Wochenendbeilage der jungen Welt

vom 27.02.2016


 

»Menschenrechte werden von unten verteidigt«  

Gespräch. Mit Pedro Faro Navarro. Über die Unterdrückung indigener Gemeinden in Mexiko, den neoliberalen Kurs der dortigen Regierung und Wege des Widerstands  

Lena Kreymann, San Cristóbal de las Casas 

In: junge Welt online vom 27.02.2016 

Wochenendbeilage 

 

Sie arbeiten als Menschenrechtsbeobachter im mexikanischen Bundesstaat Chiapas. 1994 hat hier die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung, EZLN, einen bewaffneten Aufstand durchgeführt und hält bis heute einige Gebiete. Welche Auswirkungen hat das auf die Region?  

Wir haben den bewaffneten Konflikt sehr gut dokumentiert. Die Regierung verfolgt eine Aufstandsbekämpfungsstrategie gegen die EZLN. In diesen gut zwei Jahrzehnten haben wir »Verschwindenlassen«, Vertreibung, außergerichtliche Hinrichtungen, Folter, Vergewaltigungen und Angriffe auf die Unterstützer der Zapatisten und gegen die »Gemeinden im Widerstand« beobachtet. 

Um die Großstadt San Cristóbal de las Casas herum und an der Grenze Richtung Guatemala fallen zahlreiche Militärposten auf. Welche Rolle spielt die Militarisierung im Kampf der Regierung gegen die EZLN?  

Nach dem Aufstand ist die Gegend hier militarisiert worden, es gibt 62 Stützpunkte. Sie stehen für eine Kriegsstrategie, die die EZLN isolieren soll. Die Posten sind genau dort, wo die Zapatisten Gebiete kontrollieren. 

Wann ist es zuletzt zu Übergriffen im Zusammenhang mit der Militarisierung gekommen?  

In der jüngeren Vergangenheit haben wir insbesondere nach der Ermordung des Zapatisten Maestro Galeano 2014 Aktivitäten der Armee beobachtet, wie sie seit 2000 nicht mehr vorgekommen sind. Nach der Jahrtausendwende wurden die Streitkräfte hier weniger sichtbar, auch wenn es nach wie vor die Posten und Kontrollfahrten gab. Seit der Ermordung Galeanos aber waren sie nicht nur präsenter, sondern haben auch wieder verstärkt die Gegend observiert. Ein Camp internationaler Menschenrechtsbeobachter ist beispielsweise abgefilmt worden, von Autos, Motorrädern oder Flugzeugen aus. Nachdem wir, aber auch die EZLN, das öffentlich gemacht haben, hat die Präsenz wieder abgenommen. 

Was bedeutet die Anwesenheit des Militärs für die Bevölkerung?  

Die Armee gibt vor, den Waffen- und Drogenhandel zu überwachen, insbesondere in der Grenzregion tritt sie verstärkt auf. Kontrollen finden also im ganzen Bundesstaat statt. Früher war das weit offener, heute wählen die Soldaten eher bestimmte Personen aus und stellen Fragen, die sie eigentlich gar nicht stellen dürfen: Wo kommst du her, was machst du? Eigentlich muss die Armee nach mexikanischem Recht kaserniert bleiben und darf nicht auf offener Straße eingesetzt werden. Der permanente Verstoß dagegen wurde auch schon vor die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte gebracht, eine Institution der Organisation Amerikanischer Staaten, OAS. Durch die Militärpräsenz in der Öffentlichkeit kommt es immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen. 

Warum hatte sich das Militär seit 2000 in der Region weniger gezeigt? 

Die Aufstandsbekämpfungsstrategie hatte sich geändert, dank des Drucks der Zivilgesellschaft, von Menschenrechtsorganisationen und der landesweiten und internationalen Solidarität. Diese war sehr wichtig, damit die mexikanische Regierung nicht einfach so vorgehen konnte, wie sie es davor immer getan hat – Widerstandsbewegungen unterdrücken, Menschen »verschwinden lassen«. Weitergeführt wird die Aufstandsbekämpfung aber immer noch, nur in anderer Form. 

Wie sieht sie heute aus?  

2000 gab es einen politischen Wandel in Mexiko, die rechtskonservative Partei PAN kam mit dem Präsidenten Vicente Fox an die Regierung. Mit ihm wurde die Strategie angepasst: Soziale Programme wurden viel offensiver angeboten, mit dem Ziel, der EZLN die Grundlage zu entziehen, deren kommunale Strukturen zu zerstören und die Unterstützer der Zapatisten zu spalten. Nach sechs Jahren des Widerstands gab es schließlich auch schon Ermüdungserscheinungen innerhalb der Bewegung. Fox hatte außerdem angekündigt, die Verträge von San Andrés umzusetzen. 

Diese hatten die EZLN und die Regierung 1996 nach langen Verhandlungen unterzeichnet. Sie sollten die Selbstbestimmung indigener Gemeinden gewährleisten sowie die Anerkennung ihrer Kultur.  

Der indigene Kongress1 hat das Ziel treffend zusammengefasst: »Nie wieder ein Mexiko ohne uns!« Dieses Abkommen ist einer der meistdiskutierten Verträge im Land, sehr verschiedene Bewegungen haben sich an der Debatte beteiligt. Es ging um die Anerkennung der Vielfalt der ursprünglichen Völker Mexikos. Das Abkommen sollte auf der Grundlage von Vorschlägen einer Kommission aus den Parteien umgesetzt werden, die sich zuvor am Dialog beteiligt hatten. Mit einem öffentlichkeitswirksamen Marsch nach Mexiko-Stadt versuchte die EZLN, dies voranzutreiben. Die Legislative hat letztlich ein Gesetz verabschiedet, das den Verträgen von San Andrés nicht entspricht. Es war eine Gegenreform mit eingeschränkten Rechten, nach der die indigenen Völker nicht als Rechtssubjekte anerkannt werden. 

Sie sagten, die neue Regierungsstrategie seit der Jahrtausendwende setze vor allem auf Sozialprogramme. Wie tragen diese dazu bei, den Zapatisten die Unterstützung zu entziehen?  

Das Programm Prospera, früher Progresa, ist von der UNO ausgezeichnet worden für seine Verbesserungen der Gesundheitsversorgung und der Bildung sowie die Frauenförderung. An sich sind solche Projekte natürlich gut, weil sie die Bedürftigen unterstützen. Aber bereits bei der Umsetzung kann man feststellen, dass die Regierung sie nutzt, um gut vor den internationalen Organisationen dazustehen. Außerdem sind die Sozialprogramme mit der Verwirklichung eines neoliberalen Entwicklungskonzepts verbunden. 

