Wochenendbeilage der jungen Welt

vom 12.03.2016


 

»Abrüstung und Umverteilung, nicht Kriegspolitik«  

Gespräch. Mit Markus Pflüger. Am Osterwochenende wird bundesweit die Friedensbewegung demonstrieren. Die AG Frieden Trier setzt auf Bündnispolitik  

Sebastian Carlens 

In: junge Welt online vom 12.03.2016 

Wochenendbeilage 

 

Am Osterwochenende werden vielerorts wieder Friedensmärsche stattfinden. 

Ein Bündnis aus der Arbeitsgemeinschaft Frieden Trier, dem antimilitaristischen GI-Café Kaiserslautern/Military Counseling Network e. 

V., der DFG-VK Trier, dem Friedensnetz Saar, der Friedensinitiative Westpfalz und etlichen weiteren Organisationen plant eine Veranstaltungsreihe. Was sind in diesem Jahr, das bereits kriegerisch begonnen hat, die Schwerpunkte Ihrer Arbeit? 

Insgesamt erwarte ich, dass die Ostermärsche Kriege und Rüstungsexporte stärker thematisieren – als Beispiele für von uns zu verantwortende Fluchtursachen. Der immer sichtbarere Rechtstrend auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft mit AfD und Pegida, die Anschläge gegen Flüchtlinge und die Abschiebe- und Abschottungspolitik werden genauso angesprochen werden wie das, was die europäische Grenzschutzagentur Frontex und die NATO machen: Krieg gegen Geflüchtete. Es wird dabei um Deutschlands und Europas Verantwortung an der Misere gehen. 

Bei vielen Aufrufen stehen natürlich die Ablehnung der Bundeswehr-Einsätze in Syrien oder Afrika und der Waffenlieferungen in Krisenregionen im Mittelpunkt. Sowohl mit Saudi-Arabien als auch mit der Türkei kooperiert Deutschland. Es ist Teil des Problems. Hinzu kommen die Ankündigungen der Bundesregierung aus Union und SPD, wieder deutlich mehr für Rüstung und Militär auszugeben. Geld, das bei der Bekämpfung der Flucht- und Kriegsursachen und der Integration der Geflohenen fehlt. Wieder bleibt fast nichts für zivile Krisenprävention. Was wir dringend brauchen, sind Abrüstung und Umverteilung, nicht Kriegspolitik und Sozialabbau! 

Was läuft bei Ihnen in der Region? 

Wir unterstützen drei Ostermärsche. Jeder Ort steht für einen anderen Schwerpunkt antimilitaristischer Arbeit: In Kaiserslautern ist es am 26. 

März naheliegend, die Militärregion Westpfalz mit der Airbase Ramstein zu thematisieren. Die Relaisstation ist entscheidend bei der Übermittlung der Befehle an die Kampfdrohnen. Auch über deutschem Boden wird das extralegale Töten organisiert. Dabei sterben massenhaft unbeteiligte Zivilisten. 

Von der Westpfalz aus wird die Logistik aktueller US-Kriege organisiert. 

Eine Vertreterin des GI-Cafés »The Clearing Barrel« Kaiserslautern wird auf ihre Arbeit mit US- und Bundeswehr-Soldaten und Veteranen eingehen. Die Soldaten wissen genau, für welche Machtinteressen sie verheizt werden. 

Solche Kritik braucht Räume wie das GI-Café und Beratung vom Military Counseling Network e. V. Diese Arbeit hilft nicht nur, die Öffentlichkeit über Hintergründe zu informieren, wie im Fall der Drohnenpiloten, sondern führt auch zu Kriegsdienstverweigerungen. Für mich ist das ein wichtiger und unterstützenswerter Ansatz. 

In Saarbrücken wird ebenfalls am Ostersamstag demonstriert, dort werde ich etwas zu unserer Kampagne »Krieg beginnt hier« sagen. Im Saarland hat die Rüstungsfirma Diehl, die auch Drohnen mitentwickelt, ihren Sitz; genauso wie Fallschirmjäger und zwei Rekrutierungsbüros der Bundeswehr. 

Beim Marsch am Ostermontag in Büchel thematisieren wir die letzten verbliebenen US-Atombomben auf deutschem Boden. Es kann doch nicht sein, dass Bundeswehr-Soldaten den Abwurf dieser Massenvernichtungswaffen üben. 

Die Völkerrechtswidrigkeit solcher Waffen scheint aber genauso egal wie der Bundestagsbeschluss von 2010, der den Abzug der Atombomben verlangt. 

Deswegen ist es auch so wichtig, dass mit dem Ostermarsch der Auftakt für 20 Wochen Protest in Büchel gemacht wird. Vom 26. März bis zum 9. August sind Gruppen eingeladen, zu demonstrieren oder gewaltfreie Aktionen durchzuführen. Unter dem Motto »Büchel ist überall« soll der Druck für den Abzug erhöht werden. 

Druck erhöhen – was soll man sich praktisch darunter vorstellen? 

Es wird vielfältige Aktivitäten geben. Gegenüber dem Fliegerhorst soll dabei eine Friedenswiese mit vielen Zeichen aller Aktionsgruppen entstehen. 

Die drei Ostermärsche, die von den lokalen Initiativen vor Ort organisiert werden, sind für uns zudem Auftakt unserer eigenen Kampagne gegen die Kriegspolitik auf dem sogenannten Flugzeugträger Rheinland-Pfalz. 

Ihre Kampagne steht unter dem Motto »Krieg beginnt hier«. Welche Orte, Kasernen und Militäreinrichtungen wollen Sie mit ihren Funktionen im Kriegsgeschäft kenntlich machen? 

Wir haben uns in der regionalen Friedensbewegung zusammengesetzt und überlegt, was hier alles an Kriegsbeteiligung organisiert wird. Wir sind selbst erschrocken, wieviel da zusammengekommen ist. 

Neben der Militärregion Westpfalz mit Ramstein gibt es den Truppenübungsplatz Baumholder und die US-Airbase Spangdahlem. Die deutsche Landes- und Bundespolitik unterstützt diese US-Kriegsmaschinerie, das muss ein Ende haben. Hinzu kommt der Fliegerhorst Büchel mit den Atombomben, aktuell unterstützen Bundeswehr-»Tornados« aus Büchel den Krieg in Syrien. 

Und schließlich die zahlreichen Bundeswehr-Einrichtungen für die Elektronischen Kampfführung (Eloka) in Daun, über Fallschirmjäger im Saarland bis zum Landeskommando mit Stelle des Militärgeheimdienstes MAD in Mainz. Wir haben eine Karte dazu auf unserer Website, die zeigt, wo der Krieg überall beginnt. Auch Rüstungsbetriebe wie Diehl in Nonnweiler und das Mercedes-Benz-Werk in Wörth spielen eine wichtige Rolle. Besonders perfide finde ich die Wehrtechnische Dienststelle (WTD) 41 in Trier: Dort wird Kriegsgerät für die Bundeswehr optimiert, aber auch für die Rüstungsindustrie. Mit dem WTD-Qualitätssiegel lassen sich Waffen noch besser verkaufen. Wir protestieren am 11. Juni vor der Dienststelle. Gegen den »Tag der Bundeswehr« setzen wir unseren Slogan »Krieg ist kein Volksfest!«. An 14 weiteren Orten gilt es am 11. Juni ebenfalls, klar zu machen: Kein Tag der Bundeswehr! 

