Wochenendbeilage der jungen Welt

vom 06.02.2016


 

»Die ›Hartz‹-Reformen stellen einen epochalen Bruch dar«  

Gespräch. Mit Michael Hirsch. Über den Fetisch der Vollbeschäftigung, die Umwandlung des Sozialstaats und Geschlechtergerechtigkeit in der Arbeitswelt  

Reinhard Jellen 

Adré Scheer In: junge Welt online vom 06.02.2016 

Wochenendbeilage 

 

Im Titel Ihres 2015 erschienenen Buches ist von einer »Überwindung der Arbeitsgesellschaft« die Rede. Was genau verstehen Sie unter diesem Begriff ? 

Es handelt sich dabei um eine kapitalistisch und staatlich organisierte Gesellschaftsform, die auf einem platonischen Sozialmodell beruht: auf dem Prinzip »Jedem das Seine«. Das entsprechende Gesetz lautet: Vollzeitbeschäftigung in Erwerbsarbeit zum einen; zum anderen die primäre Definition der sozialen Identität des Menschen durch seine Stellung im Erwerbsprozess. Er wird also mit seinem »Platz« in der sozialen Arbeitsteilung einer Erwerbsgesellschaft identifiziert, und soll sich selbst mit ihr identifizieren. Und er verliert diesen Platz, wenn er keine Arbeit hat. Der Volksmund wiederholt genau das Beispiel, das Plato zur Erklärung des Kerns seines Sozialmodells anführt: »Schuster bleib bei deinem Leisten.« Das kulturelle Primat der Erwerbsarbeit ist sozusagen der metaphysische Kern der Arbeitsgesellschaft. 

Inwiefern spielen darin Klassenverhältnisse eine Rolle? 

Die sozialen Unterschiede zwischen den verschiedenen Positionen der Arbeitsgesellschaft sind nicht nur funktionale Differenzen, sondern markieren wesentliche Unterschiede im menschlichen Wesen. Sie symbolisieren einen ungleichen Wert von Personen. Die einzelnen Subjekte werden mit ihrer Stellung in der Hierarchie der sozialen Arbeitsteilung gleichsam wesenhaft identifiziert. Am schlimmsten trifft es dabei zum einen die Prekären und potentiell Überflüssigen; Frauen zum anderen: also Wesen, deren soziale Identität nicht primär durch Erwerbsarbeit bestimmt sind. 

Welches Problem ist hierbei das kapitalistische Privateigentum an Produktionsmitteln? 

Es ist unter anderem insofern wichtig, als es extrem ungleiche Entscheidungsbefugnisse in der Ökonomie festigt. In einer gehaltvollen Idee von Demokratie geht es ja um einen radikalen Begriff von Gleichheit – also nicht nur um die Demokratisierung des Staates, sondern um den der Gesellschaft insgesamt, also auch und vor allem der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Menschen. Die Konzentration ökonomischer Entscheidungsbefugnisse ist in der Wirtschaft ja genauso demokratiefeindlich wie im Staat. Die Demokratisierung der Wirtschaft steht und fällt mit dem, was Marx als Minimalforderung festhielt: die gleichmäßige Verteilung der Arbeit auf die Glieder der Gesellschaft. 

Der technische Fortschritt in unserer Gesellschaft ist so hoch wie noch nie. Woran liegt es, dass dieser in der Arbeitswelt eher vorwiegend negativ, in Form von vermehrtem Arbeitsdruck und Arbeitslosigkeit zu Buche schlägt? 

Von Theodor W. Adorno stammt der schöne Satz: »Vollbeschäftigung wird zum Ideal, wo Arbeit nicht länger das Maß aller Dinge sein müsste.« Er charakterisiert damit einen Anachronismus, der bis heute die Gesellschaft durchzieht: Während in Wirklichkeit eine grandiose Befreiungsmöglichkeit der fortschreitenden Verringerung von Erwerbsarbeit und der mit ihr verbundenen sozialen Zwänge und Herrschaftsbeziehungen greifbar nahe ist, wird die Gesellschaft in eine groteske Ideologie der Beschäftigung hineingedrängt. So ist ähnlich wie in den 30er Jahren ein Staat der Arbeitsbeschaffung entstanden.  

Geht es in Ihrem Konzept auch darum, dass sich die Wirtschaft über die Menschen hinweg verselbständigt hat? 

Das ist ja schon immer die grundlegende Analyse kritischer Gesellschaftstheorie: die Verselbständigung gesellschaftlicher, insbesondere wirtschaftlicher Verhältnisse gegenüber den handelnden Subjekten. Das Spezielle marxistischer und neomarxistischer Analysen dabei ist, diese Verselbständigung eben nicht als einen naturhaften Vorgang, sondern als politisches Phänomen zu verstehen: also auch als eine bestimmte politische Strategie eines bestimmten politischen Lagers. Die Restauration der Arbeitsgesellschaft im Neoliberalismus ist eine klare politische Strategie der Entpolitisierung: mit einer neuen Arbeitspolitik, einer neuen Sozialpolitik, und generell einer neuen sozialdarwinistischen Strategie der Verschärfung sozialer Wettbewerbe. 

Ist diese Verselbständigung Ihrer Meinung nach also eher ein politisches und symbolisches denn ökonomisches Phänomen? 

Die soziale Stellung Einzelner zum Beispiel ist immer eine Einheit ökonomischer, rechtlicher und symbolischer Statuspositionen. Herrschaft wird immer auf allen drei Ebenen zugleich ausgeübt. Prekarität oder Arbeitslosigkeit wirkt zum Beispiel auf allen drei Ebenen zugleich als möglicher sozialer Ausschluss: Drohung mit Verarmung, einem rechtlich schwachen Status und einem Verlust sozialer Anerkennung. 

Wie sind die Krise der Arbeitsgesellschaft, die des Finanz-und Wirtschaftswesens und die aktuellen Legimationsdefizite der bürgerlichen Demokratie miteinander verschränkt? 

Eng. Mit der einseitigen Option der »Steigerung von Beschäftigung« wurde und wird ja zum Beispiel auch die Ablehnung einer stärkeren Besteuerung höherer Einkommen und Vermögen oder auch von Erbschaften begründet. Das erzeugt seit geraumer Zeit eine latente Legitimationskrise des demokratischen Staates: Man kann schließlich nicht glaubwürdig betonen, eine vom Grundgesetz geforderte »soziale Demokratie« erreichen zu wollen und gleichzeitig mit allen politischen Maßnahmen die real existierenden sozialen Ungleichheiten verstärken. Von dieser Konstellation, dieser Legitimationskrise, profitieren bisher aber nur Rechtspopulisten, und leider noch nicht linke Reformisten, die eine starke Umverteilung sozialer Güter und Teilhabechancen fordern. 

Was unterscheidet Ihre Analyse von der Marxschen? 

Ich übernehme wesentliche Aspekte von Marx’ Theorie und von seiner humanistischen Arbeitsutopie. Ich betone allerdings etwas mehr als Marx die konstitutive und im Neoliberalismus bedeutender werdende Rolle des Staates für die materielle und symbolische Dimension der Arbeitsgesellschaft. Die Dimension der symbolischen Ordnung ist ein Aspekt, der über den klassischen Marxismus hinausgeht. Damit sind die sozialen Kämpfe eben nicht nur um Arbeits- und Einkommensanteile, um Beteiligungs-, Macht- und Herrschaftschancen gemeint, sondern auch um die symbolischen Rechtfertigungschancen einzelner Subjekte in der Arbeitsgesellschaft. 

Deswegen halte ich zum Beispiel Pierre Bourdieus materialistische Theorie der symbolischen Güter für ebenso wichtig wie die Marxsche Politische Ökonomie. 

Können Sie diesen Ansatz konkretisieren? 

