die Luftschläge werden offenkundig mit Zustimmung der Regierung von Bashar al Assad durchgeführt; Beobachter vermerken jedenfalls, dass die syrische Luftabwehr anscheinend abgestellt wird, sobald die US-Luftwaffe angreift. Auch seien bislang die größeren Ölfelder noch nicht beschossen worden - vermutlich auf Bitten der Assad-Regierung, die sie zurückerobern und dann wieder nutzen wolle, heißt es.[1] Da jedoch klar sei, dass man den Krieg allein mit Luftschlägen nicht gewinnen könne, müssten nun Optionen für Bodentruppen entwickelt werden. 

Nur gegen den IS 

Offiziell bereitet Washington die Ausbildung von Milizionären der "Free Syrian Army" (FSA) vor. Dabei sollen säkulare oder allenfalls gemäßigt islamistische Aufständische trainiert werden, um - faktisch als Bodentruppen der US-Luftwaffe und ihrer Verbündeten - den Krieg gegen den IS zu führen. US-Präsident Barack Obama will dafür bis zu 500 Millionen US-Dollar bereitstellen. Sein Sonderbeauftragter für den Krieg gegen den IS, General John Allen, ist vor wenigen Tagen nach Mittelost aufgebrochen, um dort die notwendigen Absprachen zu treffen. Die Trainingsmaßnahmen sollen zumindest zum Teil in Syriens Nachbarstaaten durchgeführt werden. Allen erklärt jetzt, sie zielten ausschließlich auf den Kampf gegen den IS; es sei nicht vorgesehen, dass die FSA nach dem erhofften Sieg auch noch Assad attackiere. Washington halte die FSA nicht für stark genug, ihn zu stürzen, und begnüge sich damit, sie so weit zu stärken, dass Assad nicht um Verhandlungen mit ihr umhinkomme. Langfristig gelte es dabei, eine umfassende Lösung für die Konflikte im gesamten Nahen und Mittleren Osten zu finden. Ein Arrangement für Syrien solle Teil dieser Lösung sein.[2] 

Mit Stalin gegen Hitler 

Daran anknüpfend fordern bekannte US-Regierungsberater mittlerweile öffentlich, im Krieg gegen den IS auch auf eine Kooperation mit der Regierung Assad und mit Iran zu setzen. Nur sie seien stark genug, ausreichend Bodentruppen bereitzustellen, urteilt Leslie H. Gelb, President Emeritus des US-Think-Tanks Council on Foreign Relations (CFR): Selbst wenn Assad nur noch die Hälfte seiner angeblich 100.000 Soldaten zur Verfügung habe, seien diese am besten für den Krieg gegen den IS positioniert; Irans Streitkräfte seien noch mächtiger. Gelb räumt ein, dass "Iran und Assads Syrien aus der Allianz gegen die Jihadisten mit mehr Macht als zuvor hervorgehen könnten". Doch habe Washington in der Geschichte immer wieder "mit Teufeln" kooperiert: "Die USA verbündeten sich mit Stalin, um Hitler zu bekämpfen."[3] Gelb erwähnt nicht eigens, dass Washington nach dem Sieg über NS-Deutschland sofort wieder zum Kampf gegen Moskau überging. 

Eine Exilarmee 

Die Pläne, im Krieg gegen den IS mit der Regierung Assad und Iran zu kooperieren und damit womöglich Umbrüche in der westlichen Mittelost-Politik in die Wege zu leiten, stoßen erkennbar auf Widerstände im US-amerikanischen wie auch im deutschen Establishment. So spricht sich der ehemalige CIA-Analyst Kenneth M. Pollack in der einflussreichen Zeitschrift "Foreign Affairs" dafür aus, das geplante Trainingsprogramm für FSA-Milizionäre erheblich auszuweiten. Laut Pollack sollen zwei bis drei Brigaden à 1.000 bis 2.000 Mann außerhalb Syriens - in Jordanien oder in der Türkei - ausgebildet werden, und zwar nicht nur für Aufstandstätigkeiten, sondern quasi als reguläre Armee. Die Kämpfer sollen in Syrien oder in der syrischen Diaspora rekrutiert, langfristig trainiert und mit schweren Waffen ausgerüstet werden, Boden-Luft-Raketen und Panzer inklusive. Sie sollten dann systematisch die Territorien erobern, die heute noch von Assads Truppen gehalten werden. Schrittweise müssten sie die Herrschaft über die eingenommenen Gebiete errichten; zu gegebener Zeit könnten sie von den USA und ihren Verbündeten als legitime Regierung anerkannt werden und langfristig die Assad-Regierung vollständig niederwerfen. Das Training der Brigaden werde ein bis zwei Jahre dauern, die Eroberung des Landes weitere ein bis drei Jahre. Als Modell für die Operationen nennt Pollack ausdrücklich die Kriege des Westens in Afghanistan (2001) und in Libyen (2011).[4] 

