Wochenendbeilage der jungen Welt

vom 20.02.2016


 

»Je weniger Staat, desto mehr Demokratie«

Gespräch. Mit Mamdouh Habashi. Über die politische Situation in Ägypten seit dem Sturz Mubaraks, die Rolle der Muslimbrüder und die Interessen der EU in dem nordafrikanischen Land  

Sofian Philip Naceur, Kairo 

In: junge Welt online vom 20.02.2016 

  

Vor fünf Jahren beugte sich Ägyptens Militärregime dem Druck der Massenproteste im Land und opferte Diktator Hosni Mubarak, der sein Amt aufgeben musste. Heute sind das alte Regime restauriert und Zivilgesellschaft und Opposition einer staatlichen Repression ausgesetzt, die intensiver zu werden droht, als sie es unter Mubarak je war. Waren alle Bemühungen seit 2011, das Land zu verändern, umsonst? 

Nein, das waren sie nicht. Unsere Geschichte besteht aus Wellen, aus Höhen und Tiefen, aus Ebbe und Flut. Derartige Prozesse sind nicht in Jahren zu messen, sondern in Jahrzehnten. Das wichtigste Kriterium dafür ist der Grad der Beteiligung des Volkes. Wenn es politisch mitentscheiden kann, wenn auch nur teilweise, dann sprechen wir von revolutionärer Flut. Wird es von politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen, dann handelt es sich um eine revolutionäre Ebbe. Die letzte revolutionäre Flut Ägyptens erstreckte sich von der Revolte 1919 bis zum Ende des Regimes von Expräsident Gamal Abdel Nasser in den späten 1960ern. Die sogenannte Revolution 2011 war daher keine, sondern nur der Anfang einer neuen Phase, die eine 40 Jahre währende revolutionäre Ebbe beendet hat. 

Was bedeutet dieser historische Blickwinkel für Ihre politischen Ziele? 

Bei epochalen Prozessen muss man andere Kriterien anwenden. Was ist das Ziel? Natürlich kann man sagen, die Durchsetzung von Demokratie in Ägypten ist das Ziel. Aber das ist es nicht. Betrachten wir die jüngsten Entwicklungen im historischen Kontext, dann ist Demokratie nur ein Mittel zum Zweck, nicht dieser selbst. Ziel ist die Entwicklung und Modernisierung des Landes. Entwicklung bedeutet hier, Entwicklung auf eine Weise, die beinhaltet, dass die Besitzlosen auch etwas abbekommen. Wir reden nicht von Sozialismus. Wir reden von mehr politischer und wirtschaftlicher Beteiligung des Volkes. 

Der französische Philosoph Jacques Rancière beschreibt die Besitzlosen und politisch und wirtschaftlich Ausgeschlossenen einer Gesellschaft auch als »Part des sans-parts«, als Anteil der Anteillosen. In Ägypten speist dieser sich vor allem aus der entrechteten Landbevölkerung. Organisierte linke politische Kräfte sind auf dem Land jedoch nicht präsent. Ihre Partei, die Sozialistische Volksallianz SVA, präsentiert sich zwar als Anwältin dieser Menschen. Aber wie kann das funktionieren, wenn Sie vor Ort nicht arbeiten? 

Wir sind noch keine richtige Partei, wir befinden uns in der Aufbauphase. 

Parteien in Ägypten müssen sich mit einem Dilemma auseinandersetzen. Das betrifft nicht nur linke, sondern auch rechte und konservative Parteien. 

Seit Nasser haben sie alle einen schweren Stand in Ägypten, er war nicht überzeugt von Parteien als Basis politischer Auseinandersetzungen. Er verfolgte ein nationales Projekt, das im Konflikt mit dem Westen stand. 

Nicht weil er Sozialist war – Nasser war kein Sozialist –, sondern weil er ein unabhängiges Staatsprojekt, ein Entwicklungsprojekt verfolgte. Ein unabhängiges Ägypten war und ist nicht akzeptabel für den Westen. 

Unabhängig ist in diesem Kontext gleichbedeutend mit dem Vorantreiben eines nationalen Projektes, dem Mobilisieren der eigenen Kräfte. 

Ungeachtet dessen, inwieweit ich mit der Politik Nassers übereinstimme: Sein Regime war unabhängig. Das heißt, die Politik Ägyptens unter Nasser wurde in Kairo gemacht, und zwar ausschließlich dort. Das ist ein wesentlicher Unterschied zur heutigen Situation. Sein Nachfolger an der Staatsspitze, Expräsident Anwar Al-Sadat, hat diese Unabhängigkeit aufgegeben. 

Was hat das mit der Frage zu tun? 

Elementar wichtig für das Verständnis, weshalb es für linke politische Kräfte in Ägypten so schwer ist, sich durchzusetzen, ist die Tatsache, dass Nasser das Parteienleben insgesamt vollständig zerstört hat. Selbst seinen eigenen Parteigründungen hat er nicht vertraut. Er hat mehrfach Parteien ins Leben gerufen, nur um sie kurz darauf wieder aufzulösen. Von der politischen Strömung des Nasserismus ist nach Nassers Tod 1970 nichts geblieben, da er keine Organisation hinterlassen hat. Er hat sich auf den Staat gestützt, nicht auf einen Parteiapparat. Die formale Wiederherstellung der Parteienlandschaft unter Sadat in den 70ern war eine Farce. Er ließ Nassers Einheitspartei auflösen und ersetzte sie 1976 durch ein Mehrparteiensystem. Aber das war nur Dekoration. 

Mubarak ist 1981 in Sadats Fußstapfen getreten und hat dessen Fehler noch verstärkt. Deswegen haben wir heute drei Generationen im Land, die ohne eine funktionierende Parteienlandschaft sozialisiert wurden. Zudem haben die Parteien, die seit Nasser formal an der Macht beteiligt waren, nie die wirkliche Macht im Land ausgeübt. Sie haben sie nur verwaltet, die von mehreren Stellen im Staatsapparat – Armee, Innenministerium, Geheimdienste und Präsidialamt – kontrolliert wird. 

Und dann kam die Revolution von 2011. Die Nationaldemokratische Partei Mubaraks, die das Regime stützte, wurde offiziell aufgelöst. Dutzende Parteien wurden neu gegründet, in allen politischen Lagern. 

Genau. Es war klar, dass sich das Vakuum füllen musste. Doch die Menschen wussten nicht, was eine Partei überhaupt ist oder wie so eine Organisation überhaupt funktioniert. Menschen wie Parteien müssen daher noch viel lernen. Zudem hat der Staat seit 2011 aktiv dazu beigetragen, dass Parteien implodierten. 

Sie spielen auf die internen Risse in der linksliberalen Verfassungspartei an? Aktivisten gehen davon aus, dass sie vom Sicherheitsapparat unterwandert wurde, um sie zu spalten. 

Nicht nur. Es gibt viel offensichtlichere Beispiele, auch im rechtskonservativen Lager. Die Morgen-Partei unter Aiman Nur zum Beispiel. 

Der Staatsapparat macht die Politik im Land, niemand sonst. Ein Beispiel dafür war der Vorschlag von Staatspräsident Abdel Fattah Al-Sisi lange vor Beginn der Parlamentswahl, für sie eine Einheitsliste aufzustellen. 

Das war ein Versuch des Staates, Parteienpolitik aus der politischen Arena zu verbannen und den Einfluss von Parteien im neuen Parlament schon im Vorfeld zu begrenzen. 

Die Volksallianz hat bei der Präsidentschaftswahl 2014 Al-Sisis einzigen Gegenkandidaten Hamdin Sabahi unterstützt, obwohl er von Beginn an chancenlos war. Ihr Vizeparteichef Medhat Sahed sagte damals, man müsse jede Gelegenheit nutzen, um Kampagnenarbeit zu machen und Kontakt zum Volk zu bekommen. Hat das etwas bewirkt auf dem Land? 