Wie sieht das aus? 

Zur Zeit heißt es »Projekt Mesoamérica«. Sie benennen diese Vorhaben immer wieder um, dahinter steht aber die gleiche neoliberale Politik des Ausplünderns, Vertreibens und der sozialen Exklusion. Profitieren werden immer nur einige wenige. Bei dem Entwicklungsprojekt geht es darum, Investitionen anzuziehen und den Fremdenverkehr zu fördern. Es sieht vor allem Infrastrukturmaßnahmen vor. Straßen sollen gebaut werden, die der kapitalistischen Wirtschaft und dem Tourismus nützen. Mit wissenschaftlichen Projekten wird das traditionelle Wissen der indigenen Völker patentiert und privatisiert. Durch den forcierten Rohstoffabbau, durch Minen und Staudämme wird das Land zerstört. Zwar gibt es auch Ökotourismusprojekte, mit denen dann aber die Kultur und die Biodiversität kommerzialisiert werden. Die Völker müssen sich dann in den Dienst der Tourismusunternehmen stellen. Ähnliches passiert in ganz Mexiko, nicht nur in Chiapas. 

Nach dem zapatistischen Aufstand waren hier in der Gegend zahlreiche paramilitärische Gruppen aktiv. Welche Rolle spielen sie heute?  

In den 90er Jahren fanden die meisten außergerichtlichen Hinrichtungen, Vertreibungen und Fälle von »Verschwindenlassen« statt. Etwa 2006 haben die Mitglieder und Verbündeten der paramilitärischen Gruppen dann angefangen, Bauernorganisationen zu gründen oder zu übernehmen, um die EZLN auf juristischem Weg anzugreifen. Der Boden der Zapatisten ist »zurückerobert«, wie sie sagen, deren Eigentumsrecht daran ist nicht offiziell anerkannt worden. Diese Organisationen haben deswegen versucht, den Boden gerichtlich für sich zu beanspruchen und ihn so der EZLN wegzunehmen. 

Das sind dieselben Leute, die früher als Paramilitärs aktiv waren? 

Die Gruppe, die das am offensichtlichsten betreibt, ist die Organisation zur Verteidigung der Rechte der Indígenas und Bauern, OPDDIC. Diese Organisation hat 2006 ein Massaker in der Kommune Viejo Velasco verübt. 

Das ist einer der Fälle, in denen die Täter noch nicht zur Rechenschaft gezogen worden sind. Vier Menschen sind »verschwunden«, sechs getötet worden. Die sterblichen Überreste von zwei der »Verschwundenen« sind später gefunden worden. Das war keine zapatistische Kommune, sondern eine Gemeinde in einem wertvollen Naturraum mit großer Artenvielfalt. 

Sind die Paramilitärs überhaupt jemals vor Gericht gebracht worden?  

Der mexikanische Staat hat dieses Netz von illegalen, gewalttätigen Gruppierungen nie wirklich untersucht. Er hat sie ja schließlich aufgebaut. Dies konnten wir dank ehemals geheimer Dokumente aus den Vereinigten Staaten nachweisen. Zwar wurde eine Staatsanwaltschaft geschaffen, die die Paramilitärs verfolgen sollte. Aber letztlich beendete sie ihre Arbeit ohne Ergebnis. Die Waffen sind in den Händen dieser Söldner verblieben. Einige Anführer wurden verhaftet, infolgedessen nahmen die Aktivitäten ab. Es gibt Fälle, die heute vor dem Interamerikanischen Menschengerichtshof verhandelt werden, wie etwa das Massaker von Acteal 1997. Dort starben 45 Menschen, die Mehrheit davon Kinder und Frauen, darunter vier Schwangere. 

Inwiefern trägt der Staat zur Gründung solcher Organisationen bei?  

Die Regierung hat existierende Gruppen aus den Bauernkämpfen um das Recht auf Land übernommen und ihre Anführer für sich gewonnen. Diese haben dann die Organisationen entpolitisiert und ihre Mobilisierungskraft für die ursprünglichen Forderungen geschwächt. Sie haben Zuschüsse bekommen, den größten Teil davon selbst behalten und ein bisschen was an die Mitglieder verteilt. Das ist auch ein Teil der Aufstandsbekämpfungsstrategie: Die Herrschenden bringen eigentlich linke Gruppen von ihren Kämpfen und ihrer politischen Perspektive ab und binden sie in die staatliche Korruption und Bürokratie ein. 

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?  

Die CIOAC-Histórica ist eine der brutalsten Gruppen. Diese Bauernorganisation hat ihren Charakter vollständig verändert und greift nun ihre Brüder an. Sie hat bereits mehrere ländliche Gemeinden attackiert. 2014 hat sie der EZLN einen Hinterhalt gelegt und ihren Mitstreiter Maestro Galeano in der Kommune La Realidad ermordet. Der Staat verhält sich unterdessen neutral. Die CIOAC verfügt über Gewährsleute in der Kommunalregierung sowie auf bundesstaatlicher und nationaler Ebene. 

Sie wird also durch den Staat geschützt, dieser ist sogar ihr Komplize. 

Vorletztes Jahr, im Februar 2014, hat sie sich zur Selbstverteidigungsgruppe erklärt, die sich gegen die Aggressionen anderer bewaffneter Zusammenschlüsse zur Wehr setzen muss. Damit wollte die CIOAC-Histórica ihr Handeln rechtfertigen und legitimieren. 

Unterstützen indigene Kommunen die EZLN trotz der jahrzehntelangen Auseinandersetzung immer noch?  

Für den von der EZLN getragenen Prozess war die sogenannte Sechste Erklärung aus der Selva Lacandona von 2005 sehr wichtig. Darin wurden die Gründe des bewaffneten Aufstands benannt, aber auch die antikapitalistische Grundhaltung. Es wurde dazu aufgefordert, sich zu organisieren, um den Boden und die Rechte der indigenen Bevölkerung zu verteidigen. Das hat dazu geführt, dass viele Kommunen sich auf dieser Grundlage der Bewegung anschließen konnten – als »Anhänger der Sechsten«. Das gibt es bis heute. Sie sind nicht Teil der EZLN, stellen sich aber hinter bestimmte politische Ziele wie die Verteidigung der Indigenen-Rechte und des Bodens, den Aufbau von Alternativen zum kapitalistischen System. 