Ein Doppelkrieg 

Ebenfalls für stärkere militärische Aktivitäten und den Sturz der syrischen Regierung spricht sich nun die Autorin eines aktuellen Papiers der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) aus. Wie sie schreibt, müssten die westlichen Staaten "ihre ursprüngliche Strategie" im Syrien-Krieg, die allzu stark auf die "Förderung ziviler Strukturen" gesetzt habe, "ernsthaft auf den Prüfstand stellen".[5] Dabei dürfe der Westen sich nicht auf den Krieg gegen den IS beschränken, sondern müsse sich zugleich gegen Assad wenden. Erforderlich sei "die Schaffung einer Flugverbotszone über ganz Syrien", also die vollständige Ausschaltung der syrischen Luftwaffe. Damit solle die Regierung zu Verhandlungen gezwungen werden, bei denen "der innere Machtzirkel um Assad von einem Übergangsarrangement ausgeschlossen bleibt". Zudem müsse ein Fonds eingerichtet werden, aus dem die selbsternannte "Übergangsregierung" Syriens und der "Militärrat" der Aufständischen zu finanzieren seien. Nur auf diese Weise lasse sich "die Lage in den Rebellengebieten stabilisieren". Faktisch liefe die Errichtung einer Flugverbotszone über ganz Syrien, die dort mit Waffengewalt durchgesetzt werden müsste, auf einen Doppelkrieg gegen den IS und die Regierung Assad hinaus. 

Weitere Informationen und Hintergründe zur deutschen Politik im Syrien-Krieg finden Sie hier: Schmuggelkontrolleure, The Day After, The Day After (II), Verdeckte Kriegspartei, The Day After (III), The Day After (IV), Im Rebellengebiet, Die Islamisierung der Rebellion, Im Rebellengebiet (II), Im Rebellengebiet (III), Das Ende künstlicher Grenzen, Im Rebellengebiet (IV), Deutsche Kriegsbeihilfe, Religion und Interesse, Demokratischer Interventionismus, Kriegsrat in Nahost, Wie im Irak, Die militärische Lage, Die Allianzen der Rivalen, Die Macht des Stärkeren, Spionage mit Kriegsfolgen, Deutschlands Giftgas-Expertise, Kämpfende Mächte, Syriens westliche Freunde, Das Wirken der Geostrategen, Geschäftsgeheimnisse, Vormarsch auf Bagdad und Die syrische Kröte

[1] Leslie H. Gelb: There's Only One Way to Beat ISIS: Work With Assad and Iran. www.thedailybeast.com 18.10.2014. 

[2] Exclusive: General Allen discusses coalition plans for defeating ISIS as regional tour starts. www.aawsat.net 25.10.2014. 

[3] Leslie H. Gelb: There's Only One Way to Beat ISIS: Work With Assad and Iran. www.thedailybeast.com 18.10.2014. 

[4] Kenneth M. Pollack: An Army to Defeat Assad. Foreign Affairs September/October 2014. 

[5] Petra Becker: Hilfe für Syriens Zivilgesellschaft - ineffektiv und fehlgeleitet. SWP-Aktuell 64, Oktober 2014. 