Natürlich. Aber wir brauchen mindestens eine Generation, um sichtbare Erfolge zu erzielen und in diesen Regionen ein Standbein aufzubauen. Doch die Menschen haben kein Vertrauen. Sie haben schlechte Erfahrungen gemacht und wissen, dass alle paar Jahre ein saisonales Spektakel veranstaltet wird, das schnell wieder vorbei ist. Sie wissen, dass es nicht um sie geht. 

Ihnen wird das Blaue vom Himmel versprochen, aber es passiert nichts. Das ist die wesentliche Erfahrung, die Menschen seit Nasser mit Parteien gemacht haben. Es geht dabei auch nicht nur um linke Parteien, dies betrifft alle Parteien. Der Aufbau eines Parteiensystems, das auch auf dem Land Einfluss und Akzeptanz hat, ist daher ein langwieriger Prozess. Das Regime versucht zudem das Innenleben politischer Parteien konsequent zu sabotieren. Das macht diesen Aufbauprozess noch schwieriger. 

Die Wirtschaftspolitik des Regimes erscheint richtungs- und visionslos. 

Al-Sisi treibt einige Megaprojekte voran, agiert ansonsten aber eher als Krisenmanager. Wir sehen schon wieder Demonstrationen und Streiks, auf denen wirtschaftliche Forderungen artikuliert werden. Die Menschen sind unzufrieden und werden früher oder später wieder auf die Straße gehen. 

Ist Ihre Organisation darauf vorbereitet, diese Menschen aufzufangen? 

Nein, sind wir nicht. Wir sind dabei und arbeiten in diese Richtung. Doch wenn das morgen passieren sollte, dann wären wir noch lange nicht vorbereitet. Mubarak saß 30 Jahre lang auf dem Thron. In den ersten 25 Jahren seiner Regentschaft wuchs der Unmut im Volk stark an. Aber in dieser Zeit konnten Volk und Medien Mubarak nicht persönlich angreifen, sondern nur seine Regierung. Daher hat er auch dafür gesorgt, dass alle paar Jahre eine neue Regierung eingesetzt wurde. Doch dann kam das Jahr 2005. Damals fanden die ersten Demonstrationen statt, auf denen »Nieder mit Mubarak« gerufen wurde. Es war das erste Mal in seiner Amtszeit, dass man ihn persönlich und damit den politisch Verantwortlichen für Verfehlungen zur Rechenschaft ziehen wollte. 

Heute haben wir eine ähnliche Situation. Es gibt Kritik an jeder Ecke, der Druck auf Al-Sisi wächst, doch nicht direkt. Bevor man öffentlich Kritik übt, muss zunächst dem Präsidenten gehuldigt werden – erst dann wird die Kritik toleriert. Damit sie nicht zu harsch ausfällt, muss sie so formuliert werden, als ob man ihm einen Rat erteilt. Von einer offenen Debatte über Al-Sisis Verfehlungen sind wir noch meilenweit entfernt. 

Ägyptens Regime ist restauriert, doch finden hinter den Kulissen heftige Machtkämpfe statt. Beobachten wir derzeit eine interne Neuordnung der Kräfteverhältnisse in der herrschenden Klasse? 

Ja, einiges deutet darauf hin. Doch gibt es innerhalb der herrschenden Klasse kaum ideologische Konflikte. Die an der Macht beteiligten Gruppen sind relativ homogen. Konflikte zwischen den Fraktionen im Machtapparat finden zwar statt, aber es geht dabei vor allem um Machtanteile, nicht um Richtungsentscheidungen. 

Sie bezeichnen die Muslimbrüder als faschistisch. Doch Mursis kurze Amtszeit erscheint im nachhinein als eine Phase, in der Meinungs- und Versammlungsfreiheit herrschten. Es gab eine Machtteilung zwischen Bruderschaft und altem Regime, die die Verwirklichung von Freiheitsrechten zur Folge hatte. 

Ein Leitmotiv der Anarchisten passt hier gut. Je weniger Staat, desto mehr Demokratie. Ein schwacher Staat eröffnet mehr Freiheit für die Menschen. 

Wenn der Staat wackelt, dann öffnen sich Freiräume. Doch die Islamisten hatten die Macht erlangt und waren nur damit beschäftigt, diese zu festigen. In dieser Übergangsphase war der Staat fast nicht präsent. Die Mubarakisten zogen sich zurück und eröffneten damit zivilgesellschaftliche Freiräume. 

Die ägyptische Linke ist gespalten, wenn es um die Muslimbruderschaft geht. Warum? 

Die Absetzung Mursis im Juli 2013 führte im revolutionären Lager selbstverständlich zu großen Meinungsverschiedenheiten und Spannungen. 

Dabei ging es vor allem um eine unterschiedliche Einschätzung der Gefahren, die von den Islamisten einerseits und dem alten Regime andererseits ausgingen. Auf der einen Seite gab es hier die Position derer, die die Herrschaft der Muslimbrüder für die größere Gefahr hielten und deshalb eine vorübergehende »Duldung« des alten Regimes in Kauf nahmen. 

Dazu gehört die Volksallianz. Dem gegenüber stand die Auffassung, dass eine Rückkehr der Diktatur des alten Regimes die größere Gefahr sei und deshalb der Terror der Muslimbrüder »erduldet« werden müsse. 

Sie haben sich damals für ein Eingreifen gegen die Muslimbrüder ausgesprochen. War es ein strategischer Fehler, sich so radikal auf die Islamisten zu konzentrieren? Denn die Bruderschaft ist als politische Kraft nicht besiegt und wird wieder eine Rolle spielen in der ägyptischen Politik. 

Nein, sie ist nicht besiegt. Aber sie wurde das erste Mal vom Volk besiegt. 

Der Konflikt der Bruderschaft war immer ein Konflikt mit dem Staat um Machtanteile. Ihren Rückhalt hatte sie im Volk. Doch 2013 ist das Volk zum ersten Mal gegen die Muslimbrüder auf die Straße gezogen und hat sie gestürzt. Sie werden eine politische Rolle spielen in Zukunft, aber eine unwesentliche. Die Muslimbrüder werden genug Probleme haben, in die politische Arena zurückzukehren, aber dass sie sich wieder zu einer soliden Massenorganisation formieren, glaube ich nicht. 

Viele Liberale und Linke sind auch gegen Mursi auf die Straße gezogen, weil sie die konservative Politik der Muslimbrüder ablehnten. Doch heute verfolgt Al-Sisis Regime eine rigide Moralpolitik, noch extremer, als es sie unter Mursi gab. Versucht Al-Sisi traditionelle Unterstützer der Muslimbrüder zu bedienen? 

Nein, Al-Sisi versucht nicht, die Muslimbrüder rechts zu überholen. Es geht schlicht um Machterhalt. Das Regime will den öffentlichen Raum schließen, also den Raum und Freiraum, der die Revolte 2011 überhaupt erst möglich gemacht hat. Aber diese Rechnung geht nicht auf. Das repressive Vorgehen des Staates wird noch mehr Frust bei den Menschen über die Regierungspolitik bewirken und zusätzlichen Druck auf das Regime aufbauen. Aber das hat nichts mit den Islamisten zu tun oder damit, dass das Regime versucht, den Muslimbrüdern ihre traditionellen Unterstützer abzuwerben. Zudem erkennt das Regime den politischen Islam als unmittelbare Ursache von Terror an, versucht aber den im 19. Jahrhundert begonnenen Prozess der Säkularisierung nicht weiter voranschreiten zu lassen, sondern regelrecht aufzuhalten. 

Warum haben Sie die Partei gewechselt? 