Am Bundeswehr-Fliegerhorst Büchel sind die letzten Atomwaffen auf deutschem Boden stationiert. Die US-Amerikaner, zu deren Arsenal diese Waffen gehören, haben eine »Modernisierung« des Bestandes angekündigt. 

Was bedeutet das? 

Inzwischen rede ich möglichst nicht mehr von der geplanten »Modernisierung« der B 61-12-Atombomben, denn das wäre eine Verharmlosung. Es geht um Aufrüstung. Aus einfachen, ungesteuerten Bomben sollen lenkbare Präzisionswaffen werden. Das sind Waffen mit neuen Fähigkeiten, das ist ein qualitativer Aufrüstungsschritt. Sie gelten im Gegensatz zu alten sogenannten Abschreckungswaffen als »einsatzfähig«. 

Es ist einfach unglaublich. 

Und für all das gibt die Bundesregierung auch noch grünes Licht. Lokale CDU-Größen befürworten den Fliegerhorst mit seinen Atombomben. Die SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer und der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann wurden in einem offenen Brief gefragt, ob sie sich mittels Bundesratsinitiative dafür einsetzen, dass Atomwaffen in Deutschland gesetzlich verboten werden. Mir sind noch keine Antworten bekannt. Es ist so verlogen: 2015 hat die Bundesregierung in Hiroshima versprochen, sich für das weltweite Verbot aller Atomwaffen einzusetzen, aber in der Generalversammlung der Vereinten Nationen hat Deutschland gegen ein Atomwaffenverbot gestimmt. 

Am Beispiel Büchel wird die Integration der Bundeswehr in die NATO deutlich, auch die enge Zusammenarbeit mit der US Army. An wen muss die Friedensbewegung in der BRD ihre Forderungen eigentlich adressieren? 

Die Bundeswehr nennt sich »Speerspitze« der NATO, auch die EU ist zum Militärbündnis verkommen. Wir müssen unsere Forderungen an beide richten, aber gemäß dem Motto »Erst mal vor der eigenen Haustür kehren«, ist zuerst die Bundesregierung gefordert. Die große Koalition muss endlich den Bundestagsbeschluss für einen Atomwaffenabzug umsetzen. 

Das heißt, sich mit der US-Regierung anlegen, die neuen Atombomben verhindern und letztendlich aus der nuklearen Teilhabe aussteigen. Das Völkerrecht muss ernst genommen werden. Die Atomwaffen sind Teil der ständigen atomaren Bedrohung unserer Welt. Angesichts möglicher weiterer militärischer Eskalationen ist es höchste Zeit für eine nukleare Abrüstung! 

Am 6. April wollen Sie in einem Vortrag am Beispiel der Elektronischen Kampfführung zeigen, warum auch von vermeintlich harmlosen, mit elektronischer Datenverarbeitung beschäftigten Einheiten der Bundeswehr wie der »Fernmeldetruppe Eloka« ständige Gefahr ausgeht. Was hat sich da in den letzten Jahren verändert, wie weit ist die BRD auf diesem »Kampffeld«? 

Noch weiß ich nicht alles, was in diesem Bereich läuft – deswegen auch der Austausch mit Friedensgruppen aus dem Norden, die gegen die dortigen Elokas und ihre Geheimhaltungspolitik protestieren. Aber was ich weiß, reicht schon vollkommen aus, um das Thema auf die Agenda der Friedensbewegung zu setzen. Zur Eloka gehören beispielsweise mobile Bodenstationen wie der Aufklärungspanzer »Hummel«, drei Kriegsschiffe, von denen eines aktuell vor Syrien stationiert ist. Die sollen Flüchtlingsabwehr betreiben. Und dann gibt es drei fest verbunkerte Bodenstationen mit riesigen Antennenanlagen: Daun in der Eifel, Bramstedtlund in Nordfriesland und Gablingen bei Augsburg. Die Bundeswehr-Einheit in Daun spielt eine wichtige Rolle bei der Aufrüstung der deutschen Armee im Cyberkrieg, mit Drohnen und durch elektronische Kampfführung. Die Bundeswehr ist damit für die militärische Aufklärung innerhalb der NATO spezialisiert, bereitet also Kampfeinsätze vor, und ist darüber an den Kriegen der NATO direkt beteiligt. 

Und das Parlament muss dem nicht zustimmen? 

Klar, eigentlich muss der Bundestag gefragt werden. Tatsächlich findet diese Kriegsbeteiligung aber ohne öffentliche und parlamentarische Kontrolle statt. Das ist skandalös und muss endlich diskutiert werden. Wir fordern daher ein Ende der Hochtechnologie-Kriegführung, wie sie von Eloka Daun praktiziert wird, und keine weitere Aushebelung des Parlamentsvorbehalts. 

Am 21. Mai lädt das Kampagnenbündnis zu einer Friedensaktion in Spangdahlem ein. Dort befindet sich eine US-Airbase. Sie wollen dort unter anderem eine Exkursion zu einem verseuchten Weiher unternehmen. Was hat das mit Antikriegsarbeit zu tun? 

Wir haben mit Betroffenen vor Ort Kontakt. So ein Kriegsflughafen in der Nachbarschaft ist wirklich heftig, an manchen Tagen mussten wir unser Gespräch wegen Fluglärms unterbrechen. Anwohner, die nah an der Airbase wohnen, erleben das immer wieder. Man kann sich dann vorstellen, was das für den Kindergarten und die Grundschule bedeutet. Lärm macht Stress und damit krank. Dann die ganzen Abgase, von der zubetonierten Landschaft mal ganz zu schweigen. Die zahlreichen Fälle von Krebstoten, die dort auf den Friedhöfen liegen, wurden nie systematisch untersucht. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Airbase damit zu tun hat. Die ganzen Emissionen über Luft und Wasser, über Pflanzen und Tiere – mir wurde vorgerechnet, dass der Start eines einzigen Kampfjets von der Abgasmenge der Durchfahrt von 500 Bussen durch das Dorf entspricht. Oft startet hier aber gleich eine ganze Staffel. Und es geht um zig Übungsflüge und auch den Kriegsbetrieb. 

Damit sind wir beim Thema Krieg – der beginnt hier vor Ort mit sogenannten Kollateralschäden. Es wird nicht nur das Kriegsziel getroffen, sondern es werden auch unbeteiligte Zivilisten getötet. Auch hier um die Airbase gibt es Kollateralschäden. Das sind zwar andere als in Kriegsgebieten, doch damit setzen wir mit unserer Antikriegsarbeit bewusst vor Ort an und leiten damit zu grundsätzlicher Kriegskritik über. 

