Die Folgen der Apartheid 

25.04.2014 

BERLIN/PRETORIA 

http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58847 

 

(Eigener Bericht) - Zwanzig Jahre nach den ersten freien Wahlen in Südafrika (27. April 1994) entziehen sich deutsche Konzerne endgültig der Forderung nach Entschädigungen für Opfer des von ihnen unterstützten Apartheid-Regimes. Während ein New Yorker Gericht letzte Woche entschieden hat, dass Gerichtsverfahren gegen zwei US-Konzerne wegen deren Beihilfe für die Apartheid-Repressionsapparate weitergeführt werden können, sind entsprechende Klagen gegen deutsche Unternehmen abgewiesen worden. Für die Einstellung der Entschädigungsprozesse hatte sich auch die Bundesregierung eingesetzt. Dabei zählten bundesdeutsche Firmen lange Zeit zu den tragenden Stützen des Apartheid-Regimes. Daimler etwa war nach dem Urteil eines international aktiven Apartheid-Gegners "ein lebensnotwendiger Partner der südafrikanischen Kriegsindustrie". Bundesdeutsche Firmen weiteten ihre Südafrika-Geschäfte sogar noch aus, als Unternehmen aus anderen westlichen Staaten sich wegen des stark gestiegenen internationalen Drucks aus dem Land zurückzuziehen begannen. Nach dem Ende des Apartheid-Systems konnten deutsche Firmen ihre starke Stellung in Südafrika halten, die sie auch ihrer Kollaboration mit dem Apartheid-Regime verdanken. Die sozialen Folgen der Apartheid, die sie aufrechtzuerhalten halfen, prägen die südafrikanische Gesellschaft bis heute, bestätigt Ingeborg Wick, die langjährige Geschäftsführerin der Anti-Apartheid-Bewegung in der Bundesrepublik, im Gespräch mit german-foreign-policy.com. 

Entschädigungsklagen in den USA 

Zwanzig Jahre nach den ersten freien Wahlen in Südafrika, deren Jubiläum an diesem Sonntag (27. April) bevorsteht, müssen sich US-Konzerne weiterhin wegen Beihilfe für die Repressionsapparate des früheren Apartheid-Regimes vor Gericht verantworten. Wie eine New Yorker Richterin vergangene Woche entschieden hat, dürfen Klagen von Apartheid-Opfern gegen Ford und IBM nicht prinzipiell abgewiesen werden. Die beiden Unternehmen hatten Südafrikas Militär und seine Polizei in den 1970er und 1980er Jahren mit Fahrzeugen und Computern beliefert und auf diese Weise nicht nur Mittel für Pretorias blutige Repression beschafft, sondern auch dazu beigetragen, das rassistische Regime zu stabilisieren. Einwände von Ford und IBM, die gesetzliche Grundlage der deswegen eingereichten Opfer-Klagen - der Alien Tort Claims Act aus dem Jahr 1789 - lasse sich nur auf Personen, nicht auf Firmen anwenden, träfen nicht zu, entschied nun Richterin Shira Scheindlin in New York.[1] Damit bleibt den Apartheid-Opfern die Hoffnung, aus den Vereinigten Staaten Entschädigung zu bekommen. Entschädigung aus Deutschland hingegen ist nicht mehr in Sicht. 

Intervention der Bundesregierung 

Ursprünglich waren von den Sammelklagen, die Apartheid-Opfer 2002 in den Vereinigten Staaten eingereicht hatten, auch deutsche Unternehmen betroffen. Zu ihnen zählte die Deutsche Bank, die dem Apartheid-Regime umfassende Kredite gewährt hatte. 2009 wurden die Gerichtsverfahren auf diejenigen Firmen beschränkt, die direkt die Repressionsapparate des Regimes beliefert hatten; dazu gehörten die Düsseldorfer Waffenschmiede Rheinmetall sowie der Stuttgarter Daimler-Konzern. Sie konnten sich allerdings auf die Unterstützung der Bundesregierung verlassen. Diese intervenierte Anfang 2012 beim obersten Gericht der USA; in einer dort eingereichten Stellungnahme habe sie erklärt, die US-Justiz sei nicht zuständig, der Alien Tort Claims Act müsse enger ausgelegt werden, heißt es in Berichten.[2] In der Tat urteilte Richterin Scheindlin im Dezember 2013, die in den USA eingereichten Klagen gegen Rheinmetall und Daimler seien unzulässig. Damit steht kein deutscher Konzern mehr wegen Unterstützung für das einstige Apartheid-System vor Gericht. 