 

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Die europäische Wahl der Ukraine 

28.10.2014 

KIEW/BERLIN 

http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58978 

 

(Eigener Bericht) - Aus der Parlamentswahl in der prowestlich gewendeten Ukraine gehen ultranationalistische Kräfte gestärkt hervor. Während offen faschistische Parteien schwächer als erwartet abschnitten, sind diejenigen Parteien erfolgreich gewesen, die mit der Einbindung populärer Milizionäre aus faschistischen Bataillonen um Wählerstimmen geworben haben: die "Volksfront" von Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk, die Personal des Bataillon Asow eingebunden hat, und die "Selbsthilfe" des Lwiwer Bürgermeisters Andrij Sadowij, die dem Führer des Bataillons Donbass zum Einzug in die Werchowna Rada verhalf. Während Berlin den Ablauf der Wahl lobt, haben kritische Beobachter bereits im Wahlkampf geurteilt, der Urnengang könne "nur bedingt als frei" eingestuft werden: "Die radikalisierten und zum Teil bewaffneten Teile der ukrainischen Gesellschaft gehen gewaltsam gegen Vertreter anderer Meinungen vor", heißt es in einem Bericht. Der Autor spricht ausdrücklich von einem "Klima der Angst" in der Ukraine. 

Westorientiert 

Das Ergebnis der Parlamentswahl in der Ukraine wird in Deutschland weithin als "proeuropäisch" gefeiert. Stärkste Kraft ist dem vorläufigen Ergebnis zufolge mit 21,9 Prozent überraschend die Partei "Volksfront" von Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk geworden. In Umfragen hatte sie deutlich geringere Zustimmung erhalten. Da die Westorientierung auch der zweit- sowie der drittplazierten Partei außer Frage steht, sei bei der künftigen Zusammenarbeit mit der EU nicht mit Problemen zu rechnen, heißt es in Berlin. Der Ablauf der Wahl wird von deutschen Beobachtern ausdrücklich gelobt. Er habe "den Eindruck" gehabt, dass "die Wahlen sehr gut organisiert waren", berichtet der Berliner CDU-Europaabgeordnete Joachim Zeller, der als Wahlbeobachter in die Ukraine gereist war: Am "Tagesablauf" gebe es "eigentlich nichts ... auszusetzen".[1] 

Ein Klima der Angst 

Deutlich kritischer hat sich bereits Ende September ein Beobachter in einem Bericht für die Heinrich-Böll-Stiftung (Bündnis 90/Die Grünen) zum Charakter der damals noch bevorstehenden Wahl geäußert. Seine Einschätzung ist umso bemerkenswerter, als die Böll-Stiftung entschlossen für die Majdan-Proteste Partei ergriffen und Kritik an deren starken ultrarechten Anteilen stets energisch zurückgewiesen hat. "Diese Wahlen im Zeichen des Krieges können ... nur bedingt als frei bezeichnet werden", heißt es jetzt in dem von der Böll-Stiftung publizierten Bericht.[2] Der Grund: "Niemand kann derzeit in der Ukraine Kandidaten, die nicht im patriotischen Mainstream schwimmen, freie Bewegung und eine freie Kampagne garantieren" - denn "die radikalisierten und zum Teil bewaffneten Teile der ukrainischen Gesellschaft gehen gewaltsam gegen Vertreter anderer Meinungen vor". Dem Autor zufolge sind "Diffamierungen als 'Agent des Kremls', 'Separatist', 'Kollaborateur' oder 'Vaterlandsverräter' und darauffolgende Selbstjustiz ... an der Tagesordnung". Angesichts von "Durchsuchungen durch den Geheimdienst SBU bei der Tageszeitung Westi und der Druckerei (!) und öffentlichen Drohungen gegen Journalisten kann nur schwer von einer freien Meinungsäußerung im Land die Rede sein". Der Autor spricht von einem "Klima der Angst" und weist darauf hin, dass "ein Teil der Ukrainer aus Mangel an Alternativen erst gar nicht zur Wahl gehen könnte". Die Wahlbeteiligung lag am Sonntag bei 52,4 Prozent; selbst in der Hauptstadt erreichte sie keine 60 Prozent. 