Interne Konflikte in der Sozialistischen Partei waren der Grund dafür. Ich gehörte dem Flügel an, der für die Einheit der Linken eintrat, und es gab keine adäquate Begründung mehr dafür, warum wir nicht mit der Volksallianz zusammengehen sollten. Die Kritik an einem solchen Bündnis war nicht mehr haltbar. Zuvor hatten wir Vorbehalte gegenüber der Volksallianz, da wir ihre Haltung gegenüber den Islamisten nicht teilten. 

Die Volksallianz vereinte verschiedene linke Strömungen. Auch eine trotzkistische Splittergruppe war dort aktiv und hat die Muslimbrüder immer wieder verteidigt. Nachdem diese Gruppe aus der Volksallianz ausgetreten war, gab es für uns keinen Grund mehr, sich dem Zusammengehen mit der Volksallianz zu widersetzen. Doch ein kleiner Flügel der Sozialistischen Partei wollte keine große Partei formieren und näherte sich der regimetreuen Al-Tagammu-Partei an, die sich Al-Sisi anbiedert. Ein ganzer Flügel der Sozialistischen Partei ist daher zur Volksallianz übergetreten. 

Welche primären Interessen verfolgt der Westen heute in Ägypten? 

Wichtig ist vor allem die sicherheitspolitische Kooperation, die seit Anfang 2015 massiv ausgebaut wird. Der EU geht es primär darum, Ägypten zu stabilisieren. Denn Libyen hat sich als Bumerang erwiesen, und die derzeitige Flüchtlingsfrage zwingt die EU dazu, in Ägypten einen stabilen Partner aufzubauen. Brüssel will die sogenannte illegale Migration eindämmen, und das geht heute nur, wenn Kairo umfassend eingebunden wird. 

Daher wird Al-Sisi als wichtiger Verbündeter im Kampf gegen den Terror angesehen, die Einhaltung von Menschenrechtsstandards in Ägypten wird zur Nebensache. Seit Anfang 2015 bauen Spanien und Großbritannien ihre militärische Kooperation mit Kairo aus. Berlin wiederum ist verstärkt im Polizeibereich in Ägypten aktiv. Für die EU geht es darum, das Land als festen Bündnispartner in die Festung Europa einzubinden. Entsprechend oft werden inzwischen Flüchtende in Ägypten sowie Schleuser festgenommen, mit der Folge, dass die Anzahl der über ägyptisches Territorium fliehenden Menschen vermindert wird. 

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Besondere Völkerwanderung

Entwickelte Industrieländer ziehen im Kapitalismus massenhaft Arbeiter aus zurückbleibenden Staaten an. Ein Artikel Lenins aus dem Jahr 1913 

In: junge Welt online vom 20.02.2016 

Wochenendbeilage 

  

Der Kapitalismus hat eine besondere Art der Völkerwanderung entwickelt. 

Die sich industriell rasch entwickelnden Länder, die mehr Maschinen anwenden und die zurückgebliebenen Länder vom Weltmarkt verdrängen, erhöhen die Arbeitslöhne über den Durchschnitt und locken die Lohnarbeiter aus den zurückgebliebenen Ländern an. 

Hunderttausende von Arbeitern werden auf diese Weise Hunderte und Tausende Werst (Längenmaß im zaristischen Russland, ein Werst entsprach 1.066,78 Meter – jW) weit verschlagen. Der fortgeschrittene Kapitalismus zieht sie gewaltsam in seinen Kreislauf hinein, reißt sie aus ihrem Krähwinkel heraus, macht sie zu Teilnehmern an einer weltgeschichtlichen Bewegung, stellt sie der mächtigen, vereinigten, internationalen Klasse der Industriellen von Angesicht zu Angesicht gegenüber. 

Es besteht kein Zweifel, dass nur äußerstes Elend die Menschen veranlasst, die Heimat zu verlassen, und dass die Kapitalisten die eingewanderten Arbeiter in gewissenlosester Weise ausbeuten. Doch nur Reaktionäre können vor der fortschrittlichen Bedeutung dieser modernen Völkerwanderung die Augen verschließen. Eine Erlösung vom Joch des Kapitals ohne weitere Entwicklung des Kapitalismus, ohne den auf dieser Basis geführten Klassenkampf gibt es nicht und kann es nicht geben. Und gerade in diesen Kampf zieht der Kapitalismus die werktätigen Massen der ganzen Welt hinein, indem er die Muffigkeit und Zurückgebliebenheit des lokalen Lebens durchbricht, die nationalen Schranken und Vorurteile zerstört und Arbeiter aller Länder in den großen Fabriken und Gruben Amerikas, Deutschlands usw. miteinander vereinigt. 

Amerika steht an der Spitze der Länder, die Arbeiter importieren. Hier die Angaben über die Zahl der nach Amerika Auswandernden: 

– im Jahrzehnt 1821–1830 99.000 Auswanderer, 

– im Jahrzehnt 1831–1840 496.000 Auswanderer (...), 

– im Jahrzehnt 1891–1900 3.703.000 Auswanderer, 

– in den neun Jahren 1901–1909 7.210.000 Auswanderer. 

Der Umfang der Auswanderung hat gewaltig zugenommen und verstärkt sich ständig. In den fünf Jahren von 1905 bis 1909 sind durchschnittlich über eine Million Menschen im Jahre nach Amerika (es handelt sich hier nur um die Vereinigten Staaten) übergesiedelt. 

Interessant ist dabei die Veränderung in der Zusammensetzung der Einwanderer (der Immigranten, d. h. sich in Amerika Ansiedelnden). Bis zum Jahre 1880 überwog die sogenannte alte Immigration, aus den alten Kulturländern England, Deutschland, zum Teil Schweden. Sogar bis 1890 haben England und Deutschland zusammen mehr als die Hälfte aller Immigranten gestellt. 

Mit dem Jahre 1880 beginnt eine unglaublich rasche Zunahme der sogenannten neuen Immigration, aus dem östlichen und südlichen Europa, aus Österreich, Italien und Russland. Aus diesen drei Ländern kamen Immigranten nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika: 

– im Jahrzehnt 1871–1880 201.000, 

– im Jahrzehnt 1881–1890 927.000, 

– im Jahrzehnt 1891–1900 1.847.000, 

– in den neun Jahren 1901–1909 5.127.000. 

So wird den zurückgebliebensten Ländern der Alten Welt, die in ihrer ganzen Lebensordnung die meisten Überreste der Leibeigenschaft bewahrt haben, sozusagen gewaltsam Zivilisation beigebracht. Der amerikanische Kapitalismus entreißt Millionen von Arbeitern des zurückgebliebenen Osteuropa (und darunter Russland, das 594.000 Immigranten in den Jahren 1891 bis 1900 und 1.410.000 in den Jahren 1900 bis 1909 stellte) ihren halb mittelalterlichen Verhältnissen und stellt sie in die Reihen der fortgeschrittenen, internationalen Armee des Proletariats. (...) 

Deutschland, das mit Amerika mehr oder weniger Schritt hält, verwandelt sich aus einem Land, das Arbeiter abgegeben hat, in ein Land, das fremde Arbeiter heranzieht. Die Zahl der deutschen Immigranten in Amerika, die in dem Jahrzehnt von 1881 bis 1890 auf 1.453.000 angestiegen war, fiel in den neun Jahren von von 1901 bis 1909 auf 310.000. Dagegen betrug die Zahl der ausländischen Arbeiter in Deutschland in den Jahren 1910/1911 695.000 und in den Jahren 1911/1912 729.000. (...) 

Je zurückgebliebener ein Land, desto mehr ungelernte, landwirtschaftliche Arbeiter liefert es. Die fortgeschrittenen Nationen reißen sozusagen die besten Verdienstmöglichkeiten an sich und überlassen die schlechteren den wenig zivilisierten Ländern. Europa im allgemeinen (die »übrigen Länder«) liefert Deutschland 157.000 Arbeiter, davon über acht Zehntel (135.000 von 157.000) Industriearbeiter. (...) 