Wir werden unsere Aktion zusammen mit Günther Schneider organisieren, er ist im Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) engagiert. Er hat schon vor Jahren gegen die Erweiterung der Airbase gekämpft. Er wurde schließlich wie sein Vater zwangsenteignet – und er wusste schon immer um die Kriegsfunktion. Beim Jugoslawien-Krieg hörte er nachts, was läuft, bevor es in den Nachrichten kam. Auch beim Irak- und Afghanistan-Krieg. Wir haben schließlich zusammen gegen die Airbase-Erweiterung und gegen diese Kriege protestiert und eine Konversionskonferenz durchgeführt. Spangdahlem bewältigt mit seiner längsten US-Startbahn in Europa rund 30 Prozent der Fracht- und Truppentransporte, Ramstein 70 Prozent. Spangdahlem ist europäisches Zentrum des US-Nachschubs und logistische Drehscheibe für US-Kriege. 

Der Weiher nahe der Airbase wurde 2015 wegen Grenzwertüberschreitungen gesperrt, die Fische auch aus umliegenden Flüssen sollen nicht mehr verzehrt werden. Genau den Weiher besuchen wir bei unserer Protestaktion. 

Dabei erfahren wir mehr über die Bäche, Flüsse und Teiche im Umkreis der Airbase. Alle sind stark mit Perfluorierten Tensiden (PFT) belastet. Auch im Grundwasser finden sich viel zu hohe PFT- und Trichlorethen-Werte, beides ist gesundheitsschädlich. Die Stoffe gelten als krebserregend. Das Trinkwasser und damit auch das berühmte Bier der Region sind in Gefahr – Pikant daran: Der alte Chef der Bitburger Brauerei unterstützt den Pro-Airbase-Verein Host Nation Council Spangdahlem. Die Menschen vor Ort sind zu Recht verärgert und besorgt – was ist mit den Brunnen, mit dem Trinkwasser, wie weit geht die Verseuchung? Ich denke, es könnte noch mehr Gift gefunden werden: Aus dem hochgiftigen Hydrazin, mit dem die Kampfjets fliegen, und aus dem NATO-Treibstoff JP-8, der hochgiftige Zusatzstoffe enthält. 

So schlagen wir vom verseuchten Weiher einen Bogen zu den ersten Kollateralschäden im Umfeld der rücksichtslosen Kriegsmaschinerie und lenken den Blick auf das Ziel der aktuellen Kriegspolitik: auf die Macht und Wirtschaftsinteressen zulasten der Ausgebeuteten. Wir hoffen, mit dieser Kooperation weitere Menschen anzusprechen und freuen uns über Beteiligung. 

Die Arbeitsgemeinschaft Frieden Trier e. V. ist mitverantwortlich für die lokale »Stolperstein«-Aktion, mit der an die Opfer des Hitlerfaschismus erinnert werden soll. Warum ist antifaschistische Erinnerungsarbeit Bestandteil von Friedensarbeit? 

Wir gehen von der Nachkriegslosung »Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus« aus. Für uns gehört das untrennbar zusammen. Die Gedenksteine sind dezentral und zeigen im Alltag, wo die Menschen gelebt haben, die Opfer der Nazis wurden. Da viele kleine Initiativen die Idee des Künstlers Gunter Demnig umsetzen, ist das auch ein demokratisches Denkmal von unten. Zudem wollen wir die Übersetzung der Geschichte in die Gegenwart: Was können wir aus den Anfängen des NS-Faschismus lernen, aus der Weimarer Zeit? Was heißt das heute, angesichts der Attentatsserie des NSU, der Anschläge auf Flüchtlinge und der Erfolge des Rechtspopulismus, zum Beispiel der AfD. Die Geschichte erinnert uns daran, wie mit Vorurteilen und Rassismus menschenverachtende Verfolgung organisiert werden kann, bis zum Massenmord, bis zum totalen Krieg. In Trier demonstrieren wir fast monatlich gegen Rechte von NPD bis AfD. Denn »wer in der Demokratie schläft, läuft Gefahr, in einer Diktatur aufzuwachen«, so ein warnender Ausspruch. 

Der aktuelle Rechtsruck in halb Europa und die Durchkapitalisierung aller Lebensbereiche gefährden die Demokratie – zwei Gefahren, die sich gegenseitig verstärken. Und dann ist für mich Krieg nur eine logische Bedingung der neoliberalen Globalisierung. Krieg als Fortsetzung der Gewinnmaximierung mit militärischen Mitteln. Erinnerungsarbeit und Engagement gegen rechts sind für mich daher komplementärer Teil von Friedensarbeit. Deswegen ist uns auch die Abgrenzung von Rechtspopulisten bis Neonazis so wichtig und Solidarität mit Geflüchteten selbstverständlich. 

Was erhoffen Sie sich von der Kampagne »Krieg beginnt hier« – wie kann sie auch eine Anregung für andere Friedensgruppen sein? 

Manche blenden durch ihre zwar berechtigte, aber einseitige Kritik am US-Imperialismus die hiesige Politik aus. Der Ansatz »Krieg beginnt hier« verdeutlicht auch die deutsche und europäische Beteiligung und Verantwortung an der weltweiten Kriegspolitik. Bundeswehreinrichtungen, Rüstungsbetriebe und Kriegsflughäfen oder das Gefechtsübungszentrum »Schnöggersburg« bei Magdeburg bieten sich an, um mit Kritik am Krieg vor Ort anzusetzen. Das soll auch andere ermutigen, die Idee »Krieg beginnt hier – unser Protest und Widerstand auch« bei sich umzusetzen. 

Konkret suchen wir Unterstützer, Einzelpersonen und Gruppen sowie Organisationen, die mit uns fordern: Von hier soll Frieden ausgehen. Wir engagieren uns für eine solidarische Welt ohne Kriege, Drohnen und Atomwaffen, für Abrüstung und Konversion. 

 

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Vom Kapital verspeist  

Rosa Luxemburg untersuchte 1913 die damaligen Finanzströme zwischen Westeuropa, vor allem Deutschland, und der Türkei Rosa Luxemburg 

In: junge Welt online vom 12.03.2016 

Wochenendbeilage 

 

Wie in China, wie jüngst wieder in Marokko hatte es sich schon in Ägypten gezeigt, dass hinter internationaler Anleihe, Eisenbahnbau, Wasseranlagen und dergleichen Kulturwerken der Militarismus als Vollstrecker der Kapitalakkumulation lauert. Während die orientalischen Staaten mit fieberhafter Hast ihre Entwicklung von der Naturalwirtschaft zur Warenwirtschaft und von dieser zur kapitalistischen durchmachen, werden sie vom internationalen Kapital verspeist, denn ohne sich diesem zu verschreiben, können sie die Umwälzung nicht vollziehen. 