Das faschistische Spektrum 

Während ein Sprecher der Bundesregierung behauptet, "die Menschen in der Ukraine" hätten sich "für einen Neustart ohne Regierungsbeteiligung von Extremisten oder Populisten ausgesprochen" [3], sind Personen aus ultrarechten Milieus nicht nur über die einschlägig bekannten faschistischen Parteien in die Werchowna Rada eingezogen. Unter den letzteren ist die "Radikale Partei" von Oleh Ljaschko die erfolgreichste gewesen; sie hat dem vorläufigen Ergebnis zufolge 7,4 Prozent und 22 Abgeordnetenmandate erkämpft. Swoboda, bislang die stärkste faschistische Kraft, muss sich mit sechs Direktmandaten zufriedengeben; die Partei stürzte von 10,4 Prozent im Oktober 2012 auf 4,7 Prozent ab - wohl wegen ihrer Beteiligung an der Umsturzregierung, die in ultrarechten Milieus als kompromisslerisch und korrupt angeprangert wird. Über ein Direktmandat wird auch der "Rechte Sektor" im Parlament vertreten sein. 

Für Bandera geworben 

Zahlreiche Wähler aus dem faschistischen Spektrum konnte hingegen die Partei "Volksfront" von Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk an sich ziehen. Auf der Liste der "Volksfront" kandidierte auf Platz zwei eine ehemalige Sprecherin der faschistischen Partei UNA-UNSO, die sich zuletzt dem faschistischen Bataillon Asow angeschlossen hat.[4] Auf der Wahlliste weit oben stand auch ein bekannter Historiker, der "aggressiv für Bandera, Schuchewitsch und Stezko" - drei Anführer der faschistischen OUN der 1940er Jahre - "geworben, die Beteiligung der OUN am Holocaust geleugnet" und "die 'ethnischen Säuberungen' der UPA als 'zweiten polnisch-ukrainischen Krieg' dargestellt" hat, wie der Historiker Per Anders Rudling im Gespräch mit german-foreign-policy.com berichtete.[5] Die "Volksfront" hat zudem den Führer des Bataillons Asow in ihre Parteistrukturen eingebunden. Die einzige Wahlliste, die sich bekannten Ultrarechten nicht zur Verfügung stellte - der "Block Petro Poroschenko" mit seinem Spitzenkandidat Witali Klitschko -, wurde mit einem Absturz von unlängst noch über 40 Prozent in Umfragen auf 21,4 Prozent und Platz zwei bestraft. 

Zum Marsch auf Kiew aufgefordert 

Einen Überraschungserfolg - 11,2 Prozent der Stimmen, Platz drei - erzielte die Partei "Selbsthilfe" ("Samopomitsch") des Lwiwer Bürgermeisters Andrij Sadowij. Sadowij konnte dabei von der Kandidatur von Konstantin Grischin auf Platz zwei seiner Liste profitieren. Grischin ist der ukrainischen Öffentlichkeit vor allem unter seinem Kampfnamen Semjon Semjontschenko bekannt. Er führt das Bataillon Donbass, in dem zahlreiche Milizionäre des faschistischen Spektrums kämpfen. Semjontschenko ist, nachdem er in den Kämpfen bei Donezk verwundet wurde, von Ministerpräsident Jazenjuk mit einer Tapferkeitsmedaille ("Bogdan-Chmelnizki-Orden") ausgezeichnet worden. Bereits im August hieß es, seine Anhänger forderten ihn auf, "mit seinen Kämpfern nach Kiew zu ziehen, dort eine Militärdiktatur zu errichten und das als Fortsetzung der alten Seilschaften wahrgenommene Regime um Jazenjuk, Klitschko und Poroschenko zu stürzen".[6] Mitte September hat sich Semjontschenko zu Gesprächen in Washington aufgehalten. Wie er berichtet, hat er dort einen Vertrag unterzeichnet, der vorsieht, Truppen und Offiziere seines Bataillons von mobilen US-Militärausbildern - aus dem aktiven Dienst ausgeschiedenen Soldaten - trainieren zu lassen. Es handele sich um Ausbildungsprogramme, welche die Navy SEALS und die Delta Force durchliefern.[7] 