Die Bourgeoisie hetzt die Arbeiter der einen Nation gegen die der andern auf und sucht sie zu trennen. Die klassenbewussten Arbeiter, die begreifen, dass die Zerstörung aller nationalen Schranken durch den Kapitalismus unumgänglich ist, bemühen sich, die Aufklärung und Organisierung ihrer Genossen aus den zurückgebliebenen Ländern zu unterstützen. 

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Schwarzer Kanal: Unumkehrbar

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 20.02.2016 

Wochenendbeilage 

  

Fällt in Sibirien ein Zapfen von der Fichte, sind nicht Baumbiologie oder Schwerkraft schuld, Putin war’s. Das Russland-Bild deutscher Mediengewerbler gewinnt von Woche zu Woche an Strahl- und Überzeugungskraft. So ist das, wenn das Publikum seiten- und stundenweise mit einer »Flüchtlingskrise« beschäftigt werden soll, tatsächlich aber Krieg geführt wird, und zwar von Woche zu Woche intensiver. Das verroht den deutschen Zeitungsmacher. 

Die Ursachen der »Flüchtlingslawine« (Wolfgang Schäuble) bekämpft die Kanzlerin jedenfalls vor allem dadurch, dass sie dem Terrorpaten und Kurdenschlächter in Ankara jede Unterstützung beim Massakrieren zusichert. Besucht sie ihn, äußert sie sich»entsetzt« über die russische Luftwaffe, während sich der katholische Bischof von Aleppo bei der bedankt. Zu den Massakern der Todesschwadronen Erdogans schweigt die Kanzlerin, spricht aber der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew bei einem Auftritt in der Bundesrepublik von »Zeiten eines neuen Kalten Krieges«, ist die verfolgte Unschuld beleidigt. Und mit ihr der publizistische Marketendertross dieser neusten Mutter Courage eines Völkermordens ohne Ende, die aus allen Krisen und Kriegen, die sie befeuert, »gestärkt« hervorgehen will. 

Da sind Gefolgschaft und Unisonosprache angesagt und die Einheitszeitung. 

Am Mittwoch erschienen Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine Zeitung mit derselben Schlagzeile auf Seite eins: »Merkel dämpft Erwartungen an EU-Gipfel«. Das war’s mit der »Flüchtlingskrise«, jedenfalls vorläufig. Freund Erdogan hat ja noch was in petto. 

Wenn die Scheinwerfer der einen Propagandashow gedimmt werden, strahlen die der anderen um so greller. Musterfall: Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS). Sie vermeldet auf Seite eins, dass der Russe Medwedew sich in München danebenbenahm und dem Westen Schuld am neuen Kalten Krieg gab. Die Antwort kommt in derselben Ausgabe dreifach. So sinniert Osteuropakorrespondent Konrad Schuller auf Seite zehn, ob am Klischee von einer »Putinisierung« Polens etwas dran ist. Resultat seiner Tiefenschürfung: »Kaczynskis Polen ist grundverschieden von Putins Russland, denn die Substanz von dessen Regime sind Korruption, Krieg und politischer Mord.« Das ist so klar wie Wodka, und so kommentiert auch Friedrich Schmidt das Treffen des Papstes mit dem Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche auf Kuba. Sein Text gilt zwar einem russischen Millionär und Monarchisten, den Schmidt für Putin hält. Aber über den muss er einfach loswerden: »In Russland sind Kirche und Patriarch dafür eingespannt, autoritäre Macht und Staatsgewalt zu legitimieren. (…) Da kommt der Papst gerade recht. In der Praxis besteht der Schutz der Christen aus Luftangriffen für den syrischen Diktator, und die Partner sind reaktionär bis rechtsextrem.« Da hatte Kollege Schuller also noch etwas vergessen: Zu Korruption, Mord und Krieg kommen noch frömmelnde Heuchelei und Neonaziunterstützung zur Untergrabung der EU hinzu. Die Hakenkreuze in der Bundesrepublik ließ bis 1989 immer die »Stasi« schmieren. Aber das war im Kalten Krieg. Heute führt der Russe einen heißen Krieg gegen Erdogan und dessen dschihadistische Bodentruppen in Syrien und gewinnt auch noch. Das wiederum ruft »deutsche Sicherheitskreise« auf den Plan, die sorgenvoll auf Seite neun der FAS verkünden lassen, Russland habe in Syrien »eine Trendwende« geschafft, die »unumkehrbar« sei. 

So erklären sich journalistische Dreifachsprünge in einer Zeitungsausgabe. »Wir«, die Deutschen, halten gemeinsam mit »unseren« türkischen Freunden die Stellung an Tigris und Euphrat gegen die Kremlhorden. Unumkehrbar. Es sei denn, die Russen gewinnen. Wieder einmal. 

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Neuanfang und Narben

Jaffna fast sieben Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs – im Norden Sri Lankas ist der Aufschwung oft nur Fassade. Viele Probleme bleiben ungelöst  

Thomas Berger 

In: junge Welt online vom 20.02.2016 

Wochenendbeilage 

  

 Wer heutzutage durch Jaffna fährt, bekommt den Aufschwung präsentiert. 

Schon die Hauptstraße, die in Nord-Süd-Richtung mit einigen Schlenkern die Metropole des Nordens durchquert, fällt als glattes, schwarzes Asphaltband ins Auge. Sie ist Teil von zwei insgesamt 153 Kilometer langen Abschnitten des Highways A9, die von den Chinesen vorbildlich erneuert wurden. 30 Monate hat das gedauert, im Februar 2011 liefen die Arbeiten an, fertig war die wichtige Verbindung im August 2013. Finanziert über die Exim Bank, und auch die ausführende Firma war ein chinesischer Konzern – die China National Aero Technology International Engineering Corporation.  

  China engagiert sich – schon seit der Präsidentschaft von Mahinda Rajapaksa – landesweit im großen Stil. Und Fakt ist, dass der Wiederaufbau der Infrastruktur im ehemaligen Bürgerkriegsgebiet des Nordens – wo die Rebellen der Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) von 1983 bis 2009 für einen eigenen Tamilenstaat kämpften, bis sie der finalen Offensive der Armee unterlagen – ohne diese Unterstützung kaum soweit vorangekommen wäre. Die eigene Regierung hat im Stadtgebiet von Jaffna zwar etwa 20 Kilometer Seitenstraßen erneuert. Doch das sind im Vergleich Peanuts. Die Chinesen kleckern nicht, sondern klotzen: So ist es nicht zuletzt ihnen zu verdanken, dass seit November 2014 die Eisenbahnzüge wieder bis Jaffna und ein Stück weiter nördlich rollen. 

Neu sind Schienenbett, Gleise und Bahnübergänge, auch die Bahnhöfe selbst haben eine Rundumsanierung erfahren.  

  Sind es nur die Chinesen? Durchaus nicht. Zumindest in der Main Street von Jaffna gibt es auch etliche durch private Investitionen frisch herausgeputzte oder gar komplett wiederaufgebaute Häuser. Unweit des dreigeschossigen neuen Gerichtskomplexes – ein Kastenbau ohne jeden architektonischen Charme – bleiben die Augen an einem Autohaus hängen. 

Bei »Associated Motorways« kann man einen Pkw oder einen Minibus von Suzuki, eine lila strahlende Autorikscha des in Südasien mittlerweile weitverbreiteten italienischen Herstellers Piaggio oder auch Yamaha-Motorräder der jüngsten Generation erstehen. Vorausgesetzt, man hat das nötige Kleingeld.  