Ein anderes gutes Beispiel aus der jüngsten Zeit bilden die Geschäfte des deutschen Kapitals in der asiatischen Türkei. Schon früh hatte sich das europäische, namentlich das englische Kapital dieses Gebietes, das auf der uralten Route des Welthandels zwischen Europa und Asien liegt, zu bemächtigen gesucht. (...) 

1888 tritt das deutsche Kapital auf den Plan. Durch Unterhandlung namentlich mit der französischen durch die Banque Ottomane vertretenen Kapitalgruppe kam eine internationale Interessenfusion zustande, wobei an dem großen Anatolischen und Bagdadbahnunternehmen die deutsche Finanzgruppe sich mit 60 Prozent, das internationale Kapital mit 40 Prozent beteiligen sollte. Die Anatolische Eisenbahngesellschaft, hinter der hauptsächlich die Deutsche Bank steht, wurde als türkische Gesellschaft am 14. Redscheb des Jahres 1306, d. h. am 4. März 1889, zur Übernahme der seit Anfang der 70er Jahre im Betrieb befindlichen Linie von Haidarpascha bis Ismid und zur Ausführung der Konzession der Bahnstrecke Ismid–Eski Schehr–Angora (845 Kilometer) gegründet. (…) Die türkische Regierung leistete der Gesellschaft die folgende Staatsgarantie: Bruttoeinnahme 10.300 Franc pro Jahr und Kilometer für die Strecke Haidarpascha-Ismid und 15.000 Franc für die Strecke Ismid–Angora. (…) 1901 erlangte die Gesellschaft die Konzession für die Bagdadbahn Konya–Bagdad–Basra–Persischer Golf (2.400 Kilometer), die sich mit der Strecke Konya–Eregli–Bulgurlu an die anatolische Strecke anschließt. (...) 1908 erhielt die Gesellschaft eine Konzession für die Verlängerung der Konyabahn bis Bagdad und zum Persischen Golf, wieder mit Kilometergarantie. 

Hier tritt die Grundlage der Akkumulation ganz klar zutage. Das deutsche Kapital baut in der asiatischen Türkei Eisenbahnen, Häfen, Bewässerungsanlagen. Es presst bei all diesen Unternehmungen aus den Asiaten, die es als Arbeitskraft verwendet, neuen Mehrwert aus. Dieser Mehrwert muss aber mitsamt den in der Produktion verwendeten Produktionsmitteln aus Deutschland (Eisenbahnmaterial, Maschinen usw.) realisiert werden. Wer hilft sie realisieren? Zum Teil der durch die Eisenbahnen, Hafenanlagen usw. hervorgerufene Warenverkehr, der inmitten der naturalwirtschaftlichen Verhältnisse Kleinasiens großgezogen wird. 

(…) Das Geschäft, das äußerlich als eine abgeschmackte Tautologie, als Bezahlen deutscher Waren mit deutschem Kapital in Asien, erscheint, bei dem die braven Deutschen den schlauen Türken nur den »Genuss« der großen Kulturwerke überlassen, ist, im Grunde genommen, ein Austausch zwischen dem deutschen Kapital und der asiatischen Bauernwirtschaft, ein mit Zwangsmitteln des Staates durchgeführter Austausch. Die Resultate des Geschäfts sind: auf der einen Seite die fortschreitende Kapitalakkumulation und eine wachsende »Interessensphäre« als Vorwand für die weitere politische und wirtschaftliche Expansion des deutschen Kapitals in der Türkei; auf der anderen Seite Eisenbahnen und Warenverkehr auf der Grundlage der rapiden Zersetzung, des Ruins und der Aussaugung der asiatischen Bauernwirtschaft durch den Staat sowie der wachsenden finanziellen und politischen Abhängigkeit des türkischen Staates vom europäischen Kapital. (...) 

Je gewalttätiger das Kapital vermittelst des Militarismus draußen in der Welt wie bei sich daheim mit der Existenz nichtkapitalistischer Schichten aufräumt und die Existenzbedingungen aller arbeitenden Schichten herabdrückt, um so mehr verwandelt sich die Tagesgeschichte der Kapitalakkumulation auf der Weltbühne in eine fortlaufende Kette politischer und sozialer Katastrophen und Konvulsionen, die zusammen mit den periodischen wirtschaftlichen Katastrophen in Gestalt der Krisen die Fortsetzung der Akkumulation zur Unmöglichkeit, die Rebellion der internationalen Arbeiterklasse gegen die Kapitalsherrschaft zur Notwendigkeit machen werden, selbst ehe sie noch ökonomisch auf ihre natürliche selbstgeschaffene Schranke gestoßen ist. 

 

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Schwarzer Kanal: Moskauer System  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 12.03.2016 

Wochenendbeilage 

 

Die Schlagzeile auf Seite eins der FAZ am Freitag lautet: »Sicherheitskreise werfen Moskau systematische Schwächung der EU vor«. 

Was woanders, wahrscheinlich selbst bei Bild, der Wladimir Putin neulich ein vierseitiges Interview gab, wegen Nullnachricht zum sofortigen Druck auf die Löschtaste führt, ist bei der »Qualitätszeitung« Anlass für den Hauptbericht auf Seite eins und einen Text auf fast der ganzen Seite zwei. Die Recherche stützt sich auf »Hinweise«, auf »Erkenntnisse« anonymer Quellen, auf Mutmaßungen eines CDU-Bundestagsabgeordneten über Edward Snowden. Es regieren Vokabeln wie »gilt als sicher«, »möglicherweise«, »vermutlich«, »potentiell« und »unklar«, schärfstes journalistisches Instrument ist die indirekte Rede: »dürfe«, »frage«, »gebe« usw. 

Die Substanz des Ganzen steht im ersten Satz: »Die russische Führung verfolgt nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitskreise einen systematischen Ansatz, um die EU durch Propaganda und politische Einflussnahme zu schwächen.« Da heulen alle publizistischen Luftschutzsirenen. Denn »wir« schicken lediglich ein paar Truppenkontingente bis kurz vor Moskau und St. Petersburg an die russische Grenze, subventionieren den Krieg von ukrainischen Nationalisten und Faschisten gegen die eigene Bevölkerung im Donbass, stützen den Terrorpaten Erdogan bei seinen militärischen Attacken gegen russische Streitkräfte, die einen dritten Weltkrieg auslösen können, treiben das US-Antiraketenstationierungsprogramm in Europa voran und sind eifrig bei der Modernisierung von hier gelagerten Atombomben dabei. Und was macht der Russe? Er hat einen »systematischen Ansatz«, in seiner Propaganda. Daraus lässt sich schließen: In Moskau herrscht doch noch irgendeine Ordnung, obwohl die FAZ schon vor Jahren den Bankrott aller Russen und Putins im Speziellen vollzogen hat, jedenfalls nachrichtlich. 