Bourdieu betont den Aspekt sozial ungleicher Status- und Anerkennungspositionen als Motor sozialer Herrschaftsverhältnisse. Im Raum der Ökonomie symbolischer Güter wird um die Verteilung von Sinn- und Anerkennungsmöglichkeiten gekämpft. Je ungleicher eine Gesellschaft, desto mehr explodieren die entsprechenden Machtauseinandersetzungen, desto mehr steigen die entsprechenden Herrschaftspotentiale und Abhängigkeitsbeziehungen. In letzter Instanz wird dabei, wie Bourdieu sagt, um eine Rechtfertigung der sozialen Existenz gekämpft: um sozial höchst ungleich verteilte Chancen, in seinem sozialen Dasein gerechtfertigt zu sein oder sich gerechtfertigt zu fühlen. Deswegen sind Geschlechterverhältnisse genauso wichtig wie Klassenverhältnisse. 

Stellen für Sie die »Hartz«-Reformen den Höhepunkt des Arbeitsfetischismus dar? 

Das kann man in der Tat so sehen. Die staatliche Verkündigung des Slogans »Jede Arbeit ist besser als keine Arbeit« ist eine ideologische, politische und politökonomische Umwertung aller Werte. Die symbolische Dimension dieser Reformen kann gar nicht überschätzt werden. Es werden ja nicht nur soziale Rechte eingeschränkt und neu verteilt, sondern auch soziale Bedeutungen neu konfiguriert und verteilt. Die Einführung staatlicher Lohnzuschüsse und staatlicher Arbeitsdienste stellt einen epochalen Bruch mit der Logik des bisherigen relativ emanzipatorischen Sozialstaats dar, und kann als teilweise Rückkehr zu frühindustriellen Formen eher polizeistaatlicher und repressiver Sozial- und Armenpolitik verstanden werden. 

Welche Auswirkungen haben diese Reformen auf die Demokratie? 

Sie sind erheblich. Der Sozialstaat erhält eine stärker repressive, autoritär zur Arbeitsdisziplin erziehende Seite. Damit wird der Sinn sozialer Schutz- und Teilhaberechte geradezu umgekehrt. Es entsteht, wie Loic Wacquant in »Bestrafen der Armen« zeigt, eine umfassende »Regierung sozialer Unsicherheit«. Dienten soziale Rechte in einer klassisch sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Logik der Stärkung sozialer Rechts- und Machtpositionen, der Stärkung der Handlungs- und Verhandlungsmacht von Arbeitnehmern, so dienen sie heute eher der Erzwingung von Gehorsam und Arbeitsdisziplin, also der Schwächung jeweiliger Handlungs- und Verhandlungspositionen. Mit der Schwächung der Position der Arbeiterinnen und Arbeiter gegenüber derjenigen der Arbeitgeber wird die Demokratie insgesamt geschwächt. Im Rahmen der kruden neoliberalen Philosophie der »Schaffung von Arbeitsplätzen« werden irgendwann die Interessen der Unternehmen mit denen der Gesellschaft insgesamt identifiziert – was es plausibel macht, die Mitwirkungsmöglichkeiten der abhängig Beschäftigten immer mehr einzuschränken und ihre Interessen mit denen ihrer Brotherren insgesamt zu identifizieren. 

Warum hat es gegen diese Reformen in Deutschland keinen flächendeckenden Aufstand gegeben? Welche Rolle spielten hierbei Medien und Gewerkschaften? 

Ich denke, ein wesentlicher Grund für die geringen Widerstände liegt darin, dass es nicht nur Margaret Thatcher und Ronald Reagan, sondern auch sozialdemokratische Regierungen waren, welche diese Reformen durchgeführt haben. Deswegen haben die Gewerkschaften nicht so stark gegen diese klar antisozialen Reformen mobilisiert. Mit den Medien ist es vermutlich ähnlich: Die Kritik an einer rechten Reform fällt milder beziehungsweise fällt ganz aus, wenn diese Reform von nominell linken Regierungen kommt. 

Denn dann sieht es so aus, als handelte es sich um »alternativlose« Reformen.  

Der Neoliberalismus bevorzugt finanzpolitisch radikal Einkommen aus Vermögen vor Einkommen aus der Arbeit. Gleichzeitig hält er sozialpolitisch am Fetisch der Vollbeschäftigung fest. Ist das nicht ein wenig schizophren? 

Natürlich, aber das ist eben die Eigenart der heutigen neoliberalen Ideologie: Sie ist ein Hybrid aus verschiedenen, scheinbar gegensätzlichen Elementen. Es ist aber insofern kohärent, Vermögenseinkommen nicht höher zu besteuern, als man im Rahmen der kruden Philosophie der Beschäftigung sich eben von den heute wachsenden Vermögen in der Zukunft arbeitsplatzschaffende Investitionen erwartet. Das ist aber natürlich Wunschdenken. Der Fetisch der Vollbeschäftigung hält weiterhin die Gesellschaft ideologisch zusammen – eben auch dann, wenn mit den einzelnen Arbeiten weder ausreichendes Einkommen erzielt, noch reale volkswirtschaftliche Wertschöpfung betrieben wird. Insofern ist das aktuelle Regime ganz wesentlich eines der Simulation von Arbeit und Wertschöpfung – eine kohärente Ideologie der Beschäftigung. 

Für wie wichtig halten Sie denn die Arbeit als Quelle kapitalistischer Wertschöpfung? 

Natürlich ist sie deren wesentliche Quelle, aber wie schon Marx sagte: Ab einem bestimmten Niveau der Produktivkraftentfaltung hört die Arbeitszeit auf, das Maß, das Hauptkriterium des Reichtums zu sein. Ab diesem Moment wird die eigentliche politische Frage die der sozialpolitischen, arbeitsrechtlichen, tarifpolitischen und kulturellen Zivilisierung von Arbeit: die radikale Begrenzung und sozial gerechte Umverteilung von Arbeitsmengen, Arbeitsarten und Arbeitseinkommen. Solange dieser Versuch nicht gelingt, ist die Verwilderung der Arbeitsverhältnisse und eine neue Ideologie der Beschäftigung die logische Folge. 

Inwiefern spielt bei Ihrem Konzept das Geschlechterverhältnis eine Rolle? 

Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung von Produktion und Reproduktion ist gleichsam das Grundprinzip der sozialen Ordnung der Arbeitsgesellschaft. Wirklich »normale« Subjekte sind in dieser Gesellschaftsordnung eigentlich nur Männer, genauer: Wesen, die ihr Dasein primär durch Erwerbsarbeit definieren und die prinzipiell von der Verantwortung für unbezahlte Reproduktionsaufgaben in Haushalt und Familie freigestellt sind. Die Hegemonie der Erwerbsarbeit ist identisch mit einer androzentrischen Ordnung. Der Strukturwiderspruch der Gegenwart liegt nun darin, dass auch alle Frauen im Prinzip nunmehr ebenfalls als »normale« Bürger und als Arbeiter angesprochen werden – dass aber eben weiterhin die soziale Ordnung auf der spezifisch weiblichen Disposition zur Übernahme von unbezahlter Sorge-, Erziehungs- und Hausarbeit beruht. Das neue Gesetz der scheinbar geschlechtergerechten Arbeitsgesellschaft lautet: Frauen sind nunmehr eigentlich keine Frauen mehr, keine Wesen mit einer eigenen anerkannten sozialen Identität; sie sind jetzt vielmehr alle gleichsam »behinderte« Männer. 

Behindert, weil sie als gebärfähige Wesen nicht voll kapitalistisch verwendbar sind? 