Lebensnotwendiger Partner 

Dabei galten einige von ihnen, insbesondere der Daimler-Konzern, lange Zeit als wichtige Stützen des Apartheid-Regimes. Daimler tat sich etwa durch die Lieferung von mindestens 2.500 Unimogs an die südafrikanische Armee hervor - ab 1978, also nach Verhängung eines UN-Waffenembargos. Die Modelle seien unter anderem mit Raketenwerfern bestückt worden, berichtet der Publizist Gottfried Wellmer, der die bundesdeutschen Apartheid-Geschäfte umfassend untersucht hat.[3] "Daimler ist ein lebensnotwendiger Partner der südafrikanischen Kriegsindustrie", urteilte Abdul Minty, Direktor einer globalen Anti-Apartheid-Organisation, Ende der 1980er Jahre, als Boykottforderungen gegen Südafrika weltweit immer stärker wurden: "Wenn es überhaupt ein internationales Unternehmen gibt, das die Armee im Apartheidstaat schwächen kann, dann ist es Daimler-Benz."[4] Unter dem Einfluss des damaligen Vorstandsvorsitzenden Jürgen Schrempp verweigerte sich Mercedes-Benz South Africa jedoch sämtlichen Forderungen nach Einschränkung seines Südafrika-Geschäfts. Die Kooperation mit dem Regime zahlte sich aus: Mercedes-Benz South Africa konnte seinen Umsatz in dem rassistischen Staat erheblich steigern - von 540 Millionen D-Mark im Jahr 1978 auf 1,7 Milliarden D-Mark 1984. 

"Kaffern erschossen, Spaß gehabt" 

Den rassistischen Alltag, der auch die Verhältnisse in den südafrikanischen Daimler-Werken prägte, geben Berichte von Betroffenen wieder. So waren in den Fabriken nicht nur, wie üblich, Kantinen, Toiletten und Waschräume nach Hautfarbe getrennt. Schwarze Gewerkschafter mussten darüber hinaus spezielle Restriktionen hinnehmen; Gewerkschaftsanführer wurden während Streiks von der Polizei festgenommen und auf der Wache gefoltert. Ein ehemaliger Mercedes-Arbeiter berichtet von Reservisten der Polizei, die als höhere Angestellte beim südafrikanischen Daimler-Ableger tätig waren: "Diese Mercedes-Manager trugen tagsüber schöne Anzüge mit Krawatte und nachts zogen sie Tarnanzüge an und schossen auf unbewaffnete Jugendliche, auf alte Leute, ja sogar auf kleine Kinder, und töteten sie. Sie machten Razzien von Tür zu Tür; es gab ja großen Widerstand damals; und wir hörten am nächsten Tag, wie diese Reservisten in der Firma jubelten und auf Afrikaans sagten: 'Wir haben viele Kaffern erschossen! Wir haben unseren Spaß gehabt!'" Dem Bericht zufolge sollen 20 bis 30 Mercedes-Vorarbeiter und -Abteilungsleiter, sämtlich Weiße, in ihrer Freizeit zu derartigen "Einsätzen" in die Townships gefahren sein.[5] 

Honorarkonsul 

Das Ende des von ihm gestützten Apartheid-Regimes hat Mercedes-Benz South Africa dennoch problemlos überstanden. Vergangenes Jahr konnte das Unternehmen seinen Umsatz um mehr als ein Viertel steigern - auf knapp vier Milliarden US-Dollar. Erst kürzlich hat Daimler 300 Millionen US-Dollar in Südafrika investiert, um seine Produktionskapazitäten von 60.000 auf 100.000 Einheiten zu erweitern. Jürgen Schrempp, unter dem Apartheid-Regime Vorstandsmitglied und zeitweise Vorstandsvorsitzender von Mercedes-Benz South Africa, ist 1995 zum Leiter des deutschen Gesamtkonzerns aufgestiegen; heute ist er Vorsitzender der "Südliches Afrika Initiative der Deutschen Wirtschaft" (SAFRI) sowie Honorarkonsul der Republik Südafrika. Daimler steht exemplarisch für zahlreiche weitere bundesdeutsche Firmen, die unter dem Apartheid-Regime lukrative Geschäfte in Südafrika machten und diese sogar noch ausweiten konnten, als Unternehmen aus anderen westlichen Staaten wie Großbritannien und die USA sich Ende der 1980er Jahre unter dem internationalen Druck zurückzuziehen begannen.[6] Die Bundesrepublik unterhält auch auf staatlicher Ebene weiterhin enge Beziehungen zu Pretoria, das sie für ihre außenpolitischen Ziele einzuspannen sucht (german-foreign-policy.com berichtete [7]). Im Auswärtigen Amt heißt es lapidar: "Südafrika ist der wichtigste Partner Deutschlands in Afrika südlich der Sahara."[8] 