Selbstlos 

Semjontschenko schließt explizit nicht aus, sich bei Bedarf wieder aus der Politik zurückzuziehen und erneut Krieg zu führen: "Ich habe kein Problem, wieder ein Maschinengewehr in die Hand zu nehmen". Er erklärt "ganz ohne falsche Bescheidenheit: Ich tue selbstlos sehr viel für mein Land".[8] 

Weitere Berichte und Hintergrundinformationen zur deutschen Ukraine-Politik finden Sie hier: Vom Stigma befreit, Die Kiewer Eskalationsstrategie, Die freie Welt, Ein fataler Tabubruch, Die Europäisierung der Ukraine, Juschtschenkos Mythen, Alte, neue Verbündete, Legitimationskrise, Ein weltpolitischer Lackmustest, "Faschistische Freiheitskämpfer", Die Restauration der Oligarchen (II), Die Restauration der Oligarchen (III), Die Restauration der Oligarchen (IV), Akteure zweiter Klasse,Die Saat geht auf, Ukrainische Patrioten, Viel Geld, viel Nutzen, Ukrainische Manöver, Ein Lernprozess, Unter Kuratel, Radikalisierung im Parlament und Nationalistische Aufwallungen

[1] EU-Beobachter lobt Ablauf. www.tagesschau.de 27.08.2014. 

[2] Andreas Stein: Ukraine: Parlamentswahlen im Zeichen des Krieges. www.boell.de 29.09.2014. 

[3] Russland beklagt schmutzigen Wahlkampf. www.zeit.de 27.10.2014. 

[4] S. dazu Radikalisierung im Parlament

[5] S. dazu "Wissenschaftliche Nationalisten"

[6] Reinhard Lauterbach: Zerrüttete Junta. junge Welt 20.08.2014. 

[7] Semenchenko says US instructors to train Donbas battalion soldiers. www.kyivpost.com 22.09.2014. 

[8] Meike Dülffer: "Damit unsere Opfer nicht umsonst waren". www.zeit.de 13.10.2014. 

 

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Krieg um Talente 

27.10.2014 

BERLIN/BONN 

http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58977 

 

(Eigener Bericht) - Die Bundeswehr hat in der vergangenen Woche einen neuen Propagandafeldzug zur Personalrekrutierung gestartet. Integraler Bestandteil der Werbekampagne sind drei TV-Spots, die zur besten Sendezeit von öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehstationen ausgestrahlt werden. Die nur jeweils dreißig Sekunden dauernden Videoclips zeigen zivil gekleidete Militärs bei Freizeitaktivitäten; erklärtes Ziel ist es, die Soldaten als "normale Menschen" darzustellen, die "privat ein Leben leben, wie jeder andere auch". Die eingesprochenen Texte betonen den Kameradschaftsgeist, den Patriotismus und die Gemeinwohlorientierung der Porträtierten, während Hinweise auf die von ihnen ausgeübte Gewalt völlig fehlen. Die neuerliche propagandistische Offensive ist Teil der von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) verkündeten "Attraktivitätsagenda" und soll der Bundeswehr zum Image eines modernen Arbeitgebers verhelfen, bei dem der "Mensch im Mittelpunkt" steht. Vorgesehen ist in diesem Zusammenhang auch, die "Verankerung" der deutschen Streitkräfte in der Gesellschaft voranzutreiben. 

Außergewöhnliche Erlebnisse 

Beginnend mit dem 20. Oktober hat die Bundeswehr einen neuerlichen Propagandafeldzug zur Personalrekrutierung gestartet. Man wolle "potentielle Bewerber" auf die Streitkräfte aufmerksam machen, um "Fach- und Führungskräfte zu gewinnen", erklärt die Truppe.[1] Integraler Bestandteil der Kampagne sind drei TV-Spots, die zur Primetime gegen 20:00 Uhr von den Fernsehsendern ARD, ZDF, Pro7, Sat 1 und RTL ausgestrahlt werden. Die nur jeweils dreißig Sekunden dauernden Videoclips zeigen zivil gekleidete Soldaten bei Freizeitaktivitäten; wie das deutsche Militär ausführt, solle auf diese Weise verdeutlicht werden, dass "Bundeswehrangehörige normale Menschen sind, die privat ein Leben leben, wie jeder andere auch": "Die Menschen in der Bundeswehr unterscheiden sich nicht wesentlich von anderen, lediglich die außergewöhnlichen Erlebnisse sind etwas Besonderes an diesem Arbeitgeber."[2] Dass zu den "außergewöhnlichen Erlebnissen" zuvorderst Kriegs- und Gewalterfahrungen zählen, wird nicht erwähnt. 