Wie arbeitet das Menschenrechtszentrum Frayba, in dem Sie tätig sind, angesichts dieser Situation?  

Einerseits arbeiten wir direkt auf dem Land, um dort Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Vor Ort versuchen wir, soziale Bewegungen zu stärken, damit sie sich besser gegen solche Verbrechen wehren können. Darüber hinaus bieten wir eine Sprechstunde an, während der jeder zu uns ins Frayba kommen und uns seine Probleme mitteilen kann. 

Wir beraten die Betroffenen dann und erörtern, ob wir vielleicht mit unseren geringen Möglichkeiten helfen können. So bekommen wir sehr gut mit, wie die Situation ist, mit welchen Menschenrechtsverletzungen wir es zu tun haben. Und natürlich dokumentieren wir sie und machen sie öffentlich – sowohl gegenüber der Regierung als auch gegenüber mexikanischen und internationalen Organisationen. 

Warum hat das Frayba es sich zur Aufgabe gemacht, soziale Bewegungen vor Ort zu stärken?  

Die Menschenrechte werden von unten verteidigt, deswegen müssen sich die Kommunen selbst organisieren. Es braucht strenggenommen keinen Anwalt und keine Organisation, die ihre Rechte verteidigen. Viele Menschenrechtsorganisationen übernehmen einfach die Fälle und kämpfen sie dann bis zum Ende durch. Wir im Frayba wollen dagegen, dass die Menschen die Sache selbst in die Hand nehmen können. Dafür müssen sie geschult werden. Sie müssen wissen, wie Gerichtsverfahren funktionieren oder bestimmte Protestformen kennen. Dabei begleiten wir sie. Wir beraten und helfen, Erfahrungen zusammenzuführen. Die Völker von Chiapas sind traditionell gut organisiert. Dieses Bewusstsein hilft uns natürlich. 

Mit dem Namen beruft sich Ihr Menschenrechtszentrum auf den Dominikaner Bartolomé de las Casas, der im 15. Jahrhundert während der Kolonialisierung den Umgang mit den Indigenen angeklagt hat. Woher dieser christliche Bezug?  

Die katholische Kirche in Mexiko ist seit jeher sehr reaktionär. Einige Priester haben sich aber über die Befreiungstheologie sehr mit dem Volk verbunden gefühlt. Das Frayba ist 1989 von Don Samuel Ruiz gegründet worden, der später bei den Verhandlungen zu den Verträgen von San Andrés vermittelt hat. Auf der Grundlage der Befreiungstheologie hat er viele Gemeinden und Völker dabei unterstützt, sich zu organisieren. Er hat immer gesagt, ihn hätten die Indigenen bekehrt. 

1 Bei einem durch die EZLN einberufenen »Indigenen nationalen Forum« im Januar 1996 beschlossen die mehr als 300 indigenen Vertreter von mindestens 35 autochthonen Völkern, den »Nationalen Indigena Kongress (CNI)« zu bilden. Dieser wurde im Oktober 1996 unter dem Motto »Nie wieder ein Mexiko ohne uns!« gegründet 

 

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Auswandererghettos  

Lenin 1915: Überall in den ›großen‹ Nationen versucht das kleinbürgerliche Geschmeiß, sich von Zuwanderern abzusondern und sie zu erniedrigen und zu beleidigen 

In: junge Welt online vom 27.02.2016 

Wochenendbeilage 

 

Den italienischen Imperialismus hat man den »Imperialismus der armen Leute« (l'imperialismo della povera gente) genannt – im Hinblick auf die Armut Italiens und auf die verzweifelte Notlage der italienischen Auswanderermassen. Der italienische Chauvinist Arturo Labriola (...) schrieb in seinem Büchlein über den Tripoliskrieg (Am 29. September 1911 überfiel Italien, ermuntert von Russland und Großbritannien, das Osmanische Reich und sicherte sich u. a. das heutige Libyen als Kolonie, jW): »Es ist klar, dass wir nicht nur gegen die Türken kämpfen, sondern auch gegen die Intrigen, Drohungen, Gelder und Armeen des plutokratischen Europa, das nicht dulden kann, dass die kleinen Nationen auch nur einen Finger zu rühren oder auch nur ein Wort zu sagen wagen, durch das seine eiserne Hegemonie kompromittiert werden könnte«. Und der Führer der italienischen Nationalisten, (Enrico) Corradini, erklärte: »Wie der Sozialismus die Methode für die Befreiung des Proletariats von der Bourgeoisie war, so wird der Nationalismus für uns Italiener die Methode sein für die Befreiung von den Franzosen, Deutschen, Engländern, Nord- und Südamerikanern – die uns gegenüber die Bourgeoisie darstellen.« 

Jedes Land, das mehr Kolonien, mehr Kapitalien und Armeen hat als »wir«, nimmt »uns« gewisse Privilegien, einen gewissen Profit oder Extraprofit weg. Wie unter den einzelnen Kapitalisten derjenige einen Extraprofit einsteckt, der Maschinen von überdurchschnittlicher Qualität besitzt oder über bestimmte Monopole verfügt, so erhält auch unter den Ländern dasjenige einen Extraprofit, das ökonomisch besser gestellt ist als die anderen. Sache der Bourgeoisie ist es, für Privilegien und Vorrechte zugunsten ihres nationalen Kapitals zu kämpfen und das Volk oder das gemeine Volk (...) irrezuführen, indem sie den imperialistischen Kampf um das »Recht«, die anderen zu plündern, für einen nationalen Befreiungskampf ausgibt. 