Es geht nicht nur um die Gebärfähigkeit, sondern um die Disposition zur Übernahme sozialer Reproduktionsarbeiten insgesamt. Ohne diese Disposition würde die soziale Ordnung insgesamt gar nicht funktionieren; sie bildet den ungeschriebenen Geschlechtervertrag der Gesellschaft. Anders gesagt, der heutige Imperativ gesteigerter weiblicher Erwerbstätigkeit, das heißt der Befreiung von der Verantwortung für Reproduktionsarbeit, ist in Wirklichkeit unmöglich zu erfüllen – wenn nicht die herrschende Grundnorm, nämlich die entsprechende vollständige und unbegrenzte Disponibilität der Männer für Erwerbsarbeit, also ihre prinzipielle Nicht-Verfügbarkeit für dem Bereich der Reproduktionsarbeit aufgehoben wird. Deswegen ist der Kampf um die gesellschaftlichen Normalarbeitszeiten von so großer Bedeutung. 

Können Sie sich vorstellen, dass das bedingungslose Grundeinkommen ein Schlüssel für eine große emanzipatorische Bewegung in der Zukunft sein wird? 

Ich denke, dass es durchaus ein progressives Element im Rahmen einer neuen Arbeitspolitik sein könnte: die Einführung allgemeiner, stigmafreier sozialer Rechte als Bedingung für die Übernahme freiwillig verrichteter, sinnvoller sozialer Tätigkeiten im Bereich von Familien, Freundschaftsverbänden, Vereinen und anderen Organisationen. Für noch bedeutender halte ich aber die Strategie einer radikalen Verkürzung der durchschnittlichen Arbeitszeit: den gesellschaftlichen Kampf von Gewerkschaften, linken Parteien und progressiven Intellektuellen für einen wirklichen Bruch mit der Ideologie der Vollbeschäftigung im Sinne einer Doktrin der Vollzeitbeschäftigung in Erwerbsarbeit. Es geht hier ganz prinzipiell um die Durchsetzung einer neuen sozialen Grundnorm. Das betrifft auch und gerade die Arbeitsverhältnisse der betreffenden Eliten selbst: die prekären und die angestellten Arbeiterinnen im Apparat der Medien und der Parteien, der Gewerkschaften und der Universitäten. 

Insofern denke ich, dass auch und gerade die diskutierenden Eliten selbst wieder lernen sollten, Forderungen im eigenen Namen zu erheben. Wir sollten alle wieder lernen, für die Freiheit, für ein besseres Leben für alle zu kämpfen. Die Verkürzung des Arbeitstags ist, wie schon Marx wusste, die erste Bedingung dafür. 

 

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Herrschaft der Kulturvölker  

Clara Zetkin über die Diskussion zu Kolonialpolitik sowie Ein- und Auswanderung auf dem Kongress der Sozialistischen Internationale Stuttgart 1907 

Adré Scheer In: junge Welt online vom 06.02.2016 

Wochenendbeilage 

 

Die fünf Gegenstände, auf die sich der Stuttgarter Kongress in seinen Verhandlungen beschränkt hat, waren: die Kolonialpolitik, der Militarismus, das Verhältnis von Partei und Gewerkschaften, die Ein- und Auswanderung und das Frauenwahlrecht. In allen diesen Fragen kam ein Gegensatz der prinzipiellen und der opportunistischen Auffassung zum Ausdruck, und der Meinungskampf in den einzelnen Kommissionen sowie im Plenum des Kongresses war ein treues Spiegelbild des Widerstreits der verschiedenen Tendenzen, der das Innere der modernen Arbeiterbewegung in allen Ländern aufwühlt, zur Selbstkritik und zur Vertiefung der sozialistischen Auffassung führt. 

In der Frage der Kolonialpolitik standen sich entgegen: Die strikte prinzipielle Ablehnung jeder Kolonialpolitik, da diese mit geschichtlicher Notwendigkeit auf einen kapitalistischen Länderraub und ein Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnis hinauslaufen müsse, und eine gemäßigte Auffassung, die die heutigen Kolonialgreuel lediglich als unangenehme Auswüchse bekämpfen, die Kolonialpolitik im Prinzip jedoch nicht ablehnen wollte. Dieser Auffassung nach würde die sozialistische Zukunftsgesellschaft angeblich ja auch Kolonialpolitik treiben, um zurückgebliebene Länder und Völker der Kultur und ihre Produktivkräfte der wirtschaftlichen Verwertung zu erschließen. Auf den ersten Blick mochte der Streit als einer um des Kaisers Bart erscheinen, da es in der Tat eine etwas zu weitgehende politische Voraussicht wäre, sich heute um die auswärtige Politik der sozialistischen Gesellschaft den Kopf zu zerbrechen. Am wenigsten dürfte eine solche »Zukunftsmusik« gerade denjenigen schwere Sorge machen, die die sozialistische Umwälzung überhaupt nur als ein vages Nebelbild in unendlicher Ferne zu betrachten pflegen. Allein unter dieser befremdenden Sorge um Zukunftsprobleme stak in Wirklichkeit sehr reelle Gegenwartspolitik, nämlich die rein bürgerliche Auffassung von sogenannten Kulturvölkern, die zum Herrschen bestimmt, und von »wilden« Völkern, die als geschichtlicher Kulturdünger für jene geschaffen worden seien, eine Auffassung, die der sozialistischen Anerkennung aller Kulturformen und -stadien der gesellschaftlichen Entwicklung als historisch gleichberechtigter schnurstracks zuwiderläuft. 

Hat doch der naivste Vertreter dieser Auffassung, der holländische Genosse (Henri) van Kol, offen ausgesprochen, wir müssten in die wilden Länder auch in Zukunft nicht bloß mit Maschinen und dergleichen Kulturwerkzeugen, sondern mit Waffen in der Hand gehen. Der Kongress hat denn auch, entgegen dem Beschluss seiner Kommission, diese Auffassung rundweg abgelehnt und kraftvoll noch einmal und hoffentlich ein für allemal ausgesprochen: Es gibt keine Kolonialpolitik außer kapitalistischer, und der Sozialismus bekämpft sie mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln und ohne alle einschränkenden und verwirrenden Klauseln. (Der Kongress hatte eine Kommission zur Vorbereitung einer Resolution über die Kolonialfrage eingesetzt, die in ihrer Mehrheit aus rechten Sozialdemokraten bestand. 

Diese legte dem Kongress einen Resolutionsentwurf vor, in dem von einer in Zukunft möglichen »zivilisatorisch wirkenden sozialistischen Kolonialpolitik« gesprochen wurde. Der Kongress lehnte mit knapper Mehrheit den Entwurf der Kommissionsmehrheit ab und nahm die Formulierung der Kommissionsminderheit an; jW) 

Ein nahe verwandtes Problem hatte die Frage der Ein- und Auswanderung aufgerollt. Auch hier erstand der unbedingten Klassensolidarität der Proletarier aller Länder und Rassen eine Gegnerin in der kurzsichtigen Politik, die Lohninteressen organisierter Arbeiter in den Einwanderungsländern, wie Amerika und Australien, durch Einwanderungsverbote gegen rückständige, angeblich »nicht organisationsfähige« Proletarier aus China und Japan schützen wollte. Es sprach aus dieser letzteren Tendenz derselbe Geist der Ausschließung und des Egoismus, der die alten englischen Trade Unions als eine Arbeiteraristokratie in Gegensatz zu der großen Masse der vom Kapitalismus am brutalsten ausgebeuteten und herabgedrückten Klassengenossen gebracht hatte. Der Kongress hat hier, im Sinne und Geiste der deutschen Gewerkschaften und ihrer Praxis entsprechend, die Solidarität der Klasse als eines großen Weltbundes des Proletariats aller Rassen und Nationen hochgehalten, wie er in der Kolonialfrage den großen Weltbund der gleichen und verbrüderten Menschheit aller Kulturstufen und Weltteile zum Triumph geführt hat. 