  Viele aber haben es nicht. Und nicht nur in der Main Street fallen durchaus noch die Narben auf, die der Bürgerkrieg gerissen hat. Noch sichtbarer ist dies in den Nebenstraßen. Selbst im besser betuchten Bahnhofsviertel, wo direkt vor dem Bahnübergang das »erste Motel Jaffnas« eröffnet hat, das eine Dampflokomotive im Logo führt, gibt es noch mehrere Ruinen. Auch zwei Straßenzüge weiter, schräg gegenüber der mit Unterstützung der deutschen Johanniter-Unfall-Hilfe aufgebauten »St. 

John Ambulance«, erinnern auf einem Eckgrundstück nur noch ein paar Mauerreste an zwei Häuser. Mittlerweile ist die Natur dabei, sich einst entrissenen Raum zurückzuerobern, sprießen zwischen den Ruinen Sträucher und kleine Bäume.  

  Haus aus Wellblech   Vor einem Haus nahe der Lagune, das Einschusslöcher in der Fassade zur Schau stellt, sitzt Perumal Ganeshan auf einem Treppenabsatz. Viel anderes kann er nicht tun, denn Arbeit findet der 62jährige nicht. Dabei ging es ihm früher gar nicht schlecht: Als Koch hatte er sogar sein eigenes kleines Imbisslokal. Das war, bevor der Bürgerkrieg sein Heimatdorf knapp 20 Kilometer außerhalb Jaffnas überrollte. »Damals habe ich alles verloren«, sagt er leise. Seit 1999, nunmehr schon über 16 Jahre, ist er Flüchtling, Entwurzelter. Denn sein neues Zuhause, wenn man es so bezeichnen kann, liegt genau gegenüber auf der anderen Straßenseite. »Dort wohnen wir«, zeigt Ganeshan auf eine Hausruine und die beiden Wellblechhütten davor. »Inzwischen mit 14 Personen.«  

  Drei Generationen leben auf engstem Raum inmitten von Wellblech, das sich in der Sonne zum Backofen aufheizt. »Wenn ich wieder einen kleinen Laden hätte, könnte ich uns alle selbst ernähren«, sagt der gealterte Koch und fügt resigniert hinzu: »Aber von der Regierung kann ich keinerlei Anschubhilfe erwarten.« Die Gelegenheitsjobs, die er und seine Söhne annehmen, reichen gerade einmal, um nicht zu verhungern. Zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, hat er im Bürgerkrieg verloren, sie hatten sich der LTTE angeschlossen. Die Männer seiner Töchter werden vermisst – auf die Frage, ob noch ein Rest Hoffnung auf ihre Heimkehr besteht, gibt er keine Antwort.  

  Das Schicksal von Perumal Ganeshan ist kein Einzelfall. Etlichen Familien, gerade in dieser Gegend rund um den Fischereihafen, geht es ähnlich. Wenigstens den Kindern einen geordneten Schulbesuch zu ermöglichen, ist schon das höchste, was sich einige leisten können. Der Kontrast zum Thalsevana Holiday Resort könnte größer nicht sein. Der Hotelkomplex, 2012 eröffnet, liegt 20 Kilometer nördlich von Jaffna am Endpunkt der Eisenbahnstrecke – und gehört der Armee. Neben dieser Nobelunterkunft, der man den Hausherrn nicht auf den ersten Blick anmerkt, gibt es etliche Liegenschaften mehr, die das mächtige Militär weiter besetzt hält.  

  Während die Langhäuser der Soldatenunterkünfte trotz aller militärischen Genügsamkeit immerhin Sauberkeit und einen gewissen Basiskomfort ausstrahlen, leben die Fischerfamilien nur eine Wegbiegung weiter zumeist unter erbärmlichen Verhältnissen. Da sich LTTE und Armee seinerzeit direkt bei der alten, 1680 von den Holländern erbauten Festungsanlage heftige Kämpfe lieferten, hat dieses Stadtviertel besonders viele Zerstörungen davongetragen. Traurig ragen im Zentrum die Überreste eines imposanten Hallenbaus auf, der von den Fischern früher vermutlich als Lager genutzt wurde. Und auch rundherum gibt es mehr Ruinen als intakte Häuser.  

  Nicht bewohnbar, was heißt das schon? In drei Viertel aller Ruinen haust doch jemand, das zeigen aufgehängte Wäsche, der hervorlugende Kopf eines Kindes oder der zum Trocknen in der Sonne ausgelegte Fang dieses Morgens. 

Jaffnas Fischer sind ein hart arbeitendes Völkchen. Die meisten Boote sind jetzt am Nachmittag heimgekehrt. Motoren werden eingeholt, ein Mann trägt zwei fast einen Meter lange Fische nach Hause. Zwei Fischer flicken auf offener Straße ihre Netze, zwei Grundstücke weiter nimmt ein Kollege einen Haufen kleinerer Fische aus. Ein paar Schritte weiter werden Boote repariert, ein Mann streicht den Unterboden seines umgestülpten Kahns mit schwarzer Schutzfarbe neu an.  

  Politischer Neuanfang   Sutharsing Vijayakanth hat sein Büro kaum fünf Gehminuten von diesem betriebsamen Panorama entfernt. Der Schriftzug »Progressive Tamil National Party« prangt über dem Eingang des Gebäudes. Ein Neuzugang auf der politischen Bühne des Nordens, erst Mitte 2014 aus der Taufe gehoben. Von neu kann man bei Vijayakhant trotz seiner erst 30 Jahre nicht sprechen. »Seit ich 13 oder 14 war, bin ich politisch aktiv«, erzählt der Parteigründer. Lange Zeit hat er der Eelam People\'s Democratic Party (EPDP) von Douglas Devananda die Treue gehalten. Der war auch Minister im Kabinett von Expräsident Mahinda Rajapaksa, sozusagen das tamilische Feigenblatt einer Ministerriege, die ansonsten durch singhalesische Nationalisten aus dem Landessüden dominiert war. Dass er sich aus Machthunger habe kaufen lassen, ohne dann wenigstens in seinem Regierungsamt etwas Nennenswertes für die lokale Bevölkerung zu erreichen, macht Vijayakanth seinem einstigen Idol noch immer zum Vorwurf.  

  Politik, daran lässt der Aktivist keinen Zweifel aufkommen, müsse für die Menschen da sein, sich ihrer konkreten Nöte und Probleme annehmen. Die EPDP habe sich von der Macht korrumpieren lassen. Auch von innerparteilicher Demokratie sei bei Devanandas Truppe nicht viel übrig. 

Der Tamilischen Nationalallianz, stärkste Interessenvertretung der größten nationalen Minderheit im Parlament, will er sich mit seiner Partei aber auch nicht anschließen, betont er. Das Bündnis sei teilweise aus Indien ferngesteuert, habe zudem interne Streitigkeiten. Bei der Parlamentswahl vor wenigen Monaten trat die PTNP noch nicht an, Vijayakanth orientiert da erst auf 2020. Bis dahin will er nicht nur die Parteistruktur in allen fünf Distrikten des Nordens aufbauen, sondern sich vor allem weiter um die kleinen wie größeren Sorgen seiner Mitbürger kümmern. In Kürze fahre er nach Colombo, um den Transportminister zu treffen. Da gehe es um die Sicherheit an Bahnübergängen, wo es ständig Unfälle gebe, oder auch Buswartehäuschen, von denen es in Jaffna seit dem Bürgerkrieg keine mehr gibt. Mit Ausnahme dessen, das die Insassen des Gefängnisses gegenüber dem Eingang ihrer Anstalt neu errichtet haben.  