Vor dem Tripoliskrieg hat Italien – wenigstens im großen Ausmaß – andere Völker nicht geplündert. Ist das nicht eine unerträgliche Schmach für den Nationalstolz? Die Italiener werden von anderen Nationen unterdrückt und erniedrigt. Die italienische Auswanderung betrug rund 100.000 Personen jährlich in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und erreicht jetzt 0,5 bis eine Million; all das sind Bettler, die geradeswegs der Hunger im buchstäblichen Sinne dieses Wortes aus ihrem Lande treibt; all das sind Lieferanten von Arbeitskraft für die am schlechtesten bezahlten Industriezweige; diese ganze Masse bevölkert die engsten, ärmsten und schmutzigsten Viertel der amerikanischen und europäischen Städte. Die Zahl der im Ausland lebenden Italiener ist von einer Million im Jahre 1881 auf 5,5 Millionen im Jahre 1910 gestiegen, wobei die große Masse auf die reichen und »großen« Länder entfällt, in denen die Italiener im Verhältnis die gröbste und unqualifizierteste, die ärmste und rechtloseste Arbeitermasse darstellen. Die Hauptländer, die die billige italienische Arbeitskraft konsumieren, sind folgende: Frankreich – 400.000 Italiener im Jahre 1910 (240.000 im Jahre 1881); die Schweiz – 135.000 (41.000) – (in Klammern die Zahlen des Jahres 1881); Österreich – 80.000 (40.000); Deutschland – 180.000 (7.000); die Vereinigten Staaten – 1.779.000 (170.000); Brasilien – 1.500.000 (82.000); Argentinien – 1.000.000 (254.000). Das »glorreiche« Frankreich, das vor 125 Jahren für die Freiheit gekämpft hat und aus diesem Grunde seinen jetzigen Krieg um sein und Englands Sklavenhalter-»Recht auf Kolonien« einen »Befreiungskampf« nennt, dieses Frankreich hält geradezu in besonderen Ghettos Hunderttausende von italienischen Arbeitern, von denen das kleinbürgerliche Geschmeiß der »großen« Nation sich möglichst abzusondern sucht, die es in jeder Weise zu erniedrigen und zu beleidigen trachtet. Die Italiener werden verächtlich »Makkaroni« genannt. (…) Das große Frankreich schloss 1896 einen Vertrag mit Italien, auf Grund dessen Italien verpflichtet ist, die Zahl der italienischen Schulen in Tunis nicht zu erhöhen! Die italienische Bevölkerung in Tunis hat sich jedoch seitdem auf das Sechsfache vermehrt. In Tunis leben 105.000 Italiener neben 35.000 Franzosen, doch sind unter den ersteren nur 1.167 Grundeigentümer mit 83.000 Hektar, während 2.395 französische Grundeigentümer in ihrer Kolonie 700.000 Hektar zusammengeraubt haben. Nun, wie sollte man da Labriola (...) nicht zustimmen, wenn er behauptet, Italien habe ein »Recht« auf eine eigene Kolonie in Tripolis, auf die Unterdrückung der Slawen in Dalmatien, auf die Aufteilung Kleinasiens usw. 

 

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Schwarzer Kanal: Sendepause. Fast  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 27.02.2016 

Wochenendbeilage 

 

Das kann passieren, wenn Propagandafabrikanten sich auf den selbstproduzierten Leim gehen: Seit Wochen konnten sich die deutschen »Qualitätsmedien« nicht genug über den Unhold im Moskauer Kreml auslassen. Am Montag telefonierte das Scheusal aber mit dem Mann im Weißen Haus und vereinbarte für Syrien einen Waffenstillstand. Eine von Russland mit herbeigeführte Atempause für die geschundene Bevölkerung bedeutet fürs deutsche Kriegs-Rat-Pack Sendeunterbrechung. Das war nicht vorgesehen, daher heißt die Devise: Maulhalten über den Moskowiter. Mit Einschränkungen. Denn der Russe und der Amerikaner verständigten sich trotz aller von FAZ, ARD, Bild, Süddeutscher Zeitung etc. verbreiteten Warnungen vor der kosmischen Heimtücke des ersteren. Das ist nicht hinnehmbar. Und die Türkei, der die deutsche Kanzlerin gerade das Recht auf eine »Schutzzone« in Syrien zugesprochen hat, wurde offenbar nicht gefragt. Jedenfalls fühlt sich Ankara nicht an die Vereinbarung zur Feuerpause gebunden. Und »wir« sind mit den Kurdenschlächtern im engsten Schulterschluss, führen gerade ein NATO-Kontingent in die Ägäis. Wir lassen uns den Aufmarsch gegen Moskau nicht einfach kaputtmachen. 

Eine Notlage, aber auf die Russenhasser ist Verlass. Die Süddeutsche Zeitung (SZ) titelte noch am Mittwoch einen Bericht mit »Putins grausames Spiel«. Die Grausamkeit besteht in dem, was der Untertitel erläutert: »Russland und die USA haben ihre Verbündeten auf Linie gebracht. Ein Scheitern könnte vor allem Obama treffen«. Der Brutalopolitiker aus dem Osten ist offenbar dabei, den US-Präsidenten in die Tasche zu stecken und dessen Verbündeten seine Linie aufzuzwingen. Schlimmer war nur der 8. Mai 1945. Denn, jammern die SZ-Autoren, »das Assad-Regime, das im vergangenen Sommer militärisch am Rand einer Niederlage stand und kaum noch seine Kerngebiete in Damaskus und Latakia verteidigen konnte, ist stabilisiert. 

Die vom Westen unterstützte Opposition ist geschwächt. Ein günstiger Moment aus russischer Sicht also, den Status quo einzufrieren, bevor neue Fronten eröffnet werden – etwa durch eine Bodenoperation der Türkei oder Saudi-Arabiens oder die Bewaffnung der Rebellen mit Flugabwehrraketen, die Riad ins Spiel gebracht hat.« Das ist schön analysiert, noch schöner sind die Nebenbeieingeständnisse. Die syrische Regierung »verteidigt« also? Dann wäre die russische Hilfe ja legitimer Beistand. Und der Westen unterstützt die »Opposition«? Obwohl jeder wusste, dass das so ist, war das z. B. in der SZ kaum zu lesen. Da gab es monatelang nur »Fassbomben« und russische Angriffe auf »moderate« Rebellen. Von denen ist keine Rede mehr. So schnell können sich Halluzinationen zu Hauptursachen eines Krieges in nichts auflösen. Was meint eigentlich die Kanzlerin, die neulich in Ankara noch »entsetzt« über russische Luftangriffe war, zur neuen Lage? 

Auch sie hält den Mund. Die türkischen Staatsterroristen sind ihr im Moment am wichtigsten. Da kommt ein Räsonieren wie in der SZ über einen Einmarsch türkischer Truppen an der Seite Saudi-Arabiens in Syrien zum völlig falschen Zeitpunkt. Wer sich aber mit Ankara so verbandelt hat wie Angela Merkel, der hat mediale Unterstützung dringend nötig. Statt dessen herrscht Schweigen zum verbrecherischen Russen im Blätterwald. Nur auf einen ist Verlass. In der Welt sagt Richard Herzinger am Mittwoch, was die neuen Alliierten sind: »Die Achse des Schreckens« (so der Titel in der Druckausgabe, im Internet heißt es: »Kapituliert der Westen vor Assad, droht der große Krieg«). Wenigstens eine Gebetsmühle rotiert noch. Einen Waffenstillstand kann das nicht verhindern, es besagt aber: Für einen türkisch-deutschen Torpedo gegen einen Friedensprozess wird das Pulver trocken gehalten. 