Kameradschaft 

Lediglich in einem der drei TV-Spots kommt die Realität des Krieges überhaupt vor; allerdings erscheinen die deutschen Soldaten hier nicht als diejenigen, die Gewalt gegen andere ausüben, sondern als Opfer, die "unter Beschuss" geraten. Davon berichtet der Protagonist des Werbeclips, Marc Fuss, der als Hauptmann der für psychologische Kriegsführung zuständigen Truppe für Operative Information in Afghanistan eingesetzt war - und fügt hinzu, er habe "Stärkere" als sich selbst in Folge des Gefechts "weinen sehen". Diese Feststellung bringt Fuss allerdings nicht dazu, das Geschehene kritisch zu hinterfragen; er nutzt es vielmehr, um die "Kameradschaft" der Truppe zu loben, die auch Soldaten, die Schwäche zeigten, immer wieder auffange.[3] 

Nicht nur ein Bürojob 

In den beiden anderen TV-Spots spielen Kriegserfahrungen gar keine Rolle. Hier erscheint der "Soldatenberuf" als patriotischer Dienst am Gemeinwohl, der sich etwa darin ausdrückt, eine Hochwasserkatastrophe zu bekämpfen oder durch wehrtechnische Neuentwicklungen "Leben zu schützen". Entsprechend fällt das auf den Webseiten der deutschen Streitkräfte verbreitete Statement einer Protagonistin aus: "Ich diene Deutschland, weil ich gerne etwas für andere tue und mich dabei persönlich weiterentwickeln kann."[4] Hinzu tritt überschwängliches Lob für den "Arbeitgeber Bundeswehr", der seinen Beschäftigten eine "unglaublich vielseitige" Tätigkeit biete: "Als Soldatin absolviere ich Lehrgänge überall in Deutschland, übernehme gelegentlich Wachdienste, gehe Schießen und erhalte meine körperlichen Leistungsfähigkeit, was meinen Dienst nicht nur zum Bürojob macht."[5] 

Attraktivitätsagenda 

Die aktuelle Rekrutierungsoffensive unter dem Motto "Bundeswehr in Führung. Aktiv. Attraktiv. Anders" ist Teil der von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) unlängst verkündeten "Attraktivitätsagenda". Diese beinhaltet der Ressortchefin zufolge ein umfangreiches "Maßnahmenpaket", um den Dienst in den deutschen Streitkräften ansprechender zu gestalten. So sollen in den nächsten fünf Jahren rund 100 Millionen Euro unter anderem dafür aufgewendet werden, die Kinderbetreuung zu verbessern, Kasernen und Unterkünfte mit Kühlschränken und Internetzugängen auszustatten, ein "betriebliches Gesundheitsmanagement" aufzubauen und zusätzliche berufliche Weiterbildungsmöglichkeiten zu schaffen.[6] Ziel sei es, "im Wettbewerb um die besten Köpfe Deutschlands ganz nach vorn zu kommen", erklärt die Ministerin.[7] Auch dass ihre Kampagne zuvorderst dem forcierten Umbau der Bundeswehr von einer Armee der Landesverteidigung zu einer aus Berufssoldaten bestehenden, global agierenden Interventionstruppe geschuldet ist, lässt von der Leyen wissen: "Die Zeiten sind vorbei, in denen wir auswählen konnten aus einem großen Pool an Wehrpflichtigen. In Zukunft werden die jungen Leute nur zu uns kommen, wenn sie uns interessant finden. Wir konkurrieren mehr denn je mit anderen Arbeitgebern."[8] 