  Solche Themen sind Vijayakanth beinahe ebenso wichtig wie die größeren Fragen rund um Wiederaufbau, Einkommensperspektiven, gleichberechtigte politische Teilhabe der Tamilen. Zwar darf die Nationalhymne nun auch auf Tamilisch gesungen werden. Zwar gibt es all die neuen Straßen und andere Infrastruktur. »Doch was nützt das, wenn die Menschen weder staatliche Zuwendungen erhalten noch in die Lage versetzt werden, durch Jobs selbst einen angemessenen Lebensunterhalt zu verdienen?« fragt der Parteichef. Im gesamten Norden stehe nur ein einziges größeres Krankenhaus in Jaffna für schwerwiegendere Fälle zur Verfügung. »Ein Krankenhaus für eine Million Menschen – das kann keine ordentliche Gesundheitsversorgung sein.« Abseits solcher Fragen gehe es aber ebenso um Aussöhnung und Teilhabe. »Ob Kricket, Fußball, Volleyball, Basketball: In allen unseren Nationalmannschaften sucht man noch immer vergeblich nach nur einem tamilischen Mitglied.«  

  Journalisten im Visier   Dass es mit Fortschritten unter der neuen Regierung nicht weit her ist, sieht Thayaraparan Ratnam ähnlich. Er ist einer der renommiertesten Journalisten Jaffnas, geschätzt von den Kollegen, die sich wie er im örtlichen Press Club treffen. »Zumindest gab es in den vergangenen Monaten keine Todesdrohungen und Morde mehr«, sagt Thayaraparan. Damit haben er und die anderen Medienvertreter im Norden nämlich reichlich Erfahrung. »Allein seit der Jahrtausendwende sind 13 Kollegen getötet worden, einer ist bis heute verschwunden«, setzt er hinzu. Direkt in der Nähe war er, als ein Kollege, der für eine örtliche Zeitung schrieb, kurz vor dem Press Club auf offener Straße von zwei Männern niedergeschossen wurde. Auch er selbst hat mit Morddrohungen Erfahrung. »Das war 2007«, blickt er zurück, »dankenswerterweise ist da die dänische Regierung zu unserer Rettung aktiv geworden, hat 20 Stipendien für einen Fortbildungskurs in Indien gestiftet.«  

  Auch nach dem Ende des Bürgerkrieges 2009 lebte Thayaraparan, der für knapp ein Dutzend verschiedene Abnehmer arbeitet, darunter ein kanadischer Radiosender und das unabhängige, früher als inoffizielles Sprachrohr der LTTE gebrandmarkte Webportal Tamilnet, gefährlich. Das bewies ein Zwischenfall nach der Rückkehr aus dem kurzen indischen Exil, bei dem ein Unbekannter erschossen wurde. »Das war ein Anschlag, der auf mich gemünzt war, man hat uns nur verwechselt«, ist sich Thayaraparan sicher.  

  Landesweite Aufmerksamkeit erfuhr ein Fall im Juli 2014. Damals fuhr er mit 15 anderen Journalisten zu einer Konferenz nach Colombo. An einem Checkpoint wurden drei der Männer Augenzeugen, wie ein Soldat ein Päckchen unter den Fahrersitz ihres Wagens schob. Bei dessen anschließender Durchsuchung fand sich darin Rauschgift, was zur vorübergehenden Verhaftung der Journalisten führte. Sechs Stunden lang wurden sie verhört, nur der Druck durch alarmierte Kollegen aus der Hauptstadt sorgte schließlich für ihre Freilassung. »Dafür wurde unser Fahrer inhaftiert, dabei war auch der völlig unschuldig.«  

  Daran gewöhnt hat sich Thayaraparan, dass der militärische Geheimdienst nahezu über jeden seiner Schritte informiert ist. »Die ziehen Erkundigungen über uns ein, manchmal merkt man auch ganz deutlich, wie die Leute einem folgen«, kann sein jüngerer Kollege Ranjith bestätigen. Wie zum Beweis sind vor dem Haus zwei mutmaßliche Agenten eingetroffen, reden mit Zeugen auf der Straße. »Sehen Sie?« weist Thayaraparan auf die kleine Gruppe, in der sich die Geheimdienstler offenbar ein Bild davon zu machen versuchen, wer der hellhäutige Gast ist, der sich drinnen im Raum gerade unterhält. Nach fünf Minuten sind die Männer wieder verschwunden. 

»An bestimmte Themen sollte man besser nicht rühren, sofern man keine Schwierigkeiten haben will«, setzt Ranjith noch hinzu.  

  Der erfahrene Kollege allerdings lässt sich nicht davon abbringen, weiterhin heiße Eisen anzupacken oder Missstände offen zu benennen. So liegt ihm das harte Los der Witwen am Herzen. »97.000 davon gibt es in der Nordprovinz – gemessen an rund 315.000 Familien insgesamt ist beinahe jeder dritte Haushaltsvorstand nunmehr zwangsweise weiblich, weil die Männer entweder im Bürgerkrieg umgekommen oder noch immer verschwunden sind.« Nicht nur psychisch, auch ökonomisch sei das ein hartes Problem. 

Denn wo es schon für die Männer kaum Jobs gibt, sei es für Frauen noch aussichtsloser, zu einem geregelten Einkommen zu kommen.  

  »An dieser Front, mit mehr Beschäftigung ein wirtschaftliches Überleben der Familien zu sichern, bewegt sich überhaupt nichts.« Auch 13.000 ehemalige Mitglieder der LTTE, die zwischenzeitlich freigelassen wurden, hätten keinerlei staatliche Eingliederungshilfe erhalten. »Wer lange bei den Rebellen aktiv war, hat meist nicht mal einen ordentlichen Schulabschluss«, so der gestandene Journalist. Ähnlich wie man die ehemaligen Bürgerkriegsflüchtlinge mit lediglich 25.000 Rupien (180 Euro) abgespeist habe, lasse die Regierung – und dabei schließt Thayaraparan das alte Rajapaksa-Regime wie die neue Administration unter Präsident Maithripala Sirisena und Premier Ranil Wickremasinghe ein – auch diese Menschen im Regen stehen.  

  Völlig einig sind sich Politaktivist und Journalist in Sachen Militärcamps. Ein Skandal sei es, dass die Armee noch immer 6.000 Acre (2.400 Hektar) an Flächen in und um Jaffna besetzt halte. »Dabei hat selbst das Militärhauptquartier in Colombo nur 64 Hektar«, fügt Vijayakanth hinzu. Mehrheitlich handle es sich um bestes Ackerland, das seinerzeit eingezogen wurde. Tausende Menschen könnten noch immer nicht auf ihre Grundstücke zurück. »Doch selbst wenn mehr Flächen von der Armee geräumt würden, stünden die Heimkehrer vor einem weiteren Problem«, unterstreicht der Journalist. Denn in diesen Dörfern gebe es keine Schulen, keine Kirchen und Tempel mehr, oft sei nicht einmal die Wasserversorgung gesichert. Der Neuanfang im Norden – er bleibt vorerst nur Fassade.  

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Sonnenhunger Anke Nussbücker

»Ich bereue hier die stumpfsinnigen und schwarzen Jahre …« 

Albert Camus 

In: junge Welt online vom 20.02.2016 

Wochenendbeilage 

  

Licht und Schatten« 

Christian sah sich den Schwibbogen an. »Vielleicht muss ich zum Ein-Euro-Laden«, sprach er halblaut zu sich selbst. Kritisch betrachtete er die halbrunde flache Holzscheibe, aus welcher die Umrisse eines Tannenbaums, eines Bergmannes und eines Rehs herausgesägt worden und auf deren oberen Rand in gleichmäßigen Abständen zwölf Lämpchen befestigt waren. Auf dem Fensterbrett stehend, sollten die von weitem wie Kerzen anmutenden schlanken hellen Lämpchen in den frühen Abend leuchten. Den Hunger nach Licht hatte Christian wohl von seinem Großvater geerbt. 

Es war ein Hunger nach mildem Sonnenschein oder einem warmen Glühbirnenlicht, am liebsten von einer Birne mit hundert Watt. Christian war es gleich, ob solch eine Lampe das Vielfache der neumodischen Energiesparlampen verbrauchte. Schließlich arbeitete Christian dafür, seine Stromrechnung selbst zu bezahlen. Elektrischer Strom von Lichtblick wohlgemerkt! 