 

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Herrschaft ist ein Verhältnis zwischen Menschen  

Über falsche Befürchtungen und echte Risiken im Zeitalter der Digitalisierung  

Rainer Fischbach 

In: junge Welt online vom 27.02.2016 

Wochenendbeilage 

 

Mit einer gewissen Regelmäßigkeit beschäftigen durch Vorgänge in der Informationstechnik (IT) angeregte, emotionale Wellen, seien es solche der Begeisterung oder solche der Furcht, die Medienwelt. In den 1990ern schien das Internet zugleich die Befreiung des Individuums und die Verständigung der Völker zu versprechen, die Wirtschaft zu entmaterialisieren, Verkehr und Städte überflüssig zu machen. Bekommen haben wir den NSA-Skandal, neue Kriege, fortschreitenden Naturverbrauch, wachsende Städte und zunehmenden Verkehr. Was nicht eintraf, war die seit gut einem halben Jahrhundert umgehende Befürchtung, die Computer bzw. Roboter, also computergesteuerte Maschinen, würden uns arbeitslos machen. 

Was jetzt grassiert, ist einerseits die Furcht, dass die Computer bzw. 

Roboter uns total überwachen, uns doch arbeitslos machen oder gar die Weltherrschaft übernehmen könnten, und andererseits die Erwartung, dass »smarte« Technik, ein Universum von, mit »Intelligenz« ausgestatteten, vernetzten Dingen – in der Fabrik, im Büro, im Auto, in der Wohnung, am und sogar im eigenen Leib – uns ein Schlaraffenland bescheren und nebenbei unsere ökologischen Probleme lösen würde. Doch was tatsächlich geschehen wird, hängt nicht allein davon ab, was technisch möglich ist, sondern von der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, letzten Endes entscheidend vom Ausgang politischer Kämpfe – also davon, welche technischen Möglichkeiten wir als Gesellschaften, als Menschheit realisieren und welche wir lassen. 

Um mit dem irrealsten Szenario anzufangen: Eine Weltherrschaft von »intelligenten« Maschinen ist wenig plausibel. Dass Maschinen uns in der einen oder anderen Weise überlegen sind, ist normal: Kein Menschenarm kann Tonnen heben wie ein Kran, schon lange kein Hirn mehr so schnell rechnen wie ein Computer. Und formallogische Schlüsse ziehen, Muster vergleichen oder Zugfolgen im Schach ausprobieren, heißt auch nur zu rechnen. Der kürzlich verstorbene Marvin Minsky – einer der Wissenschaftler, die vor Jahrzehnten in der Hoffnung auf schnelle Erfolge die Disziplin der Künstlichen Intelligenz (KI) begründet hatten – befand zuletzt, dass die jüngst von der Industrie gefeierten, doch vor allem durch massiven Einsatz von Rechenleistung erzielten, Erfolge immer noch weit vom damals gesteckten Ziel entfernt seien. Doch ergibt sich weder die Wahrheit von Sätzen noch die pragmatische Angemessenheit von Handlungen aus einer formalen Ableitung. Herrschaft ist ein Verhältnis zwischen Menschen. Sie findet letztlich in unseren Körpern statt und ist – das macht auch ihre Stabilität aus – von der Intelligenz der Herrschenden weitgehend unabhängig. Auch ihre materielle Seite hängt davon ab, dass bestimmte Wahrnehmungsmuster, Handlungsroutinen und, soweit Reflexion eine Rolle spielt, bedingte Erwartungen oder ihre Abwesenheit weithin gegeben sind. 

Falls die Roboter uns einmal abschaffen sollten, hieße dies nicht, dass sie Intelligenz oder gar Bewusstsein erlangt hätten, sondern, dass wir eine Welt geschaffen hätten, an die sie besser angepasst wären – was natürlich sehr dumm wäre. 

Destabilisierung

Das heißt nicht, dass es keine gefährlichen Entwicklungen gäbe, bei denen die KI eine Rolle spielt: Neue »smarte«, »autonome« Waffensysteme haben das Potential, das ohnehin schon fragile Verhältnis zwischen den Staaten und sonstigen gewaltbereiten Akteuren weiter zu destabilisieren. Das können physische Systeme sein oder auch Cyberwaffen. 

Der Drohnenkrieg gibt darauf einen Vorgeschmack. Senkte schon die mit der Auflösung der Wehrpflichtarmeen einhergehende Professionalisierung des Militärs, die dazu führte, dass man vor allem die Angehörigen der Unterschicht, für die das Militär noch eine Aufstiegschance bietet, ins Feuer schicken kann – der Protest gegen den Vietnamkrieg resultierte auch daraus, dass sich die Söhne der Mittelschicht dort fanden –, die Schwelle zum Krieg, so sind die »autonomen« Systeme geeignet, sie noch weiter zu senken. Die Lücken ihrer Logik werden als Kollateralschäden anfallen. 

»Intelligente« Systeme, die in der Lage sind, gegnerische Atomwaffen zu zerstören, sind besonders destabilisierend. Als so illusionär wie bei den Atomwaffen wird sich der Glaube erweisen, man könne den Besitz autonomer Systeme monopolisieren und dauerhaft eine unangreifbare Position behaupten. 

Eines ihrer Merkmale ist, dass ihre Herstellung, anders als die von Atomwaffen, nicht ressourcenintensiv ist. Eine Antwort der Nationen auf diese Problematik steht aus. 

Als Waffe, die geeignet ist, Herrschaft zu vertiefen und Ausschluss zu zementieren, während sie beide zugleich unsichtbar macht, kann fungieren, was heute unter Bezeichnungen wie »Big Data« und »Data Analytics« firmiert. Die Spuren, die ein Mensch im Netz hinterlässt, machen ihn – nicht nur für die Geheimdienste – transparent. Also nicht allein, ob er ein treuer Staatsbürger ist oder Unanständiges tut oder auch nur konsumiert, sondern auch seine Beschäftigungsfähigkeit, Kreditwürdigkeit oder das Versicherungsrisiko, das er darstellt, stehen auf diese Weise »objektiv« fest. All die vernetzten Sensoren und Prozessoren in den »intelligenten« Objekten, die unsere Lebenswelt zunehmend bevölkern, lassen den so auswertbaren Datenstrom weiter anschwellen. Mit der Zahl und Leistung der verteilten Systeme wachsen deshalb auch die Rechenzentren. 