Keine Umverteilung 

Geblieben ist mit alledem nicht nur der bundesdeutsche Einfluss in Südafrika - eine politische Folge auch der engen Kollaboration mit dem Apartheid-Regime; geblieben sind darüber hinaus dramatische soziale Folgen des rassistischen Systems, mit dem die Bundesrepublik und deutsche Firmen, darunter der Daimler-Konzern, stets gewinnbringend kooperierten. Zwar habe das Ende der Apartheid "den Menschen in Südafrika" mit Sicherheit "enorme politische Fortschritte gebracht", urteilt Ingeborg Wick im Gespräch mit german-foreign-policy.com. Jedoch sei ökonomisch "die Apartheid noch überall sichtbar": "Das zeigt sich zum Beispiel an der ungerechten Landverteilung, der Massenarbeitslosigkeit oder an der skandalösen Diskriminierung im Bildungs- und Gesundheitswesen."[9] Eine "Politik der Umverteilung", die Besserungen hätte schaffen können - sie sei etwa in der Freiheitscharta der Kongressbewegung von 1955 oder auch im Reconstruction and Development Programme Ende der 1980er Jahre vorgesehen gewesen -, stehe "bis heute aus", konstatiert Wick. Auch dafür trügen die ehemaligen Apartheid-Kollaborateure Mitverantwortung: Die "Politik der Umverteilung" sei nicht zuletzt durch starken "Druck aus dem westlichen Ausland" verhindert worden. 

Bitte lesen Sie auch unser Interview mit Ingeborg Wick

[1] Apartheid lawsuit case not going away, says Ntsebeza. www.bdlive.co.za 18.04.2014. 

[2] Regierung schützt Daimler. www.taz.de 10.04.2012. 

[3] S. dazu Belastende Dokumente

[4], [5], [6] Birgit Morgenrath, Gottfried Wellmer: Deutsches Kapital am Kap. Kollaboration mit dem Apartheidregime. Hamburg 2003. 

[7] S. dazu Juniorpartner Südafrika (I), Juniorpartner Südafrika (II) und Sprungbrett Südafrika

[8] Südafrika: Beziehungen zu Deutschland. www.auswaertiges-amt.de. 

[9] S. dazu Dem Apartheid-Staat eng verbunden

 

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  Dem Apartheid-Staat eng verbunden 

25.04.2014 

BONN 

http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58846 

 

Zum zwanzigsten Jahrestag der ersten freien Wahlen in Südafrika nach dem Ende der Apartheid sprach german-foreign-policy.com mit Ingeborg Wick. Wick war von 1975 bis 1990 Geschäftsführerin und von 1976 bis 1994 Vorstandsmitglied der Anti-Apartheid-Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland. 

 

german-foreign-policy.com: Nach dem Tod von Nelson Mandela im Dezember gab es weltweit viele Trauerbekundungen, auch in Deutschland. Sind Sie als langjährige Anti-Apartheid-Aktivistin zufrieden? 

Ingeborg Wick: Überhaupt nicht, denn diese Bekundungen zeugten durchweg von einem verengten Blick auf die Geschichte. Ich möchte daran erinnern, dass Mandela bis weit in die 1980er Jahre hinein für die Spitzen von Politik und Wirtschaft der westlichen Welt ein Feindbild war. Noch 1988 bezeichneten etwa US-Präsident Ronald Reagan und die britische Premierministerin Margaret Thatcher ihn als Terroristen. Die westlichen Länder waren eng mit dem Apartheidstaat verbunden. Sie sahen in ihm eine Bastion ihrer antikommunistisch verstandenen Freiheit - und natürlich ein Land mit wichtigen Rohstoffen und nahezu unbegrenzten Gewinnmöglichkeiten für ihre Wirtschaft. Unter den zahllosen Trauerbekundungen nach Mandelas Tod haben wir aus der damaligen Anti-Apartheid-Bewegung einen solchen historischen Bezug vermisst. 

gfp.com: Bundespräsident Joachim Gauck hat zum Tod von Nelson Mandela geäußert: "Sein Kampf gegen die Unmenschlichkeit des Apartheidregimes wird unvergessen bleiben." Was hat denn die Bundesrepublik Deutschland zum Kampf gegen die Unmenschlichkeit der Apartheid beigetragen? 