Anlass für die Enthüllung ist übrigens die Tagung des NSA-Untersuchungsausschusses des Bundestages am kommenden Donnerstag. Die FAZ moniert, seit Bekanntwerden der Snowden-Daten habe sich »die Kritik zumindest der Opposition in Deutschland auf einen Geheimdienst« konzentriert: die NSA. Noch gilt aber, was Harzburger Front in den 1930ern oder die CDU in den 1950ern schon plakatierten: Alle Wege der Opposition führen nach Moskau. Und da die Reiseroute von Snowden auch dorthin führte, ist klar: Der war bolschewistischer, äh, russischer Agent. Das sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des NSA-Untersuchungsausschusses, Patrick Sensburg, der FAZ: »Snowden hat sich entschieden, nach Russland zu reisen. Er hat sich damit auf eine Seite des Propagandakrieges zwischen Moskau und dem Westen geschlagen.« Da verrät Sensburg zwar, dass der Westen einen Propagandakrieg führt. Das grenzt zwar an Verrat, aber der Mann hat ein Wiedergutmachungsbonbon: »Der CDU-Abgeordnete hält es für möglich, dass Snowden bereits bei einer Tätigkeit für den amerikanischen Geheimdienst in Genf, wohin er 2007 geschickt worden war, vom russischen Auslandsnachrichtendienst angesprochen wurde.« 

Das muss reichen für FAZ-Nichtpropaganda. Wenn in der EU die Wände wackeln – Bankenrettung, Euro-Krise, »Rettungsschirme«, Ukraine- und Syrienkrieg etc. –, dann resultiert das aus Moskaus Arbeit im Untergrund. 

Angesichts der NSA-Enthüllungen habe, so die FAZ, höchst einseitig »Aufregung« in Europa und eben auch in Deutschland geherrscht. Derweil sei »weitestgehend im Verborgenen« geblieben, dass die Moskowiter nicht nur lauschen, sondern auch noch »erhebliche Energie auf Propagandaarbeit« verwenden. So erfährt der FAZ-Leser endlich: Da liegt der Unterschied zwischen Ost und West. Schön, das zu wissen, bevor der Moskauer Propagandaapparat die hiesige Unsystematik bei Kriegsvorbereitung, die keine Propaganda kennt, ausnutzen konnte 

 

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Nach internationalen Normen  

Hilfsorganisation errichtet Flüchtlingslager nahe Dunkerque  

Hansgeorg Hermann 

In: junge Welt online vom 12.03.2016 

Wochenendbeilage 

 

Die französische Gemeinde Grande-Synthe an der Kanalküste darf in diesen Tagen, wie ihr Grünen-Bürgermeister Damien Carême es nannte, einen »großen Erfolg« feiern. Er hat der Organisation »Médecins sans frontières« (MSF, Ärzte ohne Grenzen) ein Gelände für ein Flüchtlingslager »nach internationalen Normen« gegeben. Man hat die Kinder, Frauen und Männer sozusagen aus dem Schlamm der bisherigen »Dschungelcamps« bei Calais und Dunkerque gegraben. 220 Holzhütten von acht bis zehn Quadratmetern Innenraum, die aussehen wie besonders gastliche Toilettenhäuschen, werden in Zukunft an die 1.300 Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten in Irak und Syrien beherbergen. 

»Und die Kosten?« fragte die Wirtschaftszeitung Les Echos sofort und korrekterweise. Miese Antwort: Die MSF-Leute haben in die eigene Kasse gegriffen und mit 2,6 Millionen Euro den größten Teil der notwendigen 3,1 Millionen Euro selbst gegeben, das Städtchen Grande-Synthe mit seinen 20.000 Einwohnern immerhin eine halbe Million. Und die Nation, mit dem allzeit freundlich lächelnden Gourmet François Hollande? Der sei dem Projekt freilich »feindlich« gesinnt gewesen, sagt MSF-Vertreter André Jincq – leider nichts aus Paris, »ein Versagen des Staates«. Der Rest, sanitäre Anlagen, Wasserversorgung, muss aus Spenden berappt werden. 

1.050 Menschen sind inzwischen umgezogen, in der Mehrzahl irakische Kurden, wie die Präfektur meldet; 60 Frauen, 74 Kinder unter ihnen, die bisher im Dreck des »Dschungels« hausten. Sie haben zunächst ein Dach über dem Kopf. Anderswo, etwa an der griechisch-mazedonischen Grenze sieht es schlimmer aus. Dort sind bis zu 14.000 Menschen. Sie leben im Freien, die Meteorologen erwarten einen Kälteeinbruch für den Balkan. Im Lager vor dem winzigen griechischen Dorf Idomeni werden die Familien mit ihren Kindern ausschließlich von freiwilligen Helfern versorgt, Toiletten oder Duschen gibt es nicht. Mittlerweile hat die griechische Regierung Busse bereitgestellt, um die Menschen in überfüllte »Auffanglager« zu bringen. 

Begleitet wird die menschliche Katastrophe dort, im neuen Flüchtlingsaufbewahrungsland, von segnenden Worten aus Brüssel. Der polnische Präsident der Europäischen Kommission, Donald Tusk, dankte den Regierungen in Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich dafür, dass sie die »Balkanroute« geschlossen haben. Damit Sicherheit und Wohlstand der satten Völker zwischen Nordkap und Sizilien vorerst gewährleistet bleiben. Auch in Zukunft werden keine Hungergesichter den Straßen- oder sonstigen Verkehr bei uns stören. 

 

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Ein neuer Tag, kein neues Leben  

Karsten Redmann 

In: junge Welt online vom 12.03.2016 

Wochenendbeilage 

 

(1) Wieder ein Tag – einer, wie jeder andere auch, denn einer folgt auf den anderen, und alle, alle sind sie gleich, ja, gleich, ohne Unterschied, identisch sozusagen. Warum ich das denke? Weil ich die Tage eben so erlebe – nichts weiter. Ein Tag gleicht da dem anderen, wie ein Ei dem anderen. So sagt man doch: Ein Ei gleicht dem anderen. Ich habe diesen Satz in meinem Leben schon oft gehört. Und genau so ist es auch mit den Tagen: Ein Tag gleicht dem anderen. 

(2) Letzte Nacht saß ich lange vor dem Fernseher. Jetzt ist es kurz vor 12. Die Wohnung ist still. Da ist kein Geräusch. Ich stehe auf, so wie immer, und mache mir einen Kaffee, einen Filterkaffee. Ich trinke gerne Filterkaffee. Mit dem Kaffeebecher in der Hand setze ich mich vor das Aquarium im Wohnzimmer und betrachte die Goldfische. Es sind 20 an der Zahl. Ich studiere ihre Unterschiede und denke über ihre jeweiligen Charakterzüge nach. Nach einer Weile beschließe ich, meinen Gedankengang zu beenden, und beende ihn auch – denn manchmal führt einen das Denken nicht weiter, sondern hält nur auf. 