 

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Schwarzer Kanal: Einig Panikland  

Arnold Schölzel 

Adré Scheer In: junge Welt online vom 06.02.2016 

Wochenendbeilage 

 

Unter den professoralen Büttenrednern der Bundesrepublik sticht Peter Sloterdijk, Philosophieprofessor in Karlsruhe, hervor. Er gab der Zeitschrift Cicero, einem Spielzeug des Schweizer Milliardärs und Verlegers Michael Ringier ohne Leserschaft, ein Interview, in dem er das Lied »Deutschland, einig Panikland« mit der Inbrunst Frauke Petrys oder des Zeugungs- und Vermehrungskundlers Björn Höcke anstimmte. Bei Sloterdijk, konstatiert Ulf Poschardt am 30. Januar in der Welt, erklängen »Variationen, um nicht zu sagen Gassenhauer, aus dem neopopulistischen Konservativendiskurs«. Poschardts »Schnellzusammenfassung« des Sloterdijk-Interviews lautet: »›Die deutsche Regierung hat sich in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung preisgegeben ... , diese Abdankung geht Tag und Nacht weiter.‹ Die Politik der offenen Grenzen könne final nicht gutgehen. 

›Merkel wird zurückrudern.‹ Semantische Tricks würden die notwendige Kehrtwende bemänteln. ›Wir haben das Lob der Grenze nicht gelernt.‹ In Deutschland glaube man immer noch, ›eine Grenze sei nur dazu da, um sie zu überschreiten‹. Innerhalb Europas schere Deutschland damit aus. 

›Die Europäer werden früher oder später eine effiziente gemeinsame Grenzpolitik entwickeln. Auf die Dauer setzt der territoriale Imperativ sich durch. Es gibt schließlich keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung.‹ Dem Nationalstaat prophezeit Sloterdijk ›ein langes Leben‹.« 

So etwas lässt sich endlos fortsetzen und in dicke Bücher packen, die in heutigen Buchhandlungen unter »Philosophie« eingestellt werden. So weit, so schlecht. Poschardt sieht allerdings in Sloterdijks neustem Sound mehr als Rumtata, vielmehr eine Art geistig-politisches Erdbeben. Der »liberale Block« zerfalle, warnt er, und zwar »in einen nationalliberalen Kader und jene, die es mit der Freiheit auch im Territorialen ernst meinen«. Nun ist auch die Erklärung von AfD-Sprech zum Brüller der Saison Teil des Aufmerksamkeitsgeschäfts, aber Poschardt stellt immerhin die Frage, warum der »Freigeist« Sloterdijk, der sich mit dem Philosophiedozenten Marc Jongen an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung einen AfD-Guru und Höcke-Sympathisanten als Zögling hält, den »territorialen Imperativ« alter konservativ-faschistischer Schule herausholt. Poschardt antwortet: »Weil einige Libertäre wohl heimlich zuerst Nationalisten, Populisten oder Chauvinisten sind und beim Libertären weniger die Freiheit des anderen zur Flucht im Blick haben als die eigene Steuererklärung – was ja okay ist.« Wer so redet, kennt die geistige Grundausstattung der bundesdeutschen »liberalen« Intellektuellen genau, es ist seine eigene. 

Poschardt wirft Sloterdijk lediglich vor, er habe auf Merkels »Wir schaffen das« nur ein Nö, dabei wäre interessant, was er als »Kritiker unseres Entmündigungsstaates und seiner Paternalisierungsfolter« zu sagen gehabt hätte. Es wäre eine List gewesen, »die humanitäre Geste der Aufnahme der Flüchtlinge mit der angestrebten Dekonstruktion der etatistischen Rundumversorgung zu verrechnen«. 

Das Erdbeben war mal wieder keins. Das Scharmützel in der Welt basiert auf dem Konsens der Rundumversorgten, die ihre soziale Frage gelöst haben und deren Liberalität sich in dem Spruch »Eure Armut kotzt mich an« zusammenfassen lässt. Sloterdijk hat lediglich versäumt, einen lustigen Vorschlag zur noch schnelleren Verarmung der Habenichtse zu machen. In ihr aber besteht Freiheit in Poschardts und Sloterdijks Verständnis, Zerstörung von Gleichheit und Gerechtigkeit ist für sie Synonym für Liberalität, Vollendung des sozialen Rassismus durch Klassenkampf von oben. Wenn Sloterdijk dem den Aufruf zum Kampf gegen »Überrollung« hinzufügt, besagt das: Die Bekämpfung von Migranten hat die Fortsetzung von Armutsherstellung per Gesetz mit anderen Mitteln zu sein. 

 

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Zwangsgemeinschaft  

Kalte Behördenschulter: Noch immer müssen Flüchtlinge in Berlin Nacht für Nacht vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales ausharren  

Claudia Wrobel 

Adré Scheer In: junge Welt online vom 06.02.2016 

Wochenendbeilage 

 

Die Schlangen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin werden einfach nicht kürzer. Noch immer stehen ab den frühen Morgenstunden mehrere hundert Flüchtlinge vor dem Gebäude – bei Regen, Schneeschauer, klirrender Kälte. Das Lageso ist der Dreh- und Angelpunkt für Asylsuchende in der Hauptstadt. Sie müssen hierher kommen, um sich registrieren zu lassen, Krankenscheine zu beantragen, Geldleistungen zu empfangen. Und das Lageso ist weit über die Grenzen der Hauptstadt hinaus das Synonym für Staatsversagen. Etliche Flüchtlinge mussten in den vergangenen Woche Klage beim Sozialgericht Berlin einreichen, da sie kein Geld erhalten haben. Dabei soll es laut Aussage der Senatsverwaltung nicht mal daran liegen, dass kein Geld da ist, sondern daran dass die Strukturen schlicht mit der Abfertigung überlastet sind. Die Versorgung der wartenden Geflüchteten ist nur gewährleistet, weil Dutzende engagierte Helfer vor Ort sind, die das Nötigste ranschaffen: Lebensmittel, medizinische Minimalversorgung, Kleiderspenden – und hin und wieder mal ein nettes Wort, wenn Asylsuchende im Bürokratiedschungel verzweifeln. 

Das ist besonders für Yasin und Amir wichtig, die in dieser Nacht Ende Januar schon seit mehreren Tagen versuchen, in das Innere der Behörde vorzudringen. Yasin kommt aus Syrien. Seit fünf Tagen wartet er vor dem Lageso, stellt sich mitten in der Nacht an. Tagsüber schläft er in einer überfüllten Turnhalle – oder versucht es zumindest. »Es ist laut. Es stinkt. Irgendwer redet immer, oder hustet, oder weint.« Seine Familie musste er in seinem Heimatland zurücklassen, hofft nun, Mutter und Schwester nachholen zu können. »Wenn ich eine Wohnung habe«, so Yasin. 

Er glaubt nicht, dass seine Mutter es aushalten würde, mit 200 anderen Personen in einem Raum zu schlafen. 

Doch die Bundesregierung macht Yasin einen Strich durch die Rechnung. Die beständigen Asylrechtsverschärfungen von CDU/CSU und SPD führen dazu, dass der Familiennachzug erschwert wurde und nun faktisch unmöglich ist. 

Waren es im vergangenen Jahr zu drei Vierteln junge Männer, die den gefährlichen und teuren Weg nach Europa auf sich genommen haben – meist in der Hoffnung die Familie auf legalem, sicheren Weg nachholen zu können – sind es mittlerweile überwiegend Frauen und Kinder, die die Grenze von Griechenland nach Mazedonien überqueren. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) meldete am Dienstag in Genf, dass ihr Anteil bei knapp 60 Prozent liege. 