Wick: Herzlich wenig, was die offizielle Politik der damaligen Bundesrepublik sowohl unter SPD- als auch unter CDU-geführten Regierungen angeht - im Unterschied zur DDR, die den Befreiungskampf in Südafrika und Namibia unterstützt hat. Bis auf ein paar eher symbolische Aktionen, etwa verbale Verurteilungen der Apartheid in internationalen Organisationen oder die Vergabe einiger weniger Stipendien an Gegner der Apartheid, hat die Bundesregierung hier so gut wie nichts getan. Im Gegenteil: Die Bundesrepublik hat zur Aufrechterhaltung der Apartheid und damit auch zur Verlängerung der Haftzeit von Mandela beigetragen. Sie hat das Regime militärisch, nuklear, wirtschaftlich, kulturell und wissenschaftlich unterstützt, und sie rangierte im internationalen Vergleich damit an herausragender Stelle. Zum Beispiel im nuklearen Bereich: Dass Südafrika eine Atombombenkapazität entwickeln konnte, ist vor allem auf die bundesdeutsche Unterstützung zurückzuführen. Aus der Bundesrepublik erhielt das Apartheid-Regime die in der staatlichen Gesellschaft für Kernforschung entwickelte Technologie zur Anreicherung von Uran, das sogenannte Trenndüsenverfahren. Federführend war dabei - mit Unterstützung der Bundesregierung - die Firma Steag; involviert waren Siemens, MBB, Gutehoffnungshütte, Varian MAT und weitere bundesdeutsche Firmen. 1993 gab Staatspräsident De Klerk zu, dass Südafrika über sechs Atombomben verfügte, und er sagte zu, diese zu vernichten. Nach seinen Angaben hätte Südafrika sie völlig eigenständig entwickelt, doch ist die Weitergabe bundesdeutscher Technologie präzise dokumentiert. 

gfp.com: Sie haben damals daran mitgewirkt, die Nuklearkooperation öffentlich zu machen. 

Wick: Wir haben in dieser Frage mit dem ANC eng zusammen gearbeitet. Der ANC hatte 1975 eine Dokumentation über die nukleare Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik und Südafrika und zwei Jahre später eine Nachfolgepublikation vorgelegt, die beide international großes Aufsehen erregt haben. Darin wurde detailliert anhand zahlreicher Dokumente nachgewiesen, dass es eine nukleare Zusammenarbeit der Bundesrepublik mit dem Apartheid-Regime gab - mit Billigung der Bundesregierung und Lieferungen bundesdeutscher Firmen. Wegen seines öffentlich gewordenen Besuchs in der südafrikanischen Urananreicherungsanlage wurde der bundesdeutsche Vertreter bei der NATO abberufen. Ebenso geriet die Bundesregierung durch den Besuch von Staatssekretär Hans-Hilger Haunschild in der Atomanreicherungsanlage Pelindaba im Jahr 1972 unter Beschuss. Dies alles ist in der Dokumentation nachzulesen. 

gfp.com: Wie hat die Bundesregierung auf Ihre Arbeit reagiert? 