»Ist doch irgendwie merkwürdig«, meinte er in der Raucherpause zu seiner Kollegin Marit, »die Leute hier aus dem Norden fliegen in ihrem Urlaub in Richtung Süden, und die Menschen aus dem Süden sind auf der Flucht zur Nordhalbkugel.« 

»Seltsam ist das nicht«, antwortete Marit, den blauen Rauch fast lautlos ausatmend, »schon zu Urzeiten sind die Menschen nach Süden gewandert, sobald der Winter einbrach. Gänse und Schmetterlinge tun das, die Mauersegler und Schwalben und wer weiß noch wie viele Tierarten … Und wenn sie im kargen Süden nichts mehr zu fressen finden, kehren sie wieder um.« 

»Ich fliege nicht für zwei Wochen gen Süden, anstatt dessen verbringe ich meinen Feierabend gern unterm Glühbirnenlicht. Denkst du nicht auch, man sollte es jedem selbst überlassen, an welcher Stelle er seinen Anteil der Energie verbrät?« 

Aber in diesem Dezember leuchtete Christians Lichterbogen nicht. Er versuchte sich die Worte des Großvaters ins Gedächtnis zu rufen: »Das Besondere der Lämpchen an Schwibbogen und Lichterketten besteht darin, dass sie in Reihe geschaltet sind. Du kannst den Schwibbogen mit 220 Volt anschließen. Die Spannung, die bei jedem einzelnen Lämpchen anliegt, ist viel kleiner, da sie geteilt ist durch die Gesamtzahl der Lämpchen, die du anbaust.« 

Soweit Christian sich richtig erinnerte, war sein Großvater bis zu seinem 40. Geburtstag an jedem Arbeitstag hinunter in den Schacht eingefahren. Und vor ihm sein Vater und dessen Vater, um nach dem kostbaren Erz zu schürfen. Besonders im späten Herbst erschraken die Bergleute über die Dunkelheit, die noch überm Stolleneingang lag, wenn sie die Rutsche hinab in die Kupfergrube sausten. Zum Schichtwechsel war noch ein wenig von der Dämmerung übrig. Manchmal sah Christians Opa einige hellgraue Wolken, nur selten pink gefärbt von der untergehenden Sonne. 

»Hat heute die Sonne geschienen?« hatte er ungläubig seine Frau, Christians Großmutter, gefragt. 

»Zeitweise«, antwortete sie stets. Wie um nicht zugeben zu müssen, dass er den hellen Tag verpasst hatte. 

Wenige Monate nach seinem 40. Geburtstag geschah Christians Großvater ein schwerer Unfall. Gestein hatte sich von der schlecht ausgebauten Firste des Stollens gelöst, seinen Fuß zertrümmert und seine Arbeit untertage vor der Zeit beendet. Einerseits froh, nun auch die Dezembersonne, wenn sie durchs Fenster schien, stets ansehen zu können, erfasste ihn dennoch eine unbeschreibliche Trauer. Er konnte nun nichts mehr zum Familienunterhalt beitragen. War aufs Altenteil abgestellt. 

Nach kurz währender Tatenlosigkeit begann Christians Großvater Schwibbögen zu sägen. War es früher nur ein Schwibbogen pro Jahr, den er mit seiner Laubsäge vollendete, fertigte er alsbald bereits an die zwanzig. Kunstvoll hatte er die Motive gesägt: Bergleute mit Hammer und Kerzenschein, Frauen, die vor ihrem Klöppelsack saßen und wunderschöne filigrane Spitzen klöppelten, Reh, Hirsch und Hasen unter mächtigen Fichten. Jede einzelne Kante sorgfältig glattgeschliffen. Das war sein Zubrot zur Invalidenrente. Einmal erhielt er einen ungewöhnlichen Auftrag, er sollte die halbrunde Form des Schwibbogens als Schildkröte gestalten. 

»Wos dos noch mit unnerm Arzgebirg zu tue hot?« schimpfte eine Nachbarin. 

Aber Christians Großvater fand: »Is fei e lustsche Owachsling!« Außerdem für jemanden aus Leipzig. »Wenn’s Pfeng brengt, mirwaang!« antwortete er. »Pfennige« blieben es freilich. Kleine Geldscheine, die Christians Großvater ehrfürchtig glattstrich, bevor er sie der Großmutter übergab. »Koch uns wos Gut’s dofür«, bat er sie. So verging Jahr für Jahr, bis Christian auf die Welt kam. Da verdoppelte der Großvater die Zahl der Schwibbögen, die er in jedem Herbst fertigstellte. 

Bald kam die Zeit, in der sein Enkelsohn mit Erstaunen bei den Sägearbeiten zuschaute und sehr aufmerksam lauschte, wenn der Großvater sprach: »Wenn die Lichter, die mit einem dünnen Stromkabel zu einer Kette miteinander verbunden sind, plötzlich nicht mehr brennen, kann es sich auch um einen Wackelkontakt handeln.« 

Also wackelte Christian an den Lämpchen, die nicht leuchten wollten, drehte ein jedes in seiner Fassung noch einmal fest. Aber es nützte nichts. 

Abermals rief er sich die Worte des Großvaters in die Gegenwart: »Die Schwierigkeit bei der Reihenschaltung besteht darin, die Schwachstelle zu finden.« 

Christian eilte zum Ein-Euro-Laden und zu Connys Container. Überall lagen nur Lichterketten mit 100 winzigen Lämpchen zum Verkauf. 

»Ich brauche eine Kette mit 10 bis 12 Lichtern«, sagte er zu der gleichgültigen Verkäuferin, »meinetwegen auch mit 15 oder 20 Lämpchen.« 

»Am Montag vor Heiligabend soll noch eine letzte Lieferung kommen. Das werden dann Lichterketten mit einer geringeren Anzahl von Lampen sein.« 

»Schön«, antwortete Christian. 

»Die sind dann jedoch für den Tannenbaum«, schränkte die Verkäuferin ein. 

»Vielleicht eignen sie sich ja für meine Zwecke.« Lächelnd, hoffnungsvoll verließ Christian den Laden. Am Montag eilte er sogleich nach der Frühschicht wieder zu Connys Container. 

»Tut mir leid, heute Mittag war schon alles ausverkauft.« 

Es war Christians letzter Arbeitstag gewesen. Mit einer Art erleichterten Erschöpfung hatte er die quadratischen düster scheinenden Leuchtstofflampen im Kellergeschoss ausgeschaltet, war mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss hinauf gefahren, wo er sich den hellen Overall abstreifte und mit blauer Jeans sowie Kunstfelljacke unter den hellgrauen Himmel trat. 

»Glaub mir«, begann seine Kollegin Marit, ihm von ihrer geplanten Reise vorzuschwärmen, »wenn du jetzt in Sri Lanka für zwei Wochen Sonne tankst, kannst du damit locker zwei Monate haushalten!« 

»Mit dem Sonnenlicht, das ich im Keller nicht sehe?« 

»Mit dem Vitamin D, das deine Haut im Süden bildet!« »Einer bleichen Winterhaut, die gar nicht mehr an die Sommersonne gewöhnt ist?« 

»Dafür gibt es doch Sonnenschutzcreme.« 

»Und doch verbraucht so eine Flugreise mehr Kohlenstoff als 1000 Glühlampen über einen Winter!« 

»Und wie viele Häuser brauchen Lampen für den Abend? So long und Frohe Weihnacht!« 

Damit verabschiedete sich Marit. Aber eigentlich hätte hier die Diskussion erst richtig Fahrt aufgenommen. Christian wusste nicht genau, um wieviel höher Marits Gehalt lag als das seine. Christians Lohn reichte für eine Spätsommerreise an die Ostsee. Immerhin. Und wenn er sich vorstellte, Anfang Januar der Sonne des Südens den Rücken kehren zu müssen, würde es ihm noch schwerer fallen, sich an die frühe Dunkelheit nach Feierabend zu gewöhnen. 