Amir hat seine Familie bei sich. Das macht es für den jungen Afghanen einfacher und schwerer zugleich, sagt er. Nacht für Nacht stellt er sich alleine vor dem Lageso an, damit seine Frau und seine Kinder nicht frieren müssen, während er versucht, die Mühlen der Bürokratie ans laufen zu bringen. Und Nacht für Nacht sorgt er sich um sie. »So eine Turnhalle, gemeinsam mit Hunderten anderer Menschen, das ist kein Ort, an dem sich Frauen und Kinder aufhalten sollten«, so Amir. Aber die Wiese vor der Registrierungsstelle ist ebenfalls kein solcher Ort. Amir und Yasin betonen immer wieder, wie dankbar sie den Helfern vor Ort sind. »Ohne sie würde das hier noch mehr im Chaos versinken«, ist Yasin sich sicher. Er zeigt auf einen Verband am Unterarm. »Ich habe mich verbrannt, aber für uns ist es schwierig, zum Arzt zu gehen.« Asylsuchende haben nur einen »eingeschränkten Leistungsanspruch«, was bedeutet, dass sie nur bei akuten Erkrankungen zum Arzt gehen können. Doch auch dafür benötigen sie einen sogenannten Behandlungsschein. Den gibt es im Lageso. Zwar soll das System umgestellt werden, aber unter anderem Yasin versteht nicht genau, an wen er sich nun wenden muss. Daher war er dankbar, als die freiwilligen Ärzte ihm im Zelt auf der Wiese geholfen haben. 

»Ich weiß nicht, wo ich hin soll. Und ich weiß nicht, wer mir hier wohlgesonnen ist und wer nicht«, fasst Yanis seine Verzweiflung zusammen. 

Als er ankam dachte er, die Sicherheitsleute vor dem Lageso seien da, um ihnen zu helfen. Doch mittlerweile weiß er, dass auch sie nur dazu da sind, das Chaos unter Kontrolle zu halten. »Sie sind aggressiv. Sie behandeln uns nicht wie Menschen. Für die sind wir die Störenfriede«, ergänzt Amir. Er vergleicht die Hamburger Gitter, die die Warteschlange zumindest in geordneten Bahnen halten soll, mit Viehgittern. »Wir sind überall eingesperrt: Hier stehen wir hinter Zäunen. In den Unterkünften passen Sicherheitsleute auf. Wir können nichts selbst entscheiden.« 

Eine Situation, die langfristig krank macht, wie Jenny Baron, Psychologin bei der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer e. V. (BafF) erklärt. »Die Menschen kommen mit spezifischen Erfahrungen, zu denen auch Gefängnis und Folter gehören können«, beschreibt sie im Gespräch mit jW. Nun sehen sie sich in Deutschland wieder mit einer belastenden Situation konfrontiert. Das erschwere eine Gesundung zusätzlich. »Es ist schwer für die Menschen, dann ein Gefühl dafür zu entwickeln, nun zumindest in körperlicher Sicherheit zu sein.« Das mache sich bemerkbar, indem sie zum Beispiel konstant angespannt seien. »Wenn man so etwas erlebt hat und hier ankommt, möchte man zuerst einmal die Decke über den Kopf ziehen, seine Ruhe haben.« 

Ruhe haben Yasin und Amir schon lange nicht mehr gehabt. Wenn sie nicht gerade in der Schlange vor dem Lageso stehen, sind sie in Massenunterkünften. Beide haben Husten und Schnupfen – können sich nicht auskurieren. Den meisten Menschen in der Schlange geht es ähnlich. 

Für Baron kein Wunder: »Wir können statistisch belegen, dass Stress auch auf die Infektanfälligkeit und das ganze Abwehrsystem wirkt. Das kennen wir auch von uns.« Für sie ist nicht nur die Unterbringung in Turnhallen, in denen die Menschen kaum durchschlafen können, weil es beständig laut und voll ist, und wo niemand sich dieser Zwangsgemeinschaft entziehen kann, ein Problem, sondern vor allem die ungewissen Zukunftsaussichten. 

»Asylsuchende führen über einen langen Zeitraum ein Leben im Warteraum, ohne Gewissheit und Planungssicherheit.« Auch hierfür gebe es Belege, dass Menschen, sobald sie einen anerkannten Asylstatus haben, deutlich schneller gesunden, als wenn sie eine befristete Duldung nach der nächsten bekommen. 

Und das Warten hat sich für Flüchtlinge in Deutschland noch verschlimmert. Schon seit mehreren Jahren dauern Asylverfahren zum Teil einige Monate. In Berlin müssen die Menschen sogar eine lange Zeit unter schlimmsten Bedingungen warten, um sich überhaupt registrieren zu lassen, das heißt, das eigentliche Verfahren einleiten zu können. Und auch die Bearbeitungsdauer hat zugenommen. Beschäftigte des Lageso berichteten im vergangenen Jahr anonym über die chaotischen Zustände im Inneren der Behörde. So gebe es demnach eigens die Tätigkeitsbeschriebung des Suchers, da Tausende Akten unsortiert in Kisten aufbewahrt werden müssten. 

Ihre Aufgabe soll sein, benötigte Papiere wiederzufinden. Außerdem bemängelten sie, dass täglich mehrere hundert Termine vergeben worden seien, obwohl bekannt sei, dass nicht alle bearbeitet werden könnten. 

So sind Yasin und Amir momentan auch unsicher, welchen Stand ihr Asylverfahren gerade hat. »Wir können nur hoffen und beten, dass alles gut wird«, so Amir. Er hält sich daran fest, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versprochen habe, dass Flüchtlinge hier in Sicherheit seien. 

Die Debatten über die laufende Asylrechtsverschärfung kann er kaum verfolgen. So ist ihm auch nicht klar, welche Auswirkungen es haben wird, wenn Afghanistan als »sicheres Herkunftsland« eingestuft wird. »Was soll das überhaupt bedeuten? Warum fragt uns keiner? Ich kann ihnen erzählen, warum es in Afghanistan nicht sicher ist. Warum fährt da keiner hin, um vor Ort zu schauen, unter welchen Bedingungen wir leben müssen?« 

Auch andere Diskussionen über die Flüchtlingsfrage in der Bundesrepublik gehen an ihnen vorbei. »Wir verstehen die Sprache nicht. Und außer mit Freiwilligen, die uns helfen wollen und sehr nett sind, haben wir keinen Kontakt zu Deutschen, wie auch?« berichtet Yasin. Die Straftaten der Silvesternacht in Köln, Hamburg und anderen Städten haben sie zwar mitbekommen, da auch englischsprachige Medien darüber berichtet hatten, aber sie können sich nicht erklären, warum die Schuld Flüchtlingen in die Schuhe geschoben werden soll. »Wir wären doch schön blöd, wenn wir hier Straftaten begehen und Frauen belästigen. Ich glaube nicht, dass uns ein Land Asyl gewährt, wenn wir uns derart benehmen«, so Yasin. Und Amir ergänzt: »Natürlich ist es manchmal befremdlich für mich, wenn ich sehe, wie wenig manche Frauen im Sommer anhaben. Aber deshalb darf ich sie doch nicht anfassen.« 

Die beiden reden sich richtig in Rage. Sie wollen, dass man versteht, dass für sie ganz andere Dinge Priorität haben als deutsche Kleidungsgewohnheiten oder die Rolle der Frau in der Gesellschaft. »Ich möchte eine Wohnung, möchte, dass meine Familie in Sicherheit ist, möchte eine Ausbildung beginnen, möchte gesund werden«, zählt Yasin auf. Und wenn er das alles erreicht habe, wolle er sich auch Gedanken darüber machen, eine Frau zu finden, wenn er ihr etwas bieten könne. Oder wenn er endlich wieder zu Hause sei. »Glauben die Leute denn, ich lebe gern in einer überfüllten Turnhalle und mache den ganzen Tag nichts anderes als die Wand anzustarren?« Er wolle zurück nach Hause, aber nur, wenn es dort für ihn und seine Familie sicher sei. 