Wick: Sie hat eine militärisch-nukleare Zusammenarbeit mit dem Apartheidstaat durchweg geleugnet. Eine ablehnende Reaktion gab es zum Beispiel beim Bonner Nuklearkongress, den die Anti-Apartheid-Bewegung zusammen mit zwölf weiteren Organisationen im November 1978 in Bonn organisierte und der in den Schlagzeilen stand. Unter den mehr als 500 Teilnehmenden gab es Vertreter der UNO, des Weltkirchenrates und der Organisation für Afrikanische Einheit, der Befreiungsbewegungen und internationale Experten. Die Bundesregierung war in Erklärungsnot und brachte drei Tage vor dem Kongress eine Publikation heraus - unter dem Titel "Zur Sache", die sie in drei Sprachen an ihre weltweiten diplomatischen Missionen sandte. In ihr suchte sie die vorliegenden Erkenntnissen über die nukleare Zusammenarbeit mit Südafrika zu widerlegen. Sie behauptete, die Anti-Apartheid-Bewegung spreche "wider besseres Wissen" von einer Nuklearkooperation der Bundesrepublik mit dem Apartheid-Regime, und es komme ihr nicht in erster Linie auf den Kampf gegen die Apartheid an, sondern sie wolle nur den guten Ruf der Bundesrepublik Deutschland in Afrika schädigen. Gegen diese Behauptungen reichten wir über unseren Rechtsanwalt, den SPD-Abgeordneten Manfred Coppik, eine Unterlassungsklage ein. Über mehrere Instanzen zog sich das Verfahren gut acht Jahre hin, bis schließlich 1987 das Bundesverfassungsgericht entschied, die Sache sei nicht justiziabel, da es sich um einen politischen Meinungskampf handele. Nun, wir haben das Verfahren politisch genutzt - wir hatten die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, auch international. 

Nach der Veröffentlichung der ANC-Publikation 1975 rief eines Tages Bundesforschungsminister Hans Matthöfer im Büro der Anti-Apartheid-Bewegung an und erklärte, man könne an der Sprache der Veröffentlichung erkennen, dass sie aus der DDR stamme. Das war natürlich Unsinn. Ich fragte ihn, was er zum Inhalt meine, aber dazu wollte er sich nicht äußern. Dies war ein plumper Versuch, uns einzuschüchtern. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat uns einmal rundheraus als "professionelle Lügner" bezeichnet - die Fakten, die wir in die Welt setzen, entbehrten jeglicher Grundlage, behauptete er. Das war die Linie der Bundesregierung. 

gfp.com: Gab es denn stärkere Unterstützung für die Anti-Apartheid-Bewegung bei nichtstaatlichen Verbänden, etwa bei Gewerkschaften oder Kirchen? 

Wick: Das Verhältnis der Anti-Apartheid-Bewegung zu den Gewerkschaften war durch eine große Distanz gekennzeichnet. Wir versuchten beispielsweise, mit Gewerkschaften über die Militärlieferungen deutscher Firmen an Südafrika ins Gespräch zu kommen. Doch stießen wir auf Ablehnung. Die Gewerkschaften lehnten unsere Forderung nach einem Boykott des Apartheidstaates ab. Dies änderte sich erst ab Mitte der 1980er Jahre, genauso wie bei der SPD übrigens, als Sanktionen gegen das Apartheid-Regime weltweit immer mehr Zuspruch erfuhren und Firmen aus zahlreichen Ländern, unter anderem den USA und Großbritannien, sich zurückzogen. Immerhin hatte die Anti-Apartheid-Bewegung gute Kontakte zu Aktivisten an der Gewerkschaftsbasis, zum Beispiel zu IG Metall-Betriebsräten bei VW Kassel und Wolfsburg, und punktuell auch zu einigen höheren Gewerkschaftsfunktionären, etwa in der damaligen HBV. 

Zur kirchlichen Basis hatten wir immer sehr gute Kontakte. Die Hauptgründer der Anti-Apartheid-Bewegung hatten als kirchliche Mitarbeiter in Südafrika konkrete Erfahrungen mit dem Apartheid-System gesammelt und wollten dessen Unrecht in der Bundesrepublik thematisieren. Einige waren skeptisch gegenüber dem bewaffneten Befreiungskampf, gegenüber den Militärlieferungen der sozialistischen Länder an die Befreiungsbewegungen, auch gegenüber der Kooperation des ANC mit der Südafrikanischen Kommunistischen Partei. Aber viele unterstützten die Befreiungsbewegungen und die Anti-Apartheid-Bewegung. Doch die Kirchenleitungen wahrten uns gegenüber eine große Distanz. Die evangelische Kirche verweigerte uns zum Teil auch eine finanzielle Unterstützung, zum Beispiel beim Nuklearkongress 1978. Das änderte sich erst ab Mitte der 1980er Jahre, als sich die Situation in Südafrika politisch und wirtschaftlich zuspitzte. Die Massenproteste der südafrikanischen Opposition beantwortete das Regime mit immer schärferer Repression. Als Südafrika 1985 gegenüber ausländischen Kreditgebern zahlungsunfähig war und Umschuldungsverhandlungen begannen, hätten die Gläubiger wirksamen Druck auf das Apartheid-Regime ausüben können. Das geschah aber nicht, im Gegenteil: Südafrika erhielt sehr günstige Umschuldungsbedingungen, insbesondere von bundesdeutschen Banken. Aus Protest gegen diese Unterstützung kündigte der Deutsche Evangelische Kirchentag 1987 sein Konto bei der Deutschen Bank; dies ist das einzige prominente Beispiel eines Bankenboykotts in der Bundesrepublik. 