(3) An einer Kunsthochschule habe ich studiert. Malerei auf Diplom. Aber das ist lange her, vielleicht sieben oder acht Jahre. Genau kann ich es nicht sagen, nicht mit Bestimmtheit. Früher, so denke ich heute, hatte ich einen ambitionierten, ja, sezierenden Blick auf die Welt, einen analytischen Zugang. Konnte die Dinge unterscheiden. Konnte sagen: Das hier ist wichtig, jenes nicht. Aber irgendwie ist mir dieser differenzierende Blick mit der Zeit abhanden gekommen. Nicht im Studium, nein, später war das. Etwas später. 

(4) Keine E-Mail im Postfach, kein Anruf. Ich gehe von einem Zimmer ins andere, entdecke kleinere und größere Arbeiten, die noch zu erledigen wären, aber ich erledige sie nicht. Nicht jetzt. In Gedanken formuliere ich eine Haltung zu den Dingen. Ich sage mir: Es gibt Wichtigeres, halte mich an der Formulierung fest, und beginne aus dem Fenster zu schauen. In der Scheibe spiegelt sich ein Teil meines Gesichts. Ich betrachte es eine Weile, versuche zu lächeln, schaffe es nicht. Plötzlich fliegt ein Vogel gegen die Scheibe – ich schrecke auf. Vorsichtig öffne ich die Tür zum Balkon. Die Amsel auf dem Boden ist tot. Da ist keine Bewegung. Ich ziehe Handschuhe an und werfe den Vogel in den Müll. Früher hätte ich das nicht getan, denke ich. Früher hätte ich den toten Vogelkörper erst auf den Tisch gelegt und dann eine Tuschezeichnung von ihm angefertigt. 

(5) Auf dem Wohnzimmertisch liegt ein Zettel, daneben ein Stift. Ich betrachte beide Gegenstände und muss wieder an meine Ideen von heute morgen denken, an die Tage, die vergehen und sich nicht voneinander unterscheiden. Auch muss ich an weißes Papier denken. Ich denke, dass die Tage wie weiße unbeschriebene Blätter Papier sind. Und dass sie sich durch nichts Besonderes auszeichnen. Und dass Hunderte weiße Blätter Papier auf unserem Wohnzimmertisch liegen – ungeordnet, versteht sich. 

Chaos wirbelt in meinem Kopf. Ich will auf andere Gedanken kommen, mache mir auch andere, neue. Auch über den Vogel denke ich nach, aber nur kurz. 

Schließlich füttere ich die Goldfische. Ist heute Dienstag? frage ich mich. Und dann, was das zu bedeuten hätte, und ob es einen Unterschied macht. Die Balkontür ist halb geöffnet, ich höre den Lärm der Straße und leises Vogelgezwitscher. Ein Vogel weniger, denke ich. Von den Bäumen fällt Laub. Über das Kopfsteinpflaster fahren Fahrräder, Schutzbleche scheppern. Wie spät es wohl ist? 

(6) Ich gehe nach draußen, gehe in Gedanken meine Einkaufsliste durch, kaufe alles Notwendige ein, komme zurück, setze mich an den Rechner, fahre ihn hoch, warte ab. Dann: Eine neue E-Mail im Posteingang. Eine Werbe-Mail. 

Ich solle etwas kaufen, was ich nicht gebrauchen kann. Ich lösche die Mail und suche im Internet nach anderen Themen. Ich finde Themen, genug Themen für ganze Tage, Wochen und Monate. Es klingelt. Nein, nicht an der Tür. 

Es ist das Telefon. Ich nehme den Hörer ab und sage meinen Namen. Ich sage vielleicht zu oft ja und nicke dabei; ich kann mein Nicken im Spiegel beobachten. Der Spiegel hängt über dem Tisch. Meine Art zu nicken gefällt mir nicht – ich sollte es verändern oder ganz abstellen. Am Ende des Telefonats verabreden wir, der Anrufer und ich, eine Zeit. 

(7) Mit der neuen Zeit im Kopf gehe ich im Zimmer umher und erinnere mich an eine E-Mail, die ich vor Tagen geschrieben habe. Deswegen wohl der Anruf. Ich hatte mich auf irgendeinem Jobportal auf eine 450-Euro-Stelle beworben, Logistikbranche, das heißt: Pakete schleppen für einen Mindestlohn. Acht Euro 50 die Stunde – ich erinnere mich genau. Der Name der Firma bestand nur aus zwei Buchstaben: A und B, oder A und C. Keine Ahnung, ich weiß es nicht mehr, war mir damals egal, und ist mir jetzt auch egal. Kennen Sie das GVZ? hatte der Typ am Telefon gefragt, und ich hatte ja gesagt, obwohl das nicht stimmte. GVZ? Immer diese Abkürzungen. 

Was soll das sein? Ich sehe nach. 

(8) Auf die Internetsuchmaschine ist Verlass – einer der vielen Einträge informiert mich über das GVZ: Güterverkehrszentrum meint die Abkürzung. Es soll das größte seiner Art in Deutschland sein, fast fünf Quadratkilometer umfassen, und damit mehr als doppelt so groß sein wie die Fläche des Fürstentums Monaco. Als ich »Monaco« lese, muss ich schmunzeln. Ich schiebe den Zwergenstaat mit einem neuen Gedanken weg. Denn ich brauche Platz, Platz für weitere Bilder im Kopf. Riesige Hallen und Straßen und Container sollen sich auf dem Areal befinden. Etwa 8.000 Menschen sollen dort beschäftigt sein. Verrückt, denke ich, denn ich hatte vorher noch nie davon gehört. Und gut, denke ich, denn jetzt weiß ich ja Bescheid. Und weil ich Bescheid weiß, starte ich Google Maps und suche auf der virtuellen Karte den Adresspunkt des Personaldienstleisters. 

Ich finde den markierten Punkt und drucke sämtliche Informationen aus. 

Dann lege ich die beiden Zettel mit den Informationen auf den Tisch. 

(9) Lange Zeit betrachte ich die beiden Zettel und fühle mich nicht wohl bei dem Gedanken an ein kurzfristig anberaumtes Vorstellungsgespräch. Ich gehe rüber in Lisas Zimmer und füttere ihren Hamster. Es ist ein Goldhamster. Lisa liebt ihren Goldhamster, hat ihn von ihren Großeltern zu Weihnachten geschenkt bekommen. Ich war von Anfang an gegen den Hamster, aber Doris und Lisa haben mich einfach überstimmt. Das passiert oft, öfter als mir lieb sein kann. Nachdem der Hamster gegessen und getrunken hat, läuft er los, läuft auf der Stelle, weil er in einem roten Plastik-Hamsterrad die kleinen Beine in Bewegung setzt. Das sieht lustig aus. Irgendwann wird es mir aber zuviel: Ich lege ein schwarzes Tuch über den Käfig, und höre wie sich das Tier langsam beruhigt. Wie hieß noch mal die Ansprechperson des Personaldienstleisters? Tacke? Hacke? Ich hätte mir den Namen aufschreiben sollen. Ich frage mich: Werde ich dem ganzen überhaupt gewachsen sein, wäge ab, treffe eine Entscheidung für ein Gespräch, denn ich brauche ja das Geld, wir brauchen ja das Geld, da gibt es kein vielleicht, oder Wenn und Aber. GVZ, A und B, wie auch immer, ich muss da hin. 