Das ist es ja gerade, hätte Christian deshalb erwidern wollen. Man nimmt den Allerärmsten nun auch das Allerletzte: einen warmen Lichtschein im Winter. 

Für einen echten, kraftvollen Wutausbruch darüber, dass die normalen Glühlampen nicht mehr verkauft wurden, fehlte seinem schwerfällig gewordenen Körper wie seinem Geist der nötige Schwung. Christian kämpfte mit Schlaflosigkeit und Todessehnsucht. Verkehrte Welt: Bei Tage ohne Tageslicht im Kellergeschoss, in der Nacht schienen der Mond und die Straßenlaternen ins Fenster. 

Aber jetzt begann die Zeit zwischen den Jahren. Christian kaufte sich Jalousien für die Nacht und eine Lichttherapielampe für den Frühstückstisch. Außerdem bestellte er einen Lichtwecker, der morgens um vier auch im Dezember eine aufgehende Sonne simulieren und ihn wieder leichter in den grauen Alltag kommen lassen sollte. 

Christian empfand eine Leere in sich selbst, die er nicht mehr mit den in Mundart gesungenen Liedern der Kindheit zu füllen vermochte. Ganz früher noch, als er mit dem eigenen Auto zur Arbeit gefahren war, trällerte er laut die verschiedenen Strophen, gerade in der Reihenfolge, wie sie ihm in den Sinn kamen: »Ganz sachte schlei…eicht de Nacht …« Aber bei der letzten zweijährlichen technischen Untersuchung hatte sein Skoda die Plakette nicht mehr bekommen. Da hatte er beschlossen, ohne eigenes Fahrzeug zu leben. Nur auf die Glühlampen in seinem Zuhause wollte er nicht verzichten. Kein Auto, keine Flugreisen mehr, auch wenn der Klimawandel nicht mehr aufzuhalten war. Er vermisste den Schnee von November bis April. Weißer, weißer Schnee, der das spärliche Winterlicht reflektierte. 

Verzweifelt guckte sich Christian den Schwibbogen an. Da entdeckte er die beiden kleinen Ersatzlampen, in einem kleinen Zellophantütchen verpackt und mittels Kabelbinder an dem dünnen Stromkabel befestigt. Nun sah er sich die Lämpchen vor dem Fenster seines Zimmers im Vorderhaus an. 

»In den Lämpchen befindet sich ein feiner Draht, der anfängt zu glimmen, sobald Strom durchfließt«, hatte er wieder die Worte des Großvaters im Ohr. Lämpchen für Lämpchen nahm sich Christian nun unter die Lupe. 

»Reihenschaltung bedeutet, dass der Strom durch all die feinen Drähte entlang der Lichterkette fließt. Ist ein Lämpchen defekt, dann leuchtet die gesamte Lichterkette nicht mehr.« Und wie als wäre der Großvater nun tatsächlich im Zimmer: »Die Schwierigkeit besteht darin, die Schwachstelle zu finden.« 

Zwei Ersatzlämpchen sind noch da. Christian blickt suchend auf die in der Mitte wellenförmig, rechts und links beinahe senkrecht verlaufenden Drähtchen jeder einzelnen Glühlampe am hölzernen Schwibbogen. Ist da nicht eines der Drähtchen gerissen? Vorsichtig zieht er das Lämpchen aus der Fassung, steckt das Ersatzlämpchen an seine Stelle. Ja, es leuchtet! Zwei Tage vor Weihnachten konstatiert Christian: Schwibbogen repariert und Wintersonnenwende: Ab jetzt werden die Tage wieder länger. Spätestens zur Lichtmesse im Februar könnte er die Weihnachtsbeleuchtung wieder in Kartons verpacken, scheint die Sonne wieder heller und wärmer. 

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Pol & Pott: Eier Benedikt

Ina Bösecke 

In: junge Welt online vom 20.02.2016 

Wochenendbeilage 

  

 Mit »The Producers – Frühling für Hitler« (USA 1968) gelang Mel Brooks der Durchbruch im Filmgeschäft. Vorher arbeitete er hauptsächlich als Stand-up-Comedian und Sketcheschreiber. Viele seiner folgenden Filme sind Parodien auf erfolgreiche Werke. Brooks’ Humor ist nicht von der feinen Art. Man muss ihn mögen. Oder ein paar Schnäpse trinken.  

  In »Frühling für Hitler« überlegen sich der wenig erfolgreiche, jüdische Broadway-Theaterproduzent Max Bialystock (Zero Mostel) und der schüchterne Buchprüfer Leo Bloom (Gene Wilder), wie sie mit einem schlechten Theaterstück viel Geld machen können. Sie finden einen durchgeknallten Altnazi, der ein rührseliges Stück über Hitler geschrieben hat, und einen Schauspieler, der auf LSD hängengeblieben ist. 

Ihr Vorhaben nimmt einen guten Weg. Dem New Yorker Publikum gefällt die Naziposse (tatsächlich sind Tänzerinnen im Brezelkostüm oder mit Bierhumpen-BH ganz witzig). Das Stück wird ein Erfolg, und die beiden windigen Theaterproduzenten denken sich etwas Neues aus, um an noch mehr Geld zu kommen.  

  Nahrungsaufnahme spielt eine gewisse Rolle in dem Film. Einmal lädt Bialystock Bloom zum Essen ins »Al Fresco« ein. Er meint einen Hot-dog-Stand im Park. »Al fresco« essen steht für »draußen« essen und kommt aus Italien, wo man die Phrase allerdings benutzt, wenn jemand im Gefängnis sitzt. Später geht Bialystock ins Restaurant »Zum blauen Zigeuner« und betrinkt sich mit einer alten Dame, deren Geld er für die Produktion des Stückes benötigt. Einmal spricht der abgehalfterte Theaterproduzent auch von seinen besseren Zeiten, in denen er immer im »Delmonico’s« speiste. Das ist das älteste Restaurant in den USA. Hier verkehrten berühmte Gäste wie Mark Twain, Oscar Wilde, Königin Victoria oder Napoleon III. Einige bis heute bekannte Gerichte sollen hier entstanden sein. Zum Beispiel Eier Benedikt (pochierte Eier auf Toasties):  

  Zum Pochieren der Eier Salzwasser mit einem Achtelliter Weißweinessig und einer Prise Zucker in einen großen Kochtopf geben. Wasser mit einem Lorbeerblatt, fünf schwarzen Pfefferkörnern, fünf Nelken würzen, Deckel auflegen. Wasser zum Kochen bringen. Temperatur auf mittlere Stufe zurückschalten, Sud acht bis zehn Minuten köcheln lassen. Das Wasser sollte kurz unter dem Siedepunkt bleiben. Mit einer Schaumkelle die Gewürze aus dem Wasser heben. Drei Eier nacheinander aufschlagen und einzeln in eine Tasse geben. Jedes Ei vorsichtig in den Sud gleiten lassen, mit Hilfe von zwei Esslöffeln das Eiweiß leicht um das Eigelb legen. Eier fünf Minuten auf niedriger Temperatur gar ziehen lassen. Inzwischen in einer beschichteten Pfanne etwas Butter auslassen. Drei Scheiben gekochten Schinken jeweils zur Hälfte zusammenlegen, in der Butter kurz anbraten. 

Einen Viertelliter Sauce Hollandaise in einen kleinen Kochtopf geben, unter Rühren mit dem Schneebesen erwärmen. Toasties oder Weißbrotscheiben toasten. Jede Scheibe mit gekochtem Schinken belegen, Eier Benedikt daraufsetzen. Sauce Hollandaise darübergießen. Mit frischer Petersilie und feingeschnittenem Schnittlauch bestreuen.  

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