gfp.com: Die Anti-Apartheid-Bewegung wurde also von den Spitzen von Gewerkschaften und Kirchen nicht viel besser behandelt als vom deutschen Staat... 

Wick: Von einigen Ausnahmen abgesehen stimmt das leider. In diesem Zusammenhang sollte man nicht vergessen, dass es in der Bundesrepublik zahlreiche Pro-Apartheid-Organisationen gab, die mit Publikationen und direkten Kontakten zu Parlamentariern, Regierungsvertretern, gesellschaftlichen Gruppen und Medien äußerst wirksam waren, wie zum Beispiel die South Africa Foundation oder die Deutsch-Südafrikanische Gesellschaft (DSAG). Auch auf evangelischen Kirchentagen waren Pro-Apartheid-Gruppen aktiv. Vor allem in den 1970er Jahren konnten sie in weiten Teilen der Bundesrepublik ein positives Image des rassistischen Apartheid-Systems verbreiten. Vor dem Hintergrund der NS-Geschichte empörte uns die Pro-Apartheid-Lobby in der Bundesrepublik. In deren Wirken sahen wir eine Kontinuität der NS-Rassenideologie, gegen die wir im Widerstand gegen die Apartheid ebenso angehen wollten. 

gfp.com: Die Bundesrepublik arbeitet heute eng mit Südafrika zusammen, für deutsche Unternehmen ist das Land nach wie vor der mit Abstand wichtigste Wirtschaftsstandort auf dem Kontinent. Schadet ihnen ihre frühere Unterstützung für das Apartheid-Regime? 

Wick: Nein, nur zivilgesellschaftliche Gruppen in Südafrika wie das Khulumani-Bündnis bringen eine historische Verantwortung ehemaliger Verbündeter der Apartheid zur Sprache. So hat Khulumani 2002 in den USA eine Entschädigungsklage gegen zahlreiche Unternehmen und Banken aus Unterstützerländern wie der Bundesrepublik Deutschland eingereicht, beispielsweise gegen Daimler und Rheinmetall. In ihrem Abschlussbericht hatte die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission 1998 die enge Unterstützung von Staaten und Unternehmen für das Apartheid-System thematisiert und eine historische Aufarbeitung gefordert - bisher jedoch vergeblich. Auf staatlicher Ebene ist die ehemalige Kollaboration westlicher Staaten mit dem Apartheid-Regime im heutigen Südafrika kein Thema. 

gfp.com: Sind die Folgen der Apartheid, die Südafrika ja auch der bundesdeutschen Unterstützung für das Regime verdankt, inzwischen beseitigt? 

Wick: Das Ende der Apartheid hat den Menschen in Südafrika enorme politische Fortschritte gebracht. Ökonomisch allerdings ist die Apartheid noch überall sichtbar; das zeigt sich zum Beispiel an der ungerechten Landverteilung, der Massenarbeitslosigkeit oder an der skandalösen Diskriminierung im Bildungs- und Gesundheitswesen. Vor diesem Hintergrund müssen umfangreiche Staatsausgaben Südafrikas für das Militär, etwa der Kauf deutscher Fregatten und U-Boote im Jahr 1999, scharf kritisiert werden, denn diese Ressourcen werden Programmen für die arme Bevölkerungsmehrheit entzogen. Eine Politik der Umverteilung, wie sie beispielsweise die Freiheitscharta der Kongressbewegung von 1955 und das Reconstruction and Development Programme Ende der 1980er Jahre vorsah, steht bis heute aus, nicht zuletzt durch starken Druck aus dem westlichen Ausland. Mandelas ursprüngliche Ziele sind noch lange nicht erreicht. 

 

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