Mehr noch: die Arbeit an der, »Lifelogging« genannten, Selbstvermessung zum Zwecke der Selbstoptimierung, insbesondere mittels diverser »Wearable Technology« (am, im oder in Körpernähe getragen, jW), entspricht einem neuen Trend. Herrschaft geht durch die Köpfe und Körper der Beherrschten. 

Die Enteignung der Sinne ist dazu instrumentell und vollendet sich, wenn die Subjekte den Stand ihres Befindens von der Smart Watch ablesen. 

Eine Welt mit, so die Prognosen, -zig-Milliarden von vernetzten und meist schlecht geschützten Prozessoren, von denen immer mehr lebenswichtige Funktionen abhängen, ist verwundbar. Sie bildet nicht nur ein Ziel, sondern auch eine Plattform für Cyberangriffe. Die sogenannte Distributed Denial of Service Attack, die Systeme mit Anfragen bzw. Datenströmen aus Millionen von gekaperten Prozessoren überflutet, findet hier eine ideale Umgebung. Doch schon physische Angriffe gegen die zentralen Komponenten, von denen die verteilten Systeme abhängig sind, können deren Funktion beeinträchtigen. 

Eine Welt mit Milliarden von, im Dauerbetrieb befindlichen, vernetzten Prozessoren ist zudem keinesfalls ressourcenneutral. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass ihr Stromverbrauch schon bald dem zweier großer Länder wie Deutschland und Kanada entsprechen wird. Doppelt so hoch wie der Energieverbrauch im lebenslangen Betrieb ist jedoch der bei der Herstellung von elektronischen Komponenten. Auch die von Solarzellen kostet zuerst Energie. Noch mehr ist dies bei Batterien und Elektromotoren der Fall. Dabei ist vor allem die Gewinnung von Kupfer energieintensiv, doch gilt das auch für Leichtbaumaterialien wie Aluminium und Karbon. Dazu kommen die weiteren Mineralien, die man für all das braucht, und Mengen an Umweltgiften, die bei deren Abbau und Verarbeitung anfallen. 

Die durch Regierungen, Automobilindustrie und Thinktanks propagierte Vorstellung, dass »autonom« fahrende Elektromobile irgendwann unsere Verkehrs- und Umweltprobleme lösen würden, ist schlecht fundiert. Auch das, mit allen möglichen, auch sogenannten grünen, elektronischen Gadgets vollgestopfte bzw. zugedeckte, »smarte« Eigenheim ist in Wirklichkeit eine Dreckschleuder. Dies besonders, wenn es auch noch, die Landschaft zerfressend und nur mit dem Auto erreichbar, als Einzelhaus im Grünen steht. An beidem, dem Automobil wie dem Eigenheim, zeigt sich beispielhaft, dass die bloße Elektrifizierung und die in immer weitere Tiefen reichende Durchdringung unserer Lebenswelt mit digitaler Technik weder unser Naturverhältnis auf eine haltbare Grundlage stellen, noch uns aus den Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen lösen, in die wir verstrickt sind. Im Gegenteil: Sie führen uns nicht nur immer tiefer hinein, sondern machen diese auch immer unsichtbarer. Die elektronische Aufrüstung einer irrationalen Siedlungsstruktur und eines nicht minder irrationalen Verkehrssystems haucht diesen keinen Deut an Rationalität ein. 

Unsichtbar bleibt auch, wie sehr die Welt der, via App, sofort verfügbaren Dienste von der Überausbeutung, d. h. von ihre Reproduktion nicht sichernder Bezahlung, von Arbeitskraft lebt. Die Paketpacker, Pizzabäcker usw. und Austräger, die Massen der Crowdworker, die überwiegend atomisierte Büroarbeit leisten, sind die menschlichen Roboter hinter der Fassade der .com-Serviceökonomie. Zu ihnen gesellen sich jetzt die Fahrer von Sharing-Diensten wie Uber, die sich um alles selber kümmern müssen: das Auto, die Versicherung, ihre Auslastung etc. Eine Entwicklung, die den Druck auf die Löhne noch verstärkt, der aus Jahrzehnten neoliberaler Politik resultiert. 

Uber ist beispielhaft für diese sogenannte kollaborative, auf »Sharing« gebaute Ökonomie: Das Unternehmen sammelt Kapital ein, weniger, um substantielle Investitionen zu tätigen, sondern, um mit subventionierten Preisen die Konkurrenz zu vernichten. Sein Geschäftsmodell besteht darin, sich um nichts kümmern zu müssen – nicht um Arbeitskräfte, nicht um Produktionsmittel –, während ihm die angestrebte Monopolposition als Vermittler die Extraktion von Superprofiten erlauben soll. Das Ziel ist, der Gewinner zu sein, der alles nimmt. Treffend wäre es, von parasitärem Kapital zu sprechen. 

Öffentliche Netzinfrastruktur

Die Vorteile, die sich für alle ergeben, die sich gemeinsam an ein Netz anschließen, eine gemeinsame Plattform für ihren Austausch von Nachrichten, Aufträgen etc. benutzen, heißen »Netzexternalitäten«. Außer positiven Effekten gibt es auch negative wie Spam-Mail, Virusinfektionen und all die Neugierigen, die auf Einblicke in unser Leben aus sind. Die Frage ist, wie man die negativen in Zaum hält und die positiven fair verteilt, d. h. vor allem, verhindert, dass sie überwiegend von wenigen privat angeeignet werden –, was nichts anderes bedeutet, als private Monopole wie Facebook, Google oder auch Uber zu verhindern. Leisten könnte das nur ein neuer Typus öffentlicher Institutionen, die physische und softwaretechnische Infrastruktur aufbauen und betreiben, ohne die private Aneignung von Gewinnen oder den Durchgriff der Exekutive zuzulassen. Mehr als es jemals die Parole »enteignet Springer« war, wäre heute ein »enteignet Google, Facebook, etc.« an der Zeit. 

Das konsumistische Paradies der Instantdienste, das die Propagandisten der digitalen Ökonomie versprechen, hat einen hohen Preis: Nicht nur die Preisgabe wachsender Bereiche unseres Lebens zur Inspektion durch private und staatliche Akteure, sondern, noch mehr, die, gegenläufig zur Schrumpfung des öffentlichen Bereichs erfolgende, Ausdehnung prekärer Verhältnisse wird für uns als Individuen und als Gesellschaft teuer. 