(10) In der Küche hinterlasse ich einen Zettel mit einer Nachricht. Ich schreibe: »Liebe Doris, ich habe gleich einen wichtigen Termin, kann aber Lisa um halb fünf vom Kindergarten abholen. Also alles kein Problem! Bis nachher dann, Thomas.« Ich male drei Figuren (Vater, Mutter und Kind), die ein riesiges Herz tragen, greife Tasche, Schlüssel und Jacke und schließe die Wohnungstür hinter mir zu. Die Post war schon da, kein Brief im Fach, nur Werbeprospekte. Ich ärgere mich. 

(11) Laut Plan müsste ich in 34 Minuten B erreichen. Von A aus, versteht sich. A liegt im Zentrum, so wie unsere Wohnung im Zentrum liegt, und sieht jetzt genau so aus, wie ich es seit Jahren kenne: alte Backsteinhäuser, gepflasterte, enge Straßen. Laut und windig ist es, der Himmel bewölkt. 

Kumuluswolken. Zugvögel fliegen in Formation. Ich sehe ein großes langgestrecktes V vorbeiziehen. Eigentlich ist es immer gleich hier, denke ich. Mir ist immer alles gleich hier. Und heute? Heute geht es mir nicht anders. 

(12) Unten am Fluss wird es stiller. Ich fahre an der langgestreckten Mauer mit den Graffiti vorbei. Bunt leuchten sie zu meiner Rechten. Es riecht nach Flusswasser, Malz und Kaffee. Frachtschiffe, mit Öl und Kohle beladen, fahren in Richtung Norden. Ihre Motoren tuckern regelmäßig. 

Dieselgeruch steigt mir in die Nase. Ich fahre auch an der Brauerei vorbei, und denke nach, denke weiter und weiter nach, denke über Zahlen nach, denke an Kontostände und Möglichkeiten. An Kunst denke ich nicht. Denn meine Kunst führt ein Schattendasein. Eine Liedzeile von Bernd Begemann kommt mir in den Sinn. Ich glaube, die geht so: »Schluss mit dem Quatsch, jetzt wird Geld verdient, die Schule ist vorbei, ab morgen sind wir frei.« Ich singe diese Zeile immer und immer wieder. Dann denke ich an andere Dinge. Das Denken hört einfach nicht auf. Bei mir hört das Denken nie auf, es ist wie ein Sog. Ich sollte weniger denken. Ich nehme mir vor, in Zukunft weniger zu denken. 

(13) GVZ lese ich auf einem Schild. Hier bin ich richtig, denke ich. Ich sehe weitere Schilder auf denen Begriffe stehen, die ich kenne, gleiche sie ab, kreuze viele große Straßen, komme gut voran. Aber ich schwitze auch, viel Schweiß sammelt sich unter meinen Achseln. Hin und wieder wische ich mit dem Ärmel über meine Stirn. Du hast Zeit, sage ich mir. Drei Uhr. Das müsste doch zu schaffen sein. Vor meinem inneren Auge sehe ich wieder die Zeichnung mit den drei Figuren: Ich sehe Doris, Lisa und sehe mich selbst. 

Das Herz ist riesig. Größer als wir alle drei zusammen. Plötzlich ein Lichtsignal, eine rote Ampel. Ich halte an, spüre meinen Puls. 

(14) Die Zahl der Lastwagen nimmt zu. Schnell nehmen sie Überhand. Ihre riesigen Schriftzüge wischen vorbei. Ich bin der einzige Radfahrer weit und breit. Ich trete fest in die Pedale. Die ölige Kette läuft rund, rund über die in der Sonne blitzenden Chromritzel, ein leises Rauschen neben meinen Fußknöcheln. Jetzt schalte ich einen Gang höher, überhole einen Wagen. Ein riesiges geschwungenes »M« steht auf der LKW-Plane. 

(15) Beim Weiterfahren denke ich über das »M« hinaus, und frage mich, wie die Leute wohl in Monaco leben. Sicher mondän, denke ich, und dass das GVZ wohl das Gegenstück von Monaco ist, das Gegenteil von mondän, obwohl die Lastwagen hier wohl aus aller Herren Länder kommen – aus Polen, Griechenland, Portugal, und, und, und. Aber im Gegensatz zu Monaco will hier keiner bleiben. Ich ja auch nicht. Warum auch? Hier gibt es nichts zu sehen, außer Hallen, Straßen, Kränen, Gleisen und Containern. Ein Gebäude gleicht dem anderen. 

(16) Viele Straßen hier sind nach Politikern benannt. Eine, die längste, heißt Ludwig-Erhardt-Straße. Ich trete in die Pedale und sehe das Gesicht von Erhardt vor mir, ein rundliches Gesicht, nicht unsympathisch. Aber Ludwig Erhardt und acht Euro 50 wollen in meinem Kopf einfach nicht zusammengehen. Ich muss wieder stehenbleiben und die Karte zu Rate ziehen. 

Mit dem Finger suche ich auf einem der ausgedruckten Zettel den schnellsten Weg, kann mich aber schlecht orientieren. Mir fehlt der Maßstab. Dann fahre ich los, fahre schneller und schneller und finde mich doch immer weniger zurecht. Es ist verrückt. Ich frage die wenigen Leute auf der Straße: einen Gärtner, einen Pförtner. Aber alle schütteln sie den Kopf. Einer behauptet sogar, dass es diese Straße nicht gäbe. Er sagt: »Ich arbeite hier seit über zwanzig Jahren und habe diesen Namen noch nie gehört.« 

(17) Nach einer Weile sehe ich auf die Uhr – erschrecke: Es ist kurz vor drei. Verdammt, ich muss mich beeilen, darf nicht zu spät kommen. An einer Kreuzung, die aussieht wie alle anderen Kreuzungen auch, lese ich plötzlich den gesuchten Namen. Endlich. Kann es aber kaum glauben, kaum fassen, dass ich hier richtig bin, lese den Straßennamen zweimal, dreimal, ja viermal, um sicherzugehen. Und doch: Das ist genau der Senatorenname, den ich die ganze Zeit gesucht habe. Ich schließe mein Fahrrad an einem der hohen Zäune fest und gehe zum Gebäude, das, wie sollte es anders sein, ebenfalls eine riesige Halle ist. Diese hier ist gelb, wie eine Zitrone gelb ist, und erinnert mich aufgrund ihrer Farbe und ihrer Form an einen riesigen Postkarton. Auf dem Klingelschild lese ich: A und C – und drücke die Taste. Ein Surren. Ich öffne die Tür. 