Über den Unterstützer, der vor rund zwei Wochen behauptet hat, dass vor dem Lageso ein Mensch wegen der Zustände entkräftet und krank gestorben sei, wollen die beiden nicht sprechen. Die Aussage des Unterstützers hatte sich als Lüge herausgestellt. Er begründete sein Vorgehen mit der ständigen Überlastung der Helferstrukturen und übermäßigem Alkoholkonsum. Man kann nur darüber spekulieren, ob er die Menschen wachrütteln wollte. »Nur so viel: Alle konnten sich damals gut vorstellen, dass ein Mensch hier sterben könnte. Alle haben ihn ernst genommen«, so Amir. Seine Frau habe ein Plakat gemalt, wie traurig sie über den Tod sei, dass er am Lageso angebracht habe. »Das sagt doch alles darüber, wie es uns hier ergeht.« Aber auf die Helfer lassen sie nichts kommen. »Natürlich war es nicht gut, was der Mann gemacht hat, aber so viele Menschen bemühen sich hier um uns – ohne Geld oder etwas anderes dafür zu verlangen. Das ist toll«, so Yasin. 

Außerhalb dieser sicheren Orte, haben sie oft Angst, wenn sie sich alleine auf der Straße bewegen. Sie haben gehört, dass Pegida in Dresden und anderen Städten demonstriert. Haben gehört von Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte. Und sie erleben, dass Menschen, vor allem Frauen, die Straßenseite wechseln, wenn sie ihnen begegnen. Yasin würde so gerne mal spazierengehen, seine neue Heimat kennenlernen, zum Beispiel den Berliner Grunewald oder die Nordseeküste – von beidem hat er Fotos gesehen. Aber sich alleine auf den Weg machen, geht nicht. Er steckt fest in dieser Zwangsgemeinschaft, die Nacht für Nacht vor dem Lageso darauf wartet, dass endlich über ihre Zukunft entschieden wird. 

 

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Dieter Lang wird Ausländer  

Annette Riemer 

Adré Scheer In: junge Welt online vom 06.02.2016 

Wochenendbeilage 

 

Das war an diesem Tag, an dem das Flüchtlingsheim in Merseburg-West aufmachte. Da fing alles an. Plötzlich gab es Ausländer in Merseburg, und selbst die Kettenraucher, die an der Kliaplatte seit Jahren und sogar zu Ostzeiten schon bei den Vietnamesen ihre Stangen kauften, waren sich einig, dass es so was bisher noch nie gegeben hatte: Leute von irgendwoher hier in Merseburg. 

In Quernitz, dem kleinen eingemeindeten Dorf jenseits der Saale, wurden die Zeitungsberichte über das neue Flüchtlingsheim sehr aufmerksam verfolgt: Wie der Oberbürgermeister mit dem Bauausschuss vom Stadtrat zur Eröffnung kam, wie die Johanniter die Versorgung der ersten Ankömmlinge übernahmen, wie die Syrer von ihrem langen Weg nach Merseburg erzählten. 

Mehr noch aber interessierte die Leute in Quernitz das, was nicht in der Zeitung stand, was sie sich selbst erzählten. Denn jeder hier auf dem Land kannte die große Plattenbausiedlung auf der anderen Seite der Stadt. »Die Gagarin-Schule wollten sie damals nicht renovieren, die haben sie einfach dichtgemacht. Da hieß es nur, es wären zu wenige Schüler, und die paar könnten auch in die Stadt reinfahren. Aber jetzt, wo die Flüchtlinge da sind, da haben die von der Stadt plötzlich das Geld für den Umbau«, sagen sie, wenn sie so untereinander reden. Und: »Gerade in West, wo nur noch die alten Arbeiterwitwen wohnen. Die sind doch Freiwild!« 

Dann steht in der Zeitung, dass einer dieser Arbeiterwitwen ihr Portemonnaie abhanden gekommen ist und dass sich dieser Vorfall in der Nähe des Flüchtlingsheims ereignet haben muss, denn kurz zuvor, im Ärztehaus, da hatte die Dame ja ihre Geldbörse noch. In der Zeitung wird diese Meldung erst als Bericht geführt, dann taucht die Angelegenheit im Polizeireport auf, weil Anzeige erstattet wurde, gegen Unbekannt. In der Zeitung steht auch, dass sich wenige Tage später eine Bürgerwehr gegründet hat. Man trifft sich jeden Dienstag und bei außerplanmäßigem Bedarf im Café Rühmann. Aber das macht schon halb sechs zu, und weil die meisten erst später können, zieht man bald die Straße runter in das Chinarestaurant Lotus um. 

Aus der Zeitung werden die Quernitzer nicht schlau, weil sich die Redakteure anscheinend nicht einig sind, ob es sich bei den Mitgliedern der Bürgerwehr nun um engagierte Bürger, um Wutbürger, Protestwähler oder Neonazis handelt. In den Kommentarspalten und Berichten tauchen all diese Begrifflichkeiten in schneller Folge und manchmal sogar im selben Text auf und machen die Quernitzer nervös. Denn diese ganzen fremden Begrifflichkeiten klingen in den Ohren der friedlichen Dörfler allesamt vor allem nach Nachbarschaftsstreit, und so etwas will man nicht. Deshalb sind die Quernitzer gegen die Bürgerwehr und auch, so ist man sich im Gasthaus einig, gegen die Ausländer, weil durch sie erst die Bürgerwehr nötig geworden war. 

Dass sich zwischenzeitlich das Portemonnaie der älteren Dame wieder angefunden hatte – nämlich im Ärztehaus, wo sie es beim Tratsch mit der Apothekerin einfach auf dem Tresen hatte liegen lassen – können die Quernitzer nicht wissen, denn die Apothekerin fand bei der Zeitung kein Gehör, und die Dame selbst war zu stolz, um sich öffentlich zu revidieren. »Wenn ich es nicht vergessen hätte«, rechtfertigte sie sich vor ihrem Stubenkater, »dann hätten diese Leute mir mein Portemonnaie aber ganz bestimmt abgenommen. Gerade an diesem Tag, wo es doch so neblig war. Ja, wie gut, dass ich es in der Apotheke liegen lassen habe! Sonst hätte ich es heute ganz bestimmt nicht mehr.« 

Im Gasthaus von Quernitz sitzen die Männer allabendlich und sonntags auch zum Frühschoppen und schauen sehr missmutig über ihre Biergläser. Jedem von ihnen ist in den letzten Tagen und Wochen irgendwo in Merseburg ein Ausländer über den Weg gelaufen. Denn die Asylanten sind nicht im Flüchtlingsheim in West geblieben. Da erzählt Gerhards Holger, dass er mit seiner Frau doch viel früher beim Fleischer raus gewesen wäre, wenn nicht noch zwei von diesen Syrern vor ihm in der Schlange gestanden hätten. Wolffs Konrad sagt, dass ihm da doch so einer kürzlich ganz rotzfrech vor der Motorhaube über den Zebrastreifen gegangen ist – ohne zu gucken, ob er auch bremst. Und Kleinschmidts Erich meint, dass von denen, die er auf dem Markt gesehen hatte, einige so schwarz gewesen wären, dass die ganz bestimmt nicht aus Syrien gewesen sein könnten. 

»Das sind eh alles nur verkleidete Zigeuner«, unkt der alte Zweig, und der dicke Achim setzt noch einen drauf, als er sagt, vielleicht wären unter den Flüchtlingen auch Terroristen. »Ich sag’ euch, und eh wir uns versehen, ist der Dom in die Luft gesprengt.« 

»Oder noch schlimmer«, meint Gerhards Holger, »und die wollen hier eine Moschee bauen.« 

»Und einen muslimischen Kindergarten.« 

»Und eine Scharia-Schule.« 

»Und dann müssen wir alle konvertieren.« 

Plötzlich herrscht eine beklemmende Stille im Gasthaus. Die Männer wissen nicht so richtig, ob sie das Gesagte für einen Scherz halten und lachen sollen oder da wirklich etwas Wahres dran ist. 