Dienstliche Belastungen 

Die Implementierung der ministeriellen "Attraktivitätsagenda" folgt weitgehend den Empfehlungen zweier Studien, die das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in den letzten Jahren durchgeführt hat. Dabei wurden insgesamt mehrere tausend Soldaten gefragt, inwieweit die deutschen Streitkräfte für die "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" Sorge trügen. Heraus kam, dass für viele der Interviewten die "Situation der Kinderbetreuung" das "mit Abstand größte Problem" darstellt.[9] Gefordert wurde zudem, die "dienstlichen Belastungen" für (angehende) Familienväter und -mütter "nachhaltig (zu) reduzieren". Wie die Meinungsforscher des ZMSBw hervorhoben, gelte letzteres insbesondere im Hinblick auf die "Attraktivität der Bundeswehr als Arbeitgeber", der einen "Krieg um Talente" führe.[10] 

Nationaler Tag der Bundeswehr 

Gleichzeitig sprachen sich die Militärwissenschaftler dafür aus, den Bundeswehrangehörigen ein verstärktes "Engagement in Vereinen" und andere "kulturelle Aktivitäten" zu ermöglichen. Hierbei handele es sich um "bedeutende Verknüpfungspunkte der militärischen und der zivilen Sphäre", hieß es zur Begründung: "Starke Einschränkungen in diesem Bereich mindern die unverzichtbare Integration der Soldatinnen und Soldaten in die zivile Gesellschaft."[11] Auch diesen Anregungen trägt die ministerielle "Attraktivitätsagenda" nunmehr Rechnung. Zur besseren "Verankerung" der Truppe in der Bevölkerung soll bereits zum Jahreswechsel erstmals der Preis "Bundeswehr und Gesellschaft" verliehen werden, um "Personen und Institutionen (zu) würdigen, die sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen in besonderem Maße für die Belange der Bundeswehr oder ihrer Angehörigen einsetzen". Außerdem beabsichtigt das Verteidigungsministerium nach eigenem Bekunden, im kommenden Jahr einen nationalen "Tag der Bundeswehr" einzuführen. Pünktlich zum 60-jährigen Bestehen der Truppe soll sich diese dabei einmal mehr als "attraktiver Arbeitgeber" präsentieren - "mit Hunderten spannenden zivilen und militärischen Berufen": "Je aufgeschlossener die Bevölkerung gegenüber der Bundeswehr ist, desto eher können sich ihre Angehörigen für die besonderen Aufgaben ... in den Streitkräften motivieren und begeistern."[12] 

[1] Neu: TV- und Online Kampagne. www.bundeswehr.de 17.10.2014. 

[2] Bundeswehr startet neue TV- und Online Kampagne. www.bundeswehr.de 17.10.2014. 

[3] Karriere mit Zukunft: Die TV-Spots zur Kampagne. www.bundeswehr.de 20.10.2014. 

[4] Ingenieurin Lisa-Maria Lenhart: "Für mich war klar: Das ist genau das, was ich gesucht habe." www.bundeswehr.de 17.10.2014. 

[5] Oberfähnrich Inga Britt Gläßmann: "Als Soldat kann ich Menschen helfen." www.bundeswehr.de 17.10.2014. 

[6] Ursula von der Leyen: "Bundeswehr wechselt auf die Überholspur". www.bmvg.de 30.05.2014. 

[7] Bundesministerium der Verteidigung (Hg.): Bundeswehr in Führung. Aktiv. Attraktiv. Anders. Berlin, Juni 2014. 

[8] Ursula von der Leyen: "Bundeswehr wechselt auf die Überholspur". www.bmvg.de 30.05.2014. 

[9] Anja Seiffert/Julius Heß (ZMSBw): Afghanistanrückkehrer. Der Einsatz, die Liebe, der Dienst und die Familie: Ausgewählte Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Langzeitbegleitung des 22. Kontingents ISAF. Potsdam 2013. 

[10], [11] Thomas Bulmahn/Jana Hennig/Chariklia Höfig/Meike Wanner (ZMSBw): Ergebnisse der repräsentativen Bundeswehrumfrage zur Vereinbarkeit von Dienst und Privat- bzw. Familienleben. Potsdam 2014. 

[12] Bundesministerium der Verteidigung - Presse- und Informationsstab: Agenda Bundeswehr in Führung. Aktiv. Attraktiv. Anders. Berlin 2014 

 

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