Während Akteure wie Googles »Sidewalk Labs« den Kommunen die Stadtplanung abnehmen wollen, verschwindet immer mehr anständig bezahlte Arbeit in dem, was einmal der öffentliche Dienst war – und nicht nur dort. 

Wie sieht es dagegen mit der Industrie aus? Wie wird sich deren Organisation verändern? Crowdworking zieht zwar in Randbereiche ein, doch erscheint es als wenig plausibel, dass es zum dominanten Modell industrieller Arbeit werden könnte. Dazu ist nicht nur der Aufwand zur Spezifikation, Kontrolle und Integration, den die Atomisierung der Arbeit erfordern würde, um sie damit kompatibel zu machen, zu groß, sondern es passt nicht zu der Gestalt, die Industriearbeit in den letzten Jahrzehnten angenommen hat, und sich dadurch auszeichnet, dass immer mehr Planungs-, Koordinations- und Steuerungsaufgaben nach unten delegiert wurden. 

Egal, ob verängstigt oder begeistert über die Fortschritte der Informationstechnologien berichtet wird, in der Realität verstärkt hat sich die Tendenz der Arbeitsproduktivität zu Stagnation. In manchen Ländern wie Großbritannien und Italien wächst sie seit Jahren nicht mehr, in den anderen nur noch mäßig. Noch schlechter sieht es mit der Akkumulationsdynamik aus: deren, mit der neoliberalen Wende um 1980 einsetzende und ganz im Gegensatz zu deren Versprechen stehende, Abschwächung setzt sich unvermindert fort. Die Investitionsquoten schrumpfen und teilweise tut dies, und zwar nicht nur im öffentlichen Sektor, auch schon der Kapitalstock.1 

Wie ist dies zu erklären, wo doch der technische Fortschritt so stürmisch sein soll? Das liegt sicher zum einen daran, dass der Weg von der Labordemonstration zur industriellen Praxis weit und mit Hindernissen übersät ist. Die meisten Unternehmen kämpfen in der IT mehr damit, die Entwicklungen von gestern und vorgestern auf leidlichem Niveau zur Anwendung zu bringen. Doch es gibt gewichtigere Gründe. Dazu gehört der Sachverhalt, dass Fortschritte immer schwerer werden, je höher das Produktivitätsniveau bereits ist. In den fortgeschrittenen Ländern ist Industriearbeit entweder schon hochautomatisiert oder, wo nicht ausgelagert, zu speziell bzw. anspruchsvoll, um Automatisierung machbar oder auch nur lohnend erscheinen zu lassen. Charakteristisch für solche Länder ist ein schwindender Anteil der Industrieproduktion am Produkt; weshalb sich selbst bedeutende Fortschritte dort nur noch schwach auf die Gesamtproduktivität auswirken. Im Dienstleistungssektor fallen sie noch schwerer oder sind nicht unbedingt erstrebenswert. Möchten wir zum Beispiel wirklich eine automatisierte Medizin oder ein automatisiertes Bildungswesen? Die nächste, etwas flexiblere und feinfühligere, Robotergeneration wird vor allem dort Anwendung finden, wohin bisher Arbeit ausgelagert wurde: Sie wird die Hände ersetzen, die in Asien Platinen bestücken oder Kleidung nähen. 

Doch das ist nicht alles. Die Annahme, dass der IT-Einsatz in der Industrie allein auf die Substitution von menschlicher Arbeit ziele, ist falsch. Zwei weitere Ziele sind mindestens ebensowichtig, wenn nicht heute sogar wichtiger: die Intensivierung der Kontrolle über den Produktionsprozess und zunehmend über den gesamten Produktlebenszyklus sowie die Steigerung der Flexibilität und Effizienz des Maschineneinsatzes. Bei der »Industrie 4.0« geht es primär um diese Ziele, die Steigerung der Arbeitsproduktivität ist eher ein Nebenaspekt. Ein wesentlicher Effekt der technologischen Entwicklung ist die Reduktion des Kapitaleinsatzes im Verhältnis zum Produkt, der die Akkumulationsdynamik bremst. 

Arbeitszeit runter, Löhne hochDadurch verstärkt sie eine Tendenz, für die es bereits genug makroökonomische Gründe gibt: Die Investitionsneigung der Industrie ist schwach, weil die effektive Nachfrage weltweit schwach ist. Sofern Ersatzinvestitionen nötig sind, finden bevorzugt kapitalsparende Technologien Anwendung; was den angeführten Trend in der technologischen Entwicklung noch verstärkt, während es die Akkumulation bremst. Investitionen in Technologien, die primär die Arbeitsproduktivität steigern, erscheinen wenig lohnend. Schwach ist die Nachfrage, weil denen die Kaufkraft fehlt, die sie entwickeln könnten: neben den Staaten, denen eine Hungerkur verordnet wurde, vor allem den Lohnabhängigen, die von ihrer Arbeit leben, die aber weltweit schon lange nicht mehr den deren Produktivität entsprechenden Lohn erhalten.2 

Nichts wäre angesichts dieser Zusammenhänge falscher, als panisch auf die Angstszenarien zu reagieren, die in den nächsten zehn Jahren die Hälfte aller Arbeitsplätze durch Roboter vernichtet sehen. Nicht nur, dass das nicht eintreten wird, auch dort, wo noch eine Steigerung der Arbeitsproduktivität herauskommt, besteht die richtige Antwort, wenn nicht in mehr Freizeit, in proportionalen Lohnsteigerungen und besserer Ausbildung bzw. Weiterbildung, denn eine größere Menge von Produkten muss auch Abnehmer finden. Die Stagnationskrise, in der sich die Weltwirtschaft und ganz besonders die Euro-Zone heute befinden, hat nicht zuletzt ihre Ursache im Zurückbleiben der Masseneinkommen hinter einer Produktivitätsentwicklung, die ohnehin schon schwach genug war und deshalb auch immer schwächer wurde. 