»Na ja«, erklärt der alte Zweig und rappelt sich auf, um zum Klo zu kommen, »solange hier im Ort keine Ausländer sind, kann’s uns ja egal sein.« 

Und während der Alte mit seiner kaputten Hüfte raus auf den Hof zu den Latrinen hinkt, sitzen die anderen schon etwas zufriedener beisammen. Denn jeder weiß, dass die Kleinschmidts schon immer unten am Anger gewohnt haben, gleich neben dem dicken Achim. Und Gerhards Holger, der drei Häuser weiter wohnt, hat eine Krüger geheiratet, die wiederum mit Wolffs Konrad verwandt ist, der am Fußballplatz seinen Hof hat. Wolffs Konrad hat die Werkstatt von seinem Vater übernommen und auch die Kühe, die er noch hat, und die ganzen Äcker bis runter zur Saale – na, die haben schon immer dem alten Zweig gehört. So kennt jeder jeden, nichts ist fremd, und seit jeher ist alles so wie heute. Und das beruhigt ungemein und gibt Hoffnung, dass es auch in Zukunft so bleibt. Und so zischen die Männer gemütlich ihr Bier und loben insgeheim den alten Zweig, der mal wieder recht hatte mit dem, was er gesagt hat. 

»Aber der Lang«, sagt der dicke Achim plötzlich, »der ist ja genau genommen nicht von hier.« 

Mit einem Schlag knickt die Stimmung wieder ein, denn das wissen sie alle: Der Dieter Lang kommt von außerhalb, der hat nach Quernitz geheiratet. Bei den Hoffmanns rein, was der Alte glücklicherweise nicht mehr erleben musste, und seine Frau, die ja schon ganz schusslig im Oberstübchen war, nicht mehr verhindern konnte. Gut fünfundzwanzig Jahre ist das jetzt her, aber weil er eben trotzdem nicht in Quernitz geboren wurde, kann der Lang nicht zu den Pfingstburschen und nicht in den Heimatverein und halt auch nicht zu der Männerrunde im Gasthaus. Er bleibt ein Zugezogener. 

»Woher kommt der eigentlich ursprünglich?« fragt einer, aber niemand weiß es mehr. Wieder so ein beklemmendes Schweigen. Den Männern behagt es nicht, über einen aus dem Dorf nicht alles zu wissen. 

»Ganz schön nobel von dir, dass du den in deiner Werkstatt arbeiten lässt«, sagt Kleinschmidts Erich zu Wolffs Konrad, der rührselig nickt. 

»Der macht aber auch eine gute Arbeit«, sagt er und die anderen stimmen ihm zu. Vom Auto der Frau bis zum Traktor hatte Dieter Lang schon so ziemlich alle Fahrzeuge im Dorf in seinen Händen, und immer konnte man zufrieden mit ihm sein. 

»Die sind ja auch geschickt so in praktischen Sachen, diese Ausländer«, sagt Gerhard Holger, und nach einem kurzen Zögern lachen die Männer. 

»Was ist denn hier los?« will der alte Zweig wissen, als er wieder in den Saal kommt. Da lachen die Männer noch ausgelassener. »Wir heben einen auf unserem Ausländer, den Dieter Lang!« 

Dann kam der Tag, an dem in der Zeitung stand, dass demnächst wohl noch mehr Flüchtlinge nach Merseburg kommen würden. Das Erstaufnahmelager in Halberstadt und auch das umfunktionierte Hotel in Halle würden nicht mehr ausreichen, um die vorgesehene Anzahl von Asylanten aufzunehmen. Der Stadtrat suchte, hieß es, im ganzen Saalekreis, aber zur zentralen Unterbringung besonders in der Kreisstadt Merseburg selbst, nach geeigneten Unterkünften. 

In Quernitz sorgte diese Meldung für große Unruhe, denn die Leute im Ort dachten sofort an die leerstehende Grundschule und sahen schon die ersten Bautrupps anrücken, die das alte Gebäude zum nächsten Flüchtlingsheim in der Stadt umrüsten würden. Sie ärgerten sich, dass sie sich zu Merseburg und nicht zu Leuna, wo es noch keine Ausländer gab, eingemeinden lassen hatten. Sie ließen durch den Ortsbürgermeister eine Petition im Stadtrat verlesen. Der Heimatverein hielt demonstrativ eine Mahnwache vor dem Schulhof ab und ließ an beiden Ortseingangsschildern Plakate anbringen mit der Aufschrift »Quernitz den Quernitzern!« 

Im Gasthaus redeten die Männer auf Wolffs Konrad ein. Grundsätzlich hätten sie natürlich nichts gegen Ausländer, sagten sie, aber dass ausgerechnet er, Wolffs Konrad, den sie doch alle als unbescholtenes Mitglied der Gemeinde, dessen Vater schon zu seiner Zeit jeden Trabbi wieder hochgekriegt hatte, oft für lau – dass ausgerechnet er damit anfangen musste, die Ausländer hier durchzufüttern. Denn ihnen war klar, dass sich Dieter Lang nur deshalb in Quernitz halten konnte, weil er hier in Lohn und Brot stand. Dieter Lang, der einem armen Quernitzer die Frau weggeschnappt hatte – eine von hier – und dann auch noch kackfrech einen Arbeitsplatz besetzte, den jemand aus dem Dorf ganz sicher noch besser bekleidet hätte. Die Männer zählten Wolffs Konrad auf, wie viele Söhne und Töchter aus dem Dorf nicht mehr in Quernitz wohnten, sondern wegen der Arbeit weggezogen waren. Einen davon hätte Wolffs Konrad doch in seiner Werkstatt halten können. Statt dessen hatte er auf Dieter Lang gesetzt, von dem eigentlich keiner wusste, woher er kam. 

Wolffs Konrad setzte sich anfangs zur Wehr. Er sagte, dass Dieter Lang ganz sicher aus Merseburg oder höchstens Frankleben käme. Aber da meinten sie, dass er überhaupt nicht wie jemand aus Merseburg oder Frankleben aussähe, mit seinem schwarzen Haar. Und eigentlich wäre er doch ziemlich dunkel für einen aus Mitteldeutschland. Er sähe viel eher wie ein Zigeuner aus, sagte jemand. Und ein anderer meinte, dass er sich bestimmt vom Namen her angepasst hätte und eigentlich Dieter Langos hieße. Ja, waren sich alle einig, Dieter Lang war eigentlich ein ungarischer Zigeuner, so einer von der Sorte, die jetzt mit den Syrern und Irakern nach Deutschland kämen. 

Und so einen duldete Wolffs Konrad im Dorf, warfen sie ihm vor. 

Wolffs Konrad hielt schweigend dagegen. Aber die Aufträge brachen mit einem Mal weg. Selbst ihre Traktoren fuhren die Leute aus dem Dorf plötzlich bis nach Merseburg zur Inspektion. Wolffs Konrad seine Frau lag ihrem Alten in den Ohren: Dass das doch so nicht weitergehen könnte. Dass sich das ganze Dorf schon das Maul über sie zerfetzte. Dass er doch nicht das Glück seiner Familie aufs Spiel setzen würde für einen Flüchtling. 

Und er sollte gefälligst mal an die Kinder denken. 

Und so knickte Wolffs Konrad schließlich ein und erklärte dem Dieter Lang, dass er ihn entlassen müsste wegen der eingebrochenen Auftragslage. 

Die Männer im Gasthaus klopften ihm auf die Schulter und meinten, er habe das Richtige gemacht. Einer spendierte ihm ein Bier. 

Dieter Lang ist jetzt arbeitslos. Er hat jetzt Sorgen, wie er den Kredit für den Hausumbau abzahlen soll. Die monatlichen Raten drücken. Im Dorf heißt es, er sei ein Sozialschmarotzer. Jemand hat die Reifen von seinem Wagen zerstochen. Jemand hat »Kanake« an sein Hoftor gesprüht. Jemand hat die Blumenkästen demoliert. 