(18) Ich trete ein und stehe jetzt in einem schmalen Gang, Türen gehen nach links und rechts ab. Ich versichere mich der Uhrzeit: Es ist eine Minute vor drei. Gut, denke ich, das ist gut. Sehr gut sogar. Ich wische mir den kalten Schweiß aus dem Gesicht. Die Wände sind weiß. Ich gehe den Gang entlang und lese die Namen auf den Türschildern. Viele Schilder mit den dahinterliegenden Räumen gehören der Firma A und C. Dann lese ich den Namen: Bertram Hacke, erinnere mich, und klopfe gegen das Türblatt. 

Nichts tut sich. Ich warte. Klopfe, klopfe etwas fester. Ich versuche die Tür zu öffnen, merke aber, dass sie verschlossen ist. 

(19) Ich gehe zur nächsten Tür. Klopfe. Warte. Der Name einer Frau steht auf dem Schild. Die Tür öffnet sich und ein Mann taucht auf – er fragt mich, nicht unfreundlich, was ich will. Ich erkläre ihm mein Anliegen, nicht ohne ein wenig unsicher zu sein. Er hört mir aufmerksam zu, bittet mich aber nicht hinein, statt dessen tritt er aus dem Raum heraus, macht einen Schritt auf mich zu, und entschuldigt seinen Kollegen. »Ihr Herr Hacke«, sagt er, »hat sich vor einer halben Stunde krank gemeldet. Also diese Woche wird das nichts mehr.« Er fragt, ob es um einen dieser Minijobs gehe, ich bejahe, und er winkt ab. »Da haben wir keinen Bedarf mehr, junger Mann«, sagt er, »das tut mir echt leid für Sie.« »Und jetzt?« frage ich. Er hält kurz inne, sagt: »Wir melden uns bei Ihnen, falls wir wieder jemanden brauchen. Aber wie gesagt, im Moment brauchen wir keine Aushilfen. Wir melden uns bei Bedarf. Schönen Tag noch.« »Ihnen auch«, sage ich, ohne Nachzudenken, und sehe, wie er mir den Rücken zuwendet und die Tür hinter sich schließt. 

(20) Stille flutet den Gang. Ich betrachte das weiße Türblatt, wische mir erneut den Schweiß von der Stirn, und versuche mit dieser misslichen Lage bestmöglich umzugehen … Wie ich das mache? Nun, ich finde eine Lösung für genau diesen eben beschriebenen, nicht gerade positiven Sachverhalt, mache kurzen Prozess mit ihm, und verlasse das Gebäude. Und dann? Dann fahre ich mit dem Rad nach Hause und verliere über all das kein Wort. Denn es ist ja ein Tag wie jeder andere auch, und alle, alle sind sie gleich, ja, gleich, ohne Unterschied, identisch sozusagen. 

 

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Pol & Pott. Brokkoli mit Zitronen-Mandel-Creme  

Ina Bösecke 

In: junge Welt online vom 12.03.2016 

Wochenendbeilage 

 

Seht ihr manchmal jemanden an und fragt euch, was wohl in seinem Kopf vorgeht?« fragt eine Frauenstimme im Trailer zum Kinofilm »Alles steht Kopf« (USA 2015) von Pete Docter. Dabei ist das, was im eigenen Kopf vor sich geht, für viele von uns viel spannender. Man fragt sich natürlich, wer dort gerade am Schalthebel sitzt und dafür sorgt, dass man traurig, fröhlich, ängstlich, wütend oder angeekelt ist. 

Keine Ahnung, wovon hier die Rede ist? Wer bisher dachte, er/sie hätte es selbst in der Hand, wie er/sie sich fühlt, der schaue sich diesen unterhaltsamen, intelligenten und überaus gelungenen Pixar-Animationsfilm über das elfjährige Mädchen Riley an, das mit seinen Eltern von Minnesota nach San Francisco zieht, und um das es auf der einen Ebene geht. 

In einer anderen Ebene befinden wir uns im Kopf von Riley und erleben die fünf Gefühle Freude, Trauer, Wut, Angst und Ekel als eigenständige Wesen, die in der Kommandozentrale (also im Kopf) sitzen und dafür sorgen wollen, dass es dem Mädchen gutgeht. Die äußere Ebene weiß nichts von der inneren. Die innere Ebene lebt nur für die äußere. »Inside Out« heißt der Film im Original. 

Die Gefühle sind nicht die einzigen Figuren, die wir im Inneren des Mädchens kennenlernen. Der Regisseur und seine Helfer (Ronaldo del Carmen als Koregisseur und Dacher Keltner als Experte auf dem Gebiet der Emotionsforschung) haben sich viel einfallen lassen, um das Innenleben eines elfjährigen Mädchens (sowie das ihrer Eltern und Mitmenschen) zu gestalten. Es macht einfach Spaß, das Langzeitgedächtnis als riesiges Labyrinth oder die Traumproduktion wie ein Hollywood-Studio zu erleben oder im Unterbewusstsein auf riesige schlafende Clowns zu stoßen. Es ist aufregend, wenn sich das Gefühl Freude, verkörpert als quirliges, permanent lustiges Mädchen mit riesigen blauen Knopfaugen mit dem Gefühl Trauer – einer dicklichen, müden Person – im Gehirn von Riley verirrt und sich beide dabei näherkommen. Es ist höchst witzig, der Figur Wut beim Aufbrausen zuzuschauen. Es ist sehr berührend, wie die Trauer von Riley, aber auch das Auffangen der Familie am Ende des Films zum Zuge kommen. 

Und was wird gegessen? Die Frage ist hier eher: Was wird nicht gegessen: Brokkoli. Das Gefühl Ekel siegt über die Vernunft. Brokkoli ist zwar grün und riecht nicht gut, ist aber gesund. Und ja: Er kann auch schmecken. Aber das wird Ihnen kein Kind unter 18 Jahren glauben. 

Brokkoli mit Zitronen-Mandel-Creme: Wasser aufkochen, salzen. Einen Broccoli waschen, Röschen vom Strunk schneiden. Röschen ins kochende Salzwasser geben, fünf Minuten garen. Brokkoli in einem Sieb abtropfen lassen. Eine Zitrone heiß waschen, abtrocknen. Hälfte der Schale fein abreiben. Saft der Zitrone auspressen. Saft und Schale mit 120 g Mandelmus und 80 Milliliter stilles Mineralwasser mischen, mit Salz und Pfeffer würzen. 40 g ganze Mandeln in einer heißen Pfanne ohne Fett ca. drei Minuten anrösten, anschließend grob hacken. Eine Chilischote waschen, in Ringe schneiden. Brokkoli auf einer Platte anrichten. Zitronen-Mandel-Creme darauf verteilen. Mit Chili und gehackten Mandeln garnieren, mit Olivenöl beträufeln. 

 

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