1 Daten dazu auf http://www.flassbeck-economics.de/der-roboter-als-jobkiller-teil-2-050-e/ 

2 Vgl. 

http://www.flassbeck-economics.de/der-roboter-als-jobkiller-teil-3-050-e/ 

 

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Pol & Pott. Ingwereis mit Birnen  

Ina Bösecke 

In: junge Welt online vom 27.02.2016 

Wochenendbeilage 

 

In »Gefühlt Mitte Zwanzig« (USA 2014) von Noah Baumbach kommt ein Pärchen ins Schleudern. Joshs (Ben Stiller) und Cornelias (Naomi Watts) Freunde haben ein Kind bekommen, was für sie nicht mehr in Frage kommt, denn beide sind über Vierzig. Menschen mit Kindern wirken auf Menschen ohne Kinder oft wie Aliens, die man meiden muss. Josh und Cornelia lernen ein junges Pärchen kennen, Jamie (Adam Driver) und Darby (Amanda Seyfried) sind so cool, agil und frisch, dass auch in das Leben der Mitvierziger wieder mächtig Bewegung kommt. Josh setzt sich nun stylische Hüte auf den Kopf, Cornelia geht zum HipHop-Tanzen, sie nehmen an einer Drogensession teil, um klarer zu sehen, und fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit. Auch der Sex ist wieder aufregend. 

Aber dann kommt Arthrose ins Spiel und bringt das Lächerliche der Älteren auf einen schmerzvollen Punkt. »Meinen Sie mit Arthrose einen allgemeinen Begriff von verschiedenen Krankheiten?«, fragt Josh seinen Arzt, dem er sein Knie zeigt. »Ich meine mit Arthrose Altersarthrose«, antwortet der Arzt ungerührt. Wenn es sonst keinen Unterschied zwischen den Generationen mehr gibt (weil die Älteren nicht mehr alt werden wollen) – Arthrose haben 25jährige nicht, sie haben wahrscheinlich noch nicht einmal das Wort gehört. 

Es kommt noch schmerzvoller. Jamie hat es in Wirklichkeit gar nicht auf die Freundschaft mit Josh abgesehen, er bewundert seine Arbeit auch gar nicht, wie er anfangs vorgab. Beide Männer sind Dokumentarfilmer, Josh war mal ein guter, Jamie ist auf dem Weg dorthin. Der beste ist jedoch Cornelias Vater (Charles Grodin), deshalb ist Josh auch so unter Druck. Jamie benutzt ihn lediglich, um weiterzukommen. Plötzlich ist Jamie der gleichaltrige Freund, mit dem man sich ungeniert über Arthrose unterhalten kann, doch wieder wichtiger. 

Gegessen wird in verschiedenen Restaurants. Immer zahlt Josh, Jamie nimmt es jedes Mal gern und selbstverständlich an. So sind sie, die unbekümmerten jungen Menschen. Darby kann sogar Eis selbst machen, das sie in Pappbechern verkauft. 

Ingwereis mit karamellisierten Birnen: 20 g Ingwer schälen, in dünne Scheiben schneiden. 300 Milliliter Milch mit 200 g Sahne, 50 g Zucker aufkochen. Ingwer, 30 g Ingwersirup, eine Viertelstange Zimt zufügen, zugedeckt 15 Minuten ziehen lassen. Ingwermilch erneut erwärmen. Fünf Eigelbe, 50 g Zucker in einem Metallrührkessel verrühren. Heiße Ingwermilch unter Rühren dazu passieren. Masse über einem heißen Wasserbad dicklich rühren, zur grob gehackten Milchschokolade (15 g) gießen. Alles gut verrühren, ein paar Stunden kühl stellen, dann die Masse in der Eismaschine cremig gefrieren. Zwei Birnen schälen, in Spalten schneiden. 80 g Zucker in einem Topf goldgelb karamellisieren, mit 100 Milliliter Weißwein, einem EL Aceto balsamico bianco ablöschen. Mischung kochen lassen, bis sich der Karamell komplett gelöst hat. Birnen und Gewürze zufügen, alles nochmals aufkochen, zugedeckt lauwarm abkühlen lassen. Birnen herausnehmen, Karamellfond noch etwas reduzieren, bis er dicke Blasen wirft, ebenfalls lauwarm abkühlen lassen. Birnen mit einer Kugel Ingwereis auf Desserttellern anrichten. Alles mit Karamellfond beträufeln. 

 

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Ohne Ziegel kein Geld  

In Nepal produzieren Familienbetriebe für den Wiederaufbau. Auch die Kinder müssen mitarbeiten  

Lena Woehler 

In: junge Welt online vom 27.02.2016 

Wochenendbeilage 

 

Auch im Januar 2016 sind in Nepal die Folgen der Erdbeben, die im April und Mai des vergangenen Jahres das Land heimsuchten, allgegenwärtig. In Kharipati, etwa zwanzig Kilometer von der Hauptstadt Kathmandu entfernt, sehe ich zerstörte Häuser und Straßen. Die Beben hatten viele Opfer – Tote und Verletzte – gefordert und Hunderttausende Nepalesen obdachlos gemacht. Vielen fehlt es weiter am nötigsten, wie ausreichend Nahrung, sauberes Wasser und Strom. Von einer Anhöhe aus bietet sich ein Blick ins Tal. Inmitten von Reisterrassen ist eine Ziegelfabrik zu sehen. Aus der Entfernung sind Kinder zu erkennen, die Ziegel tragen. 

Nach dem Abstieg bietet sich ein genaueres Bild. Mehrere Familien mit drei bis fünf Kindern arbeiten hier, jede für sich. Das wichtigste für die Menschen hier ist es, überhaupt eine Arbeit gefunden zu haben, die ihren Familien das Durchkommen sichert. Bereits in der Nacht beginnt die Arbeit, erfahre ich. Jede der Familien formt täglich etwa tausend Ziegel aus Lehm, die in der Morgensonne über den Boden verteilt zum Trocknen ausgelegt werden. Bis zu drei Steinen auf einmal tragen die vielen Kinder hier, jeder hat ein Gewicht von etwa 1,3 Kilogramm. Am späten Nachmittag werden die Ziegel dann sorgfältig zu einer Mauer aufgestapelt. Schließlich kommt ein LKW, um sie aufzuladen und zum Brennofen zu fahren. Bei der Arbeit mit Kohle und Glut sind vor allem die Jugendlichen gefragt. 

Bei der Ablieferung erst werden die Familien bezahlt. Sofern kein Regen vorher ihre Arbeit zunichte machte. Umgerechnet einen Euro-Cent gibt es pro Ziegelstein. Gebrannt verkauft der Besitzer dieser Fabrik sie dann für einen Stückpreis von 16 Cent weiter. Dennoch sind die Familien froh über die Einnahmequelle. Es gibt genug Konkurrenz, die für eine noch geringere Belohnung bereit wäre zu arbeiten. »Wir sind glücklich darüber, hier als Familie zusammenbleiben zu können«, meint eine der Mütter. Und hofft, dass sie irgendwann ihre Kinder wenigstens für einige Stunden am Tag in die Schule schicken kann. 

 

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