Dieter Lang wollte Anzeige erstatten, aber seine Frau hat ihn zurückgehalten. Ob er nicht schon genug Ärger gemacht hätte, hat sie ihn gefragt. Seitdem weiß er, dass seine Ehe den Bach runtergeht. Flittchen, Zigeunerbraut, Orientschlampe – das zwitschern die Frauen im Dorf, wenn Dieter Langs Frau durch die Straße geht, das kichern die Kinder auf dem Spielplatz, das knurren die Männer im Gasthaus, wenn Dieter Lang mit seiner Frau einmal schick essen gehen will. 

Dieter Lang packt Kleinschmidts Erich am Schlafittchen und knallt ihm eine auf sein Schandmaul, aber da hat er schon Gerhards Holger und den dicken Achim am Hals, und nachdem er ordentlich Keile eingesteckt hat, schmeißt ihn der Kneiper raus. Zwei Tage später steht in der Zeitung, dass ein Ausländer in einem Merseburger Restaurant eine Schlägerei angefangen hat und das schwerverletzte Opfer Anzeige wegen Körperverletzung erstattet hat. 

Dieter Langs Frau kann sich nicht dazu entschließen, Quernitz zu verlassen, so sehr ihr Dieter Lang auch zuredet. Sie ist hier geboren und aufgewachsen, hat hier die Schule besucht und kennt alles und alle. Und auch wenn die Leute gerade hundsgemein zu ihr sind, bleiben es doch ihre Nachbarn. »Und so ganz unschuldig bist du ja auch nicht an der ganzen Sache«, sagt sie, »weil zugeschlagen hast du ja wirklich als Erster. 

Hättest dich ja nicht provozieren lassen sollen.« 

Dieter Lang versucht es als Pendler, aber in Merseburg will ihn keiner in einer Werkstatt einstellen, denn längst hat sich in der Branche rumgesprochen, dass er kein guter Mechaniker, sondern der Schläger von Quernitz ist. Der ungarische Zigeuner mit dem falschen Namen, dessen Papiere womöglich nicht mal in Ordnung sind. Irgendwann heißt es, dass er jahrelang illegal im Dorf gelebt hat, dass er sich die Ehefrau und das Vertrauen von Wolffs Konrad und vom ganzen Ort nur erschlichen hat. Typisch diese Muselmänner, heißt es, die feilschen und haben es mit der Wahrheit nicht so. Und dann holen sie ihre Familie nach, heißt es, denn so viel steht inzwischen fest: Irgendwo auf dem Balkan hat Dieter Lang noch eine andere, seine richtige Familie. 

Dieter Langs Frau reicht die Scheidung ein wegen unüberbrückbarer Hindernisse. Einmal nach der Kirche sagt der dicke Achim zu ihr, dass durch eine Ehe mit ihm ja eigentlich alles vergessen sein könnte. 

Dieter Lang ist längst nach Merseburg umgezogen und kommt dort schließlich bei der Straßenreinigung unter. Gerhards Holger hat ihn eines Morgens in der Magistrale beim Entleeren der Papierkörbe gesehen und es im Dorf erzählt. Da könne er noch froh sein, heißt es in Quernitz, dass er als Ungelernter und dazu noch als stadtbekannter Krimineller eine Chance bekäme. 

Das zweite Flüchtlingsheim wurde nicht in Quernitz eingerichtet, die ehemalige Dorfschule sei viel zu klein dafür, hieß es nach einem Ortsbesuch der Verantwortlichen. In der Zeitung steht, dass ein Objekt in Beuna nun in die engere Wahl fiele. In Quernitz sorgt das für Erleichterung. 

»Endlich kehrt wieder Ruhe ein im Dorf«, sagt der alte Zweig auf der Verlobungsfeier vom dicken Achim und sinniert: »Wie viele Jahre wir hier Zoff hatten mit diesen verdammten Ausländern!« 

 

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Pol & Pott. Störfilets mit Pilzen in Madeira  

Ina Bösecke 

Adré Scheer In: junge Welt online vom 06.02.2016 

Wochenendbeilage 

 

In »Moonrise Kingdom« (USA 2012) von Wes Anderson flüchten zwei zwölfjährige Kinder in eine abgelegene Meeresbucht und verbringen dort einen Tag und eine Nacht. Mehr schaffen Sam Shakusky (Jared Gilman) und Suzy Bishop (Kara Hayward) leider nicht, denn schon am nächsten Morgen steht die ganze Bagage vor der Zelttür und beendet das Abenteuer (erst einmal). Die ganze Bagage besteht aus dem Anführer der Pfadfindertruppe Scout Master Ward (Edward Norton), der Pfadfindertruppe, in der Sam Mitglied war (er hat vor der Flucht ordnungsgemäß per Abschiedsbrief gekündigt), Suzys verdrehten Eltern (gespielt von Bill Murray und Frances McDormand) und dem Inselpolizisten Captain Sharp (Bruce Willis). Letzterer ist eigentlich auf der Seite von Sam, weil er kurz vor der Suche erfahren hat, dass der Junge ein Vollwaise ist, dessen Pflegeeltern sich dazu entschlossen haben, ihn nach dem Pfadfindercamp nicht mehr bei sich zu Hause aufzunehmen. 

Seit jeher sind die Filme von Wes Anderson von Melancholie und Traurigkeit geprägt. Die besondere Leistung des Regisseurs ist es, dass er aus diesen Gefühlen verrückte Episoden entwickelt, in denen ebenso gestörte wie liebenswerte Figuren Dinge erleben, die traurig, absurd und komisch sind. 

So schafft es Anderson, die ganz großen Themen (Liebe, Freundschaft, verkorkste Familien, empathielose Eltern) anzugehen, ohne die Zuschauer zu erschöpfen. Im Gegenteil. Ein Wes-Anderson-Film ist immer auch allergrößte Unterhaltung. Dafür sorgen schon Musik, Hintergrund und Ausstattung der Filme, die immer bis ins kleinste Detail sorgsam gestaltet sind. In »Moonrise Kingdom« gibt es ein Happy-End, mit dem die traurigen Kinder (und die Zuschauer) leben können. Es hat mit Bruce Willis zu tun, der ausnahmsweise einmal eine wunderbar sympathische Rolle einnehmen durfte. Gegessen wird auf der Flucht ein selbstgeangelter Fisch, der einfach in der Pfanne brutzelt (Pfadfinder-Gaskocher). Wir nehmen ein paar Zutaten mehr für dieses reichhaltige Rezept aus Ami-Land: Gedünstete Störfilets mit Pilzen in Madeira-Creme-Sauce: 

Vier Störfilets à 200 g waschen und trockentupfen. Eine Stange Lauch putzen, waschen und in dünne Ringe schneiden. Ein Viertelliter Weißwein, 400 Milliliter Fischfond, drei Zweige Thymian, drei Zweige Petersilie und den Lauch in einen Topf geben und aufkochen. Fischfilets einlegen und bei kleiner Hitze fünf Minuten zugedeckt garen. Den Backofen auf 100 Grad vorheizen. Die Fischfilets herausheben und auf Küchenpapier abtropfen lassen. Dann auf einer Platte im Backofen warm halten. Die Garflüssigkeit durch ein Sieb in einen anderen Topf abgießen. 350 g Pilze (Pfifferlinge, Shiitake, Austernpilze) mit Küchenpapier abreiben, Stiele entfernen und kleinwürfeln. Die Pilze in den Topf geben und aufkochen. 60 Milliliter Madeira, 200 g Crème double und 200 g Crème fraîche zufügen und auf die Hälfte einkochen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Ein kleines Bund Sauerampfer waschen, trockenschleudern und in feine Streifen schneiden. In die Sauce geben und fünf Minuten bei kleiner Hitze darin dünsten. Den Fisch auf vorgewärmte Teller verteilen, mit der Pilzsauce anrichten. 

 

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